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Anadar VI/I

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 7. Mai
  • 58 Min. Lesezeit

Prolog

Es war wärmer geworden.

Nicht plötzlich, nicht in einer einzigen unheilvollen Nacht, sondern über Jahre hinweg, so langsam, dass man den Wandel zuerst nur in kleinen Unannehmlichkeiten spürte und ihn deshalb allzu leicht für Einbildung hätte halten können. Die Luft in den unteren Hallen war schwerer geworden. Wasser, das früher kalt von den Wänden rann, kam an manchen Stellen nur noch lauwarm aus dem Gestein. Alte Schächte, die man seit Generationen als sicher betrachtet hatte, begannen zu dampfen. Metall, das tief unten gewonnen wurde, ließ sich in manchen Kammern kaum noch lagern, ohne rasch stumpf anzulaufen. Und mit der Wärme kamen die Sichtungen.

Zuerst nur vereinzelt.

Ein verkohlter Gang, in dem die Wände plötzlich glasig geschmolzen waren. Ein Trupp Wächter, der schwor, in einer Felsspalte für einen Herzschlag ein rot glühendes Auge gesehen zu haben. Spuren von Klauen im Basalt. Der schweflige, trockene Geruch von etwas, das nicht dort hätte sein dürfen.

Dann wurden die Berichte häufiger.

Lavadrachen wurden wieder in den tieferen Regionen gesehen. Große, hungrige Wesen, deren Schuppen wie erstarrte Kruste wirkten und in deren Rissen ein glimmendes Rot pulsierte, als hätten sie Feuer in ihren Knochen. Sie waren nicht besonders vernunftbegabt, das war ihr Glück. Sie folgten den Strömen, der Hitze, den Adern geschmolzenen Steins, sie fraßen sich dorthin, wo die Welt warm und offen war, und wenn man ihnen mit genügend Geschick auswich oder sie in eine andere Richtung lockte, zogen sie oft weiter.

Die Teufel waren schlimmer.

Zarard wusste das gut genug, denn er hatte beide gesehen. Er war Prinz der Dunkelelfen, Bruder des Königs Neida und älter als dessen Kinder. Nicht nächster in der Thronfolge, und dafür dankbar. Neida trug die Krone, Neida trug auch Dwiads unerschütterlichen Blick an seiner Seite, und Neida hatte die Aufgabe, die Zukunft zu halten. Zarard dagegen durfte tun, was er besser konnte. Beobachten. Bewerten. Kämpfen, wenn es nötig war. Fliehen, wenn Flucht die klügere Form des Überlebens war. Ein Prinz, der nicht erben musste, konnte ehrlicher sein als ein König.

Er wusste, wann ein Kampf lohnte.

Er wusste, wann Verstecken Aussicht auf Erfolg bot.

Und er wusste, wann man um sein Leben rennen musste.

Die Lavadrachen waren Gefahr.

Die Teufel waren Absicht.

Sie waren klüger als die Drachen, grausamer und weit neugieriger. Ihre Schwänze peitschten hinter ihnen, Hörner wuchsen ihnen aus den Schädeln wie aus einer alten Bosheit heraus, und ihre Füße endeten in harten, gespaltenen Hufen, die auf Stein nicht stolperten, sondern hämmerten. Manche waren schlank und schnell, andere gedrungen und von einer Hässlichkeit, die fast beleidigend wirkte, doch alle hatten jene boshafte Wachheit gemeinsam, die Zarard sofort an Feinde erinnerte, die nicht bloß Hunger hatten, sondern Freude daran fanden, Furcht zu verbreiten.

Und es blieb nicht bei ihnen.

Immer wieder wurden aus den unteren Zonen Berichte über andere Kreaturen gebracht. Wesen, die früher nur in Geschichten alter Wächter oder in den unerquicklich genauen Notizen uralter Kundschafter vorkamen. Glutmenschen. Lavamenschen. Gestalten, halb aus Stein, halb aus geschmolzener Masse, langsam, unaufhaltsam, unerquicklich schwer zu töten. Seit Jahrtausenden nicht mehr gesehen, und nun tauchten sie wieder auf.

Die unteren Hallen mussten schließlich aufgegeben werden.

Nicht alle auf einmal. Nicht in einer großen, feierlichen Entscheidung, sondern Abschnitt für Abschnitt, Gang für Gang, Ebene um Ebene. Erst schloss man nur die tiefsten Bergungsschächte, jene Zonen, in denen Erze, seltene Metalle und schwarze Kristalle gewonnen wurden. Dann folgten die Lager. Schließlich ganze Nebenhallen und Verbindungsgänge. Diese Bereiche waren ohnehin nie zum Wohnen oder zur Nahrungsgewinnung gedacht gewesen. Aber sie waren wertvoll gewesen, und ihr Verlust schmerzte. Noch schlimmer war die Erkenntnis, dass die Kreaturen nicht einfach unten bleiben würden.

Sie drückten nach oben.

Langsam, aber beständig.

Die Dunkelelfen hatten sich vor sehr langer Zeit in den Untergrund zurückgezogen und dort ihre Städte errichtet, nicht wie die Menschen in geraden Straßen und auf offenen Plätzen, sondern in einem Geflecht aus Gängen, Hallen, Nischen, Brücken, Schächten und hohen Gewölben, die auch an den Decken bewohnt werden konnten. Ihre Bauweise war eine andere, wie alles an ihnen anders war. Dunkelelfen konnten kopfüber an Steinflächen hängen, als sei Schwerkraft nur eine höfliche Empfehlung. Ihre Füße waren beinahe Hände, ihre Zehen griffen, ihre Schwänze hielten Gleichgewicht, stützten Drehungen, halfen beim Springen und Festhalten. Wo ein Mensch einen Abgrund sah, sah ein Dunkelelf nur eine andere Richtung.

So lebten sie.

Jahrtausendelang.

Nicht allein, sondern neben anderen.

Die Zwerge hatten ihre Hallen ebenfalls tief im Gestein, gewaltiger, breiter, kantiger, voller Pfeiler, Metallschienen, Förderbahnen, Werkstätten und jener stoischen Baukunst, die eher auf Dauer als auf Schönheit zielte, auch wenn aus ihr oft beides wurde. Sie trieben Bergbau, gruben nach Erz, Edelsteinen und Metallen, und nahe den oberen Schichten pflegten sie Gärten, unter Lampen, Moosdecken und an warmen Spalten. Dort zogen sie Wurzelgemüse, Zwiebeln, dunkle Kohlarten und jene harten, erdigen Knollen, die nur Zwerge mit wirklichem Genuss essen konnten. Die Dunkelelfen dagegen bevorzugten Pilze, Wurzeln, Flechten und alles, was in feuchter Finsternis wuchs. Fleisch mochten beide.

Daneben gab es noch andere Wesen im Untergrund.

Manche intelligent, manche nur mit sehr viel Wohlwollen so zu nennen. Manche einzelgängerisch, manche in kleinen Rudeln oder Familienverbänden, viele unerquicklich schwer einzuschätzen. Doch wirkliche Nationen, Städte und größere politische Ordnungen hatten dort unten im Grunde nur zwei Völker geschaffen. Die Zwerge und die Dunkelelfen.

Die Teufel gehörten nicht dazu.

Sie waren keine Nation. Sie waren Hunger mit Hörnern. Die Weibchen zogen ihre kleinen Teufelchen auf, aber danach zerfiel alles wieder in Einzelne, in lose Paarungen, in flüchtige Banden aus Gewalt und Gier. Man konnte mit ihnen keinen Frieden schließen. Nur Abstand halten oder sie töten.

Weiter entfernt, tiefer oder seitlicher in Regionen, die kaum noch jemand regelmäßig bereiste, lebten auch Gnome, Orks und Goblins in eigenen Verbünden. Man wusste das. Es gab Geschichten, alte Handelszeichen, seltene Botenwege, aber kaum verlässliche Verbindungen. Der Untergrund war kein Land mit festen Grenzen. Wege veränderten sich. Erdbeben, Lavaströme, Einbrüche, neue Klüfte, alte Stollen, die versanken, andere, die sich plötzlich wieder öffneten. Ein Pfad, der in einem Jahrhundert sicher war, konnte im nächsten bereits tot sein.

Natürlich hätte man über die Oberfläche gehen können.

Aber genau das tat man nicht.

Oder genauer, man tat es nicht offen, nicht oft und nie ohne Todesmut oder Todeswunsch. Seit den ältesten Überlieferungen war es verboten, nach oben zu gehen. Zu groß war die Angst, entdeckt zu werden. Zu groß die Furcht, die Menschheit könne erneut auf sie aufmerksam werden, könnte sie jagen, könnte ihre Städte finden und ihr ganzes Volk in Gefahr bringen. So etwas riskierte niemand. Das Verbot war streng, fast heilig, und auf seinen Bruch stand der Tod.

Also richtete man sich sein Leben im Untergrund ein.

Bis die Welt sich wieder veränderte.

Die Magie wurde stärker.

Nicht auf eine Weise, die jeder sofort benennen konnte, aber deutlich genug, dass es niemandem verborgen blieb, der in den Künsten, in den alten Wahrnehmungen oder einfach in der Körperlichkeit dieser Welt geschult war. Zauber griffen leichter. Alte Wege reagierten wieder. Schriften, die lange stumm geblieben waren, antworteten. Und nicht nur die Völker des Untergrunds spürten es. Auch die Wesen der Tiefe wurden mächtiger. Die Teufel wurden frecher. Die Lavadrachen größer und schneller. Und die Sichtungen von Lavamenschen häuften sich.

Das war der Punkt, an dem man zu reden begann.

Nicht nur innerhalb der eigenen Städte. Auch mit den Zwergen.

Lange hatte zwischen ihren beiden Völkern eine Art Waffenruhe geherrscht, nie wirklicher Friede, nie wirklicher Krieg. Zu alt waren manche Kränkungen, zu unterschiedlich die Arten zu denken, zu stolz beide Völker, als dass daraus je etwas Warmes hätte werden können. Aber beide waren klug genug, nicht unnötig Blut zu vergießen. Und in den letzten Jahrhunderten war unter König Tokr, dem Herrscher der mächtigsten Zwergensippe, aus der Waffenruhe langsam mehr geworden als bloß ausbleibende Gewalt.

Tokr war alt, weise und unerquicklich wenig daran interessiert, Ressourcen in sinnlosen Krieg zu investieren, wenn sie stattdessen in Mauern, Schmieden und Handel fließen konnten. Er erkannte Synergien, noch ehe andere das Wort dafür fanden. Unter ihm wurden Sprachen gelernt. Boten vorsichtiger. Vereinbarungen klarer. Es entstand kein Freundschaftsbund, nein, so weit gingen weder Zwerge noch Dunkelelfen in ihrem Vertrauen. Aber es entstand etwas, das belastbar genug war, um in einer Krise mehr zu sein als bloß höfliche Distanz.

Also sprach man.

Über die Teufel. Über die Drachen. Über die Lavamenschen. Über verschlossene Ebenen und verlorene Metalle. Über die unteren Hallen, die nicht mehr zu halten waren. Über die Frage, wie lange noch, bis der Druck von unten alles andere erreichte.

Und dann sah man wieder nach oben.

Vorsichtig.

Zuerst nur zögernd. Kundschafter, die gerade weit genug gingen, um Licht zu sehen und wieder zurückzukehren. Dann weiter. Noch etwas weiter. Man begriff, dass der Norden der Menschen dünn besiedelt war. Wirklich dünn. Es war zu kalt, zu weit, zu voller Schnee und leeren Flächen. Man sah keine dichten Heere. Keine ständigen Grenzwachen. Keine Magier, die wie in alten Märchen an jeder Lichtung Wache standen. Keine Dämonen, die jeden jagten, der den Kopf aus einer Höhle streckte.

Im Gegenteil.

Über Jahrzehnte testeten sie die Oberfläche. Immer wieder. Mit größerem Mut. Größerer Reichweite. Die Zwerge waren besonders gut darin. Sie konnten sich zusammenrollen und wirkten aus einiger Entfernung wie ein Stein. Regungslos, grau, unscheinbar. Auch die Dunkelelfen verstanden sich auf Tarnung. Im Dunkeln waren sie kaum zu finden, und im Hellen wussten sie mit Schatten, Felsen, Erde und Bewegung so umzugehen, dass man an ihnen vorbeisehen konnte.

Nur der Himmel war ein Problem.

Und die Sonne.

Nicht als Gefahr im eigentlichen Sinn. Eher als Zumutung. Als Übermaß. Als etwas, an das Augen, Haut und Geist sich erst wieder erinnern mussten. Also gewöhnte man sich langsam daran. Ganz langsam. Mit Tüchern. Mit kurzen Gängen. Mit halben Tagen. Mit Geduld.

Und während sie das taten, sammelten sie Informationen.

Sie merkten, dass die Menschheit im Norden nur schwach präsent war. Dass die alten Schrecken aus den Erzählungen, die Jagden, die Dämonen, die großen Vernichtungszüge, all das verschwunden war. Vielleicht nicht aus der Welt, aber aus diesem Teil der Welt. Und plötzlich zeigte sich ihnen eine Wahrheit, die ebenso einfach wie furchtbar war.

Sie hatten Jahrhunderte im Untergrund verbracht, in Angst vor einem Feind, der dort oben längst nicht mehr wachte.

Diese Erkenntnis allein hätte vielleicht noch nicht gereicht.

Aber von unten drückten die anderen.

Immer wieder kam es zu Zwischenfällen. Immer öfter drangen Teufel in Randhallen ein. Immer öfter mussten ganze Trupps ausgeschickt werden, um Lavakreaturen zurückzudrängen. Mauern wurden verstärkt. Wachen verdoppelt. Waffen verbessert. Zauber häufiger gesprochen. Das Leben wurde enger. Der Weg nach oben dagegen wurde lohnender.

So begannen König Tokr und König Neida zu sprechen.

Lange.

Nicht in einer einzigen Sitzung. Nicht mit wenigen Worten. Sondern über Jahre hinweg, in Schritten, in Prüfungen, in vorsichtigen, immer wieder abgesicherten Überlegungen. Zarard saß bei vielen dieser Gespräche dabei. Nicht als Herrscher, aber als jemand, der gebraucht wurde, weil er weder blind vor Hoffnung noch lähmend vor Angst war. Er wusste, wann eine Gelegenheit wirklich eine war. Und wann sie nur nach einer aussah.

Sie kamen überein, einen Plan zu entwerfen.

Nicht, um sofort offen an die Oberfläche zurückzukehren. Nicht töricht. Nicht mit Trommeln und Bannern. Sondern vorbereitet. Langsam. Durchdacht. Sie wollten Raum schaffen, ohne entdeckt zu werden. Sie wollten herausfinden, ob sich der Norden leeren ließ, ohne dass sofort Heere, Magier oder Königreiche nachrückten. Sie wollten ihre Völker an Licht und Wetter gewöhnen. Wege sichern. Grenzen prüfen. Reaktionen testen.

Und schließlich verstanden sie, eine Aversion zu entwickeln.

Etwas, das Menschen vertrieb, ohne sie zu töten. Ein Drängen im Geist, ein Unvermögen zu bleiben, ein Wegmüssen, so tief, dass selbst Willen und Gewohnheit dagegen klein wurden. Die Aversion wurde ihre unsichtbare Vorhut. Mit ihr konnten sie Land leeren, ohne entdeckt zu werden. Mit ihr konnten sie sich vorbereiten.

Die Grenzen wurden sorgfältig bewacht. Die Übergänge kontrolliert. Patrouillen gingen enger. Boten wurden geprüft. Kundschafter berichteten. Man vertraute der Aversion.

Und während der Norden sich leerte, während aus Dörfern Flucht wurde und aus Flucht Stille, wuchs unter der Erde die Gewissheit, dass ihre Zeit im Verborgenen enden musste.

Nicht aus Sehnsucht.

Aus Notwendigkeit.

Zarard wusste das.

Doch dann geschah etwas, das nicht in den Plan passte.

Zuerst waren es nur zwei Reiter.

Sie drangen aus dem Süden in jene Gebiete ein, die man durch Aversion längst von menschlicher Präsenz gereinigt glaubte. Als die ersten Beobachter Meldung machten, glaubte man zunächst an einen Fehler. Vielleicht war die Grenze an einer Stelle schwächer geworden. Vielleicht hatte die Aversion dort nicht sauber gegriffen. Vielleicht handelte es sich um zwei Narren, die in Unkenntnis ihres eigenen Schicksals einfach weitergeritten waren, bis ihnen der Wille, umzukehren, mit jedem Schritt hätte stärker werden müssen.

Doch es geschah nicht.

Die beiden ritten weiter.

Unbehelligt von dem Drängen, das andere Menschen mit wachsender Panik nach Süden trieb, mit jener unsichtbaren Hand im Geist, die Heimweh, Unruhe und Abscheu in einer solchen Stärke entzündete, dass ganze Dörfer ihre Häuser zurückließen und flohen, ohne sich später noch erklären zu können, weshalb sie gegangen waren.

Zarard ließ sie von diesem Augenblick an beobachten.

Mit Augen. Mit Ohren. Mit jedem stillen Kundschafter, jedem versteckten Späher, jeder schmalen Öffnung im Stein, jedem Schatten auf Schnee und Fels. Dunkelelfen waren geduldig, wenn Geduld nötig war, und die Jahre der Vorbereitung hatten sie gelehrt, dass der erste Blick fast nie genügte. Man musste sehen, wie jemand ritt, wie jemand schlief, wie jemand sich umsah, wann jemand innehielt, welche Worte er im Halbschlaf murmelte und welchen Gegenstand er zuerst ergriff, wenn Gefahr drohte.

Und so beobachtete man.

Tage lang.

Dann Wochen.

Und man wurde fündig.

Die beiden trugen magische Gegenstände bei sich. Nicht bloß kleine Schutzzeichen oder die üblichen armseligen Talismane, mit denen Menschen sich gegen schlechtes Wetter, Krankheiten oder eingebildete Geister schützen wollten, sondern Artefakte von spürbarer Kunstfertigkeit. Dinge, die Aura trugen. Dinge, die gemacht worden waren, nicht bloß gesammelt oder geerbt. Dinge, die auf ihre Träger reagierten und vielleicht ebenso auf jene, die sie geschaffen hatten.

Das machte die Lage gefährlich.

Nicht, weil die beiden selbst Magier gewesen wären. Gerade das waren sie nicht. Zarards kundigste Beobachter waren sich darin nach einiger Zeit sicher. Sie wirkten keine Kunst aus sich selbst. Sie trugen keine eigene magische Präsenz, wie sie Magier mit jeder Bewegung ausstrahlten. Aber sie benutzten Gegenstände, die von großer Macht zeugten, und das bedeutete, dass irgendwo in der Welt Menschen lebten, die wieder so arbeiteten, so banden, so schufen.

Man diskutierte lange, was zu tun sei.

Einige wollten die Sache rasch beenden. Zwei Reiter, sagten sie, könne man töten, im Schnee verschwinden lassen, mitsamt ihren Gegenständen begraben oder verbrennen, ehe mehr Fragen daraus würden. Zarard war nicht blind für diese Möglichkeit. Ein sauberer Tod war oft die einfachste Lösung.

Und beinahe wäre es dazu gekommen.

Der Bär war kein Zufall gewesen.

Man hatte ihn rasend gemacht, ihn dorthin gelenkt, wo die beiden sich bewegten, ihn aufgestachelt, bis Hunger, Schmerz und Wut ihn fast blind werden ließen. Er hätte sie wohl getötet. Beide. Wäre da nicht die Hexe gewesen.

Diese wiederum war ihnen nicht unbekannt gewesen. Man hatte sie schon länger beobachtet und konnte sie notfalls eliminieren, wie Tokr es trocken formuliert hatte. Eine alte, freie Macht aus dem Norden, keine Magierin einer Schule, keine Herrscherin eines Volkes eher eine Verstoßene eine Einsiedlerin, nicht gefährlich genug, um zu handeln aber auch nicht unbedeutend genug um übersehen zu werden. Sie wusste wenig, jedenfalls nicht das, was man aus den beiden Reitern herausfinden wollte. Doch ihr Eingreifen verdarb den Versuch.

Also beobachtete man weiter.

Man hörte sie ab. Man wartete. Man prüfte jede Gelegenheit neu. Und als die drei sich schließlich wieder in Bewegung setzten, griff man zu.

Sie wurden gefangen genommen.

Nicht grob. Nicht sinnlos grausam. Zumindest nicht im ersten Zugriff. Man wollte Wissen, und Wissen wird durch blinde Wut selten besser. Also begann man subtil. Man drang in ihre Geister ein, vorsichtig, tastend, prüfend, und gaukelte ihnen Bilder vor.

Die beiden Fremden erwiesen sich als gewiefter, als viele erwartet hatten.

Sie dachten schnell. Sie sprachen wenig. Sie schützten einander, selbst dann, wenn sie nicht wussten, wie sehr jeder ihrer Blicke bereits beobachtet wurde. Die Hexe wiederum wusste tatsächlich nichts von Belang. Über sie hatte man sich nicht getäuscht. Sie war nicht Teil eines größeren Geflechts, sondern nur eine alte Überlebende ihrer eigenen Art.

Die beiden anderen aber waren etwas anderes.

Während die Verhöre andauerten, verstand man die mitgebrachten Gegenstände besser. Nicht vollständig, aber genug. Man erkannte, dass die Fremden keine Magier waren. Keine im eigentlichen Sinn. Sie trugen Macht, die andere für sie geschaffen hatten. Das machte sie in den Augen der Umsichtigeren wertvoller, nicht wertloser.

Denn wenn zwei Nichtmagier derartige Dinge trugen, dann standen hinter ihnen Personen, die sie kannten, ihnen vertrauten und über Fähigkeiten verfügten, die man ernst nehmen musste.

Da begriffen die Klügeren unter ihnen, welche Chance sich bot.

Man hatte nicht nur Eindringlinge vor sich.

Man hatte Botschafter.

Oder konnte sie dazu machen.

Wieder wurde gestritten. Wieder forderten manche ihren Tod. Man könne keine Menschen einfach wieder hinauslassen, sagten sie. Man könne nicht hoffen, dass sie nicht alles weitererzählten. Zarard hörte lange zu und sagte dann, dass genau dies der Sinn sei. Sie sollten erzählen. Nur nicht in der Form, die die Ängstlichen fürchteten, sondern in einer, die nützlich war.

Also behandelte man sie entsprechend.

Nicht wie Freunde. Nicht wie Gäste. Aber auch nicht mehr wie Schlachtvieh. Man instruierte sie. Zeigte ihnen gerade genug, um Ernst zu erzeugen. Gerade genug, um Furcht und Glaubwürdigkeit zu verbinden. Man stellte Handel in Aussicht, wohl wissend, dass Handel ein guter Köder war, vielleicht der beste, den man Menschen hinhielt. Handel bedeutete Vernunft. Handel bedeutete Ordnung. Handel bedeutete, dass noch nicht alles Krieg war.

Und so brachte man sie an die Grenze und ließ sie ziehen.

Nicht aus Gnade.

Aus Kalkül.

Im selben Zeitraum ereignete sich weiter östlich ein zweiter Vorfall.

Dieser war von anderer Art.

Diesmal drangen drei Magier ein.

Schon bevor man sie sah, spürte man sie. Nicht alle gleich stark, nicht auf dieselbe Weise, aber deutlich genug, dass jeder, der im Norden Wache hielt, begriff, dass diese drei anders waren als die beiden Reiter zuvor. Sie trugen keine fremd gewirkten Gegenstände durch die Aversion. Sie trugen ihre Macht in sich. Und mit einem von ihnen kam noch etwas anderes.

Etwas Böses.

Etwas Dunkles.

Etwas Dämonisches.

Nicht offen, nicht frei, nicht in einer Gestalt, die man sofort benennen konnte. Eher wie eine faulige Hitze im Geist, wie ein verdorbener Schatten, der mitging, lauerte, mithörte und nach etwas lechzte, das selbst Zarards erfahrene Wächter nur ungern in Gedanken berührten.

Die drei zogen in jene verlassene Stadt, die einst einem alten Herrscherhaus gehört hatte und nun nur noch als Beobachtungspunkt, Warnort und steinerner Knoten in den neuen Grenzlinien diente. Was genau dort geschah, blieb selbst den aufmerksamsten Spähern in Teilen verborgen. Man wusste nur, dass sie in die Burg gingen. Dass sie einen der Türme zum Einsturz brachten und dass die dunkle Präsenz danach nicht mehr mit ihnen zog.

Stattdessen brach ein Turm in sich zusammen.

Stein stürzte. Staub quoll aus den Fenstern. Die drei Magier sprangen hinaus, lebend, verletzt vielleicht, aber lebend, und zogen wieder ab. Unter Tonnen von Schutt blieb zurück, was immer mit ihnen gekommen war.

Ein fauliger Fleck in einem Brot, dachte Zarard später. Vergraben, aber nicht verschwunden.

Danach berieten die Dunkelelfen und die Zwerge erneut.

Man sprach lange darüber, was mit jener Präsenz geschehen solle, die nun dort unter den Trümmern lag. Manche wollten nachsehen. Andere forderten, die ganze Anlage zu fluten, einzuschmelzen oder mit Stein zu verschließen. Schließlich kam man überein, dass es gut genug begraben sei und dass es besser wäre, es nicht anzurühren. Was tot oder gebannt oder gefangen unter solcher Last lag, musste nicht aus bloßer Neugier wieder ans Licht geholt werden.

Doch als Warnung verstanden es alle.

Das Böse war nicht verschwunden.

Es wanderte noch immer durch diese Welt, nicht nur tief unten in Hitze und Finsternis, sondern auch oben, unter offenem Himmel, in den Händen derer, die Magie trugen und Dinge berührten, die man besser nie wieder berührt hätte.

Und so war die Botschaft doppelt.

Die Oberfläche war offen.

Aber sie war nicht harmlos.



1

 

Keiner der neun sprach es aus, aber alle wussten, weshalb die drei Inquisitoren in Tandor eingetroffen waren.

Anadar.

Er stand noch immer am Fenster und blickte hinunter in den Hof, wo Fontal, Danndi und Klaast eben aus ihrer Kutsche gestiegen waren und sich nach der Fahrt die Beine vertraten. Nach allem, was sie in dieser Nacht gehört hatten, wirkte ihre Ankunft fast beleidigend gewöhnlich. Unten knarrten Räder, ein Pferd schnaubte, ein Diener nahm Gepäck entgegen, und doch schien mit dem Eintreffen der drei etwas Kaltes in den Morgen eingedrungen zu sein.

„Das ist nun mehr als unpassend“, sagte Isidre.

Sie hatte die Arme verschränkt, straff, fast hart, und man sah ihr an, dass nicht nur Trandas Tod und seine Vergiftung an ihr nagten, sondern auch die Größe dessen, was Gnok und Pildara ihnen in den letzten Stunden eröffnet hatten. Den sechs Jüngeren stand die Erschütterung noch deutlicher im Gesicht. Die Nacht hing ihnen allen in den Knochen, und doch wirkte Müdigkeit daneben wie etwas Kleines. Niemand hatte das Gehörte bereits wirklich verarbeitet. Nicht die zwölf Schulen. Nicht die Auslöschungen. Nicht die Dämonen. Nicht das Verbrechen der Menschheit. Und nun standen dort unten bereits die Nächsten, die Fragen stellen und Urteile formen würden, als sei die Welt noch immer überschaubar und in alte Berichte zu zwingen.

Isidre straffte sich.

„Gut“, sagte sie. „Gehen wir es an.“

Sie stand auf und ging zur Tür. Die anderen erhoben sich ebenfalls, langsamer, noch halb gebunden an die Nacht, an den Kamin, an das schwebende Bild der Welt, das eben erst erloschen war. Einer nach dem anderen verließen sie das Zimmer. Beim Hinausgehen legte Slonda Anadar kurz die Hand an den Arm und hielt ihn für einen Augenblick zurück.

„Tranda“, sagte er leise, aber laut genug, dass die Umstehenden es hörten. „Er starb keines natürlichen Todes. Er wurde vergiftet.“

Es war, als habe der Satz selbst noch einmal alle Luft im Raum verändert. Nach den Enthüllungen der Nacht hätte man meinen können, nichts könne zusätzliches Gewicht bekommen, doch dies gelang. Ein Mord in Tandor. Ein vergifteter Meister der Erdschule. Mit einem Mal wirkte alles, was folgen würde, noch weniger wie bloße Verwaltung und noch mehr wie ein Griff in ein Wespennest.

Die drei Inquisitoren verloren wenig Zeit.

Am selben Tag ihrer Ankunft ließen sie erst Shara zu sich bitten, dann Morgut und zuletzt Anadar.

Der Raum, den man für die Befragung gewählt hatte, war nüchtern genug, um Unparteilichkeit vorzutäuschen, und gediegen genug, um zu erinnern, dass hier Macht saß. Ein Tisch aus dunklem Holz. Drei Stühle auf der einen Seite, einer auf der anderen. Hohes Fenster, wenig Licht, keine unnötigen Teppiche, keine Ablenkung. Anadar trat ein, ließ den Blick ruhig durch den Raum gehen und nahm Platz, als sei dies eine unangenehme, aber vollkommen gewöhnliche Pflicht.

Die Vorstellung verlief höflich.

Natürlich verlief sie höflich.

Anadar hatte keinen Grund, offen aggressiv oder ablehnend zu reagieren. Er kannte den Bericht. Er kannte die Aussagen der anderen. Er wusste, was auf ihn zukam, jedenfalls im Großen. Er hatte sich vorbereitet. Was er nicht erwartet hatte, und doch im allerersten Augenblick bemerkte, war der feine, geübte Druck in seinem Geist.

Fontal.

Vorsichtig. Geschickt. Ohne Hast und ohne jene plumpen Berührungen, an denen man unbegabte Geistesmagier sofort erkannte. Sie kam nicht mit Gewalt. Sie schob sich hinein, prüfte seine Reaktionen, maß Aussagen gegen Empfindungen, legte Worte und innere Regung übereinander. Es war gut gemacht.

Es war nur nicht gut genug.

Anadar bemerkte sie sofort.

Er ließ sich nichts anmerken.

Die Fragen begannen allgemein. Grot. Son. Indra. Die Überfahrt. Die Begegnung auf den Inseln der Winde. Weshalb er überhaupt auf dem Weg nach Tandor gewesen sei.

„Mein Bruder war nicht anwesend an der letzten Konklave“, sagte Anadar ruhig. „Ich war auf dem Weg, ihn zu suchen. Ich machte mir ein wenig Sorgen. Er hätte sich sonst gemeldet.“

Klaast, der Erdmagier, nickte langsam.

„Wo war euer Bruder denn zu dieser Zeit.“

Das hatten sie abgesprochen.

Anadar ließ sich eine kurze, glaubwürdige Denkpause.

„Wie er mir vor ein paar Tagen sagte, war er zu den Sehern gerufen worden. Weit im Osten. Offenbar hielt er es nicht für nötig, aus jeder seiner Bewegungen ein Rundschreiben zu machen.“

Klaast sah ihn lange an.

„Warum hat Meister Slonda dies niemandem mitgeteilt.“

Anadar hob leicht die Schultern.

„Da müsst ihr ihn selbst fragen. Aber so wie ich Slonda kenne, hat er es entweder vergessen oder für weniger wichtig gehalten, als es für andere klang.“

Das war plausibel. Und Anadar wusste es auch plausibel wirken zu lassen.

„Geht es in dieser Befragung um meinen Bruder“, fragte er dann, beinahe beiläufig.

„Nein“, sagte Danndi. „Gewiss nicht.“

Dann gingen sie weiter.

Die Reise. Sharas und seine eigene Unpässlichkeit während der Überfahrt. Die ersten Eindrücke auf den Inseln. Der Turm. Die Treppe im Boden. Das Gewölbe. Die Befragung drehte sich langsam und absichtlich in Richtung jener Nacht, als sie hinabgestiegen waren.

Fontals Präsenz drang dabei ein wenig tiefer.

Anadar ließ sie. Nicht weit. Nur weit genug, dass sie glauben konnte, sie prüfe ihn erfolgreich. Er schloss nicht alles. Das wäre verdächtig gewesen. Stattdessen tat er, was er inzwischen besser konnte als früher. Er zeigte Oberflächen. Gab echte Erinnerungen preis. Hielt den Dämon, Naaarstr, die inneren Verschlingungen und all das, was er nicht teilen wollte, hinter verschlossenen Bereichen zurück, die selbst für eine geschulte Geistessuche unangenehm blieben.

Er war geschickt genug, die Wahrheit zu sagen, wo sie ihm nützte, und Lücken zu lassen, wo Lücken besser waren als Lügen.

„Beschreibt den Abstieg“, sagte Klaast.

Anadar tat es.

Er beschrieb den Gestank. Das Wasser. Die Enge. Die Hybridleiber. Die Überraschung. Die beiden Angreifer. Sinadie. Den ersten Kampf. Alles wahr. Alles oberflächlich genug, um sauber zu bleiben. Die Beteiligung des Dämons ließ er aus, als habe es sie nie gegeben.

Dann kam Danndi zu dem Punkt, zu dem sie die ganze Zeit gewollt hatte.

„Als euch die Krake angriff“, sagte sie, „was geschah dann.“

Anadar spürte, wie sich in ihm etwas spannte.

Nicht viel. Nur genug, dass Fontal es merkte.

„Sie umschlang mich“, sagte er. „Ich wurde zurückgedrängt. Sie entwaffnete mich. Kurz darauf kamen Meister Grot und die anderen und griffen das Seeungeheuer an. Dann wurde es in die Flucht geschlagen.“

Das deckte sich im Wesentlichen mit Sinadies Aussage.

„Nicht so schnell“, sagte Danndi. „Warum gabt ihr den Befehl zur Vernichtung der Hybride. Warum wieset ihr Sinadie an, dies zu tun.“

Anadar hielt einen Herzschlag inne.

„Tat ich das.“

Er ließ ein Stirnrunzeln zu. Nicht gespielt. Eher so, als versuche er wirklich, sich an einen chaotischen Augenblick zu erinnern.

„Ich bin nicht sicher. Vielleicht dachte ich, sie würden uns angreifen. Es war dunkel, es stank, wir wurden bereits angegriffen. Was immer ich sagte, ich weiß es nicht mehr im Einzelnen.“

„Es gibt Zeugenaussagen“, sagte Klaast, „die nahelegen, dass ihr mit der Krake in Verbindung standet. Dass ihr mit ihr verhandeltet.“

Anadar blickte zu Danndi, dann zu Klaast und schließlich ganz bewusst auf seinen verheilt wirkenden Arm.

„Wie geht es eurer Wunde“, fragte Danndi unerwartet.

Er hob den Arm und zeigte ihnen die längst geschlossene Stelle.

„Das also ist mein Dank“, sagte er ruhig. „Ich werde fast erwürgt und vergiftet, und nun erklärt man mich zum Partner eines Ungeheuers.“

Sein Blick kehrte zu Klaast zurück.

„Womit soll ich denn verhandelt haben. Wie verhandelt man mit einer Krake.“

Klaast erwiderte den Blick.

„Es wurde zu Protokoll gegeben, dass euer Angriff, als die Krake angegriffen wurde, nicht ihr galt, sondern der Wand hinter ihr.“

„Wirklich.“ Anadar ließ die Verwunderung klein, aber deutlich genug werden. „Nun, es war dunkel. Ich wurde angegriffen. Vermutlich vergiftet. Mein Schüler war in der Gewalt des Wesens und Sinadie lag am Boden. Alles lief schnell. Wisst ihr, wir rechneten nicht mit einem Angriff, als wir hinabstiegen. Wir rechneten nicht einmal mit einer solchen Entdeckung. Und ganz gewiss nicht damit, einem Seeungeheuer und anderen Kreaturen in einer derartigen Örtlichkeit zu begegnen.“

Er machte eine kleine Pause und lenkte das Gewicht dann elegant dorthin, wo er es haben wollte.

„Ich bin jedem Magier dankbar, der in diesem Augenblick zu Hilfe kam. Meister Grot eingeschlossen. Ohne sein Eingreifen, ohne das der anderen, wären wir dort vielleicht alle gestorben. Dafür gebührt ihm mein Dank.“

Es war eine saubere Wendung. Dankbar, kontrolliert, ohne Trotz, ohne offenen Angriff. Er wusste nicht, ob sie zufriedenstellte. Aber es war das, was sie von ihm bekommen würden.

Fontal schloss kurz die Augen.

Dann sah sie zuerst Danndi an, dann Klaast. Beide gaben ihr mit kaum merklichen Bewegungen zu verstehen, dass der Rahmen dieser Befragung fürs Erste erfüllt war. Schließlich blickte Fontal wieder Anadar direkt an und lächelte leicht.

Und in genau diesem Moment, als sie sich aus seinem Geist zurückziehen wollte, ließ Anadar sie nicht gehen.

Es war kein grobes Packen. Kein gewaltsamer Akt. Eher ein Festhalten an der inneren Berührung, ein Schließen der Tür, ehe sie ganz hinausglitt. Er hielt sie an genau jener Schwelle fest, an der ein Geist merkt, dass sein Gegenüber nicht nur bemerkt hat, was geschah, sondern jederzeit hätte eingreifen können.

Er blickte ihr in die Augen.

Nun wusste sie, dass er es wusste.

Für den Bruchteil eines Augenblicks verlor ihr Gesicht das Lächeln. Ein Erschrecken flackerte darin auf, klein, kaum sichtbar, doch für Anadar deutlich genug. Und in eben diesem Augenblick ließ er den Vorhang fallen.

Nur kurz.

Nur so weit, dass sie sah.

Er ließ alles, was er in den letzten Wochen an Eindrücken gesammelt hatte, auf einmal auf sie einstürzen. Die Schwärze des Dämonischen. Der Blutdurst. Die stinkende Tiefe unter dem Turm. Das Seeungeheuer. Die Bilder der Krake. Den Norden. Die Aversion. Die Hallen unter der Erde. Die Ahnung anderer Völker. Den eingestürzten Turm in Sontor. 12 Schulen. Die Vorzeit. Die Jagd. Stein, Schweiß, Blut, Druck, Furcht, Magie, Dunkelheit, die Nähe uralter Dinge.

Nur ein Augenblick.

Dann stieß er sie hinaus.

Damit nicht genug, folgte er dem Rückzug.

Plötzlich war nicht mehr nur sie in seinem Geist gewesen, sondern er in ihrem. Kein langes Tasten, kein Lesen, kein Rauben. Nur Präsenz. Genug, dass sie spürte, wie mühelos er die Distanz umkehren konnte. Genug, dass sie begriff, dass ihre Macht sehr viel geringer war, als sie vielleicht gehofft hatte.

Er war erbost. Gereizt. Und sich gleichzeitig vollkommen bewusst, dass das, was er tat, kindisch, leichtsinnig und gefährlich war.

Er tat es trotzdem.

Er blickte ihr in die Augen, und nun lächelte er.

Er sah das Erschrecken in ihren.

Dann zog er sich zurück.

Vollständig. Sauber. Als wäre nichts geschehen.

Er stand auf.

„Ich hoffe“, sagte er mit derselben ruhigen Höflichkeit wie zu Beginn, „ich konnte euch helfen, euren Bericht zu beenden.“

Dann verließ er den Raum.

Er drehte sich nicht mehr um. Er sah nicht wie ihr eine heimliche träne die Wange hinabrann und ihre Hände zitterten.

 

2

 

„Was fällt dir in letzter Zeit eigentlich ein.“

Mutter stand vor ihm wie ein Goldbild, das plötzlich Feuer gefangen hatte. Nicht laut im gewöhnlichen Sinn, nicht schrill, nicht außer Kontrolle. Gerade das machte ihren Zorn gefährlicher. Ihre Augen waren schmal geworden, ihre Stimme weich und schneidend zugleich, und jedes Wort traf genauer, als ein Schrei es gekonnt hätte.

„Erst lässt du einen Dämon achtlos im Nirgendwo liegen“, sagte sie und trat noch einen halben Schritt näher an Anadar heran, „und dann, dann attackierst du eine Inquisitorin in ihrem eigenen Geist.“

Anadar stand da und hörte es sich an.

Natürlich hatte Mutter seine Befragung überwacht. So wie sie im Augenblick überhaupt alles zu überwachen schien. Er dachte es nur kurz, denn er wusste, dass selbst dieser Gedanke bei ihr selten lange unbeobachtet blieb. Direkt nach dem Verhör war er nach oben gegangen, in das Zimmer, in dem Mutter und Shara bereits auf ihn warteten, und sie hatte ihn sich augenblicklich gegriffen, noch ehe er die Tür ganz hinter sich geschlossen hatte.

Nun ließ er sie reden.

Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass Gegenwehr im ersten Augenblick nur weiteres Öl in ein Feuer goss, das bereits von selbst hoch schlug. Also stand er da, die Hände ruhig, der Blick wach, und wartete, bis sich der größte Teil der Hitze aus ihr herausgesprochen hatte.

„Wehe“, sagte sie schließlich mit einem Nachdruck, der beinahe kindlich gewirkt hätte, wenn nicht eine Macht dahintergestanden hätte, die jedes Wort schwer machte.

Anadar wartete noch einen Moment. Dann sah er sie an.

„Dass ich den Dämon zurückgelassen habe, stört dich. Richtig.“

„Ja“, blaffte sie.

Es kam schnell. Zu schnell, um nicht wahr zu sein.

„Ein solches Monstrum“, fuhr sie fort, „ob es nun gefangen ist oder nicht, sollte kontrolliert sein. Vor allem, wenn es wieder mit seinem Beschwörer zusammen ist. Ganz gleich, wie sehr es in seinem Gefängnis gebunden sein mag.“

Sie schnaubte verärgert, drehte sich von ihm weg, als wolle sie ihre eigene Wut abschütteln, und kam doch sofort wieder zurück.

„Aber ich verstehe“, sagte sie schließlich widerwillig. „Ich verstehe, dass es notwendig war. Ich brauche dich bei Verstand. Hier. Anwesend.“

Das war der Kern. Er hörte ihn sofort. Nicht der Dämon allein. Nicht Fantor. Nicht die strategische Gefahr. Sondern er.

Anadar wusste, dass, wenn er ihr genug Zeit gab, sie von selbst wieder in eine Fassung zurückfinden würde, die größer war als ihr erster Zorn. Also sah er sie an und lächelte. Ganz bewusst. Nicht breit, nicht spöttisch, nur gerade genug, dass sie es bemerkte.

„Hör auf“, befahl sie augenblicklich.

„Womit.“

„Du willst mich manipulieren.“

Shara, die bisher am Fenster gelehnt und mit einem kaum verhohlenen Vergnügen zugesehen hatte, wie Anadar sich abkanzeln ließ, hob eine Braue.

Anadar antwortete mit gespielter Milde. „Als ob ich dazu in der Lage wäre.“

Mutter starrte ihn an.

„Das bist du“, sagte sie. „Und das weißt du.“

Er hob die Hand und fuhr ihr, ehe sie ausweichen konnte, mit zwei Fingern sanft über die Wange. Es war eine kleine Bewegung, fast zu leicht, um als Herausforderung zu gelten, und doch lag darin genau genug Frechheit, dass Mutter scharf einatmete.

„Mutter“, sagte er.

Shara kicherte.

Es war ein kurzes, helles Geräusch, das die Szene entwaffnete, weil es so offen zeigte, dass sie genau sah, was da geschah. Anadar wickelte Mutter um den Finger, oder versuchte es zumindest, und Mutter wusste es, und Shara amüsierte sich darüber, weil sie beide so gut kannte, dass sie nicht mehr entschied, wer von beiden nun wen tatsächlich lenkte.

Mutter warf Shara einen Blick zu, der in einem anderen Raum genügt hätte, um eine Dienerin zum Schweigen zu bringen. Bei Shara erreichte er nur, dass ihr Lächeln breiter wurde.

„Und dass du Fontal so viel gezeigt hast, so“, sagte Mutter und kam damit augenblicklich wieder auf den eigentlichen Punkt zurück, „warum hast du das gemacht. Sie war so eingelullt. Sie hatte dir alles abgenommen.“

Die Wut kehrte zurück, wenn auch feiner, konzentrierter.

Nun wurde Anadar etwas ernster.

„Ich fand es ungeheuerlich“, sagte er, „eine Respektlosigkeit, sich einfach in meine Gedanken zu stehlen und mich auszuspionieren.“

Das war wahr. Und der Ärger darüber lag auch jetzt noch frisch in ihm.

„Außerdem“, sagte er nach einer kurzen Pause, „werden wir sie noch brauchen.“

Mutter und Shara sahen ihn an.

„Sie ist klug“, fuhr er fort. „Und sie ist nicht von blindem Eifer. Nicht wirklich. Sie versteht jetzt, dass mehr da ist, als viele glauben. Das kann uns helfen.“

Er klang beinahe stolz auf seine eigene Maßnahme, und genau das ließ Mutter die Augen verengen.

„Wenn du dich da einmal nicht täuschst“, sagte sie sofort.

„Das wird mich Arbeit kosten, das wieder hinzubiegen“, fügte sie hinzu, als wolle sie klarstellen, dass sein kleiner Triumph sie keineswegs beeindruckte.

Anadar nickte, nahm die Rüge hin und wechselte dann das Thema mit einer Entschlossenheit, die Mutter so gut kannte, dass sie sofort merkte, dass er bewusst auswich.

„Sag mir lieber, was es mit der Schule der Illusion auf sich hat.“

Sie sah ihn an.

„Das hast du uns immer verschwiegen.“

„Nein“, sagte sie. „Habe ich nicht.“

Dann blickte sie von ihm zu Shara, als wolle sie beide gleichzeitig in die Antwort hineinziehen.

„Ich habe es nur nie explizit erwähnt. Im Prinzip habe ich euch beides gelehrt. Die Schule des Geistes und die der Illusion. Denn Illusion entsteht im Kopf. Zumindest das meiste. Wir trennen diese beiden Schulen längst nicht mehr sauber voneinander. Nicht in uns. Nicht in der Art, wie wir denken. Das ist tief verankert. Sicherlich gibt es Bereiche, die ich euch beiden noch nicht gezeigt habe.“

Sie richtete sich ein wenig auf.

„Wohl aber hätte zeigen sollen“, schloss sie fast trotzig.

Dann hob sie die Hand und deutete in die Luft, als müsse nun endlich Schluss sein.

„Und jetzt gebt Ruhe. Ich muss mich um die Inquisition und den Bericht kümmern.“

Damit drehte sie sich ab und wandte ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu, so abrupt und vollständig, wie nur sie es konnte. Das Gespräch war für sie beendet, auch wenn seine Folgen es natürlich nicht waren.

Später am selben Abend saßen die drei Inquisitoren über eben jenem Bericht.

Das Zimmer, das man ihnen in Tandor zur Verfügung gestellt hatte, war groß genug, um wichtig zu wirken, und nüchtern genug, um Konzentration zu erzwingen. Auf dem Tisch lagen geordnete Blätter, Tintenfässer, Abschriften früherer Aussagen, Notizen aus dem Turm, Protokolle der Befragungen, Randbemerkungen in verschiedenen Händen. Drei Kerzen brannten. Ein Fenster stand einen Spalt offen, und von draußen drang die kühle Luft des Abends herein, zusammen mit dem fernen Geräusch von Schritten in den Gängen der Schule.

Danndi saß gerade, wie immer, und formulierte bereits in jener knappen, sauberen Art, die keine unnötige Bewegung duldete. Klaast war über eine Liste von Aussagen gebeugt und verglich, strich, ordnete, trug ein, wog Formulierungen gegen einander ab. Fontal saß ihnen gegenüber, sah auf das Papier und sah es doch nicht.

Immer wieder kamen die Bilder.

Nicht als zusammenhängende Geschichte, nicht geordnet, nicht hilfreich. Eher wie Splitter. Ein dunkler Druck. Stein und Feuchtigkeit. Blutdurst. Ein zusammenbrechender Turm. Das Gefühl tiefer Hallen unter der Erde. Ein Hauch uralter Jagd. Von Dingen, die sie nicht benennen konnte, und gerade deshalb bedrängten sie sie umso mehr.

Und darin, schlimmer noch als jeder einzelne Eindruck, war die Erkenntnis der Macht.

Nicht die rohe Macht eines Mannes, der mit Feuer eine Mauer sprengt oder mit Gewalt ein Wesen niederwirft. So etwas hatte Fontal gesehen, verstanden, selbst bekämpft. Nein, was Anadar mit ihr getan hatte, war etwas anderes. Etwas viel Intimeres. Viel erschreckenderes. Er hatte nicht nur gemerkt, dass sie da war. Er hatte sie festgehalten. Hatte den Blick gedreht. Hatte ihr für einen Augenblick gezeigt, dass die Grenzen, auf die sie sich ein Leben lang verlassen hatte, für ihn keine festen Mauern waren. Es war kein grober Angriff gewesen. Gerade deshalb war er so entsetzlich wirksam.

Sie hatte so etwas noch nie erlebt.

Nicht einmal annähernd.

Und die Tatsache, dass dieser Mann es so einfach gemacht hatte, so als ob er mit einer Maus spielte, machte es noch schlimmer. Es war, als wäre in einem einzigen Augenblick etwas in ihrem Weltbild verrutscht, das sich nicht mit Disziplin wieder einrenken ließ.

„Fontal“, sagte Danndi.

Sie hob den Kopf.

„Hm.“

„Die Formulierung zu Anadar.“

Fontal nickte, obwohl sie den Satz, den Danndi eben vorgelesen hatte, kaum wirklich gehört hatte.

Klaast sah sie kurz an. Es war kein misstrauischer Blick, eher der prüfende Blick eines Mannes, der merkte, dass eine Kollegin nicht ganz bei sich war, aber noch nicht wusste, warum.

In diesem Moment war Mutter im Raum, jeder nahm sie wahr.

Nicht angekündigt. Nicht entschuldigend. Sie war einfach da, wie sie in Räume trat, als hätte man sie immer schon erwartet, auch wenn niemand sie gerufen hatte. Sie trug helles Gold und warmes Licht in den Raum, und für einen kurzen Augenblick schien selbst die Luft sich nach ihr zu ordnen.

„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie, und allein der Tonfall machte klar, dass die Antwort darauf keinerlei Unterschied gemacht hätte.

Danndi erhob sich halb. Klaast nickte. Fontal ebenfalls, ein wenig zu spät.

„Nur ein Augenblick“, sagte Mutter. „Ich dachte mir, da ihr nun die letzten Aussagen einarbeitet, könne es vielleicht nützlich sein, ein paar Dinge noch einmal ganz sauber zu sortieren. Es wäre schade, wenn in diesen Zeiten ausgerechnet ein Bericht an Unschärfe litte.“

Es war nicht grob. Nicht befehlend. Eher wie Hilfe. Sehr kluge, sehr höfliche Hilfe.

Sie trat an den Tisch.

Fontal versuchte, sich wieder zu sammeln. Doch in dem Moment, in dem Mutter ihren Blick nur kurz auf sie legte, breitete sich etwas über ihre Gedanken. Kein Zwang. Kein schmerzhaftes Eingreifen. Nur eine sanfte Zerstreuung. Die Bilder, die Anadar ihr gezeigt hatte, wurden dadurch nicht kleiner, im Gegenteil. Sie trieben weiter auseinander, zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich, machten jedes Blatt vor ihr unwichtiger als jenen einen Augenblick, in dem er ihr gezeigt hatte, was sie nicht begriff.

Danndi und Klaast bemerkten nichts davon.

Sie hörten Mutter zu.

Und Mutter begann beinahe, ihnen den Bericht zu diktieren.

Nicht Wort für Wort. Viel geschickter. Sie stellte Fragen, die bereits Antworten enthielten. Erinnerte an Formulierungen, die „doch sehr vernünftig klängen“. Hob hervor, dass man sich an Protokolle halten müsse. Dass man ja nur schreiben könne, was belegt sei. Dass jede Überdehnung eines Vorwurfs dem Bericht mehr schade als nutze.

„Die wesentlichen Punkte bleiben doch“, sagte sie in ihrer warmen, ruhigen Art. „Xoiun und die Zwillinge sind der eigentliche Ursprung des Geschehens. Die Experimente im Turm belegen schwere Verfehlungen. Das Seeungeheuer geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Vorgänge zurück. Sinadie hat in Teilen richtig gehandelt, auch wenn ihr anzulasten bleibt, die Konklave nicht rechtzeitig informiert zu haben. Und was Anadar, Shara und Morgut betrifft, so habt ihr nun ihre Aussagen. Sie waren anwesend. Sie waren beteiligt an der Entdeckung. Aber nach allem, was vorliegt, nicht am Ursprung des Ganzen.“

Danndi nickte.

„Ja“, sagte sie. „So steht es im Kern.“

Klaast ergänzte bereits an einer Formulierung.

„Nach gegenwärtigem Stand erscheint ihre Rolle im Verhältnis zum Ursprung und Aufbau der Vorgänge nachgeordnet.“

„Genau“, sagte Mutter sanft. „Das ist eine gute Formulierung. Sehr sauber.“

Fontal nickte ebenfalls.

Sie hörte die Worte. Verstand sie sogar. Aber sie war unaufmerksam, zerstreut, gefangen in dem Nachhall von Anadars Geist, in dem dunklen Staunen, das er ihr hinterlassen hatte. Und so nickte sie zu Sätzen, die sie unter anderen Umständen vielleicht stärker geprüft, vielleicht anders gewichtet hätte.

Mutter sah das.

Natürlich sah sie es.

Und während Danndi schrieb und Klaast die endgültige Fassung glättete, hielt Mutter Fontals Gedanken gerade weit genug in Bewegung, dass sie nicht den einen klaren, scharfen Zugriff wiederfand, den sie sonst in solchen Dingen besaß.

„Dann so“, sagte Danndi schließlich.

Klaast legte die Feder zur Seite.

Der Bericht war finalisiert.

Sauber. Formal. Vollkommen vertretbar. Und doch in einer Weise gerichtet, die Mutter gefiel. Nicht durch Lüge. Nicht einmal durch grobe Manipulation. Viel eher dadurch, dass sie an genau den richtigen Stellen die Schwere verschoben hatte, während eine der drei Schreiberinnen sich in Bildern verlor, die sie nicht mehr losließen.

Als Mutter schließlich die Gedanken der anderen wieder verließ, war der Bericht finalisiert und alle 3 Inquisitoren zufrieden mit ihrer Arbeit. Keiner konnte sich daran erinnern, dass jemand anwesend war, nicht einen Hauch von Beeinflussung.

Mutter spielte alle drei Inquisitoren gleichzeitig, mit Leichtigkeit.



3

 

Die einzelnen Tage vergingen, und Anadar begann zu sehen, wie sich verschiedene Dinge langsam herauskristallisierten. Manche Fragen wurden klarer, andere dringlicher, und wieder andere schienen sich beinahe von selbst auf ihn zuzubewegen, als hätten sie nur auf den richtigen Augenblick gewartet.

So suchte Meister Roto eines Tages das Gespräch mit ihm.

Sinadie war ebenfalls anwesend, ebenso Son und Indra. Roto trat mit einer Höflichkeit auf Anadar zu, die fast übertrieben wirkte. Er verbeugte sich sorgfältig und sprach mit jener kontrollierten Förmlichkeit, die verriet, wie sehr sich seine Haltung in den letzten Wochen verändert hatte. Was zu Beginn noch aus Arroganz, Ablehnung und unverhohlener Feindseligkeit bestanden hatte, war nun zu etwas anderem geworden. Respekt vielleicht, gewiss, aber auch Distanz. Für Anadars Geschmack war Roto inzwischen beinahe ein wenig zu unterwürfig. Son und Indra hingegen waren wie immer. Still, aufmerksam und mit jenem feinen Humor, den Anadar an ihnen mochte, gerade weil er meist an völlig unerwarteter Stelle zuschlug und dann von einer Trockenheit war, die alles andere im Raum überflüssig machte.

„Meister Anadar“, begann Roto und richtete sich wieder auf. „Ich würde gern eure Einschätzung hören. Es scheint, dass Meister Kolnidranooora getötet wurde. Die Kehle durchgeschnitten.“

Er machte eine kurze Pause. Man sah ihm an, dass er nach der richtigen Formulierung suchte.

„Ich würde dem gern nachgehen. Standen wir uns doch nahe.“

Anadar sagte zunächst nichts. Er ließ ihn weiterreden.

„Mir scheint“, fuhr Roto fort, „dass die Beschreibung der Wesen, die der Krake beigewohnt haben sollen, und die Beschreibung von Kols Mördern gewisse Ähnlichkeiten aufweisen könnten.“

Sinadie hob bei diesen Worten den Blick. In ihrem Gesicht war sofort jene scharfe Aufmerksamkeit, die sie immer dann zeigte, wenn etwas begann, sich zu einem größeren Muster zusammenzufügen.

„Und ich“, sagte sie ruhig, „würde dem ebenfalls gern nachgehen.“

Es waren jedoch Son und Indra, die den entscheidenden Zusatz lieferten.

„Es scheint einen Käptain namens Kral zu geben“, sagte Indra, „den wir auf dem Großen Markt getroffen haben. Er schien mehr zu wissen, als er zunächst sagte.“

„Leider war er später nicht mehr auffindbar“, ergänzte Son trocken.

Sinadie verschränkte die Arme.

„Könnt ihr ihn beschreiben.“

Das konnten sie.

Und zwar ziemlich gut.

Sie beschrieben sein schmales, wettergegerbtes Gesicht, die Art, wie seine Bewegungen gleichzeitig schwankend und wachsam wirkten, die Stimme, das Benehmen, den Eindruck eines Mannes, der sich gern kleiner und betrunkener gab, als er tatsächlich war. Während sie sprachen, wurde Anadar immer deutlicher, dass Kral weniger eine zufällige Randfigur gewesen war als vielmehr jemand, der genau wusste, wie man an Orten wie dem Großen Markt überlebte. Einer jener Männer, die gerade deshalb gefährlich waren, weil man sie zu leicht unterschätzte.

Anadar ließ daraufhin nach Nigk und Xian schicken.

Die beiden hielten sich inzwischen in der Burg bei Aldemar von Tandor auf und hatten dort offenbar bereits begonnen, ihre Informationen in alle Richtungen zu streuen. An der Menge der Boten, die ein und aus ritten, war zu erkennen, dass sie kaum untätig geblieben waren. Berichte gingen hinaus, Antworten kamen zurück, Namen wurden gesammelt, Wege geprüft, und die Dinge begannen sich auch an dieser Front zu bewegen.

Als Nigk und Xian eintrafen, hörten sie sich die Beschreibung aufmerksam an. Nigk stellte ein paar knappe Rückfragen, Xian ließ sich jedes Detail noch einmal bestätigen, und beide kamen rasch zu demselben Schluss.

Von Kral sollten Bilder angefertigt werden.

Und nach ihm sollte gesucht werden.

Nigk meinte, das dürfe kein allzu aufwendiges Unterfangen sein, sofern der Mann noch irgendwo zwischen den Handelswegen, Häfen und Schankstuben der üblichen Routen steckte. Xian äußerte sich vorsichtiger, doch auch sie schien zu glauben, dass Kral zu sehr von Gewohnheiten und Zufällen lebte, um sich auf Dauer wirklich unsichtbar machen zu können.

So bekam auch diese Spur plötzlich Richtung.

Nicht viel vielleicht.

Aber genug, dass niemand im Raum mehr glaubte, Kolnidranoooras Tod werde einfach im Nebel verschwinden.

Andere in der Burg schienen Anadar inzwischen eher zu meiden.

So etwa Fontal. Mehr als einmal hatte er den Eindruck, dass sie ihm aus dem Weg ging, noch ehe er überhaupt entscheiden konnte, ob er selbst ein Gespräch mit ihr gesucht hätte. Manchmal sah er sie am Ende eines Ganges, auf einer Treppe, in einem Hof zwischen zwei Gruppen von Schülern oder Dienern, und jedes Mal schien sie kurz darauf in eine andere Richtung abzubiegen, als habe sie ihn gerade erst bemerkt und halte es plötzlich für notwendig, dringend anderswo zu sein. Für einen Augenblick hatte ihn das fast belustigt. Danach ließ er es einfach so. Er musste ihr nicht nachlaufen. Was zwischen ihnen geschehen war, trug sie nun mit sich, und das genügte.

Die Inquisitoren wollten ohnehin die Konklave in Tandor noch abwarten, ehe sie den Rückweg antraten. Diesen Vorwand benutzten inzwischen fast alle anderen ebenfalls, um ihr Bleiben zu rechtfertigen. Niemand sagte offen, dass die Welt sich gerade unter ihren Füßen verschob und keiner zu früh gehen wollte. Also sprach man von Höflichkeit, von Beratungsbedarf, von dem Wunsch, Trandas Nachfolge geordnet zu sehen. Alles daran war wahr und zugleich nicht die ganze Wahrheit.

Gudi wiederum ließ kaum von ihrem Bruder ab.

Sie hing an Morgut beinahe wie eine Klette, und das bereitete nicht nur ihm Schwierigkeiten. Anfangs hatten Sindra und Miene die Neuankömmlingin mit einer Eifersucht betrachtet, die kaum verborgen war. Wer war dieses Mädchen, das sich so selbstverständlich an Morguts Seite drängte, ihn am Ärmel zog, ihm ins Wort fiel, mit ihm tuschelte, lachte und wieder tuschelte, als gehöre sie dorthin wie eine zweite Stimme zu seiner ersten. Als sie jedoch begriffen, dass es sich um seine Schwester handelte, änderte sich ihr Verhalten rasch und auf eine fast komische Weise. Aus der Eifersucht wurde ein eigentümlicher Wettbewerb um Gudis Gunst. Wer ihr zuerst etwas zeigte, wer sie zuerst in ein Gespräch zog, wer eher bemerkte, wann sie gelangweilt war und wann sie erzählen wollte. Es war kein bösartiger Wettstreit, eher einer jener jungen, halbernsten Kämpfe, bei denen alle Beteiligten so tun, als gingen sie um nichts, während sie in Wahrheit mit überraschendem Eifer geführt werden.

Die vier verbrachten bald viel Zeit miteinander.

Gudi erzählte Morgut offenbar alles.

Ein wenig zu viel für Gnoks Geschmack, der dies mit der schweigsamen Fassung eines Mannes hinnahm, der sich sehr genau sagte, dass das Probleme für morgen seien. Die Probleme von heute lagen anderswo. Er ließ die Nähe der Geschwister zu, weil er verstand, dass manche Dinge sich nicht verhindern lassen, ohne mehr Schaden anzurichten, als sie verhindern. Wenn Gudi an Morguts Seite auftaute, dann war das im Augenblick kein Nachteil.

Natürlich stellte Danndi die naheliegende Frage, warum Gnok eigentlich anwesend sei und auf welchem Weg er überhaupt nach Tandor gelangt war.

Der alte Magier gab ihr darauf jedes Mal eine etwas andere Antwort. Nie grob widersprüchlich, nur unerquicklich ungenau genug, dass die Frage sich nicht festhalten ließ. Einmal sprach er von alten Verpflichtungen, ein anderes Mal von Trandas Tod, dann wieder von einem Weg, den er ohnehin habe nehmen wollen. Er hielt Danndi so weit auf Abstand, wie es ihm möglich war. Er wusste gut genug, dass sie Hokn`f ergeben war und ihm berichten würde, sobald sie Gelegenheit dazu fand. Auch dies, dachte er sich, sei ein Zukunftsproblem. Und für Zukunftsprobleme war noch Zeit. Vorläufig.

In Tandor selbst tagten unterdessen die Erdmagier über Trandas Nachfolge.

Dies war eine rein schulinterne Angelegenheit, und so hielten sich die anderen offiziell heraus. Inoffiziell tat natürlich jeder, was Menschen immer tun, wenn Macht neu verteilt wird. Sie beobachteten. Hörten. Warteten. Gewichteten Gesichter und Bündnisse. Slonda selbst machte früh und ohne jede Begeisterung klar, dass er das Amt nicht wollte. Offiziell ließ er verlauten, er müsse bald wieder in den Westen reisen, und zwar auf unbestimmte Zeit. Mehr sagte er dazu nicht. Es klang unerquicklich plausibel und war gerade deshalb nicht weiter angreifbar.

Eines Abends saßen Isidre, Mutter und Slonda in einem Turmzimmer zusammen und berieten sich, ehe Anadar sich noch dazugesellte. Draußen lag Tandor still im Abend, und drinnen fiel das Licht einer einzelnen Lampe auf Karten, Notizen und Gesichter, die schon lange aufhörten, noch an Zufälle zu glauben.

„Wir brauchen Isidre als Dekanin der Erdschule“, schloss Slonda seinen Vortrag. „Andernfalls haben die Eiferer die Mehrheit in der Konklave. Das können wir nicht zulassen.“

Isidre nickte. Nicht weil sie das Amt wollte. Man sah ihr an, dass sie eher an allem anderen Interesse hatte als daran, sich mit Würde, Verwaltung und den unerquicklich schmierigen Mechanismen einer Konklave herumzuschlagen.

„Ich reiße mich nicht um den Posten“, sagte sie trocken. „Vor allem da ich nicht die ganze Zeit darauf achten möchte, was ich zu mir nehme.“

Der Mord an Tranda lag noch zu nah. Keiner von ihnen hatte vergessen, dass einer oder mehrere aus jener Richtung heraus langsam und geduldig genug gewesen waren, einen alten Meister zu vergiften.

„Die anderen Kandidaten sind sämtlich Eiferer“, sagte Slonda. „Und in einer Allianz mit Hokn`f, Fontal und From. Einer von ihnen, oder mehrere gemeinsam, haben Tranda auf dem Gewissen.“

Mutter saß still da, die Finger lose ineinandergelegt, und hörte zu. Dann sagte sie in jener beiläufigen Ruhe, mit der sie oft die unerquicklichsten Vorschläge machte:

„Wie wäre es, wenn wir einen Kandidaten zum Dekan machen, der zu keinem Lager gehört.“

Die anderen sahen sie an.

„Sollte man ihn vergiften“, fügte sie mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu, „geht es uns nicht so nah. Versteht mich nicht falsch, ich unterstütze Mord nicht. Aber wenn schon, dann doch lieber bei jemandem, den ich nicht ins Herz geschlossen habe.“

Dabei blickte sie sehr deutlich zu Isidre.

„Meine Tochter.“

Anadar, der bis dahin geschwiegen hatte, hob nun den Kopf.

„Mir gefällt die Idee“, sagte er. „Sie bringt dich aus der Schusslinie, Isidre. Und wenn unser neuer Dekan unseren Argumenten nicht zugänglich ist, wenn wir ihn einmal brauchen sollten, oder deinen Fähigkeiten nicht zugänglich ist, Mutter, dann tauschen wir ihn eben aus.“

Sein Ton war so sachlich, dass für einen Augenblick kaum auffiel, wie ungeheuerlich der Satz eigentlich war.

Slonda sah zwischen ihnen hin und her.

„Ihr habt sicherlich auch jemanden im Sinn.“

Eigentlich kannte jeder die Antwort bereits.

„Klaast“, sagten sie beinahe gleichzeitig.

Damit war die Sache in Wahrheit entschieden, noch ehe sie offiziell begonnen hatte.

Auf einer der folgenden internen Versammlungen brachte Slonda den Vorschlag ein. Isidre unterstützte ihn unmittelbar, mit jener Nüchternheit, die ihre Zustimmung schwerer machte als manche leidenschaftliche Rede. Klaast selbst wirkte zunächst so, als traue er weder dem Vorschlag noch seinem Glück oder Unglück, je nachdem, wie man es betrachtete. Doch es blieb niemand mehr, der sich ernsthaft dagegenstellte. So wurde Meister Klaast neuer Dekan der Erdschule, mit Isidre und Bertagnie, einem unerquicklich widerlichen Eiferer, als stellvertretenden Dekanen.

Auch Manador hatte schwer an dem zu knabbern, was ihm offenbart worden war.

Er konnte es jedoch besser verdauen, als Anadar zunächst vermutet hätte. Vielleicht weil Feuermeister in allem, was ihnen nicht gefiel, schneller einen Auftrag sahen als eine Krise. Vielleicht auch, weil ihm die Größe des Ganzen weniger die Knie weich machte als vielmehr den Wunsch verstärkte, endlich etwas in die Hand zu nehmen, das sich bewegen ließ. Abends saß er oft mit Shara und Anadar zusammen. Zwischen ihm und Sinadie bahnte sich ebenfalls vorsichtig etwas an, das man noch nicht Freundschaft nennen musste, das aber in dieselbe Richtung wies. Beide hatten Gründe, einander mit Zurückhaltung zu begegnen. Beide besaßen zugleich genug Verstand, um zu erkennen, dass sie sich in den kommenden Monaten eher brauchen als misstrauen würden.

Eines Abends saß auch Mutter mit in dieser Runde.

Manador fragte Anadar, was nun sein nächster Schritt sei, und Mutter blickte ihn dabei so prüfend an, dass selbst Anadar merkte, wie sehr sie die Antwort interessierte.

„Bruder Manador“, sagte er schließlich, „ich denke, ich werde in die Feste zurückkehren. Mich interessieren die Bibliotheken des Lichtes. Außerdem haben wir noch das Buch, das wir bei Fantor gefunden haben. Auch dieses muss studiert werden.“

„Das Beschwörerbuch“, fragte Mutter.

„Ja. Dieses. Ich denke, wir müssen uns vorbereiten. Naaarstr und Fantor werden nicht ewig eingesperrt bleiben. Und wer weiß, was sie im Sinn haben. Der Dämon muss gebannt werden.“

„Das ist auch meine Meinung“, sagte Mutter.

„Außerdem“, begann Anadar und blickte zu Shara.

„Ich nein, Anadar“, fiel sie ihm trotzig ins Wort. „Du wirst mich nicht einfach in die Feste einsperren, nur weil ich schwanger bin. Ich bestimme selbst, was ich mache.“

„Und das wäre“, fragte er.

Shara schwieg einen Augenblick. Dann senkte sie die Augen.

„Eventuell sollte ich eine gewisse Zeit in Zoordak bleiben“, sagte sie, ohne ihn direkt anzusehen.

Bevor Anadar Einwände formulieren konnte, griff Mutter sofort ein.

„Das ist eine ausgezeichnete Idee, meine Tochter.“

Mit diesen Worten nahm sie ihm jede Möglichkeit eines sofortigen Widerspruchs. Er starrte sie an. Wütend, wenn auch nicht unbeherrscht.

„Mein Lieber“, fragte sie süß.

„Ich“, begann er, brach ab und schloss dann nur: „nichts.“

Er wusste, wann eine Diskussion im Augenblick keinen Sinn ergab. Er würde dies später mit Shara unter vier Augen besprechen. Und während der Ärger in ihm noch stand, merkte er zugleich, dass ein Teil davon aus einer stillen Selbstverständlichkeit kam, die er sich selbst nie ganz eingestanden hatte. Er war einfach davon ausgegangen, dass Shara dorthin gehen würde, wohin er ging. Als ihm das klar wurde, fing er sich wieder ein.

„Etwas anderes“, sagte er und wechselte das Thema. „Diese Schule des Lichtes. Was, liebe Mutter, ist dein Plan damit.“

Er stellte die Frage direkt.

Sie wich seinem Blick aus.

Damit wusste er genug.

„Du hast einen Hintergedanken.“

Nun sah sie ihn an, dann Shara, dann Manador, dann Sinadie. Schließlich zuckte sie die Schultern und begann eines der strahlendsten Lächeln zu zeigen, zu denen sie fähig war.

„Natürlich, mein Lieber. Warum denkst du, habe ich in eure stinkende Feste zehn meiner Schülerinnen eingeschleust.“

Sie lachte glockenhell, während die anderen sie verdutzt anstarrten.

Manador fasste sich am schnellsten.

„Das war…“

Sie unterbrach ihn sofort.

„Wir spüren schon seit einiger Zeit, dass sich die Dinge ändern, und ich wollte vorbereitet sein.“

Sie war sichtlich amüsiert darüber, sie alle so lange an der Nase herumgeführt zu haben. Dann klatschte sie in die Hände.

„Ach, Rotsch, mein Freund, wärst du nur hier. Zu gern hätte ich dein Gesicht jetzt gesehen.“

„Und wer soll deiner Meinung nach Meister sein und die Schule führen“, fragte Manador.

Alle außer Mutter blickten auf Shara.

Diese nahm sofort eine abwehrende Haltung ein.

„Nein. Kommt nicht in Frage“, sagte sie. „Ich habe bald eine andere Aufgabe.“

Dabei blickte sie auf ihren kleinen Bauch und legte die Hand schützend darüber.

„Ich kann nicht zehn Kinder gleichzeitig großziehen.“

„Auch daran habe ich bereits gearbeitet“, sagte Mutter in einem Tonfall, der vor Selbstzufriedenheit nur so strotzte.

Dann sah sie Sinadie an.

 

Anadar fragte seinen Bruder an einem Abend, als sie mit Pildara in einem abgelegenen Turmzimmer saßen und für einen seltenen Augenblick weder gestört noch sofort zu etwas gedrängt wurden.

Das Feuer war klein, die Luft kühl, und draußen schlug der Wind in unregelmäßigen Stößen gegen die schmalen Fensterläden. Auf dem Tisch zwischen ihnen lag Fantors Buch, reglos und verschlossen, und gerade weil es so still dalag, wirkte es wie etwas, das seine eigene Schwere in den Raum brachte.

„Was wirst du als Nächstes machen“, fragte Anadar.

Slonda antwortete nicht sofort. Er saß leicht vorgebeugt, die Hände umeinandergelegt, und sah nicht seinen Bruder, sondern Pildara an, als müsse er zuerst vor sich selbst zugeben, worin seine Gedanken bereits seit Tagen kreisten.

„Ich denke, wir brauchen mehr Informationen“, sagte er schließlich. „Du erwähntest, dass wir deinen Freund bannen sollten.“

Er blickte kurz zu Anadar, dann wieder zu Pildara.

„Glaubst du, wir finden etwas, das uns hilft. In einer der Bibliotheken.“

„Möglich“, sagte Pildara.

Mehr sagte sie zunächst nicht. Sie stand am Fenster, die Arme lose verschränkt, und sah auf das Buch, als habe sie längst entschieden, dass es ihr missfiel.

„Die Beschwörer hielten ihr Wissen jedoch gern bei sich“, fügte sie dann hinzu. „Sie waren nie freigiebig. Nicht mit Worten, nicht mit Schriften und schon gar nicht mit Dingen, die andere gegen sie hätten wenden können.“

Sie deutete auf das Buch.

„Und dieses Ding dort bestätigt das nur.“

Anadar griff danach, hob es an, drehte es in den Händen und legte es wieder auf den Tisch.

„Wisst ihr mittlerweile, wie man es öffnet“, fragte Pildara.

Er schnaubte leise.

„Nein. Aber wir haben uns bisher auch eher nicht damit beschäftigt. Nicht wirklich.“

Er seufzte.

„Es ist eines der Dinge, die wir nun tun müssen.“

Pildara trat vom Fenster weg und kam langsam an den Tisch.

„Beschwörer hielten ihr Wissen nicht aus Gelehrteneitelkeit verschlossen, wie es manche andere Schulen taten“, sagte sie. „Sie hielten es verschlossen, weil der geringste Fehler ein Chaos auslösen konnte, das kaum noch zu korrigieren war. Das war der Unterschied. Andere Schulen versteckten ihr Wissen aus Stolz, aus Misstrauen oder aus Machtgier. Die Beschwörer taten es auch aus Vorsicht.“

Sie sah beide Brüder an.

„Wie ihr mittlerweile erfahren habt.“

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann war es wieder Anadar, der den Faden aufnahm.

„Wenn es so ist, wie du sagst, und sie ihr Wissen so gut abgeschottet haben, warum taucht dann nach Jahrtausenden plötzlich dieses Buch auf.“

Er tippte mit zwei Fingern gegen den Einband.

„Und in einem Zustand, als hätte jemand es bewusst erhalten wollen.“

Nun schwiegen sie alle drei.

Kurz darauf sagte Anadar, langsamer als zuvor:

„Das ist eine der Fragen, denen ich nachgehen sollte.“

Pildara schürzte die Lippen.

„Es ist mehr als nur eine Frage. Es ist eine wirklich wichtige Frage. Warum taucht dieses Wissen plötzlich auf. Warum jetzt. Warum in so gutem Zustand. Wer hat es aufgehoben. Wer hat es weitergegeben. Und wem war daran gelegen, dass es nicht verloren ging.“

Slonda nickte.

„Wir haben hier eigentlich zwei Probleme. Vielleicht sogar mehr. Aber das erste ist klar. Kannst du uns mehr über Sahretûn erzählen.“

Pildara hob leicht die Brauen.

„Ich denke, dazu sollten wir Gnok hinzuziehen“, sagte sie. „Er weiß im Allgemeinen mehr darüber. Ich kann euch nur Ungefähres sagen, und in diesem Fall ist Ungefähres gefährlich nah an wertlos.“

Sie richtete sich ein wenig auf, wie jemand, der sich nun dazu entschließt, dennoch zu sprechen, obwohl er den Gegenstand lieber vermieden hätte.

„Die Beschwörer zogen sich nach der Gründung der Schulen in ihre Stadt in der Wüste zurück. Sahretûn war weniger eine Stadt im gewöhnlichen Sinne als vielmehr ein Berg. Ein ganzer Berg voller Höhlen, Kammern, Schächte, Säle und innerer Räume. Sie lebten dort zusammen, fast vollständig in sich geschlossen, und sie gingen nur wenig unter andere. Der Ort war nicht für Besuch gemacht. Nicht für Freude. Nicht einmal für gewöhnliches Leben, soweit man darunter noch etwas Helles verstehen will.“

Ihre Stimme war nüchtern, doch in ihr lag deutlich genug, dass sie keinen Wunsch verspürte, weiter in diese Richtung zu erinnern.

„Sie konzentrierten sich auf ihre Dämonen, ihre Bindungen, ihre Beschwörungen. Nur wenige bekamen die Stadt je zu Gesicht. Und Wissen verließ den Ort noch seltener.“

Sie machte eine Pause.

„Irgendwann weigerten sie sich, Schüler anderer Schulen noch aufzunehmen. Das war einer der offenen Gründe. Oder der Vorwand, wenn man es boshaft sagen will. Jedenfalls führte es schließlich zur Inquisition. Die Vernichtung selbst war ein heftiger Krieg. Soweit ich weiß, waren fast alle anderen Schulen daran beteiligt. Sie haben die Stadt, oder den Berg, dem Erdboden gleichgemacht, wie es später hieß, und jede Erinnerung daran gelöscht.“

Slonda hörte ihr sehr aufmerksam zu. Anadar auch, doch man sah ihm an, dass er bereits an mehreren Stellen zugleich dachte. An Fantors Buch. An die Lichtbibliothek. An die Wandlungsschriften der Wassermagier. Und an die Frage, ob überhaupt etwas einfach nur auftauchte.

„Andere behaupten“, fuhr Pildara fort, „bevor es so weit kam, hätten die Beschwörer die Stadt in eine andere Dimension versetzt. Es sei niemand zurückgeblieben, um sie zurückzuholen. Wie auch immer. Gnok kann euch hier sicher einen besseren Überblick geben. Er hat diese Geschichten besser im Kopf als ich. Ich muss euch ehrlich sagen, ich habe es vermieden, diese Zeit oder diesen Ort je zu besuchen.“

Das letzte sagte sie mit einer Schlichtheit, die mehr Gewicht hatte als jede dramatischere Formulierung.

„Es sieht also so aus, als hättest du da eine Aufgabe vor dir, Bruder“, sagte Anadar.

Slonda nickte langsam.

„Ich denke, ich beginne strukturiert. Langsam. Lass mich zuerst mit Gnok reden, sobald ich den alten Mann wiederfinde.“

Während er sprach, begann man in seinem Gesicht bereits zu sehen, wie eine Idee Form annahm. Noch nicht klar, noch nicht fertig, aber vorhanden.

„Ich hoffe, du findest die Informationen, die wir brauchen“, sagte Anadar.

Dann wandte er sich wieder Fantors Buch zu.

„Irgendeine Idee, wie wir dies öffnen können.“

Pildara dachte nicht lange nach.

„War noch etwas anderes dabei.“

„Ein Dolch“, sagte Anadar.

„Dann wird dies der Schlüssel sein“, antwortete sie. „Wie ihr ihn nutzt, müsst ihr nur noch herausfinden.“

Anadar dachte darüber nach und schloss für sich, dass dies vermutlich nicht der schwierigste Teil sein würde.

„Was mich mehr interessiert“, sagte er, „ist, wie dieses Buch überhaupt in Fantors Hände kam.“

Wieder sah er auf den Einband.

„In einem solchen Zustand. Das ist beinahe noch interessanter. Auch die Wassermagier erwähnen alte Schriften, Schriften der Wandlung. Das kann kein Zufall sein.“

Niemand widersprach ihm.

 

Dekanin Fontal von der Lebensschule war eine zielstrebige, selbstbewusste und disziplinierte Frau gewesen.

Oder vielmehr, sie war es noch immer, wenn man den äußeren Eindruck nahm, den sie der Welt bot. Sie hielt ihre Haltung, ihre Stimme, ihre Schritte, ihre Blicke, ihre ganze Erscheinung zusammen wie jemand, der ein Leben lang gelernt hatte, dass Fassung nicht bloß eine Tugend, sondern ein Werkzeug ist. Doch das, was vor wenigen Tagen geschehen war, hatte etwas in ihr erschüttert, das tiefer lag als bloße Fassung.

Sie war nicht mehr dieselbe.

Tief in ihr war etwas offengelegt worden, das sie so lange nicht mehr an sich gesehen hatte, dass sie es beinahe nicht wiedererkannte. Furcht war nicht das ganz richtige Wort. Zu klein. Zu einfach. Es war eher ein Einbruch in die eigene Ordnung.

Zuerst war da die Leichtigkeit gewesen, mit der Anadar sie festgehalten hatte, als sie sich aus seinem Geist zurückziehen wollte. Die Mühelosigkeit, mit der er ihre Präsenz nicht nur bemerkt, sondern umgedreht hatte. Sie hatte ihn verärgert, das hatte sie sofort gespürt. Sie hatte geglaubt, er nehme ihre Berührung nicht einmal wahr. Da hatte sie ihn unterschätzt.

Und er hatte es ihr heimgezahlt.

Doch beinahe schlimmer noch waren die Bilder gewesen.

Nicht einmal Bilder, wenn sie ehrlich war. Eher Eindrücke. Erinnerungsschläge. Gefühle, Wahrnehmungen, Fragmente, Zustände, die in einem Bruchteil eines Augenblicks auf sie eingestürzt waren und seitdem immer wieder zu ihr zurückkehrten. Sie wusste nicht, was sie gesehen hatte. Sie wusste es auch jetzt noch nicht. Aber sie wusste mit erschreckender Klarheit, dass es gewaltig war. Größer, älter, dunkler, tiefer als ihr Weltbild bisher vorgesehen hatte.

Seit diesem Vorfall war sie verändert.

Immer wieder wurde sie in Gedanken zu dieser Situation zurückgeworfen. Immer wieder ging sie den Augenblick durch, an dem sein Blick sich veränderte und ihre eigene Sicherheit in sich zusammensackte. Immer wieder dachte sie an die Art, wie er sie festhielt, wie er sie ansah, wie leicht ihm all das gefallen zu sein schien.

Wann immer es sich bewerkstelligen ließ, machte sie einen Bogen um ihn.

Und bisher funktionierte das erstaunlich gut.

An diesem Abend stieg sie, nach einer weiteren Sitzung mit dem neuen Dekan der Erdmagier, Meister Klaast, die Treppen zu ihrem Gemach in einem der Bibliothekstürme hinauf. Klaast war kein Eiferer. Noch nicht. Er würde der Sache jedoch dienlich sein. Fontal hatte mehr Einfluss auf ihn, als Hokn`f es je haben würde, und das gedachte sie zu nutzen. Auch Dekanin From von den Inseln der Winde stand ihr nah. Für einen kurzen Augenblick erlaubte sie sich sogar ein inneres Lächeln. Dieses Ränkespiel entwickelte sich nicht schlecht für sie.

Sie bog um die letzte Ecke.

Dann sah sie ihn.

Und schauderte unwillkürlich.

Anadar stand direkt vor ihrer Tür, an die Wand gelehnt, als warte er dort schon eine ganze Weile und als sei jede andere Möglichkeit, als ihn dort anzutreffen, bloß eine schwache Hoffnung gewesen.

Sie blieb stehen.

Nur einen kleinen Augenblick. Einen winzigen Riss in ihrer sonst so präzisen Bewegung. Doch er bemerkte ihn sofort.

„Auf ein Wort, Dekanin Fontal“, sagte er.

Sie zwang sich weiterzugehen, bis sie in angemessener Entfernung vor ihm stand.

„Was ist so wichtig, dass ihr mich aufsucht.“

Er fixierte ihre grauen Augen. Sie wich aus, nur kurz, aber es genügte, um wieder jenes Kältegefühl in ihr auszulösen, das seit der Befragung nie ganz verschwunden war.

„Ich denke, ihr habt etwas in eurem Besitz, das ich mir gerne anschauen würde“, sagte er.

Sie stockte.

Dann blickte sie ihn an.

„Was meint ihr.“

„Die Unterlagen, die ihr in dem Turm gefunden habt. Diese Dokumente der Wandlung, wie ihr sie in eurem Bericht beschrieben habt. An diesen bin ich interessiert. Und wenn ich richtig informiert bin, habt ihr sie nach Gontar gebracht. Richtig.“

„Das ist korrekt“, gab sie zu. „Und warum interessiert ihr euch dafür.“

„Ich interessiere mich für Wissen“, sagte er. „Aber eigentlich nicht für den Inhalt selbst. Nicht zuerst. Ich interessiere mich mehr für das Woher. Habt ihr Hinweise gefunden, wo diese Schriften herkamen.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Wir haben nicht weiter in diese Richtung gefragt. Es war von untergeordnetem Interesse.“

„Ist es das.“

Sie antwortete nicht sofort.

„Das würde ich gern wissen“, sagte Anadar.

Für ihn war das Gespräch damit offenbar beendet. Er stieß sich von der Wand ab und wandte sich bereits zum Gehen, als Fontal, gegen ihren ersten Impuls, ihn noch ansprach.

„Diese Bilder“, sagte sie zögerlich.

Er blieb stehen.

„War das real.“

Er drehte nur den Kopf, lächelte sie an und ging weiter.

 

Er war nicht weit gekommen.

Nach dem Großen Markt war Kral von Ortschaft zu Ortschaft gezogen, oder genauer von Taverne zu Taverne, von Krug zu Krug, von Suff zu Suff. Von dem vielen Gold, das ihm geblieben war, war bald nicht mehr viel übrig. Er trank, um zu vergessen. Und je schlechter ihm das gelang, desto mehr trank er. Der Verrat an seiner Mannschaft wog schwerer, als er es je zugegeben hätte, und so machte er, was Männer seiner Art gern taten, wenn sie mit Schuld allein waren. Er ersäufte sie, wenigstens für ein paar Stunden.

Die Tage vergingen.                                   

Er konnte sich irgendwann kaum noch erinnern, welcher Tag war, geschweige denn welche Stunde. Manchmal stolperte er aus einer Schenke und war überrascht, dass es noch Tag war. Oder schon wieder. Manchmal saß er in einer Spelunke und schwor, er sei eben erst eingetreten, während draußen bereits das Licht sich änderte.

So ging es, bis er eines Tages an einem Tresen in einem namenlosen Dorf saß und angesprochen wurde.

„Seid ihr Kral.“

Er hob den Kopf und blinzelte gegen Licht, Rauch und seinen eigenen Zustand an.

„Wer will das wissen.“

Drei Leute bauten sich vor ihm auf.

Der eine sah den anderen an.

„Das ist er.“

„Ich sagte, wer will…“

Weiter kam er nicht.

Man zog ihn vom Hocker, grob und ohne jede Höflichkeit. Er versuchte sich zu wehren, aber die drei waren zu stark, und er zu betrunken, zu weich geworden durch Tage des Nichtstuns. Draußen vor der Tür wartete bereits ein Eimer Wasser.

Dann noch einer.

„Der zweite war für den Gestank, Käptain“, sagte einer der Männer, und alle drei lachten.

Kral fluchte, hustete, spuckte Wasser aus und versuchte noch einmal, sich loszureißen. Vergeblich. Man fesselte ihm die Hände.

„Jemand Wichtiges will euch in Tandor sehen.“

Dann warf man ihn förmlich in eine Kutsche, setzte sich zu ihm, und kaum war die Tür geschlossen, raste das Gefährt los.

Formularbeginn

 

In wenigen Tagen stand erneut die Konklave an, und das war für beinahe alle Grund genug, in Tandor zu verbleiben. Oder zumindest der Vorwand, den sie nach außen hin gebrauchten. In Wahrheit wollte kaum noch jemand fort, solange sich die Dinge so rasch und so tief verschoben.

Gnok hatte ein Problem.

Er wusste, dass Danndi Hokn`f von seiner Anwesenheit berichten würde. Sie wusste schließlich nicht, dass er hier eigentlich gar nicht hätte sein dürfen. Spätestens, wenn sie nach Ashambrat zurückkehrte, würde auffliegen, dass er verschwunden war, ohne eine Erklärung zu hinterlassen, die sich ordentlich in die Bücher und Gänge der Windschule eintragen ließ. Und er hatte noch nicht entschieden, wie genau er dieses kleine Desaster später darstellen wollte.

Mit Gudi ließ sich sein Hiersein ohnehin kaum verbergen. Die junge Dame besaß kein Talent für Zurückhaltung, nicht einmal den Wunsch danach, und so fügte er sich langsam in sein Schicksal. Es hatte wenig Sinn, so zu tun, als könne man ein Mädchen wie sie in einem Ort wie Tandor unauffällig nennen.

Anadar, Shara, Mutter und Slonda suchten den alten Gnok in diesen Tagen immer wieder auf. Sie fragten ihn nach den Geschichten von früher, nach Dingen, die niemand sonst noch zusammenhängend zu wissen schien, und er gab sie bereitwillig wieder. Es half ihm, dass die meisten Menschen in seinem ganzen Leben ohnehin geglaubt hatten, seine Geschichten seien Märchen, skurrile Splitter aus grauer Vorzeit, eher zum Lächeln als zum Ernsternehmen. Dass diesmal vier Menschen vor ihm saßen, die sehr wohl verstanden, dass in seinen Worten mehr lag als bloß altes Gerede, schien ihn eher zu beleben als zu ermüden.

„Sahretûn“, begann er eines Abends, als sie wieder bei ihm saßen, „war keine Schule. Nicht im Sinne der anderen Schulen. Und auch keine Stadt, wie man sich eine Stadt vorstellt. Es war ein Ort an einem so unwirklichen Ort, wie man ihn sich nur denken kann. Nichts als endlos heißer Wüstensand um diesen Ort herum, und das war auch gut so.“

Er sagte es mit jener Trockenheit, die verriet, dass er diesen Satz nicht für poetisch, sondern für präzise hielt.

„Die Beschwörer bildeten dort eine ganz eigene Gesellschaft. Sehr verschwiegen, sehr verschlossen, sehr auf sich selbst bedacht. Sie teilten ihr Wissen ungern, aber nicht, wie so viele später behaupteten, bloß aus Machtgier. Zum Teil sicher auch aus Stolz. Doch mehr noch aus Angst. Aus der begründeten Furcht, dass etwas getan würde, das man nicht mehr kontrollieren konnte. Oder schlimmer noch, etwas in die Welt gelangte, das sich aus ihr nicht mehr entfernen ließ.“

Sein Blick glitt dabei fast unwillkürlich zu dem Buch auf dem Tisch.

Es lag dort noch immer versiegelt, schwer und stumm, und gerade diese Stummheit machte es gefährlich. Slonda hatte es schon mehrfach in die Hand genommen, Anadar ebenso, doch keiner war bisher weitergekommen als bis zu dem klaren Gefühl, dass es nicht zufällig verschlossen war.

„Sie waren vorsichtig“, sagte Gnok weiter. „Nicht freundlich. Nicht offen. Aber vorsichtig. Und sehr zurückgezogen.“

Slonda beugte sich ein wenig vor.

„Wenn ich Wissen über Beschwörungen erhalten wollte“, sagte er und deutete auf Fantors Buch, „wo wäre der beste Punkt, um es zu bekommen.“

Gnok fuhr sichtbar zurück.

Es war keine große Bewegung, kaum mehr als ein unwillkürliches Zurücknehmen von Schultern und Hals, doch sie genügte, um zu zeigen, wie unerquicklich ihm das Thema war. Er blickte auf das Buch, und für einen Augenblick wirkte er nicht wie der alte Magier, der sich meist über alles mit einer Geschichte retten konnte, sondern wie jemand, der ein Geräusch aus einer sehr alten Erinnerung wiedererkannt hatte.

„Es wäre besser“, sagte er, „wenn dieses hier nicht in der Welt wäre.“

„Nun ist es aber so“, antwortete Anadar ruhig. „Und unter einer Tonne Schutt hoch im Norden liegt etwas, das uralt, böse und machthungrig ist und vermutlich irgendwann wieder über diese Welt wandelt. Besser, wir sind vorbereitet, als dass wir uns überraschen lassen.“

Pildara ging an den Tisch und nahm das Buch in die Hand.

Auch sie wirkte dabei vorsichtiger als gewöhnlich. Sie trug das Ding nicht wie ein Buch, sondern beinahe wie etwas, das atmen oder beißen konnte, wenn man den falschen Druck darauf ausübte.

„Es ist versiegelt“, sagte sie. „Und das hat einen Grund.“

Es war offensichtlich, dass sowohl sie als auch Gnok mit weit mehr Vorsicht an die Sache herangingen als die Jüngeren im Raum.

„Du wirst in der Vergangenheit in keiner gewöhnlichen Bibliothek ein Werk der Beschwörer finden“, begann Pildara langsam. „Sie haben peinlich genau darauf geachtet, dass ihr Wissen nicht in die Welt kam. Auch der Austausch mit anderen Schulen war auf das Minimum reduziert. Wenn sie Schüler anderer Schulen aufnahmen, dann brachten sie ihnen nichts bei, was wirklich mächtig war. Beschwörung kleiner Geister. Bannung solcher Wesen. Harmloses Zeug. Kunststücke, wenn man böse sein will. Nichts, was einer brauchte, der wirklich etwas verändern wollte.“

„Haben sie ihre Schüler ausgesandt, um andere Schulen zu besuchen“, fragte Shara.

„Selten“, sagte Mutter. „Und wenn, dann nur in der unbedingt notwendigen Anzahl. Sie wussten um unsere Fähigkeiten und schirmten sich ab, so gut es ging. Genau das führte irgendwann zu Misstrauen, und Misstrauen führte schließlich zur ersten Inquisition und Auslöschung.“

Gnok schnalzte leise mit der Zunge, als spüre er selbst jetzt noch, wie scharf manche Erinnerungen sitzen konnten.

„Der Kampf“, sagte er, „war gewaltig. Die Magier griffen nicht die Dämonen an, die zur Verteidigung beschworen wurden. Das wäre sinnlos gewesen. Sie konzentrierten sich direkt auf die Beschwörer. Es war grausam, effizient, durchtrieben und verlustreich auf beiden Seiten. Wenn ein Beschwörer getötet wird, während er einen Dämon unter Kontrolle hält, kann es geschehen, dass dieser sich befreit. Und ein freier Dämon kann gefährlich werden, je mächtiger er ist.“

„Woher beziehen Dämonen ihre Macht“, fragte Shara. „Wie werden sie mächtiger.“

Gnok verzog leicht den Mund.

„Das ist schwierig sauber zu beantworten. Es hängt davon ab, wie sie beschworen wurden. Mit welchen Grenzen. Mit welchen Bindungen. Mit welchen Bedingungen. Zumeist würde ich sagen, Blut. Blut und das, was darin liegt. Je stärker es mit Magie angereichert ist, desto besser.“

„Je älter“, murmelte Anadar.

Er hatte es kaum hörbar gesagt, und doch hörten sie es alle. Er lächelte schwach, als er merkte, dass die Blicke sich auf ihn richteten.

„Ich hatte einen Lehrmeister“, gab er trocken zu.

Mutter sah ihn an, aber in ihrem Blick lag weder Tadel noch Überraschung. Eher jenes alte, helle Wissen, das sie oft hatte, wenn andere dachten, gerade etwas enthüllt zu haben.

„Ich muss immer wieder an Naaarstr danken“, sagte Anadar. „Er ging sehr vorsichtig zu Werke. Warum.“

„Vermutlich aus demselben Grund wie alle anderen auch“, sagte Mutter. „Aus Mangel an Information.“

Sie setzte sich ein wenig gerader auf.

„Es ist nicht einfach, in eine Welt und Zeit geworfen zu werden und nicht zu wissen, was ist, wer lebt und wie gefährlich alles geworden sein mag. Vorsicht ist dann kein Zeichen von Schwäche, sondern von Klugheit. Als er seine Vorsicht schließlich fallen ließ, wurde er von unserem Meister hier gebannt. In einen Gegenstand. Damit hat er wohl nicht gerechnet.“

Gnok hob die Brauen.

„Ein Meisterstück im Übrigen“, sagte er. „Ich wusste nicht einmal, dass so etwas möglich ist. Irgendwann müsst ihr mir erzählen, wie ihr es bewerkstelligt habt.“

Anadar blieb erstaunlich zurückhaltend.

„Es war eine ganze Schule dazu notwendig“, sagte er. „Und der Kampf war knapp und nicht zu Ende. Er hatte einen gewissen gefährlichen Einfluss auf mich.“

Für einen Augenblick ging etwas Dunkles durch sein Gesicht. Nicht offen. Nur ein flüchtiger Schatten. Vielleicht dachte er an das Massaker an den Räubern. Vielleicht an die Bilder im Norden. Vielleicht an Dinge, die er niemandem gern genauer aussprach.

„Es scheint nur einen Weg zu geben, wie wir an Informationen kommen“, sagte Slonda und stand auf.

Die Aufmerksamkeit des ganzen Raumes lag augenblicklich auf ihm.

„Ich werde wohl nach Sahretûn gehen müssen. Richtig. Alles andere bleibt sonst Theorie.“

Er konzentrierte sich kurz, und vor ihm schwebte das Planetensystem auf, zuerst klein, dann größer, präziser, klarer. Er drehte es auf eine Position, bei der die beiden Planeten in einem Winkel von ungefähr sechzig Grad zueinander standen, dann wieder auf dreißig. Pildara beobachtete ihn dabei mit unverhohlener Aufmerksamkeit.

„Ihr werdet geschickter darin, Slonda“, sagte sie. Nicht ohne Anerkennung.

Er bewegte das System vor und zurück, hielt schließlich bei ungefähr vierzig Grad inne und erschuf dann, mit einer zweiten Bewegung, ein überlagertes Modell, ganz so, wie Drinda und Pildara es ihm gezeigt hatten. Das heutige System lag über dem alten. Übergänge wurden sichtbar. Linien entstanden, Möglichkeiten taten sich auf.

„Hier“, sagte er. „Das hier scheint mir ein vernünftiger Übergang zu sein.“

Pildara trat näher, betrachtete die Stellung und nickte langsam.

„Das habt ihr schnell erkannt.“

Dann beugte sie sich ein wenig zu Mutter und sagte mit einem kleinen Lächeln:

„Das ist der Mann, den wir kennen.“

Slonda achtete nicht darauf. Er war bereits tiefer in seine Überlegung eingetaucht.

„Nun ihr beiden“, sagte er und sah zu Pildara und Mutter. „Ich brauche alle Informationen, die ihr mir über dieses Zeitalter geben könnt.“

Während er sprach, zog er die beiden Systeme auseinander und machte die Überschneidung deutlicher. Dann vergrößerte er beide Welten, bis ihre Oberflächen sichtbar genug waren, um Regionen und Wege darauf anzudeuten.

„Hier, nahe Tandor, in zwei Wochen, führt ein Weg direkt nach hier. Gontar.“

Er deutete auf einen Punkt an der Welt aus der Vergangenheit.

„Stabiler Übergang“, sagte Pildara.

Dann hob sie den Blick und fragte mit jener praktischen Härte, die alle ihre Anerkennung sofort wieder ins Nüchterne zurückholte:

„Aber wie wollt ihr nach Sahretûn kommen. Und vor allem dort aufgenommen werden.“

Slonda ließ das Modell noch einen Augenblick schweben. Seine Finger blieben leicht erhoben, doch sein Blick war längst nicht mehr auf das System gerichtet, sondern in die Ferne, dorthin, wo aus einer bloßen Möglichkeit ein Plan werden musste.

„Darüber mache ich mir Gedanken, wenn ich vor Ort bin“, sagte er schließlich. „Vermutlich, indem ich so nahe wie möglich an der Wahrheit bleibe. Wie auch immer das dann aussieht.“

Niemand widersprach ihm.

Nicht weil die Antwort gut gewesen wäre.

Sondern weil alle im Raum wussten, dass es bis dahin keine bessere geben würde.



Gudi war glücklich, wieder in der Nähe ihres Bruders zu sein, und nahm ihn vollkommen in Beschlag. Morgut hätte sich bisweilen gern wieder näher bei Anadar aufgehalten, doch es schien, als hätten die älteren Meister im Augenblick sehr viel miteinander zu besprechen, abzuwägen und zu entscheiden. Er würde sicher noch gebraucht werden, dachte er sich, und sie würden ihm alles Wichtige schon noch erzählen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Also ließ er sich von seiner Schwester in Beschlag nehmen, und es störte ihn weit weniger, als er es sich zunächst eingestehen wollte.

Die Zuneigung war keineswegs einseitig. Er mochte seine quirlige, manchmal anstrengende, immer etwas zu lebendige Schwester ebenso, wie sie an ihm hing, und so ließ er sich bereitwillig von ihr ablenken. Dass Miene und Sindra fast immer dabei waren, störte ihn ebenfalls nicht. Sie waren alle noch jung, trotz allem, was in den letzten Wochen über sie hinweggegangen war, und so verbrachten sie eine angenehme, beinahe leichtere Zeit miteinander, als es die Mauern Tandors oder die Schwere der Ereignisse eigentlich erwarten ließen.

Sie blieben nicht nur innerhalb der Burg oder der Schule. Immer wieder machten sie Ausflüge in die Umgebung, denn Gudi hatte noch nie Wälder gesehen, keine wirklichen Wälder jedenfalls, nicht solche, die sich kühl und grün über Hügel zogen und in denen das Licht durch bewegte Blätter fiel, kein einziges Mal hatte sie Flüsse gesehen, die sich nicht in Kanälen oder Schalen bändigen ließen, und Schnee kannte sie nur aus weiter Ferne, als weißen Schein auf den Gipfeln der nördlichen Gebirgskette. Für sie war all das neu, und sie sog es in sich auf mit der gierigen Aufmerksamkeit eines Menschen, der plötzlich merkt, wie viel größer die Welt ist, als es die eigene Kindheit je vermuten ließ.

Dabei weihte sie Morgut in alles ein.

Sie erzählte ihm von den Sondra, vom Trimond, von ihrer Entführung, von den Mondtropfen, von Hokn`f und natürlich vom Wirbel, mit einer Geschwindigkeit und Begeisterung, die ihm kaum Zeit ließ, auch nur zwischen zwei ihrer Sätze vernünftig Luft zu holen. Morgut hörte ihr aufmerksam zu und sog all diese Geschichten in sich auf, und doch wollte ein Teil von ihm das Gehörte zunächst beinahe als Phantastereien abtun. Es klang einfach zu unglaublich. Zu sehr nach einer dieser Geschichten, die aus einer wirklichen Begebenheit wachsen, bis sie sich irgendwann so weit von ihr entfernen, dass nur noch Staunen und Ausschmückung übrigbleiben.

Gudi merkte ihm den Zweifel an.

Und weil sie ihn bemerkte, weil sie sehr wohl spürte, dass ihr Bruder ihr glaubte und doch nicht ganz glaubte, wollte sie ihn beeindrucken. Sie wollte es ihm zeigen. Nicht in Erzählung, nicht mit Worten, sondern auf jene Weise, die jede Diskussion beendet.

Also ging sie eines Tages mit Morgut, Miene und Sindra etwas abseits der Stadt, an einen offenen, unscheinbaren Ort, wo keine neugierigen Augen sie von den Wegen aus beobachten konnten, und begann, den Zauber zu wirken. Sie sprach ihn mit Eifer, mit der ganzen Aufregung des Beweisenwollens, mit jener inneren Anspannung, die Magie meist unangenehm macht, wenn sie zu deutlich wird.

Und nichts geschah.

Nicht ein einziger Wirbel.

Nicht einmal ein Hauch von dem, was sie erwartet hatte. Nur Wind, wie Wind eben dort war, und der dumme, unbewegte Boden unter ihren Füßen.

Miene und Sindra lächelten sofort, nicht boshaft, eher auf jene kaum verhüllte Weise, in der Freundinnen erkennen, dass gerade etwas sehr Menschliches geschehen ist. Gudi dagegen war augenblicklich geknickt. Sie hatte ihren Bruder beeindrucken wollen und stand nun da mit einer Rolle in der Hand und einem Zauber, der sich weigerte, anständig vorgeführt zu werden.

Morgut trat näher. Er sagte nichts Tröstendes. Stattdessen nahm er ihr die Schriftrolle beinahe kommentarlos aus der Hand und begann sie zu studieren.

Er las.

Er runzelte die Stirn.

Dann begann er zu grunzen und kurz darauf zu glucksen, halb belustigt, halb begeistert.

„Das ist genial“, sagte er schließlich.

Von diesem Augenblick an war er tief in der Rolle versunken und vergaß die drei Mädchen fast vollständig. Er fing an, halblaut mit sich selbst zu sprechen, wie er es immer tat, wenn ihn etwas wirklich packte und seine Gedanken schneller wurden als seine Höflichkeit.

„Hier“, sagte er und deutete auf eine Stelle. „Hier definierst du das Material.“

Er blickte sich um, hob den Kopf, sah den Boden, das Ufer, das Gras, den feuchten Rand des Weges.

„Das kann hier nicht funktionieren.“

Er sagte es mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als sei es offenkundig, obwohl es für Gudi alles andere als das war.

„Du willst einen Wirbel aus Sand beschwören“, sagte er und deutete wieder auf die Rolle, „hast hier aber keinen Sand. Nur Dreck, Erde, Wurzeln, Steine und viel zu viel Wasser. Ein ganzes Substanzgemisch. Natürlich greift der Zauber dann nicht sauber. Mhhh Wasser.“

Schon war er in einer eigenen Welt. Er dachte nicht mehr an Gudi, nicht an ihre enttäuschte Miene, nicht an Miene und Sindra, sondern nur noch an Formel, Stoff, Trägermedium und Anpassung. Er ging bereits zurück in Richtung Stadt, noch während er weiter über die Rolle gebeugt sprach, und als er bemerkte, dass die anderen nicht neben ihm liefen, war er schon einige Schritte voraus.

Er drehte sich um.

„Was ist“, fragte er.

Die drei starrten ihn an.

„Wir wollen doch einen Wirbel sehen, oder nicht. Ich muss hier und hier“, er deutete mit dem Finger auf zwei Stellen der Rolle, „ein paar Modifikationen vornehmen.“

Und schon war er wieder auf dem Weg, mit Gudi, Miene und Sindra notgedrungen im Schlepptau.

Es dauerte zwei Tage, bis er zufrieden war.

Zwei Tage, in denen er schrieb, strich, neu ordnete, Stoffe prüfte, Wasserverhalten und Formbindung überdachte und Gudi mehrere Male beinahe in den Wahnsinn trieb, weil er zwischendurch stundenlang völlig vergaß, dass sie auf eine Antwort wartete und nicht bloß auf ein Wunder aus seinen Händen. Doch am Ende trat er mit einer neu beschriebenen, sorgfältig überarbeiteten Rolle wieder hinaus ins Freie, mit jenem Ausdruck heller Konzentration im Gesicht, der bei ihm meist bedeutete, dass etwas entweder grandios funktionieren oder ebenso grandios scheitern würde.

Sie gingen zu einer Stelle des Bricht, etwas flussabwärts, wo das Ufer breit genug war und zugleich so verborgen lag, dass von der Straße oder den Wegen aus keine zufällige Beobachtung möglich war. Der Fluss war dort kräftig, nicht wild, aber bewegt genug, dass Wasser unter seiner Oberfläche sichtbar arbeitete. Morgut breitete die Rolle aus und begann den Zauber.

Sekunden später standen die drei Frauen am Rand des Ufers und starrten mit offenen Mündern auf das, was vor ihnen geschah.

Morgut ritt eine Wasserhose.

Nicht hoch und zerstörerisch wie ein Sturm über dem Meer, sondern schlank, kraftvoll, klar geformt, ein aufsteigender Wirbel aus Flusswasser, den er lenkte, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Das Wasser gehorchte ihm. Es hob sich, drehte sich, trug ihn, und Morgut hatte sichtlich Spaß daran. Er lachte laut auf, als er den Wirbel flussaufwärts zog, ihn neigte, wieder aufrichtete und in einer weiten Kurve über die Oberfläche des Bricht gleiten ließ.

Gudi jubelte so laut, dass sogar Vögel aus dem Ufergestrüpp aufflogen.

Miene und Sindra sahen aus, als hätten sie soeben beschlossen, etwas unbedingt ebenfalls beherrschen zu müssen.

Und genau so kam es.

In den folgenden Tagen waren Morgut und Gudi damit beschäftigt, den beiden die Grundlagen dieses Zaubers beizubringen. Wobei es eher so war, dass Miene und Sindra so lange auf Morgut einredeten, ihn bedrängten, ihn baten, verspotteten, umwarben und nicht in Ruhe ließen, bis er sich schließlich erbarmte. Also übten sie. Jeden Tag. Wieder und wieder. Erst an der Rolle. Dann an den Materialdefinitionen. Dann an der Lenkung. Dann an der furchtbar schwierigen Frage, wie viel eigener Wille man in einen Zauber legen durfte, ohne dass dieser sich plötzlich gegen einen selbst entschied.

Es dauerte.

Natürlich dauerte es.

Miene war zu scharf und wollte zu schnell zu viel verstehen, Sindra war anfangs zu vorsichtig und bremste die Form immer im letzten Moment wieder ab, doch nach und nach fanden beide hinein. Erst kamen nur unsaubere, zuckende Wasserkegel zustande, dann spritzende, kurze Ansätze, dann etwas, das wenigstens einen Augenblick lang wie ein richtiger Zauber aussah. Und schließlich gelang es auch ihnen, eine Wasserhose zu beschwören und sie zu reiten.

Von da an verbrachten die vier ihre Tage oft am Fluss, fern genug von neugierigen Blicken, und hatten sichtlich Freude daran. Das Treiben der Älteren störte sie nicht. Auch nicht, dass sie von den großen Gesprächen und Entscheidungen ausgeschlossen waren. Im Gegenteil. Sie hatten etwas Eigenes gefunden. Etwas, das nur ihnen gehörte, das sie forderte, verband und erfüllte.

Und vielleicht war es gerade deshalb so kostbar. Weil zwischen all den dunklen Dingen, die sich in Tandor und weit darüber hinaus zusammenzogen, am Ufer des Bricht noch etwas anderes wachsen durfte. Nicht Politik. Nicht Inquisition. Nicht uralte Schuld.

Nur Freude.

Und das war in jenen Tagen beinahe ebenso selten wie Magie.

Formularbeginn

 

Formularende

 

 

Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Jede Stunde, jede Minute, jeden stillen Zwischenraum, in dem sie nicht mit anderen sprechen, beraten, erklären oder zuhören mussten, suchten sie die Nähe des jeweils anderen. Anadar und Shara wichen kaum noch voneinander. Sie redeten nicht immer viel, und doch waren sie ständig umeinander, so als hätte sich zwischen ihnen eine stille Bahn gebildet, die keiner von beiden mehr verließ. Beim Vorübergehen streiften sich ihre Hände. Ihre Blicke trafen sich, wenn Anadar von einer Schriftrolle aufsah oder Shara gedankenverloren aus dem Fenster blickte. Oft war es nur ein kurzer Blick, kaum länger als ein Atemzug, und doch lag darin mehr, als Worte es in diesen Tagen vermocht hätten.

Vielleicht hatte es schon auf dem Weg zu den Inseln der Winde begonnen. Vielleicht sogar noch früher, in jenen Wochen, in denen sich bereits etwas zwischen ihnen verdichtet hatte, das beide wahrnahmen, ohne es ganz zu benennen. Nun aber wurde es ihnen zum ersten Mal wirklich bewusst. Der Dämon war nicht mehr bei ihnen. Diese dunkle, nagende, immer mitlauschende Gegenwart, die sich zwischen Anadars Gedanken und jede Form von Ruhe gelegt hatte, war fort. Endlich konnten sie sich aufeinander konzentrieren. Für Anadar war das heilsam. Für Shara nicht minder.

Auch ihre morgendliche Übelkeit war mittlerweile verschwunden. Ihr Körper war ruhiger geworden, sicherer, und zugleich spürte sie das Leben unter ihrem Herzen immer deutlicher heranwachsen. Es war nicht mehr nur eine Ahnung, nicht mehr bloß Wissen oder die Bestätigung einer Heilerin. Es war da. Wirklich da. Hin und wieder streckte Shara ihre Gedanken nach dem Kind aus, vorsichtig, fast ehrfürchtig, und jedes Mal war sie aufs Neue erstaunt, was sie dort fand. Noch war es klein, kaum mehr als ein leiser, werdender Geist in warmem Dunkel, und doch erreichten sie bereits Fetzen, Regungen, Gefühle, erste undeutliche Strömungen von etwas, das man mit gutem Willen schon Gedanken nennen konnte. Nicht geordnet. Nicht sprachlich. Aber vorhanden. Eine frühe Freude. Ein Erschrecken. Ein tastendes Empfinden von Nähe und Geborgenheit. So früh schon veranlagt, so zart und doch bereits eigen. Shara begann, eine Bindung zu dem Kind aufzubauen, das sie in sich trug.

Zu ihrer Tochter.

Und zu Anadar.

Manchmal saß sie nur da, die Hand auf ihrem Bauch, und ließ ihre Gedanken zu beiden wandern, zu dem werdenden Leben in ihr und zu dem Mann, der nur wenige Schritte entfernt über Rollen, Büchern und den Wirren der Welt saß und doch mit jeder Faser ihres Inneren verbunden war. Dann überkam sie mitunter eine stille Traurigkeit, kein großer Schmerz, eher ein weiches, langes Seufzen nach etwas, das vielleicht nie ganz ihre Wirklichkeit sein würde. Ein gewöhnliches Leben. Ein Haus. Ein Alltag, der nicht ständig von Magie, Gefahr, Reisen, Inquisitionen, Dämonen und alten Geheimnissen durchzogen war. Sie dachte daran und wusste zugleich, dass ihnen ein solches Familienleben vermutlich nie wirklich bestimmt war.

Sie seufzte.

Anadar hob den Kopf und sah sie an.

„Was ist“, fragte er.

Shara senkte den Blick.

„Nichts“, sagte sie.

Und dachte dabei an so vieles.

Er blieb noch einen Augenblick sitzen, betrachtete sie und legte dann die Schriftrolle aus der Hand. Ohne Hast stand er auf, ging zu ihr hinüber und streckte die Hand nach ihr aus. Sie ergriff sie ohne Zögern. Er zog sie sanft hoch, so dass sie vor ihm stand, und schloss sie in die Arme. In dieser Umarmung lag nichts Fragendes. Nichts Zögerliches. Nur Nähe. Ruhe. Die stille Gewissheit, dass er da war.

„Wie fühlst du dich“, fragte er.

Shara lehnte den Kopf an ihn.

„Momentan“, sagte sie nach einem Augenblick, „geborgen.“

Sie schwieg kurz.

„Wenn ich an das Kommende denke, dann macht es mir nicht direkt Angst. Aber diese Ungewissheit. Sie ist so groß.“

Anadar sagte nichts darauf. Er ließ sie nur nicht los. Seine Hände blieben an ihr, ruhig, warm, als könne allein ihre Berührung etwas von der Ungewissheit aus der Welt nehmen.

„Es bleibt spannend“, sagte er schließlich.

Er wusste selbst, wie offen dieser Satz war, wie vieles er bedeuten konnte, wie sehr er Trost und Warnung zugleich in sich trug. Vielleicht sagte er ihn gerade deshalb. Weil es im Augenblick keine ehrliche, einfache Antwort gab.

Nach einer Weile sprach er weiter.

„Du willst das Kind nicht in der Feste bekommen.“

Es war kein Vorwurf. Eher die erneute Berührung eines Themas, das zwischen ihnen längst stand. Sie hatten darüber schon mehr als einmal gesprochen. Er kannte ihre Argumente. Und, was ihn beinahe mehr schmerzte, er teilte sie sogar. Die Feste war kein Ort, um ein Kind zu bekommen. Nicht mit ihren Mauern voller Geschichte und halb verborgener Gewalt, nicht mit den Archiven des Lichtes unter dem Stein, nicht mit den offenen Fragen, nicht mit der Unruhe, die überall in den Gängen zu spüren war. Zoordak war geeigneter. Sicherer. Wärmer. Behüteter.

Anadar wusste das.

Und doch wusste er auch, was es bedeutete. Dass sie dann nicht mehr zusammen Zeit verbringen konnten, nicht so, nicht in dieser stillen Selbstverständlichkeit. Und dieses Wissen schmerzte ihn mehr, als er es nach außen zeigte. Ein Teil von ihm wünschte sich in diesen Tagen mit fast gefährlicher Kraft, die Welt möge für einen einzigen Moment aufhören, sich weiterzudrehen. Möge stillstehen. Möge ihm gestatten, all das hinter sich zu lassen und einfach bei seiner Familie zu sein. Die Versuchung war groß. Größer, als er es je für möglich gehalten hätte.

Er zog sie fester an sich.

Dann küsste er sie.

Es war kein flüchtiges Zeichen, kein halber, scheuer Kuss, wie er früher vielleicht zwischen ihnen gestanden hätte. Es war ein offenes, klares, ruhiges Bekenntnis. Etwas, das er so noch nie gezeigt hatte, jedenfalls nicht auf diese Weise. Shara schloss die Augen und genoss jede Sekunde davon, wissend, dass sie die Zeit nicht anhalten konnte, um diesen Augenblick für immer festzuhalten, und gerade deshalb kostete sie ihn umso tiefer aus. Seine Nähe. Seine Wärme. Seine Lippen. Die stille Verzweiflung und das große Glück, die beide zugleich in ihr aufstiegen.

Als sie sich voneinander lösten, blieben sie noch eng beieinander stehen.

Draußen drehte die Welt sich weiter. Menschen berieten sich. Meister planten. Alte Feindschaften regten sich. Neue Schulen suchten noch ihre Form. Boten ritten. Berichte wurden geschrieben. Unter Trümmern im Norden lag ein gebannter Hunger und wartete vielleicht nur auf seine Stunde.

Doch hier, in diesem einen kleinen, kostbaren Moment, hielten sie einander fest, als könnten sie wenigstens dies gegen die Bewegung der Welt behaupten.

Und vielleicht war genau das genug. Für jetzt.

 

 
 
 

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