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Anadar V/III

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 2. Mai
  • 65 Min. Lesezeit


 XIV

Die Fortschritte, die beim Wiederaufbau der Feurigen Feste gemacht worden waren, erfüllten Manador mit aufrichtigem Stolz.

Wenn er am Morgen über die oberen Gänge ging oder am Abend vom inneren Hof aus auf die Dächer und Mauern blickte, dann sah er kaum mehr jenen Ort, der nach der Schlacht mit dem Dämon wie eine halbe Wunde in der Küste gelegen hatte. So nannten es inzwischen ohnehin alle unter den Feuermagiern. Die Schlacht mit dem Dämonen. Es war zu einem feststehenden Ausdruck geworden, kurz, schwer und groß genug, um vieles darunter zu versammeln, was man nicht jedes Mal einzeln aussprechen wollte.

Beinahe jede Verwüstung war inzwischen beseitigt.

Mehr noch, an vielen Stellen war die Feste schöner daraus hervorgegangen, als sie es zuvor gewesen war.

Die eingestürzten Mauerkanten waren nicht einfach nur ausgebessert, sondern sauber neu gesetzt worden, mit besser verzahntem Stein und kräftigeren Bindungen gegen Wind und Salz. Die Dächer der südlichen Trakte hatte man nicht bloß neu gedeckt, sondern steiler ziehen lassen, damit Regen und Gischt leichter abliefen. In zwei der Innenhöfe waren die alten Abflüsse neu gefasst worden, und zum ersten Mal seit langer Zeit stand dort nach starkem Wetter kein stinkendes Wasser mehr in flachen Mulden. Die Übungsplätze hatten einen neuen Belag bekommen, härter, ebener und mit sauber markierten Brennkreisen, sodass das alltägliche Training nun weniger nach zufälligem Austoben und mehr nach einer Schule aussah, die wusste, was sie tat.

Auch die Schmiede war verbessert worden. Saltor hatte darauf bestanden, und wie so oft hatte er recht behalten. Die Esse zog besser, die Luft war klarer, der Raum sinnvoller angeordnet. Werkzeuge, die früher in Kisten oder an Haken gesucht werden mussten, hingen nun an festen Plätzen. Die Vorratsräume waren trocken gelegt worden. Die Schlafsäle der Schüler hatten neue Fensterläden bekommen, und in einigen Räumen sogar richtiges, ordentlich eingesetztes Glas. Manador hätte früher nicht gedacht, dass ihn so etwas freuen könnte, doch wenn am Morgen Licht ruhig durch Fensterscheiben fiel statt durch notdürftig gespannte Tierhaut, dann sah selbst eine Feuerschule für einen Augenblick fast zivilisiert aus.

Im großen Hof hatte man die Risse im Pflaster geschlossen, die verkohlten Stellen ausgekratzt und die verbrannten Holzbalken durch dunkles, hartes Küstenholz ersetzt. Man hatte selbst die Stelle, an der das schlimmste Chaos geherrscht hatte, nicht einfach zugemacht, sondern neu geordnet. Wo früher bloß offene Fläche gewesen war, standen nun zwei niedrige Steinbecken, in denen auch bei trockenem Wetter Wasser vorrätig gehalten wurde. Ein Zugeständnis an Vernunft, hätte Rotsch vermutlich gesagt, und an die Einsicht, dass selbst eine Feuerschule gelegentlich etwas gegen Feuer brauchen könnte.

Überhaupt war es nicht nur das Bauwerk, das ihn stolz machte.

Es war die Art, wie die ganze Schule sich hineingeworfen hatte. Schüler, Meister, alte Diener, Handwerker, jeder hatte mit angepackt, geschleppt, gesetzt, geflickt, geplant, gestritten und weitergemacht. Nicht alles war ordentlich geschehen. Feuermagier taten sich mit geordnetem Wiederaufbau ungefähr so leicht wie mit leisem Einvernehmen. Aber sie hatten gearbeitet. Mit Wucht, mit Trotz und oft genug mit echter Hingabe. Und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Einzig der Fund in der Mauer war von all dem ausgenommen.

Dort hatte Manador eine richtige Tür einsetzen lassen, solide, unauffällig und schwer genug, dass man sie nicht aus Neugierde mit der Schulter aufdrückte. Darüber war ein Siegel gelegt worden, das nur er und Saltor lösen konnten. Es war keine prachtvolle oder mystische Tür geworden. Eher eine nüchterne Grenze zwischen dem sichtbaren Leben der Schule und jenem stillen, verborgenen Teil, der darunterlag und der, je öfter Manador an ihn dachte, umso weniger zu seiner Natur zu passen schien.

Denn so bedeutsam der Fund auch war, so wenig war er für ihn gemacht.

Er hatte es versucht. Mehr als einmal. Er hatte sich mit Rollen und Abschriften hingesetzt, hatte gelesen, war wieder an den Anfang zurückgegangen, hatte einzelne Stellen noch einmal genommen, langsamer diesmal, mit mehr Geduld, mit mehr gutem Willen. Doch seine Gedanken schweiften ab. Immer wieder. Er las einen Absatz und merkte zwei Sätze später, dass er innerlich längst bei ganz anderen Dingen war. Beim Zustand der westlichen Mauer. Beim nächsten Vorratskauf. Bei den Schülern. Bei der Frage, warum einer der neuen Waffenständer schief stand, obwohl er ausdrücklich gesagt hatte, dass so etwas nicht schief stehen durfte.

Dann nahm er dieselbe Rolle noch einmal zur Hand, las erneut, zwang sich beinahe dazu, und spätestens beim dritten Anlauf wusste er, dass dies nichts werden würde.

Nicht weil er dumm gewesen wäre.

Es war einfach nicht seine Art von Hunger.

Er konnte lesen, gewiss. Er konnte verstehen, wenn es sein musste. Aber dieses lange, tiefe Sichhineinbohren in fremde, alte, schmale Schrift, dieses Verweilen bei Begriffen, Möglichkeiten, historischen Verästelungen und gelehrten Folgerungen, das war nichts, was in ihm Freude auslöste. Andere würden daran eher Geschmack finden. Anadar zum Beispiel. Der Mann wäre wahrscheinlich schon nach der ersten Rolle wach geworden wie andere beim Geruch von gebratenem Fleisch.

Manador hingegen verlor das Interesse daran immer wieder rasch und fast ein wenig schuldbewusst.

Dafür war er inzwischen deutlich geübter darin geworden, Dekan einer Schule zu sein.

Das erstaunte ihn selbst am meisten. Er wurde sicherer. Ordnender. Er erkannte schneller, was wichtig war und was nur Lärm erzeugte. Innerdisziplinäre Politik war dabei sogar einfacher, als er anfangs befürchtet hatte. Feuermagier waren es gewohnt, Befehle zu erhalten und Befehle zu befolgen, sofern man sie mit genug Klarheit und genug Rückgrat aussprach. Wer zauderte, verlor. Wer zu lange erklärte, ebenfalls. Wer standhielt, gewann meist schon dadurch, dass die anderen schneller laut wurden.

Interdisziplinäre Politik war etwas ganz anderes.

Dort vermisste er Rotsch.

Rotsch war so geschickt darin gewesen, die anderen zu spielen, ohne dass sie es sofort bemerkten. Er hatte Gesichter lesen können, Pausen, Eitelkeiten, kleine Schwächen, lange Gewohnheiten. Leider hatte Rotsch ausgerechnet Anadar als seinen Nachfolger im Geiste auserkoren und sich mit einer Geduld an ihm abgearbeitet, die Manador im Rückblick beinahe rührte. Natürlich hätte Anadar es nach einiger Übung ebenso verstanden, sich diplomatisch durch solche Dinge zu bewegen. Vielleicht sogar besser als Rotsch. Wenn er nur gewollt hätte. Aber Anadar hatte nun einmal immer einen eigenen Kopf gehabt, und wie es aussah, lebten sie ohnehin in Zeiten, in denen die alte Ordnung, die seit Jahrhunderten bestanden hatte, langsam ins Wanken geriet.

Es gab Zeichen dafür.

Mehr als genug.

Und nun war er Dekan. Nicht von Anadars Gnaden, daran dachte er manchmal mit beinahe kindischem Trotz. Nein, er war es geworden, weil die Dinge sich so gefügt hatten und weil jemand diese Schule führen musste. Nun versuchte er, in große Fußstapfen zu treten, ohne sich von ihnen klein machen zu lassen.

Saltor war ihm dabei eine enorme Hilfe.

Es war Saltor gewesen, der ihm gezeigt hatte, wo Rotsch seine Notizen aufbewahrt hatte. Und Rotsch hatte, wie sich herausstellte, tatsächlich ausführlich Buch geführt. Nicht bloß über Vorgänge in der Feurigen Feste, sondern über beinahe alles, was ihm politisch bemerkenswert erschienen war. Protokolle jeder Konklave. Randbemerkungen. Nachträge. Kleine, treffende Einschätzungen. Dazu, zu Manadors wachsendem Erstaunen, ein Dossier über jeden anderen Meister, der regelmäßig an den Zusammenkünften der Schulen teilgenommen hatte.

Manche dieser Dossiers waren kurz.

Andere lang.

Und all das fand Manador ehrlich gesagt erheblich interessanter als das Studium der Rollen über Licht aus dem Keller.

Hier ging es um Menschen.

Um ihre Angewohnheiten, ihre Schwächen, ihre Bündnisse, ihre Abneigungen, ihre Eitelkeiten und ihren Wert. Das verstand er. Das konnte er gebrauchen. Das war eine Art von Wissen, die sich nicht unter Staub und alten Pergamenten versteckte, sondern im täglichen Leben wirkte.

Es klopfte an seiner Tür.

Sehr vorsichtig.

So vorsichtig, dass es eher klang, als hoffe jemand, nicht gehört zu werden.

„Herein“, sagte Manador.

Die Tür öffnete sich nicht.

Er blickte auf, runzelte die Stirn und sagte, diesmal etwas lauter: „Herein, bitte.“

Wieder zögerte es.

Dann ging die Tür langsam auf.

Vor ihm und halb noch auf dem Gang standen acht junge Damen. Die Schülerinnen des Geistes, die nun auch Feuermagie erlernen sollten und wollten. Er wusste aus Berichten, dass sie sich gar nicht so schlecht anstellten. Er wusste ebenso, dass sie erheblich Unruhe unter die bislang ausschließlich männlichen Feuerschüler gebracht hatten, was ihn nicht überraschte und Saltor amüsierte.

Manador erhob sich halb aus seinem Stuhl.

„Was kann ich für euch tun, meine Damen.“

Die vordere der jungen Frauen räusperte sich. Osonde oder Asina, er war sich unsicher. Sie drehte sich halb um und flüsterte der hinter ihr Stehenden etwas zu. Diese flüsterte wiederum der dritten etwas zu, die der ersten mit einer kaum verhohlenen Handbewegung bedeutete, sie solle nun endlich sprechen. Die erste wurde darauf mit sanftem Nachdruck ein Stück weiter in den Raum geschoben.

„Meister Manador, Dekan, ähm…“

„Was gibt es denn“, fragte er und versuchte, hilfreich zu klingen. „Ist etwas passiert. Gibt es einen Grund zur Beschwerde. Ist irgendetwas vorgefallen.“

Sein Bemühen half nicht. Im Gegenteil. Die junge Frau schien dadurch noch einen halben Schritt in sich selbst zurückzuweichen.

„Nein. Äh. Dekan Manador.“ Sie hielt einen Brief in der Hand. „Unsere Mutter möchte, dass ihr das lest.“

Sie trat vor, legte den Brief auf seinen Schreibtisch und ausdrücklich nicht in seine ausgestreckte Hand, als fürchte sie, sie müsse ihm dabei zu nahe kommen oder der Brief könne auf halbem Weg Feuer fangen. Dann machte sie rasch einen Schritt zurück.

„Danke, Herr.“

Sie knickste, etwas zu tief, etwas zu hastig, drehte sich um und verließ den Raum beinahe rückwärts, sieben andere junge Damen im Schlepptau, alle leise tuschelnd. Eine stieß im Hinausgehen fast gegen den Türrahmen, fing sich aber rechtzeitig. Keine von ihnen schloss die Tür.

„Wenigstens die Tür hätten sie zumachen können“, murmelte Manador in sich hinein.

Dann nahm er den Brief auf.

Er brach das Siegel.

Manador,

die Zeiten sind andere. Unser Schicksal ist nicht mehr nur ein gerader Pfad, sondern im Wandel begriffen. In wenigen Tagen treffen viele von uns in Tandor zusammen, um unser Schicksal zu lenken, und ich denke, du solltest dabei nicht fehlen.

Mutter

Manador las die wenigen Zeilen zweimal.

Dann noch ein drittes Mal, obwohl nichts daran missverständlich war.

Er legte den Brief langsam nieder. Eine ganze Reihe von Gedanken ging ihm zugleich durch den Kopf. Tandor. Mutter. Viele von uns. Unser Schicksal zu lenken. Es war gerade vage genug, um nach ihr zu klingen, und gerade bestimmt genug, um nicht ignoriert werden zu können.

Er blieb noch einen Augenblick sitzen.

Dann stand er so schnell auf, dass der Stuhl hinter ihm ein Stück nach hinten rutschte.

„Saltor“, donnerte seine Stimme durch die Gänge.

Kurz darauf, noch lauter:

„Saltor. Sattel mein Pferd.“

Formularbeginn

 

FormularendeXV

Gnok war sich der Gefahr sehr wohl bewusst, die Gudi und ihre Unerfahrenheit darstellten.

Nicht weil er ihr misstraute. Im Gegenteil. Gerade weil sie ihm vertraute, weil sie vieles hinnahm, vieles schnell lernte und manches noch gar nicht ahnte, war sie verwundbar. Und Gnok war sich ebenso bewusst, dass Hokn`f genau darauf setzte. Er wollte ihn ärgern, ihn unter Druck setzen, seine Bewegungsfreiheit einschränken und ihn am liebsten so weit in Gewohnheiten und Rechtfertigungen verstricken, dass er sich irgendwann selbst lähmte.

Gnok merkte längst, dass man ihn beobachtete.

Er merkte es an den Blicken, die zu lange auf ihm lagen. An Schülern, die plötzlich ein viel zu lebhaftes Interesse an Wegen, Uhrzeiten und seinen Gewohnheiten entwickelten. An stillen Gestalten in Höfen, an Fenstern, an einem Schatten im Gang, der zu oft derselbe war. Auch draußen in der Wüste, spürte er irgendwann, dass man ihm folgte. Nicht gut. Nicht dicht genug. Aber doch so, dass jeder, der alt genug war, gelernt hatte, wie Beobachtung sich anfühlte, es nicht übersehen konnte. Dann machte er mit Gudi abends n der Wüste nur harmlose Übungen und zeigte ihr wie man einen Teppich in der Luft hielt, einfache unverfängliche Übungen.

Also spielte er das Spiel mit.

Das konnte er nämlich auch.

Und so wurde Gnok wieder die langweiligste Person des ganzen Planeten.

Er fiel zurück in ein Muster, das er schon früher gepflegt hatte, wenn Leute glaubten, ihm auf die Finger sehen zu müssen. Eine immer gleiche Routine. Ein Mann mit festen Zeiten, kleinen Spaziergängen, harmlosen Ausflügen in die Wüste, belanglosen Zaubern und allabendlichen Märchenstunden in seinem Turm. Nichts Unregelmäßiges. Nichts, das auffiel. Keine unbedachte Bewegung, kein heimlicher Eifer, kein nächtliches Verschwinden, das zu klar nach Absicht roch.

Glücklicherweise spielte Gudi dieses Spiel mit, ohne groß Fragen zu stellen.

Sie war jung genug, um die Wiederholung zu finden, und klug genug, um doch zu begreifen, dass ihr Lehrer Gründe hatte, die er nicht jeden Abend neu erklärte.

Gnok kannte so etwas.

Hokn`f hatte ihn oft genug zur Zielscheibe gemacht. Und andere vor ihm ebenso. Es gab immer diese Sorte Menschen, die Stille, Abweichung und altes Wissen nicht ertragen konnten, wenn sie es nicht kontrollierten. Gnok hatte längst aufgehört, sich darüber zu wundern. Er war alt genug geworden, um zu wissen, dass Vorsicht selten feige und oft nur die ausgereifte Form von Überleben war.

Gerade deshalb kam die Nachricht von Mutter ungelegen.

Nicht, weil er sie nicht hätte ernst nehmen wollen. Im Gegenteil. Wenn Mutter ihn rief, dann nicht aus Laune. Dazu kannten sie einander viel zu lange. Und nicht nur sie beide hatten seit sehr langer Zeit auf genau diesen Moment gewartet.

Aber ihr Ruf bedeutete, dass er gehen musste.

Und das wiederum bedeutete, dass er Gudi unbeaufsichtigt zurücklassen müsste.

Hokn`f würde diese Gelegenheit nutzen, daran zweifelte Gnok nicht einen Augenblick. Er würde Fragen stellen lassen, Gudi beobachten, vielleicht einladen, vielleicht drängen, vielleicht schmeicheln, alles auf seine höfliche Weise. Und Gnok stand selbst unter Beobachtung. Er konnte nicht einfach ohne Erklärung nach Norden reiten. Mutter würde es nicht schätzen, wenn ausgerechnet Hokn`f, der inoffizielle Anführer der Eiferer, Wind von einem Treffen bekam, das noch im Entstehen war.

Also dachte Gnok mehrere Tage darüber nach, was zu tun sei.

Er ging die Möglichkeiten durch, verwarf sie, nahm sie wieder auf, ließ sie liegen. Konventionelles Reisen war zu sichtbar. Heimliches Verschwinden zu auffällig. Eine Ausrede zu riskant. Vor allem aber blieb die Frage nach Gudi.

Was sollte er mit dem Mädchen tun.

Sie wusste bereits zu viel.

Genug jedenfalls, dass man aus ihr etwas hätte herauspressen können, wenn man sich Mühe gab. Genug auch, dass sie nicht mehr bloß irgendeine Schülerin war, die ein bisschen mit Wind und Wasser spielte und darüber staunte. Sie war längst tiefer hineingeraten. Vielleicht war gerade das die Antwort.

Warum eigentlich nicht noch mehr.

Gnok dachte sich, dass, wenn Hokn`f sie später nach Geheimnissen ausquetschen sollte, diese Geheimnisse auch so groß und so unglaublich sein konnten, dass selbst dann noch jeder annehmen musste, das Mädchen phantasiere oder sei von seinen Märchen verwirrt worden.

Und so entschied er sich dafür, Gudi mit in die große Welt zu nehmen.

Es war keine leichte Entscheidung. Nicht für ihn. Nicht wegen des Risikos. Sondern weil er damit etwas tat, was er sonst lieber vermied. Er kam aus der Deckung. Nicht unvorsichtig. Aber deutlich genug, dass er sich hinterher nicht mehr einreden konnte, alles sei nur eine harmlose Fortsetzung seiner kleinen Übungen gewesen.

An einem Abend saßen sie wieder in seinem Turm.

Draußen war der Himmel tiefblau und schon fast schwarz an den Rändern, und durch die hohen Fenster fiel jenes letzte Licht, das Dinge für einen kurzen Moment noch friedlich aussehen lässt, obwohl sie es nicht sind. Auf dem Tisch lagen Karten, Rollen und Zahlenfolgen. Gnok beugte sich darüber, murmelte vor sich hin und strich mit knochigen Fingern Linien entlang, während Gudi in zunehmender Lautstärke jammerte.

„Diese Tage sind langweilig“, erklärte sie zum wiederholten Male. „Langweilig und Lang-weil-ig Wenn ich noch einmal nur Wasser ziehen und wieder fallen lassen soll, dann werde ich selber zu Wasser und fließe aus dem Fenster.“

Gnok antwortete nicht sofort. Er hatte keine Zeit für ihre Klage. Er konnte sich in den Formeln keinen Fehler erlauben. Nicht in diesem Zauber. Das wäre ungeschickt, und er hatte ihn seit einem Zeitalter nicht mehr gewirkt.

„Können wir nicht heute Abend hinausschleichen“, fragte Gudi. „Mir ist langweilig. Auch wenn wir nur einfache Zauber üben. Oder gar nichts. Hauptsache nicht wieder dieselbe Wand, derselbe Teppich, derselbe Stuhl und du mit diesem Gesicht.“

„Welchem Gesicht“, murmelte Gnok.

„Dem Gesicht, das du machst, wenn du denkst, dass alle anderen dumm sind.“

„Dann müsste ich es ziemlich oft machen“, sagte er abwesend.

„Machst du auch.“

Er nickte in ihre Richtung, ohne wirklich hinzusehen. „Ja, wir werden heute Nacht hinausschleichen.“

Gudi saß sofort aufrechter. „Wirklich.“

„Bestimmt.“

„Wirklich wirklich.“

Gnok hob einen Finger, um ihr zu bedeuten, dass sie sich einen Augenblick gedulden sollte. Sein Blick blieb auf den Formeln. Er fuhr noch einmal mit dem Finger die Zeichen nach, murmelte Zahlen, Orte, Richtungen. Tandor also. Ja. Das würde gehen.

Wie sie zurückkamen, darüber konnte er ein andermal nachdenken.

Er hatte diesen Zauber seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt. Er beinhaltete einige Risiken. Konventionelles Reisen war viel einfacher. Aber konventionelles Reisen war in diesem Fall eben auch viel auffälliger und konnte verfolgt werden.

Er stand auf.

Gudi verstummte sofort.

Gnok trat in die Mitte des Raumes, zog mit Kreide und einem schmalen Metallstab Zeichen auf den Boden und begann zu murmeln. Die Linien liefen in einem Bogen zusammen, erst flach, dann höher, und Gudi starrte ihn an, als hätte er begonnen, mitten im Wohnzimmer einen eigenen Mond zu bauen.

„Was machst du da“, fragte sie.

Er antwortete nicht.

„Gnok.“

Keine Antwort.

„Meister Gnok.“

Immer noch keine Antwort.

„Wenn das wieder nur eine Übung ist, dann finde ich es unhöflich, dass du sie so geheimnisvoll beginnst.“

Er ließ sich nicht stören. Der letzte Kreis schloss sich. Die Luft im Raum spannte sich. Ein feines, kaum sichtbares Zittern ging durch die Mitte des Zeichens, und dann stand dort plötzlich ein Bogen aus violettem Licht. Nicht groß, nicht lodernd, eher wie eine sauber geöffnete Wunde im Raum, still und tief und unerquicklich entschieden nicht für gewöhnliche Schülerinnen gedacht.

Gudi sprang auf.

„Was ist das.“

„Bitte tritt da durch, Kind“, sagte Gnok.

Sie sah den Bogen an. Dann ihn. Dann wieder den Bogen.

„Nein.“

„Doch.“

„Nein.“

„Die andere Seite“, sagte er trocken. „Bitte durch die andere Seite. Nicht seitlich. Nicht mit den Händen zuerst. Oh bei allem Wind, Mädchen.“

Sie sah ihn immer noch an.

„Nun mach schon.“

Er deutete ein wenig ungeduldig, und sie tat schließlich, wie ihr geheißen. Einen Schritt nur. Dann noch einen. Dann verschluckte das violette Licht sie.

Gnok folgte ihr unmittelbar danach.

Für Gudi fühlte es sich an, als hätte jemand sie durch einen viel zu engen Spalt gezwungen, obwohl sie gleichzeitig nirgends anstieß. Die Welt wurde nicht dunkel, sondern falsch. Alles drehte sich und stand gleichzeitig still. Der Boden verschwand, der Magen ebenfalls, nur auf unangenehme Weise. Als sie wieder wirklich irgendwo war, landete sie hart auf Stein und übergab sich augenblicklich.

Sie hätte, wenn Denken in diesem Augenblick noch möglich gewesen wäre, sich vielleicht gefragt, was Gnok ihr da angetan hatte.

Es war dunkel um sie herum. Nicht völlig, aber dunkel genug, dass alles nur aus Kanten und Schatten zu bestehen schien. Kalte Luft lag in dem Raum, den sie nicht sehen konnte. Hinter ihr hörte sie einen Schlag, ein Fluchen und kurz darauf das unvertraute Geräusch eines Mannes, der sich ebenfalls übergab.

Gnok lag neben ihr.

„Ich mochte das noch nie“, keuchte er zwischen zwei Atemzügen. „Es ist so anstrengend.“

Da lagen sie nun. Eine Schülerin und ihr Meister, beide aus einer anderen Wirklichkeit gefallen, beide mit dem Gesicht fast auf kaltem Stein, beide in einer Würdelosigkeit vereint, die für einen Augenblick jede Rangordnung aufhob.

Nach einigen Minuten hörte die Welt auf, sich zu drehen.

Gnok richtete sich zuerst auf. Mühsam, aber mit jener störrischen Würde, die ältere Männer oft gerade dann entwickeln, wenn sie soeben jede Würde verloren haben.

Er streckte sich, als sei das Ganze lediglich eine etwas unpraktische Form von Reise gewesen.

„Der erste Teil ist geschafft“, sagte er. „Ich bereite schon die zweite Passage vor.“

Gudi starrte ihn aus großen, ungläubigen Augen an.

Dann schoss es ihr wieder durch den Magen. Sie drehte den Kopf zur Seite und übergab sich erneut, diesmal mit ausdrücklichem innerem Widerstand gegen alles, was Gnok in den nächsten Augenblicken tun wollte.

Nein.

Nein, nein, nein.

Ganz sicher nicht noch einmal.

Alle Worte der Weigerung standen ihr in Kopf und Kehle bereit, doch ehe sie etwas aussprechen konnte, sagte Gnok, als höre er ihre Gedanken:

„Hier kannst du nicht bleiben, Mädchen.“

Sie hob den Kopf.

Er stand bereits wieder in der Mitte eines zweiten, weitaus kleineren Raumes oder Korridors, zeichnete erneut Zeichen auf den Boden und murmelte Formeln, als sei nichts geschehen.

„Auf der anderen Seite wartet dein Bruder.“

Das war unfair.

Gudi hielt mitten im Protest inne.

„Was.“

„Nun stell dich nicht dümmer als nötig. Die zweite Passage ist kürzer. Vermutlich.“

„Vermutlich.“

„Man soll dem Zauber keine Unsicherheit zeigen“, sagte Gnok streng. „Das macht ihn empfindlich.“

„Meister Gnok.“

„Ja.“

„Ich hasse euch ein wenig.“

„Das wird vorübergehen.“

„Hoffentlich nicht.“

Er lächelte schief, ohne aufzusehen. Dann gab er den Zauber frei.

Der violette Bogen erschien wieder vor ihnen.

Gudi schloss kurz die Augen.

Dann stand sie auf. Noch etwas schwankend, noch mit der bitteren Gewissheit im Magen, dass sie diesen Abend in jeder vernünftigen Erinnerung hassen würde. Aber auch mit jener aufgeregten Spannung, die sich gegen alle Vernunft durchsetzte, sobald man jung genug war und einem gesagt wurde, dass auf der anderen Seite der Welt der eigene Bruder wartete.

„Wenn ich sterbe“, murmelte sie und wischte sich den Mund ab, „dann spuke ich euch bis an euer letztes Lebensende.“

„Durch die andere Seite“, sagte Gnok nur.

Und Gudi trat noch einmal in das violette Licht.

Formularbeginn

 

Formularende

XVI

Die Exhumierung brachte das unerwünschte Ergebnis und damit die Gewissheit.

Kolnidranooora war tot.

Der Windmagier lag in einer schlichten Holzkiste verscharrt, namenlos, ohne Zeichen, ohne Würde, als wäre er irgendein fremder Matrose gewesen, den das Meer ausgespuckt und den niemand mehr beansprucht hatte. Als der Friedhofsarbeiter mit schwerfälligen, geübten Bewegungen die letzten Bretter freilegte und der Deckel zur Seite gehoben wurde, trat für einen Moment niemand näher. Selbst Roto, der sonst dazu neigte, jedes Schweigen mit irgendeinem Laut zu verscheuchen, blieb still.

Erst Sinadie war es, die den ersten Schritt machte.

Der Geruch war nicht mehr der frische, scharfe Geruch des Todes. Dafür war es zu lange her. Er war dumpfer geworden, schwerer, in Erde und feuchtes Holz gesunken, nah an etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen war. Kolnidranooora lag auf dem Rücken, in den Resten seiner Kleidung, die durch Nässe, Zeit und Boden fast farblos geworden war. Das Gesicht war verändert, wie jedes Gesicht sich verändert, wenn es zu lange nicht mehr von Leben gehalten wird, doch genug war geblieben, um keinen Zweifel zu lassen.

Roto schluckte schwer.

„Kol“, sagte er leise, und es war eines der wenigen Male, dass sein sonst so großzügiger Tonfall klein klang.

Isidre trat neben Sinadie. Son und Indra blieben etwas weiter zurück, aus Respekt oder vielleicht auch, weil sie nicht das Gefühl hatten, in diesen ersten Augenblick zu gehören. Miene und Sindra standen hinter ihnen, beide stiller als sonst, beide mit jener unbeholfenen Ernsthaftigkeit junger Frauen, die dem Tod schon begegnet sind und doch nie ganz begreifen, wie still ein lebloser Bekannter wirken kann.

Die Untersuchung der Leiche brachte keine wirklichen Erkenntnisse mehr.

Man besah die Kehle, soweit es noch sinnvoll war, die Hände, die Kleidung, den Körper insgesamt. Es war keine kunstvolle Ermordung gewesen, kein Ritual, kein seltsamer Zauber, der sich noch in Spuren erkennen ließ. Die Kehle war ihm durchgeschnitten worden. Sauber genug, tief genug, eindeutig tödlich. Son und Indra hielten sich bei ihren Einschätzungen zurück, und selbst Isidre, die sonst alles mit sicherer Präzision zu benennen wusste, konnte nur sagen, dass hier keine große verborgene Wahrheit mehr im Fleisch lag.

Kol war getötet worden.

Mehr ließ sich nicht aus ihm lesen.

Schließlich wurde der Deckel wieder geschlossen.

Die Männer, die das Grab geöffnet hatten, schoben die Erde zurück, erst mit Schaufeln, dann mit jenem schweren, stumpfen Klang, den lose Erde macht, wenn sie wieder auf Holz fällt. Roto stand die ganze Zeit daneben und sah zu. Einmal schien es, als wolle er etwas sagen, vielleicht einen Fluch, vielleicht eine Erinnerung, doch er tat es nicht.

Als das Grab wieder geschlossen war, setzte man einen schweren Stein darauf.

Nicht groß, nicht feierlich, aber solide. Sinadie trat vor, legte die Hand darauf, murmelte einen kurzen, nüchternen Zauber, und langsam fraß sich der Name in die Oberfläche.

Kolnidranooora.

Nicht schön geschwungen. Nicht prunkvoll. Nur klar.

Danach pflanzten Miene und Sindra Blumen davor. Es waren keine besonderen Blumen, nur jene kleinen, zähen Frühlingspflanzen, die auch mit wenig Milde zurechtkamen. Sie wirkten auf dem feuchten Erdreich beinahe zu lebendig.

Roto zog schließlich einen kleinen Beutel hervor und drückte ihn dem Friedhofsarbeiter in die Hand, der nebenan bereits ein neues Grab aushob und die ganze Angelegenheit mit der müden Gleichgültigkeit eines Mannes verfolgte, der mehr Tote gesehen hatte, als ihm lieb sein konnte.

„Kümmert euch darum“, sagte Roto.

Der Mann wog das Geld in der Hand, nickte knapp und sagte nichts weiter.

„So endet also ein ruhmreiches Leben“, seufzte Roto, als sie sich vom Grab entfernten.

Es klang nicht pathetisch. Eher ratlos. Fast beleidigt von der Schlichtheit dieses Endes. Als hätte er erwartet, dass auf einen Mann wie Kol wenigstens ein würdigerer Tod warten müsste als eine namenlose Kiste in feuchter Erde.

Eine Weile gingen sie schweigend den schmalen Weg zwischen den Grabreihen hinunter. Vom Hafen her war das Meer zu hören, dumpf und gleichmäßig. Ein Wind kam auf, kühl und mit dem Geruch von Salz.

Roto war der Erste, der die Stille brach.

„Ich frage mich“, sagte er und blickte dabei nicht zu den anderen, „wer ihm die Kehle durchgeschnitten hat. Wer ist der ruchlose Mörder von Kolnidranooora.“

Son, die sonst eher schweigsam war, hob den Kopf leicht. „Eventuell“, sagte sie, „kann euch Kral, der betrunkene Käptain, noch einmal weiterhelfen.“

Ein kaum merkliches Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Vielleicht trefft ihr ihn diesmal nüchterner an.“

Indra nickte. „Er schien genug zu wissen, als dass es nur Gerüchte gewesen wären.“

Roto dachte darüber nach und strich sich über das Gesicht.

„Der Große Markt liegt ohnehin auf eurer Richtung“, sagte er schließlich und blickte Sinadie und Isidre an.

Die beiden nickten.

„Miene und ich können euch bestimmt helfen, diesen Kral zu einer besseren Aussage zu führen“, warf Sindra ein. Sie sagte es fast ein wenig zu rasch, als wäre jede neue Aufgabe besser als zu viel Zeit zum Nachdenken.

„Oder wir helfen wenigstens dabei, seine Betrunkenheit zu überstehen“, murmelte Miene.

Das war beinahe ein Scherz, und tatsächlich schnaubte selbst Roto kurz.

Also machten sie sich auf den Rückweg zum Großen Markt.

Die Straße dorthin war lang genug, um Gedanken Zeit zu geben, sich festzusetzen. Das Grab blieb hinter ihnen, aber nicht die Frage. Wer hatte Kol getötet. Warum. Weshalb auf einem Schiff. Weshalb auf diese Weise. Und wer waren die zwei merkwürdig schlanken Angreifer, von denen Kral gesprochen hatte.

Als sie den Großen Markt wieder erreichten, waren die Spuren dünn geworden.

Kral war seit Tagen nicht mehr gesehen worden.

Manche behaupteten, er habe mitten in der Nacht den Markt verlassen. Andere wollten ihn noch morgens irgendwo am Rand eines Stalles gesehen haben. Ein Wirt war sich sicher, dass er gar nicht wirklich weggegangen, sondern nur unter einen anderen Tisch gerutscht sei. Nichts davon half. Niemand konnte sagen, in welche Richtung er verschwunden war, und je länger sie fragten, desto deutlicher wurde, dass Kral von jener schlüpfrigen Sorte Mensch war, die Spuren hinterließ, aber nie genug, um ihnen sauber zu folgen.

So kam es, dass die sieben schließlich weiter nach Tandor ritten.

Der Frühling hatte inzwischen Regen gebracht. Kein heftiges Wetter, eher dieses lange, dünne, graue Nieseln, das Wege aufweicht, Kleidung schwer macht und jeden Horizont verwaschen wirken lässt. An einem solchen Morgen erreichten sie Tandor.

Die Stadt lag wie aus nassem Stein gebaut vor ihnen, ernst, groß und alt, mit ihren Türmen, Hallen und der Schwere einer Schule, die mehr an Dauer dachte als an Eindruck. Wasser rann in schmalen Linien an Mauern hinab. Die Straßen glänzten stumpf. Kaum jemand sprach laut. Selbst die Pferde schienen beim Einreiten leiser zu werden.

Isidre verlor keine Zeit.

Kaum waren sie abgestiegen, ging sie direkt zur Bibliothek, nicht aus Höflichkeit, nicht um Ankunft zu markieren, sondern weil es für sie nur eine einzige wirklich wichtige Frage gab.

Sie bekam ihre Antwort dort.

Und es war keine gute.

Tranda rang mit dem Leben.

Nicht durch eine plötzliche Wunde, keinen Angriff, keine List, nichts, gegen das man sich mit Zauber oder Zorn noch hätte stellen können. Es war das Alter. Die lange Zeit. Das langsame Erlöschen eines Mannes, dessen Kraft so lange selbstverständlich gewesen war, dass sein Verschwinden beinahe unanständig wirkte.

Isidre stand lange, nachdem sie diese Nachricht erhalten hatte, einfach still zwischen den hohen Regalen, als hoffe sie, die Bücher um sie herum würden vielleicht widersprechen.

Dann ordnete sie sich.

Sie ließ Gemächer für die anderen herrichten, nüchtern und ohne großes Aufheben, wie sie fast alles tat. Für Son und Indra. Für Miene und Sindra. Für Roto, der sich in Tandor ohnehin fehl am Platz vorkommen würde. Für Sinadie, die noch immer nicht ganz bei Kräften war.

Erst danach ging sie zu ihrem alten Lehrmeister.

Und von da an war sie fast ununterbrochen bei ihm.

Sie sprach wenig. Manchmal saß sie nur. Manchmal ordnete sie Dinge in seinem Zimmer, obwohl nichts zu ordnen war. Manchmal las sie ihm vor, auch wenn sie nicht wusste, ob er überhaupt noch ganz zuhörte. Vor allem aber versuchte sie, ihm die letzten Tage so angenehm wie möglich zu machen. Es war keine sentimentale Fürsorge. Eher eine stille, beinahe unerbittliche Form von Treue.

Draußen fiel weiter der Regen.

Und in Tandor begann man langsam zu spüren, dass mit den Ankommenden nicht nur Menschen in die Stadt kamen, sondern Nachrichten, Wunden, Fragen und all jene schweren Dinge, die irgendwann eine Zeit verändern.

Formularbeginn

 

Formularende

XVII

 

Anadar war guter Dinge.

Seine Laune war so hervorragend, dass im Augenblick kaum etwas sie hätte erschüttern können. Seit der Dämon aus seinem Kopf verschwunden war, fühlte sich alles leichter an. Nicht einfacher, dazu war die Welt noch immer viel zu voller Geheimnisse, offener Rechnungen und drohender Katastrophen. Aber leichter. Als wäre ein eiserner Ring, den er so lange getragen hatte, endlich von ihm abgefallen. Gedanken kamen und gingen wieder, ohne dass etwas dazwischenfuhr, ohne dass Spott, Abscheu oder fremde Gier sich wie Dornen in alles schoben. Er konnte atmen. Wirklich atmen. Selbst die Müdigkeit der letzten Monate schien sich nun erst richtig in seinem Körper zu melden, und sonderbarerweise machte selbst das ihn fast froh.

Sie ritten rasch.

Nicht über den Großen Markt, nicht auf den breiteren Straßen, auf denen man leicht erkannt, aufgehalten oder zu vielen Gesprächen gezwungen wurde. Stattdessen nahmen sie Nebenwege, alte Handelsstraßen, Pfade zwischen Feldern und Wäldern, kamen durch Flund und zogen dann weiter in Richtung Tandor. Die Tage vergingen still. Sie ritten von Sonnenaufgang bis in den späten Nachmittag, schlugen ihr Zelt auf, wenn das Licht müde wurde, aßen einfach, wachten in der Kälte der Nacht auf, wenn Pferde schnaubten oder der Wind am Stoff zerrte, und standen im Morgengrauen wieder auf.

Es waren ruhige Tage.

Gerade deshalb wussten alle drei, dass es die Tage vor dem Sturm waren.

Niemand sagte es oft laut, doch sie spürten es. Etwas zog sich zusammen. Zu viele Fäden liefen gleichzeitig. Zu viele Menschen bewegten sich auf dieselben Orte zu. Zu viele alte Dinge kamen ans Licht, als dass die Welt sich danach wieder einfach in ihre alten Bahnen legen würde.

Shara war in diesen Tagen stiller als sonst, aber nicht mehr von jener gequälten, unsicheren Stille, die sie auf dem Weg nach Sontor manchmal befallen hatte. Sie wirkte wacher. Vielleicht lag es daran, dass Anadar selbst wieder klarer war. Vielleicht auch daran, dass sie inzwischen nicht mehr nur ahnte, sondern wusste, dass etwas in ihr heranwuchs, das all ihre bisherigen Sorgen mit einem Mal auf eine andere Skala brachte. Morgut wiederum war ruhiger als gewöhnlich, aber das hieß bei ihm nur, dass er seine Späße sparsamer verteilte. Die Erleichterung um Anadar gönnte er ihm von Herzen, aber auch er wusste, dass Erleichterung noch kein Ende bedeutete.

Als sie schließlich die ersten Hügel erreichten, von denen aus man in der Ferne Tandor sehen konnte, bemerkten sie es sofort.

Die Fahnen hingen auf halbmast.

Selbst von weitem war das nicht zu übersehen. An den Türmen, über den äußeren Mauern, an den langen Hallen der Bibliothek, überall bewegte sich der Stoff niedriger als gewöhnlich im Wind. Nicht ganz still. Der Tag war zu kühl und zu offen dafür. Aber gesenkt. Gedämpft. Ein Zeichen, das keiner Erklärung bedurfte.

„Jemand von Bedeutung“, sagte Morgut leise.

Anadar nickte nur. Auch in ihm sank für einen kurzen Moment etwas ab, nicht in Angst, eher in jene nüchterne Schwere, die einen befällt, wenn man erkennt, dass die Welt selbst während der eigenen Kämpfe ungerührt weitergeht und ihre Toten fordert.

Sie ritten hinab und setzten ihren Weg direkt zur Bibliothek fort.

Tandor war erfüllt von gedämpfter Bewegung. Niemand lief. Niemand rief laut. Die Menschen arbeiteten, gingen, trugen, ordneten, und doch lag über allem etwas Gehaltenes, als stünde die ganze Schule unter einer Hand, die auf ihre Stirn gedrückt war. Als sie abstiegen, wurden sie sofort begrüßt. Nicht mit Aufhebens, eher mit jener raschen, wachen Aufmerksamkeit, die an Orten herrscht, an denen in kurzer Zeit zu viele bedeutende Menschen eintreffen.

Die Gruppe um Isidre war bereits drei Tage zuvor angekommen und hatte sich notdürftig eingerichtet, ehe in der Nacht Tranda verstorben war.

Das Wiedersehen fiel deshalb verhaltener aus, als es unter anderen Umständen vielleicht geworden wäre.

Außer bei Miene und Sindra.

Die beiden Geistesschülerinnen stürmten auf Morgut los, als hätten die letzten Wochen aus nichts anderem bestanden, als darauf zu warten, ihn wieder in die Arme nehmen zu können, und tatsächlich schien es für einen Augenblick genau so. Beide redeten gleichzeitig, beide griffen nach ihm, beide wollten offenbar sicher sein, dass er wirklich da war und nicht bloß wieder eine dieser Geschichten, die andere erzählten. Morgut lachte, ließ es geschehen und war seinerseits unverkennbar froh, sie zu sehen. Binnen weniger Atemzüge hatten die drei sich bereits ein Stück von der übrigen Gruppe abgesondert und redeten mit jener hastigen, warmen Vertrautheit durcheinander, die nur Menschen entwickeln, die einander vermisst haben und nicht genau wissen, womit sie anfangen sollen.

Sinadie war es, die Anadar und Shara aufnahm.

Sie stand nicht mehr ganz so blass da wie noch auf den Inseln der Winde, aber ihre Verletzung hatte sie nicht nur geschwächt, sondern härter gemacht. Es lag etwas Kühles in ihrem Gesicht, etwas neu Entschiedenes. Als sie Anadar ansah, war darin kein Vorwurf, keine Verteidigung, eher jene Nüchternheit eines Menschen, dem gerade alles genommen worden ist, was andere für seine Stellung hielten, und der nun mit klareren Augen zurückblickt.

„Ich bin jetzt eine Verbannte“, sagte sie, fast ohne Einleitung, als müsse sie die Tatsache nur in die Luft stellen, damit alle Beteiligten wüssten, woran sie waren. „Keine Dekanin. Keine Insel mehr, die mir gehört. Kein Amt. Kein Zuhause, wenn man es streng nimmt.“

Anadar sah sie an und lächelte.

Nicht spöttisch. Nicht leichtfertig. Eher mit einer Wärme, die bei ihm selten und gerade deshalb überraschend war.

„Dann gratuliere ich euch zur Freiheit“, sagte er.

Sinadie blinzelte, als hätte sie mit vielem gerechnet, aber nicht damit.

Shara reagierte anders. Sie trat sofort auf sie zu und nahm die ehemalige Dekanin vorsichtig in die Arme. Keine übertriebene Geste, kein leerer Trost, sondern eine Umarmung, wie Frauen sie anderen Frauen geben, wenn sie wissen, dass vieles nicht gesagt werden muss.

„Wir finden schon ein neues Zuhause für dich“, sagte sie leise.

Sinadie stand einen Augenblick still in ihren Armen, dann löste sie sich wieder und sah Shara an, als wolle sie sich dieses Versprechen merken, auch wenn sie ihm noch nicht ganz trauen konnte.

In diesem Moment ritt ein sichtlich erschöpfter Manador in den Burghof ein.

Er hatte sein Pferd gejagt. Das sah man dem Tier ebenso deutlich an wie dem Mann selbst. Das Fell des Pferdes war dunkel vom Schweiß, seine Flanken arbeiteten schwer, und Manador sprang mit einer Eile aus dem Sattel, die zugleich verriet, dass er schon viel zu lange auf diesem Pferd gesessen hatte. Es war vermutlich das erste Mal seit langer Zeit, dass er selbst wieder eine Reise unternommen hatte, und gerade deshalb wirkte das breite, offene Lächeln in seinem Gesicht so ehrlich, dass Anadar schon beim Anblick beinahe lachen musste.

Perfektes Timing, dachte er. Das kann nun wirklich kein Zufall mehr sein.

Manador lief auf ihn und Shara zu, noch ehe ein Stallbursche das Pferd richtig gefasst hatte.

„Wenn mir noch einer sagt, dass Tandor wunderbar angebunden sei, schlage ich ihn“, keuchte er halb im Spaß und halb mit echter Erschöpfung. Dann legte sich seine Hand kurz an Anadars Schulter, an Shara, und für einen Moment war in seinem Gesicht mehr Erleichterung als alles andere. „Gut, euch zu sehen. Wirklich gut.“

Die erste Aufregung legte sich langsam. Stimmen wurden leiser. Pferde wurden von Stallburschen abgeführt. Diener und Schüler begannen mit jener geübten Unsichtbarkeit, die an großen Schulen herrscht, Wasser, frische Tücher und Räume bereitzustellen, ohne dass man ihnen dafür eigens Anweisungen geben musste. Jeder stellte sich innerlich schon darauf ein, sich kurz frisch zu machen, die Reise abzuschütteln, ehe das eigentliche Reden beginnen würde.

Genau in diesem Augenblick fuhr eine Kutsche in den Burghof.

Anadar erkannte sie sofort.

Nicht, weil sie besonders prächtig gewesen wäre, sondern weil Mutter nie zufällig ankam und schon gar nicht zufällig als Letzte. Sie hatte das Timing so gewählt, dass sie in den Augenblick hineinrollte, in dem alle bereits da waren oder jedenfalls fast alle. Natürlich hatte sie das.

Die Türen der Kutsche öffneten sich.

Zu Anadars Überraschung stieg als Erstes sein Bruder aus.

Für einen Atemzug glaubte er, sich getäuscht zu haben. Dann nicht mehr. Slonda sah erschöpft und ein wenig verwirrt aus, als wäre ein Teil von ihm noch nicht ganz an dem Ort angekommen, an dem sein Körper bereits stand. Aber er war es. Er war wirklich hier. Und noch ehe Anadar sich richtig gefasst hatte, half Slonda bereits den Damen aus der Kutsche, erst Mutter, dann einer älteren Frau, die Anadar nicht kannte, und schließlich Xian und Nigk.

Beide sahen abgekämpft aus. Nicht nur von der Reise. Anders. Als hätten sie etwas gesehen, das selbst nach Tagen noch zwischen ihren Blicken und der Welt stand.

Als Letzte kam eine weitere Frau aus der Kutsche.

Sie stieg nicht so sehr aus, wie dass sie beinahe schlich. Schmal, vorsichtig, mit jener scheuen Spannung eines Menschen, der sich inmitten vieler Magier falsch am Platz fühlt und der am liebsten wieder im Schatten verschwinden würde, wenn nicht etwas oder jemand ihm zugesichert hätte, dass dies gerade nicht nötig sei.

Mutter trat einen Schritt vor, blickte sich um und ließ ihren Blick über alle Anwesenden gleiten.

„Es sind noch nicht alle eingetroffen, wie ich bemerke.“

Sie sagte es so ruhig, als stelle sie fest, dass der Tee noch nicht aufgegossen sei. Dann wandte sie sich zur Seite.

„Pildara, es ist mir eine große Ehre, dir Meisterin Shara vorzustellen und Meister Anadar. Shara, Anadar, das ist Meisterin Pildara, die Lehrmeisterin deines Bruders, der sie langsam zur Verzweiflung treibt.“

Mutter lachte glockenhell.

Pildara blickte die beiden an und nickte nur knapp, als wäre jede weitere Geste verschwendet. Anadar tat es ihr gleich, während Shara sofort auf sie zuging und sie vorsichtig umarmte.

„Pildara, willkommen“, sagte Shara.

Pildara schien für einen Herzschlag nicht ganz sicher, was sie mit dieser Umarmung anfangen sollte, erwiderte sie dann aber mit einer knappen, fast formellen Wärme und trat wieder zurück.

Anadar sah seinen Bruder an.

Zwischen ihnen liefen in einem einzigen Augenblick so viele unausgesprochene Fragen hin und her. Wo warst du. Was ist passiert. Warum siehst du so aus. Warum bin ich froh, dich zu sehen. Warum ist das alles so spät. Warum gerade jetzt.

Am Ende sagte Anadar nur:

„Das letzte Mal, als ich dich sah, sahst du nicht so verwirrt aus.“

Slonda antwortete ohne zu zögern: „Und du sahst älter aus.“

Das reichte.

Die beiden umarmten sich. Diesmal herzlich, diesmal ohne die kleinen Hemmungen, die sonst gern zwischen Brüdern stehen, die sich lieben und einander trotzdem oft nicht wissen lassen, wie viel ihnen daran liegt. Es war die Umarmung zweier Männer, die sich in den letzten Monaten womöglich zu oft gefragt hatten, ob sie sich überhaupt wiedersehen würden.

Als sie sich lösten, wandte Anadar sich direkt an Xian und Nigk.

„Ihr beide habt viel zu erzählen.“

Beide nickten.

Nigks Gesicht war schmaler geworden. Xian wirkte ruhiger und zugleich gespannter, als trüge sie seit Tagen etwas in sich, das erst noch den richtigen Moment brauchte, um gesagt zu werden.

„Es ist komplizierter, als wir alle dachten, richtig“, sagte Anadar.

Wieder nickten beide.

„Sortiert euch erst einmal“, sagte er. „Wir werden Gelegenheit haben, ausführlich darüber zu reden.“

Dann hob er den Blick zu der schmalen Frau, die zuletzt aus der Kutsche gekommen war. Sie stand etwas hinter Mutter, beinahe schon wieder am Rand, und ihre Augen wanderten von einem Magiergesicht zum nächsten, als suche sie den Punkt, an dem sie sich am ehesten in Luft auflösen könnte.

„Und ihr“, sagte Anadar ruhig und sah sie direkt an.

Sie zuckte beinahe zusammen.

Mutter antwortete für sie.

„Das, Anadar, ist die Hexe Xiodri.“ Sie legte der Frau kurz die Hand an den Arm. „Meine Tochter.“

Für einen Moment schien selbst der Burghof stiller zu werden.

Anadar ließ sich nichts anmerken, doch er registrierte jedes kleinste Zucken um sich herum. Die Blicke. Die Aufmerksamkeit. Die Gedanken. Ein Wort wie Tochter hatte in Mutters Mund selten bloß eine familiäre Bedeutung.

Mutter hingegen blickte sich bereits wieder um, als sei das alles nur eine weitere notwendige Vorstellung gewesen.

„Noch sind nicht alle anwesend“, sagte sie. „Ich frage mich, warum Gnok immer wieder Verspätung hat.“

Pildara schnaubte leise. Ob aus Missbilligung oder Gewohnheit, ließ sich schwer sagen.

Mutter klatschte einmal in die Hände, nicht laut, aber entschieden genug, dass selbst diejenigen, die gerade noch etwas sagen wollten, innehielten.

„Macht euch frisch“, sagte sie. „Wir haben einen Meister zu verabschieden. Und danach lasst uns die Zukunft in die Hand nehmen.“

Niemand widersprach.

Über Tandor hing noch immer die Trauer um Tranda. Die Fahnen bewegten sich auf halber Höhe im Wind. Aber darunter, in diesem Hof, zwischen staubigen Reisenden, müden Pferden, alten Frauen, Brüdern, Vertriebenen, Heimkehrern und jenen, die etwas aus dem Norden mitgebracht hatten, begann bereits etwas anderes Gestalt anzunehmen.

Nicht Frieden.

Nicht Ordnung.

Aber der Augenblick, in dem genug Menschen am selben Ort waren, dass aus ihren Geschichten mehr werden konnte als bloß Gerücht oder Schicksal.

Formularbeginn

 

Formularende

XVIII

Anadar war es, der Xian und Nigk aufsuchte.

Natürlich wusste er, dass auch sein Bruder ihm Wichtiges zu berichten haben würde, vielleicht sogar sehr Wichtiges, doch er spürte ebenso, dass dies noch ein wenig Zeit hatte. Slonda war ohnehin von Isidre in Beschlag genommen worden, und Anadar hatte rasch begriffen, dass es dabei nicht bloß um ein familiäres Wiedersehen ging. Es ging um die Erdschule. Um ihre Zukunft. Um Trandas Tod und um alles, was sich nun daraus ergeben würde. Die Beerdigung musste vorbereitet werden, die Nachfolge stand unausgesprochen im Raum, und Anadar wusste gut genug, dass die Erdschule ihre eigenen Riten pflegte und ihre eigenen Wege ging. Also tat er etwas, das ihm nicht immer leichtfiel. Er stellte seine Neugier für einen Moment zurück und setzte Prioritäten.

Xiodri hielt sich ebenfalls bei Xian und Nigk auf.

Als Anadar den Raum betrat, versuchte sie beinahe augenblicklich, sich kleiner zu machen, als sie ohnehin war. Es war kein grobes Verstecken, eher dieses instinktive Zurückweichen eines Menschen, der plötzlich von genau jener Art Macht umgeben ist, vor der er sich sein Leben lang gefürchtet hat. Sie zog die Schultern an, wich einen halben Schritt zurück und blickte ihn an, als müsse sie jederzeit damit rechnen, dass Freundlichkeit nur die höflichere Form eines Urteils sei.

„Habt keine Angst, Xiodri“, sagte Anadar ruhig. „Ich will euch nichts tun.“

Er ließ ihr einen Moment, damit die Worte überhaupt ankommen konnten.

Bevor sie etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür.

Es war Shara.

„Ich habe deine Nachricht bekommen“, sagte sie, als sie eintrat.

„Ich denke, das hier ist wichtig“, antwortete Anadar. „Und ich möchte nicht, dass sie es öfter als unbedingt nötig erzählen müssen.“

Er lächelte leicht, dann sah er Xiodri erneut an.

„Obwohl ich fürchte, dass ihr beide euch in den nächsten Tagen oft genug werdet wiederholen müssen.“

Shara trat näher, blieb aber so stehen, dass Xiodri sich nicht bedrängt fühlen musste. Es war eine kleine, fast unmerkliche Bewegung, und doch bemerkte Anadar sie sofort. Shara verstand solche Dinge meistens schneller als er.

„Aber zuerst ihr, Xiodri“, sagte Anadar. „Keiner hier gehört zu der Sorte Magier, die euch auf einen Scheiterhaufen setzen und anzünden würde. Wirklich nicht.“

Er machte eine kurze Pause, nur kurz genug, dass daraus keine peinliche Fürsorge wurde.

„Es gibt solche Magier. Leider. Aber es sind nicht viele hier. Und ehe sie euch zu nahe kommen, müssten sie an Mutter vorbei. Und ich glaube, das ist für jeden ein schlechtes Vorhaben.“

Xiodri sah ihn an. Misstrauen war noch immer da, aber nicht mehr so blank wie im ersten Augenblick. Vielleicht war es nicht einmal seine Aussage, die wirkte, sondern der Umstand, dass er sie mit so wenig Aufhebens machte. Nicht wie ein Urteil, nicht wie eine Begnadigung, eher wie eine einfache Feststellung.

Dann wandte Anadar sich Xian und Nigk zu.

„Nun“, sagte er, „erzählt ihr.“

Xian blickte zu Nigk. Nigk nickte ihr zu.

„Natürlich“, sagte sie. „Aber im Anschluss haben wir ebenfalls Fragen an euch.“

Sie deutete auf den Stapel Papiere, an dem sie gerade gearbeitet hatten. Berichte, vermutete Anadar. Notizen. Versuche, das Erlebte in eine Ordnung zu zwingen, die einer Welt standhalten konnte, die sich in den letzten Wochen wenig geordnet gezeigt hatte.

„Um unser Bild zu vervollständigen“, sagte Nigk.

Anadar setzte sich. Shara nahm neben ihm Platz, etwas seitlich, still, wachsam, ganz bei der Sache.

Und dann begannen Xian und Nigk zu erzählen.

Sie berichteten von ihrem Weg in den Norden, von dem Eindringen in jene Gebiete, die längst nicht mehr bloß als Norden bezeichnet werden konnten, sondern eher als etwas, das sich von der übrigen Welt gelöst hatte. Vom Winter. Vom Eingeschneitsein. Vom Bären. Von Xiodri. Vieles davon wusste Anadar bereits in groben Linien oder ahnte es aus dem, was seine Amulette ihm an Leben und Bewegung signalisiert hatten. Doch all das war nur der Rand dessen, worum es nun ging.

Als sie zu ihrer Weiterreise kamen, veränderte sich der Ton.

Sie schilderten den Frühling, der das Land nicht freundlich, sondern nur benutzbar gemacht hatte. Die Weiterfahrt. Die Gefangennahme. Die Verhöre. Xian beschrieb die Dunkelelfen, wie sie die fremde Spezies inzwischen nannte, in einer Genauigkeit, die nicht aus Neigung, sondern aus Vorsicht geboren war. Anadar und Shara hörten aufmerksam zu. Beide hatten noch nie von einer solchen Art gehört. Nicht aus Büchern. Nicht aus Gerüchten. Nicht aus jenen halben Geschichten, die sonst selbst das Unwahrscheinlichste irgendwo in der Welt verankern.

„Sie fragten uns nach den Amuletten“, sagte Xian. „Und nach dem Band.“

„Natürlich taten sie das“, murmelte Anadar.

Nigk schob die Brille höher. „Wir fragen nun dasselbe. Was macht das Band.“

Anadar lachte leise.

„Das Band war für den Notfall. Hättet ihr beide je ein Ende in der Hand gehalten und es zerrissen, so wie ich es euch aufgetragen hatte, dann wärt ihr bei mir erschienen.“

Xian sah ihn an. „Bei euch erschienen.“

„Ja.“

„Wie.“

„Auf direkte Weise.“ Er hob die Hand, ein Zauber, eine Art Schutzzauber für ein Sigel nur ein bisschen modifiziert, er lächelte, er war ein bisschen stolz auf sich.

Nigk hob eine Braue.

Anadar lächelte. „Es ist eine Art der Teleportation, wenn euch der Begriff etwas sagt. Nicht ungefährlich. Aber wer zu letzten Mittel greift, befindet sich für gewöhnlich ohnehin bereits in einer schwierigen Lage.“

Er lehnte sich zurück.

„Die Amulette wiederum taten mehr, als euch nur gegen die Aversion zu schützen. Ich erhielt durch sie auch einige Informationen über euch. Wo ihr euch befindet. Ob ihr noch lebt. In welchem groben Zustand ihr seid. Ich fand es übrigens interessant, dass diese Wesen die Funktionsweise offenbar zumindest teilweise verstanden haben.“

Er blickte kurz zu Shara. Sie erwiderte seinen Blick, ohne etwas zu sagen. Auch sie begriff, wie viel Aufmerksamkeit und Wissen eine solche Beobachtung verdiente.

„Meister Anadar“, sagte Nigk dann, „es sind nicht nur Dunkelelfen. Es ist keine homogene Ansammlung von Wesen. Es sind keine bloßen Armeen, die sich gesammelt haben. Es sind Völker.“

Er machte eine kleine Pause, als müsse er die Größe dieses Satzes selbst noch einmal innerlich abmessen.

„Sie schicken uns als Botschafter“, fuhr er fort. „Sie haben nicht unbedingt Angst vor den Menschen und ihren Waffen. Dafür sind sie zu viele, zu organisiert und, was noch wichtiger ist, sie haben die Aversion auf ihrer Seite. Wovor sie tatsächlich Angst haben, sind die Magier und die Schulen und die reaktion. Sie können nicht einschätzen, wie mächtig die Magier sind und wie ein Krieg gegen sie ausgehen würde.“

Xian nahm den Faden auf.

„Wenn wir sie richtig verstanden haben, wird ihr Lebensraum im Untergrund immer kleiner. Alte, mächtige Wesen erwachen dort wieder oder gewinnen zumindest an Kraft zurück, und diese Wesen beanspruchen Raum. Sie verdrängen andere nach oben. Wir haben davon keine wirkliche Vorstellung. Wir mussten glauben, was sie uns sagten. Aber ihre Darstellung war in sich schlüssig.“

Sie spreizte die Finger, als müsse auch ihre Hand zeigen, wie weit das Problem reichte.

Nigk nickte.

„Sie haben sich entschieden, wieder Lebensraum an der Oberfläche zu beanspruchen. Sie haben sich vorbereitet. Die Menschen aus dem Norden wurden durch die Aversion vertrieben. Man hat sich an Himmel, Helligkeit und offenes Land angepasst. Nun sind sie dabei, Befestigungen und Dörfer zu errichten. Sie wollen keinen Krieg. Aber sie werden sich verteidigen, wenn sie angegriffen werden.“

Während sie sprachen, ließ Anadar sich jede einzelne der beschriebenen Kreaturen noch einmal schildern. Die Dunkelelfen. Die Zwerge. Andere Wesen, die Xian und Nigk nur unvollkommen benennen konnten. Er hörte nicht nur auf die Worte. Er prüfte ihre Geister. Nicht gewaltsam, nicht auf jene plumpe Weise, wie mancher Magier glaubte, dass Wahrheitsfindung funktioniere. Er lauschte tiefer. Fand keine Lüge. Keine fremde Überlagerung. Keine Manipulation, die er hätte greifen können.

„Meister“, sagte Xian dann noch, und in ihrer Stimme lag eine gewisse Verwunderung über ihre eigene Schlussfolgerung, „ich glaube sogar, sie wollen Handel treiben. Wenn ich sie richtig verstanden habe, wollen sie mit den Menschen tauschen. Nahrung gegen Waren, gegen Metalle, gegen Dinge, die sie selbst nicht oder nicht in gleicher Weise herstellen können.“

Anadar seufzte.

Nicht aus Ablehnung. Eher, weil das alles seine Vorstellungskraft zugleich überstieg und entzündete. Er sah Shara an. Sie hatte denselben Gedanken bereits weitergedacht als er.

„Ihr habt das Mutter erzählt“, sagte er.

„Nicht direkt erzählt“, antwortete Xian. „Sie hat Fragen gestellt. So, als wüsste sie bereits, was wir erlebt hatten und wolle nur noch hören, ob wir es bestätigen.“

Shara atmete aus und lehnte sich ein wenig zurück.

„Im Grunde“, sagte sie, „ist es nicht dein Problem, Anadar. Überlass es der Konklave.“

Anadar lächelte.

„Richtig“, sagte er. „Und falsch.“

Er faltete die Hände.

„Manador sollte es zuerst wissen. Wenn irgendeine Streitmacht ausgesandt wird, werden darunter Feuermagier sein. Vielleicht vor allem Feuermagier. Wenn er sich weigert, stellt sich eine neue Frage. Wenn er nicht ablehnt, eine andere.“

Er sah von Xian zu Nigk.

„Ich fürchte, ihr werdet euch die nächsten Tage sehr oft dieselben Fragen gefallen lassen müssen.“

„Diese Aversion“, sagte Shara. „Wird sie bestehen bleiben.“

„Vermutlich“, antwortete Nigk. „Oder jedenfalls in einer Form, die ausreichend stark bleibt, um einen konventionellen Angriffskrieg der Menschen schwierig zu machen. Das wäre mein Vorgehen.“

„Konventionell heißt in diesem Fall“, sagte Xian, „tausende Soldaten, Nachschub, Lager, Besetzung, Kontrolle. All das wird durch die Aversion unmöglich und ineffizient durchführbar.“

Anadar schnaubte leise. „Es sei denn, jemand stellt tausende Amulette her.“

Nigk sah ihn über den Rand seiner Brille an. „Könnt ihr das.“

Anadar erwiderte den Blick mit milder Belustigung. „Nein.“

Nigk nickte, als hätte ihn genau diese Antwort beruhigt.

„Dann wird ein solcher Krieg wohl ausscheiden.“

Shara dachte weiter.

„Wie werden die Königshäuser darauf reagieren. Das kann viel entscheiden.“

Nigk antwortete diesmal sofort, als habe er sich diese Frage auf dem Rückweg selbst oft genug gestellt.

„Im Prinzip hat die Aversion vor allem Flüchtlinge erzeugt. Es gab im Norden keine großen, geschlossenen Königshäuser, wie sie im Süden existieren. Es waren freie Dörfer, Stadtverbünde, kleinere Reiche, lose Herrschaften. Davon ist wenig bis nichts geblieben. Die Flüchtlinge sind verstreut, haben sich anderswo eingerichtet, ein neues Leben begonnen. Sie können nicht plötzlich ein Heer aufstellen und etwas zurückerobern.“

„Bleiben die intakten Königreiche“, sagte Xian. „Sie hatten die Flüchtlinge, ja. Das schafft Unruhe. Aber sie sind selbst nicht unmittelbar angegriffen worden. Wenn sie pragmatisch sind, und viele Herrscher sind pragmatisch, wenn Handel, Ruhe und Grenzen auf dem Spiel stehen, dann werden sie eher auf eine Form von Ordnung drängen als auf einen Krieg, den sie nicht verstehen.“

Shara nickte langsam.

„Vorausgesetzt, die Magier treiben sie nicht in eine andere Richtung.“

„Genau“, sagte Nigk.

Anadar lehnte sich zurück.

Wer immer diesen Plan entworfen hatte, dachte er, war entweder ein Genie oder die Welt bestand zur Zeit aus vielen Zufällen, die alle auf erstaunliche Weise zusammenarbeiteten. Timing. Durchführung. Wissen. Zurückhaltung. Die Mischung aus Drohung und Gesprächsangebot. Er tippte still auf Ersteres.

Es war großartig.

Und gerade diese stille Bewunderung sagte ihm, dass er vorsichtig sein musste. Seine Neugier würde nicht von allen geteilt werden.

Shara sah ihn an und erkannte den Gedanken natürlich sofort.

„Du würdest es dir gern mit eigenen Augen ansehen“, sagte sie.

Anadar lächelte nicht einmal mehr. „Ja.“

„Natürlich würdest du das.“

Er hob die Schultern.

„Ich denke trotzdem, dass ihr zuerst mit Manador reden solltet“, sagte er dann. „Vielleicht in Anwesenheit von Mutter. Sinadie wäre auch nicht verkehrt. Sie ist klug genug, die politische Seite davon zu sehen, ohne gleich in Panik zu verfallen.“

Das Gespräch lief danach noch eine Weile weiter, aber leichter. Sie sprachen über Kleinigkeiten, über Erschöpfung, über Essen, über Schlaf, über das praktische Problem, dass kaum einer von ihnen in den letzten Wochen ordentlich zur Ruhe gekommen war. Anadar vergewisserte sich, dass es Xian, Nigk und selbst Xiodri gut genug ging, um nicht sofort wieder in etwas Neues geworfen zu werden. Erst dann stand er mit Shara auf.

Als sie den Raum verließen und die Tür hinter sich geschlossen war, sah er sie an.

„Was denkst du darüber?“ fragte er sie.

„Sie lügen nicht.“ Antwortete sie „Eine frage die sich stellt, wurden sie angelogen und ihnen etwas vorgespielt?“

Er nickte leicht „Das und so viele andere Fragen“

 

Er wechselte das Thema. „Wie werden die Geschicke der Erdschule nun gelenkt.“

Shara dachte nur kurz nach.

„Tranda ist tot“, sagte sie. „Und dein Bruder sieht mir nicht so aus, als würde er im nächsten Atemzug die Nachfolge antreten, selbst wenn man sie ihm hinstellte. Dafür hat er gerade zu viele andere Dinge in den Händen.“

Anadar nickte.

„Wir sollten bald mit ihm reden“, sagte sie.

„Ja“, antwortete er. „Das sollten wir.“

                                                   

XIX

Isidre und Slonda ließen sich die letzte Ehre nicht nehmen und ihren Lehrmeister für die letzte Ruhe vorzubereiten.

In der Erdschule gehörte dazu weit mehr als Waschen, Einkleiden und Abschiednehmen. Der Tod war dort nie bloß ein Ende, das man beklagte und dann mit Erde bedeckte. Er war ein Übergang, ein letzter Zustand des Dazwischen, in dem der Körper noch nicht ganz verlassen war und der Geist noch nicht ganz begriffen hatte, dass er die Last aus Fleisch, Schmerz, Alter und Pflicht abgestreift hatte. Es gab Riten für diese Stunden, sehr alte Riten, die nur noch selten in vollem Umfang vollzogen wurden und die man nicht jenen überließ, die lediglich fromm oder erschüttert waren. Sie gehörten in die Hände derer, die wussten, was sie taten.

Darum waren sie nun hier.

Tief unter der Erde lag das tempelartige Gewölbe der Schule, aus dem die Kühle niemals wich, selbst im Hochsommer nicht. Die Wände waren aus dunkelgrauem Stein und so glatt gearbeitet, dass das Licht der Kerzen in schmalen, flackernden Bahnen darüber lief. Nischen zogen sich in gleichmäßigen Abständen um die Kammer, in einigen standen kleine Schalen mit Salz und getrockneten Kräutern, in anderen ruhten alte Gefäße, Tücher, Stäbe aus schwarzem Holz und gerollte Pergamente. In der Mitte des Gewölbes stand ein steinerner Tisch. Darauf war Tranda aufgebahrt.

Er lag ruhig da, ruhiger, als er je in den letzten Monaten gewirkt hatte. Der harte Zug, der sich mit dem Alter um seinen Mund gelegt hatte, war geglättet. Die Stirn wirkte klar. Fast hätte man glauben können, er ruhe nur und würde irgendwann die Augen wieder öffnen, um einen mit jener trockenen Geduld anzusehen, die selbst Zurechtweisungen bei ihm wie Unterricht klingen ließ.

Rings um den Tisch brannten Kerzen.

Viele Kerzen.

Ihr Licht war warm, aber das Gewölbe blieb kalt.

Isidre und Slonda kannten die Riten. Nicht nur aus Büchern. Sie hatten sie gelernt, geübt, wiederholt, erst unter Aufsicht und später selbst an jenen wenigen Toten vollzogen, denen die volle Würde dieser alten Schule noch zuteilgeworden war. Doch diesmal war es anders. Diesmal lag nicht irgendein Meister vor ihnen. Nicht irgendein Alter, dem sie keinen Respekt schuldeten.

Diesmal war es Tranda.

Slonda sprach wenig, seit sie das Gewölbe betreten hatten. Isidre sprach noch weniger. Jeder Handgriff saß, und gerade darin lag etwas von Trauer, denn beide konnten tun, was nötig war, ohne darüber nachzudenken.

Sie rührten die Pasten an.

Eine war hellgrün und roch nach frischen Kräutern, nach Wacholder, Schafgarbe und zerstoßenem Wurzelwerk. Eine andere war schwerer, dunkler, ölig, mit jener kalten, mineralischen Note, die eher an Stein als an Pflanze erinnerte. Eine dritte war beinahe farblos, nur leicht trüb, und wenn man sie in die Schale gab, lag augenblicklich ein Geruch in der Luft, der so alt wirkte, als stamme er aus dem Boden selbst.

Mit den ersten Pasten bereiteten sie den Körper vor.

Sie bestrichen Stirn, Hals, Brustbein, die Gelenke der Hände, die Schläfen und die Augenlider. Nicht viel. Gerade genug, um die Übergänge zu markieren, dort, wo der Körper zuletzt noch Erinnerung an das Leben trug. Dann nahmen sie die dunklere Masse und zeichneten Zeichen auf die Haut. Kleine, präzise Linien. Kreise an den Handgelenken. Winkel an den Schlüsselbeinen. Ein geschlossenes Zeichen über dem Herzen. Weitere auf dem Stein selbst, um den Körper herum, in einem Muster, das nur auf den ersten Blick ornamental wirkte und auf den zweiten bereits wie eine Sprache aussah, die nicht für Lebende gemacht war.

Danach holten sie die Pergamente.

Die alten Blätter knackten leise, als Slonda sie entrollte. Die Schrift darauf war eng und dunkel und an manchen Stellen so oft nachgezogen worden, dass sie beinahe ins Material eingesunken schien. Isidre stellte die Schalen in die richtige Ordnung, legte zwei schmale Stäbe aus poliertem Gestein bereit und nickte Slonda zu.

Er begann zu sprechen.

Seine Stimme war anfangs ruhig, aber zu eng. Isidre hörte es sofort. Sie trat dichter an ihn heran und stützte den Fluss der Worte mit ihrer eigenen Stimme, tiefer, ruhiger, erdender. Gemeinsam sprachen sie den Zauber, der Teil eines uralten Ritus war. Der Tote sollte nicht zurückgeholt werden. Nicht wirklich. Kein falsches Leben, kein Puppenspiel, kein grober Frevel. Nur ein letztes Lösen. Ein letztes Anrufen. Ein kurzes Öffnen eines Fensters, durch das der Geist, noch nicht zu weit entfernt, noch einmal sprechen konnte.

Mit jedem Satz wurde es kühler in dem Gewölbe.

Nicht nur ein wenig.

Die Luft veränderte sich. Sie wurde stiller, schwerer, und obwohl keine Tür offenstand, flackerten die Kerzen, als streiche etwas Unsichtbares durch ihre Reihen. Das Licht zog sich an den Wänden zusammen und warf die Schatten schärfer zurück. Selbst der Stein unter ihren Füßen schien anders zu klingen.

Slonda sprach die letzten Worte.

Isidre setzte das letzte Zeichen.

Dann war da für einen Augenblick nichts.

Nichts außer Kälte und Atem und dem kleinen Geräusch von Wachs, das an einer Kerze hinablief.

Und dann kam aus dem Toten ein langgezogenes, gequältes Lauten.

„Ahhhhh.“

Slonda zuckte unwillkürlich zusammen, obwohl er diesen Laut erwartet hatte.

„Meister“, sagte er heiser.

Die Lippen des Toten bewegten sich kaum. Die Stimme war nicht die eines lebenden Mannes. Sie kam tiefer, müder, wie aus einer Kammer, in der Worte erst noch erinnern mussten, dass sie einmal in einen Mund gehört hatten.

„Lasst mich schlafen“, beklagte sich Trandas Stimme aus dem toten Körper.

Es war nicht so, dass Tote gern zurückgerufen wurden. Menschen waren nicht ohne Grund tot, und Geister wussten selten, dass sie Geister waren, außer man sagte es ihnen. Der erste Augenblick war fast immer unschön. Verwirrung, Müdigkeit, manchmal Zorn, manchmal nur das beleidigte Unverständnis eines Wesens, das geglaubt hatte, endlich Ruhe gefunden zu haben.

Slonda schluckte.

„Meister, ihr seid gestorben. Es ist…“

Er stockte. Das Wort fiel ihm schwerer, als jede Beschwörungsformel zuvor.

„…wir würden uns gern von euch verabschieden.“

Wieder wurde es still.

Dann hörten sie ein langes, langsames Ausatmen, das nicht mit einer toten Brust hätte möglich sein dürfen.

„Ah“, sagte die Stimme. „Deswegen fühle ich mich so frei.“

Ein Moment verging.

Dann kam ein Geräusch aus dem toten Körper, das fast wie ein zufriedenes Grunzen klang.

„Slonda.“

Es lag keine Schwere des Todes mehr in der Anrede, sondern etwas Helles, fast Erstauntes.

„Ihr habt eine neue Bestimmung.“

Slonda blinzelte. Die Kehle war ihm zugeschnürt.

„Ihr habt euch auf einen anderen Weg begeben als den, den ich für euch gesehen habe“, fuhr Trandas Stimme fort. Nun klang sie anklagend, aber nur für einen Herzschlag, und gleich danach wandelte sich etwas darin. „Und das ist gut, nicht wahr?“

Ein beinahe heiteres, unerwartetes Kichern kam aus dem toten Mund. Es war unheimlich und zugleich so sehr Tranda, dass Slonda für einen Augenblick glaubte, sein Herz würde daran zerreißen.

„Diese Bestimmung ist größer, Slonda. Ihr seid zu etwas noch viel Größerem bestimmt, als ich es in euch sah.“

Slonda konnte nicht antworten. Tränen standen ihm in den Augen, und er kämpfte nicht einmal dagegen an. Er hatte diesen Mann geliebt. Nicht kindlich, nicht blind, aber mit jener tiefen, schwer erklärbaren Form von Liebe, die Schüler manchmal für jene empfinden, die ihnen nicht nur Wissen, sondern Richtung gegeben haben. Er hatte ihm so viel zu verdanken, und nun, sogar im Tod, dachte Tranda zuerst an ihn, an seinen Weg, an sein Werden.

Dann wandte die Stimme sich.

„Isidre.“

Sofort veränderte sich der Ton. Er wurde milder, wärmer, beinahe zärtlich.

„Ihr sollt mehr auf euch achten. Viel mehr.“

Isidre senkte den Kopf. Sie kämpfte nicht einmal mit den Tränen. Sie weinte offen, lautlos zuerst, dann mit jenen kleinen, unkontrollierten Lauten, die ein Mensch von sich gibt, wenn Würde unter Schmerz kurz nicht mehr das Wichtigste ist.

„Das ist eure große Schwäche“, sagte die Stimme aus dem toten Dekan. „Andere über euch zu stellen. Es ist aber auch eure große Stärke, nicht wahr?“

Isidre schluchzte unverhohlen.

Eine tiefe Stille legte sich über die Kammer. Nur ihr Weinen war zu hören, und Slonda, der sich nicht länger beherrschen konnte, ließ seinen Tränen ebenfalls freien Lauf. Das Licht der Kerzen flackerte. Die Kälte hielt an, aber sie fühlte sich nun nicht mehr leer an, sondern dicht, fast voll von etwas, das man weder berühren noch festhalten konnte.

Dann sprach Tranda wieder, und diesmal war alles Mildere aus seiner Stimme gewichen.

„Nun hört zu. Ihr beide.“

Sofort richteten sich beide auf.

„In den letzten Wochen ohne euch hat in der Schule ein neuer Eifer um sich gegriffen. Andere, die nicht von dieser Schule sind, wollen Einfluss gewinnen. Und sie haben Einfluss gewonnen. Sie haben Leute gewonnen, im Schatten eurer Abwesenheit.“

Die Stimme pausierte kurz.

„Es sind keine guten Absichten. Sie verwenden Mittel und Wege, um an Macht zu gelangen, und wir wissen alle, dass genau dies uns verboten ist.“

Isidre hob tränenblind den Kopf. Slonda stand plötzlich still wie eine gespannte Saite.

Dann kam der Satz.

„Isidre. Slonda. Ich wurde vergiftet. Langsam. Von einem oder mehreren dieser Eiferer.“

Und damit war die Stimme fort.

Nicht langsam. Nicht mit Verabschiedung. Nicht mit einem letzten Wort. Sie war einfach nicht mehr da. Die Kälte blieb noch einen Atemzug, zwei vielleicht. Dann ließ sie nach. Die Kerzen beruhigten sich. Der tote Körper auf dem Stein wurde wieder das, was er gewesen war.

Nur der Satz blieb.

Vergiftet.

Isidre und Slonda sahen einander an.

Die Trauer war nicht verschwunden. Aber sie hatte augenblicklich ihre Farbe gewechselt. Was eben noch Schmerz gewesen war, wurde nun von einer anderen Glut überzogen. Wut, so scharf und hell, dass sie fast kühl wirkte.

Keiner von beiden sprach.

Sie mussten nicht.

Automatismus setzte ein.

Mit einer Schnelligkeit, die beinahe erschreckend war, begannen sie, den nächsten Teil vorzubereiten. Nicht mehr den Ritus. Nun kam die Arbeit. Die hässliche, präzise, nüchterne Arbeit, die Tote nicht ehrte, sondern benutzte, um die Wahrheit noch aus ihrem Schweigen zu zwingen.

Isidre zog neue Tücher hervor. Slonda griff nach Werkzeugen. Kleine Messer. Zangen. Schalen aus Stein. Ein Mörser. Zwei flache Porzellangefäße. Salz. Kohle. Schwefel. Feines Metallpulver. Reagenzien, die in der Erdschule zu den gebräuchlichen Mitteln gehörten, wenn man wissen wollte, was im Körper eines Menschen gewesen war, ehe er starb.

Sie nahmen Proben.

Haar.

Mehrere Strähnen, dicht an der Kopfhaut.

Zähne.

Nicht viele. Einer genügte, dann ein zweiter zum Vergleich.

Nägel.

Ein Stück der Haut an der Innenseite des Arms.

Reste aus Mund und Kehle, obwohl beide bereits wussten, dass ein langsam wirkendes Gift dort selten noch viel hinterließ.

Sie arbeiteten ruhig. Keine ihrer Bewegungen war hektisch. Nur schnell. Der Zorn machte sie nicht ungenau, sondern sorgfältiger. Slonda zermahlte Material in kleinen Portionen, vermengte es mit Asche, trennte aus, was sich lösen ließ, und notierte beinahe automatisch Farbe, Geruch und Verhalten. Isidre prüfte parallel die gängigen Gifte, zuerst die einfachen, dann die subtileren. Sie lösten Substanzen in Wasser, in Öl, in schwachen Säuren. Sie hielten Metall darüber, erhitzten Proben, ließen Dämpfe in gekühlten Röhren kondensieren und prüften, was zurückblieb.

Doch erst als sie den Mageninhalt untersuchten, verdichtete sich der Verdacht zur Gewissheit.

Die Probe war nicht angenehm. Schwarzbraun, zäh, alt, und doch nicht zu alt, um noch Spuren zu tragen. Sie gaben Zink und ein weiteres Metall hinzu, brachten die Mischung über einer kleinen Flamme zum Reagieren und leiteten die entstehenden Dämpfe in ein flaches Porzellangefäß. Lange geschah scheinbar nichts.

Dann, ganz langsam, legte sich auf der hellen Innenseite ein feiner Spiegel nieder.

Dunkel.

Metallisch.

Unzweifelhaft.

Isidre trat einen halben Schritt zurück.

Slonda sah den Spiegel an, als müsse er ihn erst aus Hass erneut lesen.

„Arsen“, sagte er.

Keiner von beiden klang überrascht. Nur bestätigt.

Slonda legte die Hände auf den Tisch und sah den toten Körper seines Lehrmeisters lange an.

„Wer verwendet Arsen, um einen Magier zu töten“, fragte er schließlich. „Noch dazu einen alten Magier.“

Isidre stand aufrecht, die Augen noch gerötet, die Stimme aber wieder vollkommen ruhig.

„Jemand, der es eilig hatte“, sagte sie. „Und wenig Skrupel.“

Dann sah sie zu Tranda hinüber.

„Oder jemand, der glaubte, das Alter würde den Rest der Arbeit erledigen und niemand würde noch genau hinsehen.“

Slonda nickte langsam.

Die Kerzen brannten ruhig weiter.

Der Tote lag still zwischen ihnen.

Und in der kalten Kammer unter der Erde begann die Trauer, sich in etwas anderes zu verwandeln. Nicht in Rache, noch nicht. Aber in Richtung. In Absicht. In die erste klare Linie eines Weges, der von diesem steinernen Tisch fortführen würde, direkt hinauf in die Schule, in ihre Gänge, ihre Gesichter, ihre Bündnisse und in das, was dort im Schatten gewachsen war, während sie beide abwesend gewesen waren.

 

XX

Formularbeginn

 

Vor der Beisetzung Meister Trandas herrschte in Tandor jene eigentümliche Spannung, die große Häuser dann erfüllen kann, wenn Trauer, Politik und Erwartung gezwungen sind, für einige Stunden denselben Raum zu teilen.

Die Zeremonie war für einen der größeren Säle der Schule angesetzt worden. Nach außen war dies ein glücklicher Umstand, denn mit der Beerdigung und der öffentlichen Verabschiedung Trandas ließ sich für jeden Außenstehenden vollkommen glaubhaft erklären, weshalb sich plötzlich so viele fremde Magier in den Hallen der Erdschule aufhielten. Niemand musste Verdacht schöpfen. Niemand musste fragen, warum Feuer, Wind, Wasser, Geist und jene wenigen anderen, die nicht hierhergehörten, nun doch hier standen und warteten. Ein alter Meister war gestorben. Die Schulen erwiesen ihm die letzte Ehre. Das war Erklärung genug.

Und doch war natürlich jeder, der Augen hatte, imstande zu sehen, dass mehr in der Luft lag als bloße Trauer.

So standen sie in kleinen Gruppen beisammen und redeten gedämpft miteinander, während Diener, Schüler und jüngere Magier sich am Rand hielten und so taten, als beschäftigten sie sich mit Kerzen, Sitzbänken und Tüchern. Sinadie sprach mit Shara und Manador. Es war kein leichtes Gespräch, dazu war in den letzten Tagen zu viel geschehen, es war eines jener ernsthaften Gespräche, in denen sich Menschen, die nicht gleich denken, immerhin darauf einigen, dass sie einander nützlich sein müssen. Mutter stand mit Anadar und Pildara ein Stück abseits, und schon in der Art, wie die drei beieinander standen, lag etwas, das andere unruhig machte, ohne dass sie hätten sagen können, warum. Roto wiederum hatte Morgut an sich gezogen und redete mit ihm über Ashambrat, über die Schule, über Lehrer, Gewohnheiten und den beruhigenden Rhythmus des Lebens, den man oft erst vermisst, wenn man lange genug fort gewesen ist. Miene und Sindra hielten sich natürlich in der Nähe, beinahe mit dem ernsten Eifer zweier Geistesschülerinnen, die sich selbst vielleicht noch nicht eingestanden hätten, dass sie bloß bei Morgut sein wollten, solange er in Reichweite war.

Morgut hörte Roto nur halb zu. Es tat ihm gut, wieder von Ashambrat sprechen zu hören. Er vermisste die Stadt, vermisste die vertrauten Wege, den Garten, das feste Gefüge seiner Jugend, die Tagesabläufe, die einem damals selbstverständlich erschienen waren und die nun, im Rückblick, fast wie ein verlorener Luxus wirkten. Selbst Dinge, die ihn einst gelangweilt hatten, kamen ihm nun kostbar vor. Dass Roto dies mit großzügiger Stimme und viel Gestik vortrug, störte ihn in diesem Moment nicht einmal.

Dann ging die Tür auf.

Es war kein besonders lautes Geräusch. Keine große Geste, kein Auftritt, der Aufmerksamkeit fordern wollte. Und doch wandten sich augenblicklich viele Köpfe dorthin, vielleicht weil in solchen Räumen jeder Neuankömmling sofort Gewicht bekam, vielleicht auch, weil ohnehin alle spürten, dass die Reihe der Ankommenden noch nicht ganz abgeschlossen war.

Im Eingang stand ein älterer Herr.

Morgut kam er auf den ersten Blick bekannt vor, ohne dass er ihn sofort hätte einordnen können. Dünn, alt, ein wenig gebeugt, aber mit einer Haltung, die verriet, dass sein Alter nicht Schwäche, sondern eher eine eigene Form von Entschlossenheit war. Dann fiel Morguts Blick auf die Gestalt direkt hinter ihm.

Mit vielem hatte er gerechnet.

Mit seiner Schwester nicht.

Für einen Augenblick fiel ihm buchstäblich die Kinnlade herunter. Das war Gnok. Und dahinter stand Gudi, nur dass sie in seiner Erinnerung kleiner gewesen war, jünger, kindlicher, mehr Schwester und weniger plötzlich eine eigene Person, die einfach mitten in Tandor auftauchte, als hätte jemand einen Gedanken aus seinem Kopf gezogen und in den Türrahmen gestellt.

Sie sah ihn.

Und im nächsten Herzschlag stieß sie einen lauten Jubelschrei aus, der für eine Beerdigung unendlich unpassend war, und rannte los.

„Morgut.“

Sie warf sich ihm an den Hals, mit einer Wucht, die zeigte, dass sie sich in den letzten Wochen nicht nur in der Magie, sondern auch in der Körperlichkeit weiterentwickelt hatte, und schon liefen ihr Tränen übers Gesicht. Morgut, der auf allerlei vorbereitet gewesen war, aber nicht auf das hier, wurde augenblicklich tief verlegen und zugleich von einer Freude überrollt, gegen die er nichts tun konnte.

„Gudi“, brachte er hervor.

Er versuchte, ihren Jubel irgendwie zu dämpfen, sie wenigstens leiser zu bekommen, sie an die Umgebung zu erinnern, an Tranda, an den Saal, an die vielen blickenden Menschen. Es gelang ihm nicht. Also tat er schließlich das einzig Mögliche und schloss sie ebenfalls fest in die Arme, vielleicht aus Freude, vielleicht in der heimlichen Hoffnung, ihr damit genug Luft aus den Lungen zu pressen, dass sie für einen Augenblick nicht weiter jubeln konnte.

Das gesamte Getuschel im Saal verstummte.

Jeder drehte sich zu den beiden um.

Dann setzte ein neues, deutlich genüsslicheres Gemurmel ein, empört bei manchen, amüsiert bei anderen, neugierig bei fast allen.

Miene und Sindra bekamen augenblicklich jenen Ausdruck, den nur sehr junge Frauen im Gesicht tragen können, wenn Eifersucht sie schneller erfasst, als Würde sie zügeln kann. Wer war dieses Mädchen. Warum umarmte sie Morgut so. Warum weinte sie. Warum sah Morgut dabei gleichzeitig so erschrocken und so froh aus.

Am Rand des Saales schlich sich Gnok mit sichtbar gemischten Gefühlen hinein.

Er bewegte sich so, wie Menschen sich bewegen, die hoffen, durch äußerste Unauffälligkeit nicht aufzufallen, während bereits jeder zweite im Raum wegen des Auftritts des Mädchens auf ihn aufmerksam geworden war. Dennoch hielt er Kurs auf Mutter, Pildara und Anadar zu, als sei dies die einzig sichere Insel inmitten der plötzlich lebhaften Szenerie.

„So viel zu einem unauffälligen Erscheinen“, murmelte er mit verlegenem Lächeln.

Dann verbeugte er sich vor Mutter, nahm ihre Handflächen in seine und küsste sie mit einer Selbstverständlichkeit, die verriet, dass zwischen ihnen Formen alter Vertrautheit bestanden, die kein anderer im Saal ganz verstand.

„Guten Morgen, Mutter.“

„Guten Morgen, Gnok“, sagte sie, und ihre Stimme wurde weicher, ohne an Tiefe zu verlieren.

Dann wandte er sich zu Pildara.

„Pildara. Es ist so lange her, dass ich euch sah.“

Auch ihre Handflächen nahm er in die seinen, und sie ließ es nicht nur zu, sondern strich ihm im Gegenzug mit beiden Händen kurz über das Gesicht, als prüfe sie, ob Zeit und Wirklichkeit ihn wirklich so geformt hatten, wie sie es erwartet hatte.

„Mein alter, alter Freund“, sagte sie leise. „Wie ich dich vermisst habe.“

Anadar stand daneben und fühlte sich für einen Moment fast ausgeschlossen. Es war, als träfen sich hier drei Menschen, die einander über so viele Jahre, vielleicht Zeitalter hinweg kannten, dass selbst Erinnerung zwischen ihnen eine andere Dichte besaß. Etwas an dieser alten Vertrautheit war nicht unangenehm, nur so groß, dass es ihn kurz an den Rand stellte.

Gnok drehte sich schließlich zu ihm.

„Meister Anadar“, sagte er mit einer kleinen Verbeugung. „Ashambrat ist einsamer geworden ohne euch in unserer Stadt. Ich vermisse unsere Gespräche.“

Anadar lächelte.

„Meister Gnok. Die angenehmsten Stunden in der Stadt des Windes verbinde ich ebenfalls mit euch.“

Es war nicht bloß Höflichkeit. Beide wussten das.

Mutter hatte die kurze Begrüßung abgewartet, doch kaum war sie vorbei, griff sie den Faden ihres Gesprächs mit Anadar wieder auf, als hätte sie ihn nie losgelassen.

„Entschuldige meine Neugierde“, sagte sie, „aber kannst du mir verraten, wo du deinen Freund gelassen hast. Es ist nicht, dass ich ihn vermisse. Jedoch…“

Sie ließ den Satz offen.

Anadar sah sie an.

Er wusste genau, dass sie nicht später zufriedengestellt werden wollte. Sie wollte jetzt eine Antwort. Nicht nur irgendeine, sondern eine präzise. Es stand ihr im Gesicht. Dafür musste er nicht einmal ihren Geist berühren.

„Ich denke, wir sollten uns später ausführlich unterhalten“, sagte er zunächst. „Es gibt so einiges, was wir besprechen müssen.“

Die Antwort stellte sie nicht zufrieden. Nicht im Geringsten.

Also fuhr er fort.

„Ich habe ihn an seinen ursprünglichen Besitzer zurückgegeben.“

Mutter starrte ihn an.

Anadar sprach weiter, ehe sie ihn unterbrechen konnte.

„Fantor war noch am Leben. Ich konnte ihm den Dämon übergeben.“

Sie öffnete den Mund. Einmal. Zweimal. Doch für einen Moment kam kein Wort heraus. Selbst Pildara hob den Kopf schärfer, und Gnok, der sonst über vieles hinwegschmunzeln konnte, blickte Anadar nun mit unverhohlenem Interesse an.

„Sie liegen unter einem Turm begraben“, sagte Anadar. „Ich denke, das sollte sie eine Weile aufhalten. Bis wir eine endgültige Lösung für sie gefunden haben.“

Mutter schloss den Mund wieder und kniff die Augen leicht zusammen. In ihrem Gesicht lag jener Ausdruck, der gefährlicher war als offener Zorn.

„Das Schwert und der Dämon darin“, sagte sie langsam, „sind nicht gerade ein Ding, das man unbeaufsichtigt irgendwo liegen lassen sollte.“

Anadar konterte sofort.

„Es ist auch nicht gerade das Ding, das man überall mit sich herumträgt, damit es alles und jeden belauschen kann.“

Für einen Herzschlag lang standen beide einander nur gegenüber.

Dann läuteten die Glocken.

Nicht laut, nicht scharf, sondern in jenem vollen, ruhigen Klang, mit dem große Schulen Beginn und Grenze ihrer Zeremonien markieren. Die Gespräche im Saal brachen ab oder versanken augenblicklich in Flüstern.

„Wir müssen reden“, sagte Mutter.

Dann legte sie ihre Hand um Anadars und drückte sie kurz.

„Viel, Anadar.“

Sie lächelte ihn an, nicht weich, aber mit einer Wärme, die in diesem Moment fast mehr wog als der Tadel.

„Schau, dass du Shara, Manador, Isidre, deinen Bruder und Sinadie heute zusammenbekommst. Wir haben einiges zu besprechen.“

Dann zog sie die Hand zurück, wandte sich dem Saal zu und wurde wieder zu jener goldenen, alten, unerschütterlichen Gestalt, die in einem Raum voller Meister sofort wirkte, als gehöre der Takt des ganzen Tages ihr.

Und während Morgut sich endlich von seiner Schwester löste, Miene und Sindra versuchten, ihre Gesichter wieder in eine Form zu bringen, die nicht sofort alles verriet, und die Gespräche im Saal nun gänzlich versiegten, begann die Beisetzung Meister Trandas.

Doch unter der Trauer, unter der Würde und unter allen rituellen Formen lag längst etwas anderes bereit.

Nicht nur Abschied.

 

XXI

Es dauerte, bis der zeremonielle Teil beendet war.

Trandas Beisetzung war nicht von jener knappen, stillen Art, die den Toten rasch der Erde übergibt und den Lebenden den Rest überlässt. Dafür war er zu bedeutend gewesen, zu lange im Herzen der Schule, zu sehr mit den Wegen, Gedanken und Schicksalen anderer verbunden. Man ließ sich Zeit mit ihm. Vielleicht zu viel Zeit, dachte Anadar an einer Stelle. Vielleicht aber war gerade das angemessen. Ein Mann wie Tranda hinterließ nicht bloß einen leeren Stuhl und ein ordentliches Grab. Er hinterließ Gewohnheiten, Maßstäbe, Ängste, Loyalitäten, Erinnerungen und offene Fragen. All das musste offenbar ebenfalls verabschiedet werden.

Reden wurden gehalten.

Viele Reden.

Slonda hatte eine vorbereitet und sprach sie mit jener Mischung aus Beherrschtheit und sichtbarer innerer Bewegung, die ihm eigen war, wenn er sich zusammennehmen musste, um nicht an seinen eigenen Gefühlen zu scheitern. Er sprach nicht über Trandas Rang. Nicht über seine Stellung. Nicht darüber, wie viele Jahre er die Erdschule geführt hatte oder an wie vielen Konklaven sein Name Gewicht besessen hatte. Er sprach von ihm als Lehrmeister. Als jemandem, der Geduld besessen hatte, wo andere längst gereizt geworden wären, der förderte, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, der direkt war, ohne je kleinzumachen, der Irrtümer benannte, ohne sie als Makel zu behandeln. Und dann, gegen Ende, sprach Slonda von ihm als Freund, und in diesem einen Wort lag so viel mehr Wahrheit als in allem Feierlichen davor, dass der Saal stiller wurde als bei jedem kunstvolleren Satz.

Isidre sprach ebenfalls.

Knapper als Slonda. Klarer. Weniger suchend. Sie wirkte, als halte sie sich an der Form fest, weil die Form das Einzige war, was sie im Augenblick vor dem völligen Einbruch bewahrte. Auch sie sprach von Tranda als Lehrmeister, als einem Mann, der niemals Demütigung mit Lehre verwechselt hatte, der einem mehr zumutete, als bequem war, und dabei doch immer auf die eigentümliche Weise gerecht blieb, die nicht weich war, aber verlässlich. Sie erzählte eine kurze Anekdote darüber, wie er sie einst drei Stunden lang an einem einzigen Stein hatte sitzen lassen, bis sie endlich begriffen hatte, dass das Problem nicht im Stein, sondern in ihrer Ungeduld lag. Einige lächelten darüber. Andere lachten sogar leise. Und genau das, dachte Anadar, war richtig. Ein Teil der Trauerbewältigung war eben, den Toten nicht nur als Verlust, sondern auch als gelebten Menschen zu erinnern.

Danach traten andere vor.

Einige meinten es ehrlich. Das war zu hören. Sie sprachen von Trandas Ruhe, von seiner Kunst, von seiner schweren, trockenen Klugheit, die erst im Rückblick vielen als kostbar erschien. Andere aber benutzten die Gelegenheit bereits für etwas anderes. Nicht grob. Nicht offen. Niemand war töricht genug, während einer Beisetzung offen Politik zu treiben. Aber im Hintergrund begann sie bereits zu arbeiten. Manche Reden wurden länger, als sie hätten sein müssen. Manche begannen bei Tranda und endeten auffällig bei der Ordnung der Schule, der Verantwortung der Meister, der Notwendigkeit von Stabilität in schwierigen Zeiten. Ein oder zwei Sprecher verstanden es sogar, sich selbst so geschickt in die Mitte ihrer Worte zu stellen, dass man fast hätte glauben können, Trandas größtes Verdienst habe darin bestanden, sie rechtzeitig erkannt zu haben. Anadar sah die kleinen Blicke, die Seitenbewegungen, das Nicken an den falschen Stellen, das feine Aufmerken bei bestimmten Formulierungen. Ja, dachte er, selbst neben einem Toten konnte die Welt es nicht lassen.

Es dauerte lange.

Zu lange für ihn.

Er wartete. Hörte halb zu. Verfolgte mit einem Teil seines Geistes die Reden und mit dem anderen bereits die Frage, wann er endlich seinen Bruder würde allein sprechen können. Slonda wurde nach jeder Ansprache wieder in kleine Gruppen gezogen, in Beileidsworte, Erinnerungen, ernste Sätze, die nur ausgesprochen wurden, weil ein Mann in seiner Stellung sie eben entgegennehmen musste. Isidre traf es ebenso, nur dass sie sich dabei deutlich weniger fügsam verhielt.

Erst als der schwerste Teil vorüber war und sich der Saal wieder in Bewegung auflöste, gelang es Anadar endlich.

Slonda stand gerade in einer Gruppe aus älteren Magiern, die mit der ernsten Miene von Männern sprachen, die sich in Trauer gegenseitig ihre Bedeutung bestätigen. Anadar ging einfach zu ihnen, trat dicht genug an seinen Bruder heran, um ihn kurz am Ärmel zu fassen, und sagte mit ruhiger Selbstverständlichkeit:

„Ihr entschuldigt uns. Wir haben uns lange nicht gesehen.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er Slonda mit sich.

Slonda ließ sich mitziehen, blickte noch einen Herzschlag lang zurück, dann war er bei Anadar, und kaum waren sie außerhalb direkter Hörweite, begann dieser ohne jeden Umweg.

„Du findest mich am Anfang der Bibliothek, Slonda. Was auch immer das bedeuten soll. Wo zur Hölle ist dies. Und wo hast du gesteckt, die ganze Zeit.“

Slonda sah ihn an.

Nicht verletzt, nicht einmal überrascht, eher so, als hätte er genau mit diesem Einstieg gerechnet. Er blickte sich kurz um, prüfte instinktiv die Umgebung und senkte dann die Stimme.

„Lass uns lieber nach draußen gehen. Ich möchte nicht, dass dies irgendjemand hört.“

Also gingen sie.

Erst aus dem Saal. Dann aus der Schule. Und selbst als sie die Höfe und Gänge hinter sich gelassen hatten, ging Slonda noch weiter, bis sie schließlich vor die Stadt kamen, dorthin, wo die Wege breiter wurden, das Gemurmel Tandors hinter ihnen zurückblieb und nur noch Abendluft, Gras und der ferne Stein der Mauern mit ihnen waren.

Erst dort begann Slonda zu reden.

„Anadar“, sagte er, und seine Stimme klang beinahe fremd in der offenen Luft, „die Schulen, das alles, es ist alt. Und noch verkommener, als wir es uns gedacht haben. Ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Und ich weiß nicht, wie viel du mir glaubst. Ich glaube es ja beinahe selber nicht.“

Anadar sah ihn an und lächelte matt.

„Du glaubst nicht, was mir in der letzten Zeit widerfahren ist.“

Das war alles, was es brauchte.

Dann erzählten beide.

Nicht schön geordnet. Nicht in ruhiger Reihenfolge. Nicht mit jenem angenehmen Abstand, den Geschichten gewinnen, wenn man sie erst Jahre später berichtet. Sie sprachen hastig und stockend und schoben einander immer neue Dinge hin, als wollten sie prüfen, wie viel Wahrheit ein anderer überhaupt tragen konnte, ehe er zusammenbrach oder lachte.

Slonda erzählte zuerst von seiner Reise in die Vergangenheit. Von Drinda, dann Pildara. Von der Zeitmagie. Von der Erkenntnis, dass es einst nicht sechs, sondern zwölf Schulen gegeben hatte. Von alten Kodizes. Von Veränderungen, die absichtlich herbeigeführt worden waren. Von Auslöschung. Von Tilgung. Von der Gewalt, mit der Wissen aus der Geschichte geschnitten worden war, bis die Welt selbst vergessen hatte, was ihr genommen wurde. Er kam zu dem Punkt an dem er zugab, dass er sie damals Sabotiert hatte, also dass er es gemacht hat, in der Zukunft, also noch nicht, er auch noch nicht den Grund kenne.

„Es ist verwirrend.“ Schloss er seinen Bruder hilfesuchend anschauend.

Anadar hörte ihn an und nahm alles auf, ohne ihn zu unterbrechen, bis auf jene kurzen Rückfragen, mit denen er sicherstellte, dass er die Linien richtig fasste.

Dann erzählte er selbst.

Von Naaarstr. Von dem Dämon und seiner wachsenden Verderbnis im eigenen Kopf. Vom Blutdurst, dem Massaker an den Räubern. Vom Seemonster. Von den Bildern, die die Krake ihm gezeigt hatte. Vom alten Blut. Von Dingen, die älter waren als die Schulen und vielleicht doch in ihnen fortlebten. Von Fantor. Von der Bindung. Von der Übergabe des Dämons. Von dem eingestürzten Turm in Sontor. Von der Aversion im Norden. Von Nigk und Xian. Von Manadors Fund der Schule des Lichtes unter der Feurigen Feste und von Sharas Schwangerschaft.

„Mittwinterfest in Zoordak.“ fragte Slonda nach, Anadar nickte „Das hat sie eingefädelt.“

„Glückwunsch, nehme ich an.“ Er blickte seinem Bruder in die Augen und in diesem Blick lag so viel Wärme.

Als sie fertig waren, dämmerte bereits der Abend.

Die Luft war kälter geworden. Die Stadt lag hinter ihnen in dunklerem Stein, und vor ihnen zog sich das Land in sanften Schatten weg. Beide standen still da und sahen einander an. Nun hatte jeder vom anderen ein Bild erhalten, ein größeres Bild als zuvor, und gerade deshalb war es schwerer geworden, sich überhaupt noch eines zu machen. Die Dinge wuchsen ihnen über die Vorstellungskraft hinaus. Es war, als hätte man zwei Hälften einer Landkarte übereinandergelegt und erst dann erkannt, dass das Ganze nicht kleiner, sondern unbegreiflich weit wurde.

Sie standen schweigend im Unglauben.

Dann erklang Mutters Stimme in ihren Köpfen.

„Wenn die beiden Herren nun damit fertig sind, alles andere auszuschließen, können sie sich auch in Trandas Studiergemach bemühen. Wir anderen warten auf euch, um das Bild noch weiter zu vergrößern.“

Beide zuckten innerlich auf dieselbe kindliche Weise zusammen.

Sie fühlten sich augenblicklich gerügt.

Nicht wie Meister. Nicht wie Männer, die eben die Grenzen ihres Weltbildes gesprengt hatten. Sondern wie zwei Jungen, die zu weit gegangen waren und nun wieder hereingerufen wurden.

Slonda verzog das Gesicht.

„Spricht sie immer in diesem Ton mit einem.“

Anadar antwortete trocken:

„Nein. Erst in letzter Zeit verstellt sie sich nicht mehr so.“

„Meine Herren“, sagte Mutter in ihren Köpfen, und nun klang es so, als wäre ein Lächeln darin, „ich bin noch anwesend.“

Alle drei lachten.

Es war nur kurz, aber es löste etwas.

Dann machten die beiden Brüder sich auf den Rückweg nach Tandor, hinauf in die Stadt, durch ihre stiller gewordenen Gassen, hinein in die Schule und weiter zu Trandas Studiergemach, wo die anderen bereits warteten und wo das Bild, das eben erst begonnen hatte, seine eigentliche Größe zu zeigen, noch einmal erweitert werden würde.

 

XXII

 

 

 

Gnok stand im Raum, der gerade groß genug war, um alle neun zu fassen, ohne dass irgendjemand sich eingeengt fühlen musste und doch eng genug, dass keiner sich in die Unverbindlichkeit eines großen Saales retten konnte. Das Feuer knisterte im Kamin und warf warmes Licht über Wände, Regale, Karten und die Gesichter der Anwesenden. Pildara stand etwas abseits, still und gesammelt, als wäre selbst das Warten auf Worte bei ihr eine Form von Disziplin. Mutter hatte sich nicht gesetzt, sondern hielt sich in jener ruhigen, goldenen Selbstverständlichkeit im Raum, die es schwer machte zu sagen, ob sie zuhörte, lenkte oder längst wusste, was gesagt werden würde. Dazu waren Isidre und Sinadie gekommen, Manador, Shara, Slonda und Anadar. Alle hatten ihre Plätze um den großen Tisch eingenommen, und über diesem Tisch schwebte nun, von Gnoks Hand hervorgebracht, eine Abbildung des Planetensystems.

Es war kein stilles Bild.

Die Planeten glühten in unterschiedlichen Farben, blassere und dunklere Bahnen zogen sich wie feinste Lichtlinien durch die Luft, und kleine Punkte, Monde oder ferne Körper, glitten in träger, unaufhaltsamer Ordnung um größere Himmelskugeln. In der Mitte hing die Sonne, ruhig und wach. Rechts davon Jondus, ihre Welt, in gedämpftem Grün und Blau, und weiter draußen, auf einer anderen Bahn, Maohanga, der Schwesterplanet, goldener, matter, größer wirkend, als müsse er selbst aus größerer Entfernung schon Gewicht auf alles ausüben.

Gnok hob den Kopf.

Sein Gesicht war ernst, aber nicht schwer. Eher trug es die eigentümliche Klarheit eines Mannes, der lange genug auf einen Augenblick gewartet hat, um ihm nun keine Hast und keine falsche Feierlichkeit zu gönnen.

„Das, was ich euch nun erzähle, meine Freunde“, begann er, „mag an eurem Verstand nagen. Es mag euch ungleublich erscheinen, es mag euch unmöglich vorkommen, und mancher von euch wird im ersten Augenblick glauben, ich sei alt geworden auf eine Weise, die selbst mir nicht gut bekommt. Ich sage euch jedoch die Wahrheit.“

Keiner unterbrach ihn.

Selbst Manador, der in anderen Zusammenhängen dazu neigte, mit der Stirn zu runzeln und rasch einzuwerfen, wenn ihm etwas zu weit in eine Richtung ging, schwieg. Zu deutlich war die Stimmung im Raum. Zu deutlich auch die Schwere dessen, was Gnok offenbar schon mit dem ersten Satz angekündigt hatte.

Er hob die Hand und deutete auf Maohanga.

„Das dort ist Maohanga. Manche von euch nennen ihn den Schwesterplaneten, manche kennen nur alte Lieder und sehr viel schlechtes Halbwissen darüber, aber es ist Zeit, dass wir einmal aufhören, wie Kinder um Dinge herumzureden, die unser ganzes Dasein beeinflussen. Dies ist die heutige Konstellation unseres Systems.“

Er strich mit zwei Fingern durch die Luft, und Jondus glomm heller auf.

„Und dies ist Jondus. Unsere Welt.“

Die Lichtbahnen zitterten kurz und ordneten sich neu.

„Maohanga schiebt sich wieder in die Nähe unserer Welt. Nicht auf eine Weise, die jeder Bauer mit dem bloßen Auge verstehen würde, und auch nicht auf eine Weise, die unsere Meere über Nacht aufspringen lässt oder unsere Berge gleich morgen zusammenbrechen. Aber in der Ordnung der Kräfte, in der Beziehung der Dinge, in den verborgenen Gezeiten der Welt, die tiefer liegen als Wasser und Wind, ist diese Annäherung von größter Bedeutung.“

Er ging langsam um den Tisch, und während er sprach, drehte sich das System kaum merklich unter seiner Hand weiter.

„Wenn Maohanga sich nähert, dann wird nicht einfach nur Licht anders oder Schatten länger. Dann beginnt eine Wechselwirkung. Eine Resonanz. Die Kräfte beider Welten greifen ineinander, und mit dieser Berührung wird mehr freie Energie im Raum verfügbar. Die Welt wird durchlässiger. Magie wird leichter. Nicht gutartig, nicht böse, nicht klüger, nur leichter. Was sonst mühsam gebündelt werden musste, was in kleinen Strömen zusammengesucht und mühsam in Formen gezwungen werden musste, steht dann reicher, offener und unmittelbarer zur Verfügung.“

Er lächelte schmal.

„Die meisten nennen das freie Magie, weil Menschen gern große Begriffe erfinden, wenn sie etwas nicht wirklich erklären können. Aber der Ausdruck ist nicht ganz falsch. Es ist tatsächlich mehr Freiheit darin. Mehr Rohheit. Mehr Möglichkeit. Und dies, meine Freunde, ist der Grund, warum sich gerade so vieles verändert. Nicht weil die Welt plötzlich verrückt geworden wäre. Nicht weil die Menschen sonderbar wären. Sondern weil die Bedingungen sich verschieben, unter denen all dies bisher stand.“

Sinadie zog unwillkürlich den Atem etwas langsamer ein. Isidre hatte die Hände um den Rand ihres Stuhls gelegt, als wollte sie sich an etwas Festem halten, während das Unsichtbare um sie herum weiter wurde. Shara sah nicht auf Gnok, sondern auf Maohanga, als versuche sie, in der bloßen Stellung des Planeten bereits alle Folgen mitzudenken. Anadar und Slonda sagten nichts. Beide hatten bereits zu viel gesehen, um den ersten Schlag dieser Wahrheit noch mit offenem Erstaunen zu beantworten.

Gnok drehte das System langsam zurück.

Maohanga wanderte auf seiner Bahn weiter, weiter fort von Jondus, bis er schließlich beinahe genau gegenüber stand, so weit entfernt, wie er es innerhalb der Darstellung nur sein konnte.

„Hier“, sagte Gnok, „bei beinahe einhundertachtzig Grad, in größtmöglicher Entfernung, liegt eine Zeit, die viele von euch schon für alt halten würden, obwohl sie in Wahrheit nur eine Phase des Ausdünnens war. Die Magie war damals selten. Nicht verschwunden, aber schwächlich. Wer Zauber wirkte, musste sich anstrengen. Richtig anstrengen. Nicht eine Geste, nicht ein Wort, nicht ein hübscher Funke aus dem Ärmel. Nein. Kraft. Sammlung. Konzentration. In jenen Jahren wurden aus Notwendigkeit Dinge zusammengelegt, die nie wieder voneinander getrennt wurden.“

Er deutete auf Slonda und Anadar zugleich, als gehörten sie für einen Augenblick zu dem Modell.

„Es war die Zeit, in der Illusion und Geist fusionierten. Die Zeit, in der Erde und Nekromantie zusammengebunden wurden. Nicht, weil es die höchste Weisheit gewesen wäre, sondern weil es zu wenige Schüler gab und zu wenig Kraft, um sich weiterhin den Luxus reiner Schulen zu leisten. Was klein geworden war, wurde enger zusammengedrückt. Was rar war, musste geteilt werden.“

Er drehte Maohanga wieder ein Stück vor.

„Gehen wir weiter zurück.“

Das goldene Licht rückte näher.

„Hier, lange vor jener mageren Zeit, aber bereits in einer Phase der Schwächung, fallen mehrere der Verbrechen, die unsere Geschichte später so sorgfältig verschwiegen hat. Hier wurde die Schule des Lichtes vernichtet.“

Manador hob bei diesen Worten unwillkürlich den Kopf. Nicht schuldig, aber getroffen. Gnok bemerkte es und ließ den Blick kurz auf ihm ruhen, nicht vorwurfsvoll, eher mit dem stillen Einverständnis eines Mannes, der weiß, dass Vergangenheit selten jemandem gehört, ohne viele Hände daran.

„Es war ein Machtkampf“, sagte Gnok. „Ein hässlicher, ungerechter und schlecht verbrämter Machtkampf. Feuer gegen Licht, Nähe gegen Nähe, Eifersucht gegen Verwandtschaft. Frau gegen Mann. Man erklärte es später mit Reinheit, mit Gefahr, mit Ordnung, mit allem, was Menschen sagen, wenn sie im Nachhinein eine Schweinerei zu Notwendigkeit erklären wollen. Aber es war, was es war. Eine Auslöschung.“

Er ließ das Bild ein wenig weiterlaufen.

„Hier fiel Wandlung einer Inquisition anheim. Manche erklärten es später für verdient. Andere für überfällig. Wieder andere wussten so wenig davon, dass sie nicht einmal ein Urteil zustande brachten. Ich habe nie viel von Urteilen gehalten, die später gesprochen werden, wenn der letzte Stein längst auf dem Massengrab liegt.“

Pildara hob nur leicht einen Mundwinkel. Es war kein Widerspruch, eher das Zeichen, dass sie diesen Satz kannte und ihm zustimmte.

„Hier“, fuhr Gnok fort, „wurde die Wandler in Varakht im Norden dem Erdboden gleichgemacht. Und mit der Stadt wurde die Erinnerung daran getilgt. Nicht nur Mauern. Nicht nur Menschen. Erinnerung. Ein eigenes Verbrechen, über das zu wenig gesprochen wird, weil diejenigen, die Erinnerung löschen, immer hoffen, damit auch das Urteil zu löschen.“

Er drehte weiter.

„Und hier, bei ungefähr zweiundsechzig Grad, wurden die Beschwörer gejagt. Sahretûn, die unheimliche Stadt im Süden, fiel der Vernichtung anheim. Legenden sagen, die Hölle selbst habe die Stadt verschluckt und sie warte seither in einer anderen Dimension darauf, eines Tages wieder ausgespuckt zu werden. Ich bin alt genug, um zu sagen, dass Legenden oft auf einem Kern von Wahrheit ruhen, der nur zu heiß geworden ist, um ihn noch direkt anzufassen.“

Er blickte kurz zu Anadar. Auch das bemerkten mehrere im Raum.

„Die Beschwörer wurden damals schwächer, je weiter Maohanga sich entfernte. Das war ihr Unglück und unser Glück. Wären sie in einer Zeit gestanden, wie wir sie nun wieder erleben, hätte die Jagd auf sie vielleicht nicht genügt. Doch ich werde nicht so tun, als wären sie arm dran gewesen. Sie waren entartet, und unheimlich waren sie ohnehin. Nicht jeder Verlierer der Geschichte ist automatisch ihr Unschuldslamm.“

Er bewegte Maohanga noch einmal.

„Hier, bei ungefähr sechzig Grad, verschwand die erste Schule aus der Konklave freiwillig. Die Schule der Zeit aus Gontar.“

Nun lächelten nur die Älteren.

Gnok selbst ließ sich ein kurzes, trockenes Grinsen nicht nehmen.

„Nie zuvor und nie danach war eine Schule der Zeit sonderlich reich an Schülern. Schon weil ein Teil ihrer Meister dazu neigte, nur in den Jahren anwesend zu sein, die ihnen gefielen.“

Mutter lachte leise. Pildara ebenfalls. Die anderen sahen zwischen ihnen hin und her und spürten, dass sie etwas erfasst hatten, das für die Alten ein Witz und für die Jüngeren nur ein weiteres Zeichen dafür war, wie tief diese Geschichte reichte.

Dann schob Gnok Maohanga weiter zurück, bis er bei etwa dreißig Grad stand.

Das Licht im Raum wirkte nun anders. Oder vielleicht war es nur der Eindruck aller Anwesenden, dass sie sich einer älteren, dichteren Welt näherten.

„Hier“, sagte Gnok, „wurden die zwölf Schulen gegründet.“

Nun war es still.

„Zwölf“, wiederholte Sinadie, beinahe tonlos.

„Zwölf“, bestätigte Gnok. „Und nein, ich verspreche euch nicht, dass euch dieses Wissen heute Nacht angenehm sein wird.“

Er strich mit der Hand durch die Luft, und neben dem Planetensystem erschienen, von Pildara unterstützt, Zeichen, Wappen, stilisierte Formen, zwölf statt sechs, manche vertraut, manche fremd.

„Zu dieser Zeit war die Magie bereits schwächer geworden. Nicht schwach. Das wäre ein Irrtum. Aber schwächer. Man musste anfangen, sie zu formen, zu bündeln, zu führen. Das geschah nicht aus Liebe zur Regel und auch nicht, weil frühe Meister plötzlichen Gefallen an Ordnung gefunden hätten. Es geschah aus Notwendigkeit. Man musste die Kraft erst kanalisieren, bevor man sie freisetzen konnte. Die Formen entstanden, weil die Welt selbst sie verlangte. Und der Kodex wurde nicht ohne Grund geschrieben. Man gründete die Schulen, damit sie aufeinander aufpassten. Nicht nur, um Wissen zu bewahren. Sondern um einander zu begrenzen.“

Nun sahen Gnok und Pildara einander an.

Ein kurzes, ernstes Verständnis ging zwischen ihnen über, und Anadar begriff, dass es zwischen diesen beiden eine gemeinsame Erinnerung an Dinge gab, die weit tiefer lagen als bloßes Wissen.

Im Raum aber musste das Gesagte erst sacken.

Sinadie saß mit einer Fassung, die nur mühsam ihre Erschütterung verbarg. Manador hatte beide Hände flach auf den Tisch gelegt, als müsse er etwas Festes berühren, um nicht von dieser neuen Weite fortgetragen zu werden. Shara sah vom System zu den Gesichtern und wieder zurück, als beginne sie bereits, politische Folgen gegen geschichtliche, und geschichtliche gegen persönliche zu rechnen. Nur Anadar und Slonda wirkten weniger überrascht als die anderen, doch auch sie sahen in den Gesichtern ringsum, wie groß der Schock tatsächlich war.

Das Feuer knisterte im Kamin.

Es war dieses alltägliche, beinahe unverschämt normale Geräusch, das die Szene zusammenhielt, während Gnok fortfuhr.

„Hier dazwischen“, sagte er und schob Maohanga auf etwa zwanzig Grad, „begann das größte Verbrechen der Menschheit. Aber ich denke, ich erzähle die Geschichte von vorn.“

Nun bewegte er den Schwesterplaneten noch weiter zurück, bis er bei ungefähr fünf Grad stand.

„Hier“, sagte er leiser, „wurde der Mensch erschaffen.“

Pildara hob die Hand.

Neben dem Planetensystem erschienen Bilder, zuerst nur schemenhaft, dann klarer. Wesen, so schön und fremd, dass einige im Raum unwillkürlich den Atem anhielten. Hohe Gestalten aus Licht und Stoff. Gesichter, die weder weich noch hart waren, sondern in einer Weise vollkommen, die menschlicher Schönheit fern stand. Um sie herum wuchsen Bäume mit silbernem Blattwerk, Tiere mit durchsichtigem Fell, fließende Gärten, Wasser, das nicht bloß Wasser war, sondern ein tragender Teil von etwas Größerem.

„Der Mensch wurde geschaffen von Wesen“, sagte Gnok, „die so mächtig und schön waren, dass unsere Sprache klein wird, sobald sie versucht, sie zu beschreiben. Sie liebten es, Neues in die Welt zu bringen. Formen, Arten, Gedanken, Gesang, Farbe, Lebendigkeit. Und am Anfang war der Mensch rein. Gut. Schön. Er fügte sich in die Schöpfung ein, weil auch er ein magisches Wesen war, so wie jene, die vor ihm geschaffen worden waren. Die Magie war reichlich in der Welt. Überreichlich.“

Pildaras Bilder wuchsen weiter.

Elfen erschienen. Zwerge. Einhörner mit Häuten wie flüssiges Mondlicht. Drachen, so groß und selbstverständlich, dass der ganze Raum kleiner wirkte. Engel. Teufel. Und Wesen, für die selbst Anadar keine Namen gehabt hätte, obwohl er mehr als genug gesehen hatte. Eine ganze frühe Welt schwebte für Augenblicke in der Luft, von Pildaras Kunst getragen, und alle lauschten, als würde ihnen das Aufblitzen einer verlorenen Schöpfung gewährt.

Gnok sprach weiter, während Maohanga langsam auf zehn bis fünfzehn Grad wanderte.

„Dann begann der Mensch seinerseits zu erschaffen. Erst aus Neugier, dann aus Ehrgeiz, dann aus Gewohnheit. Er schuf Wesen, um zu dienen, um zu helfen, um Arbeit und Last zu tragen. Geister. Kobolde. Dschinne. Andere Geschöpfe, von denen manche uns heute noch begleiten und andere längst vergessen sind. Und er erschuf noch etwas anderes.“

Pildaras Bilder dunkelten nach.

„Die Dämonen.“

Nun veränderte sich die Luft im Raum. Nicht wirklich. Aber in der Wahrnehmung aller Anwesenden. Was eben noch Staunen gewesen war, wurde Spannung.

„Anfangs waren auch sie Schöpfungen“, sagte Gnok. „Nicht aus sich selbst geboren, nicht uralt im Sinn eines Anfangs ohne Ursprung. Sie wurden gemacht. Für Kampf. Für Härte. Für Gewalt. Als Werkzeuge. Als Waffen. Als Wesen, die genau dort eingreifen sollten, wo Menschen glaubten, dass das Schöne nicht mehr genügte.“

Pildara zeigte nun Bilder von hohen Hallen, Kreisen aus Zeichen, Wesen in werdender Form, die aus Licht und Finsternis zusammengesetzt wurden. Dann kippten die Bilder.

„Doch Dienen war ihnen nicht genug. Nicht lange. Man hatte ihnen Stärke gegeben, Eigenwille, Hunger und den Auftrag, zu überwinden. Also wollten sie irgendwann nicht mehr dienen, sondern herrschen. Wer sich als Waffe erschaffen lässt und dabei Bewusstsein behält, kommt früher oder später auf den Gedanken, die Hand zu beißen, die ihn führt.“

Pildaras Bilder wurden grausamer.

Dämonen, die Ketten sprengten. Tore, die brachen. Städte, über denen Feuer stand. Menschen, die vor den eigenen Schöpfungen flohen. Dämonische Gestalten, die in aller Herrlichkeit und allem Entsetzen nach Macht griffen, zuerst über ihre Schöpfer, dann über alles.

„Sie befreiten sich“, sagte Gnok. „Und kaum waren sie frei, wollten sie die Welt untertan machen. Sie wollten nicht leben. Sie wollten beherrschen. Alles, was Macht trug, alles, was Widerstand leistete, alles, was schön, alt oder groß war, wurde für sie zugleich Ziel und Nahrung. Altes Blut lockte sie besonders. Das Blut der alten Völker. Der Elfen. Der Drachen. Der anderen, für die es heute keine Namen mehr in unseren sauberen Chroniken gibt.“

Maohanga stand nun bei fünfzehn Grad.

„Dann kam der große Krieg.“

Pildaras Bilder weiteten sich. Eine Koalition der Völker. Banner und Heere. Zauberer, keine Magier, denn so nannte man sie damals, in einer Zeit, als noch genug Kraft in der Welt war, dass das Wort größer klang. Drachen an der Seite von Menschen. Elfen neben Zwergen. Wesen aus Licht und solche aus Erde. Alles, was noch wusste, dass die Dämonen nicht bloß besiegt, sondern gebannt werden mussten, weil ihre völlige Entfesselung das Universum selbst zerreißen konnte.

„Es war beinahe die Auslöschung des Universums“, sagte Gnok leise. „Und ich benutze dieses Wort nicht leicht. Es wurden Kräfte freigesetzt, die heute keiner von euch mehr auch nur verantworten könnte, wenn er sie denn überhaupt zusammenbrächte. Kontinente litten. Meere wurden geöffnet. Himmel gebrochen. Und am Ende gelang es nur durch einen Verbund, wie ihn die Welt nie wieder sah, die Dämonen zu bannen.“

Er schwieg kurz.

„Doch danach war nichts mehr gut.“

Die Bilder zeigten keine Siege mehr, nur Erschöpfung, Misstrauen, verbrannte Welt.

„Selbst als die Dämonen gefangen waren, blieb das Misstrauen. Völker, die gemeinsam gekämpft hatten, wandten sich wieder gegeneinander. Die Magie wurde geringer. Ressourcen wurden knapper. Der Mensch vermehrte sich. Er brauchte Platz. Und nicht mehr jeder Mensch war nun ein magisches Wesen. Manche sagten, das sei die Verderbnis. Andere nannten es Strafe. Wieder andere erkannten einfach nur die Folge einer Welt, die zu viel Blut, zu viel Verrat und zu viel verbrauchte Kraft gesehen hatte.“

Maohanga glitt wieder auf zwanzig Grad.

Gnoks Gesicht wurde nun härter.

„Und dann geschah das größte Verbrechen der Menschheit.“

Pildara ließ die Bilder dunkel werden. Keine Schönheit mehr. Nur Verrat.

„Es fanden sich wieder Magier, die es schafften, Dämonen zu beschwören. Wieder. Sie banden sie. Sie zwangen sie. Sie machten sie zu Knechten und setzten sie ein. Nicht gegen bloßes Ungeziefer. Nicht gegen Räuber. Nicht aus Not. Nein. Gegen das ältere Blut.“

In den Bildern erschienen Elfenkinder, Zwergenhallen, fliehende Wesen, brennende Wälder, Dämonen, die auf einzelne alte Linien abgerichtet wurden wie Jägerhunde auf eine bestimmte Fährte.

„Hier begann der eigentliche Genozid“, sagte Gnok. „Nicht der Krieg gegen die Dämonen. Sondern die Zeit danach. Die Menschen nahmen jene Schöpfungen, die mitgeholfen hatten, das große Übel zu beseitigen, und richteten neue Übel gegen sie. Sie benutzten Dämonen, um die alten Völker einzeln zu vernichten oder zu vertreiben. Um Elfen zu jagen. Um Drachen niederzubringen. Um alles aus der Welt zu drängen, was älter, mächtiger oder magisch tiefer war als sie selbst.“

Pildaras Bilder waren nun kaum auszuhalten.

Grausame Bilder des Verrats. Bündnisse, die in Blut endeten. Alte Hallen, die von innen heraus zerfielen. Wesen, die sich in letzte Winkel der Welt zurückzogen. Flucht über brennende Ebenen. Gejagte Schönheit. Verschwindende Linien.

„Die Magie wurde schwächer. Die alten Völker waren wenige in der Zahl. Der Mensch war mehr. Lauter. Gieriger. Und so verloren die Alten mehr und mehr Boden. Schließlich verschwanden sie. Manche ganz. Manche fast. Manche so gründlich aus dem Gedächtnis der Welt, dass nur noch Geschichten blieben, über die man später am Feuer lachte.“

Keiner lachte.

Maohanga wanderte wieder auf dreißig Grad.

„Kein altes Blut mehr offen zu sehen“, sagte Gnok. „Der Mensch hatte sich die Welt untertan gemacht. Aber die Magie war inzwischen ebenfalls fast aus ihr gewichen. Also gründete man die Schulen. Nicht aus Weisheit allein. Auch aus Mangel. Und als die Beschwörer bei zweiundsechzig Grad schließlich ausgelöscht wurden, hatten sie ihre Schuldigkeit für die Menschheit längst getan. Der Mensch ist kein dankbares Wesen.“

Pildaras Bilder lösten sich langsam auf.

Nur das Planetensystem blieb über dem Tisch.

Niemand sprach.

Es zwitscherten bereits die ersten Vögel, als Gnok und Pildara endeten. Das Feuer im Kamin war klein geworden, die Kerzen hatten sich tief heruntergebrannt, und das Licht des Morgens begann ganz vorsichtig durch die Fenster zu sickern. Die ganze Nacht hatten sie dort gestanden und gesessen, hatten gehört, gesehen, begriffen und doch nicht begriffen. Alles in ihnen war übervoll.

Manador starrte auf Maohanga, als habe sich sein ganzes Leben eben auf eine neue Achse gelegt und er wisse noch nicht, ob er stehen oder fallen würde. Sinadie wirkte blasser als zu Beginn, aber auch klarer, so als liebe sie Wahrheiten gerade dann am meisten, wenn sie gefährlich groß waren. Isidre saß still und gerade, beide Hände im Schoß, und in ihrem Blick arbeitete bereits jene unerbittliche Ordnung, mit der manche Menschen das Ungeheure zwingen, wenigstens in Gedanken nicht auseinanderzufallen. Shara hatte den Arm über ihrem Leib gekreuzt und blickte von einem Gesicht zum anderen, als überprüfe sie, welche Zukunft von welchem dieser Menschen noch getragen werden konnte. Slonda und Anadar standen nebeneinander, und keiner von beiden versuchte mehr, sich durch ein Wort kleiner zu machen, was da vor ihnen geöffnet worden war.

Dann hörten sie Lärm aus dem Hof.

Nicht zuerst laut, eher als Störung im Morgen, als Räder auf Stein, als Rufe, als die Art von Bewegung, die nicht zu einem Haus passte, in dem die Nacht soeben mit einem erschütterten Schweigen geendet hatte.

Anadar trat ans Fenster, blinzelte in das frühe Licht hinab und sah, was dort unten angekommen war.

Eine Kutsche.

Türen, die sich öffneten.

Menschen, die ausstiegen.

Und unter ihnen drei Gestalten, die ihm sofort missfielen.

„Die Inquisition ist in Tandor angekommen“, sagte er.

Er musste nicht hinzufügen, wen er meinte.

Unten stiegen Fontal, Form und Klasst aus der Kutsche.

 

Ende Buch V


 
 
 

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