Anadar V/II
- R.

- 28. Apr.
- 51 Min. Lesezeit

VIII
Gnok war nicht begeistert.
Das sah Gudi ihm sofort an, auch wenn er es auf seine übliche Weise verbarg, so gut es eben ging. Sie hatte ihm alles erzählt, kaum dass sie in seinen Turm zurückgekehrt war, die Begegnung mit Hokn`f bei der Partielle, die Einladung in die Zitadelle, die Bemerkung über Morgut, die Freundlichkeit, die nicht freundlich genug gewesen war, um ihr wirklich zu gefallen. Gnok hatte sie dabei zuerst nur schweigend angesehen, wie er immer schwieg, wenn sie ihm etwas Wichtiges berichtete. Doch diesmal lag etwas anderes in dieser Stille. Seine Stirn war gerunzelt, und das war neu. Es wirkte, als sähe er nicht sie an, sondern zwei Punkte irgendwo weit hinter ihren Worten, zwischen denen sich in seinem Kopf bereits eine Linie spannte.
Erst nach einer langen Weile sprach er.
„Das geschieht nicht ohne Grund“, sagte er ruhig.
Gudi rückte auf ihrem Stuhl vor. „Denkt Ihr, er weiß etwas von dem Wirbel?“
Sie konnte es kaum erwarten, mit ihm zu erörtern, was das alles zu bedeuten hatte. Wieder schwieg Gnok, aber diesmal war es ein anderes Schweigen, prüfender, schwerer. Schließlich schüttelte er leicht den Kopf.
„Nein“, sagte er. „Das ist es nicht. Bestimmt nicht.“ Dann blickte er sie durchdringend an. „Hoffentlich noch lange nicht.“
Sie hielt seinem Blick stand, obwohl sie am liebsten sofort weitergesprochen hätte.
„Wenn du dir einen Gefallen tun willst“, fuhr er fort, „erwähnst du den Wirbel besser nicht. Er würde ihn dir rauben.“
„Er erwähnte Neuigkeiten von meinem Bruder.“
„Ah. Morgut.“ Für einen Augenblick wurde sein Gesicht weicher. „Mich wundert, was der Junge gerade alles erlebt. Ich hörte, er sei nun bei den Feuermagiern, bei Meister Anadar. Ich habe ihn kennengelernt. Ein wirklich ausgezeichneter Magier. Exzellent! Schade, dass es nicht mehr von seiner Sorte gibt. Wissbegierig und bescheiden.“ Dann hob er leicht die Hand, als wolle er sich selbst daran erinnern, beim Thema zu bleiben. „Aber das ist es nicht. Nein.“
Er verfiel wieder in Nachdenken.
„Die Mondtropfen?“, fragte er halblaut, eher sich selbst als sie. Dann schüttelte er abermals den Kopf. „Gudi, egal, was er will, du weißt Dinge, die er besser nicht wissen sollte.“ Er ließ eine Pause. „Besser gesagt, er hat nur eine Vermutung und möchte bohren.“
Sie saß ganz still.
„Ich möchte dich ungern warnen“, sagte Gnok, „jedoch sollte ich das wohl. Er wird dich aushorchen. Nach mir. Nach dem, was wir zusammen machen. Er wird zuerst harmlose Fragen stellen, dann wird er immer konkreter. Er wird wissen wollen, warum du plötzlich um so viel besser wurdest. Sei auf der Hut, was du sagst.“ Wieder hielt er inne. „Und was du denkst, darum möchte ich dich ebenfalls bitten.“
Gudi hob das Kinn und verneigte sich leicht. „Keine Sorge, Meister. Das werde ich.“
Doch als sie die Zitadelle betrat, war von dieser Sicherheit nur noch wenig übrig.
Sie wartete in einer gewaltigen Halle, kühl bis auf die Knochen, und das im Inneren einer Zitadelle mitten in der Wüste. Gudi war nicht daran gewöhnt, dass es in Ashambrat überhaupt so kühl sein konnte. Die Mauern waren dick, der Stein hell und glatt poliert, und irgendwo in den Höhen der Halle wurde die Hitze des Tages offenbar aus dem Raum gezogen und in etwas Fremdes, Beherrschtes verwandelt. Alles daran sollte Eindruck machen. Größe. Ordnung. Macht. Und es tat es auch.
Hokn`f ließ sie warten.
Das bemerkte sie sehr wohl. Es war keine zufällige Verzögerung. Er ließ sie warten, damit die Zeit selbst an ihr arbeitete. Und sie war sichtlich nervös. Immer wieder ging sie im Geist durch, was sie sagen durfte und was nicht. Immer wieder legte sie sich Sätze parat, verwarf sie wieder, ersetzte sie durch harmlosere, zwang sich dazu, an ganz andere Dinge zu denken, nur um im nächsten Augenblick wieder bei denselben Fragen anzukommen.
Bloß nicht verplappern.
Bloß nicht an den Wirbel denken.
Bloß nicht an die Sondra denken.
Bloß nicht an die Mondtropfen.
Gerade dadurch wurde sie immer nervöser.
Ihre Gedanken sprangen wie aufgeschreckte Tiere zurück zu genau den Dingen, die sie vermeiden wollte. Der Wirbel. Schnell zwang sie sich, an etwas anderes zu denken. Gnok hatte ihr eine Technik gezeigt, mit der sie die Gedanken umlenken sollte, nicht indem sie etwas verbot, sondern indem sie dem Geist etwas anderes gab, woran er sich festhalten konnte. Also holte sie sich zurück ins Jetzt. Sie zwang sich, ihre Umgebung aufzunehmen, die Kühle der Halle, das Licht, das von hoch oben fiel, die feinen Maserungen im Stein, die Schritte der Diener, die so leise gingen, als glitten sie.
Man servierte ihr Früchte, die sie noch nie gesehen hatte.
Blasse Schalen, eine rötliche, dicke Frucht, etwas Gelbes mit weicher Haut, kleine Stücke von etwas, das nach Honig und Blüten roch. Sie wusste nicht einmal, wie man sie aß, geschweige denn, wie sie hießen. Und sie war so nervös, dass sie keinen Hunger hatte. Schon den ganzen Tag nicht. Sie brachte nichts hinunter.
Immer wieder kehrten ihre Gedanken zum Wirbel und zur Partielle zurück. Wieder zwang sie sich davon weg. Sie stellte sich das Gesicht ihres Bruders vor, so wie Gnok es ihr gezeigt hatte. Nicht als Erinnerung, sondern als Anker. Morgut. Ruhig. Lächelnd. Stark. Das half für einen Augenblick. Dann nicht mehr.
Erst nach geraumer Zeit erschien Hokn`f.
Er trat in die Halle, breitete die Arme aus, als sei nicht sie es, die auf ihn gewartet hatte, sondern er der Gastgeber eines lange erhofften Treffens.
„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er. „Wichtige Angelegenheiten, um die ich mich kümmern musste.“
Er lächelte dieses Lächeln.
Nicht breit, nicht schmierhaft, nicht unangenehm genug, um es sofort misstrauisch zu machen. Gerade dadurch war es gefährlich. Es wirkte, als nehme er sie wirklich wahr, als meine er es ernst, als sei ihre Anwesenheit für ihn eine kleine Freude in einem überfüllten Tag.
Er deutete ihr, mit ihm in einen anderen Raum zu gehen.
Dieser war kleiner, gemütlicher, fast schon intim im Vergleich zu der großen Halle. Ein Fenster ging in einen schattigen Innenhof hinaus, von irgendwo her kam kühle Luft, und der Raum war so eingerichtet, dass man sich darin nicht verloren, sondern ausgewählt fühlen sollte. Hokn`f deutete auf einen Sessel beim Fenster. Gudi setzte sich, etwas steif, bemüht, ihre Nervosität nicht zu zeigen. Er nahm ihr gegenüber Platz.
Dann begann er zu sprechen.
Nicht sofort über sie. Nicht sofort über Morgut. Nicht über Gnok. Zuerst über die Schule. Über die Verantwortung, die auf den Schultern eines Dekans liege. Über die Windschule als eine der tragenden Säulen der Ordnung. Über die Konklave. Über die Wichtigkeit, dass zwischen den Schulen Gleichgewicht herrsche und dass gerade in diesen Zeiten Menschen mit Übersicht, Erfahrung und Weitblick gebraucht würden.
Er sprach mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die daraus kam, dass er sich selbst für einen solchen Menschen hielt.
„Viele glauben“, sagte er und legte zwei Finger aneinander, als hielte er einen Gedanken sichtbar in der Luft, „Politik sei etwas Niederes. Ein Spiel um Einfluss, Eitelkeit und Sitzordnung. Das ist eine kindische Auffassung. Politik ist die Kunst, Ordnung dort zu bewahren, wo die Natur des Menschen immer ins Auseinanderdriften will. Die Schulen würden ohne die Konklave nicht miteinander reden, sondern gegeneinander handeln. Jeder würde seine Kunst für die höchste halten, jede Schule ihre Interessen über die der anderen stellen, und in wenigen Generationen hätten wir nicht Ordnung, sondern wieder die alte Zersplitterung.“
Er lächelte sie an, als wolle er ihr eine Welt eröffnen, an der sie nun Anteil haben dürfe.
„Man hält mich in manchen Kreisen für streng. Das mag sein. Aber Strenge ist nur die äußere Form von Verantwortung, wenn man sich nicht leisten kann, dass andere schlampig denken.“
Eine Dienerin trat herein und brachte auf einem silbernen Tablett zwei Gläser. Hohe, feine Stielgläser, in denen eine blassgoldene Flüssigkeit schimmerte. Von unten stiegen winzige Blasen auf.
Hokn`f griff nach einem Glas.
„Ah“, sagte er beinahe erfreut, „habt Ihr schon einmal Champagner aus Dastania probiert?“
Gudi schüttelte den Kopf.
Das Tablett wurde ihr hingehalten, und etwas unbeholfen nahm sie das Glas. Es fühlte sich fremd in ihrer Hand an, zerbrechlich, viel zu fein für sie.
Hokn`f hob seines in ihre Richtung und deutete ihr mit einer kleinen Bewegung, dasselbe zu tun. Er stieß gegen ihr Glas, kaum hörbar, und trank. Gudi ahmte ihn nach und nippte vorsichtig.
Es prickelte auf ihrer Zunge.
Scharf erst, dann süß, dann trocken auf eine Weise, die sie noch nie geschmeckt hatte.
„Ah“, sagte Hokn`f wie einer, dem gerade etwas Wichtiges einfiel, „dazu sollte es natürlich Erdbeeren geben.“
Er klingelte mit einem kleinen Glöckchen. Kurz darauf erschien eine weitere Dienerin mit einem anderen Tablett. Darauf lagen rote Früchte, glänzend und wunderbar. Gudi hatte so etwas noch nie gesehen.
Hokn`f deutete ihr, sich eine zu nehmen, und griff dann selbst zu.
„Dastania“, sagte er, während er die Frucht anhob, „ist eines jener Länder, die keine Schule tragen, und gerade deshalb immer wieder glauben, sie könnten mit Königen, Kaufleuten und kleinen Intrigen Ordnung nachahmen. Sie produzieren exzellenten Champagner und kümmern sich ansonsten vor allem um Stoffe, Feste und Eifersüchteleien. Man darf nicht alles verachten, was belanglos ist. Manches Belanglose ist sehr gut gemacht.“
Er aß die Erdbeere. Gudi tat es ihm nach.
Die Frucht zerfiel auf ihrer Zunge, süß, weich, kühl und so vollkommen anders als alles, was sie kannte, dass sie unwillkürlich die Augen schloss. Hokn`f bemerkte es natürlich.
So sprach er weiter.
Über die Schulen. Über Bündnisse. Über frühere Dekane. Über die Schwierigkeit, in einer Konklave den Überblick zu behalten, wenn so viele Eitelkeiten zugleich redeten. Über die Verantwortung der Windschule, nicht bloß ihre eigene Kunst zu lehren, sondern das Gleichgewicht des Ganzen mitzutragen. Über Reisen. Über Städte. Über Menschen, die in Ämter gelangten, denen sie nicht gewachsen waren. Über die Kunst, auch das Unangenehme geduldig auszuhalten, wenn das große Ganze auf dem Spiel stand.
Es war ein Hokn`f Monolog in seiner reinsten Form.
Lange, geschmeidig, belanglos und doch so gebaut, dass jeder Satz ihn selbst als Zentrum der Vernunft erscheinen ließ.
Gudi merkte zunächst nur, dass sie sich langsam entspannte.
Dann, nach dem zweiten Glas Champagner und einigen weiteren Erdbeeren, merkte sie es nicht einmal mehr richtig. Wärme stieg ihr in die Wangen. Ihre Anspannung wurde nicht weggenommen, sondern gelöst, auf eine trügerische Weise. Sie fühlte sich plötzlich leicht. Nicht dumm, das hätte sie bemerkt, aber gelöst. Die Worte flossen an ihr vorbei, angenehmer als gedacht. Hokn`fs Stimme hatte etwas Glattes, Einschläferndes, und dazu nahm er sich Zeit für sie, echte Zeit, oder etwas, das für sie wie echte Zeit wirkte.
Er sprach über Morgut.
Wie stolz man auf seinen Fortschritt sei. Wie beeindruckend sein Weg bisher erscheine. Wie selten es sei, dass ein junger Magier sich so rasch in Verantwortung, Praxis und Mehrfachdisziplin zurechtfinde. Dass er nun von Meister Anadar selbst, dem Meister aller sechs Zirkel, lernen dürfe, sei etwas, das auf ihn zweifellos in jeder Hinsicht positiv abfärben werde.
„Ihr könnt stolz auf Euren Bruder sein“, sagte Hokn`f. „Sehr stolz. Nicht jede Familie bringt einen solchen Magier hervor.“
Und Gudi, die ohnehin bei jedem Gedanken an Morgut weicher wurde, fühlte, wie ihre ganze Sorge vor dem Gespräch sich immer weiter auflöste.
Er stellte ihr Fragen.
Ganz belanglose Fragen.
Wie der Unterricht ihr gefalle. Welche Zauber ihr leichtfielen. Ob sie lieber allein arbeite oder in Gruppen. Welche Meister sie für anstrengend halte. Ob sie ihre Partielle immer schon so ernst genommen habe. Ob sie lieber morgens oder abends lerne. Ob sie ihren Bruder vermisse. Ob sie sich vorstellen könne, später selbst einmal größere Verantwortung in der Schule zu tragen.
Keine dieser Fragen traf das, wovor sie sich gefürchtet hatte.
Nicht eine fragte nach dem Wirbel.
Nicht eine nach Gnok.
Nicht eine nach den Sondra.
Nicht eine nach den Mondtropfen.
Und je länger das Gespräch dauerte, desto lächerlicher erschienen ihr im Nachhinein die Sorgen, die sie sich gemacht hatte. Alles war freundlich. Warm. Ein wenig überwältigend vielleicht, ein wenig zu fein für sie, aber nicht gefährlich. Kein böses Wort fiel. Kein Ton, der ihr hätte sagen müssen, dass hier eine Falle aufgestellt worden war.
Als sie nach fast zwei Stunden wieder hinausging, fühlte sie sich beinahe beschämt wegen ihrer Angst.
Hokn`f hatte sich erhoben, sie bis an die Tür begleitet und dabei in jenem angenehm väterlichen Ton gesagt, sie möge doch bitte bald wiederkommen. Das Gespräch sei so gut gewesen, die Zeit mit ihr habe er sehr genossen, und möglicherweise, fügte er mit einem warmen Blick hinzu, habe er dann auch bald wirkliche Neuigkeiten über ihren Bruder.
Gudi verließ die Zitadelle mit zitternden Knien.
Draußen lehnte sie sich einen Moment gegen eine heiße Wand und atmete tief aus. Der Alkohol tat seine Wirkung. Sie fühlte sich leicht, beinahe schwebend, entspannt bis in die Fingerspitzen. So gut hatte sie sich selten gefühlt. Alle Schwere war fort. Alle Sorge. Mit einem guten Gefühl machte sie sich auf den Weg zurück zu ihrer Unterkunft.
Hokn`f wartete, bis sie wirklich gegangen war.
Dann sank sein Gesicht in sich zusammen, und von der Freundlichkeit blieb nichts.
„Was für eine langweilige Zeitverschwendung“, murmelte er.
Er wusste selbst, dass er viel zu wichtig war, um seine Stunden mit solchen Personen zu vergeuden. Und doch wusste er ebenso gut, dass die großen Dinge sich aus vielen kleinen Dingen zusammensetzten. Man musste oft lange an der falschen Tür kratzen, um die richtige dahinter zu hören.
Er hob das restliche Glas Champagner an und kippte den Inhalt mit einem Zug hinunter.
Dann wartete er.
Wenig später öffnete sich die Tür, und Tzadier und Okom traten ein. Beides Meister, ihm treu ergeben, beide in der Schule des Geistes ausgebildet, beide nützlich genug, um nicht durch ihre Grenzen wertlos zu werden. Sie waren die ganze Zeit anwesend gewesen, verborgen hinter einem Sichtschirm und jenen Faltungen des Raumes, die Geistmagier hervorzubringen wussten, wenn sie sich nicht gesehen, aber alles wahrgenommen haben wollten.
Sie waren nicht gut darin, Gedanken zu lesen. Das war ohnehin seltener, schwieriger und unzuverlässiger, als die meisten Laien glaubten. Aber sie konnten Gefühle zuordnen, Spannungen spüren, innere Abwehr erahnen, Umkreisungen des Geistes erkennen. Oft genug reichte das.
„Und?“, fragte Hokn`f ungeduldig.
Tzadier sprach zuerst. „Meister, sie hat gelernt, sich abzuschirmen. Ihre Gedanken waren flüchtig.“
Hokn`f dachte sofort: Gnok.Der alte Fuchs.Das Schachspiel hatte also längst begonnen.
„Aber“, setzte Okom an, „sie hat etwas zu verbergen. Wir wissen nicht, was. Doch sie wollte definitiv nicht, dass das Gespräch auf gewisse Themen gelenkt wird.“
„Welche?“
Die beiden warfen sich einen Blick zu.
„Etwas mit ihrer Partielle“, sagte Tzadier schließlich. „Und …“ Er stockte. „Mit einem Wirbel.“
„Ein Wirbelzauber“, ergänzte Okom unsicher. „Mit dem Erlernen dieser einfachen Zauber vielleicht verknüpft. Es kann auch ohne Bedeutung sein.“
Hokn`f sah sie beide lange an.
Dann öffnete er die Hand.
Über seiner Handfläche raste ein kleiner Luftwirbel auf, sprang von dort auf den Boden, wuchs kurz an, wirbelte Sand und Staub im Kreis und löste sich wieder auf.
„Ein Wirbelzauber ist nun nichts Besonderes“, sagte er. „Das ist nichts sonderlich Wichtiges.“
Er begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
Das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Das Kleine vom Eigentlichen. Das war immer die Schwierigkeit. Die Partielle. Zugegebenermaßen beeindruckend. Ein Wirbel. Vielleicht belanglos. Vielleicht nicht. Und Gnok. Immer wieder Gnok.
„Ihr beide zieht euch zurück“, sagte er schließlich, ohne stehenzubleiben. „Und analysiert eure Eindrücke. Ich will wissen, was es ist, das sie verheimlicht. Es kann nicht schaden, die Beobachtung von Gnok und Gudi zu erhöhen. Schon allein, um den alten Mann zu nerven und seine Bewegungsfreiheit einzuschränken.“
Er hielt inne und drehte sich zu ihnen um.
„Ich will einen Bericht. Bald.“
Tzadier und Okom verneigten sich und gingen.
Hokn`f blieb allein zurück.
Ein Wirbel also.
Und die Partielle.
Er legte die Fingerspitzen aneinander und lächelte kalt.
Gudi würde ihm alles erzählen, was er wissen wollte.
Früher oder später.
IX
Nachdem sie die Beweise gesichtet hatten und einen Bericht gefertigt hatten und sich in Gontar ein erstes, vorläufiges Bild gebildet hatte, setzten die drei Inquisitoren auf die Inseln der Winde über.
Die Fahrt verlief ereignislos, was in diesen Tagen beinahe schon etwas Unnatürliches hatte. Das Meer war ruhig, das Licht bleich, und über dem Wasser lag jene trügerische Nüchternheit, die nur Orte kennen, an denen vor kurzer Zeit noch etwas Ungeheures geschehen ist. Fontal stand während der Überfahrt meist am Bug und sah auf die Inseln zu, die langsam aus dem Dunst aufstiegen. Meisterin Danndi von Ashambrat hielt sich mehr im Hintergrund, in sich geschlossen, aufmerksam, ohne sich viel anmerken zu lassen. Meister Klasst aus Tandor saß lange schweigend auf einer Bank an Deck und schien die Inseln zu betrachten, als versuche er, sie nicht nur mit den Augen zu sehen, sondern in ein inneres Ordnungssystem einzuordnen.
Am Hafen der Hauptinsel wurden sie empfangen.
Nicht mit Zurückhaltung. Nicht mit der Schlichtheit, die Fontal in dieser Lage bevorzugt hätte. Sondern mit jenem Brimborium, das Leute veranstalten, die meinen, eine Untersuchung beginne am besten mit sichtbarer Unterwürfigkeit, geordneten Reihen und überdeutlich vorgetragener Dienstbarkeit. Meister Grot stand am Fuß der Zitadelle mit einem kleinen Trupp bereit, alle herausgeputzt, alle bemüht, alle zu geschniegelt und zu bemüht. Schon auf den ersten Blick erkannte Fontal unter ihnen mehrere jener Gesichter, die eher zu dem streng disziplinierenden Flügel der Schulen gehörten, zu den Eiferern, zu jener Richtung, die nicht gern prüfte, um zu verstehen, sondern um zu bestätigen. Sie selbst stand dieser Richtung nicht fern, und Hokn’f ebenso wenig. Doch gerade deshalb sah sie die Gefahr umso klarer, wenn zu viel der gleichen Sorte von Leuten eine Untersuchung schon im Vorfeld zu ihrem Werkzeug machen wollten.
Es schien, als leite Meister Form nun zunächst kommissarisch die Geschicke der Wasserschule.
Offiziell war Dekanin Sinadie aufgrund ihrer Verletzungen nicht in der Lage, die Amtsgeschäfte zu führen. Inoffiziell wusste Fontal sehr wohl, dass Sinadie den doktrinären Kreisen der Wasser, Wind und Teile der Lebensschule inzwischen ein Dorn im Auge war. Grot und Form standen in einer Linie, die ihrer eigenen nicht unähnlich war. Danndi ebenfalls. Hokn’f erst recht. Wo genau Meister Klasst stand, ließ sich hingegen nicht leicht ergründen. Die Erdschule war nie tief in die Allianz der Eiferer der drei Schulen verwickelt gewesen. Noch nicht. Doch die Zeiten änderten sich.
Es wurde an der Zeit.
Fokus dieser stillen Allianz war es, die Geschicke der Schulen stärker in eine gemeinsame Richtung zu lenken. Dazu stand Meister Anadar im Weg. Er war ein Leuchtfeuer für all jene, die nach Wissen strebten, für Austausch und Kommunikation standen und das gemeinsame miteinander. Wissen erlernen und weitergeben, weiterentwickeln, manchen war das zu rasch, zu gierig, zu unkontrolliert vielleicht, und eben nicht in den richtigen Händen. Und er war zu bekannt. Man musste ihn kleiner machen unbedingt. Ihm etwas anhängen. Ihn in ein Verfahren verwickeln, das ihn schwächte, isolierte und schließlich entbehrlich machte. Die Erdschule war bisher nie im eigentlichen Fokus gestanden, weil dort mit Slonda ein Mann bereitgestanden hatte, der die Geschicke wohl einmal übernehmen sollte. Nun aber war Slonda verschwunden, und damit öffneten sich Räume. Das wusste auch Fontal und sie würde jede Gelegenheit nutzten.
Grot begrüßte die drei Inquisitoren mit so viel gespielter Würde, dass Fontal beinahe Lust bekam, ihn schon am Kai scharf zurechtzuweisen. Stattdessen tat sie etwas Wirksameres.
„Meister Grot“, sagte sie noch während er sprach, „wie schön, dass Ihr unsere Ankunft persönlich begleitet habt. Es wäre hilfreich, wenn Ihr uns später zur Verfügung stündet, wenn wir Euch rufen.“
Es war ein klarer Wink.
Grot verstand ihn natürlich nicht. Männer wie er bemerkten Zurückweisung nur, wenn man sie ihnen in aller Öffentlichkeit ins Gesicht schlug. Er trat neben sie, redete weiter, deutete auf Mauern, Türme, Wege, nannte Namen, die keinen interessierten, und führte sie schließlich hinauf in die Zitadelle.
Dort übernahm Form, sie stand an den Stufen oben an der Zitadelle, am Eingang zum größten Turm der Schule und führte sie in einem Arbeitszimmer, nüchterner eingerichtet als erwartet, mit Blick über die Wasserarme zwischen den Inseln, mit Tischen, Karten und einigen sauber sortierten Rollen auf einem breiten Schreibtisch. Fontal mochte den Raum auf Anhieb. Er war kühl, geordnet und so eingerichtet, als wolle jemand den Eindruck vermeiden, er habe hier etwas zu verbergen.
„Herzlich willkommen, Dekanin Fontal, Meisterin Danndi und Meister Klasst“, begann Form, als sie eingetreten waren. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre, Euch auf den Inseln der Winde, in der Schule des Wassers, zu begrüßen, wenn die Umstände auch eher nicht die sind, die wir uns wünschen würden.“
Sie drehte sich zu Grot.
„Meister Grot, wie schön, dass Ihr unsere Gäste empfangen habt. Ist die Insel für sie vorbereitet? Bitte habt noch einmal persönlich ein Auge darauf, ob auch wirklich alles gerichtet ist.“
Es war höflich gesagt und doch eine glatte Entfernung aus dem Raum. Zu Fontals stiller Genugtuung verneigte Grot sich knapp und ging, ohne zu merken, dass er gerade fortgeschickt worden war.
„Entschuldigt bitte, ich wollte nicht ein derartiges Aufheben um euer erscheinen machen, aber die Dinge hier sind noch ein bisschen unstrukturiert nach den Vorkommnissen.“ entschuldigte sie sich. Form deutete den Gästen, Platz zu nehmen.
Sie selbst setzte sich ihnen gegenüber an den Schreibtisch und blickte zunächst Fontal direkt an.
„Sicherlich habt Ihr Euer Vorgehen bereits umrissen, bei dem ich Euch gern nach Kräften unterstützen werde. Ich würde Euch auf einem Turm auf einer Insel unterbringen, unweit des Turmes von Xoiun. Der Turm ist groß genug für drei und bietet Arbeitszimmer sowie einen Raum, in dem Ihr Gespräche führen könnt. Solltet Ihr einen größeren Saal benötigen, werden wir auf die Zitadelle ausweichen müssen. Eine Fähre wird Euch jederzeit zur Verfügung stehen.“
Dann fuhr sie fort:
„Sinadie befindet sich auf einer Nachbarinsel, sie braucht immer noch viel Ruhe um zu Genesen. Sie wird wohl Eure Hauptzeugin sein. Bei ihr befinden sich Isidre, die sie kaum aus den Augen lässt, sowie die Geistesschülerinnen Miene und Sindra, die mit der Gruppe um Anadar angereist waren.“
„Anadar selbst“, begann Fontal ruhig, „ist, wie wir von Roto hörten, mit Morgut und Shara weitergereist.“
Form nickte.
„Wir versuchten, Meister Anadar nahezulegen, hierzubleiben.“ Sie zuckte leicht die Schultern. „Er entschied sich dagegen. Sinadie gab klare Anweisung, ihn ziehen zu lassen, und, um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass wir in der Lage gewesen wären, ihm die Weiterfahrt zu untersagen.“
Sie blickte niemandem dabei direkt in die Augen.
„Er ist …“
Sie ließ den Satz offen.
Alle vier schwiegen einen Moment. Jeder kannte Anadar von Hörensagen, von der Konklave oder aus flüchtigen Begegnungen. Jeder wusste, was Form meinte, und keiner wollte es in Worte fassen. Es war diese unangenehme Mischung aus Faszination, Misstrauen, Machtbewusstsein und Unberechenbarkeit, die sich bei ihm nicht sauber benennen ließ, ohne dass man zugleich zugäbe, sich vor ihm in Acht zu nehmen.
Fontal nickte schließlich.
„Ich denke, wir werden fürs Erste ohne ihn auskommen. Es wird noch Gelegenheit geben, seine Aussagen aufzunehmen und seine Rolle genauer zu beleuchten. Wir würden jedoch gern zuerst den Ursprung und den Beginn der Geschichte ergründen.“
Sie zog eine Liste hervor und reichte sie Form.
„Dies sind die Personen, die wir zunächst hören möchten. Außerdem benötigen wir vollen Zugang zum Turm, insbesondere zu den unteren Bereichen.“
Form überflog die Namen.
„Das wird sich einrichten lassen. Ich denke, morgen könnt Ihr beginnen.“
Die Untersuchung des Turmes zog sich über Tage.
Vor allem der untere Bereich wurde mit größter Sorgfalt inspiziert, als seien die drei Inquisitoren weniger an einer Geschichte interessiert als an den Spuren, aus denen sie sich wider Willen zusammensetzen musste. Nichts wurde dort unten rasch übersehen, nichts ohne Protokoll berührt.
Bevor überhaupt eine Leiche bewegt wurde, ließ Fontal den gesamten Bereich skizzieren. Klasst nahm Maß an den Mauern, den Rampen, dem Becken, den Nischen und den Pfahlreihen, wobei er mit der trockenen Beharrlichkeit eines Mannes vorging, der wusste, dass räumliche Beziehungen oft mehr Wahrheit verraten als Zeugen. Danndi kümmerte sich um die Rückstände und Spuren, sie suchte ebenso nach Überbleibsel verwandter Magie. Sie ließ die Wände prüfen, die Sprungspuren an der geborstenen Steinplatte, dem Eingang zum unteren Bereich, zeichnen, die Reste von dem Kampf markieren und die Stellen kennzeichnen, an denen stärkere Kälte, Verdichtung oder Resonanz spürbar gewesen waren.
Die Leichen der misslungenen Hybridchimären wurden Stück für Stück nach oben ans Tageslicht gebracht.
Es war eine hässliche Arbeit.
Nicht nur wegen des Verwesungsgeruchs, nicht nur wegen der aufgerissenen, falsch zusammengenähten Körper, der verschmolzenen Glieder, Fischköpfe, Krakenhaut und menschlichen Überreste. Sondern weil bei jedem Stück, das man hob, jeder anwesende Magier begriff, dass dies kein einzelner Fehlversuch gewesen war, sondern eine Reihe, eine Arbeit, eine Methode. Klasst bestand darauf, jede Chimäre einzeln zu nummerieren, ihre Lage zu dokumentieren, das Maß der menschlichen und nicht menschlichen Anteile zu beschreiben und jene Stellen besonders zu markieren, an denen Naht, Verschmelzung oder erzwungene Verbindung sichtbar wurden. Isidre, die an mehreren Stellen hinzugezogen wurde, verweigerte den Anblick nicht, obwohl er sie sichtbar anwiderte. Sie half, dort zu unterscheiden, wo Fleisch noch menschlich, schon verändert oder völlig unkenntlich geworden war.
Die Notenblätter wurden mit größter Vorsicht geborgen. Man nahm sie nur mit Handschuhen auf, sowohl jene, die Morgut an sich genommen und später im Turm der Magier studiert hatte, als auch die Blätter, die im Turm Xoiuns selbst zurückgeblieben waren. Jedes einzelne wurde zwischen Lagen von trockenem Stoff und Pergament gelegt und gesondert in Kästen verbracht, damit weder Feuchtigkeit noch unbedachte Berührung die bereits beschädigten Stücke weiter beeinträchtigten.
Danndi bestand darauf, keines der Blätter sofort zu lesen. Zuerst prüfte sie sie auf magische Rückstände, auf Nachhall, Beeinflussung und jene feinen Resonanzen, die von gewirkter Kunst oft länger im Material verbleiben als in der Luft, die sie einst getragen hatte. Tatsächlich wiesen mehrere der Blätter noch Spuren davon auf. Es war, als habe sich die Musik, die das Monster begleitet hatte, nicht nur im Raum verloren, sondern in das Pergament selbst eingegraben. Manche Seiten reagierten noch auf Berührung mit einem kaum wahrnehmbaren Zittern der Magie, andere trugen einen so dumpfen Nachklang in sich, dass Danndi sie nur mit sichtbarem Widerwillen länger in der Hand hielt.
Fontal ließ jedes Blatt katalogisieren. Nichts blieb unbenannt, nichts ungeordnet. Die Stücke wurden nach Fundort im Turm sortiert, ihre Lage genau vermerkt, ebenso ihr Zustand: ob verbrannt, feucht, eingerissen, mit Salz, Blut, Ruß oder anderen Rückständen verunreinigt. Einige waren mit Randnotizen versehen, andere mit hastigen Korrekturen, wieder andere mit Zeichen und Markierungen, deren Sinn sich selbst bei wiederholter Sichtung nicht sofort erschloss. Gerade diese Mischung aus Sorgfalt, Hast und späterer Bearbeitung machte deutlich, dass hier nicht bloß komponiert oder notiert, sondern ausprobiert, verändert und auf Wirkung hin gearbeitet worden war.
Daneben fanden sie Unterlagen aus Xoiuns unmittelbarem Arbeitsbereich.
Diese Aufzeichnungen waren von ganz anderer Art. Unordentlich. Bruchstückhaft. Unvollständig. Nirgends ein geschlossenes Werk, nirgends eine sauber entwickelte Theorie, wie man sie von einem Meister seines Standes hätte erwarten dürfen. Stattdessen fanden sich Fragmente, lose Bögen, halbe Überlegungen, wiederholte Ansätze und abgebrochene Versuchsreihen. Es gab Bemerkungen über Resonanz im Wasser, über nächtliche Lichter um Kreaturen aus der tiefe anzulocken, über Bindung, Kontrolle und Verstärkung, dazu Hinweise auf Übergänge, die als unnatürlich oder widernatürlich bezeichnet wurden. Besonders verstörend waren jene anatomischen Beobachtungen, die bereits beim ersten Lesen keinen Zweifel ließen, dass der Mann den Boden vertretbarer Kunst längst verlassen hatte. Weshalb er diesen ersten Schritt getan hatte, blieb zunächst im Dunkeln. Auch wodurch er dazu gekommen war. Doch dass er ihn getan hatte, daran ließ selbst dieses kümmerliche, zersplitterte Material keinen Zweifel.
Gerade die Gründlichkeit, mit der Danndi auf einer vollständigen Durchsuchung des ganzen Turmes bestand, führte schließlich zu einem weiteren Fund.
Im ersten Stock, in der Nähe jener Stelle, an der auch mehrere der Notenblätter gelegen hatten, entdeckte man eine verborgene Nische in der Wand. Sie war so sauber in das Mauerwerk eingepasst, dass sie bei flüchtiger Betrachtung kaum auffiel. Erst als man die Vertäfelung genauer abnahm und auf unregelmäßige Fugen prüfte, kam der Hohlraum zum Vorschein. Darin lagen weitere Unterlagen, deutlich geschützter verwahrt als das übrige Material im Turm.
Diese Schriften gingen über die bisherigen Funde hinaus.
Sie beschrieben die Experimente eingehender, systematischer und mit größerer Kälte, als es die losen Aufzeichnungen Xoiuns erkennen ließen. Das intensivere Sichten dieser Unterlagen brachte darüber hinaus mehrere Dokumente und schließlich ein Buch zum Vorschein, die weder zum regulären Bestand der Bibliothek der Wassermagier gehörten noch stilistisch oder inhaltlich zu Xoiuns eigenen Notizen passten. Sprache, Aufbau und Material unterschieden sich zu deutlich. Die Blätter wirkten älter, die Tinte dunkler und beständiger, die Formulierungen geschlossener, fast lehrbuchartig, die Sprache und Schrift fremd.
Was ihnen gemein war, war die Nennung der Magie der Wandlung. Nicht alles konnte die ersten Tage entziffert werden oder Verstanden beziehungsweise gelesen werden. Eins war jedoch klar, aus den Skizzen und Darstellungen in diesen Dokumenten, dass sie der eigentliche Ursprung der Experimente darstellen könnten. Ebenso wurde hier die Noten als Universelle Sprache zwischen den Spezies beschrieben. Soviel konnte erfasst werden.
Ihre Herkunft ließ sich zunächst nicht klären. Zweifelsohne waren sie alt, vielleicht sehr alt, und doch befanden sie sich in bemerkenswert gutem Zustand, als seien sie über lange Zeit mit großer Sorgfalt verwahrt worden. Gerade das machte sie verdächtig. Nichts an ihnen wirkte zufällig. Sie waren nicht das zerfallene Überbleibsel irgendeiner vergessenen Privatlektüre, sondern Material, das bewusst verborgen, geschützt und offenbar gezielt herangezogen worden war.Formularbeginn
Formularende
Die Geschichte, die sich aus den ersten Zeugen ergab, war im Kern immer dieselbe.
Es waren vermehrt nächtliche Lichter und Phänomene unter Wasser um die Insel herum ausgemacht worden. Dazu Musik. Nicht regelmäßig, nicht planbar, aber häufig genug, dass mehrere voneinander unabhängige Beobachter Ähnliches berichteten. Die damals noch frische Dekanin Sinadie hatte, nachdem die ersten Meldungen eingetroffen waren, nach Meister Xoiun schicken lassen. Dieser war mit den Zwillingen Tring und Tiang erschienen. Alle drei hatten beschwichtigt. Sie arbeiteten, so erklärten sie, an einem neuen Zauber, an akustischen und lichtbezogenen Wasserwirkungen, und würden in Zukunft besser darauf achten, niemanden zu beunruhigen.
Das hatte für einige Wochen genügt.
Dann waren neue Sichtungen gemeldet worden.
Sinadie hatte erneut nach ihnen schicken lassen.
Niemand kam.
Eine zweite Aufforderung.
Wieder niemand.
Daraufhin war sie selbst mit einer kleinen Abordnung zum Turm gegangen. Man hatte ihnen den Eintritt verweigert beziehungsweise nicht geöffnet. Gleichzeitig hatten sie Licht im oberen Stockwerk gesehen und Musik gehört. Also hatten sie versucht, sich lautstark Bemerkbar zu machen.
Jedoch reagierte niemand so als fanden sie niemanden vor.
Doch noch ehe sie den Ort richtig durchsuchen konnten oder den nächsten Schritt machen, hatte sich unter Wasser das erste Mal das Ungeheuer gezeigt. Ein riesiges weißes Monster mit tentakelartigen Wucherungen am Rücken und großen leuchtenden Fühlern am Kopf. Es hatte die Anwesenden aus dem Wasser heraus attackiert. Dabei haben sich die Magier in den Turm zurückgezogen, sich dort mit konzentrierter Magie verteidigt, und im Verlauf dieses ersten Angriffs war der obere Teil des Turmes in Brand geraten.
Alle beschrieben die Musik die dabei vom Monster ausgieng.
Unheimliche Töne, die vom Monster ausgingen oder genauer von jenen beiden Fühlern am Kopf, in denen sich die zwei Körper befunden hatten. Das Monster sei schließlich verschwunden, ob in die Flucht geschlagen oder aus einem anderen Grund, konnte keiner sicher sagen. Kurze Zeit später seien dann die ersten Berichte über versenkte Schiffe eingetroffen. Das Monster habe die Inseln wiederholt angegriffen. Die Wassermagier hätten daraufhin den Turm gründlicher durchsucht und dort die Notenblätter und Melodiefolgen gefunden, mit denen sich das Monster jeweils besänftigen und vertreiben, jedoch nicht besiegen ließ.
Nach den Berichten aus der Feurigen Feste habe man schließlich nach Anadar geschickt und ihn um Hilfe gebeten.
Bis hierhin waren die Aussagen erstaunlich geschlossen.
Danach begannen die Abweichungen.
Am Abend saßen die drei Inquisitoren in ihrem provisorischen Arbeitsraum in dem Turm, um einen ersten vorläufigen Bericht zusammenzuführen. Draußen schlugen die Wellen gegen das Gestein, und im Zimmer roch es nach kalter Tinte, nassem Pergament und dem langen Tag.
Auf dem Tisch lagen Protokolle, Zeugenlisten, Skizzen, Aufzeichnungen über Wunden, Fundstücke, Fragmente aus Xoiuns Unterlagen und die ersten Notate zu den Notenblättern sowie die Dokumente der Wandlung.
Fontal saß am Kopfende. Danndi hatte die Arme verschränkt und blickte auf Grots Aussage, als beleidige schon die bloße Existenz dieses Pergaments ihren Ordnungssinn. Klasst saß etwas seitlich, ein Licht schräg über der Schulter, und fuhr mit der Fingerspitze immer wieder die Passagen nach, die sich in den Aussagen widersprachen.
„Beginnen wir mit dem, was gleich bleibt“, sagte Fontal. „Die Existenz des unteren Gewölbes. Die Experimente. Die Chimären. Die Verbindung Xoiuns und der Zwillinge zu den ersten Erscheinungen. Das ist nicht mehr strittig.“
Danndi nickte.
„Ebenso wenig, dass Sinadie früh reagiert hat. Vielleicht nicht früh genug für meinen Geschmack, aber früh genug, um ihr keine Untätigkeit zu unterstellen.“
„Sie hat die Konklave nicht informiert“, sagte Klasst ruhig.
„Das wird ihr angelastet werden“, erwiderte Fontal. „Zu Recht. Dafür wird sie die Konsequenzen zu tragen haben. Aber es ist etwas anderes als das, was Grot daraus machen möchte.“
Danndi zog Grots Protokoll zu sich heran.
„Nun zu ihm.“
Sie überflog die Passage ein weiteres Mal, obwohl sie sie inzwischen auswendig kannte.
„Grot gibt zu Protokoll, er habe Anadar im Kontakt mit dem Krakenwesen gesehen, als sie eintrafen. Er beschreibt die Kreatur klar als Krake. Damit hat sie nichts mit dem toten Seemonster zu tun, das die Fischer geborgen haben.“
„Oder nur indirekt“, sagte Klasst.
„Ja“, sagte Fontal, „aber in jedem Fall nicht als dieselbe Erscheinung.“
Danndi las laut vor:
„‚Meister Anadar kniete am Boden und schien mit dem Monster zu verhandeln. Ich gewann den Eindruck, dass er eher dessen Flucht beförderte, als es anzugreifen. Sein Stoß galt nicht dem Wesen, sondern der Wand hinter dem Wesen.‘“
Sie legte das Blatt nieder.
„Das ist, mit Verlaub, entweder eine Deutung im Nachhinein oder bewusste Biegung.“
Klasst hob die Hand.
„Nicht ganz so schnell. Es ist korrekt, dass mehrere andere Zeugen bestätigten, Anadar habe mit einem Stoß die Wand oder den Bereich am Becken getroffen, nicht das Wesen selbst.“
„Ja“, sagte Fontal, „aber niemand sonst zieht daraus den Schluss, er habe mit dem Krakenwesen gemeinsame Sache gemacht.“
„Roto nicht“, sagte Danndi trocken. „Roto beschreibt Anadar eher im Kampf mit der Kreatur als an ihrer Seite. Unschön formuliert, aber konsistent genug.“
Klasst nickte.
„Miene, Sindra und Isidre sagen im Kern dasselbe. Anadar lag oder kniete am Boden, gefangen von einem Krakenarm. Ohne Schwert. Das spricht eher für Bedrängnis als für Bündnis.“
„Sinadie?“, fragte Fontal.
Danndi verzog den Mund.
„Sinadie ist vorsichtig. Zu vorsichtig. Sie sagt, sie habe Anadar mit einem der menschenartigen Wesen kämpfen sehen, sie sei selbst von einem angegriffen worden und schwer verwundet worden. Danach erinnere sie sich nur bruchstückhaft. Das ist möglich. Es ist aber auch bequem.“
„Sie war tatsächlich durchstochen“, sagte Klasst.
Er zog Isidres Heilprotokoll zu sich.
„Gewelltes Messer. Tiefer Stich durch die Flanke. Herz und Lunge verfehlt. Erheblicher Blutverlust. Dazu Morgut beinahe unverletzt, und Anadar mit einer schlecht heilenden, punktförmigen Wunde am Arm. Isidre vermerkt ausdrücklich, dass der Einstich an einen Dorn erinnere und ein Gift nicht auszuschließen sei.“
„Was zum Krakenwesen passen könnte“, sagte Fontal.
„Oder zu etwas anderem, das wir nicht kennen“, erwiderte Klasst.
Danndi blätterte weiter.
„Die beiden Fremden.“ Sie schnaubte. „Jeder erwähnt sie. Keiner beschreibt sie brauchbar.“
„Das ist nicht ganz fair“, sagte Fontal. „Sie werden als menschenartig, schlank, schwer sichtbar, dem Hintergrund angepasst beschrieben. Eine von ihnen traf Sinadie. Beide scheinen mit der Szene eng verknüpft gewesen zu sein. Aber ja. Ein gutes Bild ergibt sich daraus nicht.“
„Weil niemand sie wirklich sah“, sagte Klasst. „Oder weil sie absichtlich so kämpften, dass sie nicht gesehen werden konnten. Sie finden auch nur Erwähnung bei Sinadie, die die später dazu kamen beschreiben das die beiden von Krakenarmen gefasst wurden und mit in den Untergrund gezogen wurden. Keine weiteren Beweise, auch nur als Randnotiz.“
Wieder schwiegen die drei kurz.
Dann sagte Fontal:
„Wir haben also: Grot behauptet, Anadar habe eher dem Krakenwesen verhandelt und zur Flucht verholfen. Roto sieht das nicht so. Die Geistesschülerinnen nicht. Isidre nicht. Sinadie hilft uns dabei kaum. Wer bleibt?“
„Die Umstände selbst“, sagte Klasst.
„Dann sprechen wir über die Umstände“, sagte Danndi.
Sie zog eine Skizze des unteren Gewölbes heran.
„Das Gewölbe wurde offenbar durch Aufbrechen der Bodenplatte im Turm zugänglich. Darin stimmen alle Berichte überein. Man fand dort Experimente, Hybridchimären, das Becken, Pfähle, Notenblätter, Gerätschaften. Anadar, Morgut und Sinadie stiegen hinab. Später folgten Grot und andere. Richtig?“
„Richtig“, sagte Fontal.
„Und niemand verschweigt etwas am Beginn. Das ist interessant“, fuhr Danndi fort. „Keiner versucht, das Finden des Gewölbes zu verzerren. Das spricht gegen eine große vorbereitete Lüge, dies war Anadar und Morgut zu verdanken.“
„Ja“, sagte Klasst. „Wenn man etwas verschleiern will, verschleiert man gewöhnlich früher.“
Fontal lehnte sich zurück.
„Was die Aufzeichnungen und Überreste betrifft, ist die Sache deutlicher. Xoiun und seine Schüler sind abtrünnig geworden oder jedenfalls in Praktiken geraten, die außerhalb jeder vertretbaren Grenze liegen. Warum? Eventuell haben diese Wandlungsexperimente etwas damit zu tun. Aber dass sie vom Weg abgekommen sind, ist belegt.“
Danndi nickte.
„Und das Seemonster? Oder besser plural, die Seemonster?“
Diese Frage blieb einen Moment im Raum hängen.
Klasst sprach zuerst.
„Das tote Wesen, das von den Fischern geborgen wurde, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit jenes Monster, das die Schiffe angegriffen hat. Begleitet von Musik. Verbunden mit zwei menschlichen Körpern im Kopfbereich die den Zwillingen ähnelten. Das passt zu den Berichten aus dem Turm. Aber die genaue Genese bleibt dunkel.“
„Unfall?“, fragte Danndi.
„Möglich“, sagte Klasst. „Oder Fehlversuch. Oder etwas das außer Kontrolle geriet.“
„Oder eine Verzweiflungstat“, murmelte Fontal.
Beide sahen sie an.
„Ihr sagtet?“
Fontal hob leicht die Schultern.
„Nur ein Gedanke. Keine Formulierung für den Bericht.“
Danndi nahm die Feder in die Hand.
„Dann festhalten wir vorläufig: Die Entstehung des Monsters scheint auf Xoiun, die Zwillinge und ihre Experimente zurückzugehen, auch wenn die genaue Kette der Ereignisse nicht mehr vollständig rekonstruierbar ist. Das Wesen ist nun tot. Ursache der Tötung unbekannt.“
„Und die Krake?“, fragte Klasst.
„Ein zweites, unter dem Turm befindliches Wesen“, sagte Fontal. „Vermutlich von Xoiun zu Versuchszwecken gefangen. Die zwei humanoiden Gestalten könnten deren Wächter, Begleiter oder Verteidiger gewesen sein. Mehr können wir nicht mit Sicherheit sagen.“
„Und Anadar?“, sagte Danndi.
Nun wurde es stiller.
Fontal blickte auf die Liste der Zeugen, auf die Namen, die fehlten.
„Anadar, Shara und Morgut wurden nicht befragt. Das muss Nachgeholt werden, schreiben wir das ausdrücklich in die Empfehlung.“
„Ja“, sagte Klasst. „Aber nach allem, was wir bisher haben, scheinen sie außer der Entdeckung des Gewölbes und der unmittelbaren Anwesenheit bei den letzten Ereignissen eher eine untergeordnete Rolle bei den ereignissen zu spielen.“
Danndi hob die Brauen.
„Untergeordnet ist ein starkes Wort.“
„Im Verhältnis zum Ursprung der Sache“, sagte Klasst trocken. „Nicht im Gewicht ihrer Personen.“
Fontal nickte langsam.
„So werden wir es formulieren. Ohne sie freizusprechen. Ohne sie zum Zentrum zu machen. Beides wäre voreilig.“
Danndi begann zu schreiben.
„Vorläufiger Bericht der Inquisitoren: Es ist wahrscheinlich, dass Meister Xoiun und die Zwillinge Tring und Tiang abtrünnig wurden und sich über längere Zeit fragwürdiger bis grausamer magischer Praktiken bedienten. Diese Praktiken führten zur Entstehung oder Freisetzung eines monströsen Wesens, das im Westmeer Schiffe versenkte und die Inseln bedrohte. Die genauen Ursachen bleiben unklar. Die später unter dem Turm entdeckten Gewölbe belegen schwere Verfehlungen Xoiuns und seiner Schüler. Es wurden Schriftstücke gefunden die nicht einer Schule zuzuordnen sind und weitere Untersuchung erfordern. Gegen die Genannten sind keine weiteren Maßnahmen zu treffen, da sie mit hoher Wahrscheinlichkeit tot sind und tot bleiben werden.“
Klasst ergänzte:
„Weiter ist festzuhalten, dass Dekanin Sinadie in wesentlichen Teilen richtig handelte, insbesondere bei den frühen Reaktionen auf die Störungen und bei den späteren Gegenmaßnahmen. Ihr ist jedoch als schwerstes Versäumnis anzulasten, die Konklave nicht rechtzeitig unterrichtet zu haben. Dieser Punkt sollte gesondert auf der nächsten Konklave erörtert werden.“
„Und die Empfehlung“, sagte Fontal.
Danndi schrieb weiter:
„Es wird empfohlen, Meister Anadar, Shara und Morgut bei nächster Gelegenheit noch gesondert zu befragen, um die letzten Ereignisse im Gewölbe präziser zu rekonstruieren. Nach gegenwärtigem Stand erscheint ihre Rolle jedoch im Verhältnis zum Ursprung und Aufbau der Vorgänge nachgeordnet.“
Sie legte die Feder weg.
„So.“
Niemand sprach sofort.
Draußen war es dunkel geworden, und irgendwo unter ihnen arbeitete das Meer gegen Stein.
Schließlich sagte Klasst:
„Es ist kein sauberer Bericht.“
„Nein“, sagte Fontal. „Aber dafür fehlt die Zeit.“
Danndi trocknete die letzten Zeilen.
„Und er wird niemanden völlig zufriedenstellen. Das ist meistens ein gutes Zeichen.“
Fontal sah auf die zusammengesetzten Blätter vor sich.
Xoiun war tot. Die Zwillinge ebenfalls. Somit keine Spuren mehr die ärgerlich werden konnten. Das Monster lag als Kadaver bei irgendeinem Fischerdorf, sollte mittlerweile verbrannt sein. Die Krake war verschwunden. Sinadie würde politisch zahlen. Anadar war fort. Und doch war Fontal mit einem Teil dieses Berichts unzufrieden, auf eine Weise, die sie nicht recht benennen konnte.
Etwas daran war abgeschlossen.
Und gleichzeitig nicht.
Als hätten sie die ordentliche Oberfläche einer Geschichte gefunden und darunter doch gespürt, dass sich etwas Größeres ihrem Zugriff entzogen hatte.
X
Seine Laune war selten so gut gewesen.
Obwohl ihm nach dem Einsturz des Turmes beinahe jeder Knochen und jeder Muskel im Körper weh tat, obwohl Staub noch immer in dichten Schleiern auf sie niederging und hinter ihnen weiterhin Steine polterten, saß Anadar inmitten der Trümmer und lachte. Nicht bitter. Nicht erschöpft. Sondern mit einer Erleichterung, die so tief saß, dass selbst der Schmerz sie nicht dämpfen konnte.
Er stützte sich mit beiden Händen hinter sich ab, hob das Gesicht in die kalte Luft und lachte noch einmal.
„Endlich“, sagte er und blickte Shara und Morgut an. „Endlich Ruhe. Endlich nicht mehr dieses Ding in meinem Kopf.“
Die beiden sahen ihn an und hätten seine gute Laune gern geteilt, doch sie hatten selbst den Aufprall noch in den Gliedern, und was Anadar als Stille erlebte, war für sie nur der Lärm, der aufgehört hatte. Shara lag die Hand am Bauch. Fast unbewusst zuerst, dann bewusster. Es war der erste Augenblick, in dem sie die Sorge mit voller Klarheit zuließ, dass dem Kind in ihr etwas geschehen sein könnte. Morgut wiederum bewegte vorsichtig die Schulter, verzog das Gesicht und atmete einmal scharf ein.
„Du hättest uns in deinen Plan einweihen können“, sagte er.
„Ja“, sagte Shara trocken. „Man muss nicht jede geniale Eingebung erst in dem Moment offenbaren, in dem man mit ihr durch ein Fenster springt.“
Anadar hob abwehrend beide Hände. Dabei fuhr ihm ein Schmerz in den Rücken, und er verzog kurz das Gesicht.
„Erstens“, sagte er, „war das mehr Instinkt als Plan. Und zweitens hätte es womöglich nicht funktioniert, wenn mein Gast im Kopf davon gewusst hätte.“
Er sagte es leicht, beinahe beiläufig, und gerade das ließ die Wahrheit darin umso deutlicher klingen.
Sie blieben noch eine Weile zwischen den Trümmern sitzen, atmeten den Staub, der sich langsam legte, und warteten darauf, dass das Adrenalin aus ihren Körpern wich. Dann begannen sie, sich gegenseitig zu versorgen. Morgut heilte mit jener ruhigen, genauen Art, die keinen unnötigen Zauber verschwendete. Shara wusch sich Blut und Kalk aus dem Haar und ließ später dieselbe Hand kurz über Anadars Stirn gleiten, nur um sicherzugehen, dass er wirklich so klar war, wie er aussah. Anadar selbst ließ es geduldig über sich ergehen, was allein schon zeigte, wie gut seine Laune tatsächlich war.
„Was denkst du“, fragte Morgut schließlich. „Wie lange wird sie das aufhalten.“
Anadar blickte zu dem eingestürzten Turm hinüber, der nun nur noch ein chaotischer Berg aus Stein, Balken und rotem Stoff war.
„Nicht ewig“, sagte er. „Aber hoffentlich lang genug. Sie liegen tief unter dem Schutt. Ich bezweifle, dass sie ohne fremde Hilfe rasch wieder herauskommen werden.“
Er schwieg kurz und fügte dann mit einem Anflug von alter Schärfe hinzu: „Und wenn doch, sollten wir in der Lage sein, ihrer Spur zu folgen. Unauffälligkeit ist kein Markenzeichen dieses Dämons.“
Shara sah ihn von der Seite an.
„Wie konntest du das Schwert überhaupt übertragen.“
Anadar hob leicht die Schultern.
„Es hatte mit Fantor zu tun. Er war der Beschwörer dieses Wesens. Etwas verband die beiden. Ich habe es nicht ganz verstanden, aber genug gespürt. Deswegen wusste ich auch, wo wir suchen mussten. Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde mir, dass wir drei auf unangenehme Weise miteinander verschränkt waren.“
Shara blickte zum Schutthaufen hinüber. „Hat er wirklich versucht, dich zu töten.“
Anadar lachte kurz und schüttelte den Kopf.
„Hinterlistig wie eh und je. Er wollte mich töten. Oder mich wenigstens glauben lassen, dass ich ihm den Weg dazu selbst geöffnet hatte.“
„Du hast ihn im selben Augenblick angegriffen“, meinte Morgut.
Anadar lachte nun schallend.
„Ja. Und das war womöglich die anständigste Unterhaltung, die wir je miteinander geführt haben.“
Shara schnaubte, obwohl sie nicht ganz verhindern konnte, dass auch sie lächelte.
„Dann gebt mir jetzt bitte den Brief.“
Shara griff unter ihre Armschiene und zog das Schreiben hervor. Als sie es ihm reichte, hielt Anadar ihre Hand für einen Moment fest und zog sie ein Stück näher zu sich heran. Sein Gesicht wurde ernster.
„Bist du in Ordnung.“
Shara nickte.
Er ließ die Frage nicht ganz aussprechen. Er musste es nicht. Sein Blick sank kurz zu ihrer Hand an ihrem Bauch und dann wieder in ihre Augen.
Sie nickte noch einmal, ein wenig verlegen diesmal. „Ja. Sicher. Aber vielleicht sollten wir es nicht allzu oft wiederholen, aus einem Turm zu springen, der mehrere Dutzend Meter hoch ist.“
„Mehrere Dutzend“, murmelte Morgut. „Das wird mit jedem Jahr mehr.“
Anadar grinste. „Wenn wir die Geschichte irgendwann erzählen, dann waren es mindestens hundert Meter.“
Shara hob die Brauen. „Die hochschwangere Meisterin Shara sprang aus einem fünfhundert Meter hohen Turm, nachdem sie gemeinsam mit zwei Wahnsinnigen einen Dämon und dessen Beschwörer unter den Trümmern begraben hatte.“
Nun lachten sie alle drei.
Es war ein gutes Lachen. Kurz. Unwahrscheinlich. Fast fehl am Platz in dieser toten Stadt. Gerade deshalb tat es gut.
Dann öffnete Anadar den Brief.
Je weiter er las, desto mehr veränderte sich sein Gesicht. Nicht zum Schlechteren, nicht in jene finstere Verschlossenheit der letzten Wochen. Eher in konzentrierte Wachheit. Als er fertig war, pfiff er leise durch die Zähne und las einige Stellen noch einmal.
„Das ist also dort unten gefunden worden“, murmelte er schließlich. „Interessant.“
„Mehr als interessant“, sagte Shara. „Hinter all dem steckt Methode. Immer neue Geheimnisse kommen ans Licht. Immer mehr Verborgenes wird freigelegt, als ob jemand…“
Sie hielt inne.
Morgut sah sie an. „Als ob jemand was.“
„Als ob jemand es darauf anlegt“, sagte sie. „Als ob die Welt selbst gerade beginnt, ihre versteckten Kammern zu öffnen.“
Anadar nickte langsam. „Oder als ob irgendwer seit langem an den richtigen Stellen zieht.“
Morgut stützte die Ellbogen auf die Knie und sagte in übertriebener art. „Und nun, großer Meister Anadar. Welcher Weg dünkt euch zu nehmen.“
Anadar hielt den Brief noch immer in den Händen, doch sein Blick ging längst darüber hinaus. Er sammelte sich. Prüfend. Horchend. Die Erleichterung war noch da, aber sie machte ihn nicht dumm. Sie machte ihn frei genug, wieder zu hören, was er zu lange hatte an den Rand seines Bewusstseins drängen müssen.
„Nigk und Xian“, sagte er. „Sie bewegen sich wieder.“
Shara und Morgut sahen ihn gleichzeitig an.
„Wo“, fragte Morgut.
„Richtung Süden. In Richtung des Passes, über den sie in den Norden aufgebrochen sind. Zwischen Tandor und Zoordak, wenn ich es richtig einordne.“ Er zog den Brief zusammen und tippte sich mit dem Papier leicht gegen das Bein. „Sie standen eine Weile still. Viel zu lange. Ich dachte schon, Nigk sei dem Tod näher, als mir lieb sein konnte. Dann wieder Bewegung. Dann Stille. Und jetzt wieder Bewegung. Das heißt, sie haben etwas gefunden. In jedem Fall brauchen wir ihren Bericht.“
Shara blickte nachdenklich auf die verlassene Stadt. „Dann zur Mutter.“
„Ja“, sagte Anadar. „Noch einmal nach Zoordak. Vielleicht ist mein Bruder inzwischen wieder aufgetaucht oder wenigstens eine Spur von ihm. Danach zur Feste. Was Manador schreibt, klingt zu bedeutend, um es aufschieben zu können. Eine Schule des Lichtes, verborgen unter der Feurigen Feste.“ Er sah Morgut an. „Und wir haben ein Buch zu öffnen.“
Morgut legte die Hand auf die Tasche, in der das versiegelte Werk steckte. „Es lässt sich öffnen.“
„Sicherlich“, sagte Anadar. „Nur vermutlich nicht auf angenehme Weise.“
Sie standen auf, langsam, jeder noch schmerzhaft an den eigenen Körper erinnert. Dann gingen sie zurück zu den Stallungen, holten die Pferde und machten sie fertig zum Aufbruch. Bevor sie die Burg verließen, wandten sie sich noch einmal um und sahen hinüber zu dem eingestürzten Turm.
Nichts bewegte sich.
Kein Stein verrutschte. Kein Laut kam aus den Trümmern. Nur der Wind strich darüber hin wie über ein Grab, das noch nicht entschieden hat, ob es eines bleiben will.
Dann ritten sie los.
Nicht hastig. Keiner von ihnen war in Verfassung für Hast. Aber mit einer Richtung. Über den Großen Markt nach Tandor. Von dort weiter, wie die Lage es verlangte. Hinter ihnen blieb Sontor still zurück, als habe die Stadt selbst beschlossen, über das, was in ihrem Herzen begraben lag, vorerst zu schweigen.
Tief unter dem zusammengebrochenen Turm lag Fantor mit dem Schwert in der Hand.
Sein Körper war kaum noch fähig, sich zu bewegen. Vielleicht war er schon an der Grenze dessen, was man noch lebendig nennen durfte. Doch das war nicht das Entscheidende. Entscheidend war, dass sein Geist noch da war. Und dass er nicht allein war.
Im Dunkel unter Tonnen von Stein, Staub und zerborstenem Mauerwerk, wo kein Laut der Welt mehr hinabdrang, begann sich zwischen ihm und dem Dämon ein neues Band zu schließen. Nicht aus Täuschung. Nicht aus Verführung. Nicht aus jener falschen Lehrmeisterschaft, mit der Naaarstr Anadar einst umgarnt hatte.
Sondern aus Hass.
Hass auf alles, was lebte.
Hass auf die Welt über ihnen.
Vor allem aber Hass auf Anadar, der sie beide überlistet und unter Schutt begraben hatte.
Naaarstr begann zu sprechen.
Nicht laut. Nicht mit jenem höhnischen Gelächter, das Anadar so lange in den Wahnsinn getrieben hatte. Hier unten sprach er anders. Älter. Tiefer. Fast zärtlich in seiner Grausamkeit. Er begann Fantor zu unterrichten in Praktiken, die seit langer Zeit verborgen waren. In alten Bindungen. In dunklen Übergängen. In Wegen, wie aus Blut nicht nur Macht, sondern Öffnung werden konnte.
Und im Mittelpunkt all dessen stand ein ungeborenes Kind.
Ein Kind, dessen Blut rein und alt sein sollte, weil es in einer magischen Nacht von zwei Magiern gezeugt worden war.
Tief unter dem Schutt von Sontor, im Dunkel, das noch lange nicht fertig war mit ihnen, begann etwas Neues zu lernen.
XI
Formularbeginn
Roto war nun lange genug aufgehalten worden.
Kolnidranooora war auch in Gontar nicht aufgetaucht, und je länger sie dort blieben, desto klarer wurde, dass weiteres Warten wenig Sinn ergab. Also hatte Roto entschieden, weiterzuziehen. Son und Indra waren mitgekommen. Nicht aus besonderer Begeisterung für ihn, jedenfalls nicht am Anfang, sondern weil die Suche nach Kol ohne Bewegung sinnlos wurde und weil ihnen allen dreien in Gontar langsam die Luft ausgegangen war.
Auf dem Weg in Richtung des Großen Marktes begann sich zwischen ihnen etwas zu entwickeln, das man mit etwas Wohlwollen Freundschaft nennen konnte.
Vorsichtig zwar.
Son und Indra waren von Natur aus eher ruhige, zurückhaltende Menschen. Sie sprachen nicht wenig, aber sie sprachen nur, wenn sie etwas zu sagen hatten, und sie machten selten ein Aufheben um sich selbst. Roto war das Gegenteil. Nicht ganz so laut und aufdringlich wie Grot, das musste man zu seiner Ehre sagen, aber doch deutlich näher an jener Spezies von Magier, die einen Raum für etwas Unvollständiges hielten, solange nicht wenigstens ein Teil ihrer Stimme darin zu hören gewesen war. Er redete gern, er erklärte gern, er stellte sich auch gern selbst dar, ohne immer zu merken, wann er begann, sich in seiner eigenen Erzählung zu gefallen.
Erstaunlicherweise passte das ganz gut zusammen.
Roto redete, wenn Stille drohte unerquicklich zu werden. Son und Indra sahen sich dabei oft nur an und ließen ihn reden, bis er sich selbst müde gesprochen hatte. Manchmal warfen sie einen Satz dazwischen, so trocken und präzise, dass er für einen Moment ins Stocken geriet. Dann lachten sie, wenn auch nur leise, und ritten weiter. So wurde aus drei einzelnen Leuten langsam eine Einheit. Keine enge. Keine vertraute. Aber doch eine, die sich bereits aneinander gewöhnt hatte.
Als sie den Großen Markt erreichten, war dort das übliche Leben in vollem Gange. Karren rumpelten über den Platz, Händler priesen lautstark ihre Ware an, Ziegen standen an Orten, an denen sie nicht stehen sollten, Kinder rannten zwischen ihnen hindurch, und über allem lag diese eigentümliche Mischung aus Staub, Rauch, Kräutern, Tiergeruch, billigem Bier und warmem Brot, die den Großen Markt zu dem machte, was er war.
Doch diesmal lag noch etwas anderes in der Luft.
Gerücht.
Man sprach bereits von dem toten Monster. Solche Nachrichten verbreiteten sich schneller als Läuse und fast ebenso hartnäckig. Vielleicht hatte Roto selbst seinen Teil dazu beigetragen. Nicht absichtlich, wie er behauptet hätte. Nur in jenem unschuldigen Sinn, in dem ein Mann mit lebhafter Stimme und wenig innerem Widerstand gegen interessante Geschichten an zwei oder drei Stellen erwähnt, was er gesehen hat, und die Welt dann entscheidet, daraus ein Ereignis zu machen.
In einem der besseren Wirtshäuser des Marktes nahmen sie schließlich Platz. Besser bedeutete dort nicht fein, nur sauberer als die übrigen, mit weniger Flöhen in den Bänken, dickeren Suppen und Bier, das nicht sofort nach Strafe schmeckte. Son und Indra aßen schweigend. Roto sprach bereits zum zweiten Mal darüber, dass der Fisch etwas zu trocken sei, aß ihn aber trotzdem vollständig auf.
Am Nachbartisch saß ein dünner, hagerer Mann und trank schweigend sein Bier.
Er saß dort schon, als sie gekommen waren. Und er saß immer noch dort, als sie längst gegessen hatten. Vor ihm standen zwei leere Krüge und ein dritter, der noch halbvoll war. Vielleicht war er schon einen Tag dort. Vielleicht zwei. Bei Männern dieser Art war es schwer zu sagen, ob sie eben erst abgestürzt oder schon fest in ihr Elend eingewachsen waren. Er trug einen alten Mantel, der einmal brauchbar gewesen sein mochte, und seine Haare sahen aus, als hätten sie vor längerer Zeit beschlossen, sich nicht mehr an gesellschaftliche Erwartungen zu halten.
Mehrfach blickte er zu ihnen herüber. Nicht offen feindselig. Nicht neugierig im freundlichen Sinn. Eher misstrauisch, als versuche er, aus ihren Gesichtern zu lesen, wie viel Ärger sie ihm einbringen könnten.
Roto bemerkte die Blicke natürlich.
Und weil Roto gern redete, beschloss er, etwas daraus zu machen.
Er drehte sich halb auf der Bank um und hob seinen Krug in die Richtung des Fremden.
„Ihr scheint Interesse an uns zu haben, Freund.“
Der Mann sah ihn aus rotgeränderten, betrunkenen Augen an. Eine ganze Weile sagte er nichts. Dann fragte er mit jener brutalen Direktheit, die nur Betrunkene, Kinder und wirklich gefährliche Leute besitzen:
„Ihr seid ein Magier.“
„Ganz recht“, sagte Roto mit sichtlichem Wohlgefallen. „Meister Roto aus Ashambrat. Und dies sind Son und Indra von den Inseln der Winde.“
Son schloss kurz die Augen.
Indra trank.
Der hagere Mann blinzelte. „Müsst ihr das immer tun.“
„Was genau.“
„Euch vorstellen.“
Roto grinste. „Im Allgemeinen hilft es.“
„Das kann böse enden“, murmelte der Fremde.
Dann stand er auf, schwankte kurz, fing sich an der Tischkante und versuchte sich zu verbeugen. Dabei stieß er mit der Stirn gegen eben jene Kante, an der er sich gerade noch festgehalten hatte.
„Gestattet“, sagte er mit beleidigter Würde, während er sich den Kopf rieb, „dass ich mich ebenfalls vorstelle. Mein Name ist Käptain Kral.“ Er hielt inne, dachte nach und wedelte dann mit der Hand vor seinem eigenen Satz, als könne er ihn damit aus der Welt wischen. „Nein. Streicht das. Nur noch Kral.“
Er setzte sich ungefragt zu ihnen an den Tisch, indem er Roto mit dem Hintern ein Stück zur Seite schob, als säße dort ein Sack Mehl und kein Meister der Windschule.
„Kein Käptain mehr“, sagte er. „Ist mir zu gefährlich geworden, das mit der See. Lauter Monster.“
Son hob den Blick.
Indra ebenfalls.
Roto legte langsam den Krug ab. „Seemonster.“
Kral nickte mit großer Ernsthaftigkeit, die nur leicht dadurch untergraben wurde, dass sein Kopf dabei einen Moment zu tief sank und beinahe auf der Tischplatte landete.
„Große und kleine. Alles Monster, Sir Meister Magier.“
„Nun ja“, begann Roto und warf den beiden Wassermagierinnen einen schnellen Blick zu, der deutlich sagte, dass er sehr genau wusste, dass er jetzt etwas sagen würde, das sie nicht gut finden würden. „Das Seemonster ist tot. Wir haben es mit eigenen Augen gesehen.“
Son und Indra verdrehten beinahe gleichzeitig die Augen.
Kral hingegen saß im nächsten Augenblick kerzengerade.
Es war ein erstaunlicher Vorgang. So erstaunlich, dass Roto kurz überlegte, ob der Mann vielleicht gar nicht betrunken, sondern nur von Natur aus schief war und nun zufällig richtig zusammengesetzt wurde.
„Was sagtet ihr“, fragte Kral. „Tot.“
„Tot“, bestätigte Roto.
„Weiß.“
„Ja.“
„Riesig.“
„Ja.“
„Zwei leuchtende Fühler. Tentakel am Rücken. Komische Musik.“
Nun waren auch Son und Indra voll aufmerksam.
„Ihr beschreibt es richtig“, sagte Indra. „Habt ihr es gesehen.“
Kral winkte ab. „Pah. Gesehen. Es hat mich…“ Er hielt inne, blinzelte einmal und zog die Worte zurück, als hätten sie beinahe etwas zu viel verraten. „Ich hörte Geschichten.“
„Geschichten“, wiederholte Son in einem Ton, der deutlich machte, was sie von Geschichten hielt, wenn einer sie mit dieser Miene vortrug.
Kral ignorierte sie. Sein Blick blieb auf Roto.
„Tot also“, murmelte er. „Und was sucht ihr nun hier am Großen Markt, Meister Roto aus Ashambrat.“
Roto lehnte sich ein Stück zurück. Er mochte es, gefragt zu werden.
„Ich suche Meister Kolnidranooora aus Ashambrat. Einen Freund. Wir waren gemeinsam unterwegs.“
Kral hob die Augenbrauen. „Groß. Breit. Schüttere Haare. Lispelte ein bisschen. Weißer Umhang.“
Roto saß sofort aufrechter. „Ja. Ihr beschreibt ihn richtig. Habt ihr ihn gesehen.“
Kral nahm einen langen Schluck Bier.
„Nein.“
Die Stille, die darauf folgte, war so vollkommen, dass sogar der Wirt am Tresen kurz herübersah.
„Nie begegnet.“
Roto starrte ihn an. Son sah zu Indra. Indra sah auf ihren Teller, als wäre die Welt in einer Weise vorhersehbar, die sie müde machte.
„Nein“, sagte Roto langsam. „Habt ihr ihn nicht gesehen.“
„Nein. Völlig fremd“
„Aber ihr konntet ihn gerade beschreiben.“
„Wirklich?“
Kral stellte den Krug ab und sah Roto an, sein Kof schwankte und er versuchte mit dem Magier in der Mitte zu reden.
„Ihr habt ihn gerade erklärt.“
„Ich habe gar nichts erklärt.“
„Doch. Meister aus Ashambrat. Freund. Jemand namens Kolnase oder so. Das reicht doch. So viele gibt es davon nicht.“
Roto öffnete den Mund, schloss ihn wieder und überlegte ernsthaft, ob er sich beleidigt fühlen sollte oder beeindruckt. Beides kam in Frage.
„Das reicht keineswegs“, sagte Son.
Kral wandte sich ihr zu. „Für die meisten nicht. Für mich schon.“
Indra legte das Besteck weg. „Ihr seid also kein Käptain mehr, habt nie das Monster gesehen, kennt Kol nicht, beschreibt ihn aber richtig.“
Kral dachte darüber nach.
„Wenn ihr es so sagt“, meinte er dann, „klingt es so als ob ich was wüsste.“ Ein Schluckauf bemächtige sich seiner. „Ich habe Geschichten gehört.“
„Geschichten.“ sagte Son.
Roto hob eine Hand. „Einen Moment. Ich glaube, unser neuer Freund ist entweder ein vollendeter Idiot oder nützlicher, als er aussieht.“
„Warum nicht beides“, murmelte Indra.
Kral lächelte schwach, als hätte sie ihm gerade ein seltenes Kompliment gemacht.
Roto beugte sich vor. „Also gut. Was wisst ihr.“
Kral blickte in seinen Krug. „Dass das Meer voller Dinge ist, die besser unten geblieben wären.“
Kral lehnte sich zurück, sah an die Decke, dann zur Tür, dann wieder auf den Tisch, als müsse er entscheiden, wie viel er für wie wenig Geld zu sagen bereit war.
Diesmal sagte keiner von ihnen etwas.
Draußen auf dem Markt schrie ein Händler etwas über Zwiebeln. Irgendwo zerschellte ein Tonkrug. Im Schankraum lachte jemand zu laut. Aber am Tisch der vier war es mit einem Mal still geworden.
Roto musterte Kral neu.
Der Mann sah wieder aus wie ein abgehalfterter Säufer mit schlechtem Gleichgewicht und noch schlechterem Benehmen. Aber unter dem Schmutz, unter dem Bieratem und dem leicht schiefen Sitzen lag etwas anderes. Keine Größe. Keine Würde. Eher Gewohnheit darin, Dinge zu beobachten, die andere übersahen.
„Ihr wisst also etwas“, sagte Roto.
Kral hob den Krug. „Natürlich weiß ich etwas. Sonst hätte ich mich kaum zu euch gesetzt.“
„Und was wollt ihr dafür.“
„Noch ein Bier.“
Indra starrte ihn an.
Son schnaubte.
Roto hingegen begann zu lachen.
„Gut“, sagte er. „Noch ein Bier könnt ihr haben.“
Kral nickte. „Ich glaube was ich euch zu sagen habe wird euch nicht gefallen, euer Freund ist Tod.“
XII
Sinadie wusste längst, dass man ihr nichts Gutes mehr wollte.
Dafür war sie zu vielen Eiferern zu sehr auf die Füße getreten. Nicht, weil sie unfähig gewesen wäre. Nicht, weil ein abtrünniger Magier in ihrer Schule gewirkt hatte, als hätte sie ihn persönlich in den Turm gesetzt und um sein Treiben gebeten. Nein, was man ihr wirklich vorwarf, war etwas anderes. Sie hatte Anadar geholt. Direkt. Ohne sich erst unter die trägen Räder der Konklave zu legen und dort um Erlaubnis zu bitten, bis aus einem Monster womöglich zwei geworden wären. Das war ihr Vergehen. Sie hatte auf dem schnellsten Weg Hilfe gesucht. Und diese Hilfe war, wie mancher sie nun auch im Nachhinein rahmen wollte, erfolgreich gewesen.
Das Monster wäre noch immer auf See.
Es würde noch Schiffe versenken.
Es würde noch Inseln in Angst halten.
Dieser Gedanke machte sie wütend. So wütend, dass die Tränen, die ihr in die Augen stiegen, nicht aus Schmerz kamen und auch nicht aus Schwäche. Sie kamen aus Hilflosigkeit, aus Zorn darüber, wie feige Menschen wurden, sobald Gefahr vorbei war und man den Mut der anderen im Nachhinein als Regelbruch auslegen konnte.
Sie lag in ihrem Bett und starrte lange an die Decke, ehe sie den Brief noch einmal zur Hand nahm.
Er war knapp formuliert. Förmlich. Kalt. Man hatte ihr zunächst mitgeteilt, dass sie aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes nicht in der Lage sei, ihre Amtsgeschäfte auszuüben. Daraufhin sei Form kommissarisch mit der Leitung der Schule des Wassers betraut worden. Dann erhielt sie diesen Brief, der sich las, als handle es sich um eine vernünftige und vorübergehende Maßnahme. In den Zeilen zeigte sich, was wirklich geschehen war. Das Amt war ihr entzogen worden. Nicht später vielleicht. Nicht nach einer Anhörung. Nicht nach einem Gespräch. Sondern bereits. Und nun, da ihre Entfernung aus der Leitung der Schule vollzogen war, ging man den nächsten Schritt. Sie wurde von der Schule ausgeschlossen. Verbannt. Sie habe Zeit, bis sie vollständig genesen sei, hieß es. Danach habe sie die Inseln der Winde zu verlassen.
Es war sauber formuliert.
Fast höflich.
Genau deshalb hätte sie den Brief am liebsten verbrannt.
Stattdessen legte sie ihn auf die Decke, faltete die Hände darüber und atmete lange und ruhig, bis der erste Zorn sich in etwas Brauchbareres verwandelte.
Denn wenn Sinadie eines nie getan hatte, dann war es, Wut ungenutzt versickern zu lassen.
Sie wäre nicht sie gewesen, wenn sie in diesem Augenblick nicht auch die Möglichkeiten gesehen hätte. Frei von Verpflichtungen. Frei von Sitzungen, Rücksichtnahmen, von all dem mühsamen Gleichgewicht zwischen Würde, Schule und Politik. Frei auch von manchen Erwartungen, die ihr bisher die Hände gebunden hatten. Was sie bisher nicht tun durfte, durfte sie nun vielleicht gerade deshalb tun, weil niemand es ihr noch verbieten konnte.
Die Wunde an ihrer Seite schmerzte zwar noch, aber sie war inzwischen deutlich besser verheilt. Isidres verordnete Bettruhe hatte ihre Wirkung getan, so unangenehem Sinadie sie auch gefunden hatte. Isidre selbst wachte noch immer über sie wie ein Kettenhund über sein Revier. Sie war es auch gewesen, die ihr von der Konklave berichtet hatte. Von dem vorläufigen Bericht der drei Inquisitoren. Von den Funden im Turm. Von den Unterlagen über Wandlung, was auch immer dieses Wort in seiner ganzen Tiefe bedeuten mochte. Von Form als neuer Dekanin. Von der stillen Einigkeit dreier Schulen, die immer offener begann, die Geschicke der anderen mitzubestimmen.
Isidre hatte all das ohne besonderen Schmuck erzählt, so wie sie fast alles erzählte. Präzise, knapp, ehrlich. Und gerade diese Trockenheit hatte Sinadie klar gemacht, dass sie handeln musste.
Vor allem als Isidre an Meister Tranda dachte.
Die Erdschule war auf der Konklave faktisch nur durch Isidre vertreten gewesen. Tranda war nicht erschienen, Slonda war verschwunden, und je länger das so blieb, desto gefährlicher wurde es. Isidre wollte zurück nach Tandor. Musste zurück, wenn man es genau nahm. Die Dinge dort mochten sich noch halten, aber sie würden es nicht ewig tun, wenn niemand mit Überblick nach ihnen sah.
Das war der Funke gewesen.
Sinadie hatte sich an dem Gedanken festgehalten wie an einem Griff in kaltem Wasser.
Sie würde mitgehen.
Genesung hin oder her.
Es gab ohnehin wenig auf den Inseln, was sie jetzt noch zu halten brauchte. Sie packte das Nötigste schnell. Nicht viel. Einige Kleider. Ein paar Aufzeichnungen. Dinge, die sie nicht in fremden Händen lassen wollte. Miene und Sindra hielten sich dabei wie immer in ihrer Nähe auf. Die beiden wussten selbst nicht recht, wohin sie wollten, nur dass sie weiter wollten. Seit Morgut fort war, waren sie noch unzertrennlicher geworden, vereint in Kummer, Sorge und jener stummen, jungen Form von Sehnsucht, die sich selbst dann nicht eingesteht, was sie ist, wenn jeder andere es längst sieht.
Sinadie lächelte bei dem Gedanken.
Noch einmal so jung sein.
Es hatte etwas Rührendes, wie ungeschickt zwei kluge junge Frauen an demselben Mann leiden konnten und dabei so taten, als ginge es um alles andere.
Einen Tag nach der Konklave verließen die vier die Inseln der Winde, ohne großen Abschied, ohne Rückblick, ohne das Bedürfnis, jemandem noch Höflichkeit zu schulden, der sie ihrerseits nicht erhalten hatte. Das Boot schnitt ruhig durch das Wasser, und als die Türme hinter ihnen kleiner wurden, fühlte Sinadie nicht Trauer, sondern eher jene kühle Klarheit, die einsetzt, wenn ein Schnitt getan ist und das Blut noch nicht ganz begriffen hat, dass es fließen sollte.
An der Mündung des großen Flusses gingen sie an Land. Den Rest des Weges wollten sie zu Pferd zurücklegen. Das war einfacher, und Sinadie hatte überdies keinerlei Wunsch, ein Boot der Inseln der Winde noch länger zu nutzen. Sie wollte einen Abschluss. Nicht nur äußerlich. Auch im Kleinen.
Der Kai war belebter, als sie erwartet hatte. Der Schiffsverkehr begann wieder anzuziehen. Noch längst nicht so wie früher, aber doch sichtbar. Ein oder zwei größere Schiffe, mehrere kleinere Boote, Händler, Fischer, Fuhrleute, ein paar Matrosen mit dem Gesichtsausdruck von Männern, die dem Meer misstrauen und es trotzdem jeden Morgen wieder betreten. Das Gerücht vom toten Seemonster hatte seinen Teil getan. Menschen kehrten schnell zurück, wenn sie glaubten, dass das Schrecklichste vorbei war.
Pferde zu bekommen war teuer, aber nicht schwierig. Eine gute halbe Stunde später standen die vier Frauen mit ihren Tieren am Hafen und überlegten gerade, welchen Weg sie durch das Gedränge hinaus nehmen sollten, als ihnen ein alter Bekannter in die Arme lief.
Meister Roto.
Mit Son und Indra im Schlepptau.
Roto wirkte fast erfreut über das Zusammentreffen, was bei ihm wenig bedeutete, da er sich auch über schlechtes Wetter freuen konnte, wenn es ihm nur die Gelegenheit gab, länger darüber zu sprechen. Son und Indra wirkten dagegen eher wie zwei Menschen, die beschlossen hatten, Roto nicht zu verlieren, solange er sich noch nützlich anstellen konnte.
Die Begrüßung war kurz, doch dann wurden Geschichten ausgetauscht.
Roto erzählte zuerst.
Sie seien auf dem Großen Markt einem betrunkenen Seemann begegnet, einem gewissen Kral, dessen Verhältnis zur Wahrheit schwankend gewesen sei, der aber immerhin behauptet habe, gehört zu haben, wie ein Magier auf einem Schiff getötet worden sei. Die Kehle durchgeschnitten. Angeblich von zwei ungewöhnlichen Angreifern, sehr schlank, fremdländisch, anders. Ohne Vorwarnung. Auf einem Schiff, das erst vor wenigen Wochen eingelaufen sei.
„Und deshalb seid ihr hier“, sagte Sinadie.
„Deswegen sind wir hier“, bestätigte Roto. „Wir haben mit dem Hafenmeister gesprochen. Das Schiff lief vor einigen Wochen ein, das erste nach langer Zeit. Stark beschädigt, notdürftig zusammengeflickt. Und rund um dieses Schiff gab es offenbar mehr Aufregung, als man uns zunächst sagen wollte.“
Er spreizte die Finger. „Mehr wollte der Mann aber nicht verraten.“
„Wo ist das Schiff nun“, fragte Sinadie.
Roto zuckte mit den Schultern. „Das wusste er entweder nicht oder wollte es nicht sagen.“
Sinadie sah ihn kurz an.
Dann wandte sie sich ab und marschierte ohne ein weiteres Wort auf die kleine Hütte des Hafenmeisters zu.
Roto blieb stehen. Son hob leicht die Brauen. Indra lächelte kaum merklich. Isidre sagte nichts. Miene und Sindra sahen einander an, als hätten sie eben etwas gesehen, das sie nicht überraschte und dennoch erfreute.
Keine drei Minuten später kam Sinadie wieder heraus.
Sie hatte nun jenes zufriedene, kalte Grinsen im Gesicht, das andere Menschen bekamen, wenn sie ein besonders zähes Tier endlich richtig am Hals gepackt hatten.
„Die Mannschaft hat das Schiff verlassen“, sagte sie. „Nachdem einer an Deck getötet wurde. Kehle durchgeschnitten. Man hat die Leiche vom Schiff geholt und hier auf dem Friedhof begraben. Das Schiff selbst hat man später losgemacht, den Anker gelichtet, die Taue gekappt und dem Schicksal überlassen.“
Roto blinzelte. „Das ist …..“
„Das ist hier wohl nicht einmal ungewöhnlich“, sagte Sinadie. „Der Hafenmeister hat es in einem Ton gesagt, als spreche er über nassen Fisch.“
Sie saß bereits wieder auf. „Der Friedhof liegt dort hinten.“
Und ohne zu zögern setzte sie sich in Bewegung.
„Wohin wollt ihr“, rief Roto ihr nach, obwohl die Antwort offensichtlich war.
Sinadie drehte sich im Sattel nur halb zu ihm um.
„Graben“, sagte sie. „Oder wollt ihr nicht mit Sicherheit wissen, was mit Kolnidranooora geschehen ist.“
Damit war die Sache entschieden.
Kral erwachte unterdessen aus seinem Rausch.
Sein Kopf tat ihm weh. Nicht auf die angenehme Weise, in der ein Abend einfach nur zu lang gewesen war, sondern dumpf, brennend, unerquicklich strafend. Seine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand in der Nacht Sand hineingeschüttet. Er setzte sich im Bett auf, schloss sofort wieder die Augen und versuchte, die Bruchstücke des gestrigen Abends zu ordnen.
Bier.
Ein Wirtshaus.
Magier.
Zu viele Magier.
Dann Roto. Dann Worte. Zu viele Worte. Und dann hatte er sich, wie ihm nun mit wachsendem Entsetzen dämmerte, tatsächlich betrunken an einen Tisch voller Magier gesetzt und mehr gesagt, als für seine Zukunft gesund war.
„Oh bei allen Gezeiten“, murmelte er und fuhr sich durch die Haare. „Die Magier.“
Er hatte doch gerade damit abschließen wollen.
Weg von der See. Weg von alten Geschichten. Weg von toten Kapitänen, toten Schiffsjungen und allem, was sich nachts an Bord aus dem Wasser erhob. Und dann tat er genau das einzig Dumme, was ihm noch gefehlt hatte. Er setzte sich, dachte er benommen, nein, falsch, ggeschiet waren die Magier gewesen, er selbst war erbärmlich gewesen, also er setzte sich erbärmlich zu Magiern und prahlte damit, dass er gesehen oder gehört oder beinahe gesehen hatte, wie einer von ihnen nicht mehr unter den Lebenden weilte.
Er stöhnte.
Dazu kam noch etwas anderes.
Gestern hatte er auf dem Markt zwei Gesichter gesehen, die er lieber nie wieder gesehen hätte. Männer aus seiner alten Crew. Oder aus dem, was davon übrig war. Sie hatten ihn vielleicht nicht bemerkt. Vielleicht doch. Beides war unschön.
Kral stand auf, torkelte zum Fenster und sah hinaus.
Markt. Lärm. Menschen. Karren. Eine Frau mit einem Korb voll Fische. Ein Mann, der offenbar glaubte, Zwiebeln ließen sich besser verkaufen, wenn man sie anschrie. Und irgendwo da draußen womöglich zwei frühere Seeleute, die wussten, wer er war, was er wusste und was es wert sein könnte, ihn entweder zum Schweigen zu bringen oder noch einmal in alte Geschichten hineinzuziehen.
„Gut“, murmelte er. „Dann eben weiter.“
Er wollte ohnehin ein neues Leben beginnen. Irgendwo anders. Nur wohin.
Wo gab es keine Seeleute.
Diese Frage war leicht.
Überall weiter im Landesinneren.
Wo gab es keine Magier.
Kral sah lange aus dem Fenster.
Dann fluchte er leise.
Auf diesem Kontinent, dachte er, wimmelte es von ihnen.
Formularbeginn
Formularende
XIII
Mutter wusste, dass in den kommenden Tagen viele einzelne Stränge zusammenlaufen würden.
Sie wusste es nicht nur aus jener stillen Ahnung heraus, die Menschen ihres Alters und ihres Standes oft für Weisheit hielten, weil sie nicht verstanden, wie viel davon bloß Erfahrung war. Sie wusste es, weil sie manche dieser Stränge selbst in die richtigen Richtungen gelenkt hatte, vor Monaten schon, bei manchen sogar vor Jahren, oder Jahrhunderten und weil sie nun sah, wie sich all das, was lange getrennt nebeneinander hergelaufen war, langsam auf einen Punkt hin zusammenzog. Nicht geordnet. Nicht friedlich. Aber unausweichlich. Die Ereignisse nahmen fahrt auf.
Die Konklave.
Noch immer musste sie lächeln, wenn sie daran dachte.
Nicht aus Heiterkeit. Nicht, weil etwas daran sie amüsierte. Eher aus jener stillen Verachtung heraus, die Menschen entwickeln, wenn sie zu lange zugesehen haben, wie andere mit großer Wichtigkeit an Dingen schieben, die sich längst nicht mehr nach ihren Händen richten. Sie konnte die Gedanken vieler lesen, die Absichten, die kleinen Ängste, die eitlen Rechnungen, die manche mit sich herumtrugen wie Kinder ihre liebsten Steine. Sie wusste, wer hoffte, jemand anderen zu stürzen. Wer glaubte, auf der richtigen Seite zu stehen. Wer noch immer meinte, man könne die Zeit in bekannte Formen zurückzwingen, wenn man nur streng genug sprach und die richtigen Namen mit ausreichend Schwere aussprach.
Viele von ihnen hatten noch nicht verstanden, in welcher Zeit sie lebten.
Das würde sich ändern.
Langsam vielleicht. Gegen ihren Willen. Unter Schmerzen gewiss. Aber es würde sich ändern, und Mutter freute sich auf die Gesichter, mit denen manche dieser Menschen erkennen würden, dass die Welt längst begonnen hatte, ohne ihre Erlaubnis weiterzugehen.
Sie war über vieles besser informiert, als sie zugab.
Nicht nur über das, was in Zoordak geschah oder in den Schulen, nicht nur über die Bewegungen einzelner Meister, über Gerüchte, über Reisen, über Wunden, alte Bündnisse, junge Dummheiten und jene alten Geheimnisse, die am Rand der Welt zu liegen schienen und nun plötzlich in die Mitte drängten. Mutter war alt. Sehr alt. Sie hatte Dinge gesehen, die andere nur als Märchen kannten, und sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass die Welt nicht dadurch verschwand, dass man ihre unangenehmen Teile aus den Chroniken strich.
Nur wenige konnten auf eine so lange Zeit zurückblicken wie sie.
Nur wenige.
Doch es gab sie.
Und gerade deshalb wusste Mutter, dass das nächste wirkliche Zusammenkommen nicht in Zoordak stattfinden würde.
Es musste nach Tandor gehen.
Nicht weil Tandor besonders darauf vorbereitet gewesen wäre. Nicht weil dort alle Antworten lägen. Sondern weil manche Orte zu bestimmten Zeiten aufhören, nur Orte zu sein. Sie werden dann zu Knoten. Zu Brennpunkten. Zu Räumen, in denen sich Dinge, die lange getrennt waren, plötzlich gegenseitig erkennen.
Tandor war nun ein solcher Ort.
Bevor sie dorthin aufbrechen konnte, musste sie jedoch zuerst Slonda finden.
Sie hatte eine ungefähre Ahnung, an welcher Stelle er wieder in diese Zeit eintreten würde. Nicht aus Magie allein. Auch aus Kenntnis, Der Art des Übergangs, selbst einen ungewöhnlichen Weg noch mit zu viel Vernunft und zu wenig Eleganz zu gehen. Also wartete sie dort, wo der Weg hinführen würde und niemand ihr Kommen hinterfragen würde, Abgelegen genug, dass Zeitmagie niemanden beunruhigte, der nicht beunruhigt werden sollte.
Es war ein stiller Platz zwischen sanften Hängen, mit niedrigem Gras, das im Wind flach strich, und ein paar alten Bäumen, deren Stämme krumm genug waren, um jedem Ort sofort etwas Vergangenes zu verleihen. Die Luft war kühl, aber nicht schneidend, und in der Ferne schimmerten die Linien eines Waldes, über dem ein blasser Himmel lag.
Zuerst kam Pildara.
Es geschah beinahe unverschämt sauber. Ein kurzes Flirren. Eine Spannung in der Luft, die kaum sichtbar wurde. Dann stand sie einfach da, als wäre sie eben aus einem anderen Raum getreten und nicht aus einer anderen Zeit. Mantel, Haltung, Blick, alles an ihr war so gesammelt, dass man hätte glauben können, selbst das Reisen zwischen den Zeiten sei für sie kaum mehr als eine etwas lästigere Form des Weges von einem Zimmer ins andere.
Mutter lächelte, als sie sie sah.
Kurz darauf kam Slonda.
Weniger elegant.
Sehr viel weniger elegant.
Der Übergang war bei ihm nicht gerade unbeholfen, aber unbeholfen genug, um zu zeigen, dass er den Weg zwar inzwischen beherrschte, aber noch lange nicht in jener selbstverständlichen Weise, wie Pildara es tat. Er taumelte nach dem Eintritt einen Schritt zu weit, rang um Fassung, kniff die Augen zusammen, als müsse sein Inneres erst entscheiden, in welcher Richtung die Welt gerade richtig stand, und schaffte es dann gerade noch, sich ein Stück von seinen eigenen Stiefeln wegzudrehen, ehe sein Magen ihm sehr deutlich mitteilte, was er von solchen Unternehmungen hielt.
Mutter gab ihm einen Moment.
Nicht aus übertriebener Milde. Eher weil sie wusste, dass Würde manchmal schon darin bestand, einen jungen Mann zwei Atemzüge lang seine Übelkeit erleben zu lassen, ohne sie zu kommentieren.
Pildara besaß weniger Feingefühl.
„Wenn du meine Schuhe dreckig machst“, sagte sie in jenem kalten, beiläufig gehässigen Ton, der bei ihr fast schon als Zuneigung gelten konnte, „dann lasse ich dich den nächsten Sprung allein rechnen.“
Slonda, der eine Hand auf den Boden gestützt hatte und mit geschlossenen Augen darauf wartete, dass die Welt wieder ihren Platz einnahm, hob nur abwehrend zwei Finger. Sein Magen krampfte noch einmal. Dann war es vorbei. Er atmete lange ein, stand langsam auf und strich sich mit möglichst viel Würde über die Kleidung, obwohl es nichts daran änderte, dass er einen Augenblick lang noch immer aussah wie jemand, der der Zeit selbst gerade eine Blöße geboten hatte.
„Alles gut“, versicherte er.
Der Versuch eines Grinsens machte die Sache nicht glaubwürdiger, aber sympathischer.
„Es freut mich, euch zu sehen“, sagte Mutter.
Beide drehten sich erschrocken zu ihr um.
„Mutter“, sagte Slonda, fast ertappt, als wäre er bei etwas Ungehörigem erwischt worden.
Mutter aber schenkte ihm zunächst kaum Beachtung. Ihr Blick lag auf Pildara.
„Meine Tochter.“
Sie trat auf sie zu und umarmte sie, und Pildara, die sich von den meisten Menschen nur so viel Nähe gefallen ließ, wie sie gerade dulden konnte, erwiderte die Umarmung mit einer Selbstverständlichkeit, die Slonda sichtbar überraschte.
„Mutter.“
„Lange haben wir uns nicht mehr gesehen.“
Sie sagten es beinahe gleichzeitig, als handle es sich um eine alte Begrüßungsformel, die nicht nur Worte, sondern auch Erinnerung enthielt. Als sie sich voneinander lösten, sahen sie einander noch einen Moment in die Augen, und etwas spielte zwischen ihnen, ein Erkennen, ein stiller Witz, eine ganze Geschichte, die ohne Sprache auskam.
„Ihr kennt euch“, fragte Slonda.
Pildara hob nur leicht eine Braue.
„Wer kennt die Mutter nicht.“
Dann blickte sie wieder zu Mutter und seufzte beinahe entschuldigend in seine Richtung.
„Er ist noch so jung.“
Slonda sah die beiden Frauen an, als hätte er eben erfahren, dass ihm ein ganzes Jahrzehnt einfach ohne Nachfrage abgesprochen worden sei. Er war beileibe nicht jung, das wusste er sehr genau, und doch behandelten diese beiden ihn mit jener ruhigen Sicherheit, mit der sehr alte Menschen Menschen mittleren Alters betrachten, die sich selbst bereits für gefestigt halten.
„Alles braucht seine Zeit, meine Tochter“, sagte Mutter.
Und wieder ging ein Lächeln zwischen ihnen auf, nicht laut, nicht spöttisch, eher wie die Erinnerung an einen alten, unausgesprochenen Witz, in dem Slonda unwillkürlich die Rolle desjenigen spielte, der erst später begreifen würde, warum überhaupt gelacht worden war.
Mutter wurde dann ernster.
Es geschah ohne sichtbaren Bruch. Nur das Lächeln schloss sich, und in ihren Augen stand plötzlich jene Tiefe, die andere bei ihr fast immer erst bemerkten, wenn es zu spät war, sie noch zu unterschätzen.
„Wichtige Ereignisse stehen bevor“, sagte sie. „Ein Treffen. In Tandor. Viele sind bereits auf dem Weg dorthin, ob sie es wissen oder nicht. Es ist etwas, das vor langen Zeiten prophezeit wurde und das nun eintritt. Nicht vollständig. Noch nicht. Aber deutlich genug, dass man es nicht länger nur in Rätseln und alten Worten verstecken kann. Und Tandor ist der Ort, an dem es sich nun sammeln wird.“
Slonda war noch immer nicht ganz von den Nachwirkungen des Sprunges befreit. Man sah es daran, dass er etwas länger brauchte, ehe er die ganze Bedeutung der Worte fasste.
„Mein Bruder“, fragte er dann.
Mutter nickte.
„Auch er wird dort sein, Freund Slonda. Er vermisst euch. So wie viele andere.“
Etwas in Slondas Gesicht entspannte sich bei diesen Worten und zog sich gleichzeitig an anderer Stelle wieder fester zusammen. Er sah in Gedanken sofort weiter, zu Dingen, die zwischen ihnen lagen, zu unausgesprochenen Gesprächen, zu verpassten Jahren, zu dem, was man Bruder nannte und was doch nie nur einfach war.
Mutter ließ ihm diesen Gedanken nicht lange.
„Sammelt euch“, sagte sie. „Wir haben noch weitere Gäste zu geleiten, und wenn wir zu spät kommen, werden sich manche Dinge auch ohne uns bewegen. Das will ich nicht.“
Also brachen sie ohne weiteren Umschweif auf.
Mutter ließ ihre Kutsche nehmen, nicht weil sie den Weg nicht auch anders hätte zurücklegen können, sondern weil manche Reisen in einer Kutsche mehr Würde und mehr Unsichtbarkeit zugleich erlaubten als zu Pferd oder zu Fuß. Die Wagenräder glitten über die Straßen, die Pferde gingen in jenem gleichmäßigen, ruhigen Tempo, das nur lange geübte Gespanne halten können, und so fuhren die drei direkt auf Tandor zu.
Die Tage vergingen ruhig.
Vielleicht zu ruhig.
Pildara und Mutter sprachen wenig, aber wenn sie sprachen, war es meist auf eine Weise, bei der Slonda das unangenehme Gefühl hatte, dass beide in mehreren Schichten zugleich redeten und er bestenfalls die obere davon verstand. Sie sprachen über Wege, über alte Orte, über Menschen, die lange nicht mehr jung waren und doch noch immer dieselben Fehler machten. Einmal redeten sie eine halbe Stunde lang über Schnee, ohne dass Slonda sicher gewesen wäre, ob tatsächlich Schnee gemeint war. Ein anderes Mal lachten sie beide leise über eine Bemerkung, die mit der Zeit zu tun hatte und die ihm unklar blieb.
Slonda selbst erholte sich langsam. Schon am zweiten Tag wirkten seine Bewegungen wieder gefasster. Am dritten konnte er über Pildaras Spott sogar halbwegs würdevoll hinwegsehen. Und am vierten begann er selbst zu fragen, was Mutter eigentlich genau in Tandor erwartete.
„Mehr Leute, als euch guttun wird“, antwortete sie.
„Das ist unpräzise.“
„Dann ist es wohl wahr.“
Am fünften Tag ließ Mutter die Kutsche an einer Stelle anhalten, an der die Straße sich zwischen flachen Hügeln und einer langen Baumreihe hindurchzog. Die Landschaft war weit und still. Ein paar Krähen saßen in der Ferne auf einem umgestürzten Zaunpfahl. Der Wind strich über trockenes Gras und brachte den Geruch von Erde und einem fernen Bach mit sich.
„Wir warten hier“, sagte Mutter.
„Worauf“, fragte Slonda.
„Auf drei unserer Gäste aus dem Norden.“
Sie sagte es ruhig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, mitten auf einer Landstraße anzuhalten, weil man wisse, dass von Norden her genau die richtigen Menschen kommen würden.
„Sie sind wichtig.“
Also warteten sie.
Mutter saß vollkommen still. Pildara wirkte, als hätte sie schon vor Stunden damit gerechnet und würde nun nur noch ertragen müssen, dass andere Zeit brauchten, bis sie einträfen. Slonda stand neben der Kutsche und blickte nach Norden, zuerst mit Neugier, dann mit jener langsam wachsenden Anspannung, die sich einstellte, wenn man ahnte, dass mit dem nächsten Aufeinandertreffen die Dinge nicht kleiner, sondern größer werden würden.
Lange geschah nichts.
Dann zeigte sich in der Ferne Bewegung.
Drei Reiter.
Klein zuerst. Nur Schatten gegen die bleiche Straße. Dann deutlicher. Zwei Frauen und ein Mann. Müde Pferde. Staub an Mänteln und Stiefeln. Und etwas an ihrer ganzen Haltung, das verriet, dass sie nicht nur aus dem Norden kamen, sondern aus etwas anderem mit.
Mutter sah sie zuerst wirklich.
Nicht mit den Augen allein.
„Da sind sie“, sagte sie.
Und als Xian, Nigk und Xiodri näher kamen, wusste selbst Slonda, noch ehe das erste Wort gewechselt war, dass dies nicht einfach ein Zusammentreffen war.
Dies war einer jener Augenblicke, in denen die Welt kurz innehielt, weil sie selbst spürte, dass mehrere ihrer Wege sich eben an genau dieser Stelle berührten.
Ende Teil 2



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