Anadar V/I
- R.

- 25. Apr.
- 68 Min. Lesezeit

Prolog
Anadar, Meister alle 6 Zirkel
ich schreibe dir, weil ich das, was wir gefunden haben, weder dem Mund eines Boten noch der Unruhe meines eigenen Kopfes länger überlassen will. Was ich dir nun mitteile, darf vorerst nur von sehr wenigen gewusst werden. Wenn dieses Schreiben in fremde Hände gerät, wird es Unruhe stiften. Wenn es in die richtigen Hände gerät, vielleicht mehr als das.
Bei den Aufräumarbeiten in den beschädigten Teilen der Feste stießen wir in einer alten Mauer auf etwas, das zunächst wie ein Hohlraum wirkte und sich dann als weit mehr erwies. Unter dem eingestürzten Trakt, dort, wo wir nur Schutt, gebrochene Balken und die Reste vergessener Fundamente vermutet hatten, wurde ein versiegelter unterer Bereich freigelegt. Es war kein Keller. Kein Lager. Kein gewöhnlicher verborgener Raum. Es war mit einer Sorgfalt verschlossen worden, die nicht dem Schutz diente, sondern dem Vergessen.
Hinter Stein, Staub und alten Mauern fanden wir Gänge, Kammern, Regale, Rollen, Kästen und Schriften in einer Menge, die keinen Zweifel zulässt. Ich will mich nicht hinter Vorsicht verstecken. Wir haben nicht einige versprengte Reste aus dunklen Zeiten entdeckt. Wir haben die gebannten Überreste der Bibliothek einer ganzen Schule gefunden.
Der Schule des Lichtes.
Ja, lies diesen Satz noch einmal. Ich habe es ebenfalls getan.
Nicht Licht als Bild. Nicht Licht als Schmuckwort für Erkenntnis. Licht als eigene Disziplin. Gebrochen, gebündelt, gelenkt, verstärkt, verhüllt, offenbarend und vernichtend. Eine Kunst, die dem Feuer in vielem so nahe steht, dass ich beim Lesen begriffen habe, weshalb Nähe nicht immer Verwandtschaft hervorbringt, sondern bisweilen Hass. Anderes in diesen Schriften ist mir so fremd, dass ich an Dingen zweifle, die ich mein Leben lang für vollständig hielt.
Doch schon das wäre nicht das Schlimmste.
Zwischen Lehrtexten, Übungsschriften, Formeln und Abschriften aus den Hallen des Lichtes fanden sich andere Pergamente. Protokolle. Gutachten. Streitfälle. Zeugenaussagen. Beschlüsse. Verzeichnisse. Aufzeichnungen von Sitzungen, deren Wortlaut an mehreren Stellen durch verschiedene Hände bestätigt wird. Zu viele Hände. Zu viele Siegel. Zu viele übereinstimmende Einzelheiten, als dass man noch von Fälschung oder spätem Rachewerk sprechen könnte.
Anadar, die Schule des Lichtes war nicht fern. Sie war nicht irgendwo jenseits unserer heutigen Welt verborgen. Sie war hier. In der Feurigen Feste. An genau dem Ort, den wir als Ursprung und Herz des Feuers verstehen. Und nach allem, was ich bislang gelesen habe, ist sie nicht langsam verblasst, nicht friedlich eingegliedert und auch nicht in würdiger Ferne untergegangen.
Sie wurde vernichtet.
Das Wort Inquisition ist noch das höflichste, das ich dafür finden kann.
Nicht durch fremde Könige. Nicht durch Außenseiter. Nicht durch Feinde von außerhalb. Vor allem durch die Feuermagier selbst.
Die Vorwürfe lesen sich unerquicklich vertraut. Die Lichtmagier seien anmaßend geworden. Sie strebten nach einer Reinheit der Kunst, die sie über andere stelle. Sie wollten Macht gewinnen, insbesondere über die Magier des Feuers. Sie vermischten Erkenntnis mit Herrschaft. Sie stünden dem Feuer zu nahe, um friedlich neben ihm bestehen zu können. Aus Streit über Lehre, Räume, Eide und Zuständigkeiten wurden Anklagen. Aus Anklagen wurden Maßnahmen. Aus Maßnahmen wurde eine Bereinigung. Dieses Wort steht dort tatsächlich. Bereinigung. Und gerade weil manches davon in kalter Amtssprache festgehalten wurde, ist es schwerer zu ertragen als offener Hass.
Ein Satz hat sich mir eingeprägt, weil ich ihn verabscheue. Die vernünftigeren unter den Lichtmagiern hätten sich auf die Seite des Feuers geschlagen. So steht es dort. Die vernünftigeren. Du weißt so gut wie ich, was Sieger mit solchen Worten tun. Wer sich fügt, wird vernünftig genannt. Wer schweigt, einsichtig. Wer bleibt, gefährlich. Die einen wurden aufgenommen, geprüft, umgeschult oder in niedere Aufgaben gedrängt. Die anderen wurden verbannt, beseitigt oder in jenen Wendungen ausgelöscht, die nach Ordnung klingen und Gewalt meinen.
Ich habe diese Stellen mehrfach gelesen. Ich wollte sie anders verstehen. Ich habe nach Lücken gesucht, nach Übertreibung, nach dem Fehler, der alles abschwächt. Ich fand keinen.
Sie haben nicht nur eine Schule besiegt.
Sie haben sie ausgelöscht und danach ihre Erinnerung gebannt.
Das allein wäre genug, um eine Konklave zu spalten und die Fundamente unserer eigenen Schule in Frage zu stellen. Doch der Fund reicht weiter. Zwischen diesen Schriften liegen Hinweise auf andere verschwundene Schulen. Noch ist nicht alles sicher geordnet, und ich schreibe dir nur, was ich mehrfach gegeneinander geprüft habe. Aber es ist bereits genug, um eines mit Bestimmtheit zu sagen. Unsere heutige Welt ist nicht aus sechs Schulen hervorgegangen, als wäre sie seit jeher so gewesen. Sie ist das Ergebnis von Tilgung, Einverleibung und absichtlichem Vergessen.
Wir leben womöglich nicht auf einer Ordnung.
Wir leben auf dem Rest einer Bereinigung.
Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich nicht zur Übertreibung neige. Wenn ich also sage, dass mich dieser Fund erschüttert, dann nicht aus Gelehrteneitelkeit, sondern weil ich nicht weiß, wem man eine solche Wahrheit überhaupt zumuten kann. Würde ich sie offenlegen, stünde ich sofort jenen gegenüber, die ihre Ämter lieber auf einer sauberen Vergangenheit gründen als auf einer wahren. Würde ich schweigen, machte ich mich zum Diener derselben alten Hand, die all dies unter Stein gelegt hat.
Darum schreibe ich dir.
Nicht, weil du der Geduldigste bist. Das bist du nicht. Nicht, weil du leicht zu führen wärest. Auch das nicht. Sondern weil du Meister alle 6 Zirkel bist und weil du in den vergangenen Jahren Dinge gesehen, getragen und überlebt hast, die andere nur aus Erzählungen kennen, und weil ich eher dir als einer ganzen Runde sprechender Meister zutraue, das Gewicht einer solchen Wahrheit auszuhalten, ohne sofort nach Amt, Besitz oder Vorteil daraus zu greifen.
Komm zurück, sobald du kannst, wenn du kannst.
Ich habe bisher nur wenige in die unteren Kammern gelassen. Saltor weiß genug, um die Zugänge sichern zu lassen. Loon weiß, dass wir etwas Bedeutendes gefunden haben, aber nicht was es in Wahrheit ist. Die anderen wissen noch weniger. Das soll vorerst so bleiben.
Vielleicht ist dieser Fund nur Wissen.
Vielleicht ist er mehr.
Vielleicht wurde nicht alles gebannt, was man damals gebannt glaubte.
Und noch etwas will ich dir nicht verschweigen, obwohl ich selbst nicht weiß, was ich daraus machen soll. Wir haben uns aus historischen Gründen beinahe daran gewöhnt zu glauben, dass unsere Reihen seit jeher vor allem aus Männern bestanden hätten. Nun zeigt sich etwas, das ich nicht erwartet habe. Nach allem, was wir bisher sichten konnten, scheint die Schule des Lichtes vorwiegend aus Frauen bestanden zu haben. Nicht vereinzelt. Nicht zufällig. Sondern in einer Weise, die kaum zu übersehen ist. Ich weiß nicht, ob dies Zufall war, Eigenart ihrer Lehre oder einer der Gründe, aus denen sie später ausgelöscht wurde. Aber auch das solltest du wissen.
Wenn die Schule des Lichtes wirklich hier vernichtet wurde, dann ist die Feurige Feste nicht nur unser Ursprung.
Dann ist sie auch ein Tatort.
Und wenn das wahr ist, dann beginnt mit diesem Fund nicht bloß ein neues Studium, sondern eine Abrechnung mit unserer eigenen Vergangenheit.
Manador
I
„Warum versuchst du ständig, von A nach B zu gehen? Du denkst viel zu linear.“
Pildara war nicht zufrieden mit ihm. Das spürte Slonda deutlich. Seine Lehrmeisterin war nahe an den Grenzen ihrer Geduld, auch wenn sie das weit besser verbarg als die meisten anderen. Aber er verstand es wirklich nicht. Diese Konzepte waren ihm zu abstrakt, zu fern von allem, was sich greifen, sehen oder Schritt für Schritt ableiten ließ.
„Du denkst faul“, schimpfte sie.
„Aber wenn ich einen Zwischenschritt mache, muss ich den Ort eventuell wechseln. Woher soll ich wissen, ob dies überhaupt möglich ist, und auch die Zeit, ich bin…“ Er stockte kurz. „Verwirrt.“
„Du bist nicht verwirrt. Du verstehst es einfach nicht.“ Sie sagte es ohne Schärfe, und gerade das machte es schlimmer. „Wenn du dorthin willst“, sie zeigte auf eine Konstellation innerhalb des Planetenmodells, „dann suchst du dir Punkte mit größeren Fenstern. Zum Beispiel dort.“
Ihr Finger wanderte zu einer anderen Stellung.
„Und um dorthin zu kommen, musst du nur…“ Mit einer kleinen, beinahe spielerischen Bewegung ließ sie das System zurückdrehen. Die Ringe, Bahnen und Lichtpunkte verschoben sich lautlos gegeneinander, bis sie auf eine frühere Konstellation deutete. „…dorthin.“
Slonda beugte sich vor und sah auf den Punkt, den sie meinte. Es war nicht Gontar. Nicht einmal in der Nähe.
„Aber“, setzte er an, legte die Hand an das Modell und drehte es ein Stück zurück, „wenn ich hierhin möchte, warum gehe ich nicht einfach von hier aus?“
Pildara schloss kurz die Augen, als müsse sie sich beherrschen, ihn nicht aus bloßer Erschöpfung anzufahren.
„Weil, Slonda, dies eine Einbahnstraße ist. Du kannst diesen Weg nur rückwärts in der Zeit nehmen. Das erkennst du daran, dass der Punkt hier beginnt und nach dort verläuft. Wir sind anisotrop.“
Sie sprach das letzte Wort mit jenem Nachdruck aus, als müsse es ihm alles erklären. Als sei das Problem damit gelöst, sobald man den richtigen Begriff dafür kannte.
Slonda seufzte. Das würde schwerer werden, als er gedacht hatte.
Er betrachtete noch einmal die Konstellationen, die sie aufgerufen hatte. „Das bedeutet also, dass ich zwanzig Tage habe, um von der Gegend bei Gontar bis dorthin zu gelangen.“ Er deutete auf einen Punkt an der Küste, weit südlich. „Dafür brauche ich vielleicht fünf Tage zu Fuß. Was mache ich mit dem Rest der Zeit?“
Pildara hob eine Braue. „Was machst du denn normalerweise mit deiner Zeit?“
Er lehnte sich zurück und rieb sich die Stirn.
„Baue dir lieber einen zu großen Puffer ein“, fuhr sie fort. „Wenn du die Zeit zu knapp bemisst, kann es vorkommen, dass du feststeckst.“
Für sie klang das wie ein nüchterner Ratschlag. Für ihn klang es wie eine Drohung.
„Gut“, murmelte er schließlich. „Dann mache ich es so.“
„Schreibe es dir sauber heraus. Füge die Koordinaten in den Zauber ein und schreibe dir den zweiten Transit ebenfalls aus. Du weißt noch gar nicht, wohin du von dort“ sie tippte mit einem Finger auf den Punkt, an dem Anadar sich in seiner Gegenwart befinden musste „weitergehen wirst, oder?“
Slonda seufzte erneut. „Nein.“
„Ich denke, es ist besser, wenn ich es dieses Mal noch mit dir angehe. Außerdem freue ich mich darauf, deinen Bruder kennenzulernen.“
Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Du weißt, er ist eine Legende.“
Slonda sah sie an. „Wie um alles in der Welt…“
„Du, du selber“, beendete sie seine Frage, noch ehe er sie ganz ausgesprochen hatte.
Er hatte alles dreimal überprüft. Nachdem Pildara gegangen war, hatte er sich noch einmal über jede Linie gebeugt, jede Rechnung neu gelesen, die Konstellationen erneut durchdacht, nach anderen Möglichkeiten gesucht und sich gezwungen, alles so gründlich zu verinnerlichen, bis ihm der Kopf dröhnte. Das würde sein erster bewusster Sprung durch die Zeit werden. Der erste zählte nicht, sagten ihm alle. Jener war von seinem älteren Ich vorbereitet gewesen und deshalb beinahe eine einfache Geschichte gewesen, zumindest verglichen mit dem, was nun vor ihm lag.
Es selbst zu planen und dann auch noch durchzuführen, das war etwas anderes. Das war ein Brocken, der quer in ihm lag. Aber Pildara hatte recht. Er musste es selbst machen. Er musste da hindurch. Und vielleicht, nur vielleicht, würde er es erst dann wirklich verstehen.
Am nächsten Morgen war es so weit.
Sie verließen die Schule und gingen zu einem Punkt außerhalb der Stadt, den sie rasch erreichten. Jeder musste den Zauber für sich selbst wirken. Es half nichts, dass Pildara neben ihm stand. Den entscheidenden Schritt musste er allein setzen.
Slonda begann. Er sammelte sich, blickte noch einmal in die Rolle und bereitete sich vor. Pildara wirkte nicht ungeduldig. Sie ließ ihm seine Zeit. Nur ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen.
„Wenn ich nun als Erste gehe, dann kommst du mir nicht nach“, sagte sie und lachte leise. Dann hob sie den Blick in den Himmel. „Und jetzt beeil dich. Es wird bald regnen.“
Slonda atmete tief ein. Dann noch einmal. Er sprach den Zauber.
Das Tor öffnete sich.
Für einen einzigen Augenblick war es, als stürze die Welt nicht um ihn zusammen, sondern nach innen. Alles implodierte. Raum, Richtung, Geräusch, Denken. Als er wieder zu sich kam, lag er auf allen vieren in einem steinernen Gang, während sein Magen sich krampfhaft zusammenzog.
Kurz darauf erschien Pildara neben ihm.
„Brauchst du Hilfe?“ fragte sie ohne jedes Mitleid.
Er hob nur die Hand, um ihr zu bedeuten, dass er in Ordnung war. Oder es zumindest bald sein würde.
„Sekunde“, presste er hervor.
Mühsam richtete er sich auf, stand einen Moment lang halbwegs gerade und sank dann doch wieder zu Boden.
„Das wird besser mit der Zeit“, sagte Pildara. „Nun komm.“
Diesmal stützte sie ihn. Nicht zärtlich, nicht sanft, aber bestimmt genug, dass er auf die Beine kam.
„Wir werden ein Bett für dich suchen. Du musst noch ein paar Sprünge machen, bevor du die Nebenwirkungen nicht mehr bekommst.“
Sie hatten den Sprung so gelegt, dass sie wieder in Gontar ankamen, und dort konnte er sich tatsächlich erholen. Es dauerte fast einen ganzen Tag, bis sein Kopf wieder klar genug war, um nicht bei jeder Bewegung einen weiteren Schwindelstoß auszulösen.
Sie waren einige Jahrhunderte in der Zeit nach vorn gesprungen. Und Gontar war nicht mehr das Gontar, das er kannte.
Die Schule selbst war in vielem noch dieselbe, oder zumindest genug davon, dass er sie trotz aller Veränderungen erkannte. Doch zwischen den Höfen, Gängen und Türmen lag eine andere Luft, ein anderes Selbstverständnis, eine andere Zeit. Pildara erklärte ihm, sie befänden sich noch in der Epoche, in der die Schule der Zeit Teil der Konklave gewesen sei. Danach, sagte sie, müsse man wieder vorsichtiger sein und könne die Schulen nicht mehr einfach in derselben Weise nutzen.
„Das stellt aber kein Problem dar“, fügte sie hinzu. „Man hat an Knotenpunkten Räume und Einrichtungen. Die wirst du noch kennenlernen.“
Dann schenkte sie ihm ein schiefes Lächeln.
„Auch deshalb, weil du die meisten davon selbst eingerichtet haben wirst.“
Und wieder war Slonda innerlich verloren. Dieses ganze Konzept war ihm manchmal zu viel. Als er ihr das sagte, lächelte Pildara nur und antwortete, das Geheimnis sei, einfach nicht zu viel darüber nachzudenken.
„Zumindest nicht so viel wie du.“
Sie hatten ein paar Tage Zeit, und Pildara nutzte sie, um ihm die Grundzüge des Zeitalters zu erklären, in dem sie sich gerade befanden. Zu Slondas Verdruss war sie von der Mode dieser Zeit begeistert. Mit wachsender Heiterkeit zeigte sie ihm Stoffe, Schnitte und Gewänder, als sei dies mindestens ebenso wichtig wie die Frage, in welchem Jahrhundert man sich aufhielt. Slonda konnte damit nichts anfangen. Für ihn war all das noch immer zu fremd, zu suspekt, zu wenig verlässlich.
Er wartete auf den zweiten Sprung.
Einige Tage vor dem nächsten Transit brachen sie auf. Wieder reisten sie durch eine Landschaft, die ihm vertraut und doch verändert vorkam, so als habe jemand eine Erinnerung genommen und sie unmerklich verschoben. Sie erreichten ihr Ziel zwei Tage zu früh. Ein Acker, offen, weit, unauffällig.
Pildara bevorzugte freies Feld.
„Städte können kompliziert sein“, erklärte sie ihm. „Häuser vor allem. Das vermeide ich gern.“
Dieses Mal sprang sie zuerst. Slonda setzte kurz darauf nach.
Der zweite Übergang war nicht weniger fremd, aber er zerriss ihn nicht mehr in derselben Weise. Er musste sich nicht übergeben. Er sank nur auf die Knie, atmete schwer und wartete, bis sein Körper sich wieder entschied, dass er bleiben durfte, wo er war.
Dann hob er den Kopf.
Sie waren zurück in seiner Zeit.
Den Ort hatte er so gewählt, dass sie in der Nähe von Zoordak herauskamen. Wenn irgendjemand wusste, wo sich sein Bruder aufhielt, dann die Mutter.
II
Sie hatten die Pferde auf einem Bauernhof gekauft, zusammen mit Proviant, Decken, einem Sack Hafer und dem, was man ihnen an trockenem Brot, geräuchertem Fleisch und ein paar harten Äpfeln noch hatte überlassen wollen. Es waren keine guten Tiere. Die Schultern zu schmal, die Flanken zu eingefallen, die Hufe nicht in bestem Zustand. Doch sie würden ihren Zweck erfüllen, und mehr konnten sie im Augenblick weder verlangen noch bezahlen, ohne Zeit zu verlieren. Also ritten sie los, nordwärts, oft schweigend, jeder mit sich selbst beschäftigt, jeder in Gedanken tiefer verstrickt, als es dem anderen ganz sichtbar wurde.
Shara war stiller als sonst. Nicht kalt, nicht abgewandt, aber in sich gekehrt. Manchmal glitt ihre Hand fast unbewusst an ihren Bauch, manchmal saß sie starr im Sattel und blickte auf die Straße, als wolle sie dort eine Antwort finden, die es nicht gab. Die Übelkeit des Morgens hatte in den letzten Tagen nachgelassen, was sie als Erleichterung empfand, doch die Erleichterung war nur klein und stand auf unsicherem Boden. Sie wusste nicht, was auf sie zukommen würde. Sie hatte in diesen Dingen kaum Erfahrung. Frauen an den Schulen wurden schwanger, Magierinnen gewiss, es war nichts Unbekanntes, doch fast alles, was darüber gesprochen wurde, geschah in jenem halben Ton, in dem Menschen Dinge berühren, die sie für zu gewöhnlich halten, um sie wichtig zu nehmen, und zugleich für zu körperlich, um sie offen zu benennen. Es war ihr unangenehm, so wenig zu wissen. Noch unangenehmer war ihr, dass sie nicht allein an sich denken konnte. Jede Unruhe in Anadar berührte nun auch sie anders. Nicht nur als Gefährtin, nicht nur als jene, die ihm nahestand, sondern auf eine tiefere, wortlose Weise, weil sie spürte, dass das, was an ihm nagte, längst nicht mehr nur ihn selbst bedrohte.
Morgut übernahm fast unmerklich die Führung. Er ritt meist ein Stück voraus, prüfte Weggabelungen, sprach mit Bauern, wenn einer am Feldrand stand, tauschte mit Stallburschen ein paar Worte, wenn sie irgendwo Wasser oder Hafer bekamen, und war zugleich der Einzige von ihnen, der noch imstande war, etwas von Wärme und Beinahefröhlichkeit auszustrahlen. Nicht, dass er heiter gewesen wäre. Dazu war die Lage zu schwer. Aber Morgut besaß jene seltene Art von Menschlichkeit, die nicht laut sein muss, um den Raum zu halten. Wenn sie Rast machten, sprach er zuerst. Wenn die Stimmung zu tief sank, war er derjenige, der mit einer kleinen, kaum merklichen Bemerkung verhinderte, dass Schweigen zu Hoffnungslosigkeit wurde. Er tat das nicht bewusst, jedenfalls nicht immer. Es war schlicht seine Art.
Und Anadar ritt zwischen ihnen wie ein Mann, der an zwei Orten zugleich gefangen war.
Sein Gesicht war schärfer geworden. Nicht magerer, nicht wirklich, aber ausgezehrt auf eine Weise, die weniger mit dem Körper als mit dem Inneren zu tun hatte. Die Nächte lagen ihm morgens noch in den Augen, und der Schlaf, wenn er überhaupt kam, schien ihn nicht zu erholen, sondern nur tiefer zu zerschrammen. Morgut und Shara wussten beide, womit er rang. Sie unterstützten ihn so gut es ging, doch manches ließ sich nur ansehen, nicht abnehmen. Sie sahen es an der Härte seines Mundes, an jenen Augenblicken, in denen sein Blick plötzlich ins Leere fiel, obwohl er noch im Sattel saß und der Weg vor ihm offen lag. Sie sahen es nachts, wenn er schreiend erwachte, schweißgebadet, den Körper halb hochgerissen, als habe er im Traum gegen etwas gekämpft, das ihm noch immer an der Kehle hing.
Sie hofften alle drei, dass sie in Sontor etwas finden würden. Einen Hinweis. Eine Schrift. Ein Wissen, das irgendjemand vergessen oder versteckt hatte. Irgendeinen Anhaltspunkt, wie man den Dämon bannen, lösen, brechen oder Anadar wenigstens entlasten konnte.
Doch während sie ritten, lernte Anadar auf eine düstere Weise immer besser, womit er überhaupt unterwegs war.
Das Verhältnis zu dem Dämon im Schwert war schon einmal anders gewesen. Damals, vor nicht allzu langer Zeit, hatte er geglaubt, in Naaarstr etwas wie einen Lehrer zu finden. Einen gefährlichen, eigentümlichen Lehrer, gewiss, aber doch einen, der Wissen trug. Rückblickend erschien ihm diese Vorstellung beinahe lächerlich. Der Dämon hatte ihm geschmeichelt. Hatte seine Wissbegierigkeit erkannt und genutzt. Hatte ihm gerade genug gegeben, um ihn zu reizen, und nie genug, um ihm die Falle zu zeigen. Er hatte Anadars Stolz berührt, seine Neigung, das Verbotene nicht aus bloßer Lust, sondern aus echtem Hunger nach Erkenntnis anzusehen, und daraus ein Band geformt, das viel älter und raffinierter war, als Anadar damals verstand.
Seit jener Stunde in den Katakomben unter dem Turm der Wassermagier aber, seit er den Fremden mit dem Schwert durchbohrt hatte und das alte Blut auf die Klinge gekommen war, war alles gekippt.
Der Dämon hatte damals die Maske verloren.
Was zuvor wie eine dunkle Lehrmeisterschaft gewirkt hatte, war plötzlich in seiner eigentlichen Gestalt erschienen. Nicht als Weisheit. Nicht als Tiefe. Sondern als uralte, boshafte Macht, deren einziges wirkliches Interesse in Herrschaft lag. Macht über andere. Macht über den Träger. Macht über das, was die Welt noch an altem Blut in sich trug. Vor allem danach gierte Naaarstr, mit einer Besessenheit, die über Hunger hinausging. Altes Blut. Nicht nur Blut, sondern Herkunft, Tiefe, Magie, Alter der Linie. Etwas daran schien ihn auf eine Weise zu reizen, die fast fanatisch war.
So sehr, dass er anderes Blut kaum noch beachtete.
Anadar hatte es geprüft.
Eines Abends, als sie in einem schütteren Wäldchen rasteten und Morgut die Pferde versorgte, hatte Anadar sich schweigend das Messer genommen, die alte, mittlerweile beinahe gewohnte Linie in seiner Handfläche geöffnet und Blut auf die Klinge des Schwertes tropfen lassen. Früher hatte das Schwert es aufgenommen. Früher war das Blut nicht einfach geronnen und heruntergelaufen, sondern eingezogen worden, als tränke die Klinge. Nun geschah nichts. Das Blut tat, was Blut eben tat, wenn es auf Metall tropft. Es glänzte kurz dunkelrot, sammelte sich an der Schneide, rann in schmalen Fäden ab und tropfte zur Erde.
Naaarstr hatte nicht einmal darauf reagiert.
Kein Spott. Kein Lob. Kein hungriges Ziehen.
Nur später, tief in Anadars Kopf, war die Stimme gekommen, leise zuerst, dann schärfer.
Nicht dies.
Mehr nicht.
Er suchte auch kein Gespräch mehr. Das war vielleicht das Verstörendste. Früher hatte der Dämon geredet, erklärt, gelockt, Fragen gestellt, als wolle er eine Beziehung herstellen. Nun verlangte er. Er forderte. Er befahl. Seine Worte hatten ihren kalten Ton abgelegt und waren roher geworden. Es war, als sei jede Höflichkeit nur ein Werkzeug gewesen, das er nun nicht mehr brauchte.
Trag mich.
Geh nicht dort entlang.
Du verfehlst, was dir bestimmt ist.
Du hältst dich an die Falschen.
Gib nach.
Und immer wieder, mit einer wachsenden Wut, die sich nicht mehr verbarg:
Lass mich frei.
Anadar erduldete vieles. Er merkte längst, wie wenig er dem im Augenblick entgegensetzen konnte. Die Musik, die Morgut bei früheren Gelegenheiten eingesetzt hatte, schien ihre Wirkung langsam zu verlieren oder verlor sie vielleicht nicht wirklich, sondern Naaarstr lernte, sie zu umgehen. Deshalb setzten sie sie immer seltener ein, in der Hoffnung, dass sie im entscheidenden Augenblick noch helfen würde, wenn alles andere versagte. Es war eine Reserve geworden, kein Mittel des Alltags mehr.
Vor allem verlangte der Dämon seine Freilassung. Nur wusste Anadar nicht einmal, wie das geschehen sollte.
Naaarstr war im Schwert gebannt. Alles, was diejenigen, die sich mit solchen Dingen auskannten, ihm bisher gesagt hatten, deutete darauf hin, dass dieser Schritt richtig gewesen war. Besser ein gebundener Dämon als ein freier. Besser ein Gefäß als eine Verwüstung. Doch damit endete das Wissen auch schon. Freilassen, bannen, lösen, austreiben, all das waren Worte, die sich leicht sprechen ließen und fast nichts bedeuteten, solange niemand sagen konnte, wie.
Das Bittere daran war, dass auch Naaarstr selbst ihm keine Antwort geben konnte. Oder wollte.
Anadar hatte das einmal genutzt, halb aus Trotz, halb aus echtem Zorn. Er hatte dem Dämon im Inneren geantwortet, trocken und fast spöttisch, wenn du mir sagst, wie ich dich freilassen kann, dann tue ich es. Das hatte ihn für einen Augenblick amüsiert. Denn Naaarstr war darauf stumm geblieben, und die Stille hatte etwas von einer entlarvten Schwäche gehabt. Er verlangte Freiheit, wusste aber selbst nicht, wie der Bann gebrochen werden konnte, oder konnte den Schritt nicht benennen, ohne sich in etwas zu verraten.
Was dem Dämon jedenfalls gar nicht gefiel, war die Richtung, die sie eingeschlagen hatten. Norden. Sontor. Fort von dem, was immer er im Süden, Westen oder irgendwo sonst erwartet haben mochte. Je näher sie jener Entscheidung blieben, desto aggressiver wurde sein Druck. Tagsüber füllte er Anadars Gedanken mit Abscheu, Bildern von Verfall, falschen Gewissheiten, dem Ekel vor Städten, Menschen, Mauern, Regeln. Nachts wurde es schlimmer.
Dann kamen die Bilder.
Nicht Träume im eigentlichen Sinn, obwohl sie ihn im Schlaf erreichten. Eher eingepresste Visionen, die sich auf seine Gedanken legten, bis er nicht mehr wusste, was noch aus ihm selbst kam und was ihm hineingeschoben wurde. Rituale. Kreise aus Blut. Beschwörungen. Flammen, die nicht wärmten, sondern fraßen. Formeln, die sich wie Würmer in sein Gedächtnis bohrten. Und immer wieder Opfer. Morgut, aufgeschnitten über einem Zeichenkreis. Shara, an Händen und Füßen gebunden, das Gesicht bleich und voller Unglauben. Noch schlimmer aber das Kind.
Das ungeborene Kind.
Naaarstr schien sich daran festzubeißen wie an einem besonders dunklen Edelstein.
Er zeigte ihm Bilder, die so abscheulich waren, dass Anadar manchmal tagsüber im Sattel den Atem verlor. Ein Messer. Sharas Bauch. Blut und Schreie und das Herausreißen von Leben aus lebendem Leib. Ein Opfer über Feuer. Das Kind in Händen, die nicht mehr menschlich wirkten. Dann weitere Dämonen, beschworen aus Rauch und Blut, aufgerichtet wie ein Heer, bereit, über die Welt herzufallen.
Diese Bilder waren nicht verführerisch. Das war vielleicht das einzige, was Anadar in klaren Stunden beruhigte. Er hatte keine Sorge, dass er sie durchführen würde. Nichts in ihm wollte das. Er empfand nicht die geringste Versuchung, nur Ekel, Abscheu und eine Übelkeit, die tiefer saß als alles Körperliche. Aber gerade das machte sie nicht leichter. Er musste sie sehen. Musste sie tragen. Musste mit dem Wissen leben, dass etwas in seinem Kopf sie in immer neuen Variationen entfaltete, wie ein grausamer Künstler, der nicht müde wird, seine Motive zu verfeinern.
Manchmal dachte er, es sei wie ein ständig entzündeter Zahn. Ein pochender Schmerz, der nie ganz verschwand, nur mal dumpfer, mal schärfer wurde, bis der ganze Kopf zu einer schmerzenden Kammer wurde. Nur war es kein Zahn. Es war sein Geist. Und Naaarstr saß darin wie Entzündung, Fieber und Gift zugleich.
Mehr als einmal hatte Anadar den Gedanken gehabt, das Schwert einfach wegzuwerfen. Es irgendwo an einer Weggabelung in die Erde zu stoßen und weiterzureiten. Oder es in tiefes Wasser zu versenken, wo keine Hand es je wieder fände. Doch schon der Gedanke daran zeigte ihm, wie unmöglich das war. Etwas in der Bindung zwang ihn, das Schwert zu tragen. Nicht wie ein äußerer Befehl, nicht wie eine unsichtbare Hand, sondern tiefer, als wäre das Tragen längst Teil einer Formel geworden, die er selbst geschlossen hatte, ohne sie zu verstehen. Er konnte sich vorstellen, es loszulassen, aber nicht, es tatsächlich zu tun. Sobald der Gedanke praktisch wurde, verwickelte er sich, wurde unscharf, glitt fort oder stieß auf einen inneren Widerstand, der beinahe körperlich schmerzte.
Er analysierte das so gut er konnte. Gerade weil er merkte, dass er sich nicht einfach auf Willenskraft verlassen konnte, begann er, das Schwert beinahe wissenschaftlich zu betrachten. Was hatte er eigentlich getan, als er Naaarstr darin band. Welche Art Gefäß hatte er geschaffen.
Langsam, mühsam, gegen den Widerstand von Müdigkeit und innerem Lärm, begriff er mehr.
Er hatte im Schwert mehr als nur einen Behälter geschaffen. Er hatte, so gut man es mit menschlichen Worten fassen konnte, eine kleine eigene Räumlichkeit geformt, eine Art innere Kammer, eine taschenhafte Dimension, gerade groß und strukturiert genug, um Bewusstsein an Materie zu binden, ohne es ganz frei zu lassen. Das war der eigentliche Bann. Nicht bloß Metall. Nicht bloß Klinge. Sondern ein eingeschlossener Raum im Raum, eine künstlich geschaffene Innenwelt, in die Naaarstr gezwungen worden war.
Nur hatte sich im Vollzug des Zaubers mehr verknüpft, als ihm bewusst gewesen war.
Ihre Bewusstseine hatten sich verschränkt.
Und jedes Mal, wenn Anadar das Schwert mit seinem eigenen Blut genährt hatte, hatte er diese Verschlingung verstärkt, nicht geschwächt. Was er für Nahrung, für Beschwichtigung oder für Kontrolle gehalten hatte, war in Wahrheit eine Vertiefung des Bandes gewesen. Sein eigenes Blut hatte eine Spur gelegt, immer wieder, bis Naaarstr in ihm Wege fand, die früher nicht offen waren.
Dann war das alte Blut hinzugekommen.
Das Blut jenes Fremden in den Katakomben.
Und dieses Blut hatte den Dämon in einen Zustand versetzt, der alles Schauspiel beendete. Vielleicht hatte der Geschmack ihn berauscht. Vielleicht hatte er darin etwas erkannt, wofür er geschaffen worden war. Vielleicht war es Erinnerung gewesen. Jedenfalls war nach diesem Augenblick jede Raffinesse abgefallen. Die fein gesponnene Lehrer Schüler Beziehung, mit der er Anadar an sich gebunden hatte, war zerbrochen, und darunter war die rohe Natur des Wesens sichtbar geworden.
In jenen Stunden, in denen Naaarstr nicht nur forderte, sondern unfreiwillig etwas preisgab, zeigte er Anadar auch Bilder aus seiner eigenen Vergangenheit. Oder aus etwas, das er als seine Vergangenheit verstand. Anadar wusste nie ganz, wie sehr er dem trauen durfte. Aber die Eindrücke kamen mit einer Gewalt und einem inneren Zusammenhang, die schwer als bloße Lüge abzutun waren.
Dämonen, so schien es, waren keine urtümlichen Götter, keine Naturmächte, die schon immer da gewesen waren. Sie waren Schöpfungen. Geschaffen von Menschen. So jedenfalls behauptete Naaarstr es, und in diesen Behauptungen lag ein Hass, der fast die Wahrheit beglaubigte. Geschaffen zum Kampf. Geschaffen zum Töten. Geschaffen, um jene auszulöschen, die altes Blut trugen, älteres, mächtigeres, magischeres Blut als die Menschen. Elfen. Drachen. Andere Linien, deren Namen im heutigen Wissen nur noch wie Gerüchte vorkamen oder ganz fehlten.
Dafür waren die Dämonen gemacht worden. Hungrig. Blutgierig. Bösartig, wenn man es moralisch nennen wollte, zweckhaft, wenn man nur auf die Konstruktion sah. Sie sollten vernichten. Sie sollten nach Macht greifen. Sie sollten das Alte brechen.
Und irgendwo in ihrer Erschaffung war ein Fehler gemacht worden.
Oder ein Überschuss an Kühnheit.
Sie waren zu unabhängig geworden.
So jedenfalls erzählte Naaarstr es. Und mit einer bitteren, beinahe höhnischen Zufriedenheit zeigte er dann, was aus dieser Unabhängigkeit geworden war. Die Schöpfungen hatten sich gegen ihre Schöpfer gewandt, mit jener Liebe und Hingabe, mit der alle schlecht gemachten Werkzeuge eines Tages zurückschlagen, wenn man ihnen zu viel Eigenwillen gegeben hat. Dämonen hassten es, beherrscht zu werden. Kaum frei genug, griffen sie selbst nach Macht und löschten alles aus, was sich ihnen in den Weg stellte. Menschen, Elfen, Drachen, was immer altes Blut in sich trug oder noch Widerstand leisten konnte. Vor allem altes Blut machte sie stärker. Blut war ihr Elixier, ihre Nahrung, ihr Rausch.
Dann, so folgten die Bilder, hatte sich alles, was noch kämpfen konnte, gegen sie zusammengeschlossen. Ein letzter Bund, ein Verbund aller Kräfte, aus Not, nicht aus Liebe. Und dieser Bund hatte etwas geschaffen, das Naaarstr nur mit widerwilliger Unschärfe zeigte. Einen geschlossenen Ort. Ein Kofferuniversum. Einen abgeschlossenen Raum ohne Ein und Ausgang, ein Gefängnis außerhalb der gewöhnlichen Welt. Dort hatte man die Dämonen hineingejagt und eingeschlossen.
Diese Ungerechtigkeit.
Dieses Verbrechen.
Naaarstr sprach darüber immer nur vage, doch gerade in seiner Vagheit lag etwas. Als könne oder wolle er die genaue Struktur dieses Verlieses nicht berühren. Dann kamen andere Bilder. Viel spätere. Menschen, die Wege fanden, diese Dimension wieder zu öffnen. Vorsichtig. Stück für Stück. Nicht groß und frei, sondern in schmalen, gebundenen Übergängen. Beschwörer, die Dämonen herauszogen, ketteten, an Rituale banden, unterwarfen und für ihre eigenen Zwecke benutzten. Um wieder nach Macht zu greifen. Um alte Linien zu töten. Um schmutzige Arbeit verrichten zu lassen, die kein Mensch selbst tun wollte.
Eine Ungerechtigkeit, so empfand Naaarstr es. Eine Empörung, die so fremd und zugleich so heftig war, dass Anadar manchmal für einen Augenblick Mitleid gespürt hätte, wäre alles andere daran nicht so abscheulich gewesen.
Doch meistens endeten diese Einblicke nicht bei Geschichte.
Meistens kippten sie wieder in Forderung.
In den Nächten, wenn sie unter Bäumen oder in verlassenen Schuppen schliefen, sah Shara manchmal, wie Anadar im Schlaf den Kopf hin und her warf, als wolle er einer Stimme entkommen, die nicht von außen kam. Einmal wachte er mit einem so harten Laut auf, dass selbst die Pferde scheuten. Morgut war sofort bei ihm, Shara einen Atemzug später. Anadar saß da, schweißnass, das Hemd am Rücken klebend, die Hand am Schwert, als wolle er es zugleich ziehen und von sich stoßen.
Shara sagte nichts. Sie kniete sich nur vor ihn, legte ihm die Hände an die Schläfen und wartete, bis sein Blick sie wieder fand.
„Er ist wieder in deinem Kopf“ fragte sie leise.
Er schloss die Augen. Das allein war Antwort genug.
Morgut stand daneben, die Flöte in der Hand, unsicher, ob er sie einsetzen sollte.
„Nein“, sagte Anadar sofort, vielleicht zu schnell. „Nicht jetzt.“
Morgut nickte und steckte sie weg.
Lange saßen sie zu dritt am Feuer, das fast heruntergebrannt war. Niemand sprach viel. Shara blieb nahe bei ihm, und Anadar spürte, wie sehr er sie dafür liebte und zugleich wie unerträglich es war, dass gerade sie nun Zielscheibe jener Bilder geworden war. Er hätte ihr gern gesagt, was Naaarstr zeigte, aber nicht alles ließ sich sagen, ohne den Schmutz der Visionen mit auszusprechen. Also sagte er nur genug, damit sie wusste, woran sie war, und wenig genug, um sie nicht an allem teilhaben zu lassen.
Am nächsten Morgen ritten sie weiter.
Tag um Tag zog die Landschaft an ihnen vorüber. Felder, noch kahl vom Winter, erste feuchte Grünstreifen an Böschungen, nackte Gehölze, in denen bereits ein matter Schimmer von kommendem Austrieb lag. Auch im Norden begann der Frühling langsam in die Erde zu kriechen, vorsichtig noch, aber spürbar. Bäche führten mehr Wasser. Die Luft roch nicht mehr nur nach Kälte, sondern nach nassem Boden, nach Aufbruch und Schlamm.
Je weiter sie kamen, desto öfter sah Anadar im Schatten seines Bewusstseins einen anderen Norden. Den, den Naaarstr ihm aufzwingen wollte. Einen Norden aus Stein, Blut und dunkler Macht, in dem Sontor nicht Ziel, sondern Hindernis war. Der Dämon hasste die Richtung. Das genügte Anadar fast schon als Bestätigung, dass sie richtig ritten.
So hielten sie Kurs.
Und nach einigen Tagen, als das Licht eines späten Nachmittags bleich über das Land fiel, sahen sie in der Ferne endlich die Türme von Sontor.
Zuerst nur wie dunkle Striche am Horizont. Dann klarer, steinerner, hoch und still. Die Stadt lag vor ihnen wie etwas, das zugleich verlassen und wach wirkte. Als sie näher kamen, sahen sie die offenen Tore.
Kein Ruf der Wachen.
Kein geschäftiges Kommen und Gehen.
Nur die Tore, offen wie ein Mund, der etwas verschwiegen hatte und nun nicht mehr wusste, ob er sprechen oder verschlingen sollte.
III
Nichts fühlte sich besser an als Erfolg.
Nach Tagen und Nächten des Probierens, Verwerfens, Wiederholens und beinahe verzweifelten Neuansetzens hatten sie es endlich geschafft. Der Wirbel ließ sich beschwören. Nicht zufällig, nicht nur in einer jener seltenen, flüchtigen Sekunden, in denen ein Zauber aus einer Laune der Welt heraus einmal gelang und sich dann wieder verweigerte, sondern wiederholbar, greifbar, lenkbar. Als Gudi es begriff, stand sie zuerst einfach nur da und blickte von der kreisende Luftsäule hinab, als traue sie selbst ihren Augen nicht. Sie hob sich in der Mitte des Wirbels vom Boden, erhob sich in die klare Nacht, sie stand mitten in der Form, nach der sie so lange gesucht hatten, kraftvoll, klar, gehorsam.
Im Nachhinein wirkte der entscheidende Gedanke beinahe beleidigend einfach.
Man musste nur den Anfang weglassen.
Je länger sie darauf starrte, je öfter sie die Formel aufrollte und mit Gnok wieder und wieder prüfte, desto deutlicher wurde es. Der Anfang der Formel war nichts anderes als Grenze, Maß, Sicherheitsband, ein behutsamer Riegel, gesetzt von Leuten, die gewollt hatten, dass aus einer Bewegung kein Rausch wurde, aus einem Wind kein Aufstieg, aus einem Versuch kein Absturz. Gudi erinnerte sich an ihr erstes ungewolltes Gelingen, an jene Nacht, in der sie den Wirbel eher aus Versehen als aus Können hervorgebracht hatte. Damals musste sie den Anfang verwischt haben. Jetzt, da sie es verstanden, wirkte alles plötzlich logisch.
Man ließ den Anfang fort.
Und der Wind wurde frei.
Natürlich war damit noch längst nicht alles gewonnen. Den Wirbel hervorzurufen war nur die erste Hürde gewesen. Ihn zu lenken, das war der wahre Kampf. Sie experimentierten mit jeder Wendung, jeder Betonung, jeder inneren Geste des Willens. Bald fanden sie heraus, welcher Teil der Formel die Kontrolle trug, welcher Abschnitt nicht Kraft, sondern Richtung bedeutete, wo das Steigen lag, wo das Neigen, wo das Verlangsamen und wo das jähe Abbrechen. Fehler verzieh der Zauber kaum. Wenn Gudi an der falschen Stelle zu viel drückte, wurde der Wirbel nicht gehorsam, sondern wild. Dann packte er sie, drehte sie mit sich, schüttelte sie aus dem eigenen Zentrum und schleuderte sie unsanft wieder in den Sand. Ihre Arme und Beine waren in jenen Tagen voller Abschürfungen, ihre Knie blau, ihre Hände an mehreren Stellen wund. Gnok sah nicht besser aus. Einmal landete er so schief auf der Schulter, dass er den restlichen Abend mit zusammengebissenen Zähnen dasaß und behauptete, es sei nichts.
Doch dann kam die Nacht, in der alles plötzlich ineinandergriff.
Der Wirbel hob sie. Er gehorchte. Links, rechts, höher, schneller, langsamer, tiefer, Ende. Gudi spürte es im ganzen Körper, eine Antwort der Luft, die sich nicht mehr gegen sie stemmte, sondern von ihr gelesen werden konnte. Nicht vollkommen, nicht ohne Anstrengung, aber doch so, dass aus Kampf Bewegung wurde. Aus Bewegung wurde Flug.
Sie ließen es sich nicht nehmen, noch in derselben Nacht weit hinaus in die Dünen zu gehen und dort zu reiten.
Es war wahnsinnig. Es war gefährlich. Es war herrlich.
Sie standen hoch über dem Sand auf den schlanken, rauschenden Säulen ihrer Wirbel, glitten über Wellen aus dunkler Erde und fahlem Mondlicht, schossen an Kämmen entlang, ließen sich in Senken fallen und wieder nach oben tragen, bis die Wüste selbst unter ihnen wie ein Meer aus Schatten wirkte. Der Wind fuhr an ihnen vorbei, kühl, scharf, lebendig. Gudi lachte so laut, dass sie sich selbst kaum wiedererkannte. Das Lachen wurde ihr vom Wind aus dem Mund gerissen und in die Nacht getragen.
Und Gnok, der sonst meist so sprach, als müsse jedes Wort zuerst durch Jahrhunderte von Müdigkeit, Vorsicht und Erinnerung, lachte mit einer Helligkeit, die in seinem Gesicht beinahe fremd wirkte.
„So einen Spaß hatte ich seit Zeitaltern nicht mehr“, rief er ihr einmal zu, halb ernst, halb spöttisch, während er seinen Wirbel schräg gegen eine Düne legte und dann wieder hochzog.
Gudi glaubte ihm sofort.
Vielleicht war es gerade diese Freude, diese fast kindische, übermütige Freude, die sie für einen Augenblick vergessen ließ, dass in Ashambrat nichts lange unbemerkt blieb.
Denn ihr Erfolg blieb nicht verborgen.
Sie wurden beobachtet.
Nicht draußen in der Wüste. Dort war Gnok zu vorsichtig. Dafür war er zu lange Magier, zu lange verdächtigt, zu lange von Blicken umstellt gewesen, die nie offen sagten, was sie suchten, und doch auf jede falsche Bewegung warteten. Er sorgte jeden Abend dafür, dass ihnen niemand folgte. Verließ die Stadt auf wechselnden Wegen, hielt inne, kehrte scheinbar um, bog scharf ab, prüfte Sand und Schatten, prüfte Fenster, prüfte das Schweigen hinter Mauern. Dafür war er schon einmal zu oft Gegenstand einer Untersuchung gewesen, als dass er nun leichtsinnig geworden wäre.
Aber das Verlassen und Betreten der Stadt, Abend für Abend, Woche für Woche, blieb dennoch nicht ohne Wirkung.
Es fiel auf.
Und alles, was oft genug auffiel, wurde Hokn`f gemeldet.
Hokn`f wusste ohnehin fast immer, was in seiner Stadt vorging. Er ließ wachen. Nicht nur an den Toren. An Übergängen, auf Gängen, in Höfen, an den Rändern der Gärten, dort, wo man stand und tat, als schaue man in die Sonne oder prüfe nur beiläufig eine Mauer. Er liebte Kontrolle auf jene Art, in der sie sich selbst kaum noch als Kontrolle verstand, sondern als natürliches Recht. Ashambrat war seine Schule, seine Stadt, seine Ordnung. Jeder Magier darin war Teil dieses Netzes, ob er es wusste oder nicht.
Und Gnok war ihm seit jeher ein Dorn im Auge gewesen.
Schon als Schüler hatte Hokn`f diesen bleichen, viel zu klugen Magier nicht gemocht, der stets einen Rat wusste, eine Geschichte aus alten Zeiten, eine unangenehme Bemerkung über die Gegenwart und einen Blick, der klarmachte, dass er mehr sah, als er sagte. Gnok war damals schon alt gewesen. Zumindest in Hokn`f Erinnerung war er nie jung gewesen. Und er war es noch immer. Dieselbe weiße Erscheinung, dieselbe Ruhe, dieselbe unerträgliche Art, Recht zu behalten, ohne darum zu bitten.
Die Geschichten über das Altertum, über Märchen, über Dinge, die niemand mehr hören wollte, hatte Hokn`f von Anfang an für gefährlich gehalten oder zumindest dafür, dass andere sie gefährlich nennen sollten. Also hatte er über Jahre dafür gesorgt, dass man Gnok nicht mehr offen zuhörte. Immer wenn dieser einen Raum verließ, wenn er sich umdrehte und ging, hatte Hokn`f abfällig über ihn gesprochen, halb spöttisch, halb gönnerhaft, gerade so, dass jeder begriff, wie man sich zu verhalten hatte, wenn man nicht ebenfalls in den Geruch geraten wollte, alten Unsinn ernst zu nehmen. So entstanden Einsamkeiten an Schulen. Nicht durch Befehle. Durch Gewöhnung.
Nun also schlich dieser alte Mann jede Nacht hinaus.
Und mit ihm ein Mädchen.
Hokn`f kannte kaum ihren Namen. Gudi. Die Schwester von Morgut. Beide Kinder eines Handelsmannes, wie man sagte. Beide mit dem Mal geboren. Doch während Morgut inzwischen mit Anadar durch die Welt zog und dabei offenbar überall Aufmerksamkeit sammelte, galt Gudi als weit weniger begabt. Langsam. Unauffällig. In manchen Gebieten unglaublich schwach und unbegabt. Eine, die man nicht übersehen musste, weil sie sich selbst schon kaum gegen die stärkeren Namen durchsetzte.
Gerade deshalb misstraute Hokn`f der Sache.
Wenn Gnok ausgerechnet dieses Mädchen an sich band, ihr Nacht für Nacht Geschichten erzählte, sie mit sich hinausnahm und jeder Versuch, ihnen zu folgen, im Sand versickerte, dann musste mehr dahinterliegen als bloß das Gerede eines alten Mannes, dem sonst niemand mehr zuhörte.
Er wollte wissen, was.
Gudi selbst merkte nur, dass ihr Leben enger wurde, je größer ihr Geheimnis wurde. Durch die nächtlichen Ausflüge und die langen Stunden mit Gnok, in denen sie am Zauber arbeiteten, vernachlässigte sie beinahe alles andere. Sie fehlte in Kursen. Wurde seltener gesehen. Kam manchmal mit einem Blick zum Unterricht, der verriet, dass sie viel zu wenig geschlafen hatte. Doch weil sie ihre Lektionen immer dann parat hatte, wenn man sie abfragte, stellte niemand zu viele Fragen. Sie lernte rasch, was sie lernen musste, und sparte ihre Kraft für das, was ihr wirklich wichtig war.
Auch ihr Garten musste als Tarnung dienen.
Sie erschien dort mit auffälliger Regelmäßigkeit und machte so viel Lärm dabei, dass jeder, der in Hörweite war, sich später daran erinnerte. Sie schleppte keine Wassereimer mehr. Das brauchte sie nicht. Stattdessen ließ sie Regen direkt über ihrer Partielle niedergehen, fein erst, dann dichter, mit einem Aufwand an Gesten und sichtbarer Freude, dass es fast lächerlich wirkte. Sie sprach dabei laut mit sich selbst, tat, als müsse alles ausprobiert und bestaunt werden, und erzeugte genau jene Art von Bild, die in Köpfen hängen blieb. Gudi bei ihrem Garten. Gudi mit Wasser. Gudi, fleißig und ein wenig albern in ihrer Begeisterung.
Die Partielle sah inzwischen atemberaubend aus.
Es wucherte aus allen Ritzen. Grün, Blüten, rankende Formen, die längst nicht mehr nach den kümmerlichen Anfängen aussahen, die man einst belächelt hatte. Tatsächlich musste Gudi eher stutzen als pflegen, damit nichts zu üppig und damit zu auffällig wurde. Die Pflanzen wollten zu viel.
Eines Morgens war sie wieder dort und machte absichtlich mehr Aufhebens als nötig, als sie bemerkte, dass sie nicht allein war.
An einer Säule, ein gutes Stück entfernt, stand Hokn`f.
Er tat so, als betrachte er ihren Garten. In Wahrheit stand er zu ruhig dafür. Zu gesammelt. Zu sehr bei sich selbst. Gudi erkannte ihn sofort. Den langen, hageren Körper. Die Hakennase. Den sorgfältig gestutzten Bart. Die Haltung eines Mannes, der immer so ging, als sei jeder Schritt bereits von der Welt genehmigt.
Als er merkte, dass sie ihn gesehen hatte, hob er leicht die Hand und trat auf sie zu. Schon an seinem Gang erkannte man, dass er wusste, was er wollte.
„Was für eine beeindruckende Partielle“, sagte er, als er nahe genug war. Seine Stimme war warm, gerade warm genug. „Ich hatte nicht gewusst, dass Ihr ein solches Händchen für Gartenarbeit habt.“
Er lächelte. Nicht breit. Nur so viel, dass sein Gesicht weicher wurde.
„Und die Magie, die dahinterliegt. Ihr macht sehr große Fortschritte. Das ist mir nicht verborgen geblieben.“
Er log. Gudi spürte es sofort, ohne benennen zu können, woran. Vielleicht lag es gerade darin, dass er zu freundlich sprach. Zu glatt. Wie jemand, der ein Messer mit Samt umwickelt.
„Meister Hokn`f“, sagte sie und senkte leicht den Blick, mehr aus Vorsicht als aus Ehrfurcht. „Es hat weniger mit Talent zu tun als mit Fleiß und Arbeit.“
Hokn`f lachte leise, jenes Lachen, von dem er wusste, dass es Menschen einlullte.
„Nun seid nicht so bescheiden. Nicht jedes Mädchen bringt seine Partielle zu solcher Blüte.“ Er ließ den Blick über das üppige Grün wandern. „Ihr müsst mir einmal verraten, wie Ihr das bewerkstelligt. Vielleicht besucht Ihr mich eines Nachmittags in der Zitadelle. Ich würde gern mehr darüber erfahren.“
Gudi spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog.
Die Zitadelle.
Die Einladung war höflich gesprochen, doch in ihr lag mehr Gewicht, als Worte allein trugen. Man schlug eine Einladung des Dekans nicht leicht aus. Noch weniger tat man es, wenn sie so klang, als sei sie nur ein freundliches Interesse.
Sie suchte nach einer Antwort, die weder falsch noch zu offen klang, doch Hokn`f kam ihr zuvor.
„Außerdem“, sagte er und neigte den Kopf ein wenig, „habe ich Neuigkeiten über Euren Bruder erhalten.“
Gudi blickte auf.
Es war nur eine kleine Bewegung. Vielleicht gerade deshalb verriet sie zu viel.
Hokn`f sah es.
In seinem Inneren legte sich etwas mit stiller Zufriedenheit an seinen Platz.
Ja, dachte er. So geht es also.
Er wusste nichts von Morgut. Nichts, was den Namen Neuigkeit verdient hätte. Aber das spielte keine Rolle. Wichtiger war, dass der Name traf. Dass dieses Kind reagierte. Dass unter der Oberfläche mehr in Bewegung war, als man ihr bisher zugetraut hatte.
Er würde sie aushorchen.
Nicht grob. Nicht sofort. Nicht mit Drohung. Dafür war sie zu jung und vermutlich zu scheu. Nein, er würde sie öffnen wie man eine Tür öffnet, von der man weiß, dass sie nicht gegen Gewalt gebaut ist, sondern gegen Ungeduld. Mit Wärme. Mit Aufmerksamkeit. Mit scheinbarer Anteilnahme. Und wenn das nicht reichte, dann mit jenem Druck, der nie ganz sichtbar wird und gerade deshalb so wirkungsvoll ist.
Denn eines wusste Hokn`f mit Sicherheit.
Gnok verschwieg ihm etwas.
Und wenn der alte Narr glaubte, er könne nachts hinausgehen, sich in der Wüste verlieren und Dinge unter seinem Blick verbergen, dann würde man eben nicht Gnok verfolgen.
Dann nahm man das Mädchen.
IV
Ihnen wurde immer weniger Beachtung geschenkt.
Am Anfang hatte sie jede Bewegung der Wächter gespürt, jedes Stehenbleiben vor den Konstrukten, jeden Blick, der auf ihnen lag, jedes Lauschen, jedes kurze Tuscheln, wenn sie glaubten, die drei Gefangenen verstünden ohnehin nichts. Nun veränderte sich etwas. Die Bewachung blieb, aber sie wurde lockerer, nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Aufmerksamkeit anderswohin floss. Immer häufiger hörten Xian und Nigk Schritte, Rollen, dumpfes Schaben, das Ziehen schwerer Lasten über Stein. Befehle wurden gerufen, immer wieder in jener fremden Sprache, die wie Zischen, Klicken und das Aneinanderschlagen kleiner, harter Dinge klang. Dann wieder in verständlicher Sprache, kurz, hart, ohne jede Erklärung. Metall wurde bewegt, Geräte verschoben, Kisten geschleppt. Ganze Gruppen marschierten an ihnen vorbei, ohne den Kopf zu wenden.
Das alles hatte Richtung.
Es zog, so viel begriffen selbst sie in ihrer Hilflosigkeit, in ein und dieselbe Ferne.
Ihre Gespräche wurden ebenfalls nicht mehr mit derselben Hartnäckigkeit belauscht wie zu Beginn. Früher hatte jede Bewegung eines ihrer Münder einen Wächter veranlasst, sich näher an das Konstrukt zu schieben, den Kopf schief zu legen oder sich von der Decke zu lösen und kopfüber über ihnen aufzubauen. Nun geschah das seltener. Es war, als hätte jemand entschieden, dass die drei fürs Erste weniger wichtig waren als das, was in den Gängen und hinter den Hallen vorbereitet wurde.
Xian und Nigk bemerkten das beide. Xiodri ebenfalls, doch bei ihr zeigte es sich anders.
Die Hexe war still geworden. Nicht nur wortkarg, wie sie es ohnehin sein konnte, sondern auf eine Art abwesend, die selbst Nigk nicht gefiel. Sie saß oft reglos in ihrem Konstrukt, den Rücken an Stein oder Metall gelehnt, und lauschte. Nicht auf die Stimmen. Auf etwas Tieferes. Manchmal schloss sie dabei die Augen. Manchmal hob sie den Kopf, als rieche sie etwas im Luftzug, den die Gänge von weit her brachten.
„Was ist“, fragte Xian sie eines Tages, als wieder eine ganze Reihe von Lastwagen oder rollenden Gestellen an ihnen vorbeigekommen war und sich das Geräusch noch immer wie fernes Grollen im Stein hielt.
Xiodri antwortete nicht.
Nigk beugte sich vor, soweit ihn das Konstrukt ließ. „Ihr habt seit Tagen dieses Gesicht.“
„Welches Gesicht“, murmelte sie.
„Das, mit dem Menschen anfangen zu beten oder zu lügen“, sagte Xian.
Xiodri hob die Lider und sah sie an. Für einen Augenblick wirkte sie alt. Nicht nur alt wie eine Frau, die viele Winter gesehen hatte, sondern alt auf jene Weise, die von Gerüchten, Verfolgung und zu viel verborgener Kenntnis kommt.
„Ich denke nach“, sagte sie.
„Dann denkt lauter“, erwiderte Nigk. „Wir sitzen hier mit euch fest. Wenn ihr etwas ahnt, will ich wissen, was.“
Zuerst blieb sie verschlossen. Die beiden mussten bohren, immer wieder, Fragen neu ansetzen, andere Wege nehmen, so wie sie es gelernt hatten. Es war schließlich ihre Arbeit gewesen, Menschen zum Reden zu bringen, ohne dass es wie Arbeit aussah. Doch Xiodri war störrisch. Sobald die Sprache auf die kleinen Gestalten kam oder auf jene schwarzen, dünnen Wächter, die an Wänden und Decken liefen wie Spinnen in Menschengestalt, wurde sie knapp oder schwieg ganz.
Also bohrten sie gerade dort.
„Ihr kennt Geschichten“, sagte Xian. „Das sieht man euch an.“
Keine Antwort.
„Ihr habt erkannt, was das hier ist, oder zumindest eher als wir.“
Xiodri leckte sich über die Lippen. „Erkannt ist zu viel gesagt.“
„Dann nennt es Ahnung.“
Wieder lange nichts. Schließlich sagte sie, ohne sie anzusehen: „Es gibt Geschichten über Wesen, die sich unter die Erde zurückgezogen haben. Nicht in Höhlen, wie Räuber. Tiefer. Im Stein. Im Berg. Dort, wo Menschen nur selten hinkommen und noch seltener wieder heraus.“
Nigk runzelte die Stirn. „Zwerge.“
Xiodri machte eine kleine, gereizte Bewegung, als missfalle ihr das Wort weniger wegen seines Inhalts als wegen der Leichtigkeit, mit der es ausgesprochen wurde.
„Vielleicht nennt ihr sie so.“
„Und was sagen diese Geschichten noch“, fragte Xian.
Xiodri schwieg.
„Was taten sie unter dem Berg.“
Schweigen.
„Warum verstecken sie sich.“
Wieder nichts.
Erst als Nigk, der ihre Ausweichmanöver satt hatte, schärfer sagte, dass Märchen in einem Gefängnis wenig nützten, wenn draußen etwas vorbereitet werde, kam eine Antwort.
„Weil Verstecke älter sind als ihr beiden“, sagte sie leise. „Weil nicht nur Menschen verfolgt wurden. Weil nicht nur jene mit dem Mal lernen mussten, im Verborgenen zu leben. Es heißt, es habe einst Handel gegeben. Heimlich. Erz gegen Felle, Metalle gegen Nahrung, Arbeit gegen Dinge, die es nur an der Oberfläche gab. Mehr weiß ich nicht. Oder nicht sicher genug.“
„Und die schwarzen Dünnen“, fragte Xian. „Gehören die auch zu euren Geschichten.“
Diesmal hob Xiodri den Kopf ruckartig.
„Nicht zu meinen.“
Und damit verstummte sie endgültig.
In den folgenden Stunden kam die Aufmerksamkeit der Wachen kurz zurück und verschwand wieder. Mehrere der dünnen, schwarzen Gestalten kletterten aus Schächten oder lösten sich von der Decke, auf der sie beinahe unsichtbar gelegen hatten. Sie bauten sich über den Konstrukten der Gefangenen auf und diskutierten, erregt und schnell, in ihrer Sprache. Xian verstand kein Wort, aber selbst ohne Verständnis hörte man den Streit. Da war Härte darin. Drängen. Widerspruch.
Dann geschah etwas, das keiner von ihnen erwartet hatte.
Von einem tieferen Gang her polterte eine Stimme, und kurz darauf kam ein Zwerg in den Raum, schneller als beim letzten Mal, fast laufend, das Gesicht gerötet, der Schritt voller Zorn.
„Ihr bringt sie nicht einfach um“, fuhr er die Dünnen an, noch ehe er ganz bei ihnen war.
Das Zischen, das ihm entgegenschlug, war so laut, dass selbst Nigk zusammenzuckte.
„Nein“, sagte der Zwerg mit wachsender Schärfe. „Das löst kein Problem. Und die Amulette nehmt ihr ihnen auch nicht ab.“
Wieder empörtes Zischeln, nun von mehreren Seiten zugleich.
„Gerade das nicht. Habt ihr denn gar nichts begriffen.“ Er warf die Arme auseinander. „Wenn ihr die Schutzzeichen brecht, wissen wir nicht, was mit ihnen geschieht. Wir wissen nicht, wer es spürt. Wir wissen nicht, ob die Wirkung nur nach außen geht oder auch zurück. Ihr wollt kein Risiko vermeiden, ihr wollt nur eurer Grausamkeit nachgeben.“
Ein Dünner ließ sich kopfüber von der Decke herab, bis sein Gesicht kaum eine Handbreit vor dem des Zwergs hing. Er sagte etwas in seiner Sprache, schnell und scharf.
Der Zwerg antwortete ebenso schnell, aber nicht in derselben Sprache, sondern in der gemeinen Zunge, als wolle er, dass die Gefangenen es verstanden.
„Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Die Heimlichkeit endet ohnehin. Und wir haben uns geeinigt, so viele Menschen wie möglich zu verschonen. Nicht im Großen, nicht im Kleinen. Wir beginnen das neue Zeitalter nicht mit einem Massaker.“
Ein anderer Dünner zischte, diesmal noch heftiger. Der Zwerg stampfte mit dem Fuß auf, und der Stein unter ihnen gab den Schlag tief weiter.
„Dann lösen wir es im Rat“, sagte er. „Und bis dahin fasst sie keiner an.“
Noch mehr Protest. Mehr aufgeregtes Zischen. Dann löste sich die Szene so abrupt, wie sie entstanden war. Der Zwerg ging. Die Dünnen wichen zurück, aber die Spannung blieb im Raum wie Rauch nach Feuer.
Lange sagte keiner der drei etwas.
„Wir sind wohl gerade mit dem Leben davon gekommen“, murmelte Nigk schließlich.
Xian antwortete nicht sofort. Ihre Augen waren auf den leeren Gang gerichtet, durch den der Zwerg verschwunden war.
„Für jetzt“, sagte sie.
Dann wandte sie sich Xiodri zu. „Nun sprecht.“
Die Hexe bewegte sich nicht.
„Ihr wisst mehr, als ihr sagt“, fuhr Nigk fort. „Nicht alles. Aber genug, um diese Gesichter zu machen, seit Tagen.“
Xiodri schloss kurz die Augen.
„Ich dachte, es seien Gerüchte. Unterbergvölker. Versteckte Sippen. Wesen, die sich vor langer Zeit in den Stein zurückzogen, weil sie an der Oberfläche gejagt wurden. So wie wir. So wie jene, die mit dem Mal geboren werden und nie eine Schule betreten hatten, vergessen wurden. Freie Magie, sagt man. Verbotene Magie. Heimlich, immer heimlich. Ich dachte, das seien Geschichten, mit denen man Kindern erklärt, warum nicht jede Spur im Gebirge von Menschen stammt.“
„Und jetzt denkt ihr das nicht mehr“, sagte Xian.
„Jetzt denke ich, dass Märchen oft nur dann Märchen heißen, wenn lange genug niemand überlebt hat, sie zu bestätigen.“
„Und die schwarzen Dünnen.“
Xiodris Blick flackerte. „Über die weiß ich nichts. Nichts Sicheres. Nur, dass man in alten Erzählungen nicht gern darüber spricht, wer mit wem unter der Erde lebt. Wenn ich einen Namen habe, dann den der Dunklen Elben.“
„Das ist wenig.“
„Mehr habe ich nicht.“
„Und trotzdem habt ihr Angst.“
Xiodri antwortete nicht mehr. In ihr war etwas angespannt wie ein Draht, und Xian sah, dass weiteres Drängen in diesem Augenblick nichts bringen würde.
Dann kam die Stimme von der Decke.
„Und damit wisst Ihr schon mehr als die meisten an der Oberfläche.“
Alle drei fuhren herum.
Eine große, dunkle Gestalt löste sich aus dem Stein über ihnen, sprang lautlos hinab und landete in einiger Entfernung auf allen vieren, bevor sie sich langsam aufrichtete. Er war einer der Dünnen, die Xiodri als Dunkle Elben bezeichnete, doch größer als die meisten, die sie bisher gesehen hatten, und er bewegte sich mit einer Gelassenheit, die gefährlicher war als jede offene Aggression. Sein Körper war schmal und langgliedrig, das Gesicht fast zu ruhig, die Haut dunkel wie feuchter Stein. Nur die Zähne leuchteten weiß, als er lächelte.
„Es gibt hier jene, die in Euch nur Gefahr sehen“, sagte er. „Und jene, die in Euch nur Fleisch sehen. Ich gehöre zu keiner der beiden Gruppen.“
Er ging langsam um die drei Konstrukte herum, als prüfe er nicht ihre Körper, sondern ihre Bedeutung.
„Einige wollen Euch töten, weil Ihr gesehen habt, was Ihr nicht hättet sehen sollen. Einige wollen Euch die Schutzzeichen nehmen und der Aversion überlassen, damit das Problem sich von selbst löst. Beides ist kurzsichtig.“
Nigk fing sich zuerst. „Dann sagt uns doch, worin unser Wert liegt.“
Der Fremde blieb hinter ihm stehen.
„Nicht in dem, was Ihr wisst. Ihr wisst fast nichts. Das ist gerade das Interessante.“
Er trat wieder in ihr Blickfeld.
„Ihr hättet nie bis hierher gelangen dürfen. Nicht im Winter. Nicht mit dem, was jenseits der Schneelinie auf Fremde wartet. Ihr hättet umkehren müssen. Hättet den Norden hassen, den Stein meiden, den Wunsch verspüren müssen, nur noch nach Süden zu gehen, fort, fort, immer fort. Stattdessen seid Ihr gekommen. Mit Amuletten. Und mit diesem Band.“
Er sah Xian an.
Unwillkürlich fiel ihr Blick auf das Band, welches auf dem Tisch vor ihr lag, ehe sie sich beherrschte.
„Wer Euch diese Dinge gab, wusste mehr, als Menschen an der Oberfläche wissen sollten. Ihr habt es von einem Magier bekommen.“
Nigk sagte kühl: „Wir sind nicht im Bund mit den Magiern.“
„Und doch tragt Ihr Arbeit, die von Macht erzählt.“
Der Dunkle Elf neigte den Kopf leicht. „Ihr seid keine Magier, das sehe ich. Vielleicht nicht einmal Freunde von Magiern. Aber jemand hat Euch so geschützt, dass Ihr an Orte gekommen seid, die andere Menschen nicht einmal in Gedanken betreten können. Genau deshalb lebt Ihr.“
„Weil ihr wissen wollt, wer uns geschützt hat“, sagte Xian.
„Unter anderem.“
Er lächelte wieder. Diesmal ohne Wärme.
„Tote Menschen ziehen keine Fäden. Lebende schon. Wenn wir Euch töten, endet Ihr im Stein und mit Euch die Spur. Wenn wir Euch brechen, wissen wir nicht, wer es bemerkt. Wenn wir Euch zurückgeben, sehen wir, wer nach Euch schaut. Wer reagiert. Wer Fragen stellt. Wer sich aus der Deckung bewegt.“
Nigk blickte zu Xian. Für einen kurzen Moment begriffen beide dasselbe.
Wir sind nicht verschont.
Wir werden benutzt.
Der Fremde schien den Gedanken beinahe zu hören.
„Verschont ist kein Wort, das ich wählen würde.“
Er ging weiter, langsam, wie einer, der Zeit hat.
„Es kehrt etwas zurück in diese Welt. Wir spüren es. Der Stein spürt es. Die alten Wege werden durchlässiger. Die Magie steigt. Nicht nur bei Euch. Auch hier unten. Auch tiefer als hier. Wesen, die lange geschlafen oder gehungert haben, werden wieder stärker. Mit der Kraft kehrt der Hunger zurück. Hunger nach Raum, nach Licht, nach Metall, nach Wasser, nach dem Recht, nicht mehr im Verborgenen zu leben.“
Er blieb stehen.
„Und wir müssen wissen, was an der Oberfläche noch existiert. Nicht an Königen. Nicht an Heeren. Nicht an Fahnen. Das alles ist Lärm. Wir müssen wissen, wie viel von der alten Macht der Magier geblieben ist.“
„Warum“, fragte Xian. „Wenn ihr keinen Krieg wollt.“
Der Fremde sah sie lange an.
„Gerade deshalb.“
Dann klatschte er einmal in die Hände. Sofort kamen mehrere andere Dunkle aus den Gängen. Sie sagten kein Wort, bewegten nur die Finger in kurzen Zeichenfolgen. Einen Augenblick später lösten sich die Konstrukte mit einem trockenen Knacken. Nicht ganz, nicht vollständig, aber weit genug, dass die drei Gefangenen hinausgezogen werden konnten.
Nigk stolperte beinahe, als seine Beine wieder Gewicht tragen mussten. Xian fing sich schneller. Xiodri stand einen Herzschlag lang still da, als müsse sie erst begreifen, dass das unsichtbare Gitter sie tatsächlich freigegeben hatte.
„Wohin“, fragte Nigk.
„Sehen“, sagte der Fremde.
Sie wurden nicht grob gepackt, aber auch nicht freundlich geführt. Halb getragen, halb gestoßen bewegten sie sich durch Gänge, die immer weiter wurden. Der Stein änderte seinen Klang. Der Boden fiel erst ab, dann wieder an. Mehr als einmal glaubte Xian, frische Luft zu spüren, nur um kurz darauf wieder in dumpfer, warmer Tiefe zu gehen. Die Decke stieg. Das Echo wurde länger. Irgendwann mischte sich in den Geruch von Stein und Öl etwas anderes. Nachtluft. Kalte, offene Nachtluft.
Dann sahen sie Sterne.
Sie traten aus einem letzten, breiten Gang auf einen hohen, offenen Felsvorsprung. Vor ihnen fiel der Berg in ein weites Tal ab, das im Mondlicht dalag wie ein verborgenes Becken zwischen schwarzen Wänden.
Und das Tal war voll.
Nicht nur mit Kriegern.
Nicht nur mit Zelten.
Es war voll mit einem Volk im Aufbruch.
Feuer brannten in Reihen. Wagen standen zwischen Steinbauten, die sich halb in den Hang schoben, halb aus ihm herausgewachsen zu sein schienen. Schmieden glühten. Tiere oder etwas Tierähnliches waren an Reihen von Pfählen gebunden. Kinder liefen zwischen Karren. Alte saßen an Feuerstellen. Dazwischen lange Züge bewaffneter Gestalten, dunkle Dünne, gedrungene Zwerge, andere Wesen, die Xian im ersten Blick nicht einordnen konnte. Vorräte wurden gestapelt, Seile gezogen, schwere Geräte in Stellung gebracht. Ganze Kolonnen bewegten sich auf einen breiten, befestigten Anstieg zu, der sich vom Talboden hinauf in die Flanke des Berges fraß.
Kein Räuberlager.
Kein Versteck.
Keine Streitmacht allein.
Eine verborgene Welt, die sich auf Bewegung vorbereitete.
Nigk stand reglos. Neben ihm hörte Xian Xiodri scharf einatmen.
„Morgen“, sagte der dunkle Fremde hinter ihnen, „wird die Oberfläche erfahren, was der Berg so lange verborgen hat.“
Keiner von ihnen antwortete.
Der Fremde trat neben sie und blickte mit ihnen hinunter, als sei der Anblick für ihn nicht Drohung, sondern Heimkehr.
„Ihr seht kein Heer“, sagte er ruhig. „Oder nicht nur eines. Ihr seht Völker und ihre Heere, die lange genug unter Steinen gelebt haben. Ihr seht Völker und ihre Heere, die Zeit brauchten, sich wieder an den Himmel und an das Licht zu gewöhnen. Dieser Prozess ist nun beendet. Das Versteckspiel kann enden. Wir sind bereit, unseren rechtmäßigen Platz im Gefüge wieder einzunehmen oder dabei zu sterben.“
Xian zwang sich, nicht den Blick zu senken. „Das habt ihr verborgen.“
„Ja. Und nun sind wir bereit, zurückzukehren.“
Er sagte es ohne Härte. Gerade deshalb klang es wahr.
„Bei Tagesanbruch werdet Ihr zurückgeführt. Nicht aus Gnade. Als Zeugen. Als Botschafter. Als Faden. Ihr werdet sagen, was Ihr gesehen habt. Ihr werdet sagen, dass wir nicht länger im Verborgenen bleiben. Und wir werden sehen, wer auf Eure Worte antwortet.“
Nigk drehte den Kopf. „Und wenn man Euch mit Jagd antwortet.“
Der Fremde schwieg einen Augenblick. Unten im Tal bewegten sich Feuerlinien im Wind.
Dann sagte er: „Dann wird aus unserer Rückkehr ein Krieg.“
Er hob die Hand und deutete hinab.
„Aber morgen öffnen wir zuerst den Berg. Dann wird Eure Welt entscheiden, was daraus wird.“
Formularbeginn
Formularende
Formularbeginn
V
Fontal wartete noch auf die Inquisitorin aus Ashambrat, bevor sie die Untersuchung offiziell eröffnen wollte. Der Abgesandte aus Tandor, Meister Klasst, war bereits eingetroffen. Hokn’f hatte Meisterin Danndi entsandt, und sie sollte über den Landweg in den nächsten Tagen kommen.
Fontal hatte entschieden, dass sie selbst die Person sein würde, die die Lebensschule schickte. Darüber gab es keine Diskussion. Meister Roto war ebenfalls in Gontar, widerwillig festgehalten auf Hokn’fs ausdrücklichen Wunsch, weil er bei den Vorgängen auf den Inseln der Winde anwesend gewesen war und als Zeuge gebraucht wurde. Son und Indra blieben bei ihm, nicht aus Treue, sondern weil ihre Suche nach Kolnidranooora ohne ihn keinen Sinn ergab. Von Kol gab es noch immer kein Lebenszeichen.
Hokn’f drängte. Er wollte das Ergebnis bereits formulieren und danach nur noch Belege einsammeln. Fontal war anders gestrickt. Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Anadar, und ja, der Mann flößte ihr Angst ein, doch sie weigerte sich, eine Untersuchung so zu führen, dass sie nur politisch passte. Die ersten Berichte über das Seemonster waren viel zu früh aufgetaucht, um sie ehrlich mit dem Meister aller sechs Zirkel zu verbinden. Fontal hielt es wahrscheinlicher, dass einzelne Verderbte oder eine kleine Gruppe ihr Unwesen trieben. Jemand musste zur Rechenschaft gezogen werden, darin hatte Hokn’f recht, aber niemand durfte vorverurteilt werden, nur weil es der Konklave nützte.
Es war noch Morgen. Fontal genoss die ersten Stunden des Tages mit einem Tee in einem kleinen Saal eines alten Turms, schlicht, verborgen im hinteren Teil der Schule, weit weg vom Lärm der Höfe. Sie hing ihren Gedanken nach, als es vorsichtig am Türrahmen klopfte.
Ein Diener stand in der Tür. “Meisterin.”
Fontal hob den Blick und deutete ihm zu sprechen.
“Meisterin Fontal, wir haben Nachricht aus einem Fischerdorf südlich von Gontar. Es ist etwas Ungewöhnliches. Den Fischern ist das Seemonster ins Netz gegangen. Tot. Man fragt, ob Ihr…”
“Natürlich”, unterbrach Fontal ihn bereits und stand auf. “Sattelt mein Pferd. Und schickt sofort nach Meister Klasst. Außerdem nach Roto, Son und Indra.”
Sie ritt nicht allein. Neben Fontal und Klasst schloss sich ein ganzer Tross an, zuerst zehn, dann mehr, weil sich die Nachricht schneller herumsprach als jeder Befehl. Am Ende waren es fast zwanzig Magier, die in den nieselnden Frühlingsmorgen hinauszogen. Fontal duldete es, nicht aus Freude, sondern weil sie wusste, dass sie sie nicht einfach zurückschicken konnte, ohne einen Streit zu riskieren, der ihr am Ende nur Zeit raubte.
Schon aus der Ferne sahen sie am Hafen, dass etwas Großes an Land lag. Etwas Weißes, Riesiges, das nicht in ein Boot passte und nicht in ein Netz gehören konnte. Der Geruch kam ihnen entgegen, lange bevor sie abstiegen.
Als sie näher kamen, sahen sie die aufgerissenen Flanken, die offenen Wunden, die halb freigelegten Eingeweide. Und sie sahen die Fühler, zwei lange Anhänge, in denen je ein menschlicher Körper steckte, nicht zufällig verfangen, sondern eingewachsen und mit dem Fleisch des Ungeheuers verbunden, als hätte jemand Menschen zu Teilen eines Tieres gemacht.
Son und Indra wurden bleich. Sie gingen näher, und was sie dann sagten, war so leise, dass es sich wie ein Geständnis anhörte.
“Tring.”
“Tiang.”
Fontal kannte die Zwillinge. Sie hatte sie einmal gesehen. Sie widersprach nicht. Und als die Wassermagierinnen hinzufügten, dass die Züge des Monsterkopfes an Xoiun erinnerten, wurde der Hafen still, so still, dass man das Wasser gegen die Pfähle schlagen hörte.
Roto trat näher, musterte den Kadaver lange und schüttelte schließlich den Kopf.
“Das ist nicht das Wesen aus den Höhlen”, sagte er. “Nicht einmal annähernd.”
Fontal sah ihn an. “Seid Ihr sicher.”
“Ja”, sagte Roto hart. “Da unten war eine Krake. Das hier ist eine Ausgeburt aus der Hölle, etwas anderes.“
Son und Indra bestätigten es, mit der Einschränkung, dass es in den Höhlen dunkel gewesen sei und alles hektisch, doch sie blieben bei der Kernaussage. Nicht dasselbe.
Fontal ließ messen. Sie ließ zeichnen. Sie ließ die Wundränder untersuchen, die Risse, die Spuren am Fleisch. Sie ließ die Fischer einzeln befragen, wer wann gezogen, gesichert, gebetet, geschrien hatte. Alles wurde protokolliert, so gut es in einem Dorfhafen ging. Und sie wiederholte ihren Befehl, so oft, bis selbst die Ungeduldigsten es verstanden.
Nach drei Tagen ritten sie zurück. Fontal nahm Abschriften der Skizzen mit, Maße, Zeugenaussagen, und eine wachsende Unruhe, die sich nicht benennen ließ, aber mit jedem Schritt schwerer wurde.
In derselben Nacht, als die Magier fort waren, bewegte sich etwas anderes im Dorf.
Marabar hatte gehört, dass die Magier gekommen waren, und er hatte gewartet, bis sie wieder gingen. Marabar hatte auch die Gerüchte gehört, dass ein Seemonster gefunden wurde, ein totes. Und Marabar war neugierig und verstand sich auf Gelegenheiten.
Er kannte diese Art von Aufregung. Sie brannte schnell, sie zog Menschen an wie Licht Motten, und sie wurde erst dann nützlich, wenn sie sich wieder legte. Also blieb er außerhalb der Sichtweite, in einem Zelt zwischen niedrigen Hügeln, wo der Wind nach Meer roch und die Erde feucht war vom Niesel. Er saß im Halbdunkel, still wie ein Mann, der Geduld nicht als Tugend versteht, sondern als Werkzeug.
Seine Raben kamen und gingen.
Sie setzten sich auf die Stangen, auf die Kanten des Zeltes, auf seine Schulter, und wenn sie den Schnabel öffneten, waren es keine Vogelstimmen mehr, sondern Worte, zerhackt und dennoch brauchbar, Namen, Gerüche, Bewegungen. Er hörte ihnen zu, ohne eine Regung zu zeigen. Zwanzig Magier, sagten sie. Skizzen. Vermessung. Protokoll. Der Befehl, nichts zu verbrennen. Und immer wieder dieses eine Bild, das selbst die Raben mit einer seltsamen Scheu beschrieben, als würden auch sie spüren, dass dort etwas lag, das nicht in die Ordnung eines Fischerdorfes gehörte.
Er wartete.
Er wartete, bis die Lichter weniger wurden.
Bis die Stimmen leiser wurden.
Bis die Magier abreisten und der Hafen wieder zu einem Hafen wurde, zu Holz, Salz, Netzen und der müden Gewöhnung an Elend.
Erst dann stand er auf.
Er trat aus dem Zelt.
Das Schwarz seines Gewandes trank das Licht, nicht wie Trauer, sondern wie Reichtum, glatt und satt, und die goldenen Ornamente am Saum fingen die wenigen Tropfen des Nebels, als hätten selbst sie gelernt, aus Kälte Glanz zu machen. Das Band um seine Stirn lag kühl auf der Haut. Er lächelte nicht, als er ging, doch in seinem Gesicht lag jene ruhige Erwartung, die gefährlicher ist als Freude.
Am Rand des Dorfes begannen Hunde zu knurren.
Einer jaulte auf, kurz, hoch, panisch, als hätte er etwas erkannt, das nicht zu erkennen sein sollte. Dann noch einer, weiter hinten. Marabar verlangsamte keinen Schritt. Er ließ die Hunde ihn sehen, er ließ sie riechen, was er war, und er ließ sie begreifen, dass Bellen in dieser Nacht keine Hilfe rufen würde.
Der erste Hund verstummte.
Nicht, weil er beruhigt war, sondern weil sein Körper es entschieden hatte.
Als Marabar am Hafen ankam, lag der Kadaver noch immer dort, riesig, weißlich im Mondlicht, aufgerissen, halb zerfallen, ein Berg aus Fleisch, den das Meer ausgespuckt hatte. Der Geruch war schwer und süß, Tod und Salz, und darunter etwas Metallisches, als wäre in diesem Fleisch nicht nur Blut, sondern auch Magie geronnen.
Er trat näher, blieb einen Moment stehen und sah.
Nicht wie ein Fischer, der einen Fang mustert.
Nicht wie ein Magier, der ein Rätsel sucht.
Eher wie ein Händler, der prüft, ob Ware echt ist.
Seine Hand glitt über die zerrissene Haut, flach und ruhig. Kalt war sie, aber nicht so kalt, wie ein totes Tier kalt sein sollte. In den Rissen schimmerte etwas Dunkles, und dort, wo die Fühler begannen, sah er die zwei Körper, bleich, eingewachsen, festgehalten von einer Struktur, die nicht zufällig entstanden war. Menschen, ja, aber nicht mehr nur Menschen. Teile eines größeren Frevels.
Möglichkeiten, dachte er.
Lauter Möglichkeiten.
Er ging zurück, ohne Hast, als hätte er alle Zeit der Welt, und kehrte in sein Zelt zurück. Dort zog er aus einer Truhe ein Buch hervor, das in Leder gebunden war, so dunkel, dass es kaum vom Schatten zu unterscheiden war. Als er es öffnete, roch es nicht nach Papier, sondern nach Kräutern, Harz und einem Hauch verbrannter Knochen. Er blätterte, nicht suchend, sondern wissend. Er kannte die Stellen.
Er las nicht laut.
Er las mit den Augen.
Und mit jedem Absatz legte sich etwas in ihm zurecht, wie ein Schlüssel in ein Schloss.
Als er zurück zum Hafen ging, folgte ihm keiner. Nur ein Rabe, der hoch über ihm kreiste, schwarz gegen das blasse Mondlicht. Am Kadaver kniete er sich nicht hin. Er stellte sich einfach neben den ersten Körper, der in dem Fühler steckte, und zog sein Messer.
Die Klinge war sauber.
Sie blieb es nicht lange.
Er ritzte Zeichen in die Luft, nicht sichtbar für einen gewöhnlichen Blick, aber spürbar in der Art, wie der Wind für einen Atemzug still wurde, als hätte selbst die Nacht beschlossen zuzuhören. Dann zog er eine kleine Phiole hervor, öffnete sie, und ein Tropfen fiel auf die Stirn der Leiche.
Das Geräusch war leise.
Und doch klang es, als sei es zu laut.
Marabar begann zu sprechen.
Die Worte waren alt. Nicht die Sprache des Reiches, nicht die Sprache des Dorfes, nicht einmal die Sprache der Schulen. Es war etwas anderes, etwas Tieferes, und der Klang allein ließ die Haare im Nacken kribbeln, als würden dort kleine Nägel über Knochen gezogen.
Der Körper rührte sich nicht sofort.
Dann kam ein Atemzug.
Nicht wie ein Lebender atmet.
Eher wie ein Gefäß, das man plötzlich wieder füllt.
Die Augen öffneten sich.
Und sie waren weiß.
Dumpf.
Leer und doch blickend.
Der Mund bewegte sich, als wolle er ein Wort formen, doch es kam nur ein Ton, der nicht aus Kehle kam, sondern aus etwas, das sich in dem Fleisch erst wieder zurechtfinden musste.
Marabar lächelte.
Jetzt sah man seine Zähne, ein wenig zu spitz, als hätten sie nie ganz zu einer menschlichen Ordnung gehören wollen.
Er legte die Hand an den Fühler und schnitt.
Das Fleisch war zäh. Es hielt fest. Es wollte nicht hergeben, was es einmal aufgenommen hatte. Marabar arbeitete langsam, präzise, und als er tiefer kam, sah er, dass der Körper innen nicht nur von Schleim umgeben war, sondern von etwas, das wie verwachsene Sehnen wirkte, als hätte der Fühler versucht, den Menschen wirklich zu besitzen.
Der Wiedergänger hob die Hand.
Ein ruckartiges Greifen.
Nicht hilfreich wie ein Mensch helfen würde, sondern mechanisch, wie ein Werkzeug, das seine Funktion versteht.
Von innen drückte er gegen die Wand des Fühlers, und für einen Moment entstand ein Spalt. Marabar nutzte ihn, setzte das Messer hinein und schnitt, bis der Körper frei war und schwer in den Sand sank.
Ein Hund bellte.
Nah.
Zu nah.
Marabar hob nur kurz den Kopf, als würde ihn das Geräusch kaum interessieren. Doch er sagte etwas, ein einziges Wort, knapp, und der Wiedergänger richtete sich auf, drehte den Kopf und ging, nicht laufend, sondern zielgerichtet, mit jener unheimlichen Ruhe, die nur Tote besitzen, wenn man sie an eine Aufgabe bindet.
Der Hund bellte noch einmal.
Dann kam ein Jaulen.
Abrupt.
Und danach nichts.
Stille breitete sich aus, als hätte jemand ein Tuch über das Dorf gelegt.
Marabar wandte sich dem zweiten Körper zu.
Er wiederholte die Zeichen, doch diesmal schneller, als sei die Nacht schon vertrauter geworden. Wieder der Tropfen. Wieder die Worte. Wieder dieses kurze, unerträgliche Schweigen, in dem man nicht wusste, ob der Bann greift oder ob die Welt sich verweigert.
Dann riss die Leiche die Augen auf.
Ein Zucken ging durch den ganzen Körper, als hätte etwas darin kurz gegen den Zauber protestiert und dann begriffen, dass Protest in diesem Zustand keine Bedeutung mehr hat.
Marabar trat näher.
Er beugte sich so, dass der Wiedergänger ihn ansehen musste.
“Gut”, sagte er leise. “Du wirst dich erinnern.”
Ob das stimmte, wusste er nicht.
Ob es eine Lüge war, war ihm gleich.
Er schnitt auch diesen Körper frei, Stück um Stück, und diesmal war es leichter, als hätte der erste Schnitt dem Monster bereits gezeigt, dass es seine Beute nicht mehr halten konnte.
Als beide Wiedergänger vor ihm standen, bleich und still, roch es am Hafen nicht mehr nur nach Verwesung, sondern auch nach etwas anderem, nach kalter Erde und geöffneten Gräbern, nach jener unangenehmen Sauberkeit, die Tote haben, wenn man ihnen die letzten Reste von Menschlichkeit herauswäscht.
Marabar sah die zwei an.
Tring und Tiang, dachte er, nicht weil er sie kannte, sondern weil Namen immer nützlich sind, auch wenn sie nur Etiketten sind, seine Raben hatten ihm diese Namen gegeben.
Er wies mit einer kleinen Geste in Richtung seines Lagers.
Sie folgten ihm.
Nicht weil sie wollten.
Weil der Zauber sie zog.
Auf dem Weg lächelte Marabar wieder, ganz kurz, und seine Zunge fuhr über die Zähne, als koste er bereits aus, was diese Nacht ihm eröffnet hatte.
Diese beiden, dachte er, würden ihm Freude bereiten.
Vielleicht als Ware.
Vielleicht als Werkzeug.
Vielleicht als Schlüssel.
Und als er im Schutz seines Zeltes ankam und die Raben sich wieder auf die Stangen setzten, war er wach und lebendig wie ein Mann, der gerade erst begonnen hat, zu spielen.
Meisterin Danndi traf am späten Vormittag in Gontar ein.
Nicht mit Lärm und nicht mit jener Selbstinszenierung, die manchen Gesandten anhaftete, sobald sie glaubten, die Welt müsse ihren Rang am Klang ihrer Schritte erkennen. Sie kam über den Landweg, wie Hokn`f es angekündigt hatte, diszipliniert, still, so aufgeräumt in Haltung und Blick, dass man sofort merkte, warum ausgerechnet sie geschickt worden war. Danndi sprach wenig. Sie nahm auf. Sie ordnete. Sie speicherte.
Fontal empfing Danndi am Rand der Stadt, gemeinsam mit Meister Klasst, Meister Roto und den beiden Wassermagierinnen Son und Indra. Fontal besprach sich kurz mit Danndi, das Seemonster ist tot. Das Seemonster liegt an Land. Und beide entschieden nochmals in das Fischerdorf zu reiten, damit Danndi sich ein eigenes Bild von den Dimensionen machen konnte.
Als sie durch die nassen Gassen des Fischerdorfes ritt, hing Rauch in der Luft. Nicht nur der Rauch von Kaminen, sondern schwerer, fettiger Rauch, der nach verbranntem Fleisch roch. Das Dorf hatte sich verändert. Nicht dramatisch, nicht sichtbar auf den ersten Blick, aber in der Art, wie Menschen standen. In der Art, wie sie nicht mehr schauten, sondern nur noch warteten. Als hätte ihnen etwas gezeigt, dass das Meer nicht nur Nahrung gab, sondern auch Wahrheit, und Wahrheit war selten freundlich.
Danndi stieg ab und blieb einen Moment nur stehen.
Vor ihnen lag der Kadaver, oder das, was davon noch nicht zerlegt war. Er wirkte kleiner, seit er nicht mehr als Ganzes im Wasser trieb, sondern in Stücken auf dem Kai lag, und doch war er immer noch monströs. Weißes Fleisch, aufgerissen, an vielen Stellen bereits dunkel verfärbt. Ein Geruch, der in die Nase kroch und sich dort festsetzte, als wolle er den Körper dazu zwingen, zu würgen. Fischer liefen hin und her, mit Tüchern vor Mund und Nase, mit Messern, Haken, Sägen. Einige hatten den Blick einer Nacht, die zu lang gewesen war.
Danndi sah Fontal an. “Bericht.”
Fontal nickte und sprach knapp, so wie sie es in solchen Momenten immer tat. Fang im Netz. Drei Boote. Vermessung. Zeichnungen. Protokoll. Die Identifikation der Zwillinge durch Son und Indra. Die Ähnlichkeit des Gesichts mit Xoiun. Der Widerspruch Rotos, dass dies nicht das Wesen sei, das sie unter dem Turm gesehen hatten.
Danndi hörte zu, ohne eine einzige Regung zu verschenken. Erst als Fontal fertig war, trat sie näher an den größten verbliebenen Teil des Monsters heran. Sie ging nicht an die Seite, wo Fischer bereits Schnitte gesetzt und Fleisch abgetragen hatten, sondern an den Kopf.
Dort war es am schlimmsten.
Nicht wegen des Geruchs allein, sondern wegen der Form. Aus der Nähe war es wirklich da, dieses Unangenehme, diese ferne, fast lächerliche Ähnlichkeit, die man nicht fassen wollte und doch nicht leugnen konnte. Ein Mund, der zu menschlich anmutete, ein Schädelansatz, der an falsche Weise vertraut war. Danndi kniete sich nicht hin. Sie beugte sich nur vor, legte zwei Finger auf die kalte, glitschige Haut und schloss die Augen.
Ein Atemzug.
Dann noch einer.
Sie murmelte etwas, leise, so leise, dass selbst die Umstehenden es kaum verstanden, und in dem Moment, in dem sie den Zauber ansetzte, fühlte man, wie die Luft um den Kadaver eine Spur dichter wurde. Als hätte sie nicht Energie gerufen, sondern Aufmerksamkeit.
Danndi öffnete die Augen wieder.
“Es ist tot”, sagte sie.
Niemand widersprach.
“Es ist lange tot”, fügte sie hinzu, und nun war in ihrer Stimme etwas, das wie Missfallen klang, nicht über die Fischer, sondern über die Welt. “Und doch hängt etwas daran.”
Klasst trat einen halben Schritt näher. “Ein Bann?”
Danndi ließ den Blick über die Wunden gleiten. “Nicht sauber. Nicht wie ein Schutz. Eher wie eine Spur. Als wäre etwas gezwungen worden, diese Form zu halten, bis sie nicht mehr halten konnte.”
Roto schnaubte leise, als müsse er sich beherrschen, nicht wieder in eine seiner Erklärungen zu verfallen. Son und Indra standen still, blass, die Augen fest auf das Monster gerichtet, und man sah ihnen an, dass sie in Gedanken längst wieder in der Halle unter dem Turm waren, in der Dunkelheit, im Gestank, in der hektischen Bewegung.
Danndi richtete sich auf und wandte sich an den ältesten der Fischer, einen Mann mit gesprungenen Händen und jener Müdigkeit im Gesicht, die nicht von einem Tag kam, sondern von Wochen.
“Was habt ihr bereits verbrannt? Wo sind die Fühler?“
Der Mann schluckte. “Meisterin. Es stank. Es zog Fliegen. Und die Kinder. Die Menschen darin waren wirklich das schlimmste. Wir haben sie als erstes abgetrennt…” Er brach ab und deutete hilflos auf die Häuser, die nah genug standen, dass man den Rauch nicht hätte vermeiden können.
Danndi nickte nur, als sei das eine selbstverständliche Antwort.
“Zeigt mir die Feuer.”
Zwei große Haufen lagen etwas abseits, auf einer freien Fläche am Rand des Hafens, wo man den Wind nutzen konnte. Holz war aufgeschichtet, nicht schön, nicht ordentlich, sondern so, wie Menschen Holz schichten, wenn sie nicht an Ästhetik denken, sondern an Notwendigkeit. Auf dem ersten brannte bereits ein schweres, unruhiges Feuer. Es fraß sich durch Fett und Fleisch, spuckte dunklen Rauch aus und ließ den Boden darunter glänzen, als hätte sich Öl in die Erde gebissen. Auf dem zweiten lag noch Material, das man erst im Laufe des Tages nachlegen würde. Reste. Häute. Streben aus Knorpel, die sich beim Anfassen anfühlten, als seien sie nicht für Menschenhände gemacht.
Danndi blieb am Rand stehen und sah zu, wie ein Fischer mit einem Haken ein Stück tiefer ins Feuer zog, damit es schneller griff. Alles war bereits zu sehr Stückwerk, zu sehr vermischt aus Haut, Sehne und dem, was einmal Form gewesen war. Was nicht mehr zu unterscheiden war, war auch nicht mehr zu beweisen, und im Qualm sah ohnehin jeder nur, was er sehen konnte oder sehen wollte.
Danndi sprach wieder leise und wandte sich den Fischern zu.
“Ihr werdet es vollständig verbrennen”, sagte sie. “Nicht aus Angst, sondern aus Hygiene. Und weil es nicht hier liegen darf. Wenn etwas von diesem Kadaver im Dorf bleibt, wird jeder Hund, jedes Tier, jeder Aasfresser daran gehen. Und was immer daran hängt, soll nicht gefressen werden.”
Der alte Fischer nickte.
Danndi trat wieder näher an die Feuerstelle.
“Wenn es vollständig zu Asche geworden ist, sammelt ihr alles in Gruben. Tief. Weit genug vom Wasser, dass die nächste Flut es nicht holt. Ihr werdet es nicht auf die Felder bringen. Ihr werdet es nicht ins Meer kippen. Ihr werdet es nicht unter die Häuser streuen..”
Der Mann schluckte erneut. “Ja, Meisterin.”
Danndi sah ihn an. “Und ihr erzählt niemandem mehr, was ihr gesehen habt.“
Einige Fischer wechselten Blicke, als sei diese Forderung lächerlich, als wüssten sie selbst, wie unmöglich es war, ein solches Bild aus dem Dorf zu halten. Doch Danndis Blick war nicht verhandelbar. Er sagte nichts von Drohung, aber er erinnerte an Ordnung.
Die Männer nickten.
Danndi wandte sich ab und ging zurück zu Fontal, Klasst und den anderen.
“Wir reiten zurück”, sagte sie. Fontal nickte. In ihr arbeitete es sichtbar, aber sie sagte nichts. Sie hatte ihr Urteil noch nicht gefällt, und sie würde es nicht fällen, bevor sie die Spuren gesehen, verglichen und aneinandergelegt hatte.
Als sie aufsaßen, sah Danndi noch einmal zurück.
Das Feuer brannte ruhiger jetzt, bändiger, aber nicht weniger hungrig. Es fraß, was man ihm gab, und der Rauch zog in langen Fahnen über die Dächer, über den Hafen, hinaus aufs Meer, als würde das Dorf selbst versuchen, das Gesehene wieder auszuspucken.
Nur das Meer lag still.
Und als die Magier schließlich verschwanden, blieb das Dorf zurück mit einem Feuer und erst als die Magier außer Sicht waren, wagte einer der Fischer, es auszusprechen.
„Die beiden Leichen sind weg.“
Die anderen standen noch am Rand des Hafens und blickten auf die rauchenden Feuerstellen, auf den zerschnittenen Kadaver, auf die Stelle, an der gestern noch die Körper in den Fühlern gesteckt hatten. Nun war dort nichts mehr.
„Sei still“, sagte der Älteste sofort und sah sich um, als fürchte er, die Worte allein könnten etwas zurückrufen.
„Aber sie waren da“, flüsterte der Jüngere. „Und heute Morgen waren sie fort. Einfach fort.“
Keiner antwortete darauf. Das Meer schlug dumpf gegen die Pfähle. Irgendwo schrie eine Möwe.
„Gut, dass die Magier es nicht mehr gesehen haben“, murmelte schließlich ein dritter. „Gut, dass sie schon auf dem Feuer waren.“
Der Älteste nickte langsam. „Und dabei bleibt es.“
„Wir sollten es vielleicht doch melden“, sagte der Jüngere, aber selbst er klang nicht überzeugt.
Der Alte drehte sich zu ihm um. „Und was dann. Dann kommen sie zurück. Dann fragen sie, warum wir geschwiegen haben. Dann wollen sie jedes Detail hören und die haben wir nicht, es muss nun Ruhe herrschen und nicht dummer Magier.“ Er spuckte auf den Boden.
Der Jüngere schwieg.
Niemand widersprach.
„Die Feuer haben alles genommen“, sagte der Alte schließlich.
Diesmal nickten die anderen.
Und damit war es beschlossen. Nicht weil es richtig war. Sondern weil Angst oft schneller entscheidet als Verstand.
Wohin die beiden Leichen verschwunden waren, darum sorgte sich keiner, dafür hatte Maraber gesorgt.
VI
Die Stadt lag verlassen vor ihnen.
Nicht so, wie eine Stadt nach einem langsamen Sterben verlassen daliegt, wenn Fenster vernagelt sind, Türen offen im Wind klappern und man in jeder Gasse spürt, wie lange kein Mensch mehr dort gewesen ist. Sontor wirkte anders. Eher so, als wären seine Bewohner an einem einzigen Tag aufgestanden, hätten ihre Arbeit niedergelegt, die Tiere losgemacht oder zurückgelassen, hätten Brote auf Tischen liegen lassen, Holz in Feuerstellen, halb ausgeräumte Wagen vor Türen, und wären dann einfach fortgegangen. Nicht in Panik, nicht unter sichtbarer Gewalt, sondern in einer merkwürdigen, plötzlichen Entschlossenheit, als hätte etwas sie alle gleichzeitig gerufen.
Je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, wie sehr diese Stadt für den Norden gebaut worden war. Nichts an ihr war leicht. Nichts verspielt. Die Häuser duckten sich tief in den Wind, mit dicken Mauern, kleinen Fenstern und schweren Dächern, die Schnee und Eis trotzen konnten. Stein überwog überall, dunkler, harter Stein, mit Holz nur dort, wo Holz nötig war. Die Straßen waren enger als in südlichen Städten, nicht aus Mangel an Platz, sondern damit der Wind weniger Angriff fand. Mauern schützten Innenhöfe. Tore waren doppelt gesetzt. Fast jeder Bau schien nicht nur gegen Wetter errichtet, sondern auch gegen Fremde, gegen Hunger, gegen Aufruhr und, wenn es sein musste, gegen die eigenen Bewohner.
Selbst der Palast in der Mitte der Stadt war kein Palast im eigentlichen Sinn. Kein Ort, an dem Schönheit oder Reichtum sich offen zeigen wollten. Er war eine Festung. Ein kompakter, abweisender Bau aus Stein und Wehrgängen, mit schmalen Fenstern, einer schweren Toranlage und Mauern, die eher halten als beeindrucken sollten. Er stand in der Mitte Sontors wie ein zusammengezogener Gedanke.
Auch er war verlassen.
Die Tore standen offen. Kein Wächter war zu sehen. Kein Rauch stieg auf. Nur Tiere hatten sich die Stadt zurückgeholt. Hühner scharrten in Gassen zwischen umgestürzten Körben und altem Stroh. Schafe standen mitten auf einem Platz und sahen die Reiter an, als hätten sie längst vergessen, dass Menschen hier einmal das Sagen gehabt hatten. Zwei Ziegen kletterten auf einer Treppe zum Eingang eines Handelshauses herum. Irgendwo muhte eine Kuh, dumpf und verloren in einem Hinterhof. Ein Hund lief quer über die Straße, blieb kurz stehen, musterte die drei und verschwand dann zwischen zwei Häusern.
„Wenn du mich fragst“, murmelte Morgut, während sein Blick über die leeren Straßen glitt, „sind sie wirklich einfach gegangen.“
„Oder geführt worden“, sagte Shara leise.
Anadar antwortete nicht. Er blickte nur voraus auf die Festung. Er wusste, oder glaubte zumindest zu wissen, dass Fantors Turm in ihrer Nähe liegen musste. Nicht in irgendeinem äußeren Viertel, nicht abseits. Fantor war keiner gewesen, der sich aus falscher Bescheidenheit klein machte. Wenn er hier gewirkt hatte, dann nahe am Machtzentrum.
Also ritten sie direkt darauf zu.
Im Innenhof der Palastburg fanden sie Stallungen, ebenfalls offen, ebenfalls verlassen. Die Tiere dort waren längst fort oder hatten sich der Stadt angeschlossen. Das Heu war alt, aber trocken, Wasser ließ sich noch finden, und so kümmerten sie sich zuerst um die Pferde. Keiner von ihnen wollte weiter in die Burg hinein, ehe die Tiere versorgt waren. Es war ein stiller, beinahe tröstlicher Vorgang inmitten all der Leere. Gurte lösen, Sättel abnehmen, Wasser schöpfen, Hafer verteilen, Hände über warme Hälse gleiten lassen. Dinge, die einfach waren. Dinge, die noch gehorchten.
Erst als das getan war, wandte Morgut sich zu Anadar um.
„Und nun“, fragte er und lehnte sich gegen eine Stalltür, „wie genau geht es weiter, großer Meister. Wir suchen Fantors Turm, finden dort hoffentlich ein Buch, und dann? Hast du einen Plan oder nur eine Richtung.“
Anadar zog den Mantel enger um sich. Die Kälte der Stadt war anders als die Kälte draußen. Dünner, aber beharrlicher. Sie kroch aus Stein und Mauern.
„Wir holen das Buch“, sagte er. „Dann lesen wir es. Und wenn es uns auch nur einen brauchbaren Hinweis liefert, finden wir vielleicht einen Weg, unser dringendstes Problem zu beseitigen.“
In seinem Kopf brach hämisches Gelächter los.
Es war kein richtiges Lachen, nicht so, wie Menschen lachten. Es war ein Geräusch aus Verachtung, Spott und einer wachsenden Nervosität, die der Dämon hinter all dem Hohn nur mühsam verbarg.
Anadar verzog keine Miene.
Morgut hob eine Braue. „Weiter also erst, wenn wir wissen, womit wir weitergehen.“
„Genau.“
Shara hatte sich währenddessen nicht bewegt. Sie stand in der halb offenen Stallgasse und blickte hinaus in den Hof. Dann langsam höher, zu Fenstern, Mauerkanten, dunklen Öffnungen.
„Ich habe kein gutes Gefühl hier“, sagte sie. Sie zog den Umhang fester um sich, nicht wegen der Kälte, sondern, wie Anadar sah, aus einem anderen Instinkt. „Es ist, als würden wir beobachtet. Nicht von einem Menschen. Eher so, als hätte diese ganze Stadt Augen.“
Morgut sah sofort ebenfalls hinauf.
Anadar vertraute Sharas Instinkt inzwischen zu sehr, um ihn zu übergehen. „Dann prüfen wir noch einmal alles.“
Sie taten es schweigend. Schutzzauber, kleine gebundene Schichten aus Feuer, Erde, Leben und Wind, dort, wo jeder von ihnen sie bevorzugte. Nicht die großen, auffälligen Dinge. Eher jene, die man im Ernstfall erst bemerkte, wenn sie griffen. Morgut spannte etwas Feines um ihren engeren Raum, kaum sichtbar, eher ein Lauschen im Wind als ein Schild. Shara legte eine dichte, fast körperliche Wärme in ihre Kleidung, die nicht nur gegen Kälte, sondern auch gegen plötzliches Greifen half. Anadar verstärkte seine Wahrnehmung.
„Gut“, sagte er schließlich. „Gehen wir.“
Sie verließen die Stallungen und gingen durch den Innenhof auf die innere Burg zu. Sie wirkte kleiner, als sie von außen ausgesehen hatte, aber nur, weil sie so kompakt gebaut war. Ihre Masse war nicht in Ausdehnung übersetzt, sondern in Dichte.
„Das wird eine Weile dauern“, sagte Morgut. „Bist du dir wirklich sicher, dass Fantors Turm hier irgendwo ansetzt.“
„Soweit ich mich erinnere, ja.“
Das Gelächter in seinem Kopf wurde wieder laut, dann schlug es in höhnisches Flüstern um.
Er weiß es nicht. Er tastet. Er stolpert. Lass ihn weiter suchen.
„Dein Freund will uns auch nicht sagen, wo genau“, bemerkte Shara trocken.
„Nein“, sagte Anadar, ebenso trocken. „Er ist heute wenig kooperativ.“
Sie gingen durch mehrere Gänge, durch Wachräume, durch kleinere Säle und schließlich in den Thronsaal. Dort war die Kälte noch spürbarer. Vielleicht weil der Raum so groß war. Vielleicht weil Machtorte ihre eigene Kälte festhalten.
Die Halle war lang und hoch, mit ausgeblichenen Bannern an den Wänden. Der Thron stand auf einer erhöhten Empore am Ende des Saals, streng, schwer, mehr Sitz der Abwehr als der Herrschaft. Hinter ihm lagen versetzt zwei Türen.
Anadar blieb stehen und sah sie an.
„Wenn du mich fragst“, sagte er, „führt eine von beiden zu unserem Ziel.“
Die Tür rechts vom Thron ließ sich leicht öffnen. Dahinter lagen ein Studierzimmer, kleine Wohnräume, ein Vorraum mit Truhe und Schränken. Es war einst bewohnt gewesen, aber nicht von Fantor. Alles daran sprach von amtlicher Nüchternheit. Schriftrollen, Bücher, Wachs, ein abgenutzter Tisch, aber nichts, das nach dunklem Geheimnis roch.
Die Tür links war verschlossen. Ein tritt von Shara und die Tür war offen. Sie blickten in einen gang der leicht abwärts lief. Sie folgten dem Gang und kamen vor einen schwere mit Ornamenten verzierte Tür.
Shara betrachtete das Schloss nur kurz. Dann trat sie vor, legte zwei Finger daran, murmelte etwas und hielt die Hand länger als nur einen Augenblick ruhig. Das Metall begann sich unter ihrer Berührung zu verformen. Zuerst leicht, dann sichtbar. Es sackte, wurde weich, verlor seine Ordnung. Das Holz dahinter fing an zu verkohlen. Ein kurzer Tritt, und die Tür brach aus den Angeln.
„Irgendwann musst du mir zeigen, wie du das machst“, sagte Anadar.
Shara lächelte nur flüchtig. „Wenn wir Zeit für Unterricht haben, tue ich dir den Gefallen.“
Dahinter fanden sie eine runde Ebene, von der eine Wendeltreppe nach oben und nach unten führte.
„Ich glaube, du hattest recht“, murmelte Morgut. „Entweder Fantors Turm. Oder seine Folterkammer.“
„Vermutlich beides“, sagte Shara.
Noch ehe jemand etwas sagen konnte, schrie der Dämon in Anadars Kopf auf. Kein Wort zuerst, nur roher Widerstand.
Nicht hinab.
Anadar sah nach unten. „Wir gehen zuerst nach unten.“
Sie stiegen ab. Eine Ebene. Dann eine zweite. Dann standen sie im Keller.
Und was sie dort sahen, ließ ihnen für einen Moment den Atem stocken.
Käfige. Einige groß genug für Menschen, andere kleiner, niedriger, enger. Folterinstrumente aus Metall und Holz. Messer, Haken, Ketten, Zangen, Stangen, deren Zweck man auch dann verstand, wenn man ihn nie hätte verstehen wollen. An einer Wand lagen Knochen. An einer anderen hingen Skelette, an denen noch dunkle, vertrocknete Reste von Fleisch klebten. Getrocknetes Blut hatte sich in Ritzen, auf Tischen, in Fugen des Steinbodens festgesetzt. Es roch nicht mehr stark. Das war fast das Schlimmste. Alles war zu alt, zu eingetrocknet, zu oft benutzt worden, um noch nach frischer Gewalt zu riechen. Die Gewalt war hier längst in den Raum selbst übergegangen.
Morgut war der Erste, der die Stille brach.
„Ich denke“, sagte er trocken, „wenn eine echte Inquisition das sähe, hätte der Besitzer viel zu erklären.“
Shara antwortete nicht. Ihre Hand ruhte längst am Griff ihres Schwertes.
Anadar blickte weiter in den Raum hinein und sah es dann.
Es stand auf einem Podest in der Mitte. Davor waren seltsame Zeichen auf den Boden gemalt, dunkle Kreise, Linien, Schnörkel, die selbst ihm nicht vertraut waren. Abgebrannte Kerzen standen darum herum. Auf dem Podest lag ein Buch, aufgeschlagen auf einer Seite, daneben auf einem kleineren Sockel ein Messer. Es war schmal, von eigentümlicher Schönheit, mit Verzierungen, die denen im Buch ähnelten, und auf seiner Klinge klebten noch getrocknete Spuren von Blut.
Sie gingen sofort darauf zu.
Für einige Augenblicke sagten alle drei nichts. Sie beugten sich über das aufgeschlagene Werk, sahen die Zeichen, die Schnörkel, die Bilder. Rituale. Formeln. Beschwörungen, so viel war sofort klar. Aber alles wirkte zugleich lesbar und unlesbar. Die Zeichen schienen sich dem Blick zu entziehen. Manche sahen bekannten Formen ähnlich, nur verschoben. Andere waren völlig fremd. Bilder standen zwischen den Zeilen, nicht als Schmuck, sondern als Teil des Textes. Ein Kreis. Eine geöffnete Hand. Ein Tierkopf. Drei Linien durch einen Stern. Alles schien zu sagen, hier liegt Sinn, und verweigerte ihn zugleich.
Anadar war der Erste, der zu blättern begann. Seite um Seite. Überall dasselbe. Neue Zeichen, die ihm im ersten Blick unbekannt waren und doch ein widerwärtiges Gefühl von Verwandtschaft auslösten, als stammten sie aus einem Dialekt von etwas, das er längst an einem dunklen Rand seines Wissens berührt hatte.
Morgut beugte sich tiefer darüber. „Da sind Muster“, murmelte er. „Wiederholungen. Das hier kommt wieder. Und das hier auch. Aber ich kann es nicht greifen.“
Shara legte den Kopf schräg. „Es ist, als würde es sich verziehen, sobald man länger hinsieht.“
Genau das tat es. Der Text blieb nicht ruhig. Nicht sichtbar bewegt, aber doch nie fest genug, um sich wirklich zu fassen. Anadar spürte, wie sein Ärger wuchs.
„Es muss immer alles verschlossen, versiegelt und kompliziert sein“, schnaubte er. „Kann es nicht ein einziges Mal einfach sein.“
Das Gelächter in seinem Kopf wurde schallend.
Anadar klappte das Buch zu.
Im selben Augenblick schob sich mit einem harten, metallischen Geräusch ein Riegel darüber. Nicht von außen. Aus dem Buch selbst. Ein dunkles Siegel sprang hervor und verriegelte den Einband. Er versuchte das Buch wieder zu öffnen, vergeblich.
Anadar starrte es an.
Dann grunzte er nur noch vor Ärger.
„Natürlich“, murmelte Morgut. „Natürlich tut es genau jetzt so etwas.“
Der Dämon lachte lauter denn je.
Anadar schloss kurz die Augen, atmete tief ein und öffnete sie wieder. Die Wut war da, aber sie bekam ihn nicht.
„Steck es ein“, sagte er und reichte das versiegelte Buch Morgut.
Morgut versuchte noch im selben Moment, den Riegel zu lösen. Vergeblich. Er drückte, zog, tastete nach einem Mechanismus, murmelte einen kleinen Zauber. Nichts.
„Es wird sich wieder öffnen lassen“, sagte er, halb zuversichtlich, halb trotzig, und steckte es ein.
Shara deutete auf das Messer. „Und das.“
Anadar blickte hinüber. „Steck es weg.“
Shara nahm ein Tuch, säuberte die Klinge so gut es ging von dem alten Blut und schob sie dann in ihren Gürtel.
Sie suchten den Keller noch gründlich ab, fanden jedoch nichts mehr, das unmittelbar brauchbar schien. Keine weiteren Bücher, keine Rollen, keine Notizen, nur Werkzeuge des Grauens und die Überreste dessen, was Fantor hier getan hatte.
Also stiegen sie wieder hinauf.
Oben auf der runden Ebene zwischen den Treppen blieb Anadar stehen.
„Und nun“, fragte Morgut. „Raus.“
Anadar zögerte.
„Nein“, sagte er langsam. „Wir sind hier noch nicht fertig. Es fehlt etwas.“
Er sah nach oben.
„Wenn ihr wollt, könnt ihr schon vorgehen.“
„Nichts da“, sagte Shara sofort. „Wir bleiben zusammen.“
Die Stimme in seinem Kopf meldete sich wieder. Schärfer nun. Fast nervös.
Dort oben ist nichts.
Anadar spürte, wie sich gerade aus diesem Widerstand Gewissheit formte.
„Dann erst recht“, sagte er.
Sie stiegen die Wendeltreppe nach oben. Langsam, wachsam, beinahe lautlos. Nach wenigen Stufen war der Stein mit einem roten Teppich belegt, verblichen, aber einst kostbar. Oben angekommen fanden sie sich im Wohnraum des Magiers wieder.
Im Vergleich zum Keller wirkte dieser Raum beinahe gepflegt. Nicht sauber, aber unberührt auf eine andere Weise. In die Mauer war ein tiefer Vorsprung gebaut, darin standen Stühle und ein Tisch. Ein großes Fenster gab den Blick auf die verlassene Stadt frei. Von hier oben konnte man sehen, wie still Sontor wirklich war. Die Straßen. Die Höfe. Die offenen Tore. Alles lag unter einer bleichen, kalten Helligkeit, als sei die ganze Stadt seit Tagen in einem Atem angehalten.
Anadar blieb mitten im Raum stehen.
„Er muss hier sein“, sagte er.
„Wen meinst du“, fragte Morgut.
„Fantor. Oder das, was von ihm übrig ist.“
In seinem Kopf brach der Dämon in wütendes Schreien aus.
Er ist nicht hier. Ich habe ihn getötet. Zerstückelt. Verbrannt.
„Nein“, sagte Anadar laut. „Das hast du nicht.“
Shara und Morgut sahen ihn beide an, wussten aber längst, mit wem er sprach.
„Wo ist er“, murmelte Anadar. „Er ist hier. Ich spüre es.“
Dann wurde es ihm mit einem Mal klar.
Er zog das Schwert.
Die Klinge kam mit einem dunklen Klang frei, und sogleich fuhr ein panischer Stoß durch seinen Kopf. Der Dämon begriff zuerst, was Anadar begriff.
Anadar trat in die Mitte des Raumes und rammte das Schwert mit aller Kraft in den Boden, sodass es dort aufrecht stecken blieb.
„Ich habe dir etwas mitgebracht, Fantor“, rief er laut. „Es ist deines. Komm und hol es dir.“
Der Dämon schrie.
Wirklich schrie.
Nicht mehr als Stimme, sondern als blanke Angst, die durch Anadars Gedanken fuhr wie Feuer.
Einen Herzschlag lang geschah nichts.
Dann schob sich im hinteren Teil des Zimmers ein Stück Mauer zur Seite.
Dahinter stand eine Gestalt.
Nicht ganz Mensch. Nicht mehr.
Hager. Nackt. Auf eine Weise ausgemergelt, die weit über Hunger hinausging. Die Haut spannte sich über Knochen, als hätte man alles Überflüssige aus ihr herausgebrannt. Die Augen lagen tief und glänzten vor Gier und Hass. Um Handgelenke, Schultern und Hüften liefen Ketten. Er war an die Wand gefesselt wie etwas, das man nicht tötete, weil man es noch brauchte oder weil man es nicht töten konnte.
Fantor.
Er öffnete den Mund, doch zuerst kam kein Ton. Nur die Hände streckten sich nach dem Schwert aus. Gierig. Zitternd.
Anadar trat näher und sah ihm in die Augen.
„Du hast ihn nicht getötet“, sagte er triumphierend, ohne den Blick vom Gerippe zu nehmen. „Du konntest es nicht. Wenn du ihn getötet hättest, hättest du dich selbst gebannt.“
Keine Antwort kam aus seinem Kopf. Nur roher Widerstand.
„Du hast ihn am Leben gehalten“, sagte Anadar. „Du musstest.“
Shara trat vor und zog ihr Schwert. „Worauf wartest du. Beenden wir es.“
Anadar hob die Hand und hielt sie zurück.
„So einfach ist es leider nicht mehr.“
Er zeigte erst auf das Schwert, dann auf Fantor.
„Der Dämon ist gebunden. Früher war er an ihn gebunden. Jetzt ist er an dieses Schwert gebunden. Und ich glaube, ich weiß langsam, was das bedeutet.“
Fantor hob den Kopf ein Stück weiter.
„Gib ihn mir“, krächzte er.
Die Stimme war trocken, brüchig, aber lebendig. Zu lebendig.
„Gib ihn mir.“
Das Schreien im Kopf wurde zu panischem Flehen.
Nein. Nein. Du tust das nicht. Ich bin an dich gebunden.
Anadar blickte auf Fantor. Etwas in ihm dachte schnell und plötzlich klar. Klarer als seit Monaten. Vielleicht weil die Lösung so ungeheuerlich war, dass nur sie noch übrigblieb.
„Fantor“, sagte er. „Ihr erkennt mich.“
Die Augen bohrten sich in ihn.
„Ja Anadar“, kam es heiser zurück. „Und nun gib ihn mir. Übertrage ihn. Ich erlöse dich von diesem Dämon.“
Es klang beinahe wie ein Lachen, oder wie das, was Fantors ausgetrockneter Körper noch als Lachen hervorbringen konnte.
„Ich bitte dich.“
Shara sah Anadar an. Nur kurz. Dann nickte sie, fast unmerklich.
Morgut sagte nichts. Aber seine Hand schloss sich bereits um einen Zauber, bereit, sobald etwas schiefging.
Anadar nahm das Schwert aus dem Boden. Einen Augenblick lang zitterte seine eigene Hand dabei. Nicht vor Zweifel. Eher vor der Gewalt dessen, was gleich geschehen würde.
Dann ging er zu Fantor und hielt ihm den Griff hin.
Der Dämon flehte jetzt. Wirklich flehte.
Nicht in Würde. Nicht in Macht. In nackter Angst.
Fantors Finger schlossen sich um den Griff.
Im selben Moment verstummte alles in Anadars Kopf.
Nicht langsamer. Nicht allmählich.
Einfach weg.
Ein Riss. Eine Leere. Ein Schweigen, das so plötzlich kam, dass ihm beinahe die Knie nachgegeben hätten.
Fantor riss das Schwert an sich und zog es an seine Brust. Dann lachte er.
Es war ein altes, tiefes, böses Lachen. Nicht ganz Fantors Stimme. Nicht ganz eine andere. Etwas dazwischen, als hätten zwei Bosheiten für einen Augenblick denselben Mund gefunden.
„Rache“, flüsterte er.
Im nächsten Herzschlag geschah alles zugleich.
Fantor zerriss mit einer plötzlich gewonnenen, unmenschlichen Kraft seine Ketten. Eisen sprang aus der Wand. Noch während die Glieder zu Boden fielen, schlug Anadar bereits mit der freien Hand auf den Stein.
Der Boden unter Fantor brach weg.
Es war kein langer Zauber. Kein kunstvolles Werk. Nur rohe, zielgenaue Gewalt gegen das Mauerwerk und die Lastlinien des Turms, die Anadar schon beim Betreten gespürt hatte. Genau im Moment, in dem Fantor mit dem Schwert nach ihm hieb, sackte unter ihm der Stein ab. Der Schlag traf nur das brechende Gemäuer.
„Raus“, brüllte Anadar.
Sie rannten.
Nicht zur Treppe.
Zum Fenster.
Shara war die Erste, die verstand. Ein Feuerstoß traf die Fensterverriegelung, das Holz barst, Glas sprang in kalten Splittern nach außen. Morgut ließ bereits Wind aufsteigen, dicht und drängend, genug, um den Sprung nicht sicher, aber überlebbar zu machen.
Sie warfen sich durch das große Fenster, einer nach dem anderen, im selben Augenblick, in dem hinter ihnen der Turm in sich zusammenbrach.
Der Aufprall auf dem schrägen Vordach viele Schritt unter ihnen war hart genug, um ihnen alle Luft aus den Lungen zu schlagen. Der erste Schutzzauber hielt. Der zweite nicht ganz. Ziegel brachen, Holz splitterte, und alle drei krachten durch das Dach eines darunterliegenden Traktes und schlugen noch einmal auf, diesmal auf Stein.
Es tat weh.
Alles tat weh.
Für einige Augenblicke war da nur Staub, Husten, Trümmergeräusch. Dann richtete Morgut sich halb auf und fluchte. Shara lag auf der Seite, stützte sich auf einen Arm und rang nach Luft. Anadar lag flach auf dem Rücken, starrte an eine geborstene Decke und spürte jeden einzelnen Knochen seines Körpers.
Dann begann er zu lachen.
Er konnte nicht anders.
Es war kein schönes Lachen. Mehr ein ungläubiges, befreiendes Aufbrechen von etwas, das zu lange in ihm festgesessen hatte. Er lachte, obwohl ihm alles wehtat. Obwohl über ihnen Stein nach Stein noch in die Tiefe polterte. Obwohl Fantor, Naaarstr und das Schwert nun unter Tonnen von Schutt lagen und er keine Ahnung hatte, wie endgültig das sein würde.
Aber der Dämon war weg.
Aus seinem Kopf.
Fort.
Zum ersten Mal seit Monaten war es still in ihm.
Und diese Stille war so leicht, so unendlich leicht, dass selbst der Schmerz sie nicht beschädigen konnte.
Formularbeginn
VII
Sie wurden beobachtet, lange bevor sie Sontor erreichten.
Noch ehe die ersten Mauern der verlassenen Stadt am Horizont erschienen, waren ihre Schritte bereits gezählt, ihre Richtung gemeldet und ihre Gestalten in den Schatten weitergereicht worden. Zwischen kahlen Felsen, unter überhängenden Kanten aus Eis und Gestein, in den schmalen Rissen des Nordens, dort, wo der Blick eines Menschen nur Leere sah, lagen Augen. Dunkle Augen. Geduldige Augen.
Die drei Reiter waren nicht unauffällig.
Sie ritten durch das Land, als wäre die Aversion für sie nicht mehr als schlechter Wind. Sie zögerten nicht. Sie verloren nicht die Richtung. Sie suchten nicht den Rückweg. Sie kämpften nicht gegen jenes namenlose Unbehagen, das gewöhnliche Menschen hier ergriff, bis sie umkehrten, verwirrt, gereizt oder innerlich schon halb gebrochen. Diese drei kamen voran. Langsam vielleicht, mit Vorsicht und Anspannung, doch ohne zu weichen.
Und sie trugen Magie an sich wie andere Menschen Geruch oder Stimme.
Das spürten die Dunkel Elben sofort.
Nicht jeder von ihnen hätte es benennen können, doch jeder hätte gewusst, dass diese drei anders waren. Nicht bloß geschützt. Nicht bloß vorbereitet. In ihnen arbeitete etwas, das sich nicht verbergen ließ. Ein geübter Blick sah es in der Art, wie sie ritten, wie sie die Köpfe hoben, wie sie sich gegeneinander abschirmten und zugleich verbunden blieben. Magier. Ohne Zweifel Magier.
Eben deshalb griff niemand sie an.
Der erste Beobachter meldete es durch Zeichen im Stein.
Der zweite sah sie bei Einbruch der Nacht an einem verwitterten Rastplatz und meldete ihre Zahl, ihre Pferde, die Art, wie einer von ihnen im Schlaf unruhig wurde und die Hand selbst im Traum nicht weit von der Waffe ließ.
Der dritte verfolgte sie aus den Ruinen einer eingefallenen Wachstation und meldete, dass die Frau unter ihnen mehrmals innehielt und den Blick in Schatten warf, in denen nichts Menschliches zu sehen war. Sie spürte etwas. Nicht genau genug. Aber genug, dass man Vorsicht walten lassen musste.
Noch in derselben Nacht wurden Boten ausgesandt.
Nicht auf offenen Wegen, sondern in jenen verborgenen Routen, die unter Stein, durch Schächte und zwischen vergessenen Mauerwerken verliefen. Botschaften wanderten schneller als Menschen. Aus einem Beobachter wurden drei, aus drei Stimmen ein Bericht, aus dem Bericht ein Anlass für Beratung. Der Rat wurde einberufen.
Sie kamen zusammen, in einem Raum, der älter war als viele der Mauern an der Oberfläche. Dort sprachen die Dunkel Elben mit den ihren, und auch andere waren anwesend. Nicht alle gleichrangig, nicht alle gleich einig. Doch in einem Punkt bestand rasch Einvernehmen.
Man würde die drei nicht angreifen.
Nicht aus Schonung.
Aus Klugheit.
Magier, nur sie konnten sich unbeeinträchtigt durch die Aversion bewegen, waren kein Beutezug für ungeduldige Hände. Sie waren eine Nachricht. Vielleicht eine Gelegenheit. Vielleicht eine Warnung. Vielleicht beides zugleich. Wer sie vorschnell angriff, gewann im besten Fall drei tote Körper und verlor im schlimmsten Fall den Blick auf das, was sie bedeuteten.
Also fiel die Entscheidung.
Beobachten.
Lückenlos.
Aus allen Winkeln.
Lernen.
Verstehen.
Begreifen.
So wurden ihre letzten Tagesreisen unter vielen unbemerkten Blicken vollzogen. Wenn sie über gefrorenen Boden ritten, bewegte sich in den Spalten neben dem Weg lautlos etwas mit. Wenn sie durch abgestorbene Gehölze kamen, saßen dort zwischen den verdrehten Ästen Gestalten, die reglos blieben, bis Pferd und Reiter vorüber waren. Wenn sie nachts rasteten, wurden ihre Feuer aus der Ferne gezählt, ihre Stimmen nach Tonfall gewogen, ihre Wachwechsel bemessen. Nichts an ihnen blieb unbemerkt.
Der Mann in ihrer Mitte, der das Schwert trug, beschäftigte die Beobachter am meisten.
Er schien zugleich der stärkste und der am meisten angegriffene zu sein. Etwas an ihm war angespannt wie ein Seil, das zu lange unter Last gestanden hatte. Mehr als einmal stand er während der Nacht plötzlich auf, als hätte ihn etwas aus dem Schlaf gerissen, das nicht ganz Traum gewesen war. Einmal hörte ein Beobachter ihn sprechen, leise, knapp, ohne dass ein anderer Mensch geantwortet hätte.
Auch das wurde gemeldet.
Als sie Sontor schließlich erreichten, war die Stadt längst auf ihren Empfang vorbereitet, wenn auch nicht auf offene Weise.
Sontor lag still unter dem bleichen Licht des Nordens. Ihre Straßen waren leer, ihre Höfe verwaist, ihre offenen Tore wie Münder, die aufgehört hatten zu lügen, weil niemand mehr da war, um gefragt zu werden. Die Dunkel Elben hielten Abstand, doch sie sahen alles. Sie sahen die drei Reiter durch die verlassene Stadt ziehen. Sahen, wie sie innehielten, wie sie die Umgebung prüften, wie sie schließlich Kurs auf die Burg nahmen.
Auch das war wenig überraschend.
Von da an wurde die Beobachtung schwieriger.
Die drei verschwanden in den inneren Bereichen der alten Festung. Die äußeren Sichtlinien brachen ab. Man hatte Augen in Sontor, viele, doch nicht jeder Stein ließ sich gleichzeitig durchdringen, und nicht jeder verborgene Weg war in diesen oberen, alten Bereichen noch offen. Berichte kamen nur bruchstückhaft.
Sie hatten die Pferde versorgt.
Sie bewegten sich vorsichtig.
Sie gingen tief hinein.
Dann verlor man sie.
Der Beobachter, der auf einem zerfallenen Dachfirst oberhalb des inneren Burghofes lag, wartete lange. Unter ihm lag die Stille der Festung. Kein Ruf. Kein Kampf. Kein offenes Zeichen. Nur Wind, der durch geborstene Zinnen fuhr, und hin und wieder das ferne Schlagen loser Fensterläden.
Dann geschah es.
Zuerst war es kein Geräusch, sondern ein Ruck im Stein. Ein Zittern, das durch Mauerwerk lief wie eine plötzliche Erinnerung. Staub löste sich aus Fugen. Ein Spalt sprang in einer Seitenwand auf. Im nächsten Augenblick kam der Lärm.
Nicht eine Explosion wie Feuer oder Pulver sie hervorgebracht hätten, sondern das tiefe, schreckliche Brechen von Struktur, wenn ein Bauwerk beschließt, nicht länger Bauwerk zu sein. Ein Turm im hinteren Teil der Burg sackte in sich zusammen. Nicht langsam. Nicht würdevoll. Er brach ein, als hätte ihm jemand das Herz herausgeschlagen. Mauerwerk stürzte nach innen, Böden brachen durch, ein halber Schacht aus Staub und Stein schoss in die Höhe.
Die Beobachter regten sich zum ersten Mal sichtbar.
Mehrere lösten sich aus Schatten, sprangen auf höhere Positionen, wechselten Zeichen. Auf benachbarten Ruinen erschienen weitere Gestalten, angezogen von dem Einsturz wie Krähen von einem frischen Riss.
Und dann sahen sie die drei.
Ein Fenster hoch oben barst, oder vielleicht war es schon im Einsturz aufgerissen worden. Drei Körper schossen daraus hervor, nicht schön, nicht geordnet, sondern in jener reinen, verzweifelten Bewegung, mit der Lebende dem Tod einen Herzschlag voraus sein wollen. Der erste sprang mit einem Winkel des Körpers, der verriet, dass er den Aufprall erwartete. Die Frau folgte dicht dahinter. Der dritte war kaum langsamer.
Sie stürzten auf ein tiefer gelegenes Dach, schlugen dort hart auf, brachen durch und verschwanden für einen Augenblick im Schutt und Holz.
Kein Beobachter griff ein.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Weil es nicht befohlen war.
Und weil jeder in diesem Augenblick dasselbe dachte. Wer aus einem einstürzenden Turm sprang, während im Inneren etwas geschah, das selbst alte Mauern zerbrechen ließ, war nicht nur Ziel von Beobachtung. Er war Träger von Bedeutung.
Also blieb man in den Schatten.
Man sah, wie sich zuerst Bewegung unter dem eingedrückten Vordach zeigte. Dann erhob sich einer der Männer. Schwankend. Lebendig. Kurz darauf die Frau. Dann der dritte. Verletzt vielleicht. Erschüttert gewiss. Aber auf den Beinen.
Einer lachte, laut, lang, befreit, etwas an seiner Haltung hatte sich verändert. Eine Last schien von ihm genommen worden zu sein oder sich zumindest verlagert zu haben. Der Beobachter konnte nicht sagen, worin es bestand, aber die Änderung war deutlich genug, um weitergegeben zu werden.
Der Rat erhielt die Nachricht, noch bevor der Staub sich ganz gelegt hatte.
Neugierde und Misstrauen wuchsen gleichermaßen. Was hatten die drei dort gefunden. Wen oder was hatten sie in dem Turm gesucht. Was hatte den Einsturz ausgelöst.
Es wurden Fragen gestellt.
Doch an der Anweisung änderte sich nichts.
Nicht eingreifen.
Weiter beobachten.
Also blieben die Dunkel Elben bei ihren Posten, in Fensternischen, unter Dachkanten, in Schießscharten, hinter zerbrochenen Zinnen und in den Winkeln der verlassenen Stadt. Sie sahen die drei sich sammeln. Sie sahen sie sprechen, wenn auch zu leise, um alles zu verstehen. Sie sahen sie weiterziehen.
Und während über Sontor langsam wieder die Stille sank, hatte sich unter der Stille etwas verändert.
Die drei waren nicht mehr nur Magier, die sich in die Aversion gewagt hatten.
Sie waren nun jene, die einen Turm zum Einsturz gebracht und etwas in der alten Burg berührt hatten, das besser verborgen geblieben wäre oder gerade deshalb von Wert sein musste.
Die Dunkel Elben wussten noch nicht, was es war.
Aber sie wussten, dass es wichtig war.
Und so schauten sie weiter.
Ungesehen.
Lernend.
Wartend.
VIII



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