Anadar IX/III
- R.

- 7. Juni
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7
Hokn`f gefiel es nicht.
Schon die Art, wie Tzadier ihm die Nachricht überbrachte, gefiel ihm nicht. Der Mann trat nicht mit der üblichen kalten Knappheit vor ihn, sondern mit Staub im Gesicht, Sand auf der Schulter und jenem vorsichtigen Ausdruck, den Untergebene tragen, wenn sie wissen, dass die Nachricht selbst gefährlicher ist als jede Schuld.
„Sprich“, sagte Hokn`f.
Tzadier senkte den Kopf nur wenig.
„Das Lager wurde überfallen.“
Für einen Augenblick war da nichts.
Kein Zorn. Kein Wort. Nicht einmal ein Gedanke, den Hokn`f hätte greifen können. Nur eine vollkommene Stille in ihm, als habe die Welt den Satz aufgenommen und beschlossen, ihn erst nachträglich mit Bedeutung zu füllen.
Dann kam die Bedeutung.
Das Lager.
Sein Lager.
„Von wem?“
„Wir wissen es noch nicht.“
Hokn`f sah ihn an.
Tzadier hielt den Blick nicht. Das war klug.
„Wie schwer?“
„Schwer.“
Das war alles, was Tzadier sagte, und gerade deshalb war es genug.
Hokn`f wandte sich ohne ein weiteres Wort ab. Hinter ihm lag die Pyramide, hell und unversehrt im unerträglichen Licht des späten Tages. Seit Tagen arbeiteten sie sich an ihr ab. Seit Tagen warfen sie Kraft, Blut, Zorn, tote Körper und lebende Dummheit gegen ihre Mauern, und noch immer stand sie da, als sei der Krieg vor ihr nur eine Unhöflichkeit des Wetters.
Er hatte geglaubt, die Dinge geordnet zu haben.
Die stille Armee hatte die unteren Terrassen besetzt, dann wieder verloren, dann erneut besetzt. Die Magier hatten unter seinem Druck gekämpft, nicht schön, nicht klug, nicht mit der Hingabe, die er von ihnen verlangt hätte, aber sie hatten gekämpft. Niemand hatte mehr sauber zurücktreten können, nachdem die toten Körper zwischen ihnen und der Pyramide standen. Niemand hatte sich noch einreden können, er sei bloß Beobachter, Vermittler oder Bote des Kodex. Hokn`f hatte die Lage so geformt, dass sie nur noch eine Richtung kannte.
Vorwärts.
Und nun das Lager.
Als er zurückkam, sah er das Ausmaß bereits aus der Ferne.
Zuerst nur Rauch. Dann Staub, der noch immer in flachen Schleiern über dem Boden lag. Dann umgerissene Zelte, zerbrochene Wagen, verstreute Kisten, flatternde Tücher und Männer, die mit der nutzlosen Hast jener arbeiteten, die zu spät begriffen hatten, dass Ordnung nicht von selbst zurückkehrt, nur weil man sich nach ihr sehnt.
Hokn`f ritt langsam.
Das Pferd unter ihm spürte seinen Zorn und wagte dennoch nicht zu scheuen. Auch Tiere lernten, wenn sie lange genug in seiner Nähe waren.
Je näher er kam, desto deutlicher wurde die Schande.
Nicht der Schaden. Schaden ließ sich ersetzen. Vorräte ließen sich neu beschaffen. Zelte ließen sich wieder aufrichten. Menschen ließen sich, wenn nötig, auf die eine oder andere Weise nützlich machen. Nein, es war nicht der Schaden, der ihn traf.
Es war die Frechheit.
Jemand war hier gewesen.
Jemand war in sein Lager eingedrungen, durch seine Reihen, an seinen Wachen vorbei, in sein Zelt, in seinen Besitz. Jemand hatte die Hand nach Dingen ausgestreckt, die Hokn`f gehörten, und war wieder gegangen.
Das war kein Angriff.
Das war eine Beleidigung.
Als er den Platz erreichte, an dem sein Zelt gestanden hatte, hielten die Männer in seiner Umgebung inne. Niemand trat zu nahe an ihn heran. Niemand sprach. Sie alle wussten offenbar, dass der erste, der das falsche Wort fand, vielleicht der letzte sein würde, der überhaupt noch Worte brauchte.
Von seinem Zelt war kaum mehr etwas übrig.
Die schweren Tücher lagen zerrissen im Sand. Ein Trägerbalken war halb verkohlt. Ein Tisch lag mit abgebrochenen Beinen schräg über einer Kiste. Schriftrollen waren zerstreut, viele verbrannt, andere vom Wind in den Schmutz getragen. Wo der Boden seines inneren Gemachs gewesen war, schimmerte eine dunkle, glatte Fläche.
Glas.
Der Sand war geschmolzen und wieder erstarrt.
Hokn`f stieg ab.
Langsam.
Er ging auf die Stelle zu, kniete sich nicht hin, sondern beugte sich nur leicht vor. Seine Finger berührten das dunkle Glas. Es war noch warm. Nicht heiß. Warm genug.
Feuer.
Ein Feuermagier.
Sein erster Gedanke war Anadar.
Der Name stieg in ihm auf wie Gift.
Anadar.
Natürlich hätte es zu ihm gepasst. Nicht in der Ausführung, vielleicht. Anadar war gefährlich, aber nicht heimlich in dieser Art. Er brach Tore eher ein, als dass er durch Hinterwände kroch. Und doch, wer sonst hätte genug Kraft gehabt, zwei Wächter zu vernichten, sein Zelt in einen Wirbel zu reißen und einen ganzen Lagerabschnitt zu verwüsten?
Aber Anadar war nicht mehr da.
Marabar hatte ihn, dessen war sich Hokn`f sicher.
Er wusste es, und dennoch mochte er den Gedanken nicht. Dinge, die mit Anadar zu tun hatten, blieben selten dort, wo man sie festgenagelt glaubte. Der Mann war ein Fehler der Welt, der sich als Held missverstand.
Oder ein anderer Feuermagier.
Ein Schüler.
Ein Verbündeter.
Ein Bote.
Jemand aus der Feurigen Feste.
Hokn`fs Hand glitt unwillkürlich zu seinem Hals.
Unter dem schwarzen Stoff seiner Kleidung lag die Kette. Er fühlte den kleinen, versiegelten Behälter daran, kühl und glatt gegen seine Finger. Die letzten Mondtropfen waren dort. Sicher. Immer bei ihm. Er hatte sie nicht im Zelt gelassen, nicht in einer Truhe, nicht unter Bannzeichen, nicht in einem Versteck, das andere hätten finden können. Es gab Dinge, die man nur dann besaß, wenn man sie auf der Haut trug.
Gut.
Zumindest das.
„Was fehlt?“ fragte Tzadier hinter ihm.
Hokn`f drehte sich nicht um.
„Das frage ich mich gerade, es lässt sich schwer abschätzen, bei der Verwüstung.“
Hokn`fs Blick blieb auf dem geschmolzenen Boden. Tzadier zögerte.
„Wo ist die schwarze Reisekiste?“
Nun drehte er sich um.
Tzadier war klug genug, nicht zurückzuweichen, aber nicht klug genug, diesen winzigen Reflex ganz zu unterdrücken.
Hokn`f atmete einmal langsam ein.
Dann noch einmal.
Natürlich, hatte sich der Dieb das Buch geholt, er war sich sicher. Das Buch war nicht mehr notwendig. Nicht im unmittelbaren Sinn. Er hatte gelesen, was er lesen musste. Er hatte sich die entscheidenden Passagen herausgeschrieben, wie es jeder tat, der nicht von einem einzelnen Gegenstand abhängig sein wollte. Jeder brauchbare Zauber lag auf einer eigenen Rolle. Mehrere waren vervielfältigt worden. Eine vollständige Abschrift des Wichtigsten war in Ashambrat verborgen, an einem Ort, den keiner der gewöhnlichen Suchenden je finden würde.
Das Buch war also nicht entscheidend.
Und doch war es fort.
Und was nicht mehr in seinem Besitz war, konnte gegen ihn verwendet werden.
Nicht von jedem. Nein. Die meisten, die es öffneten, würden kaum mehr darin sehen als alte Schrift, Warnungen, Kreise, schreckliche Beschreibungen, vielleicht einige Formeln, die sie nicht auszuführen wagten. Aber ein Feuermagier mit genug Willen, genug Wut und genug Verzweiflung war etwas anderes.
„Wer war im Lager?“ fragte Hokn`f.
„Niemand, der hätte eindringen dürfen.“
„Das war nicht meine Frage.“
Tzadier presste die Lippen zusammen.
„Die Wachen sahen nichts. Einige behaupten, ein Sandwirbel sei aus dem Inneren des Zeltes gekommen. Andere sprechen von einem Mann mit verdecktem Gesicht. Wieder andere schwören, es sei nur Feuer gewesen.“
Hokn`f trat einen Schritt näher.
„Sie sahen nichts, bis mein Zelt brannte?“
„So scheint es.“
„Und dann ließen sie ihn entkommen?“
„Im Chaos war es schwer zu erkennen, wer oder was sich bewegte.“
Hokn`f lächelte.
Es war kein angenehmes Lächeln.
„Im Chaos.“
Tzadier schwieg.
Gut.
Schweigen war in diesem Augenblick eine der wenigen Fähigkeiten, die Hokn`f an anderen schätzte.
Er ging langsam über die gläserne Stelle hinweg. Unter seinen Stiefeln knirschten Splitter. Der Angriff war stark gewesen, aber nicht ohne Hast. Das Zelt war durchsucht worden. Nicht vollständig. Nicht mit kalter Ruhe. Der Eindringling hatte etwas gesucht und gefunden. Danach hatte er den Wirbel nicht genutzt, um möglichst viele zu töten, sondern um Verwirrung zu schaffen und Vorräte zu zerstören.
Jemand hatte gedacht.
Nicht sauber genug.
Aber gedacht.
Das gefiel Hokn`f noch weniger.
Am Rand des verwüsteten Platzes standen einige Wachen. Menschen. Staubig, erschrocken, einige verletzt, alle mit jener stummen Hoffnung, dass eine Katastrophe in der Menge der Schuldigen untergehen könne. Hokn`f sah sie an, und sie senkten die Blicke.
„Tzadier.“
„Ja.“
„Die Wachen dieses Abschnitts werden hingerichtet.“ Sagte er, so dass es nut Tzadier hören konnte.
„Herr“, sagte Tzadier leise, „jetzt?“
Hokn`f blickte zu den Zelten, in deren Richtung Fontal und From sich irgendwo befinden mussten. Beide würden fragen. Beide würden diesen mühsamen moralischen Ernst in die Stimme legen. Beide würden Einwände erheben, als sei Krieg eine Übung in reiner Absicht. Fontal mit ihrem verletzten Blick, der ständig mehr sah, als ihr zustand. From mit dieser steifen Würde, die Schuld immer nur dann erkannte, wenn sie nicht die eigene war.
„Noch nicht“, sagte Hokn`f.
Tzadier sah auf.
„Schiebt es auf, bis ich gegangen bin. Fontal und From müssen nicht dabei sein. Sie reagieren auf solche Notwendigkeiten zu empfindlich.“
Ein Hauch von Verständnis ging über Tzadiers Gesicht.
Endlich, dachte Hokn`f, begreift einer von ihnen den Wert von Folgsamkeit.
„Tot“, sagte Hokn`f, „gebten sie bessere Soldaten ab.“
Er wandte sich ab.
Die Wachen waren erledigt. Nicht körperlich, noch nicht, aber in jeder Bedeutung, die zählte.
Grot fand er wenig später bei den Wassermagiern.
Der Mann stand über einer flachen Schale, in der sich kein klares Bild halten wollte. Seine Leute waren erschöpft. Man sah es an ihren Schultern, an ihrer Haut, an der Art, wie sie die Hände bewegten. Die Wüste fraß sie langsamer als die Schlacht, aber gründlicher.
Grot blickte auf, als Hokn`f kam.
„Ihr seid zurück.“
„Wie Ihr seht.“
„Das Lager?“
„Beschädigt. Nicht gebrochen.“
Grot nickte langsam.
Er war kein Dummkopf. Das unterschied ihn von vielen. Er stellte nicht die Fragen, die andere nur stellten, um zu zeigen, dass sie Anteil nahmen.
„Und die Pyramide?“ fragte Hokn`f.
Grot sah zur Senke hinab.
„Kein Durchbruch. Wir haben am Morgen die dritte äußere Ebene erreicht und am Mittag wieder verloren. Zwei Zugänge, die wir für echte Öffnungen hielten, waren keine. Oder sie waren es nur solange, bis wir ihnen nahe genug kamen.“
„Die Sondra?“
„Sie bluten.“
Das war die erste erfreuliche Nachricht des Tages.
Hokn`f hob leicht den Kopf.
„Wie viele?“
„Schwer zu sagen. Einige sicher tot. Mehrere verwundet. Sie tragen ihre Gefallenen schnell fort, wenn sie können.“
„Wenn sie können“, wiederholte Hokn`f.
Darin lag der Kern.
Die Sondra waren nicht unsterblich. Das war wichtig. All ihre Würde, all ihre fremde Anmut, all ihre verachtenswerte Ruhe änderten nichts daran, dass Stahl sie öffnen, Feuer sie brennen und ein toter Körper sie von einer Stufe reißen konnte. Sie starben. Vielleicht schwerer als Menschen. Vielleicht schöner. Vielleicht mit weniger Lärm. Aber sie starben.
Und jeder Tote war Material.
Freund.
Feind.
Mensch.
Sondra.
Es machte keinen Unterschied, sobald man wusste, wie man den letzten Rest Willen aus dem Fleisch entfernte und durch Gehorsam ersetzte.
„Meine stille Armee?“ fragte Hokn`f.
Grot sah ihn an, und für einen Moment lag etwas in seinem Blick, das beinahe Abscheu hätte sein können. Dann senkte er die Augen.
„Sie verliert Substanz. Die Körper zerbrechen. Manche lassen sich nicht erneut aufrichten, wenn sie zu stark zerschlagen wurden. Die Sondra haben gelernt, Glieder zu trennen und Köpfe vom Feld zu entfernen.“
„Dann brauchen wir Nachschub.“
„Ja.“
Grot sagte es nicht gern.
Das spielte keine Rolle.
Hokn`f sah über das Lager hinweg nach Norden, dorthin, wo Ashambrat lag. Eine Stadt voller Menschen. Voller Körper. Voller Angst, Ehrgeiz, Neugier, Schwäche, Schuld und nutzlosen Lebens. Menschen, die glaubten, ihr Wert liege darin, Entscheidungen zu treffen, Stimmen zu erheben, Häuser zu besitzen, Kinder zu zeugen und zu sterben, wenn es ihnen beliebte.
So viel Potential.
Er hatte bisher Maß gehalten.
Nicht aus Barmherzigkeit. Barmherzigkeit war die Tugend derer, die es sich leisten konnten, fremde Gefahren nicht zu Ende zu denken. Er hatte Maß gehalten, weil zu frühe Ausschöpfung Aufmerksamkeit weckte, Widerstand erzeugte, Spuren hinterließ. Aber vielleicht war nun die Zeit gekommen, Ashambrat nicht mehr nur als Ort der Macht zu betrachten.
Sondern als Vorrat.
In drei Tagen war Konklave.
Er musste zurück.
Fontal und From musste er mitnehmen. Das war lästig, aber notwendig. Ließ er sie hier, würden sie vielleicht beginnen, miteinander zu sprechen, ohne seine Anwesenheit zu fürchten. Nahm er sie mit, konnte er ihre Stimmen kontrollieren, ihre Einwände in den Rahmen setzen, den er vorgab, ihre Unsicherheit gegen sie verwenden. Außerdem brauchte er Zeugen. Nicht ehrliche Zeugen. Nützliche.
Die Feurige Feste würde Fragen stellen.
Tandor würde sich wichtig machen.
Und er?
Er würde sie vor vollendete Tatsachen stellen, die Notwendigkeit eines entschlossenen Gegenschlags. Eine Pyramide, die sich jeder Ordnung verweigerte. Sondra, die Magier töteten. Eine Bedrohung, die nur durch vereinte Macht zu brechen war.
Ja.
Der Überfall war ärgerlich.
Aber vielleicht war er auch Geschenk.
Hokn`f spürte, wie sein Zorn sich abkühlte und zu etwas Besserem wurde.
Nutzen.
„Tzadier“, rief er, ohne sich umzudrehen.
Der Mann trat näher.
„Herr.“
„Ihr und Grot haltet die Stellung.“
Grot hob den Blick.
„Ihr geht nach Ashambrat?“
„Zur Konklave.“
„In drei Tagen.“
„Ich weiß, wann sie stattfindet.“
Grot schwieg.
Hokn`f sah ihn an.
„Ihr werdet während meiner Abwesenheit keine weiteren großen Vorstöße unternehmen. Das Tal wird umstellt. Kein Angriff auf das Innere. Keine Verschwendung lebender Truppen. Die stille Armee wird zurückgezogen und in einem Ring um das Tal geführt.“
Tzadier nickte.
„Befehl zum Töten?“
„Jeder, der hinein will, stirbt. Jeder, der heraus will, stirbt. Sondra, Mensch, Bote, Flüchtling, spielt keine Rolle. Nichts verlässt die Senke ohne meine Erlaubnis.“
Grot verschränkte die Hände.
„Das wird die Sondra nicht brechen.“
„Nein“, sagte Hokn`f. „Es wird sie einschließen.“
„Sie könnten uns dennoch umgehen.“
„Dann zeigt mir, dass Ihr mehr seid als ein müder Mann mit Wasser in einer Schale.“
Grot nahm die Beleidigung hin. Er hatte gelernt. Auch das konnte nützlich sein.
„Und die menschlichen Truppen?“ fragte Tzadier.
Hokn`f blickte über das Lager. Über Verwundete, erschöpfte Magier, verlorene Tiere, halb verbrannte Vorräte und Männer, die noch nicht wussten, ob sie sich vor dem Feind oder vor ihm mehr fürchten mussten.
„Ich spreche mit ihnen.“
Er tat es kurz vor Sonnenuntergang.
Nicht in seinem Zelt, denn sein Zelt gab es nicht mehr, und das war in diesem Fall sogar nützlich. Er stellte sich auf die gläserne Fläche, die der Angreifer hinterlassen hatte, als wäre sie ein eigens für ihn geschaffener Rednerplatz. Um ihn sammelten sich die Truppführer, die Magier, die noch stehen konnten, einige Reiter, viele Verwundete im Hintergrund. Fontal und From standen rechts von ihm, beide mit jener sichtbaren Erschöpfung, die Menschen oft für moralische Tiefe hielten.
Hokn`f wartete, bis genug Augen auf ihm lagen.
Dann sprach er.
„Ihr habt viel getragen.“
Seine Stimme war ruhig. Nicht hart. Nicht jetzt.
„Mehr, als manche Schulen Euch je zu tragen gelehrt haben. Ihr seid gegen einen Feind angetreten, der sich hinter alten Mauern, fremder List und feiger Heimlichkeit verbirgt. Ihr habt Verluste erlitten. Ihr habt gesehen, wie wenig diese Wesen bereit sind, sich der Ordnung der Welt zu fügen.“
Niemand widersprach.
Einige blickten zur Pyramide.
Andere zu den zerstörten Zelten.
Gut.
„Heute wurde unser Lager überfallen. Nicht auf offenem Feld. Nicht mit ehrlichem Zeichen. Ein Eindringling hat sich in unsere Mitte geschlichen, unsere Vorräte verbrannt, unser Eigentum zerstört und versucht, unsere Entschlossenheit zu brechen.“
Fontal sah ihn an.
Er spürte es.
Sie war klug genug, die Lücken zu hören. Nicht klug genug, sie vor allen zu schließen.
„Ich weiß, dass viele von Euch erschöpft sind. Ich weiß, dass viele von Euch eine Pause brauchen.“
Er ließ die Worte wirken.
Er konnte beinahe fühlen, wie Erleichterung durch manche der Anwesenden ging. Arme senkten sich. Gesichter wurden weicher. Menschen waren so dankbar, wenn man ihre Schwäche nur aussprach, dass sie oft vergaßen, wozu man sie danach benutzte.
„Und diese Pause sollt Ihr bekommen.“
Ein Murmeln.
Fontal verengte die Augen.
From sah misstrauisch aus, aber müde.
„Die Kampfhandlungen werden unterbrochen. Keine weiteren Vorstöße gegen die Pyramide, bis neue Befehle ergehen. Wir ordnen unsere Kräfte. Wir sichern das Tal. Wir nehmen den Feind in einen Ring und warten.“
Er hob die Stimme ein wenig.
„Nicht, weil wir geschlagen sind.“
Das Murmeln verstummte.
„Sondern weil ein kluger Feldherr entscheidet, wann er schlägt und wann er die Hand schließt.“
Er machte eine Pause.
„Ich werde zur Konklave nach Ashambrat zurückkehren. Dort werde ich darlegen, was hier geschehen ist. Dort werde ich Unterstützung verlangen. Nicht für mich. Für den Kodex. Für die Ordnung. Für jede Schule, die nicht eines Tages erwachen will und feststellen, dass fremde Mächte in der Wüste entscheiden, welche Gesetze gelten.“
Das war gut.
Er spürte es an ihren Gesichtern.
Nicht alle glaubten ihm. Das mussten sie nicht. Es genügte, wenn genug von ihnen nicht wagten, ihm offen zu widersprechen.
Nach der Ansprache traten Fontal und From zu ihm.
Nicht gemeinsam. Sie kamen nur im selben Augenblick, weil Menschen mit ähnlichen Vorwürfen oft glauben, Gleichzeitigkeit sei Stärke.
„Eine Pause?“ fragte Fontal.
„Ihr habt sie gehört.“
„Das ist keine Pause, wenn das Tal umstellt und jeder getötet wird, der hinein oder hinaus will.“
Hokn`f sah sie an.
„Doch. Es ist eine Pause für unsere Truppen.“
„Und für die Sondra?“
„Ich führe keinen Erholungsdienst für den Feind.“
From verschränkte die Arme.
„Was ist mit den Toten, die Ihr um das Tal marschieren lasst?“
Einige Umstehende taten so, als hörten sie nicht zu.
Hokn`f lächelte dünn.
„Welche Bezeichnung bevorzugt Ihr?“
Froms Gesicht wurde starr.
„Ich bevorzuge keine.“
„Dann fragt nicht, als ginge es um einen Namen.“
Fontal trat näher.
„Ihr zwingt die eigenen Leute in einen Kampf, den viele nicht mehr führen wollen.“
Hokn`f wandte sich ihr zu.
„Ich zwinge niemanden. Ich zeige ihnen, dass der Kampf längst begonnen hat und dass Wegsehen keine Verteidigung ist.“
„Ihr habt die Lage so geschaffen.“
„Ich habe Tatsachen anerkannt, die Ihr zu lange betrachten wolltet, bis sie Euch um Erlaubnis bitten.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein“, sagte Hokn`f. „Das eine gewinnt Kriege. Das andere schreibt später traurige Berichte darüber, warum man verloren hat.“
Fontal schwieg, aber ihr Blick blieb fest.
Hokn`f mochte diesen Blick nicht. Er war nicht gehorsam genug. Noch nicht gebrochen genug. Vielleicht musste er sich um sie kümmern, bevor sie sich selbst für mutig hielt.
Aber nicht jetzt.
„Ihr beide begleitet mich nach Ashambrat“, sagte er.
From hob den Kopf.
„Weil die Konklave Berichte aus mehr als einer Schule hören sollte. Ihr werdet bestätigen, dass die Sondra sich der Ordnung widersetzen, dass sie unsere Truppen angegriffen haben, dass sie Magier töten und dass ein Durchbruch ohne Verstärkung nicht möglich ist.“
Fontal sagte: „Und wenn ich bestätige, dass sie am ersten Tag Gefangene freigelassen haben?“
Hokn`f betrachtete sie lange.
„Dann werde ich Euch nicht hindern.“
Sie wirkte überrascht.
Das freute ihn.
„Sagt es ruhig. Sagt, dass sie Gefangene freigelassen haben. Sagt auch, dass unser Lager überfallen wurde. Sagt, dass die Pyramide jeden Verhandlungsversuch als Gelegenheit nutzt, Zeit zu gewinnen. Die Konklave wird selbst entscheiden, welche Tatsachen schwerer wiegen.“
Fontal verstand den Trick.
Zu spät.
Er sah es in ihrem Gesicht.
Gnade als List. Freilassung als Ablenkung. Überfall als Beweis für Verrat. Jede Wahrheit konnte man drehen, wenn man sie in die richtige Reihenfolge zwang.
From war weniger leicht zu lesen.
„Und wenn die Konklave keine Verstärkung gibt?“
Hokn`f sah zur Pyramide.
In der Ferne lag sie im Abendlicht, still, hell und verhasst.
„Dann wird sie sich später fragen müssen, warum sie die letzte Gelegenheit ausgeschlagen hat.“
Noch in derselben Nacht zog er die stille Armee zurück.
Er stand außerhalb des Lagers und hob das Zeichen, das an der Kette unter seiner Kleidung lag. Nicht die Mondtropfen. Etwas Einfacheres. Härteres. Ein Knochenring, in dessen Oberfläche kleine Zeichen geschnitten waren, die bei Tageslicht unscheinbar wirkten und im Mondlicht wie feuchte Wunden glänzten.
Die Körper kamen.
Aus den unteren Terrassen. Aus den Sandmulden. Von den Rändern der Pyramide. Manche gingen. Manche krochen. Einige waren kaum noch nützlich, doch selbst Bruchstücke konnten Befehle halten, wenn man sie richtig band. Der Anblick hätte andere entsetzt.
Hokn`f prüfte ihn wie ein Handwerker sein Werkzeug.
Zu viele beschädigt.
Zu wenige frisch.
Das musste sich ändern.
Er ordnete sie in langen, dunklen Linien um das Tal. Nicht eng genug, um einen Sturmangriff zu bilden, sondern breit genug, um jedes Entkommen zur Gefahr zu machen. Sie würden nicht schlafen. Nicht zweifeln. Nicht murren. Nicht fragen, weshalb sie in der Nacht marschierten. Darin lag ihre Schönheit.
Als die letzten Reihen sich in Bewegung setzten, trat Tzadier neben ihn.
„Die Hinrichtungen?“
Hokn`f sah nicht zu ihm.
„Wenn wir aufgebrochen sind.“
„Alle Wachen des Abschnitts?“
„Alle.“
„Und die Körper?“
„Bewahrt sie gut. Ich will sie bei meiner Rückkehr verwenden können.“
Tzadier nickte.
„Verstanden.“
„Grot soll die Wassermagier in Bereitschaft halten. Kein Heldentum. Keine unnötigen Verluste. Wenn die Sondra einen Ausfall wagen, zieht ihr euch hinter die toten Linien zurück und lasst sie sich abarbeiten.“
„Und wenn sie versuchen zu verhandeln?“
Hokn`f blickte in das dunkle Tal.
„Dann hört Ihr zu.“
Tzadier sah ihn überrascht an.
„Und danach?“
„Dann tötet Ihr den Boten, wenn er gehen will.“
Am nächsten Morgen brach Hokn`f nach Ashambrat auf.
Fontal und From ritten mit ihm. Beide schweigsam. Beide müde. Beide noch immer überzeugt, ihre Gedanken gehörten ihnen allein. Hinter ihnen blieb das beschädigte Lager zurück, zusammen mit Grot, Tzadier, den menschlichen Truppen und der stillen Armee, die in einem weiten Ring um das Tal marschierte.
Hokn`f sah nicht zurück.
Er brauchte die Pyramide nicht anzusehen, um sie zu hassen.
Drei Tage bis zur Konklave.
Drei Tage, um den Überfall zu nutzen.
Drei Tage, um die Feurige Feste zu zwingen, sich endlich zu bewegen.
Drei Tage, um Ashambrat neu zu betrachten, nicht als Stadt, nicht als Sitz der Schule, nicht als Ort der Lehre, sondern als Speicher von Möglichkeiten.
Er berührte wieder die Kette an seinem Hals.
Die Mondtropfen waren sicher.
Das Buch war fort.
Der Dieb war irgendwo dort draußen.
Die Pyramide stand noch.
Die Sondra lebten noch.
Aber seine Lage war nicht schlecht.
Nicht, wenn er sie richtig dachte.
Nicht, wenn er bereit war, alles zu nutzen, was andere aus Schwäche noch Menschlichkeit nannten.
Hokn`f ritt nach Norden, und während die Sonne über der Wüste aufstieg, schwor er sich, dass er nach der Konklave mit etwas zurückkehren würde, das diese Pyramide endlich öffnete.
Und wenn er dafür ganz Ashambrat durch das Tal der Toten marschieren lassen musste.
8
Sie hatten keine Gelegenheit mehr, miteinander zu sprechen.
Nicht mit Worten.
Nicht mit Gedanken.
Nicht einmal mit Blicken.
Anadar sah Gnok nicht mehr, nachdem der Dämon ihnen die Augenbinden wieder zurechtgeschoben hatte. Er hörte den alten Zauberer nicht, hörte nicht, ob er fortgeführt wurde, ob er stolperte, ob er sich wehrte, ob sein neu erwachter Wille bereits wieder unter Marabars Händen zu brechen drohte. Er hörte nur Schritte, Stoff, das Knarren schwerer Türen und irgendwann die ruhigen Bewegungen jener zwei stillen Zwillinge mit den leeren Augen, die ihn aus dem Raum holten.
Sie sprachen nicht.
Sie atmeten nicht.
Sie rochen nicht nach Angst, nicht nach Schweiß, nicht nach Leben im gewöhnlichen Sinn. Ihre Hände waren kalt, wie die bei einem Toten, ihre Berührung war ohne jede Absicht außer der fremden, die man ihnen eingepflanzt hatte. Sie fassten Anadar unter den Armen, hoben ihn mit jener gleichmäßigen Kraft hoch, die nicht aus Zorn, Eile oder Anstrengung kam, und trugen ihn hinaus.
Er versuchte, auf Geräusche zu achten.
Auf Gnoks Stimme.
Auf eine zweite Tür.
Auf den Laut eines Körpers, der ebenfalls bewegt wurde.
Nichts.
Nur Stein unter Füßen. Dann Luft. Kühle. Der Geruch von Staub, Leder, Tieren und altem Holz. Eine Kutsche. Er wurde hineingehoben, nicht geworfen, nicht gestoßen, beinahe sorgfältig abgelegt, und diese Sorgfalt war schlimmer als rohe Gewalt gewesen wäre. Sie bedeutete, dass sein Körper für Marabar noch Wert besaß.
Noch.
Die Tür der Kutsche wurde geschlossen.
Anadar saß im Dunkeln.
Die Augenbinde war fest. Sein Mund war ebenfalls verbunden, nicht so eng, dass er nicht atmen konnte, aber eng genug, um jedes Wort in ein sinnloses Geräusch zu verwandeln. Seine Hände waren gebunden, seine Beine gesichert, und ihm gegenüber saß etwas, das er nicht sehen musste, um zu wissen, dass es da war.
Der Dämon.
Er spürte ihn.
Nicht als Wärme. Nicht als Geruch. Eher als Störung des Raumes. Als wäre die Luft an einer Stelle zu dicht, zu aufmerksam, zu sehr mit Blicken gefüllt. Hin und wieder hörte Anadar ein leises feuchtes Blinzeln, ein Rascheln, eine minimale Verlagerung von Gewicht, das kaum zu der Größe des Wesens passte. Der Dämon saß mit ihm in der Kutsche wie ein Wächter, der keine Worte brauchte, weil sein bloßes Dasein jeden Gedanken an Flucht zu einer lächerlichen Geste machte.
Die Kutsche setzte sich in Bewegung.
Er wusste nicht, ob Gnok in einer zweiten Kutsche war. Er vermutete es. Marabar hätte ihn nicht zurückgelassen. Nicht nach dem, was Gnok war. Nicht nach dem, was Gnok wusste. Nicht nach dem, was Anadar ihm gerade gesagt hatte. Vielleicht hatte der alte Mann jetzt in einem anderen Wagen die Augen verbunden, den Mund verschlossen, den Körper gefesselt und einen eigenen Wächter neben sich. Vielleicht saß er im Dunkeln und wiederholte lautlos denselben Gedanken.
Maraà lebt.
Anadar hielt sich daran fest.
Nicht lange.
Zu lange daran festzuhalten war gefährlich. Hoffnung konnte wärmen, aber sie konnte auch unvorsichtig machen. Marabar würde zurückkommen. Er würde fragen. Er würde lächeln. Er würde so tun, als sei alles eine Unterhaltung zwischen gebildeten Männern, und jedes Wort wäre eine Klinge, die unter Seide verborgen lag.
So geschah es.
Nicht sofort.
Zuerst kamen Stunden, in denen es nur das Rollen der Räder gab, das Knarren der Achsen, das Schnauben der Zugtiere, das dumpfe Poltern über unebenen Grund und den Atem in seinem eigenen Mundtuch. Manchmal bog die Kutsche ab. Manchmal wurde der Boden glatter. Manchmal holperte sie durch tiefe Rinnen. Anadar versuchte, aus Bewegungen eine Richtung zu erschließen, doch bald gab er es auf. Marabar würde ohnehin nicht den offensten Weg nehmen. Und selbst wenn, was hätte ihm dieses Wissen genützt?
In den stillen Stunden begann Anadar wieder nach innen zu hören.
Nicht so tief wie zuvor. Nicht in Ruhe. Nicht in Sicherheit. Aber die Dunkelheit zwang ihn beinahe dazu. Wenn Augen und Mund verbunden waren, wenn Hände und Füße nicht gehorchten und die Welt nur aus Atem, Schmerz und Rädern bestand, blieb der Geist das einzige Gebiet, das noch nicht vollständig besetzt war.
Zum Zauberer werden.
Das Wort kehrte zurück.
Er ging erneut zu seinen ersten Erinnerungen. Nicht mit Gewalt. Gewalt schloss sie eher. Er suchte nach den Momenten, in denen Magie nicht Technik gewesen war. Nicht Schrift. Nicht Kreis. Nicht gesprochene Silbe. Er suchte nach dem, was Gnok ihm gezeigt hatte, ohne es erklären zu können, nach jenem Unterschied zwischen einem Magier, der vorhandene Kraft durch Formen zwang, und einem Zauberer, der mit der Welt wirkte, als lausche sie ihm.
Er dachte an das erste Feuer in der Feurigen Feste.
An die Flamme über seiner Kinderhand.
Er dachte an den Stall im namenlosen Dorf.
An Slonda, frierend und hungrig im Heu.
An jenen kleinen Funken, der vielleicht gar kein Feuer gewesen war, sondern Antwort.
Etwas hatte geantwortet.
Nicht auf Wissen.
Auf Not.
Auf Nähe.
Auf den Wunsch, dass sein Bruder nicht frieren sollte.
Anadar versuchte, dieses Gefühl wiederzufinden. Nicht die Erinnerung daran. Das war leicht. Die Erinnerung lag nun offen wie ein aufgeschlagenes Buch. Aber das Gefühl selbst war verschüttet unter Jahrzehnten von Disziplin. Er war Meister geworden. Er hatte gelernt, jede Regung zu ordnen, jeden Strom zu prüfen, jede Kraft zu binden, ehe sie ihn binden konnte. Vielleicht hatte er dabei auch gelernt, nicht mehr zu hören, wenn die Welt antwortete, bevor er gefragt hatte.
Der Gedanke war unangenehm.
Also blieb er dabei.
Wann immer Marabar nicht bei ihm war, suchte Anadar weiter. Vorsichtig, tastend, manchmal fast zornig, weil er sich in seinem eigenen Inneren wie ein Schüler vorkam, der vor einer Tür stand und den Griff nicht fand. Er horchte auf die kleinen Bewegungen von Magie in ihm. Auf das, was nicht vorbereitet war. Auf die Stelle, an der ein Wille entsteht, bevor er Wort wird.
Dann öffnete sich wieder die Kutschentür.
Licht fiel ein.
Anadar hob unwillkürlich den Kopf.
Hände lösten die Binde von seinem Mund, dann die von seinen Augen. Er blinzelte. Das Licht war nicht hell, nur der matte Schein eines bedeckten Tages oder eines späten Nachmittags, der durch das kleine Fenster der Kutsche fiel. Trotzdem brannte es kurz in seinen Augen.
Marabar saß ihm gegenüber.
Natürlich saß er dort, als sei er nie anderswo gewesen.
Sein Gewand war glatt. Sein Gesicht war ruhig. Nicht eine Staubspur lag auf ihm, nicht ein Zeichen der Reise, nicht ein Hauch jener körperlichen Unordnung, die jeden Menschen irgendwann ereilte, der länger in einer Kutsche saß. Er trug dieses leichte Lächeln, das nie ganz aufhörte und nie ganz begann. Ein Lächeln, das nur ihm selbst gehörte.
Der Dämon saß neben Anadar.
Nun sah er ihn wieder.
Zu viele Augen. Zu viele kleine Bewegungen. Zu viele Stellen, an denen etwas in seinem Körper blickte, blinzelte, zuckte oder still wartete. Der Dämon hatte den Kopf leicht geneigt, als lausche er. Vielleicht lauschte er wirklich. Vielleicht sah er auch nur mit Augen, die an Orten saßen, an denen Augen nicht sein sollten.
Marabar faltete die Hände im Schoß.
„Wie ist Euer Empfinden heute, Meister der Feurigen Feste, Anadar?“
Anadar räusperte sich. Seine Kehle war trocken.
„Beginnen wir dieselbe Diskussion wie gestern, Marabar?“
Er ließ den Titel weg.
Absichtlich.
Marabar bemerkte es. Natürlich bemerkte er es. Sein Lächeln wurde um einen kaum sichtbaren Zug breiter.
„Vermutlich“, sagte er. „Außer Ihr habt Eure Meinung geändert.“
„Vermutlich nicht.“
Marabar lachte leise.
Es war kein warmes Lachen. Es war ein Geräusch der Zufriedenheit, als habe Anadar eine kleine Vorhersage erfüllt.
„Gut. Ihr habt recht. Es ist wenig sinnvoll, wenn sich das Gespräch immer um dasselbe dreht.“
„Das hält Euch nicht davon ab.“
„Nein“, sagte Marabar freundlich. „Aber es mindert den Reiz.“
Anadar schwieg.
Marabar betrachtete ihn. Es war keine hastige Prüfung. Er ließ den Blick auf Anadar ruhen, als könne er in dessen Müdigkeit, Trotz und Schweigen Schichten lesen.
„Ihr erinnert Euch also weiterhin vollständig an den Zauber.“
Anadar wusste, worauf er hinauswollte.
Naaarstr.
Das Schwert.
Die Bindung.
Der Augenblick, in dem er den Dämon in die Klinge gezwungen hatte.
Er erinnerte sich tatsächlich sehr genau. Zu genau. Er konnte die innere Struktur des Zaubers nachzeichnen, die Notwendigkeit, Naaarstrs Angriff gegen ihn selbst zu wenden, die Verbindung von Blut, Wille, Name und Stahl. Es war ihm damals nicht sonderlich schwierig erschienen, nicht im technischen Sinn. Gefährlich, ja. Kühn. In einem anderen Augenblick vielleicht töricht. Aber nicht schwierig. Das Schwierige war nicht die Form gewesen. Das Schwierige war gewesen, nicht zu zögern.
„Ich erinnere mich an vieles“, sagte er.
„Das ist keine Antwort.“
„Doch. Nur keine, die Euch gefällt.“
Marabar neigte den Kopf.
„Ihr besitzt die seltene Gabe, selbst in einer Lage wie dieser unhöflich zu bleiben.“
„Ihr besitzt die seltene Gabe, selbst Folter wie ein Tischgespräch klingen zu lassen.“
„Folter?“ Marabar sah fast betrübt aus. „Ich habe Euch geschont.“
Anadar sah zu dem Dämon neben sich.
„Das nennt Ihr schonen?“
„Ja“, sagte Marabar schlicht. „Und Ihr solltet hoffen, dass ich bei dieser Entscheidung bleibe.“
Für einen Moment lag kein Lächeln mehr auf seinem Gesicht.
Dann kehrte es zurück.
„Aber wie gesagt, dieses Gespräch ist müde geworden. Ihr werdet bald meine Brüder kennenlernen. In einigen Stunden sollten wir Sahretûn erreichen.“
Der Name fiel schwer in die Kutsche.
Sahretûn.
Anadar hatte ihn gehört. Er hatte ihn in Erzählungen, Warnungen und halb zerrissenen Wahrheiten kennengelernt. Eine Stadt der Beschwörer. Eine Stadt, die nicht mehr hätte sein dürfen. Eine Wunde im Gedächtnis der Welt. Und nun sprach Marabar davon, als reise man zu einem alten Familiensitz.
„Ich freue mich schon auf Euer Gesicht, wenn Ihr sie erblickt“, sagte Marabar. „Eures besonders. Und das von Gnok.“
Anadar ließ die Worte wirken, ohne zu viel zu zeigen.
Gnok lebt also noch, dachte er.
Gut.
„Sagt mir, Marabar“, sagte Anadar nach einer Weile, „wie kommt es, dass Sahretûn nun wieder da ist?“
Marabars Augen hellten sich auf.
Er klatschte einmal leise in die Hände, beinahe erfreut.
„Das, mein Freund, ist endlich eine gute Frage.“
„Ich bin nicht Euer Freund.“
„Noch nicht.“
Anadar antwortete nicht.
Marabar lehnte sich zurück.
„Sahretûn wurde nie zerstört. Nie vernichtet. Das ist eine der vielen kleinen Unsauberkeiten der Geschichte. Menschen lieben einfache Enden. Eine Stadt fällt. Ein Feind wird besiegt. Ein Zeitalter schließt sich. So lässt es sich gut erzählen. Es ist nur selten wahr.“
Er blickte aus dem Fenster, doch Anadar hatte den Eindruck, dass Marabar nicht die Landschaft sah. Er sah weiter zurück.
„Sahretûn wurde ersetzt.“
„Ersetzt?“
„Verlagert, wenn Euch das Wort lieber ist. In die Kerkerdimension. Zu all den Dämonen. Als letzter Ausweg jener, die glaubten, damit das Ende zu besiegeln. Es gab keinen anderen Weg mehr für sie. Man muss Mutter, Gnok und die vielen anderen loben. Sie hatten es hervorragend vorbereitet. Geheim. Gründlich. Grausam.“
Sein Lächeln wurde schmaler.
„Und doch vergaßen sie etwas.“
„Was?“
„Dass der Mensch verrät.“
Anadar schwieg.
„Das ist seine Natur“, sagte Marabar. „Nicht bei jedem Einzelnen, natürlich. Ich bin kein Narr. Aber als Art. Als Möglichkeit. Als Gesetz der Geschichte. Wo ein Geheimnis zu viele Schultern berührt, wird eine davon schwach. Wo ein Bündnis zu viele Ängste trägt, verkauft eine Stimme die anderen. Wo Macht zu vernichten droht, findet sich immer jemand, der lieber überlebt als rein bleibt.“
Er sah Anadar wieder an.
„Wir waren vorbereitet.“
Nun war es kein ruhiger Bericht mehr. Etwas in Marabar begann sich zu erhitzen. Nicht Wut. Begeisterung. Erinnerung.
„Lange bevor diese unheilige Koalition zuschlug, hatten wir Pläne geschmiedet. Ganz Sahretûn war darauf ausgelegt zu überleben. Nein.“ Er hob einen Finger. „Ich muss mich verbessern. Ganz Sahretûn ist darauf ausgelegt zu überleben.“
Die Kutsche holperte über einen Stein.
Der Dämon bewegte kaum den Kopf.
Marabar sprach weiter, und seine Stimme gewann jene feine Schwingung eines Mannes, der nicht nur erzählt, sondern sich an der eigenen Erzählung berauscht.
„Der Blutzoll, Anadar. Ihr könnt ihn Euch nicht vorstellen. Sie waren bereit, alles und jeden zu opfern, um uns zu bannen. Nicht nur Krieger. Nicht nur Beschwörer. Nicht nur Schuldige, falls dieses Wort in jener Zeit überhaupt noch Bedeutung hatte. Ganze Linien. Ganze Häuser. Wesen, deren Namen heute niemand mehr auszusprechen wagt. Sie zahlten mit Blut, Erinnerung, Städten, Kindern, Sternen, vielleicht mit Teilen der Welt selbst. Nur so konnte es ihnen gelingen.“
Er schwieg einen Atemzug.
„Und bevor sie uns auslöschten, zogen wir uns zurück.“
„In die Dimension, aus der es kein Entkommen gibt“, sagte Anadar.
Marabar lächelte nicht mehr.
„Ja.“
Das Wort war hart.
„Aus der es kein Entkommen gibt“, wiederholte er leiser. „Außer der Übergang wird von außen geöffnet.“
Anadar sah ihn an.
Marabar erwiderte den Blick.
„Und das, Meister der Feurigen Feste, war meine Aufgabe.“
Nun verstand Anadar ein weiteres Stück.
„Der Fürst von Sahretûn sandte Euch aus.“
„Er sandte mich nicht einfach aus“, sagte Marabar. „Er vertraute mir das Fortbestehen unserer Stadt an.“
Da war es. Der Stolz. Nicht laut, nicht grob, aber bis in die Knochen.
„Ich wirkte im Verborgenen. Ich verbarg mich vor euren Magiern, vor euren Schulen, vor euren lächerlich selbstzufriedenen Archiven. Vor allem aber verbarg ich mich vor Mutter. Sie hätte mich sofort erkannt. Sie hätte meinen Geruch in der Magie gespürt, noch ehe ich einen Kreis geöffnet hätte. Also wartete ich.“
Er lächelte wieder, dieses Mal dünn und kalt.
„Warten ist eine unterschätzte Kunst.“
„Ihr habt lange gewartet.“
„Länger, als viele Reiche leben.“
„Und mein Bruder?“
Marabar lachte.
Dieses Lachen gefiel Anadar nicht. Es war das Lachen eines Mannes, der auf eine Tür zeigt, aber den Raum dahinter noch nicht öffnen will.
„Euer Bruder“, sagte Marabar. „Ja. Mit ihm hatte ich einmal das Vergnügen. Er hat mir geholfen, die Zeit zu verkürzen, sagen wir es so.“
Anadars Hände spannten sich in den Fesseln.
Marabar bemerkte es.
„Keine Sorge. Ich werde gleich darauf zurückkommen. Aber zuerst die größere Bewegung.“
„Natürlich“, sagte Anadar kalt. „Erst die Geschichtsstunde, dann die Drohung.“
„Ihr unterschätzt die Eleganz einer guten Reihenfolge.“
Anadar schwieg wieder.
Das war besser.
Marabar sprach weiter.
„Als wir sicher waren, dass die Zeit wieder auf Rückkehr stand, als wir sicher waren, dass so viel Zeit vergangen war, dass sich kaum jemand mehr erinnerte, als wir sicher waren, dass die Magie zurückkehrt und die Zeichen am Himmel so stehen, dass der Übergang möglich wird, begann ich zu handeln.“
Er sah Anadar aufmerksam an.
„Die Geschichte kennt Ihr beinahe vollständig.“
„Nicht aus Eurem Mund.“
„Dann hört gut zu.“
Anadar hörte.
Nicht, weil er Marabar glaubte.
Weil selbst Lügen Form verraten, wenn der Lügner eitel genug ist.
„Ich wählte besondere Exemplare unter euch Magiern aus“, sagte Marabar. „Nicht zufällig. Nie zufällig. Fantor, dieser Widerling.“
Marabars Gesicht verzog sich, und zum ersten Mal klang seine Verachtung beinahe ehrlich.
„Bei ihm wird es sogar Dämonen übel. So entartet ist er. So klein in seiner Gier, so stolz auf seine Schmutzigkeit. Ein widerwärtiges Werkzeug, aber brauchbar, weil die Widerwärtigen oft glauben, ihre eigene Verkommenheit mache sie unangreifbar.“
Anadar dachte an Fantor.
Er sagte nichts.
„Dann Xioun“, fuhr Marabar fort. „Ein anderer Geschmack von Verderbtheit. Kälter, methodischer, mit Schülern, die bereits sehr weit auf dem Weg waren, ihren eigenen Willen als lästige Erinnerung abzustreifen. Ihr habt die beiden kennengelernt. Prächtige Diener, nicht wahr? Leer genug, um gefüllt zu werden.“
Marabar sah zu dem Dämon neben Anadar.
„Und natürlich Hokn`f.“
Jetzt lachte er laut.
Der Dämon blinzelte an mehreren Stellen zugleich.
„Hokn`f“, sagte Marabar mit sichtlichem Genuss. „Der Narr. Der sich für den Herrn der Herren hält, weil einige Eiferer vor ihm die Knie beugen und weil er gelernt hat, tote Dinge marschieren zu lassen. Ihr würdet nicht glauben, was er momentan versucht.“
„Vielleicht würde ich es doch.“
„Nein“, sagte Marabar. „Nicht in seiner ganzen Schönheit.“
Er lachte noch einmal, aber dieses Mal leiser.
„Er strebt nach Macht und versteht nicht, was wirkliche Macht bedeutet. Er sammelt Werkzeuge und hält sich für den Baumeister. Er reißt Leichen aus ihrer Ruhe und glaubt, damit die Zukunft zu beherrschen. Er sieht eine Pyramide und denkt an Belagerung. Er sieht alte Wesen und denkt an Vernichtung. Er sieht Angst und hält sie für Gehorsam.“
Marabar beugte sich leicht vor.
„Solche Männer sind nützlich. Bis sie es nicht mehr sind.“
Anadar dachte an Fontal, an From, an Shara, an die Pyramide, an das, was er nicht wissen konnte.
„Also habt Ihr sie alle benutzt.“
„Natürlich.“
„Und sie glauben, eigene Entscheidungen zu treffen.“
„Das tun sie ja auch“, sagte Marabar. „Das ist das Schöne daran. Ein guter Plan zwingt nicht jeden Schritt. Er schafft nur die Welt, in der die anderen aus freiem Willen in die Richtung gehen, die man braucht.“
Ein Moment lang sagte niemand etwas.
Die Kutsche rollte weiter.
Dann veränderte sich Marabars Gesicht.
Der Spott wich nicht ganz, aber etwas Ernstes trat darunter hervor. Er betrachtete Anadar nicht mehr wie einen Gefangenen, nicht mehr wie ein Werkzeug, nicht einmal wie einen Feind. Sondern wie ein Rätsel, das ihn seit langer Zeit beschäftigte.
„Du bist anders, Anadar.“
Er sagte es ohne Titel.
Anadar gefiel das weniger als die übertriebene Höflichkeit.
„Ganz anders.“
Marabar lehnte sich zurück, aber sein Blick blieb auf Anadar.
„So wie dein Bruder auch.“
Anadar hielt den Atem einen Augenblick zu still.
Marabar sah es.
„Du weißt es nicht, oder?“
„Was?“
„Dein Bruder war Schüler in Sahretûn.“
Anadar bewegte sich nicht.
Die Worte waren zu groß, um sofort eine Regung zu erlauben.
Slonda.
Sahretûn.
Nein.
„Lüge“, sagte Anadar.
Marabar lächelte traurig, beinahe mitleidig.
„Ihr Menschen ruft sehr schnell Lüge, wenn die Wahrheit eine falsche Form hat.“
„Slonda war in Tandor.“
„Auch.“
„Er ist Heiler.“
„Auch.“
„Er ist nicht einer von euch.“
Marabar neigte den Kopf.
„Was glaubst du, was wir sind? Nur Beschwörer in schwarzen Hallen? Nur Diener von Dämonen? Nur das, was eure Schulbücher übriglassen, damit Kinder nachts besser zwischen Gut und Böse unterscheiden können? Sahretûn war Wissen, Anadar. Wissen ohne Angst vor seinem eigenen Schatten. Wissen ohne das Bedürfnis, jeden gefährlichen Gedanken sofort in Ketten zu legen und ihn Kodex zu nennen.“
Anadar spürte, wie Zorn in ihm aufstieg.
„Ihr habt ihn korrumpiert.“
„Wir haben ihm erlaubt zu lernen.“
„Zu welchem Preis?“
Marabars Lächeln wurde kalt.
„Ah. Da hört der Bruder genauer hin.“
„Welcher Preis?“
„Nicht jeder Preis wird in Blut bezahlt. Manche werden in Türen bezahlt, die sich nie wieder schließen. Manche in Wahrheiten, die nicht mehr vergessen werden können. Manche in einem Keim.“
Anadar starrte ihn an.
„Wir haben den Keim in ihm gelegt, Anadar.“
Der Satz senkte sich langsam.
Marabar ließ ihn wirken.
„Und trotzdem“, sagte Anadar leise, „ist er nicht euer.“
„Noch so ein menschlicher Trost. Besitz. Zugehörigkeit. Reinheit. Als wäre eine Seele ein Haus mit einem einzigen Besitzer.“
„Was habt Ihr ihm angetan?“
„Wir haben ihm Wissen gegeben. Und eine Richtung. Dass er später versuchte, aus Schuld, Liebe oder feiger Menschlichkeit andere Wege zu gehen, ändert nichts daran, dass ein Teil von ihm uns kennt.“
Anadar zog an den Fesseln.
Nicht stark genug, um sie zu brechen. Stark genug, dass die Seile knirschten.
Der Dämon neben ihm bewegte einen Finger.
Nur einen.
Anadar hielt inne.
Marabar sah zu dem Dämon und dann zurück zu Anadar.
„Vernünftig.“
„Wenn Ihr Slonda benutzt habt“, sagte Anadar, „werde ich Euch töten.“
„Wenn?“ Marabar lachte leise. „Anadar, du sitzt gefesselt in meiner Kutsche auf dem Weg nach Sahretûn. Dein Bruder trägt unsere Spuren. Mutter hat sich jahrtausendelang hinter Legenden versteckt. Gnok sitzt wieder in der Nähe jener Stadt, die er glaubte verbannt zu haben. Hokn`f spielt mit Toten, Fantor und Xioum haben ihre Rollen erfüllt, und der Übergang ist offen. Vielleicht ist es Zeit, das Wort wenn sparsamer zu verwenden.“
Anadar schwieg.
Marabar beugte sich vor.
„Wir würden dir dieselbe Ehre anbieten.“
Anadar sah ihn an.
„Welche Ehre?“
„Zu lernen. Wirklich zu lernen. Nicht das armselige, beschnittene Handwerk der Schulen. Nicht die Magie, die sich vor sich selbst entschuldigt, bevor sie wirkt. Nicht diese erbärmliche Verehrung von Grenzen.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Sahretûn könnte dich aufnehmen.“
Anadar spürte, wie der Raum enger wurde.
„Meister von Sahretûn, Anadar.“
Marabar sagte den Titel langsam, als koste er ihn.
„Denk darüber nach. Du würdest ohne Mühe Herr von Sahretûn werden. Vielleicht mehr. Vielleicht eines Tages Fürst von Sahretûn. Du hast Macht, die deine Schulen kaum begreifen. Du hast Willen. Du hast bereits einen Dämon gebunden, ohne zu wissen, welche Türen du damit berührt hast. Und du trägst etwas in dir, das älter ist als deine Ausbildung.“
Anadar sagte nichts.
Marabars Blick wurde schärfer.
„Ja“, sagte er leise. „Du weißt, dass ich recht habe. Du suchst danach. Ich sehe es, etwas in dir bewegt sich.“
Anadar spürte Kälte in sich.
„Ihr wisst nichts darüber.“
„Ich weiß genug.“
Anadar wollte ihm ins Gesicht schlagen.
Er konnte nicht.
Das war vermutlich Absicht.
Marabar sprach weiter, nun wieder ruhiger.
„Stell dir die Welt vor, die wir schaffen werden, jetzt da die Magie wieder erwacht. Keine zerfallenden Schulen mehr, die alte Regeln nachbeten, ohne ihren Ursprung zu kennen. Keine Konklaven aus Männern und Frauen, die über Macht sprechen, als sei Macht eine Last, die man möglichst langsam tragen müsse. Keine Fürsten, keine Tempel, keine kleinen Meister, die ihre winzigen Wahrheiten bewachen wie Bettler ein Stück Brot.“
Er hob die Hand, und für einen Augenblick schien die Luft zwischen ihnen dunkler zu werden.
„Kontrolle, Anadar. Wirkliche Kontrolle. Über Dämonen. Über Magie. Über Leben und Tod, soweit sie sich fassen lassen. Über jene, die sich in den Weg stellen. Über jene, die zu schwach sind, um nicht geführt zu werden. Die Welt ist müde von Unordnung. Sie ist müde von Angst, von Zufall, von Verrat ohne Form. Sahretûn wird ihr Form geben.“
„Ihr nennt Versklavung Form.“
„Ich nenne es Frieden.“
„Nein“, sagte Anadar. „Ihr nennt es Frieden, weil die Toten nicht widersprechen.“
Marabar lächelte.
„Hokn`fs Fehler. Nicht meiner.“
„Eure Stadt hat Dämonen geschaffen.“
„Menschen haben Dämonen geschaffen. Sahretûn hat verstanden, dass man sie nicht einfach ungeschehen machen kann.“
„Also dient Ihr ihnen?“
„Nein.“
Zum ersten Mal kam Schärfe in Marabars Stimme.
„Wir herrschen über sie.“
Der Dämon neben Anadar blinzelte.
Anadar sah nicht zu ihm.
„Ihr glaubt das“, sagte er.
Marabar betrachtete ihn lange.
Dann entspannte sich sein Gesicht.
„Darum bist du interessant.“
„Weil ich Euch widerspreche?“
„Weil du nicht dumm widersprichst.“
Anadar schwieg.
Marabar lehnte sich zurück.
„Wie deinem Bruder, so bieten wir es auch dir an.“
„Mein Bruder hat euch verlassen.“
„Hat er das?“
„Ja.“
„Dann frage ihn, falls du Gelegenheit bekommst, ob man Sahretûn je wirklich verlässt.“
Anadar spürte, dass Marabar genau dort treffen wollte. Zwischen Liebe und Misstrauen. Zwischen Vergangenheit und Bruderband. Zwischen dem Kind im Heu und dem Mann, der vielleicht Dinge gelernt hatte, von denen Anadar nichts wusste.
Er ließ es nicht zu.
Nicht sichtbar.
„Ihr glaubt, mir Macht anbieten zu können“, sagte Anadar. „Aber alles, was Ihr sagt, klingt nach Angst.“
Marabars Lächeln blieb, aber etwas dahinter wurde still.
„Angst?“
„Vor Mutter. Vor Gnok. Vor dem, was vergessen wurde. Vor dem, was zurückkehrt. Vor Anadar, sonst würdet Ihr mich nicht fragen, sondern brechen.“
Der Dämon bewegte sich.
Marabar hob kaum merklich die Hand, und das Wesen blieb.
Einen Moment lang war in der Kutsche nur das Rollen der Räder.
Dann lächelte Marabar wieder.
Langsam.
„Sehr gut.“
Anadar hasste, dass er es wie Lob klingen ließ.
„Du wirst Zeit haben, darüber nachzudenken“, sagte Marabar. „Nicht viel. Aber genug. Sahretûn liebt Entscheidungen, besonders jene, die Menschen treffen, nachdem sie glauben, sie hätten keine mehr.“
Er griff nach der Augenbinde.
Anadar wich nicht zurück.
Marabar hielt inne, als habe ihn das amüsiert.
„Die Frage ist einfach, Anadar.“
Er beugte sich näher.
„Wie wirst du dich entscheiden, Bruder?“
Das letzte Wort sagte er leise.
Nicht spöttisch.
Nicht zärtlich.
Schlimmer.
Als Anspruch.
Dann wurde die Binde wieder über Anadars Augen gezogen.
Die Welt versank im Dunkel.
Kurz darauf wurde auch sein Mund wieder verbunden, und Marabars Gegenwart entfernte sich. Die Tür der Kutsche öffnete sich, schloss sich, und Anadar war wieder allein mit dem Poltern der Räder, seinem Atem und dem Dämon, der neben ihm saß und mit zu vielen Augen in der Finsternis wachte.
Doch diesmal war die Dunkelheit nicht leer.
Sahretûn lag vor ihm.
Slonda lag zwischen ihnen.
Und irgendwo tief in Anadar, unter Zorn, Angst und der Versuchung, Marabars Worte einfach als Lüge fortzuwerfen, bewegte sich jener kleine Funke aus dem Stall.
Etwas hatte einst geantwortet.
Nicht auf Macht.
Nicht auf Kontrolle.
Nicht auf Herrschaft.
Auf Liebe.
Anadar hielt sich daran fest, als die Kutsche weiterfuhr.
9
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Das Angebot stand.
Marabar hatte es ausgesprochen, nicht beiläufig, nicht als leere Verlockung, sondern mit jener ruhigen Gewissheit, die seine Worte gefährlicher machte als jede Drohung. Meister von Sahretûn. Herr von Sahretûn. Vielleicht eines Tages Fürst von Sahretûn. Macht, Kontrolle, Wissen, eine Stadt, die nicht gefallen war, sondern gewartet hatte. Eine Stadt, die aus der Kerkerdimension zurückgekehrt war wie ein Gedanke, den die Welt zu lange verdrängt hatte.
Anadar hatte nicht geantwortet.
Nicht wirklich.
Er hatte Marabar widersprochen, ja. Er hatte ihn gereizt, geprüft, mit knappen Sätzen zurückgestoßen. Aber das Angebot selbst war nicht verschwunden. Es hing noch immer zwischen ihnen, selbst nachdem Marabar die Augenbinde gelöst hatte, selbst nachdem die Kutsche angehalten hatte, selbst nachdem der Beschwörer sich mit einer fast höflichen Bewegung erhoben hatte.
„Im Zeichen meines guten Willens“, sagte Marabar, „werde ich Euch nun losbinden lassen.“
Anadar sah ihn an.
Der Dämon neben ihm bewegte sich nicht. Nur seine Augen blinkten weiter, unregelmäßig, stumm und aufmerksam.
„Eures guten Willens“, wiederholte Anadar.
„Ja.“
„Wie großzügig.“
Marabar lächelte.
„Ihr werdet keinen Fluchtversuch wagen, Anadar.“
„Nein?“
„Nein.“ Marabar deutete mit einer Hand auf den Dämon. „Wir haben Gnok. Und wir haben ihn. Er wird Euch jagen, falls Ihr Euch für einen dummen Augenblick entscheidet.“
Der Dämon neigte den Kopf kaum merklich.
Es war nicht sicher, ob diese Bewegung ein Zeichen von Verständnis, Erwartung oder Hunger war.
„Deshalb bitte ich Euch“, fuhr Marabar fort, „keine magischen Tricks. Keine Mordversuche. Keine theatralischen Ausbrüche verletzten Stolzes. Wenn Ihr Euch vernünftig verhaltet, könnt Ihr ungebunden bleiben.“
„Und wenn nicht?“
„Dann werdet Ihr die Antwort nicht lange genug genießen, um daraus etwas zu lernen.“
Anadar erwiderte nichts.
Einer der stillen Zwillinge trat in die Kutsche. Seine Augen waren leer, sein Gesicht glatt, seine Bewegungen präzise. Er löste die Fesseln an Anadars Händen, dann an seinen Füßen. Nicht grob. Nicht vorsichtig. Er tat es mit derselben vollkommenen Ausdruckslosigkeit, mit der ein Schreiber eine bereits feststehende Zeile abschreibt.
Als die Seile fielen, bewegte Anadar die Finger.
Es schmerzte.
Nicht stark genug, um es zu zeigen. Stark genug, um ihn daran zu erinnern, dass Freiheit manchmal zuerst nur bedeutet, die eigenen Verletzungen wieder deutlicher zu spüren. Seine Gelenke waren steif. Die Haut an den Handgelenken war wund. In seinen Schultern saß eine dumpfe Härte von zu langer Spannung.
Marabar öffnete die Tür der Kutsche.
Kühle Luft kam herein.
Nicht die Luft einer grünen Landschaft. Nicht die trockene Hitze der Wüste, wie Anadar sie aus den Ländern um die Feurige Feste kannte. Diese Luft roch nach Stein, Asche und etwas Metallischem, das nicht ganz Blut war und doch daran erinnerte.
„Kommt“, sagte Marabar.
Anadar stieg aus.
Oder versuchte es.
Seine Füße gehorchten ihm nicht sofort. Die Beine waren taub und steif, und als er die wenigen Stufen hinabtrat, musste er sich für einen Augenblick am Rahmen der Kutsche festhalten. Der Zwilling sah ihn an, als sei das eine sachliche Beobachtung, keine Schwäche. Marabar wartete. Der Dämon glitt hinter Anadar aus der Kutsche, viel zu geräuschlos für ein Wesen seiner Größe.
Anadar stand im Sand.
Nein.
Es war Sand, aber nicht nur Sand.
Unter seinen Stiefeln lag feines helles Korn, durchsetzt mit schwarzem Staub, mit Splittern dunklen Gesteins, mit winzigen glänzenden Teilchen, die im matten Licht schimmerten. Als er sich umblickte, sah er hinter sich die Spur der Reise. Zwei Kutschen standen dort, aber nicht auf Rädern. Sie ruhten auf breiten Kufen, dunkel beschlagen, glatt an den Unterseiten. Darum war die Fahrt so gleichmäßig gewesen. Sie waren nicht über den Boden gerollt. Sie waren über ihn geglitten.
Hinter ihnen lag die Wüste.
Nicht weit und offen, wie Anadar sie erwartet hätte, sondern bereits in eine andere Landschaft übergehend. Schwarze Steine ragten aus dem Sand. Flache Lavaströme, längst erkaltet, lagen wie erstarrte Flüsse zwischen helleren Flächen. In der Ferne erhob sich ein Kraterrand, gewaltig und dunkel, eine gezackte Wand aus altem Feuer. Der Himmel darüber war blass, doch das Licht schien hier weniger Kraft zu besitzen, als verliere selbst die Sonne ein wenig von ihrem Recht, sobald sie diesen Ort berührte.
Es waren zwei Schlittenkutschen.
Auf jeder hatte einer der Zwillinge gesessen und das Gefährt gelenkt. Der zweite Wagen stand einige Schritte hinter dem ersten. Seine Seiten waren verschalt, dichter als bei Anadars Kutsche, als sollte der Gefangene darin weder sehen noch gesehen werden.
Marabar ging zu ihm.
Er hob die Hand und deutete dem Zwilling etwas.
Der Zwilling stand auf und begann, mit ruhigen Bewegungen die äußere Verschalung zu lösen. Holz oder ein holzähnliches Material wurde abgenommen. Dunkle Platten wurden zurückgeschoben. Eine schmale Öffnung erschien, dann eine größere.
Gnok kam zum Vorschein.
Zuerst nur sein Kopf.
Der alte Zauberer saß aufrecht, gebunden, den Mund noch immer bedeckt, die Augen verbunden. Sein weißes Haar hing wirr an den Seiten seines Gesichts. Er wirkte erschöpft, doch nicht so leer wie zuvor. Anadar sah es sofort, auch wenn kaum etwas äußerlich anders war. In Gnok war wieder eine Spannung. Ein Widerstand, leise, tief, schwer. Der Gedanke an Mutter hatte ihn nicht geheilt. Wie hätte er das können. Aber er hatte etwas in ihm geweckt, das Marabar offenbar noch nicht begriffen hatte.
Hinter Gnok stand ebenfalls ein Dämon.
Kleiner als der, der Anadar begleitete. Anders geformt. Niedriger, schmaler, mit langen Armen und einem Kopf, der zu glatt war, bis man erkannte, dass mehrere dunkle Spalten sich darin öffneten und schlossen. Es besaß weniger Augen, dafür waren sie größer, tiefer, fast schwarz, mit schmalen goldenen Ringen um die Pupillen. Es war weniger überwältigend als Anadars Wächter, aber keineswegs weniger tödlich. Seine Fremdheit war stiller. Näher an einem Messer.
Marabar trat an Gnok heran.
„Nun, alter Freund“, sagte er.
Gnok bewegte den Kopf kaum.
Marabar löste die Augenbinde, aber nicht den Mundschutz.
Gnok blinzelte.
Er brauchte einen Augenblick, um das Licht zu ertragen. Dann sah er Marabar. Danach Anadar. Für den Bruchteil eines Atemzugs hielt sein Blick an Anadar fest. Kein Gruß. Kein Wort. Nicht einmal ein sichtbares Zeichen. Aber Anadar verstand genug.
Er lebt.
Ich lebe.
Noch.
Marabar sah es vielleicht. Oder er ließ es geschehen.
„Du wirst nun Zeuge des Triumphes, Gnok“, sagte er. „Die herrliche Stadt der Städte. Sahretûn in ihrer vollen Pracht. Wieder vor deinen Augen.“
Er trat etwas zur Seite, sodass Gnok an ihm vorbei in Richtung des schwarzen Kraters blicken konnte.
„Du hattest dieses Vergnügen schon einmal.“
Gnok antwortete nicht.
Der Mundschutz machte es ihm unmöglich, aber Anadar war nicht sicher, ob er geantwortet hätte, selbst wenn er gekonnt hätte.
Marabar wartete einen Augenblick, vielleicht auf ein Zittern, auf ein Zurückweichen, auf den ersten Riss im Gesicht des alten Mannes. Als er nichts bekam, wandte er sich wieder Anadar zu.
„Mein Freund“, sagte er betont laut, „folgt mir.“
„Ihr verwendet dieses Wort hartnäckig falsch.“
„Noch“, sagte Marabar.
Er stieg auf den Kutschbock des vorderen Schlittens. Die Zwillinge wechselten auf den zweiten, einer zu Gnok, einer zu den Zügeln. Der Dämon, der Anadar bewachte, blieb neben ihm, nicht dicht genug, um ihn zu berühren, nicht weit genug, um vergessen zu werden.
„Ihr dürft sitzen“, sagte Marabar. „Oder stehen, wenn Ihr auf eine würdigere Haltung Wert legt.“
Anadar setzte sich nicht sofort. Seine Beine schmerzten ohnehin. Er stieg auf die vordere Kutsche, aber nicht in den Innenraum zurück, sondern blieb seitlich auf einer niedrigen Trittfläche, von der aus er sehen konnte. Marabar bemerkte es und ließ es zu.
Dann setzte sich der Schlitten in Bewegung.
Die Kufen glitten über den schwarzen Sand.
Es war keine schnelle Fahrt. Sie bewegten sich langsam auf den Kraterrand zu, über erstarrtes vulkanisches Gestein, das unter dem Sand immer häufiger hervortrat. Der Boden wurde dunkler. Manchmal knirschten die Kufen über schwarzen Glasstein. Manchmal fuhren sie über Flächen, die glatt waren wie gefrorene Wellen. Links und rechts lagen Steine, die aussahen, als hätten sie im Augenblick ihres Entstehens geschrien und seien dann erstarrt.
Anadar sah hinauf.
Der Kraterrand war größer, als er aus der Ferne gewirkt hatte. Nicht nur ein Wall. Eine ganze Landschaft aus schwarzem Fels. Zerklüftet, gespalten, aufgeworfen. Hier hatte einst die Welt gebrannt. Vielleicht brannte sie noch, tief darunter.
Marabar war ungewöhnlich still.
Er lenkte die Kutsche selbst. Das tat er mit einer gewissen Freude, die er nicht ganz verbarg. Hin und wieder hörte Anadar ein leises Kichern, nicht laut, nicht offen, eher ein Atem, der an einem Gedanken hängen blieb, den nur Marabar kannte. Manchmal blickte er über die Schulter zu Anadar. Manchmal zur zweiten Kutsche, zu Gnok. Als wolle er sicher sein, dass beide wach genug waren, um zu sehen.
Der Weg stieg an.
Nur wenig zunächst, dann deutlicher. Der Schlitten glitt einen flachen Hang hinauf, und Anadar sah vor sich einen riesigen Krater. Er hatte ihn schon von außen erahnt, aber erst jetzt begriff er, dass sie nicht auf den Rand zufuhren, um darüber hinwegzusehen. Sie fuhren auf eine Stelle in der schwarzen Wand zu.
Er sah die Öffnung erst sehr spät.
Zu spät eigentlich.
Lange wirkte der Fels geschlossen. Eine Fläche aus Schatten, Spalten und dunklem Gestein, in der jede Linie wie jede andere aussah. Erst als der Schlitten fast davor war, löste sich ein noch dunklerer Umriss aus der Wand. Eine Öffnung. Hoch, schmal im Verhältnis zur gewaltigen Felswand, und doch groß genug, dass der Schlitten aufrecht hineingleiten konnte. Kein Tor. Keine Flügel. Kein Wachposten. Nur ein Loch im schwarzen Stein, wie ein Mund, der nicht atmete.
Der Schlitten glitt hinein.
Dunkelheit legte sich um sie.
Nicht vollständig. An den Seiten des Tunnels glimmten schwache Linien im Gestein, rot und tief, als sei irgendwo darunter Glut eingeschlossen. Die Luft wurde kühler. Der Klang der Kufen veränderte sich, wurde enger, näher. Die zweite Kutsche folgte hinter ihnen, und das Geräusch ihrer Bewegung hallte im Tunnel, als käme sie aus mehreren Richtungen zugleich.
Marabar sagte nichts.
Nur einmal lachte er leise.
Anadar hasste es, dass er warten musste.
Der Tunnel führte abwärts.
Oder aufwärts.
Es war schwer zu sagen. Der Boden bewegte sich in langen, sanften Schwüngen, und die Wände waren so dunkel, dass die Richtung sich mehr im Körper als im Auge zeigte. Nach einer Weile sah Anadar vor sich Licht.
Zuerst nur einen grauen Schimmer.
Dann eine Öffnung.
Und in dieser Öffnung, weit entfernt noch, etwas Eckiges.
Geformtes.
Nicht Fels.
Nicht Natur.
Der Schlitten glitt weiter.
Die Öffnung wurde größer.
Langsam. Stetig. Mit jedem Herzschlag.
Anadar stand unwillkürlich gerader.
Marabar bemerkte es.
„Öffnet nun Eure Augen weit“, sagte er. Seine Stimme war weich geworden, beinahe andächtig. „Gleich seht Ihr sie.“
Der Tunnel weitete sich.
Das Licht am anderen Ende wuchs.
Das Eckige darin wurde zu Mauern. Zu Türmen. Zu Kanten. Zu einer Ordnung, die nicht in den Stein gehörte und gerade darum umso stärker daraus hervortrat.
Dann verließen sie den Tunnel.
Und Anadar sah zum ersten Mal Sahretûn.
Die Stadt lag in einem schwarzen Krater.
Riesig.
Viel größer, als er erwartet hatte. Nicht groß wie eine Stadt, die durch Handel gewachsen war, nicht aus Vierteln, Märkten, Zufall und Generationen. Sahretûn wirkte geplant. Gewollt. In einem einzigen finsteren Willen aus dem Krater gehoben. Schwarze Mauern zogen sich in breiten Ringen über den Kraterboden. Türme standen wie Speere aus Obsidian, hoch, schlank, kantig, manche miteinander durch Brücken verbunden, die so schmal wirkten, dass sie eher Zeichen als Wege waren. Straßen liefen in geraden Linien und gebrochenen Winkeln auf Plätze zu, deren Muster Anadar selbst aus der Höhe nicht deuten konnte.
Alles war schwarz.
Aber nicht eintönig.
Es gab matte schwarze Steine, glänzende, tiefgraue, solche mit roten Adern, solche, die das Licht nicht spiegelten, sondern zu verschlucken schienen. An manchen Stellen brannte blasses Feuer in hohen Schalen. An anderen stiegen Säulen aus Rauch oder Dampf empor. Über der Stadt hing ein Licht, das nicht vom Himmel allein kam. Es war als habe Sahretûn eine eigene Dämmerung mitgebracht aus der Dimension, in der sie so lange gelegen hatte.
Der Krater selbst war wie eine Schüssel aus erstarrter Nacht.
An seinen Wänden klebten Gebäude, Terrassen und Treppen. In der Tiefe stand die eigentliche Stadt. Gewaltige Hallen. Kuppeln, die zu scharf waren, um schön zu sein. Pyramidenartige Dächer. Türme, deren Spitzen sich nach innen neigten, als lauschten sie einem Befehl aus dem Zentrum. Dort erhob sich ein Komplex, größer als alles andere, eine schwarze Zitadelle oder ein Palast, aus mehreren ineinander geschobenen Baukörpern, mit hohen Fenstern, die rot glimmten.
Anadar spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog.
Nicht nur Furcht.
Nicht einmal vor allem Furcht.
Es war die Erkenntnis, dass diese Stadt wirklich war.
Nicht Legende. Nicht Warnung. Nicht Bild aus Gnoks Erinnerung. Nicht ein Stück aus alter Schuld, das man in Büchern dunkel hielt, weil niemand es mehr sehen konnte.
Sie war da.
Sahretûn war zurück in der Welt.
Marabar fuhr den Schlitten an die Seite des Tunnelmundes und ließ ihn anhalten. Die zweite Kutsche kam hinter ihnen zum Stehen. Anadar blieb stehen und sah hinab.
Marabar drehte sich nicht zuerst zu ihm.
Er drehte sich zu Gnok.
Das war es, worauf er gewartet hatte.
Ein Gesicht.
Einen alten Feind.
Den Schrecken in einem Zeugen, der Sahretûn schon einmal gesehen hatte, damals vor dem Bann, vor dem Fall, vor der Kerkerdimension. Marabar wollte nicht nur zeigen. Er wollte, dass Gnok sah. Dass Gnok verstand, dass sein Opfer, seine Schuld, seine Trauer, seine ganze entsetzliche Geschichte nicht genügt hatten.
Gnok blickte auf die Stadt.
Sein Gesicht blieb beinahe unbewegt.
Beinahe.
Anadar sah es trotzdem.
Nur einen kurzen Moment. Ein winziger Riss. Der Hauch eines Grauens in den Augen des alten Zauberers, so schnell wieder geschlossen, dass Marabar ihn vielleicht übersehen hätte, wenn er nicht geradezu danach gehungert hätte.
Doch Marabar sah es.
Er lächelte.
„Du willst mir die Genugtuung nicht geben, nicht wahr?“
Er sprach zu Gnok, aber laut genug, dass Anadar jedes Wort hörte.
„Du wirst es noch tun. Du wirst es noch tun, wenn dir bewusst wird, wie viele deiner alten Freunde bei uns sind.“
Gnok bewegte sich nicht.
Doch Anadar sah, wie sich seine Hände in den Fesseln spannten.
Marabar lachte.
Dieses Mal laut.
Das Lachen rollte aus ihm heraus und über die schwarze Aussicht hinweg, als gehöre auch der Krater zu seiner Stimme. Dann setzte er die Kutsche wieder in Bewegung. Der Weg führte am inneren Rand entlang und dann hinab, in langen Bögen, auf die Stadt zu.
„Weißt du, Anadar“, sagte Marabar, während die Kufen wieder über den dunklen Boden glitten, „als Sahretûn in die Kerkerdimension versetzt wurde, befanden sich noch viele der Angreifer in der Stadt.“
Anadar sah weiter auf die Stadt.
„Gefangen.“
„Ja.“
Marabar sprach das Wort mit sichtlichem Genuss aus.
„Sie hatten uns erreicht. Einige tief. Einige bis in die inneren Bezirke. Manche kämpften noch, als der Übergang geschah. Manche glaubten, sie hätten bereits gewonnen. Und dann waren sie mit uns dort. In der Dimension, aus der es kein Entkommen gibt.“
Der Schlitten glitt an schwarzen Felswänden vorbei. Anadar sah erste Figuren auf entfernten Terrassen. Manche standen still und blickten zu ihnen hinauf. Menschen vielleicht. Oder etwas, das wie Menschen stand. Zu weit entfernt, um es sicher zu sagen.
„Was geschah mit ihnen?“
Marabar lächelte.
„Wir machten ihnen ein großzügiges Angebot.“
„Natürlich.“
„Einer von uns werden. Oder den Dämonen zum Fraß vorgeworfen werden.“
Anadar sah ihn an.
„Und Ihr nennt das großzügig?“
„Es ist mehr Wahl, als sie uns zugestanden hatten.“
„Sie kamen, um Dämonenbeschwörer zu töten.“
„Und fanden heraus, dass sie sich in einer Stadt voller Dämonenbeschwörer befanden, ohne Rückweg, ohne Verstärkung, ohne Himmel, ohne Sonnenaufgang, ohne die beruhigende Illusion, dass ihre Seite am Ende schon deshalb gewinnen müsse, weil sie sich selbst für die richtige hielt.“
Marabar lachte wieder, leiser diesmal.
„Ausnahmslos alle nahmen unser Angebot an, Meister Anadar.“
Anadar spürte, dass Marabar log.
Nicht unbedingt in der Sache.
Vielleicht hatten wirklich alle, die überlebt hatten, irgendwann zugestimmt. Aber das Wort ausnahmslos war zu glatt. Zu stolz. Zu sehr dafür gemacht, Gnok zu treffen. Es konnte bedeuten, dass man die anderen nicht mehr zu denjenigen zählte, denen ein Angebot gemacht worden war. Es konnte bedeuten, dass jene, die sich geweigert hatten, schnell genug zu Dämonenfutter geworden waren, um später nicht mehr als Ausnahme zu gelten.
„Wie viele?“ fragte Anadar.
Marabar sah zufrieden aus.
„Genug.“
Von hinten kam kein Laut von Gnok.
Der zweite Dämon blieb bei ihm.
Die Stadt wuchs vor ihnen.
Je tiefer sie kamen, desto mehr Einzelheiten traten hervor. Tore ohne Flügel. Bögen aus schwarzem Stein, die in Innenhöfe führten. Kanäle, in denen keine klare Flüssigkeit floss, sondern etwas Dunkles, langsames, das rotes Licht spiegelte. Statuen an Straßenrändern, nicht von Königen oder Göttern, sondern von Gestalten in langen Gewändern, manche mit erhobenen Händen, manche mit gesenkten Köpfen, manche ohne Gesichter. Über einigen Plätzen hingen Kreise aus Metall in der Luft, bewegungslos, frei schwebend, mit Zeichen bedeckt, die Anadar nicht kannte und doch nicht ansehen wollte, ohne sich innerlich zu schützen.
Wesen bewegten sich in der Stadt.
Nicht viele auf den äußeren Straßen, aber genug.
Menschen.
Beschwörer.
Vielleicht.
Einige trugen schwarze oder graue Gewänder, andere Rüstungen, die nicht aus den Schmieden der heutigen Welt stammen konnten. Manche gingen allein. Manche in Gruppen. Einmal sah Anadar eine Gestalt, die von zwei Dämonen begleitet wurde, als seien sie Hunde oder Diener oder Schatten. Ein anderes Wesen kauerte auf einem Dach und breitete beim Vorüberfahren Flügel aus, die zu dünn und zu lang waren.
Der Dämon neben Anadar machte kein Geräusch.
Marabar sah die Stadt an wie ein Mann, der nach sehr langer Abwesenheit heimkehrt und sich selbst verbietet, dabei weich zu werden.
„Weißt du“, sagte er schließlich, „dass Zeit in der Kerkerdimension ohne Bedeutung ist?“
Anadar antwortete nicht sofort.
Die Frage war keine Frage. Nicht wirklich. Sie war eine Tür, die Marabar vor ihm öffnete, um ihn dann hindurchzustoßen.
„Was bedeutet das?“
„Es bedeutet“, sagte Marabar, „dass Warten dort anders ist. Dass ein Jahr und ein Jahrhundert nicht verlässlich voneinander getrennt sind. Dass manche in Augenblicken zerbrechen und andere Zeitalter in einem einzigen Gedanken durchstehen. Es bedeutet, dass Verfall keine Linie hat. Dass Erinnerung sich dehnt. Dass Hunger nicht endet, nur weil die Zeit es müsste. Dass Schuld nicht alt wird. Dass Treue nicht belohnt wird. Dass Wahnsinn manchmal kürzer dauert als Hoffnung.“
Sein Lächeln war verschwunden.
Für einen Moment sah er nicht stolz aus.
Nur alt.
Dann war der Ausdruck fort.
„Für uns“, fuhr er fort, „war Sahretûn nie vergangen. Sie war eingeschlossen. Belagert von einer Ewigkeit ohne Richtung. Aber nicht tot. Niemals tot.“
„Und die Angreifer?“
„Einige lernten schnell. Andere brauchten länger. Einige schrien sehr lange. Andere verstummten früh. Manche klammerten sich an Gnoks Namen, an Mutter, an ihre Bündnisse, an die Vorstellung, dass Rettung kommen müsse. Rettung kam nicht.“
Jetzt sah er wieder zu Gnok.
„Nicht wahr?“
Gnok saß unbeweglich.
Marabar schien sich an seinem Schweigen zu wärmen.
„Manchmal ist das Grausamste an einem Sieg“, sagte er, „dass er den Besiegten nicht sofort tötet. Man lässt sie mit dem Wissen leben, dass ihr Opfer nicht genügt hat.“
Anadar sah ihn an.
„Ist das der Grund, warum Ihr uns das zeigt?“
„Teilweise.“
„Um Gnok zu quälen.“
„Auch.“
„Und mich?“
Marabar lächelte wieder.
„Um dir zu zeigen, dass ich dir keine Ruine anbiete.“
Der Schlitten erreichte einen breiteren Weg. Schwarze Mauern erhoben sich zu beiden Seiten. Anadar spürte, wie die Stadt ihn aufnahm, nicht wie ein Ort, den man betrat, sondern wie ein System aus Blicken, Zeichen und fremden Gesetzen, in dem jeder Schritt bereits bemerkt wurde.
„Sahretûn ist nicht Erinnerung“, sagte Marabar. „Nicht Legende. Nicht der Schatten einer alten Macht. Sie ist eine Stadt, die das Ende überlebt hat. Und nun kehrt sie in eine Welt zurück, die schwächer, unwissender und gespaltener ist als jene, die uns einst fürchtete.“
Er wandte sich wieder Anadar zu.
„Verstehst du jetzt besser, was ich dir anbiete?“
Anadar blickte auf die schwarzen Türme.
Auf die Brücken.
Auf die roten Lichter.
Auf die Dämonen an den Mauern.
Auf Gnok im zweiten Schlitten, dessen Augen trotz allem nicht gebrochen waren.
„Ja“, sagte Anadar.
Marabar sah ihn gespannt an.
„Ich verstehe besser, was Ihr seid.“
Das Lächeln auf Marabars Gesicht blieb.
Aber es wurde kälter.
„Gut“, sagte er. „Verstehen ist immer der erste Schritt.“
Die Schlitten glitten weiter hinab nach Sahretûn.
Und über ihnen schlossen sich die schwarzen Mauern der ewigen Stadt wie ein Gedanke, der zu lange gewartet hatte, um noch einmal vergessen zu werden.
10
Sie behandelten ihn beinahe freundlich.
Das war vielleicht das Beunruhigendste daran.
Niemand schlug ihn. Niemand stieß ihn in Gänge. Niemand zerrte ihn an Ketten durch die schwarze Stadt. Als sie ihn nach Sahretûn gebracht hatten, führte man ihn nicht in einen Kerker, nicht in eine Grube, nicht in einen Folterraum, sondern in ein Zimmer. Ein richtiges Zimmer. Karg, ja. Fensterlos. Von schwarzem Stein umschlossen und mit einer schweren Tür versehen, die von außen verriegelt wurde. Aber es gab einen Tisch, einen Stuhl, ein niedriges Lager, Wasser, Brot, sogar eine Schale mit Früchten, deren Herkunft Anadar nicht kannte und deren Farbe im fahlen Licht der Lampen beinahe unnatürlich wirkte.
Es war kein Gefängnis, das sich Mühe gab, wie ein Kerker auszusehen.
Es war ein Gefängnis, das sich nicht herablassen musste, wie eines auszusehen.
Marabar hatte ihm die Bedingungen selbst erklärt.
„Ihr seid nicht gefesselt“, hatte er gesagt. „Das ist mehr, als viele an Eurer Stelle erwarten dürften.“
Anadar hatte die Hände langsam bewegt, noch immer wund von den Seilen, und ihn angesehen.
„Und das soll Dankbarkeit erzeugen?“
„Nein“, sagte Marabar. „Vernunft.“
Muurgha stand in der Ecke des Raumes.
Seit Ashambrat war der Dämon nicht mehr von Anadars Seite gewichen. Er war bei der Fahrt gewesen, beim Eintritt in Sahretûn, beim ersten Gang durch die Stadt, bei jeder Mahlzeit, bei jedem Gespräch, bei jeder Stunde des Schweigens. Wenn Anadar schlief, stand Muurgha da. Wenn Anadar aufwachte, stand Muurgha da. Wenn Anadar an die Wand blickte und so tat, als denke er an nichts, stand Muurgha da und sah mit zu vielen Augen Dinge, die kein Mensch sehen sollte.
Marabar hatte auf ihn gedeutet.
„Der kleinste Zauber“, sagte er ruhig, „und Ihr sterbt.“
„Das habt Ihr bereits gesagt.“
„Dann sage ich es noch genauer. Der kleinste Zauber, und Gnok stirbt ebenfalls.“
Anadar schwieg.
Marabar lächelte.
„Ich hielt diese Ergänzung für wichtig.“
„Wo ist er?“
„In Sicherheit.“
„Eurer?“
„Unserer.“
„Das beantwortet nichts.“
„Doch. Nur nichts, was Euch beruhigt.“
Anadar hatte Muurgha angesehen. Der Dämon regte sich nicht. Einige seiner Augen lagen geschlossen, andere blinzelten in langsamem Wechsel. Er wirkte nicht wie ein Wächter, der auf einen Befehl wartete. Er wirkte wie ein Urteil, das bereits gefällt war und nur noch den passenden Anlass suchte, sich zu vollstrecken.
„Keine magischen Tricks“, sagte Marabar. „Keine Versuche, die Tür zu prüfen. Keine Zeichen im Staub. Keine Atemübungen, die zufällig zu viel Ordnung in die Luft bringen. Keine Erinnerung an alte Feuer, die Euch plötzlich durch die Hände entgleitet. Ich weiß, wer Ihr seid, Anadar. Ich weiß, was ein Meister der Feurigen Feste mit einem Raum tun kann, wenn man ihm Zeit gibt.“
„Dann ist es unklug, mich nicht zu fesseln.“
„Nein“, sagte Marabar. „Es ist höflich.“
„Ihr verwechselt Höflichkeit mit Kontrolle.“
„Ich verwechsle selten etwas.“
Seitdem war Anadar ungebunden.
Und doch war seine Bewegungsfreiheit kaum größer als zuvor.
Der Raum hatte kein Fenster. Keine Aussicht. Keine Orientierung. Die Lampen brannten in einem gleichmäßigen kalten Licht, das nicht verriet, ob draußen Tag oder Nacht war. Die Tür wurde geöffnet, wenn sie geöffnet werden sollte. Essen kam, wenn Sahretûn es bestimmte. Besucher kamen, wenn Marabar es wünschte. Gnok sah er nicht mehr. Niemand sagte ihm, wo der alte Zauberer war, in welchem Teil der Stadt, in welchem Zustand, unter welchem Wächter.
Anadar war frei genug, um zu gehen, wenn man ihn führte.
Frei genug, um sich zu setzen, wenn man es ihm gestattete.
Frei genug, um nicht wie ein Tier an der Wand zu hängen.
Aber er war vollständig isoliert. Orientierungslos. Eingeschlossen in der Mitte einer Stadt, die nicht in die Welt gehörte, bewacht von einem Dämon, dessen Anwesenheit jeden unüberlegten Schritt in Selbstmord verwandelte.
Auch Anadar wusste, wann es Zeit war zu kämpfen und wann nicht.
Das war eine Lektion, die viele junge Magier erst zu spät lernten. Mut war nicht, mit der Stirn gegen Stein zu rennen, nur weil man Zorn hatte. Manchmal bestand Mut darin, still zu bleiben, wenn jeder Muskel zum Angriff drängte. Manchmal war Überleben nicht Feigheit, sondern Vorbereitung.
Also wartete er.
Und beobachtete.
Sahretûn stellte sich ihm nicht auf einmal vor. Die Stadt gab ihre Macht in Schichten preis.
Zuerst kamen Diener, wenn man sie so nennen wollte. Stille Menschen mit gesenkten Blicken, manche mit Zeichen an den Handgelenken, manche mit leeren Augen, die ihn an die Zwillinge erinnerten. Dann jüngere Beschwörer, die ihn ansahen, als sei er zugleich Gefangener, Kuriosität und Gefahr. Dann Meister.
Meister Nodra trat als einer der ersten ein.
Eine schmale, alte Gestalt mit fast durchsichtiger Haut und einem Gesicht, das wirkte, als sei es über viele Jahre hinweg nur noch aus Pflicht zusammengehalten worden. Seine Robe war schwarz, innen mit dunklem Grau gefüttert, an den Ärmeln mit feinen Zeichen bestickt. Er sprach wenig, aber als er den Raum betrat, wichen die jüngeren Beschwörer von selbst zurück.
„Meister der Feurigen Feste“, sagte Nodra.
„Meister aus Sahretûn“, erwiderte Anadar.
Nodra neigte kaum merklich den Kopf. Vielleicht war es Anerkennung. Vielleicht nur Feststellung.
Dann kam Zts.
Kleiner als Nodra, breiter, mit stehendem Kragen und einem Blick, der jeden Gegenstand im Raum zu zählen schien. Zts wirkte weniger wie ein Mystiker als wie ein Verwalter einer sehr gefährlichen Ordnung. Seine Finger waren mit Tinte befleckt, obwohl Anadar keine Schreibgeräte bei ihm sah. Er musterte Anadar lange, sagte nichts und trat dann beiseite, als hätte er eine erste Einordnung vorgenommen und sie innerlich abgelegt.
Mit ihnen kamen weitere Meister.
Meister Varkhûn aus Sahretûn, hochgewachsen, mit kantigem Gesicht und steinfarbenen Augen, der die Hände auf dem Rücken verschränkt hielt und häufiger die Wände betrachtete als Anadar.
Meisterin Serephat aus Sahretûn, ganz in Schwarz und Silber, mit streng geflochtenem Haar und einem Mund, der selbst beim Sprechen kaum weicher wurde. Ihre Stimme war leise, doch alle hörten hin. Sie fragte nicht nach dem Zauber. Sie fragte nach Bedingungen, nach Begriffen, nach der genauen Form von Zusagen. Eine Beschwörerin der Schwüre, der Verträge, der Bindungen.
Meister Orlakh aus Sahretûn, massig, dunkelbärtig, mit einer Narbe über der linken Wange, der Anadar offen feindselig ansah und dabei wenig Mühe zeigte, seine Verachtung zu verbergen.
Meisterin Vaorissa aus Sahretûn, deren Schönheit nicht jung war, sondern glatt und kalt, wie polierter Knochen. Sie trat nicht nah an Anadar heran, aber sein Körper spannte sich dennoch, als sie in den Raum kam. In ihrer Nähe lag etwas von Messer, Nadel und offenem Fleisch.
Meister Tschevran aus Sahretûn, ein dürrer Mann mit langen Fingern und einer Stimme wie trockenes Papier. Er trug mehrere kleine Schlüssel an der Seite, nicht aus Metall, sondern aus dunklem Material, das Anadar nicht kannte. Er sah Anadar an, als suche er nicht den Mann, sondern die Stelle in der Geschichte, an der dieser einzutragen war.
Sie alle kamen.
Sie alle sahen ihn.
Und immer blieb Muurgha in der Ecke.
Dann kamen Olven und Fantor.
Anadar bemerkte schon vor ihrem Eintritt, dass sich etwas veränderte. Die Meister standen anders. Nicht unterwürfig, nicht kriechend, aber mit einer klaren, fast instinktiven Ordnung. Gespräche verstummten. Raum entstand. Selbst Nodra, der alt genug wirkte, um auf niemanden mehr warten zu müssen, trat einen halben Schritt zur Seite.
Die Tür öffnete sich.
Olven trat zuerst ein.
Herr aus Sahretûn.
Die violette Fütterung seiner schwarzen Robe war sofort sichtbar, ein dunkles, tiefes Violett, das nicht schmückte, sondern auszeichnete. Es war kein lauter Rang, kein Gold, keine Krone, kein Prunk. Gerade darum war es wirksamer. Ein Blick genügte. Olven war größer, als Anadar ihn erwartet hatte, aufrecht, ruhig, mit einem Gesicht, das weder freundlich noch feindselig war. Er wirkte wie ein Mann, der lange genug in einer Hierarchie gelebt hatte, um sie nicht mehr zeigen zu müssen.
Neben ihm kam Fantor.
Auch er trug die violette Fütterung.
Herr aus Sahretûn.
Anadar hatte nicht gewusst, wie sehr ihn dieser Anblick treffen würde. Nicht weil Fantor lebte. Das wusste er. Nicht weil Fantor Macht besaß. Damit hatte er gerechnet. Sondern weil der Rang sichtbar war. Weil die Meister ihm Platz machten. Weil Sahretûn diesen widerwärtigen Menschen nicht nur benutzt, sondern erhoben hatte.
Fantor lächelte.
Langsam.
Mit jener Mischung aus Spott, Genugtuung und alter Kränkung, die Anadar sofort wiedererkannte.
„Seit ich Euch das letzte Mal gesehen habe“, sagte Anadar, „habt Ihr Euch verändert, Fantor.“
Fantor neigte den Kopf.
„Das letzte Mal, als ich Euch sah, sprangt Ihr aus einem Fenster.“
„Und Ihr wurdet unter einem Turm begraben.“
Fantors Lächeln wurde breiter.
„Ich kann nicht sagen, dass ich mich freue, Euch zu sehen, Anadar.“
Olven warf ihm einen kühlen Blick zu.
„Herr aus Sahretûn, Fantor. Anadar ist unser Gast, wie Ihr sicherlich wisst.“
Fantor lachte leise.
„Olven, eine gepflegte Antipathie schließt Gastfreundschaft nicht aus.“
„Sie sollte sie nicht beschmutzen.“
„Dann werde ich mich bemühen, meine Abneigung sauber zu halten.“
Anadar sah von einem zum anderen.
Die Rangordnung in Sahretûn war streng. Fast wie in der Feurigen Feste, nur anders gefärbt. Dort hatte Stärke Gewicht, Zirkel, Leistung, Alter, Anerkennung. Hier war es Rang, Bindung, Wissen, Nähe zum inneren Kern der Stadt. Die Meister traten den Herren zur Seite. Die Herren sprachen nicht lauter als die Meister, aber niemand unterbrach sie unbedacht. Marabar hatte denselben violetten Innenrand getragen. Anadar hatte es damals bemerkt, aber jetzt verstand er es besser.
Marabar.
Olven.
Fantor.
Herren aus Sahretûn.
„Wo habt Ihr unseren gemeinsamen Freund gelassen, Fantor?“ fragte Anadar.
Für einen kurzen Moment entstand Schweigen.
Es war nicht lang. Nicht einmal auffällig für jemanden, der nicht darauf geachtet hätte. Aber Anadar achtete auf alles.
Fantors Blick glitt zu Muurgha.
Nur flüchtig.
Nur ein Zucken der Augen.
Doch Anadar sah es.
Naaarstr.
Das Schwert.
Fantor wusste etwas. Oder fürchtete etwas. Vielleicht beides.
Olven antwortete statt seiner.
„Deswegen sind wir hier, Meister der Feurigen Feste.“
Fantor fand sein Lächeln zurück.
„Herr aus Sahretûn, Marabar meinte, Ihr würdet uns den Zauber sehr gerne überlassen. Als Zeichen guten Willens, sozusagen.“
„Marabar überschätzt meine Großzügigkeit.“
„Das tut er selten.“
„Dann habt Ihr alle ein Problem.“
Meister Orlakh schnaubte leise. Serephat sah ihn sofort an, und das Geräusch endete.
Marabar trat erst jetzt näher. Er hatte am Rand gestanden, nicht im Mittelpunkt, und dennoch war deutlich gewesen, dass der Raum ihm gehörte. Er hielt eine Papierrolle in der Hand.
„Wir haben bereits verhandelt, Anadar.“
Das stimmte.
Sie hatten verhandelt.
Nicht über seine Freilassung. Das war Marabars erster klarer Schnitt gewesen. Anadar hatte es versucht, nicht aus Hoffnung, sondern weil man eine Grenze prüfen musste, um die Form des Käfigs zu verstehen.
Marabar hatte gelächelt.
„Nein.“
„Dann gibt es keinen Handel.“
„Doch. Nur nicht diesen.“
Sie hatten über Gnok gesprochen.
Über sein Überleben.
Über die Bedingungen, unter denen Sahretûn den alten Zauberer nicht tötete, nicht den Dämonen überließ, nicht brach, nicht als öffentliches Zeichen eines Sieges vorführte, der ihm mehr galt als jedem anderen. Marabar hatte jedes Wort geprüft. Serephat hatte später Formulierungen vorgeschlagen. Zts hatte Randbemerkungen gemacht. Nodra hatte kaum gesprochen, aber wenn er sprach, änderten sich Sätze.
Am Ende stand der Handel auf Papier.
Nicht Freiheit gegen Wissen.
Nicht Gnade gegen Reue.
Sondern Wissen gegen Überleben.
Marabar hatte es selbst so genannt.
„Eine ehrliche Bezeichnung“, hatte er gesagt. „Schwerer zu missverstehen.“
Anadar hatte die Feder beinahe zerbrochen.
Jetzt lag die Rolle auf dem Tisch.
Sahretûn bekam den Zauber, mit dem Anadar Naaarstr in das Schwert gezwungen hatte. Dafür blieb Gnok am Leben. Nicht unangetastet. Nicht frei. Nicht sicher. Aber am Leben. Anadar wusste, dass jedes Wort fehlte, das er nicht hatte hineinverhandeln können. Er wusste auch, dass jedes Wort zählte, das drinstand.
Es war kein guter Handel.
Es war der einzige, den er hatte.
„Wie wäre es“, sagte Anadar langsam, „wenn Ihr mir das Schwert bringt? Eventuell können wir beide das Missgeschick, das uns beiden widerfahren ist, zuerst beseitigen.“
Fantor hob die Brauen.
„Missgeschick?“
„Ja.“
„Ihr nennt es so?“
„Ich passe mich der Höflichkeit dieses Hauses an.“
Marabar schien sich zu amüsieren. Olven dagegen wurde aufmerksam.
„Was genau schlagt Ihr vor?“ fragte er.
Anadar wusste nicht ganz, warum er es vorschlug.
Nicht vollständig.
Ein Teil von ihm handelte taktisch. Wenn das Schwert hierherkam, kam Naaarstr in seine Nähe. Wenn Naaarstr in seiner Nähe war, konnte er vielleicht mehr erfahren. Nicht nur über das Schwert, sondern über Sahretûns Zugriff auf Dämonen, über ihre Sicherheit, ihre Furcht, ihre Blindstellen. Ein anderer Teil von ihm, tiefer und weniger geordnet, sagte ihm, dass dieser Weg wichtig war. Dass in der Art, wie sie Naaarstr behandelten, etwas lag, das er verstehen musste, wenn er begreifen wollte, was Gnok mit Zauberer gemeint hatte.
Er setzte an, es auszuführen.
Doch Olven kam ihm zuvor.
„Dies ist eine ausgezeichnete Idee, Meister der Feurigen Feste, Anadar.“
Anadar sah ihn an.
Olven sprach ruhig weiter.
„Wir werden dies besprechen, während Ihr in Euch geht und versucht, Euch an den Zauber zu erinnern.“
Anadar lächelte.
Er musste nicht in sich gehen.
Nicht dafür.
Er hatte den Zauber nicht vergessen. Er hatte ihn in sich eingeschrieben, damals, als er ihn entwickelte und anwandte. Morgut und er hatten eine Technik geschaffen, um komplexe Zauber fehlerfrei im Gedächtnis zu verankern, nicht nur als Abfolge von Zeichen, sondern als inneres Gerüst aus Erinnerung, Rhythmus und gedanklicher Stellung. Seit jenem Tag lag dieser Zauber in seinem Geist wie eine scharfe Klinge in einer Hülle. Er musste nur danach greifen.
Das sagte er nicht.
Stattdessen neigte er den Kopf.
„Das werde ich tun, sobald es an der Zeit ist.“
Fantor musterte ihn.
„Ihr seid sehr gefasst für einen Mann, der sein Leben gegen eine Schriftrolle tauscht.“
„Ihr seid sehr zufrieden für einen Mann, der zuletzt aus einem Fenster sprang.“
Fantors Lächeln flackerte.
Nur ein wenig.
Gut.
Marabar beendete das Gespräch.
„Wir kehren zurück.“
Anadar wusste nicht, wie viel Zeit danach verging.
In Sahretûn war Zeit ohnehin unsicher geworden. Nicht wie in der Kerkerdimension, vielleicht, aber in diesem fensterlosen Raum gab es keine Sonne, keine Nacht, keine Geräusche von Straßen, die Tag von Abend unterschieden. Es konnten wenige Stunden gewesen sein. Vielleicht mehr. Vielleicht weniger. Sein Körper war müde genug, um sich zu irren.
Als die Tür wieder geöffnet wurde, kam Marabar zuerst.
Dann Olven.
Dann Fantor.
Mit ihnen mehrere Meister. Nodra, Serephat, Zts, Varkhûn, Tschevran. Vaorissa blieb am Rand. Orlakh wirkte, als wäre er lieber woanders und zugleich zu neugierig, um fernzubleiben.
Zwei Diener trugen eine lange, dunkle Schatulle.
Anadar spürte das Schwert, ehe er es sah.
Nicht als Stimme.
Noch nicht.
Eher als Spannung im Raum. Als würde ein alter Streit den Atem anhalten.
Die Schatulle wurde auf den Tisch gelegt und geöffnet.
Anadars Schwert lag darin.
Die Klinge wirkte unverändert. Zu ruhig. Zu gegenständlich. Wer nicht wusste, was in ihr gebunden war, hätte sie für eine gefährliche, vielleicht mächtige Waffe gehalten. Nicht für einen Dämon, der aus Form, Hass, Hunger und Erinnerung an Blut bestand.
Muurgha stand in der Ecke.
Marabar blickte zu ihm.
Dann deutete er zur Tür.
„Draußen.“
Es war das erste Mal, dass der Dämon Anadar nicht im selben Raum bewachte.
Muurgha regte sich nicht sofort.
Mehrere seiner Augen öffneten sich.
Marabar wiederholte den Befehl nicht. Er sah den Dämon nur an. Zwischen ihnen lag ein Moment, in dem Anadar beinahe körperlich spüren konnte, dass Gehorsam bei Dämonen nicht das Gleiche war wie bei Menschen. Es war kein Vertrauen. Kein Dienst. Kein Wille, zu gefallen. Es war Bindung. Gewalt. Vertrag. Zwang. Etwas Gehaltenes, das sich an seine Form erinnerte.
Dann bewegte sich Muurgha.
Der Dämon glitt zur Tür hinaus.
Sie schloss sich hinter ihm.
Anadar war zum ersten Mal ohne dämonische Bewachung.
Nicht allein. Bei weitem nicht. Der Raum war voller Beschwörer, voller Herren und Meister aus Sahretûn, voller Menschen, die alle auf ihre Weise gefährlich waren. Aber kein Dämon stand zwischen ihm und der Luft.
Marabar sah ihn an.
„Kommt nicht auf dumme Gedanken. Wir sind sehr viele, und der Dämon steht vor der Tür.“
Anadar blickte langsam in die Runde.
„Ihr denkt, es ist besser, wenn er nicht im Raum ist, während wir dies tun?“
Niemand antwortete sofort.
Anadar sah zu Marabar.
„Ihr vertraut Eurem Diener nicht?“
Marabar lächelte.
„Verrat ist nicht nur eine menschliche Eigenart.“
Anadar lachte leise.
„Endlich sagt Ihr etwas Wahres.“
Marabar wollte antworten, doch Anadar hörte ihn kaum noch.
Eine andere Stimme war in seinem Kopf.
Gib es ihnen nicht.
Naaarstr.
Die Stimme war nicht laut. Das musste sie nicht sein. Sie war nah, glatt, dunkel und unverwechselbar. Sie kam nicht von außen, nicht durch die Luft, nicht durch Ohren. Sie lag direkt in ihm, als habe das Schwert eine alte Tür gefunden, deren Schloss es noch kannte.
Gib es ihnen nicht, Anadar.
Anadar ließ sich äußerlich nichts anmerken.
Ich habe dich ebenfalls vermisst, dachte er. Nicht wirklich. Aber da bist du ja wieder.
Naaarstrs Antwort war ein Zischen, das beinahe wie Lachen wirkte.
Wir könnten sie töten.
Natürlich.
Beschwörerblut, Anadar. So viel davon. So nah. Wir könnten sie einfach auslöschen. Du und ich. Jetzt.
Du bist immer noch schlecht im Verhandeln.
Ich würde dich danach nicht mehr stören.
Anadar hätte beinahe gelächelt.
Das ist eine deiner schwächeren Lügen.
Gib es ihnen nicht, wiederholte Naaarstr. Es würde sie nur unberechenbarer machen.
Darauf antwortete Anadar nicht.
Weil der Dämon diesmal recht haben konnte.
„Ich nehme an“, sagte Anadar laut, „Ihr habt gelernt, wie Ihr ihn gefügig machen könnt.“
Ein leises Lächeln ging durch die Runde der Beschwörer. Nicht bei allen gleich. Fantors war offen. Olvens kaum sichtbar. Serephats fast gar nicht. Marabars war das eines Mannes, der eine gute Frage hört und nicht sofort die ganze Antwort geben will.
„Gefügig“, sagte Fantor. „Ein schönes Wort.“
„Ein ungenaues“, sagte Olven.
„Aber hübsch.“
„Wenn ich ihn aus der Klinge hole“, sagte Anadar, „könnt Ihr ihn bannen? Denn das kann ich nicht.“
Die Beschwörer blickten einander an.
Nicht unsicher.
Eher fachlich.
„Bannen ist nicht das Problem“, sagte Fantor schließlich. „Mittlerweile.“
„Was ist dann das Problem?“
Olven antwortete.
„Wie wir ihn wieder aus dem Schwert bekommen.“
Naaarstr lachte in Anadars Geist.
Sie haben Angst vor der Tür, weil sie den Raum nicht verstehen.
Anadar setzte sich.
Er zog eine Papierrolle zu sich heran. Daneben lag bereits ein Federkiel, sorgfältig geschnitten, und ein dunkles Tintenfass. Sahretûn hatte vorbereitet, ohne sicher zu sein, dass er schreiben würde. Oder gerade weil es sicher war, dass er schreiben musste.
Er nahm die Feder in die Hand.
Einen Augenblick lang ließ er sie über dem Papier schweben.
Gnok lebt, dachte er.
Noch.
Dann begann er zu schreiben.
Die ersten Zeichen kamen ohne Zögern. Er setzte nicht einfach Buchstaben. Er legte Struktur. Die äußeren Linien zuerst, dann die inneren Verzweigungen, dann die Stellen, an denen ein gewöhnlicher Bannkreis falsch wäre, weil dieser Zauber kein Bannkreis war. Seine Hand bewegte sich ruhig. Zu ruhig vielleicht. Die Beschwörer traten näher, einer nach dem anderen. Niemand sprach. Nur das leise Kratzen der Feder füllte den Raum.
Naaarstr war still.
Auch das war beunruhigend.
Anadar schrieb weiter.
Einige Minuten vergingen. Vielleicht mehr. Er merkte, wie sich die Stimmung um ihn veränderte. Zuerst erwartungsvolle Kontrolle. Dann Aufmerksamkeit. Dann etwas, das fast Bewunderung war, obwohl keiner von ihnen so töricht gewesen wäre, es offen zu zeigen.
Ein leises Raunen ging durch die Beschwörer, als er die mittlere Verknüpfung setzte.
Zts beugte sich vor.
Serephats Augen wurden schmal.
Tschevran murmelte etwas, das wie ein alter Fachbegriff klang.
Varkhûn vergaß zum ersten Mal die Wände.
Fantor sagte nichts mehr.
Anadar schrieb das letzte Zeichen, setzte einen abschließenden kleinen Haken an eine Stelle, die einem Außenstehenden nebensächlich erschienen wäre, und legte die Feder ab.
Marabar stand über dem Papier.
Lange sagte er nichts.
Dann atmete er hörbar aus.
„Daran hatten wir nie gedacht.“
Niemand widersprach.
Marabar beugte sich tiefer über die Rolle.
„Ihr bannt den Dämon nicht wirklich in das Schwert.“
Seine Stimme hatte sich verändert. Der glatte Spott war fort. Dort war nun echtes Interesse. Scharf. Hell. Beinahe gierig.
„Ihr bindet ihn nicht einmal im gewöhnlichen Sinn.“
Olven trat neben ihn.
„Nein“, sagte er langsam. „Er verankert ihn nicht an der Materie. Er zwingt ihn durch eine Formänderung in ein materielles Verhältnis.“
Marabar hob den Blick zu Anadar.
„Ihr formt die Energie zu Materie.“
„Nicht ganz“, sagte Anadar.
Sofort sahen alle ihn an.
Er hätte schweigen können.
Er hätte es vielleicht tun sollen.
Aber der Handel verlangte den Zauber, und jede Unklarheit konnte Gnok später teuer zu stehen kommen. Außerdem war falsches Wissen in den Händen von Beschwörern manchmal gefährlicher als richtiges. Oder nützlicher, je nachdem, wem es schadete.
„Ich forme nicht den ganzen Dämon zu Materie“, sagte Anadar. „Das wäre unmöglich. Nicht für mich, nicht in dieser Situation. Ich zwinge seine wirksame Gestalt in eine materielle Haftung. Das Schwert wird nicht Gefängnis, sondern Anteil. Naaarstr ist nicht darin wie ein Gefangener in einer Zelle. Er wird in einem bestimmten Sinn zum Schwert, soweit seine gegenwärtige Form es zulässt.“
Marabar lächelte langsam.
„Das erklärt es.“
Olven nickte.
„Deshalb reagierten unsere gewöhnlichen Bannprüfungen falsch.“
„Weil ihr nach einer Tür gesucht habt“, sagte Anadar, „wo keine Tür war.“
Naaarstr flüsterte in seinem Geist:
Du genießt das.
Anadar schwieg innerlich.
Marabar nahm die Rolle auf, als hielte er einen kostbaren Fund.
„Genial“, sagte er leise. „Raffiniert. Und gefährlich, weil es nicht wie ein Bann wirkt. Der Dämon wird zum Schwert. Nicht vollständig. Nicht endgültig. Aber ausreichend, um die üblichen Ordnungen zu umgehen.“
Fantor sah Anadar an.
„Ihr habt das allein entwickelt?“
„Ja.“
Das Wort kam schneller, als Anadar erwartet hatte.
Morgut.
Sein Name fiel nicht.
Nicht hier.
Nicht in diesem Raum.
„Allein“, wiederholte Anadar.
Fantor lächelte.
„Interessant.“
„Nicht für Euch.“
„Alles ist für mich interessant, wenn es Euch unruhig macht.“
Olven hob eine Hand, und Fantor schwieg tatsächlich.
Das bemerkte Anadar.
Fantor gehorchte Olven.
Nicht gern vielleicht.
Aber er gehorchte.
Marabar legte die Rolle wieder auf den Tisch.
„Und nun“, sagte er, „sehen wir, ob wir das rückgängig machen können.“
Er deutete auf das Schwert.
Naaarstrs Stimme wurde scharf.
Anadar.
Ich höre.
Tu es nicht.
Du wolltest doch eben noch Beschwörerblut.
Ich will Freiheit. Nicht ihre Hände an meiner Form.
Das ist beinahe ehrlich.
Du verstehst nicht, was sie tun werden, wenn sie die Technik meistern.
Vielleicht doch.
Nein. Naaarstrs Stimme wurde kälter. Du verstehst Macht. Aber du verstehst ihren Hunger nicht.
Anadar sah auf die Klinge.
Dann auf Marabar.
Dann auf Olven, Fantor, Serephat, Nodra, Zts und die anderen.
In diesem Raum waren zu viele Beschwörer.
Zu viele Augen.
Zu viel Wissen.
Und vor der Tür stand Muurgha.
„Bevor wir beginnen“, sagte Anadar, „eine Bedingung.“
Marabar sah ihn an.
„Der Handel ist geschlossen.“
„Für den Zauber. Nicht für einen Versuch, einen Dämon aus einer Klinge zu lösen, während ich daneben sitze.“
Serephat hob den Kopf.
„Formuliert.“
Anadar wandte sich zu ihr.
„Gnok bleibt am Leben, unabhängig vom Ausgang dieses Versuches.“
„Das steht bereits in der Vereinbarung“, sagte sie.
„Dann sagt es noch einmal. Vor allen.“
Ein kurzes Schweigen.
Fantor lachte leise.
„Ihr lernt.“
Marabar betrachtete Anadar lange.
Dann sagte er: „Gnok bleibt am Leben, unabhängig vom Ausgang dieses Versuches, sofern Ihr nicht gegen uns handelt.“
Serephat nickte.
„Bezeugt.“
Nodra sagte: „Bezeugt.“
Olven sagte: „Bezeugt.“
Einer nach dem anderen folgten die Meister.
Fantor zuletzt.
„Bezeugt“, sagte er, und sein Lächeln war dünn.
Anadar legte die Hände auf den Tisch.
„Dann beginnen wir.“
Naaarstr flüsterte nicht mehr.
Er schwieg.
Und dieses Schweigen war dunkler als jede Drohung.
11
Sie waren sich darüber im Klaren, dass dies keine gewöhnliche Konklave werden würde.
Schon der Raum vor dem Portal war zu still.
Er lag tief in der Feurigen Feste, dort, wo die Mauern älter wirkten als die meisten Erinnerungen der Schule. Schwarzer Stein, rote Adern, schwere Pfeiler, ein Boden, in den Kreise und Zeichen eingelassen waren, die nicht der Zierde dienten, sondern der Ordnung. In der Mitte stand das Portal, noch geschlossen, eine matte Fläche aus ruhendem Licht, eingefasst von dunklem Metall und alten Runen. Es war kein Tor für gewöhnliche Wege. Es war ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Wer hindurchtrat, trat nicht nur in einen anderen Raum, sondern in eine andere Art von Wahrheit.
Mutter stand etwas abseits.
Neben ihr waren Manador, Loon, Isidre, Klaast und Sinadie. Nicht jeder von ihnen trug eine eigene Stimme, nicht jeder war dort, um offiziell zu sprechen, doch jeder wusste, dass Anwesenheit an diesem Tag Bedeutung haben würde. Es ging nicht nur um Rang. Es ging um Zeugen. Um Haltung. Um die Frage, wer am Ende sagen konnte, er habe gesehen, was geschah.
Slonda war ebenfalls im Raum, zusammen mit Xiodri, Miene und Sindra. Sie würden nicht mit den anderen hindurchtreten. Slonda hatte lang mit Mutter gesprochen. Xiodri hielt sich im Hintergrund, die Arme verschränkt, das Gesicht ernst. Miene und Sindra standen nahe beieinander. Beide wirkten gefasst, doch in ihren Augen lag diese angespannte Wachsamkeit, die nur jene tragen, die bereits begriffen haben, dass die Welt nicht an den Stellen zerbricht, an denen man es erwartet.
Klaast sprach leise mit Slonda.
Es war kein flüchtiges Gespräch. Klaast wirkte konzentriert, aber auch unsicher, und Slonda antwortete mit jener ruhigen Genauigkeit, die Menschen selten beruhigte und dennoch verhinderte, dass sie in Panik verfielen. Klaast war Erdmagier. Seit Trandas Weggang trug er mehr Verantwortung, als ihm lieb war, und nach dem Turnus fiel ihm der Vorsitz zu. Er war nicht feige. Das nicht. Aber er war kein Mann, der nach dem Mittelpunkt griff. Diese Konklave würde ihn in genau diesen Mittelpunkt stellen.
„Du musst nicht lauter sein als Hokn`f“, sagte Slonda.
Klaast blickte zu ihm.
„Er wird es versuchen.“
„Natürlich.“
„Und wenn ich den Vorsitz nicht halten kann?“
Slonda sah ihn lange an.
„Dann hältst du zumindest die Form. Manchmal genügt das, bis andere den Inhalt retten.“
Klaast schnaubte leise, aber es war kein Spott.
„Das klingt nach Tandor.“
„Es ist auch Tandor.“
Mutter trat näher.
„Es ist Zeit.“
Niemand fragte, ob alle bereit seien. Das waren sie nicht. Kein Mensch war bereit für das, was sich seit Tagen, vielleicht seit Jahren, vielleicht seit Zeitaltern auf sie zubewegte. Man konnte nur entscheiden, nicht mehr zurückzuweichen.
Das Portal öffnete sich.
Licht füllte die Fläche, nicht hell, sondern tief, als sehe man in einen Raum, der sich nur erinnerte, Licht zu sein. Manador ging zuerst. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil er wusste, dass die Feurige Feste heute sichtbar auftreten musste. Loon folgte ihm, ruhig, mit schwerem Blick. Sinadie ging an Manadors Seite. Danach Isidre. Klaast zögerte einen Atemzug, sah noch einmal zu Slonda, dann trat auch er hindurch.
Mutter ging zuletzt.
Kurz bevor sie verschwand, drehte sie den Kopf.
Slonda nickte.
Dann war sie fort.
Der Raum der Konklave war kühler als der Raum des Portals.
Er war rund, hoch und von einem Licht erfüllt, das aus keiner sichtbaren Quelle kam. In der Mitte stand der große Tisch, nicht rund und nicht rechteckig, sondern nach einer Ordnung geformt, die den alten Schulen entsprach. Plätze waren markiert, manche seit Jahrhunderten benutzt, manche leer, manche lange nur Erinnerung. Die Luft roch nach Stein, altem Holz, Staub und unausgesprochenen Urteilen.
Bertagnie wartete bereits.
Der Eiferer der Erdmagier stand nicht an seinem Platz, sondern mitten im Weg, als habe er seine Empörung so lange aufgespart, dass sie nun nicht mehr am Rand bleiben konnte. Kaum sah er Klaast, fuhr er auf ihn los.
„Ihr habt kein Recht, hier für die Erdschule zu sprechen“, blökte er, noch ehe jemand richtig angekommen war. „Ihr habt die Schule verlassen. Ihr habt Euch eigenmächtig entfernt. Es gab keine interne Abstimmung, keine ordentliche Bestätigung, keine Rücksprache mit den verbliebenen Räten.“
Klaast blieb stehen.
„Bertagnie.“
„Nein. Ihr werdet mich anhören. Dies ist keine Kleinigkeit. Der Sitz der Erdschule gehört nicht dem, der zufällig als Erster durch ein Portal tritt.“
Isidre trat einen Schritt vor.
„Bertagnie, dies ist nicht der Augenblick.“
„Für Euch vielleicht nicht“, fuhr er sie an. „Für die Erdschule sehr wohl.“
Klaast hob die Hand, bemüht, ruhig zu bleiben.
„Ihr werdet sie nicht eröffnen, bevor diese Frage geklärt ist.“ Schnauzte ihn der Eiferer an.
Manador sah zu Loon.
Loon seufzte kaum hörbar.
„Ein guter Anfang“, murmelte Manador. „Der Raum brennt noch nicht, aber wir arbeiten daran.“
Mutter ließ sich davon nicht aufhalten.
Sie ging unbehelligt zu ihrem Platz. Dort warteten Sina und Oni bereits auf sie. Beide erhoben sich, als sie kam, nicht aus steifer Förmlichkeit, sondern mit jener stillen Achtung, die keine Zeugen braucht. Mutter setzte sich. Sina und Oni nahmen an ihrer Seite Platz. Kein Wort fiel zwischen ihnen. Es war auch nicht nötig.
Manador, Loon und Sinadie nahmen ihre Plätze ein. Isidre blieb nahe bei Klaast, nicht als Stimme, sondern als Stütze. Klaast versuchte noch immer, Bertagnie in eine Form von Gespräch zurückzuführen, doch der Eiferer hatte seine eigene Bühne gefunden und dachte nicht daran, sie wieder zu verlassen.
Von der Schule der Winde war zu Beginn niemand anwesend.
Auch vom Wasser nicht.
Vom Geist nicht.
Diese Abwesenheit lag schwer im Raum. Stühle blieben leer, Zeichen blieben unbesetzt, und gerade dadurch wurde das, was fehlte, spürbar. Der Krieg in der Wüste hatte die Ordnung der Konklave bereits erreicht, bevor die ersten Streitenden eingetreten waren.
Sie warteten.
Und hörten Bertagnies Beschwerden.
Er sprach über Verfahren, über alte Rechte, über die Reinheit der Erdschule, über unerlaubte Vermischungen, über die Anmaßung, in einer Zeit der Unruhe alte Regeln zu dehnen. Klaast wurde blasser, nicht aus Schuld, sondern weil er spürte, dass jeder unnötige Streit seine spätere Autorität schwächte. Isidre versuchte zweimal, Bertagnie zu unterbrechen. Er überging sie. Manador sah zunehmend so aus, als überlege er, ob ein Feuerball als Geschäftsordnungsantrag zulässig sei.
Dann öffnete sich die Tür.
Hokn`f trat ein.
Mit ihm Fontal und From.
Nur die drei.
Und keiner von ihnen sah aus, als habe er in den letzten Tagen geschlafen.
Hokn`fs Gesicht war eingefallen, die Augen dunkel unterlegt, doch sein Blick brannte. Nicht erschöpft. Verzehrt. Seine Robe war staubig, an einigen Stellen beschädigt, und selbst sein Versuch, sich aufrecht zu halten, verriet, wie viel Kraft ihn die vergangenen Tage gekostet hatten. Fontal wirkte blasser als früher, härter und zugleich verletzter. From sah aus wie ein Mann, der aufrecht ging, weil Zusammenbrechen ein zu sichtbares Geständnis wäre.
Bertagnie verstummte.
Das allein hätte gereicht, um den Raum zu verändern.
Hokn`fs Blick fiel auf Mutter.
Für einen Moment blieb er stehen.
„Ihr lebt.“
Es klang nicht nach Freude.
Mutter sah ihn ruhig an.
„Ja.“
Mehr sagte sie nicht.
Hokn`f presste die Lippen zusammen und ging zu seinem Platz. Fontal und From folgten ihm. Ihre Bewegungen waren schwer. Fontal wich dem Blick der anderen aus. From tat es weniger sichtbar, aber auch er suchte keinen längeren Blickkontakt.
Hokn`f wartete nicht auf eine Eröffnung.
Er wartete nicht auf die Feststellung der Anwesenheit, nicht auf den Vorsitz, nicht auf die alten Worte, mit denen die Konklave seit Generationen begann. Er stellte sich an seinen Platz, legte beide Hände auf den Tisch und sprach.
„Ich gebe den Vorsitz an Klaast, den Erdmagier, der die heutige Sitzung leiten wird.“
Klaast sah auf.
Die Worte hätten ihm helfen sollen. Sie taten es nicht. Gerade weil Hokn`f sie so sagte, ohne Form, ohne Achtung, ohne die alten Regeln, klangen sie nicht wie Anerkennung, sondern wie ein hingelegtes Messer. Bertagnie öffnete sofort wieder den Mund.
„Das ist nicht ordnungsgemäß.“
Klaast zögerte.
Nur kurz.
Aber Hokn`f sah es.
Manador sah es auch.
Und diesmal war Manador schneller.
„Hokn`f“, sagte er ruhig, „Ihr seht müde aus.“
Hokn`fs Kopf fuhr herum.
„Was fällt Euch ein?“
Die Stimme schnitt durch den Raum.
„Wie könnt Ihr es wagen, immer noch nicht zu unserer Hilfe geeilt zu sein, während wir in der Wüste sterben? Ihr sitzt hier in Eurer Feste, zählt Eure Zweifel und Eure Bücher, während unsere Leute gegen einen Feind kämpfen, den Ihr nicht einmal verstanden habt. Dort solltet Ihr sein. Nicht hier.“
Manador hielt seinen Blick aus.
„So?“
Er sagte nur dieses eine Wort. Dann sah er an Hokn`f vorbei zu Fontal und From.
Fontal konnte seinem Blick nicht standhalten.
From hielt ihn einen Atemzug länger. Dann senkte auch er die Augen.
Manadors Gesicht veränderte sich kaum, doch innerlich schob sich etwas zusammen. Nicht Furcht. Verdacht. Die beiden wirkten nicht wie Menschen, die Hokn`fs Anklage aus voller Überzeugung trugen. Sie wirkten wie Menschen, die etwas gesehen hatten und nicht wussten, wie sie es sagen sollten, ohne dadurch alles noch schlimmer zu machen.
Hier stimmte etwas nicht.
Ganz und gar nicht.
Hokn`f rammte die Hand auf den Tisch.
„Ich verlange eine Abstimmung.“
Klaast hob die Hand.
„Die Sitzung ist noch nicht eröffnet.“
„Dann eröffnet sie.“
„Nach der Ordnung der Konklave...“
„Die Ordnung stirbt in der Wüste“, brüllte Hokn`f. „Wir sterben in der Wüste. Und ich verlange, dass die Feurige Feste umgehend ausrückt.“
Er reckte seine Hand in die Höhe.
Fontal hob ihre Hand.
From ebenfalls.
Manador sah zu beiden. Fontal tat es nicht trotzig. Nicht einmal überzeugt. Es lag etwas anderes darin. Vielleicht Schuld. Vielleicht Angst um jene, die noch im Tal waren. Vielleicht die Erkenntnis, dass ein Rückzug der Feurigen Feste die Menschen dort nicht retten, sondern ihnen nur den letzten Halt nehmen würde.
From hob die Hand wie jemand, der für das kleinere Übel stimmt und weiß, dass es trotzdem Übel bleibt.
Hokn`f sah zufrieden aus.
„Drei Stimmen für den sofortigen Ausmarsch der Feurigen Feste.“
Bertagnie begann etwas zu sagen, doch niemand hörte auf ihn.
Manador blickte zu Mutter.
Sie wirkte sehr konzentriert.
Nicht auf Hokn`f.
Nicht auf die Hände.
Nicht auf den Tisch.
Ihr Blick ging durch den Raum, als lausche sie einem Ort unterhalb der Worte. Das Licht in ihren Augen veränderte sich, und für einen Moment schien sie abwesend. Nicht schwach. Nicht unaufmerksam. Eher so, als berühre sie eine Finsternis, die die anderen noch nicht sehen konnten.
Dann öffnete sie den Mund.
„Was habt Ihr getan, Hokn`f?“
Die Frage war leise.
Gerade deshalb traf sie.
Hokn`f erstarrte.
„Was habt Ihr nur getan?“
Fontal schloss für einen kurzen Moment die Augen.
From atmete langsam aus.
Mutter blickte zu Manador und Sinadie.
„Er hat sich der Nekromantie bedient“, sagte sie. „Und er will Euch in der Wüste sterben sehen.“
Der Raum wurde still.
Nicht ruhig.
Still.
Hokn`fs Gesicht verzog sich.
„Lüge.“
Mutter sah ihn an.
„Nein.“
„Eine Beschuldigung ohne Beweis.“
„Ich brauche keinen Beweis, um Fäulnis zu riechen.“
Manador stand sehr langsam auf.
In seinem Gesicht war keine Überraschung mehr. Nur Zorn, gebändigt durch Anstand, der zu brüchig wurde, um lange zu halten.
„In diesem Fall“, sagte er knapp, „muss ich dagegen stimmen.“
Er hob die Hand.
Mutter hob ihre ebenfalls.
Klaast zögerte nicht mehr. Bertagnie protestierte sofort, mit roten Flecken im Gesicht, doch Klaast hob die Hand und ließ sie oben.
„Die Erdschule stimmt dagegen“, sagte er.
Bertagnie fuhr auf.
„Das könnt Ihr nicht...“
„Doch“, sagte Klaast.
Zum ersten Mal an diesem Tag klang seine Stimme fest.
„Ich kann.“
Drei gegen drei.
Die Spaltung lag sichtbar im Raum.
Nicht nur als Zahl. Als Riss. Auf der einen Seite Hokn`f, Fontal und From, erschöpft, staubbedeckt, aus einer Schlacht kommend, die noch keiner im Raum ganz verstand. Auf der anderen Manador, Mutter und Klaast, gestützt von Sinadie, Loon und Isidre, aber in der Abstimmung zunächst nur drei. Zwischen ihnen standen alle unausgesprochenen Dinge. Die Pyramide. Die Sondra. Die toten Körper. Die Angst. Die Schuld. Die Frage, wer von ihnen bereits zu spät gekommen war.
Dann kam von der Tür ein Klatschen.
Langsam.
Einzelne Schläge.
Nicht laut, aber in dieser Stille klang jeder wie ein Stein, der in einen Brunnen fällt.
Alle drehten sich um.
Eine Gestalt stand im Eingang.
Glatzköpfig. Hochgewachsen. Die Haut fahl, die Züge scharf, die Zähne beim Lächeln ein wenig zu spitz. Er trug einen schwarzen Mantel mit violetter Fütterung, tiefer und dunkler als die der Herren hinter ihm, und in seiner Hand lag ein Stab, dessen Kopf aus einem Material bestand, das weder Holz noch Knochen noch Stein ganz war. Hinter ihm standen zwei weitere Beschwörer.
Marabar.
Und Zts.
Beide in schwarzen Roben mit violetter Fütterung.
Herren aus Sahretûn.
Mutter erhob sich nicht.
Aber etwas an ihr veränderte sich.
Gochad lächelte.
„Wie ich sehe“, sagte er, „sind wir bei einem Patt angekommen.“
Manador griff unwillkürlich nach der Lehne seines Stuhls.
Sinadie wurde bleich, aber sie wich nicht zurück.
Hokn`f starrte die Neuankömmlinge an, und für einen Moment war in seinem Gesicht nicht Triumph, sondern Überraschung. Nicht vollständige. Er hatte mit etwas gerechnet. Aber nicht mit diesem Auftritt. Nicht hier. Nicht so offen.
Gochad trat in den Raum.
„Gestattet, dass ich mich Euch vorstelle, Brüder und Schwestern. Wir waren lange nicht mehr in der Konklave anwesend.“
Er verneigte sich leicht.
Nicht tief.
„Mein Name ist Gochad, Fürst aus Sahretûn.“
Der Name breitete sich im Raum aus wie Rauch.
Mutter sah ihn an.
Gochads Lächeln wurde beinahe fröhlich.
„Nur Eure Mutter, Eure geistige Führerin, erkennt mich noch, nicht wahr?“
Er neigte den Kopf, als begrüße er eine alte Bekannte auf einem Fest.
„Die Berichte über Euer Ableben waren also übertrieben.“
Dann wandte er sich halb zu Marabar.
„Herr aus Sahretûn, Marabar, sie scheint bester Gesundheit zu sein.“
Marabar lächelte kurz und verbeugte sich.
„Zäher, als es den Anschein hatte.“
Sein Blick ging zu Mutter.
„Grüße darf ich Euch ausrichten. Von Gnok.“
Er lachte leise, sichtbar amüsiert.
Mutter blieb vollkommen still.
Nur ihre Augen wurden kälter.
„Ihr nennt seinen Namen nicht noch einmal, wenn Ihr ihn nicht zu achten wisst“, sagte sie.
Marabar legte eine Hand auf die Brust.
„Wie streng.“
Zts stand schweigend neben ihm. Sein Blick glitt über den Raum, über die Sitze, die Zeichen, die Gesichter, als ordne er eine alte Karte wieder an ihren Platz.
Gochad trat zum Tisch.
Da es keine Stühle für Sahretûn gab, blieben die drei stehen. Das machte ihren Auftritt stärker. Sie saßen nicht unter den anderen. Sie standen hinter einer Lücke, die in der Konklave nie mehr hätte geöffnet werden sollen.
„Nun“, sagte Gochad, „wie ich sehe, habt Ihr ein Patt. Wir neigen diese Entscheidung sehr gern zugunsten der Magier aus Ashambrat.“
Hokn`f sagte nichts.
Aber seine Hand lag noch immer erhoben.
Gochad blickte zu Mutter.
„Wir haben eine Stimme hier, nicht wahr, Mutter? Wir haben sie nur lange nicht genutzt.“
Mutter antwortete nicht sofort.
Alle sahen sie an.
Sie hätte widersprechen können. Sie hätte erklären können, dass Sahretûn gebannt, ausgeschlossen, nicht mehr Teil der Ordnung sei. Aber die Konklave war älter als viele Bannungen. Älter als die heutige Verachtung. Älter als die Geschichten, mit denen man die dunklen Schulen aus dem Gedächtnis gestrichen hatte. Und Gochad wusste genau, wo die Form noch Lücken ließ.
„Sahretûn hatte einst einen Sitz“, sagte Mutter.
Gochad lächelte.
„Wie freundlich von Euch, Euch zu erinnern.“
„Einst.“
„Eine Stadt, die nicht gestorben ist, verliert ihren Namen nicht, nur weil andere ihn nicht aussprechen wollen.“
Klaast wirkte, als wolle er etwas sagen. Doch in diesem Raum hätte jeder, der die alte Ordnung kannte, gespürt, dass Gochad nicht um Anerkennung bat. Er nahm sie.
„Ich denke“, sagte Gochad, „Ihr habt keine Einwände, Mutter.“
Mutter sah ihn an.
„Nicht gegen die Tatsache, dass Ihr sprechen dürft.“
„Wie großzügig.“
„Gegen fast alles andere.“
Gochad lachte.
„Dann halten wir fest. Vier zu drei.“
Er wandte sich zu Manador, und in seinem Lächeln lag plötzlich Stahl.
„Aufmarsch, Feuermagier. Kommt Euren Brüdern zu Hilfe.“
Manadors Gesicht verdunkelte sich.
Loon legte ihm eine Hand auf den Unterarm.
Nicht um ihn aufzuhalten. Um ihn daran zu erinnern, dass der falsche Zorn dem Gegner dient.
Hokn`f atmete zum ersten Mal sichtbar auf. Fontal sah entsetzt aus. From blass. Vielleicht hatten beide gehofft, dass eine Entscheidung gegen Hokn`f sie erlösen würde. Nun schien die Konklave sie nur tiefer in seine Richtung zu treiben.
Da erklang eine weitere Stimme von der Tür.
„Nicht ganz so schnell.“
Alle drehten sich erneut um.
„Vielleicht solltet Ihr noch einmal zählen.“
Slonda trat ein.
Er ging nicht hastig. Nicht theatralisch. Er kam mit der Ruhe eines Mannes, der lange genug gewartet hatte, um genau im richtigen Augenblick einen Schritt zu tun. Sein weißes Haar lag über den Schultern, seine Augen waren klar, und in seiner Gegenwart war etwas, das selbst Gochads Lächeln für einen Moment anhielt.
Marabar sah ihn.
Und diesmal war seine Freude echt.
„Ich habe Euch seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen, Freund von Tandor.“
Er neigte den Kopf.
„Meister der Zeit, Slonda.“
Ein Raunen ging durch den Raum.
Nicht laut. Nicht von allen. Aber der Titel traf wie ein alter Name, der aus einem versiegelten Buch gefallen war.
Slonda blieb stehen.
„Für mich ist nicht so viel Zeit vergangen.“
Marabar lächelte ihn an.
„Ihr seid aufmerksam geblieben.“
Slondas Blick glitt über Marabars Robe.
„Ihr seid mittlerweile Herr, wie ich sehe. Nicht mehr Meister, Marabar.“
„Zeiten ändern sich.“
„Oder auch nicht.“
Marabar lachte leise.
„Ob es mir eine Freude ist, Euch wiederzusehen?“
„Das war keine Frage, die mich beschäftigt.“
„Mich auch nicht.“ Marabar sah ihn mit einer Wärme an, die schlimmer war als offene Feindschaft. „Ich habe Euch vermisst.“
Hokn`f starrte nur auf den Neuankömmling.
„Was?“
Das Wort kam fast hilflos aus ihm heraus.
Slonda sah ihn an.
„Es scheint, Hokn`f, es gibt mehr, als Ihr Euch vorstellen könnt.“
Hokn`fs Gesicht wurde hart.
„Ihr habt hier keine Stimme.“
Mutter erhob sich nun.
Langsam.
„Doch.“
Gochad sah zu ihr.
Seine Augen schmalen sich vor Vergnügen.
„Ah.“
Mutter wandte sich an den Tisch, aber ihre Worte galten Hokn`f.
„Wenn ich richtig zähle, steht es sechs zu vier gegen Euch.“
Hokn`f sah sie fassungslos an.
„Sechs? Wie?“
„Ich helfe Euch“, sagte Mutter.
Ihre Stimme blieb ruhig, doch jeder im Raum spürte den Zorn darunter.
„Manador stimmt für die Feurige Feste gegen Euch. Klaast für die Erde. Ich stimme gegen Euch. Sinadie führt heute die Stimme des Lichtes.“
Sinadie hob die Hand.
Nicht hastig.
Nicht unsicher.
Hokn`f starrte sie an.
„Das ist nicht anerkannt.“
„Doch“, sagte Mutter. „Es ist anerkannt, auch wenn Ihr es nicht wusstet.“
Sie deutete zu Oni.
„Oni ist Dekanin der Illusion.“
Oni hob die Hand.
Still.
Fast traurig.
„Und Slonda führt die Stimme der Zeit.“
Slonda hob seine Hand.
Nun war die Zahl sichtbar.
Sechs gegen vier.
Hokn`f wirkte einen Augenblick lang, als könne sein Verstand die Ordnung nicht annehmen, weil sie sich nicht seinem Willen fügte.
„Fragt Eure neuen Freunde aus Sahretûn“, sagte Mutter. „Falls Ihr den alten Regeln nicht glaubt.“
Sie sprach das Wort Freunde wie etwas Giftiges aus.
Gochad lachte.
„Ihr wart schon immer flink mit dem Verstand, Mutter.“
Er sah zu Hokn`f.
„Es ist richtig.“
Hokn`f wandte sich zu ihm, als habe er Verrat erfahren.
„Ihr habt gesagt...“
„Ich habe gesagt, Sahretûn hat eine Stimme“, unterbrach Gochad ihn. „Nicht, dass Ihr zählen könnt.“
Marabar lächelte.
Manador setzte sich langsam wieder, aber sein Blick blieb auf Hokn`f.
Slonda trat näher an den Tisch.
„Ich beantrage eine Untersuchung gegen Hokn`f aus Ashambrat. Er hat einen Krieg begonnen, den er nicht hätte beginnen dürfen. Er hat die Konklave getäuscht. Und er bedient sich einer Kunst, die nicht in seine Hände gehört.“
„Ihr wisst nichts“, fauchte Hokn`f.
Fontal hob apathisch den Kopf, als wolle sie einen Einwand formulieren, besann sich aber im letzten Moment. Sie schüttelte langsam den Kopf.
From sah zwischen ihnen hin und her.
„Eine Untersuchung“, sagte Klaast, und nun klang der Vorsitz in seiner Stimme. Nicht vollkommen. Aber vorhanden. „Wird aufgenommen.“
Bertagnie setzte an, wieder zu protestieren, aber Klaast wandte sich zu ihm.
„Setzt Euch.“
Bertagnie verstummte.
Diesmal tat er es.
Gochad wirkte nicht beunruhigt.
Im Gegenteil.
Er sah aus, als habe er gerade genug Unterhaltung für einen angenehmen Abend erhalten.
„Wie reizend“, sagte er. „Ihr untersucht einander, während altes Blut in der Wüste auf uns wartet.“
Mutter erstarrte kaum merklich.
„Was habt Ihr gesagt?“
Gochad wandte sich wieder Hokn`f zu, als sei Mutter nicht länger wichtig.
„Wir schicken Euch Hilfe.“
Hokn`fs Gesicht zeigte Vorsicht. Und Gier.
„Welche Hilfe?“
Gochads Lächeln zeigte die spitzen Zähne.
„Die richtige.“
Er legte beide Hände auf den Kopf seines Stabes.
„Es war schon immer unsere Aufgabe, altes Blut zu vernichten.“
Mutter trat einen Schritt vor.
„Gochad.“
Er sah sie an.
„Ja?“
„Wenn Ihr die Sondra meint, dann erinnert Euch daran, dass Ihr nicht in der Kerkerdimension seid.“
„Das weiß ich.“ Seine Stimme wurde weich. „Ich genieße es sehr.“
Dann drehte er sich um.
Für ihn war die Konklave beendet.
Nicht weil sie formal geschlossen war. Sondern weil er gesagt hatte, was er sagen wollte. Marabar und Zts folgten ihm. Doch Marabar blieb an der Tür einen Moment stehen, als Slonda sich in seiner Nähe befand.
Die anderen hörten das Raunen im Raum, Manadors unterdrückten Fluch, Hokn`fs schweres Atmen, Bertagnies verstörtes Murmeln. Niemand achtete auf die halbe Drehung Marabars. Niemand außer Slonda.
Marabar beugte sich leicht zu ihm.
Seine Stimme war kaum mehr als ein Atemzug.
„Euer Bruder macht sich gut bei uns.“
Slondas Gesicht blieb ruhig.
Zu ruhig.
Marabar lächelte.
Dann verließ er mit Gochad und Zts die Konklave.
Die Tür schloss sich.
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Der Raum war noch derselbe. Der Tisch, die Sitze, die Zeichen, die alten Wände. Und doch war nichts mehr wie zuvor. Sahretûn war zurück. Nicht als Gerücht. Nicht als Bedrohung in der Ferne. Nicht als Erinnerung aus einem verbotenen Buch.
Sahretûn hatte in der Konklave gesprochen.
Hokn`f stand am Tisch, besiegt in der Abstimmung und doch nicht gestürzt. Fontal sah aus, als habe sie endlich begonnen zu verstehen, dass Schweigen auch Schuld ist. From schien an etwas zu zerbrechen, das er noch nicht benennen konnte. Klaast hielt den Vorsitz, aber der Raum entzog sich bereits wieder jeder Ordnung.
Manador blickte zu Mutter.
„Was bedeutet altes Blut?“
Mutter antwortete nicht sofort.
Ihr Blick lag auf der Tür, durch die Gochad verschwunden war.
Dann sagte sie:
„Dass sie den Krieg beenden werden.“
Sinadie wurde bleich.
Slonda schloss für einen Augenblick die Augen.
Mutter sprach weiter, leiser nun, aber jedes Wort fiel schwer.
„Sie sind gekommen, um etwas auszulöschen was gerade wieder aufgestanden ist.“
Niemand fragte, was.
Denn in diesem Augenblick verstand jeder, dass Buch, Krieg, Konklave und Rückkehr nur verschiedene Türen zu derselben Dunkelheit gewesen waren.
Und draußen, irgendwo jenseits der Mauern, jenseits der Wüste, jenseits der Pyramide und der Schlacht, bewegte sich Sahretûn wieder in die Welt hinein.
Nicht heimlich mehr.
Nicht wartend.
Sondern offen.
Ende Buch 9
Epilog
Son, Indra und Roto hatten sich mit den Kaula versammelt.
Es war kein Rat gewesen, wie Menschen ihn verstanden hätten. Keine Abstimmung, keine lange Rede, keine Ordnung aus Worten und Gesten, mit der man Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen konnte. Die Kaula standen dicht beieinander, schwer, stumm, leidend, und doch war alles gesagt worden. In Blicken. In Berührungen. In jenem tiefen, kaum hörbaren Vibrieren, das mehr Gefühl trug als Sprache.
Sie hatten gesprochen.
Und sie hatten gemeinsam beschlossen, dass es enden musste.
Der Kaula lag vor ihnen auf dem Steinboden der Feurigen Feste und wand sich noch immer vor Schmerzen. Sein mächtiger Leib zuckte in unregelmäßigen Schüben, seine Krallen kratzten über den Boden, und jedes Mal, wenn der Schmerz durch ihn ging, bebten die anderen Kaula, als ginge ein Teil davon auch durch sie. Vielleicht war es so. Vielleicht waren sie einander näher, als Menschen je sein konnten. Vielleicht war das der Grund, warum ihr Leiden so still war und so unerträglich.
Seine Frau hatte bis zuletzt um ihn kämpfen wollen.
Sie hatte sich vor ihn gestellt, hatte Son und Indra angefleht, hatte Roto den Weg versperrt und mit einer Verzweiflung gekämpft, die keinen Feind mehr kannte, sondern nur noch Verlust. Sie wollte ihn halten, um jeden Preis. Auch dann noch, als kein Preis mehr blieb, der bezahlt werden konnte. Als Slonda nichts mehr wusste. Als Mutter geschwiegen hatte. Als die anderen Kaula ihre schweren Köpfe senkten.
Dann war sie zusammengebrochen.
Nicht laut. Nicht dramatisch. Ihre Kraft verließ sie einfach. Sie sank neben ihm nieder, legte eine Hand an seinen Leib und blieb dort, zitternd, den Kopf gegen ihn gedrückt, als könne sie ihn mit ihrer Nähe noch in der Welt festhalten.
Roto stand ein Stück entfernt.
In seiner Hand lag das Messer.
Er hatte sich bereit erklärt, es zu tun.
Nicht aus Hass.
Nicht als Vergeltung für Kol, seinen Freund, den der Kaula getötet hatte. Dieser Gedanke war in ihm gewesen, ja. Er wäre gelogen gewesen, hätte er so getan, als habe er ihn nicht gekannt. Kol war tot. Und der Kaula hatte ihn getötet. Aber jetzt, in diesem Raum, vor diesem Wesen, das nicht mehr kämpfen konnte, das nicht mehr verstand, das nur noch Schmerz war, blieb von Rache nichts übrig, das stark genug gewesen wäre, Rotas Hand zu führen.
Was blieb, war Mitleid.
Und vielleicht war das schwerer.
Son stand hinter ihm.
Indra ebenfalls.
Beide ragten still über ihm auf, groß, fremd, ernst. Sie sagten nichts. Sie mussten nichts sagen. Roto spürte ihre Gegenwart wie zwei Säulen hinter seinem Rücken. Nicht drängend. Nicht befehlend. Nur da.
Er trat einen Schritt vor.
Der Kaula wand sich.
Roto schluckte.
Seine Finger schlossen sich fester um den Griff des Messers.
„Es tut mir leid“, sagte er.
Er wusste nicht, ob der Kaula ihn verstand. Vielleicht verstand seine Frau. Vielleicht verstand niemand. Vielleicht war es auch nur wichtig, dass er es gesagt hatte.
Er kniete sich nieder.
Die Kehle des Kaula lag vor ihm, mächtig, dunkel, von Adern durchzogen, von Atemstößen bebend. Roto hob das Messer. Seine Hand zitterte nicht. Das überraschte ihn. Er hatte gedacht, sie würde zittern. Er hatte gehofft, sie würde zittern. Eine zitternde Hand hätte bewiesen, dass er noch zögerte.
Aber sie war ruhig.
Er legte die Schneide an die Kehle.
In diesem Augenblick verstummte der Kaula.
Nicht langsam.
Nicht mit einem letzten Stöhnen.
Er verstummte, als habe jemand den Schmerz aus der Welt genommen.
Roto erstarrte.
Das Messer lag noch an der Kehle. Seine Finger hielten den Griff. Son und Indra hinter ihm rührten sich nicht. Die anderen Kaula hoben die Köpfe. Die Frau des Kaula öffnete die Augen.
Roto blickte auf das Wesen vor sich.
Der Leib zuckte nicht mehr.
Der Atem ging ruhig.
Und dort, wo die Wunde gewesen war, wo sich etwas Dunkles, Fremdes, Unheilbares in sein Fleisch gefressen hatte, war nichts mehr.
Keine offene Stelle.
Kein schwarzer Rand.
Kein Blut.
Nur Haut.
Unversehrt.



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