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Anadar III/III

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 9. Apr.
  • 69 Min. Lesezeit

XI

Zuallererst blickte er sich um und begriff nicht, was er sah.

Er war nicht mehr dort, wo er eben noch gewesen war, nicht mehr in jenem Gang, in jener kalten, steinernen Tiefe, in der bläuliche Fackeln brannten und ein Spiegel zu etwas geworden war, das kein Spiegel mehr hatte sein dürfen. Stattdessen war da Helligkeit, nicht grell, aber umfassend, ein klares, milchiges Licht, das von hohen Fenstern oder blankem Stein zurückgeworfen wurde, und ein Geruch, der ihm sofort fremd und zugleich vertraut vorkam, warmes Holz, frisches Brot, Bienenwachs, Staub, der nicht nach Verfall roch, sondern nach Ordnung, nach Räumen, die benutzt und gepflegt wurden. Gerade dieser Geruch war es, der ihn am meisten verwirrte, weil er in seinem Zustand nicht wusste, ob er ihn aus der Gegenwart wahrnahm oder aus irgendeinem Winkel der Erinnerung, den der Durchtritt in ihm aufgerissen hatte.

Slonda schüttelte den Kopf.

Es half nicht.

Alles drehte sich weiter, als sei nicht die Welt um ihn verschoben, sondern sein eigener Blick lose geworden und schwimme nun in seinem Schädel wie Wasser in einem Becher, der zu hastig getragen wurde. Ihm war schlecht, so gründlich schlecht, dass der Gedanke an einen aufrechten Gang fast anmaßend wirkte, und in seinem Kopf dröhnte es, nicht wie Schmerz allein, sondern wie etwas, das sich erst wieder in geordnete Form bringen musste. Stimmen waren da, oder Reste von Stimmen, Echos, Satzbruchstücke, das dumpfe Nachzittern von Worten, die er im Ritual gesprochen hatte oder die ihm gesagt worden waren, ohne dass er sie wirklich gehört hätte. Sein Blick war nicht klar. Die Kanten der Dinge wollten nicht an ihrem Platz bleiben. Helles Holz flimmerte an den Rändern. Ein Türbogen schien für einen Moment weiter entfernt, als er sein konnte, dann wieder zu nah.

Er musste sich stützen.

Seine Knie gaben fast nach, und ehe er noch hätte beschließen können, dass Würde hier irgendeine Rolle spielte, sank er sehr unelegant zu Boden, fing sich mit einer Hand an der Wand und setzte sich schließlich einfach auf die kalten Platten, die Beine halb angewinkelt, den Rücken gegen etwas gelehnt, das Stein oder Holz hätte sein können. Für eine Weile tat er gar nichts, außer zu atmen und nicht umzukippen. Der Kreislauf war unten, so tief unten, dass selbst das Heben des Kopfes Mühe kostete. Er dachte, er müsse sich sammeln. Stattdessen schloss er die Augen.

Ob er schlief, wusste er nicht.

Vielleicht war es Schlaf. Vielleicht nur ein Sturz ins Wegtreiben. Vielleicht Bewusstlosigkeit mit zu viel Restwahrnehmung, um sie ehrlich so nennen zu können. Sein Blick flimmerte auch bei geschlossenen Lidern, und hinter dem Dunkel war Bewegung, Bilder, Lichtwechsel, jene unangenehme Dämmerung zwischen Wachen und Fortsein, in der ein Mensch nicht sagen kann, ob das, was er sieht, aus seinem Kopf kommt oder aus der Welt, die er gerade nicht mehr fassen kann. Ihm war noch immer schlecht. Er wusste, dass er sich konzentrieren musste. Dieses Wissen kam immer wieder, wie ein Seil, das jemand in seine Richtung warf, aber seine Finger griffen nur halb danach.

Irgendwann raffte er sich auf.

Vielleicht nach Minuten. Vielleicht viel später. Die Zeit hatte in diesem Zustand keinen verlässlichen Rand mehr. Er kam an die Wand, drückte die Handfläche gegen den Stein, spürte Kühle, Halt, und begann dann langsam zu gehen. Durch Gänge, die er kannte und doch nicht kannte. Die Linien waren ihm vertraut, die Winkel, die Länge mancher Abschnitte, das Verhältnis von Tür und Treppe, von Nische und Pfeiler, und doch war alles anders. Zu hell. Zu neu. Zu vollständig. Nichts war geborsten, nichts schief, nichts von jener stillen Altersschwäche durchzogen, die Tandors Bibliothek in seiner Erinnerung so ehrwürdig wie unerquicklich gemacht hatte. Er ging die Treppen hinauf, langsam, eine Hand stets an der Wand, und alles blieb in einem Zustand des Dämmerns, milchig, leicht verschoben, als laufe die Welt mit einer halben Sekunde Verzögerung hinter ihm her.

Er kam durch einen prächtigen Lesesaal.

Oder etwas, das ein Lesesaal sein musste, nur heller, größer, lebendiger, als er ihn je gesehen hatte. Zwischen Tischen bewegten sich Gestalten, Menschen in Gewändern, die ihm fremd vorkamen, und doch verhielten sie sich nicht wie Fremde ihm gegenüber. Sie wuseln, dachte er in einem halb lächerlichen, halb verzweifelten Wort, sie wuseln und beachten mich nicht. Einer trat zur Seite, ohne aufzusehen, als hätte er Slonda im Augenwinkel längst eingeordnet und entschieden, dass ein taumelnder Meister nicht seine Angelegenheit sei. Eine Frau mit einem Bündel Pergamente machte ihm wortlos Platz. Niemand sprach ihn an. Niemand fragte, ob es ihm gut gehe. Niemand schien den mindesten Zweifel daran zu haben, dass er dort hingehörte.

Er ging weiter.

Er wusste irgendwann, ohne bewusst darüber nachzudenken, in welche Richtung seine Kammer liegen musste, und als er sie erreichte und die Tür aufdrückte, traf ihn der Anblick fast härter als die Stufen zuvor.

Seine Kammer.

Und doch nicht seine.

Sie war zu leer. Zu aufgeräumt. Zu sehr auf Anfang gestellt. Nichts lag auf dem Tisch. Keine losen Rollen, keine mit Kreide beschrifteten Holzstäbchen, keine halben Notizen, keine Schalen mit angetrocknetem Tintenrest, keine zweite Decke achtlos über den Stuhl geworfen, nichts von jenem kleinen, unerquicklich vertrauten Chaos, in dem er sonst dachte und arbeitete. Alles war einfach. Geordnet. Frisch. Ein Bett. Ein Tisch. Ein Schrank. Ein Krug. Ein Raum, der wirkte, als habe man ihn für jemanden hergerichtet, der später erst beginnen würde, darin zu leben.

Ihm ging es nicht gut.

Es kostete ihn die letzte Kraft, bis zum Bett zu kommen, und als er sich darauf sinken ließ, war darin weder Vorsicht noch Eleganz, nur das rohe Bedürfnis, nicht mehr zu stehen. Die Matratze war fest. Die Decke roch nach Sonne und Lagerung. Er schloss die Augen und fiel sofort fort.

Wieder kam der Traum.

Oder die Vision.

Oder das, was in diesen Zuständen zwischen beiden keinen Sinn mehr macht zu unterscheiden.

Diesmal stand er auf der anderen Seite. Er wusste nicht, woher er das wusste, aber die Erkenntnis war da, klarer als jeder Gedanke, den er sich tagsüber erzwungen hatte. Vor ihm die verfallene Bibliothek, in blauem Licht, verwittert, zerfressen, halb in Schatten versunken, und er selbst stand nicht dort, sondern in den hell erleuchteten Katakomben, den sauberen, neuen, glatten Katakomben, als hätte er durch den Riss hindurch eine Welt gesehen, die dieselbe war und doch zeitlich versetzt, nicht Traum gegen Wirklichkeit, sondern eine Seite gegen die andere. Er wunderte sich nicht. Das war das Unheimlichste daran. Er stand da und sah, und nichts in ihm erhob Einspruch. Als hätte sein Geist die Unerhörtheit bereits verbraucht.

Als er wirklich aufwachte, oder wenigstens in den Zustand kam, den man ehrlicherweise wieder Wachen nennen konnte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte.

Stunden, vielleicht.

Mehr.

Sein Körper war noch schwach, aber anders schwach als zuvor, weniger wie ein zusammenbrechendes Gerüst, eher wie etwas, das lange unter Wasser war und nun mühsam wieder lernt, mit Luft umzugehen. Es dauerte, bis er sich aufsetzen konnte. Noch länger, bis er nicht wieder sofort den Kopf zwischen die Hände nehmen musste. Dann zwang er sich auf die Beine und blickte verwundert in seiner Kammer um, diesmal klarer, langsamer, mit der kalten Aufmerksamkeit eines Mannes, der ahnt, dass es besser wäre, wenn der Irrtum nun endlich irgendwo sichtbar würde.

Tat er nicht.

Die Kammer war wirklich aufgeräumt.

Und neu.

Oder jedenfalls so neu, dass sie nicht in die Ordnung seiner Zeit gehörte.

Auf dem Tisch stand Essen.

Frisches Brot. Obst. Ein Krug mit leichtem Bier, das bitterer roch, als er erwartet hätte, beinahe kräuterig. Er war so hungrig, dass der erste Griff zum Brot fast unwillkürlich kam, und als er kaute, merkte er, wie sehr sein Körper nach etwas Greifbarem verlangt hatte. Das Essen war kein Traum. Das Bier war kühl. Die Bitterkeit blieb auf der Zunge. Er saß lange und aß langsam, als könne jede gekaute Bissenfolge ihn tiefer in eine Wirklichkeit zurückbringen, die nur dann Bestand hatte, wenn auch ihr einfachster Stoff, Brot, Obst, Getränk, sich als verlässlich erwies.

Wo bin ich, fragte er sich.

Er stellte die Frage nicht laut, weil er plötzlich Angst vor der eigenen Stimme hatte. Sie hätte den Raum endgültig echt machen können.

Langsam wurde ihm klar, dass dies seine Kammer war und doch nicht seine. Nicht in dem Sinn, dass jemand sie ihm genommen hätte, sondern in jenem viel schlimmeren Sinn, in dem ein Ort derselbe bleibt und doch einer anderen Ordnung angehört. Er machte sich frisch, so gut es ging, schöpfte Wasser aus dem Krug, fuhr sich durchs Haar, sah auf seine eigenen Hände und wusste nicht, ob ihn mehr beruhigte oder verstörte, dass sie dieselben waren.

Dann öffnete er die Tür.

Draußen liefen wenige Leute umher, nicht viele, aber genug, dass ein leerer Gang als Ausnahme und nicht als Grundzustand gewirkt hätte. Er kannte sie nicht. Nicht ihre Gesichter. Nicht ihre Gewänder. Alles war irgendwie gleich und doch anders. Die Farben matter, die Schnitte älter oder vielleicht neuer, jedenfalls nicht aus jener Zeit, an die sein Auge gewöhnt war. Er schlich anfangs hinaus, vorsichtig, verstohlen fast, als sei er es, der hier nicht hingehöre. Doch niemand beachtete ihn besonders. Ein junger Mann mit einem Stapel Holztafeln wich ihm aus. Eine Frau trug zwei Schalen vorbei und nickte ihm knapp zu, ohne zu zögern oder zu stutzen. Je weiter er kam, desto mehr wagte er sich.

Er gelangte in den Innenhof der Bibliothek.

Und dort traf ihn das Gefühl des Andersseins noch stärker. Alles war eigentlich so, wie er es kannte. Die Lage des Brunnens. Die Mauern. Die Arkaden. Die Wege. Und doch war alles frischer, schärfer, kleiner vielleicht, weniger verwinkelt, weniger gewachsen. Es war, als habe jemand Tandor und seine Bibliothek aus der Erinnerung eines älteren Zeitalters heraus neu errichtet, ehe sich die Jahrhunderte darüberlegen konnten.

Er verließ die Bibliothek.

Tandor draußen war anders.

Sehr viel kleiner, dachte er sofort, und dann, nein, nicht kleiner vielleicht, sondern jünger. Anders gebaut. Weniger dicht. Die Straßen verliefen nicht in den vertrauten Schleifen, die er blind hätte gehen können. Manche Häuser fehlten. Andere standen, wo in seiner Zeit Mauern oder Gassen gewesen waren. Er ging durch Straßen, die zugleich Tandor waren und nicht Tandor, fand sich nicht zurecht und bekam es binnen kürzester Zeit mit einer Angst zu tun, die tiefer ging als Verwirrung, weil sie nicht nur den Ort betraf, sondern sein eigenes Urteil. Wenn die Stadt so anders sein konnte und dennoch unter demselben Namen stand, wie viel von ihm selbst war dann noch verlässlich.

Also floh er zurück in die Bibliothek.

Schnell, zu schnell, fast peinlich, als könnte ihn die Stadt beim Verlaufen sehen und damit etwas bestätigen, das er selbst noch nicht aussprechen wollte. Er setzte sich irgendwo an einen Randplatz, halb verborgen zwischen einer Säule und einem Regal, und beobachtete das Treiben. Die Menschen gingen ihren Geschäften nach. Sie schrieben. Trugen. Lasen. Sprachen leise miteinander. Beachteten ihn kaum. Er verstand die Welt nicht. Er war aufgeregt, verstört, und je länger niemand auf ihn reagierte, desto schlimmer wurde es, weil gerade das bewies, dass sein Erscheinen hier nicht als Bruch empfunden wurde.

Schließlich zog er sich wieder in sein Zimmer zurück.

Dort führte er Selbstgespräche.

Zunächst nur halblaut, dann deutlicher, weil die eigene Stimme wenigstens etwas Bekanntes war, selbst wenn sie nur Fragen stellte, auf die keine Antwort kam. Er zweifelte an seiner geistigen Gesundheit mit einer Gründlichkeit, die beinahe wissenschaftlich war. War dies ein Delirium. Ein Nachhall des Rituals. Eine Form von Vergiftung. Ein Zusammenbruch des Geistes, ausgelöst durch die Überlastung der letzten Wochen. Er ging die Möglichkeiten durch, verwarf sie, nahm sie wieder auf, kam zu keinem Ende und war dabei so eingeschüchtert von der eigenen Lage, dass selbst der Gedanke an Hilfe unerträglich wirkte. Wem hätte er sie auch erklären sollen.

Es dauerte, bis er sich wieder traute, aus der Kammer zu gehen.

Dann beschloss er, das einzig Vernünftige zu tun.

Zu lesen.

Wenn die Welt verrückt geworden war, dann vielleicht wenigstens konsistent verrückt, und eine Bibliothek, dachte Slonda, sei am ehesten der Ort, an dem sich Konsistenz noch in Büchern auffinden lasse. Also ging er nach unten. Durch die Gänge. In die tieferen Bereiche. Und dort traf ihn der nächste Schlag.

So hell.

So viele Bücher.

Nicht zerfallen, nicht halb gelesen, nicht vom Wasser angenagt oder von den Jahrhunderten mürbe gemacht, sondern ordentlich, reich, in Massen, Rücken an Rücken, sauber beschriftet. Er konnte die Titel lesen. Und genau das machte alles schlimmer.

Von den Zwölfen.

Ordnung im Zeichen der Zwölf.

Der Kodex der Zwölf.

Grundlagen des Kodex.

Er zog ein Buch heraus. Die Schrift sah alt aus, ja, aber nicht in dem Sinn, in dem alte Bücher in seiner Zeit alt wirkten, sondern wie etwas, das eben erst geschrieben worden war und nur einen älteren Stil trug. Die Seiten waren gut erhalten. Zu gut. Er blätterte, las Zeilen, verstand Wörter, verstand den Sinn, und mit jedem Atemzug wuchs in ihm die Gewissheit, dass dies keine Täuschung war, die sich an Einzelheiten verhaspelte. Das hier war in sich geschlossen.

Es kann nicht sein, dachte er.

Was ist hier los.

Er setzte sich wieder auf einen Stuhl, eher fallend als sich wirklich setzend, und diesmal war es Verzweiflung, die ihn ergriff, nicht nur Angst. Er hatte das Gefühl, an einer Grenze angekommen zu sein, hinter der sein Verstand nicht mehr als Werkzeug, sondern nur noch als empfindsame Oberfläche diente, auf die immer neue Unmöglichkeiten fielen.

„Meister Slonda.“

Die Stimme war vertraut.

So vertraut, dass sie ihn fast schmerzte.

Er drehte sich um.

Da stand Drinda.

Lächelnd.

Nicht älter, nicht anders, nicht verfremdet durch das Licht oder eine Traumlogik, sondern einfach Drinda, wie er ihn kannte, nur mit einem Ausdruck im Gesicht, den Slonda an ihm nie gesehen hatte, ruhig, sicher, beinahe tröstend.

Drinda trat näher, als sei nichts an dieser Situation geeignet, einen Menschen in Panik zu versetzen.

„Euch geht es bald wieder gut“, sagte er. „Habt keine Angst. An was ihr gerade leidet, ist ein bekanntes Phänomen. Ihr leidet an den Nachwirkungen des Zeitdurchtritts. Das wird sich wieder legen.“

Slonda starrte ihn an.

Und in diesem Augenblick war es nicht die Rede von Zeit, nicht das Wort Durchtritt, nicht einmal die Aussicht, dass all dies erklärbar sein könnte, was ihn zuerst traf.

Es war, dass Drinda hier stand, lächelte und sprach, als wäre genau dies die Antwort, auf die er die ganze Zeit hätte kommen können.

XII

Roto und Kolnidranooora ritten von Ashambrat nach Norden, doch nicht auf einem der Wege, die ein vernünftiger Karawanenmeister vorgeschlagen hätte, nicht in Richtung Feurige Feste, nicht über den Großen Markt und auch nicht auf einer jener breiten Handelslinien, auf denen man wenigstens sagen konnte, dass jeder dritte Reiter dieselben Sorgen hatte wie man selbst. Sie hielten sich weiter östlich, zunächst nordöstlich, immer der Hoffnung folgend, dass die Küste ihnen eine Abkürzung schenken könnte, einen Fischer, einen kleinen Küstenkahn, ein Handelsschiff, irgendetwas, das sie schneller nach Gontar bringen würde, als es der bloße Ritt vermochte. Denn so nüchtern beide denken konnten, so deutlich wussten sie auch, dass ihnen die Zeit davonlief. Hokn'f hatte ihnen den Auftrag nicht mit feierlicher Gravität gegeben, um dann mit Gelassenheit zuzusehen, wie die Tage verstrichen. Er wollte Ergebnisse, und zwar vor der Dreikrone, und alles in Rotos innerem Takt lief von Beginn an gegen diese Forderung an wie ein Mann gegen Wind.

Zuerst aber mussten sie aus der Wüste.

Und die Wüste, selbst wenn man in ihr aufgewachsen war und glaubte, sie besser zu kennen als die meisten, war nie etwas, das man einfach „hinter sich“ brachte, nur weil man es eilig hatte. Stunde wurden zu Tagen. Der Sand lag anfangs noch offen und weit, in flachen Linien, die morgens blass waren und mittags blendeten, und die Pferde bewegten sich mit jener eingeübten Ausdauer hindurch, die nur Tiere entwickeln, die gelernt haben, dass Landschaft auch Widerstand sein kann. Dann veränderte sich der Boden allmählich. Erst kamen dunklere Stellen, wo mehr Stein im Sand lag als Sand über dem Stein. Dann welligeres Land, niedriges Hügelland, das wirkte, als hätte die Wüste dort für einen Augenblick innegehalten und überlegt, ob sie Raum an etwas anderes verlieren wolle. Noch später gingen die Farben endgültig auseinander. Felsen traten offen hervor. Der Sand wurde dünner, schmutziger, durchzogen von Geröll und hartem, hellen Gestein. Danach kam Gras, zuerst kümmerlich, dann dichter, und schließlich jene Wälder, die für Männer aus Ashambrat immer etwas Beleidigendes haben, weil sie mit ihrem Schatten, ihrer Feuchtigkeit und ihrer Undurchsichtigkeit eine ganz andere Form von Welt behaupten.

Entlang der Küste fanden sie kein Schiff.

Nicht eines, das ihnen wirklich hätte helfen können.

Sie ritten durch Dörfer, in denen Fischerboote hoch aufgezogen lagen, weiter oben als es für gewöhnlich nötig gewesen wäre, als traue selbst das Land den Wassern nicht mehr ganz. Sie fragten in kleinen Städten, in Hafensiedlungen, in Gasthäusern, wo das Salz in der Luft hing und der Tanggeruch bis in die Schlafräume kroch, ob jemand sie mitnehmen würde, auch nur ein Stück, auch nur bis zur Mündung des großen Flusses oder zu einem besseren Hafen weiter oben, und bekamen fast überall dasselbe. Müde Blicke. Ein halbes Lächeln. Ein Schulterzucken, hinter dem mehr Vorsicht lag als Höflichkeit. Die Gerüchte hatten sich längst verbreitet. Kaum noch jemand ging freiwillig weiter hinaus zum Fischen als nötig. Manche fuhren noch in die Buchten. Andere blieben ganz an Land. Und wenn man in solchen Orten mit dem Wunsch nach Passage auftaucht, sieht man sehr rasch, wie wenig Heldentum in Männern wohnt, die Frau und Kinder zu Hause haben und zwischen Hunger und offener See wählen müssen.

Also ritten sie die Küste hinauf.

Immer wieder hoffend. Immer wieder abgewiesen.

Die Tage bis zur Dreikrone schrumpften unter ihnen zusammen. Erst waren es noch viele genug, dass man die Zahl ohne Beklemmung im Kopf bewegen konnte. Dann wurden es weniger. Unter einer Woche, und beide wussten längst, dass sie es ohne Schiff niemals rechtzeitig bis Gontar schaffen würden. Doch das war nicht einmal das größte Hindernis, das sich ihnen in den Weg stellte. Mit etwas anderem hatten sie nicht gerechnet. Nicht, weil es unvorstellbar gewesen wäre, sondern weil man, wenn man in der Wüste groß wird, Hochwasser nur aus Erzählungen kennt und sich trotzdem nicht vorstellen kann, wie gründlich Wasser eine Landschaft umschreibt, sobald es genug davon gibt.

Der große Fluss, der vom Großen Markt herab zum Meer zog, führte Hochwasser.

Schmelzzeit, sagten die Leute. In den Bergen war genug Eis gefallen, und der Frühling fraß sich nun schneller hindurch, als der Boden es aufnehmen konnte. Der sonst breite, aber träge Strom war zu einer reisenden Masse geworden, braun, voll, ungeduldig, die an den Ufern fraß, Bäume schief stehen ließ und Stege mit einer Gleichgültigkeit fortnahm, die Roto auf eine fast persönliche Weise verabscheute. Bis zum Großen Markt, so sagte man ihnen, gab es keine brauchbare Furt. Keine Brücke, der man vertrauen wollte. Kein Dorf, dessen Leute auch nur für Geld die Überfahrt wagen würden. In ein oder zwei Wochen, ja, vielleicht. Dann würde das Wasser fallen. Dann könnte man wieder übersetzen. Dann. Dann. Dieses unerquicklich falsche Wort, das nur denen leicht über die Lippen kommt, die nicht selbst noch Hunderte von Meilen und den Zorn eines Obermeisters vor sich haben.

Zähneknirschend gaben sie den Küstenplan auf und ritten nach Westen, dem Fluss entgegen, immer am Rand der Strömung entlang, weil es nun nichts anderes mehr gab, als den Großen Markt zu erreichen und dort die Passage zu erzwingen oder wenigstens zu finden. Beide waren verdrossen, nicht laut, nicht jammernd, sondern auf jene scharfe, stille Weise, die in Männern wächst, wenn sie sehen, wie die Zeit sich gegen sie verschwört. Hokn'f würde nicht begeistert sein. Diese Erkenntnis brauchten sie nicht auszusprechen. Sie ritt ohnehin mit.

Am Morgen des Tages, an dem alles sich änderte, niselte es leicht.

Kein richtiger Regen, eher eine feine, kalte Feuchtigkeit, die sich auf Gewänder. Der Fluss lief neben ihnen her wie ein Tier, das zu groß und zu wach für das Bett geworden war, in dem man es sonst kannte. Das Wasser schäumte an den Rändern, trug Äste, Grasbüschel und einmal sogar einen ganzen halben Stamm mit sich, und die Geräusche waren lauter als die Straße, lauter als ihre Pferde, lauter fast als ihre Gedanken.

Dann sahen sie das Schiff.

Zuerst nur als eine Form im Dunst, ein dunkler, schräger Rücken auf dem Wasser. Dann deutlicher. Ein Segelschiff, das tatsächlich flussabwärts fuhr, vom Strom getragen und dennoch geführt, langsam genug, dass man es erkennen konnte, schnell genug, dass jeder Versuch, es von Land aus einzuholen, lächerlich gewesen wäre. Roto hielt das Pferd an. Kolnidranooora sah ebenfalls hinüber. Sie sagten nichts. Es brauchte keine Worte. Ein Plan begann sich zu bilden, einer jener Pläne, die im ersten Augenblick mehr nach Möglichkeit als nach Klugheit aussehen und gerade deshalb gefährlich sind.

Roto stieg ab.

Er löste die Befestigung am Sattel, zog den zusammengelegten Teppich hervor und breitete ihn mit der Sorgfalt eines Mannes aus, der genau weiß, dass ein fliegender Teppich nur in Geschichten etwas Leichtes und Elegantes ist. In Wahrheit sind diese Dinge launisch, widerständig und vor allem dann schwierig wenn Nässe ins Spiel kommt. Er legte das Gewebe auf eine Stelle, die nicht zu matschig war, strich die Ränder glatt und sah einen Moment lang zu dem Schiff hinaus, als wolle er die Entfernung noch ein wenig kleiner denken.

Kolnidranooora hielt die Pferde.

Er sagte nichts. Roto wusste auch so, was in seinem Blick lag. Der Teppich zu fliegen war nicht einfach. In der Wüste, mit offenem Raum, trockenem Luftzug und wenigen Hindernissen, konnte ein geübter Mann ihn beherrschen, selbst wenn Sand einem ins Gesicht peitschte. Doch hier war alles gegen ihn. Feuchtigkeit. Wind vom Fluss. Bewegtes Ziel. Wenn der Teppich nass wurde, flog er schlechter. Wenn Roto ins Wasser fiel, war die Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit vorbei, nicht nur für den Versuch, sondern für ihn selbst. Er konnte nicht schwimmen. Allein der Gedanke daran, in diesen braunen, ziehenden Strom zu stürzen, jagte ihm einen Schauder durch den Rücken, der nichts mit dem Nieselregen zu tun hatte.

Er hob ab.

Der Teppich reagierte träge erst, dann mit jener eigenartigen Geschmeidigkeit, die immer eintrat, wenn das erste Zögern überwunden war. Roto gewann Höhe, nur wenig zunächst, wollte nicht gegen den Wind kämpfen, bevor er musste, und lenkte hinaus auf den Fluss. Sein Plan war einfach genug, dass er in einer ruhigen Welt beinahe vernünftig geklungen hätte. Nicht von vorn kommen, nicht riskieren, dass das Schiff ihm entgegenlief und ihm den Winkel nahm, sondern von hinten aufholen, das Schiff überholen, sich seitlich einordnen, die Geschwindigkeit angleichen und dann in der Mitte des Decks abspringen. Möglichst wenig Manöver. Möglichst wenig Heldentum. Möglichst wenig Wasser.

Es klappte besser, als er zu hoffen gewagt hatte.

Er kam von hinten, die Segel des Schiffes zuerst unter sich, dann neben sich, spürte den Wind anders schneiden, weil nun nicht nur der Fluss, sondern auch das Schiff selbst die Luft brach. Langsam holte er auf, erst bis zur Hecklinie, dann höher, nach vorn, bis er etwa einen Meter über Deck schwebte. Die Männer an Bord starrten ihn an. Mit offenen Mündern, nicht einmal feindlich, nur vollkommen verblüfft, als wären aus alten Märchen plötzlich Dinge herabgestiegen, deren Existenz man zwar nie ganz ausgeschlossen, aber auch nie wirklich einkalkuliert hatte. Ein fliegender Mann auf einem Teppich ist selbst dort, wo man genug Geschichten kennt, noch immer weit von gewöhnlicher Erfahrung entfernt.

Roto ließ den Teppich zur Mitte des Schiffes sinken.

Gleiche Höhe. Gleiche Geschwindigkeit. Er spürte, wie das Gewebe unter ihm im feuchten Wind arbeitete, nicht unwillig, aber nervös, als wolle es ihm deutlich machen, dass dies ein guter Augenblick sei, den Unsinn nun wirklich zu beenden. Er sprang ab.

Er landete sauber.

Der Teppich sackte dahinter auf die Planken, flatterte kurz und blieb dann liegen wie ein Tier, das beleidigt ist, weil man es für etwas benutzt hat, das es selbst nie vorgeschlagen hätte.

Roto richtete sich auf.

Wasser lief vom Saum seines Mantels. Männer starrten ihn an. Das Deck schwankte leicht unter ihm, während der Fluss unter dem Kiel weiterraste. Und im ersten Impuls griff er zu dem, was ihm an Autorität am vertrautesten war.

„Ich verlange, dass ihr stoppt. Ich bin Roto, Meister der Winde.“

Die Seeleute blickten sich verständnislos an.

Keiner sagte etwas. Keiner tat etwas.

Nicht, weil sie ihn nicht verstanden hätten, sondern weil der Satz in seiner ganzen Würde an etwas sehr Einfachem zerschellte, nämlich daran, dass ein Schiff auf einem Hochwasserfluss nicht stehenbleibt, nur weil ein Magier es mit Befehlsform für passend hielte.

„Ich verlange“, begann Roto lauter, und jetzt war schon Unsicherheit in seiner Stimme, nicht viel, nur genug, dass ein aufmerksamer Mensch sie hätte hören können.

„Selbst wenn wir wollten“, sagte da eine Stimme von weiter oben an Deck, „es ist schlicht unmöglich in diesem Strom.“

Der Kapitän war erschienen und sah mit einer Mischung aus Erstaunen und nüchterner Vorsicht auf die Figur vor sich, die eben aus der Luft auf sein Schiff gefallen war und nun offenbar erwartete, man möge den Fluss für sie beiseiteschieben.

Roto öffnete den Mund.

Doch ehe er etwas Passendes finden konnte, hallte eine andere Stimme über das Deck.

„Roto.“

Er kannte diese Stimme.

Sie war zu glatt, zu selbstgewiss, zu vertraut, um sie mit irgendeinem anderen Mann zu verwechseln.

„Was macht ihr so weit abseits der Wüste, mein Freund.“

Grot trat nun ebenfalls an Deck.

Er kam auf ihn zu, geschniegelt nicht im wörtlichen Sinn, denn der Flusswind und das Wetter hatten ihm jede glatte Oberfläche längst aus dem Mantel gezogen, aber geschniegelt in Haltung, in Blick und in jener unangenehm selbstverständlichen Art, mit der er sogar auf einem fahrenden Schiff in gefährlicher Strömung wirkte, als gehöre ihm die bessere Erklärung der Lage bereits.

Roto starrte ihn an.

Von allen Schiffen auf allen Flüssen.

Von allen Menschen.

Grot blieb vor ihm stehen und sah nicht unzufrieden aus.

„Ihr seid“, sagte er, und jetzt war diese kleine, unüberhörbare Genugtuung in seiner Stimme, „auf dem richtigen Schiff gelandet. Wir sind unterwegs zu den Inseln der Winde.“

Weit hinter ihnen, am Ufer, sah Kolnidranooora seinem Gefährten nach.

Er hatte gesehen, wie Roto abhob, wie er sich mühsam dem Schiff näherte, wie er landete, und für einen Augenblick hatte er noch gehofft, die Sache würde sauber verlaufen. Vielleicht würden sie weiter vorne anlegen. Vielleicht die Strömung ausnutzen, aber dann irgendwo an die Seite gehen. Vielleicht käme Roto zurück oder gäbe ein Zeichen. Doch das Schiff fuhr weiter, schneller, als es von Land aus begreifbar war, und war bald außer Sicht, zuerst hinter einer Biegung, dann hinter den niedrigen Bäumen und Nebelfahnen des Flusses ganz verschwunden.

Kolnidranooora hielt die Pferde.

Er wartete.

Es gab nichts anderes zu tun.

Er konnte nicht folgen. Seine eigenen Fähigkeiten mit dem Teppich waren nicht gut genug, nicht einmal annähernd. In der Wüste für kurze Strecken, vielleicht. Über offenem Wasser, bei Nieselregen, mit Strömung und Zielbewegung, das wäre kein Manöver, sondern eine kunstvoll gewählte Art, sich den Hals zu brechen. Also blieb er, stand am Ufer, sah hinab in das braune, reisende Wasser und wartete länger, als klug war, einfach weil Hoffnung manchmal dieselbe Form annimmt wie Sturheit.

Als nach geraumer Zeit niemand zurückkam und kein Schiff mehr auftauchte, setzte er sich in Bewegung.

Flussabwärts.

Vielleicht, dachte er, würden sie weiter vorne anlegen. Vielleicht hatte Roto das Schiff doch zum Halten gebracht. Vielleicht würde der Kapitän an einer geeigneteren Stelle an Land gehen. Vielleicht. Das Wort war leicht, solange es noch Tag war.

Er ritt also am Fluss entlang, so schnell es der Boden erlaubte. Der Strom zog neben ihm weiter, ungerührt, und die Pferde wurden nervös, je tiefer der Weg stellenweise in den aufgeweichten Ufersaum abglitt. Er spähte nach jedem Vorsprung, nach jeder Bucht, nach jedem flacheren Abschnitt, an dem ein Schiff anlegen konnte.

Als es dämmerte, schwand ihm jede Hoffnung.

Das Schiff war nicht mehr zu sehen. Kein Segel. Kein Ruf. Kein Rauch. Nichts. Nur der Fluss und das sich verdunkelnde Land. Erst da wurde ihm wirklich bewusst, dass er nun hier allein sein konnte. Nicht nur für eine Stunde. Nicht nur bis morgen. Allein mit zwei Pferden, einem Teppich, der ihm kaum half, einem Auftrag, der sich vom Gefährten gelöst hatte, und einer Welt, die sich nicht dafür interessierte, ob dies ein Missgeschick oder der Beginn einer größeren Dummheit war.

Er hielt an.

Der Himmel war fast dunkel. Die ersten Sterne drangen durch die nassen Wolkenränder. Hinter ihm lag die Wüste in Tagen gemessen. Vor ihm der Fluss, das Meer, vielleicht die Inseln, vielleicht Gontar, vielleicht gar nichts von alledem.

Kolnidranooora stand am Ufer und wusste nicht, was nun zu tun war.

XIII

Die Verwirrung nahm nun noch weiter zu.

Nicht auf jene einfache Weise, auf die ein Mensch verwirrt ist, wenn er in einer fremden Stadt erwacht oder nach zu viel Wein den Abend nicht mehr recht zusammenbekommt, sondern gründlicher, tiefer, bis in die Grundpfeiler dessen hinein, worauf sein Verstand sich üblicherweise stützte, um Welt von Einbildung, Erinnerung von Gegenwart und Wahnsinn von bloßer Überforderung zu trennen. Slondas ganzes Weltbild begann zu wanken. Es war nicht nur, dass Drinda vor ihm stand, lächelnd, lebendig, ruhig, als sei es das Natürlichste überhaupt, hier zu sein und ihn in diesem Zustand zu empfangen. Es war die Art, wie alles andere darum herum sich zugleich bestätigte und widersprach. Die Bibliothek war Tandor und nicht Tandor. Seine Kammer war seine und doch nicht seine. Die Bücher sprachen von Dingen, die in seinem Denken nur halb verwitterte Spuren gewesen waren und hier aussahen, als hätte man sie gestern erst niedergeschrieben. Zu vieles war möglich geworden, und zu vieles hätte unmöglich bleiben müssen.

Er konnte nicht mehr stehen.

Sein Verstand weigerte sich, das aufzunehmen, was seine Augen sahen. Das Herz schlug ihm zu schnell und zu hart, als wolle es sich durch die Rippen selbst aus dieser Lage herausarbeiten. Sein Magen krampfte. In seinem Kopf war immer noch dieses dumpfe Dröhnen, nicht mehr ganz so bodenlos wie unmittelbar nach dem Durchtritt, aber noch immer da, als hallten Stimmen in einem Raum nach, den man nicht schließen konnte. Er machte einen Schritt, wollte etwas sagen, vielleicht Drindas Namen, vielleicht eine Frage, vielleicht nur ein unwilliges Nein gegen die Wirklichkeit selbst, und musste sich schon im nächsten Augenblick an einem Pfeiler festhalten, weil der Boden unter ihm seitwärts weichen wollte.

Drinda lächelte wissend.

Nicht höhnisch. Nicht mitleidig. Eher mit jener stillen Sicherheit eines Mannes, der eine Reaktion längst erwartet hat und deshalb nicht erschrickt, wenn sie eintritt.

„Kommt“, sagte er leise.

Er nahm den Älteren behutsam am Arm und führte ihn hinaus, nicht schnell, nicht drängend, sondern mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen, der keinen Zweifel daran hat, dass er im Augenblick genau derjenige ist, dem man folgen muss, wenn man nicht völlig ins Eigene stürzen will. Sie gingen in den Hofgarten, unter eine Eiche, alt genug, dass ihre Äste selbst hier wie etwas aus einer älteren Zeit wirkten, und dort ließ Drinda ihn sich setzen. Nicht auf einen Stuhl, sondern auf eine niedrige Steinbank, halb im Schatten, halb im milderen Licht des Nachmittags. Dann schickte er nach Tee.

Der Tee kam.

Slonda nahm es fast ebenso wenig wahr wie die junge Frau, die die Schalen brachte, sich verneigte und wieder verschwand, als sei Drinda eine Autorität, die man ohne Zögern achtet. Erst als ihm die Wärme der Tasse in die Hände zog, begriff er, dass er fror.

Sie saßen lange schweigend im Schatten.

Drinda ließ ihn.

Auch das war merkwürdig. Ein jüngerer Mann hätte geredet, erklärt, sich beeilt, die Dinge klein zu machen, um sie erträglich erscheinen zu lassen. Drinda tat nichts davon. Er saß nur da, ruhig, in einer Gelassenheit, die Slonda von ihm nicht kannte und die ihn gerade deshalb auf eine beinahe körperliche Weise beunruhigte.

Schließlich begann Drinda zu sprechen.

„Das, was euch gerade widerfährt, ist nur ganz normal“, sagte er, und Slonda hätte ihn für diesen Satz am liebsten geschlagen, wenn er die Kraft dazu gehabt hätte. „Es passiert uns allen, wenn wir die ersten Male durch die Barriere reisen, die wir so lange für undurchdringbar hielten.“

Slonda hob langsam den Kopf.

„Wo bin ich.“

Drinda sah ihn an.

„In Tandor.“

„Aber…“

„Nur an einem ganz anderen Zeitpunkt“, sagte Drinda ruhig. „Viel früher, als ihr es gewohnt seid. Ich versuche, es euch begreiflich zu machen.“

Er stellte die Schale ab, atmete einmal tief durch und konzentrierte sich. Im dunkleren Teil des Schattens unter der Eiche erschien zuerst ein heller Punkt, kaum mehr als ein Lichtkorn in der Luft. Dann ein zweiter. Dann noch mehr. Slonda blinzelte. Zunächst glaubte er an Nachbilder, an die Überreste jener milchigen Flimmerzustände, die ihn seit dem Durchtritt begleiteten, doch dann begriff er, dass das, was vor ihm entstand, nicht bloß Licht war, sondern eine geordnete Darstellung. Eine Sonne. Noch eine. Monde. Planeten. Das System, wie er es aus den Sternkarten kannte, nur nicht als Zeichnung oder Modell aus Holz und Metall, sondern frei im Raum, schwebend, lebendig, von innerem Licht durchzogen.

Drinda sprach weiter, und während er sprach, bewegten sich die Körper.

„Was wir für den linearen Fluss halten“, sagte er, „für das ruhige, notwendige Fortschreiten von Energie in nur eine Richtung, ist nicht falsch. Aber es ist unvollständig. Es ist nur die Perspektive eines Wesens, das an einen Ort und an eine Abfolge gebunden lebt und daraus eine Regel macht, die größer klingt, als sie ist.“

Slonda sah, wie die Planeten und Monde um die Sonnen kreisten. Er sah die Welt. Er sah die Konstellation, wie er sie kannte, aus der Zeit, aus der er kam. Dann begann das Ganze sich zu verändern. Nicht chaotisch. Nicht in Sprüngen. Es lief rückwärts.

Zuerst langsam.

Er sah Maohanga, den Zwillingsplaneten, auf jener ähnlichen Umlaufbahn, die ihm aus älteren Tafeln vertraut war, und nun näherte er sich nicht mehr wie in den vertrauten Rechnungen mit jedem Umlauf eine Nuance weiter von der inneren Vorbeiführung her an, nicht mit jenem langen, majestätischen Wandel, bei dem sein Abstand zur Welt immer noch bei ungefähr dreihundertdreißig Grad lag und sich nur über gewaltige Zeiträume veränderte. Nein. Es war rückläufig. Er sah, wie Maohanga auf eine andere Beziehung zur Welt zuging, wie der Winkel größer wurde, wie er auf eine Entfernung von einhundertachtzig Grad zulief, immer schneller, dann später wieder langsamer, als gehe alles auf einen anderen Ruhepunkt zu, auf eine Stellung, die seinem eigenen Zeitverständnis vorgelagert war. Auch die anderen Planeten bewegten sich entsprechend. Jonsus ebenfalls, in einer Weise, die Slonda nicht sofort begriff, weil er nie gelernt hatte, Jonsus wirklich als Teil derselben großen Dynamik zu lesen.

Drinda zeigte auf die neue Stellung.

„Hier“, sagte er. „Hier befindet ihr euch nun. Relativ dazu. Relativ zur Zeit, aus der ihr kamt.“

Dann begann er von Energien zu sprechen, von Übergängen, von dem Konzept der Zeit als bloßem Fortschreiten von Bewegung, von relativer Lage im Raum, von Ebenen, die sich nicht nur räumlich, sondern zeitlich übereinanderlegen, von Durchgängen in andere Räume und in andere Schichten derselben Welt, und Slonda hörte zu, so lange er konnte, doch sehr rasch wurde es ihm zu abstrakt, zu kompliziert, zu fern jeder gewohnten Anschauung. Unter dem Schatten der Eiche vergrößerte Drinda noch den Ausschnitt weiter hinaus. Das einzelne System schrumpfte, andere traten hinzu, Sonnen unter Sonnen, Systeme in Mustern, Bewegungen relativ zueinander, alle vom Zentrum weg, alle in Beziehungen, die man nicht mehr auf eine einzige Zeichnung hätte bannen können, und Slonda erkannte immerhin genug, um zu ahnen, dass Zeit in diesem Denken nicht mehr etwas war, das einfach vergeht, sondern etwas, das aus Verhältnissen entsteht.

Drinda erklärte weiter.

Slonda aber kam an einen Punkt, an dem sein Verstand nicht mehr aufnehmen konnte, sondern nur noch feststellte, dass er überfordert war.

Er hob schließlich die Hand, mehr tastend als entschlossen.

„Warum bin ich hier.“

Drinda ließ die Darstellung kleiner werden. Die Sonne und die Planeten blieben noch eine Weile wie blasse Geister im Schatten unter der Eiche stehen.

„Ihr wurdet erwählt.“

„Von wem.“

„Von der Schule der Zeit.“

Slonda sah ihn starr an.

„Ich habe noch nie von ihr gehört.“

„Das ist nicht überraschend“, sagte Drinda. „Wir haben uns vor Jahrtausenden entschlossen, uns aus dem linearen zurückzuziehen.“

Er deutete auf die Position, die im Modell ungefähr sechzig Grad entsprach.

„Dort ungefähr begann diese Entscheidung, wenn man sie so vereinfachen will. Wir verteilten uns in der Zeit. Wir sind nicht viele, und es macht wenig Sinn, der Zeit linear zu folgen, wenn man größere Muster erkennen und die Grenzen verstehen will.“

„Es gibt Grenzen“, sagte Slonda sofort. „Was meint ihr damit.“

Drinda nickte, als freue er sich beinahe über diese Frage.

„Wir können nicht beliebig in jede Zeit reisen. Es bleibt uns etwas verschlossen.“

Er zeigte nun auf zwei andere Stellungen im Modell, ungefähr dreißig Grad und 330 Grad.

„Wir können weder vor diesen Zeitpunkt noch nach den Zeitpunkt springen, aus dem ihr kommt. Vor dort nicht. Nach dort nicht. Das ist uns nicht möglich. Wir wissen nicht, wie.“

„Warum.“

Drinda lächelte schwach.

„Ihr müsst sehr verwirrt sein. Das war ich auch.“

„Woher“, fragte Slonda und merkte selbst, wie klein die Frage klang im Verhältnis zu dem, was vor ihm stand.

Drinda deutete auf eine Stellung um neunzig Grad.

„Ich komme daher. Aber für uns ist das eigentlich irrelevant.“

Slonda fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

„Ich… Der Kodex.“

Drinda nickte.

„Wurde immer wieder umgeschrieben, Slonda. Wenig ist bekannt von der Zeit vor jener Stellung dort.“

Er zeigte wieder auf die Nähe der dreißig Grad.

„Nur, dass dort Chaos herrschte. Krieg. Vernichtung. Tod. Freie Magie. Und dass die Gründung der Schulen, das Schreiben des Kodex und das Binden der Magie daran die Welt rettete und das Freie zurückdrängte. So lautet zumindest die große, einfache Fassung.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und dann veränderte sich der Kodex über die Jahrtausende immer wieder. Zauber wurden vergessen. Manche wurden vergessen gemacht. Schulen wurden vergessen, gingen in anderen auf oder fielen in einer Inquisition, weil sie zu sehr nach Macht strebten. All das, mein Meister Slonda…“

Er fuhr mit der Hand die große Spanne zwischen den dreißig und den 330 Grad nach.

„…sind zehntausende Jahre, in denen so viel verloren ging, umgeschrieben, gereinigt, vernichtet oder umbenannt wurde, dass selbst wir manches nur in Schichten kennen. Und nun seid ihr hier, am Anfang einer anderen Ordnung, und ihr werdet die Dinge lernen, so wie wir alle die Geschichte lernen mussten und die Regeln, die uns binden. Denn auch wir müssen dem Kodex folgen.“

Danach schwiegen sie lange.

Sehr lange.

Die Illusion des Systems schwebte noch immer vor ihnen, kleiner nun, ruhiger, fast nur noch ein bewegtes Nachbild, während Slonda zu sortieren begann. Zuerst tastend, dann mit der alten, fast gewohnheitsmäßigen Schärfe, die ihn immer dann rettete, wenn sein Gemüt längst in Auflösung begriffen war. Er analysierte. Ordnete. Trennte Schock von Aussage, Aussage von Folgerung, Folgerung von Spekulation. Er begann, zu realisieren. Nicht vollständig. Aber immerhin genug, um eine erste, schwache Form von Verständnis zu entwickeln. Die Welt war nicht zerbrochen. Sie war verschoben. Und wenn sie verschoben war, gab es Regeln, nach denen sie sich verschieben ließ.

Eine Ewigkeit später, oder ein stiller Abschnitt, der sich so anfühlte, hob er den Kopf wieder.

„Wenn ich hier etwas ändere“, sagte er langsam, „ändere ich dann nicht alles. Alle Abläufe.“

Drinda lächelte.

„Ihr begreift schnell.“

Slonda gab darauf keinen Stolz preis. Nur ein angespannter Schatten ging durch sein Gesicht.

„Nein“, sagte Drinda ruhig. „Dem ist nicht so. Alles, was ihr hier tut, ist in eurer Zukunft bereits geschehen. Ihr bewegt euch relativ zur Zeit, nicht gegen sie. Jeder Schritt, den ihr hier machen werdet, ist in der Zukunft, aus der ihr kommt, bereits Teil der Welt gewesen. Ihr tretet nicht aus der Ordnung heraus. Ihr bewegt euch nur in einer Schicht, die ihr früher nicht kanntet.“

Slonda sagte nichts.

Drinda sah ihn an, und nun kam zum ersten Mal etwas wie freudige Schärfe in seine Stimme.

„Wer, glaubt ihr, hat euch die Zauber präpariert die ihr gefunden habt in der Bibliotek? Wer hat die Informationen vor eurem jüngeren Ich verborgen, wer hat die Bücher zensiert? Wer, glaubt ihr, hat euch damals mit einer Aversion in den Katakomben angegriffen, Euch, euren Bruder und Die Meisterin.“

Langsam, fast widerwillig, hob Slonda die Hand und deutete auf Drinda.

„Nein, mein alter Freund“, sagte Drinda, und nun lachte er wirklich, nicht laut, aber mit einem Vergnügen, das aus einem Scherz kam, den im Augenblick nur er selbst ganz verstand. „Das wart ihr selber.“

XIV

Gudi erwachte mit trockenem Mund und einem Geschmack auf der Zunge, als hätte sie Staub geschluckt und zu lange geschwiegen. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Nur dass ihr schwindelig war, dass ihr Körper schwer auf einer schmalen Pritsche lag und dass etwas in ihr noch immer in Panik flüchten wollte, obwohl sie die Augen noch nicht einmal ganz geöffnet hatte.

Es war dunkel.

Nicht völlig. Irgendwo draußen im Gang brannte Licht, warm und gedämpft, und als sie blinzelnd den Kopf ein wenig drehte, sah sie die offene Tür und dahinter Steinmauern, die in jenem unsteten Halbdunkel lagen, das Räume größer und fremder macht, als sie sind. Der Boden bestand nicht aus Holz oder Fliesen, sondern aus festgetretenem Sand, der die Kälte aus dem Stein noch deutlicher werden ließ. Gudi fuhr halb hoch, tastete sofort an sich herab, an Arme, Beine, Gürtel, Haare, als müsse sie erst nachprüfen, ob sie noch ganz war.

Sie war unverletzt.

Keine Fessel. Keine Wunde. Kein Schmerz, abgesehen von dem pochenden Druck hinter den Augen und einer Übelkeit, die irgendwo tief in ihrem Magen saß.

Dann hörte sie Stimmen.

Fern zuerst, undeutlich, mehr Laut als Sinn, dann Schritte. Näher. Gleichmäßiger. Nicht eilend, nicht suchend, aber auf dem Weg zu ihr. Gudi erstarrte. Ohne nachzudenken ließ sie sich wieder zurücksinken, drehte den Kopf zur Wand, schloss die Augen und stellte sich schlafend. Sie hielt den Atem an, so lange es ging, und zwang sich, nicht einmal mit den Fingern zu zucken.

Die Schritte kamen näher.

Sie erreichten die Tür.

Dann Stille.

Kurze, schreckliche Stille, in der sie meinte, ihr Herz müsse laut genug schlagen, um draußen im Gang gehört zu werden. Es folgte ein Geräusch, ein leises Schaben vielleicht, dann Murmeln in der singenden Sprache der Sondra, weich und unbegreiflich. Ein kurzes Pfeifen. Dann wieder Schritte.

Einer.

Zwei.

Drei.

Sie waren auf sie zu gekommen.

Gudi kniff die Lider fester zusammen, bis es hinter ihnen flimmerte. Ihr Herz blieb fast stehen.

Wieder Stille.

Dann ein Laut, den sie nicht einordnen konnte, weder Wort noch Zeichen, eher wie ein Klick mit der Zunge. Noch ein Schritt. Noch einer.

Weg von ihr.

Sie hätten sie jetzt berühren können, jetzt aufwecken, jetzt an den Haaren hochziehen oder ihr die Kehle aufschneiden, und doch entfernten sich die Schritte. Weg von der Pritsche. Zur Tür. Stimmen. Dann nur noch das leiser werdende Geräusch von Sand unter Sohlen, das langsam im Gang verklang.

Die Tür blieb offen.

Gudi wartete.

Eine Minute.

Dann noch eine.

Dann viele mehr, jedenfalls fühlte es sich so an. Erst als ihre Lungen zu schmerzen begannen vom erzwungen flachen Atmen und ihre Muskeln zitterten vom reglosen Liegen, setzte sie sich vorsichtig auf. Sie wagte sich nicht zu bewegen, lauschte nur. Nichts. Kein Schritt. Kein Murmeln. Kein Atmen außer ihrem eigenen.

Langsam stand sie auf und ging zur Tür.

Sie blieb am Rahmen stehen und spähte um die Ecke.

Vor ihr lag ein Gang, erhellt von runden Lichtkugeln an den Wänden, und für einen Augenblick begriff sie nicht, was sie sah, weil ihr Verstand im ersten Reflex nach Fackeln gesucht hatte. Aber diese Lichter flackerten nicht. Sie warfen keinen Rauch, keine zitternden Schatten, sondern ein stetiges, blasses Leuchten, kühl und vollkommen gleichmäßig. Solche Kugeln hatte sie nur selten gesehen, nur in den Händen mancher Magier, die sie für Augenblicke beschworen, nie aber einfach so, ruhig in Wandhalterungen eingefasst, als wäre Licht hier etwas, das man aufbewahrte wie andere Menschen Öl.

Wo bin ich, dachte sie.

Immer noch unter den Gärten, vermutete sie, irgendwo in einem Teil, den niemand an der Oberfläche kannte, in einem verborgenen Unterbau, von dessen Größe sie keine Vorstellung gehabt hatte. Niemand war im Gang. Kein Laut. Kein Schatten in Bewegung.

Sie lief los.

Nicht blind, nicht kopflos, sondern rasch und geduckt, in die Richtung, aus der sie die Schritte zuletzt gehört hatte. Immer wieder hielt sie inne, immer bereit, zurückzuspringen, doch es gab hier keine wirklichen Verstecke. Der Gang war zu sauber, zu klar gebaut, die Wände zu glatt, die Ecken zu offen. Bald erreichte sie einen Raum, leer, hell und mit mehreren abgehenden Gängen. Sie steckte den Kopf vorsichtig in den ersten, dann in den zweiten, lauschte, sah nichts. Sie musste hinaus. Alarm schlagen. Jemanden finden. Gnok, schoss es ihr durch den Kopf, und der Name traf sie fast körperlich. Gnok hatte sie verraten. Oder mit ihnen zusammengearbeitet. Oder etwas getan, das sich auf keine Weise mehr harmlos nennen ließ. Jemand musste ihr helfen. Ihr Bruder. Plötzlich dachte sie an Morgut, an seine Hände, an die Art, wie er immer erst lachte und dann handelte, und in ihr schoss Panik hoch, heiß und völlig nutzlos.

Sie zwang sie nieder.

Atmen. Denken. Nicht jetzt auseinanderfallen.

Einer der Gänge führte in eine Art Treppenhaus. Treppen nach oben. Treppen nach unten. Sie zögerte nicht lange. Nach oben musste die Stadt liegen. Wo sonst. Also rannte sie.

Eine Treppe hinauf.

Dann noch eine.

Dann ein weiterer Absatz.

Sie begegnete niemandem. Immer wieder blieb sie stehen und lauschte. Nichts. Kein Ruf hinter ihr. Kein Alarm. Nur ihr eigener Atem und das dumpfe Hämmern ihres Pulses. Weiter nach oben. Das Treppenhaus war dunkler als die Gänge zuvor, die Lichtkugeln seltener, und der Aufstieg wollte kein Ende nehmen. Noch eine Ebene. Noch ein Absatz. Noch mehr Stufen. Wie tief hatte sie unter der Erde gelegen. Wie lange hatte sie geschlafen. Wie weit reichte dieses unterirdische Reich.

Schließlich stand sie in einer Halle.

Groß. Leer. Dunkel an den Rändern. Kein Mensch darin. Kein Mobiliar. Nur Sand auf dem Boden und Wände, die so glatt in die Höhe stiegen, dass sie fast natürlich wirkten, wie aus einem Fels geschlagen, der schon immer auf diesen Raum gewartet hatte. Vor ihr stand ein Tor offen, und durch dieses Tor fielen Sonnenstrahlen.

Sonne.

Helligkeit.

Rettung.

Hoffnung war in diesem Augenblick kein Gedanke, sondern ein Sprung. Gudi vergaß jede Vorsicht, jede Überlegung, jede Möglichkeit, dass ein offenes Tor gerade deshalb offen stehen könnte, weil man wusste, dass sie hindurchlaufen würde. Sie stürzte darauf zu, mit einem Schrei um Hilfe schon halb auf den Lippen, und trat hinaus.

Sand.

Nichts als Sand.

Dünen.

Sonne.

Wüste.

Der Hilferuf starb ihr im Hals, noch ehe er Klang wurde. Für einen Augenblick blieb sie völlig reglos stehen, so abrupt, als hätte jemand sie am Rücken festgehalten. Dann drehte sie sich langsam um.

Hinter ihr war einfach nur eine Öffnung im Sand.

Nicht einmal ein Torhaus. Kein sichtbarer Bau. Kein Tempel, kein Mauerring. Nur ein dunkler Schnitt im Dünenhang, ein Loch in der Welt, aus dem sie eben herausgekommen war. Der Schock darüber traf sie fast härter als die Halle tief unten. Kurz erstarrte sie. Dann duckte sie sich wieder an den Rand der Düne, halb aus Instinkt, halb aus dem Bedürfnis, nicht offen in der Sonne stehen zu bleiben wie ein Tier, das sich zum Abschuss anbietet.

Dann kam die Panik doch.

Nicht die kalte, denkende, sondern die dumme, heiße, laufende Panik.

Sie rannte los.

Wenigstens war sie draußen. Wenigstens nicht mehr unter der Erde, nicht mehr in diesen Gängen, nicht mehr zwischen den stillen Lichtern und den verborgenen Türen. Wohin sie lief, wusste sie nicht. Was sie dachte, wusste sie noch weniger. Die Sonne war gnadenlos hell, die Luft trocken und scharf, und schon nach den ersten Schritten merkte sie, wie ungeeignet der Körper eines Stadtmenschen für eine Flucht in offener Wüste ist. Doch der bloße Raum, die Weite, der Himmel über ihr, all das wirkte wie Freiheit, und daran hielt sie sich fest.

Oben auf einer Düne stand ein Sondra.

Langer weißer Umhang. Das Gesicht verschleiert. Der Bogen gespannt. Der Pfeil bereits an der Sehne. Er hatte sie die ganze Zeit im Blick. Er lächelte. Nicht breit. Nicht grausam offen. Eher mit jener knappen, fast privaten Zufriedenheit eines Mannes, der sich bestätigt sieht und nun nur noch auf den richtigen Moment wartet. Er zog die Sehne etwas weiter zurück.

Noch nicht, dachte er. Noch ein Stück. Die Entfernung ist zu leicht.

Er ließ sie ein wenig weiter laufen.

Dann, gerade als seine Finger sich lösen wollten, kam eine Stimme von der Seite.

„Tropil. Denkst du wirklich, du kannst sie einfach entkommen lassen und dann bei der Flucht erschießen.“

Das Zischen, mit dem er die Luft ausstieß, klang fast wie ein Fluch. Neben ihm stand die Anführerin, hochgewachsen, in den gleichen hellen Stoff gehüllt, nur feiner, stiller, und sie blickte ihn mit ihren bernsteinfarbenen Augen an, missbilligend, aber nicht ganz ohne Vergnügen. In diesem Blick lag sogar etwas wie Anerkennung, allerdings nur für die Dreistigkeit des Plans, nicht für seine Ausführung.

Tropil erschrak tatsächlich so sehr, dass der Pfeil halb von der Sehne rutschte.

„Ich habe es meinem Freund Gnok versprochen“, sagte die Anführerin ruhig, fast zu ruhig, „dass ihr nichts widerfährt. Und du willst mich was. Meines Wortes Lügen strafen.“

Tropil sah sie an. Sie sah nicht weg.

„Drei Tage noch, Tropil“, sagte sie. „Drei Tage wirst du es ertragen, auf dieses Mädchen aufzupassen, ohne dass ihr etwas geschieht. Nur noch drei Tage.“

Tropil seufzte. Tief. Sehr hörbar. Er nahm den Pfeil herab und verstaute den Bogen mit einer Miene, als habe man ihn zu einer Aufgabe verdammt, die unter seiner Würde lag.

„Lasst sie rennen“, sagte die Anführerin und blickte hinunter auf Gudi, die inzwischen weit unten zwischen den Dünen stolperte, zu schnell, zu gerade, zu ahnungslos. „Weit wird sie nicht kommen. Sie rennt in die falsche Richtung, hat kein Wasser dabei, und es ist unsäglich heiß. Sammelt sie heute Nacht wieder ein.“

Sie drehte sich bereits um, ohne eine Antwort abzuwarten.

Dann blieb sie noch einmal stehen.

„Du gehst nicht allein. Ich denke, ich finde jemanden, der dich begleitet. Nicht, dass doch noch ein Unfall passiert.“ Ihre Stimme wurde ein wenig kälter. „Sie wird nicht getötet. Ich hoffe, ich habe mich unmissverständlich ausgedrückt.“

Tropil antwortete nicht sofort. Er seufzte nur noch einmal, diesmal leiser und mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Ärger, Resignation und gekränkter Eitelkeit lag. Babysitter, dachte er. Und jetzt bekam er selbst noch einen Babysitter dazu. Ein hervorragender Plan. Er hätte schneller schießen sollen.

XV

Shara und Anadar standen an Deck, als Roto mit seinem Teppich an Bord kam.

Es war einer jener seltenen Augenblicke, in denen sie beide sich überhaupt oben zeigten, nicht weil ihnen nach Gesellschaft gewesen wäre, sondern weil der Fluss in seiner letzten großen Biegung vor der offenen See etwas von jener schweigenden Größe angenommen hatte, die selbst Menschen mit Sorgen kurz den Kopf heben lässt. Das Schiff schnitt durch braunes, schweres Wasser, das vom Hochland herabkam und noch immer die Gewalt der Schneeschmelze in sich trug, und über allem hing ein Himmel, der zwar nicht mehr winterlich war, aber doch voller kalter Helligkeit, die nichts Wärmevolles an sich hatte. Dann glitt da plötzlich über dem Deck etwas durch die Luft, erst nur als absurde Bewegung im Augenwinkel, dann klar genug, dass selbst erfahrene Seeleute sich umdrehten und gafften wie Kinder bei einem Jahrmarkt.

Roto kam auf dem Teppich.

Shara sah ihn zuerst, sah dann zu Anadar, und sie brauchten keine Worte, um zu wissen, was beide im selben Augenblick dachten. Das würde die Dinge nicht einfacher machen. Ein weiterer Beobachter. Ein weiterer, der sich berufen fühlen würde, Muster zu lesen, Urteile zu fällen, die Lage im eigenen Licht zu deuten, das ihm zur Verfügung stand. Noch ein Mann, vor dem man Teile der Wahrheit verbergen musste, wenn man nicht wollte, dass sie in den falschen Händen zu etwas wurden, das sich später nicht mehr einfangen ließ.

Shara blickte hinüber zu Son.

Auch die Wassermagierin stand an Deck, die Hände ruhig am Geländer, das Gesicht wie immer beherrscht, und doch sah Shara an der kleinsten Veränderung in ihrem Blick, dass auch sie sich nicht über Rotos Erscheinen freute. Die Wasserschule wollte die Dinge klein halten, abschirmen, unter sich regeln, nicht weil sie notwendig böse gewesen wäre, sondern weil sie sehr genau wusste, wie schnell ein unklarer Vorfall zum Gegenstand einer Inquisition werden konnte. Roto war in diesem Zusammenhang nicht einfach nur Besuch. Er war eine Gefahr.

Mittlerweile war auch Morgut an Deck.

Anadar streckte seinen Geist nach ihm aus, so beiläufig, dass es von außen nur wie ein kurzer Blick wirkte. Im selben Moment spürte Shara, dass sie dieselbe Bewegung gemacht hatte. Sie hörten ihn fast gleichzeitig schimpfen.

„Könnt ihr beide bitte aufhören, gleichzeitig auf mich einzureden.“

Shara hätte beinahe gelächelt. Er hatte es also gemerkt.

Morgut jedoch verlor nicht den Takt. Im Gegenteil, er schien gerade in dem Augenblick zu seiner besten Form aufzulaufen. Er breitete die Arme aus, als wolle er Roto nicht nur begrüßen, sondern auch den ganzen Fluss, das Schiff und die eigene erstaunliche Überzeugungskraft mit in die Geste nehmen.

„Meister Roto, wie schön, euch hier zu sehen. Wie unerwartet euer Kommen. Eine äußerst elegante Landung, wirklich sehenswert. Das werde ich jedem erzählen, der es hören möchte. Ein wahrer Meister im Umgang mit dem Teppich. Wie ist es um Ashambrat bestellt. Und vor allem, welche Neuigkeiten habt ihr über meine Schwester.“

Ganz der strahlende Charmeur umgarnte er nicht nur Roto, sondern in derselben Bewegung auch Grot, der bei jeder neuen Lage sofort versuchte, den besseren Überblick zu beanspruchen. Morgut verteilte Schmeichelei wie andere Leute Brot, großzügig, scheinbar ohne Berechnung, und gerade deshalb wirkte es so gut. Er brachte Männer dazu, sich selbst zuzuhören, und während sie das taten, vergaßen sie Fragen.

„Ihr kennt Meister Grot natürlich“, fuhr er fort, als wäre das alles die selbstverständlichste Begegnung der Welt. „Ein Magier von solchem Ruf. Und darf ich euch Meister Shara vorstellen. Meister Anadar kennt ihr sicherlich.“

In dem Moment wandte sich Shara ab und stürzte zur Reling.

Das Würgen kam hart und plötzlich. Nicht wie gewöhnliche Seekrankheit, nicht wie ein langes Unwohlsein, das man kommen sieht, sondern wie ein Griff von innen, der sie ohne jede Vorwarnung zusammenzog. Sie erbrach sich, und während sie noch gegen das Geländer gestützt stand, hörte sie Morgut hinter sich weiterreden, ungerührt, glänzend, kaum einen Herzschlag aus dem Takt geraten.

„Die beiden fühlen sich nicht sonderlich wohl an Bord. Dieses Schlingern. Sie sind es nicht gewohnt.“

Es war eine gute Lüge.

Anadar war schon bei ihr, ehe die letzten Worte verklungen waren.

„Alles in Ordnung mit dir.“

Shara wischte sich den Mund ab und zwang sich zu einem schwachen Lächeln. „Ja. Vermutlich nur das Schiff.“

Sie nutzten die Ablenkung, die Morgut ihnen verschafft hatte, und verschwanden unter Deck. Das Schiff schaukelte nur mäßig, und Shara merkte schon auf den ersten Stufen, dass die Übelkeit ebenso rasch zurückwich, wie sie gekommen war. Sie teilten sich eine Kabine, klein, eng, aber privat genug, dass Anadar dort tun konnte, was er sonst vor den Augen der anderen hätte verbergen müssen. Shara setzte sich auf ihre Pritsche und wartete einen Augenblick. Es ging ihr bereits besser.

„Schon besser“, murmelte sie. „Ich hätte frühstücken sollen.“

Anadar blieb noch einen Moment bei ihr stehen. Er war kurz besorgt, das sah sie, aber da sie sich rasch erholte, kehrte auch in ihm dieser andere Zug zurück, jene dunkle Konzentration, die sie inzwischen zu gut kannte. Er wollte weiterkommen. Weiter mit Naaarstr. Weiter mit den Zeichen, den Formeln, den kleinen Verschiebungen in den Grenzen seines Wissens. Zwischen ihm und dem Dämon im Schwert hatte sich etwas entwickelt, das Shara nicht mochte und dennoch nicht mehr schlicht als Gefahr begreifen konnte. Es war nicht bloß Verführung. Nicht bloß Korruption. Es war eine Art von Verhältnis geworden, in dem beide einander umkreisten, prüften, unterrichteten, zurückhielten und langsam erkannten, dass der andere Bedürfnisse, Ansprüche und Regeln hatte, die sich nicht mehr allein mit Abscheu abweisen ließen.

Sie blieb bei ihm.

Nicht nur, weil sie bei Schiffsreise und Wachwechsel ohnehin kaum etwas Besseres zu tun gehabt hätte, sondern weil sie nicht wollte, dass er zu weit in eine Welt hinabglitt, die ihr verschlossen blieb. Sie bewachte physisch die Tür der kleinen Kabine, damit niemand im falschen Augenblick hineinplatzte und sah, was er dort tat, und zugleich beobachtete sie seinen Geist. Nicht ununterbrochen, nicht mit Gewalt, sondern so, wie man auf einen Schlafenden achtet, bei dem man weiß, dass er im Traum an Abgründe tritt. Wenn es nötig würde, wollte sie bereit sein.

Anadar setzte sich auf den Boden.

Vor sich legte er das Schwert. Dann nahm er Kreide und begann Zeichen auf die Planken zu malen. Erst kleine Formen, dann verschlungene, Linien, die Naaarstr ihm diktierte, nicht in Worten wie ein Lehrer einem Schüler, sondern in Bildern, Impulsen, einem Wissen, das an die Hand wollte, ehe es in Sätze übersetzt werden konnte. Später schrieb er dieselben Formen auf Pergament, daneben einfachere Zauber der Feuerschule, Reinigung, Trugbilder, die Grundstrukturen von Bannung und Bindung, als wolle er die beiden Wissensstränge gegeneinander legen und sehen, an welchen Stellen sie sich berühren, an welchen sie einander widersprechen und wo dazwischen eine Lücke ist, in der etwas Neues wachsen könnte.

So ging der Tag vorbei.

Und während Shara ihn beobachtete, kam ihr die Situation auf eine eigentümliche Weise vertraut vor. Es war wie damals im Turm der Feurigen Feste. Lernen, üben, verstehen, das Studium einer Disziplin, die ihm noch nicht gehorchte und ihn gerade deshalb umso tiefer zog. Damals hatte sie oft in stiller Bewunderung neben ihm gestanden, beinahe hungrig nach seiner Anerkennung, versunken in dem Wunsch, von ihm gesehen zu werden, nicht bloß als Schülerin, nicht bloß als eine unter vielen. Nun saß sie wieder bei ihm, nur dass die Rollen sich verschoben hatten. Jetzt war es nicht Bewunderung allein. Jetzt war sie es, die über ihn wachte.

Während sie das tat, ließ sie ihren Geist über das Schiff gleiten.

Das konnte sie gut, seit langem schon. Nicht als grobes Eindringen, sondern als Fühlen, als Berühren der Oberflächen anderer Bewusstseine, als Wahrnehmen von Spannungen, Farben, Dichten. Sie suchte die anderen. Fand zuerst Miene und Sindra, beide gut abgeschirmt, beide klüger geworden in der Kunst, das Eigene nicht offen herumliegen zu lassen, und doch für sie lesbar genug. Zwischen ihnen spannte sich diese seltsame Mischung aus Rivalität und gegenseitiger Notwendigkeit, aus Stichelei und Vertrautheit. Beide waren in Morgut verknallt, auf ihre Weise, und beide wussten es voneinander. Beides belustigte Shara mehr, als sie sich eingestehen wollte.

Dann Morgut selbst.

Der junge Mann wurde erwachsen, dachte sie, und es gefiel ihr. Wie geschickt er Roto und Grot einlullte, mit welcher Leichtigkeit er die beiden älteren Meister dazu brachte, ihre Wachsamkeit gegen Schmeichelei einzutauschen, faszinierte sie. Er spielte den Unbekümmerten so gut, dass viele vergaßen, wie viel Aufmerksamkeit darin steckte. Und zugleich wich er Miene und Sindra ebenso geschickt aus, ließ sich von keiner der beiden festnageln, genoss aber die Tatsache, dass beide ihn begehrten. Er mochte sie beide. Er liebte sie nicht. Noch nicht. Vielleicht würde er nie so dumm werden. Shara musste lachen, sehr leise, nur für sich.

Dann Son und Indra.

Beide verschlossen. Beide unangenehm berührt von dem Gedanken, dass das Monster immer noch auf See war. Beide unangenehm berührt von der Möglichkeit, dass all dies eine Verletzung des Kodex darstellte. Beide mit dem tiefen Wunsch, die Sache ungeschehen zu machen, rückgängig, unsichtbar, vor allem vor Männern wie Roto. Nun gut, dachte Shara, das wird nicht schwer sein. Diese beiden tragen ihre Schuld wie einen Schleier, und ein Schleier ist für erfahrene Augen etwas Durchlässiges.

Roto und Grot empfand sie beinahe als Erholung.

Zwei Männer. Meister. Machtbewusst. Gebildet. Überzeugt von der eigenen Schärfe. Beide hielten sich für schwer zu täuschen. Beide waren doch in ihrer ganzen Männlichkeit erstaunlich limitiert, leichter abzulenken, als sie jemals zugeben würden. Shara lächelte. Das war nicht so kompliziert. Nur unerquicklich.

Und dann Isidre.

Isidre, die Heilerin, die sie mit jedem Tag mehr mochte. Shara liebte diese Frau fast augenblicklich, weil in ihr nichts Böses wohnte, kein kleiner Stachel, kein Bedürfnis, das Gegenüber durch kluge Worte zu verkleinern. Sie bot Hilfe an, wo sie Hilfe sah, und gerade darin lag eine Stärke, die in anderen Schulen oft für Naivität gehalten worden wäre. Shara vermisste ihre Gespräche mit ihr, obwohl die Reise noch nicht lang genug war, um von Vermissen im ernsten Sinn sprechen zu können. Isidre hielt sich in der Gesellschaft aus Roto, Morgut und Grot nicht lange. Sie entzog sich ihnen, kaum dass sie an Deck wieder aufeinandertrafen, und suchte fast immer die anderen Frauen. Shara konnte es ihr nicht verdenken.

Gerade als sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Anadar richten wollte, spürte sie etwas anderes.

Eine Gegenwart.

Warm, fein, hell, beinahe ein Duft im Geist.

„Mutter?“

Die Antwort kam nicht als Wort von außen, sondern als sanftes Berühren, das sich wie Stimme anfühlte.

„Meine Liebe. Ihr seid sehr fein geworden mittlerweile. Ihr übt.“

Shara richtete sich innerlich auf. „Was macht ihr hier.“

„Ich schaue nur nach euch. Wie es euch geht.“

Dann, noch weicher:

„Wie es dir geht, meine Tochter.“

Shara lächelte unwillkürlich. „Das ist lieb.“

Doch schon während sie antwortete, spürte sie, wie die Präsenz wieder schwand. Kein Abschied. Kein voller Rückzug. Eher wie Licht, das durch ein Fenster gefallen war und nun wieder zurückwich, weil der Winkel sich änderte.

Der Tag ging vorbei.

Anadar schlief kaum. Er konzentrierte sich auf seinen Besucher mit einer Beharrlichkeit, die Shara bis ins Mark vertraut war. Er hatte etwas Neues gefunden. Etwas, das er nicht verstand. Etwas, das ihn forderte. Sie kannte diesen Zug an ihm besser als jeden anderen. Es war derselbe, der ihn groß gemacht hatte, und derselbe, der ihn zugrunde richten könnte, wenn niemand im rechten Augenblick an ihn rührte. Sie beobachtete ihn. Wie sie es immer getan hatte.

Als der Abend sich neigte, ließ sie sich entschuldigen und täuschte Übelkeit vor. Ebenso entschuldigte sie Anadars Fehlen. Es beschäftigte sie ein wenig, dass sie angegriffen werden könnten, doch die drei Wassermagier versicherten, dass sie abwechselnd Wache hielten und jeden Angriff abwehren könnten. Roto stellte keine Fragen nach dem Seeungeheuer. Er nahm es als gegeben, als hätte er schon beschlossen, dass seine bloße Anwesenheit eine Form von Antwort sei.

Shara schlief ein.

Als sie am nächsten Morgen erwachte und sich aufsetzte, sah sie Anadar immer noch dort, wo er in der Nacht gesessen hatte, Kreidezeichen auf den Boden zeichnend, unbewegt bis auf die Hand, die langsam, unermüdlich Linien führte.

Die Übelkeit kam plötzlich.

Heftiger als am Tag zuvor. Nicht schleichend, nicht als bloßes Unwohlsein. Sie schluckte, sprang auf und schaffte es gerade noch an Deck, ehe sie sich wieder über die Reling beugte. Das Meer war jetzt ruhig. Sie hatten den reißenden Fluss längst verlassen, trugen Segel und glitten über eine fast unheimlich glatte See, die nur im Licht der frühen Sonne silbern atmete. Das Schiff schlingerte kaum. Es lag also nicht daran. Das wusste sie in dem Augenblick bereits, während sie noch würgte und der Wind ihr Gischt ins Gesicht warf.

Als es vorbei war, lehnte sie sich schwer an das Geländer und ließ die kalte Feuchtigkeit auf Haut und Lippen schlagen. Es ging ihr rasch besser. Fast zu rasch. Genau das machte es unheimlich.

Als sie sich umdrehte, um wieder unter Deck zu gehen und vielleicht endlich etwas zu essen zu suchen, stand Isidre hinter ihr.

Sie lächelte.

Nicht überrascht. Nicht neugierig. Eher mit jener sanften Gewissheit, die nur Heilerinnen haben, wenn sie etwas längst gelesen haben, ehe der andere überhaupt begriffen hat, dass es lesbar war.

Liebevoll nahm sie Shara in den Arm. Nicht fest. Nur so, dass sie den Halt spürte. Dann strich sie mit einer Hand über ihre Wange „Lass uns etwas zum frühstücken finden“.

XVI

Das Schiff lag nicht mehr ganz so gut im Wasser.

Kral spürte es vom ersten Tag an, kaum dass die vertrauten Inseln hinter ihnen zu kleineren, grünlichen Linien im Dunst geworden waren. Der Rumpf arbeitete schwerer, nahm die See stumpfer, träger, mit jener leicht beleidigten Behäbigkeit eines Schiffes, das zwar wieder schwimmt, aber sehr genau weiß, dass es nicht mehr das ist, was es einmal war. Es war langsamer, es reagierte später auf das Ruder, und selbst wenn der Wind gut stand, fehlte jene lebendige Bereitschaft, mit der ein gesundes Schiff in die Segel greift und plötzlich mehr wird als bloß Holz, Tau und Planken. Aber Kral störte sich daran nicht über Gebühr. Es kam voran. Das genügte ihm. Ein Schiff muss nicht stolz sein. Es muss nur tragen.

Der erste Tag verging, dann der zweite. Der Wind war nicht immer für sie, aber auch nicht wirklich gegen sie. Er kam wechselnd, einmal zu schwach, dann wieder unerquicklich hart, aber nie so, dass Kral ernsthaft fürchten musste, wieder in jenen Zustand zurückzufallen, in dem allein das Überleben jede andere Überlegung verschlingt. Also hielt er streng westwärts, nicht ganz sicher, wo diese Linie enden würde, aber überzeugt genug davon, dass sie ihn irgendwann in bekanntes Wasser, an bekannte Küsten, zu irgendeiner Mündung, irgendeinem Hafen, irgendeinem Punkt zurückbringen musste, an dem man aus einem geflickten Schiff wieder Geld und aus Geld eine Zukunft machen konnte.

Mit jeder Nacht standen die Monde voller am Himmel.

Die Gezeiten wurden mächtiger. Das hatte Kral erwartet, und doch wirkte es auf See immer anders, unmittelbarer, körperlicher, als es sich in Worten fassen ließ. Die Wellen waren nicht nur höher oder breiter, sie hatten mehr Zug in sich, mehr Gewicht, als zöge etwas Tieferes an ihnen, etwas, das schon Tage vor der eigentlichen Dreikrone zu arbeiten begonnen hatte. Die See wurde unruhiger, auch wenn sie nicht immer rau war. Und immer wieder meinte Kral, diesen irren Gesang zu hören. Nicht deutlich. Nie lange genug, um den Kopf zu heben und zu sagen: da, jetzt ist er wieder da. Eher wie etwas, das zwischen Wind und Tauwerk hindurchstreift, ein fernes, hohles Singen, das im nächsten Augenblick schon wieder fort war, als habe das Meer es selbst nur kurz ausprobiert und dann verworfen.

Seine beiden fremden Gäste standen oft an Deck.

Oder jedenfalls, wenn er bewusst an sie dachte. Das war vielleicht das Unangenehmste an ihnen, dass er sich eigens an ihre Anwesenheit erinnern musste, sonst fielen sie ihm erstaunlich leicht aus der Wahrnehmung. Es war nicht wirklich Unsichtbarkeit. Kein Zauber, der sie fortnahm. Viel eher eine Art von Schieflage im Blick, als wolle das Auge sie nicht festhalten. Manchmal standen sie zugleich am Geländer, die langen, schlanken Körper reglos gegen das fahle Licht der Monde gesetzt, und wenn Kral sich dann nur kurz abwandte, um einen Befehl zu geben oder nach den Segeln zu sehen, war beim zweiten Hinsehen plötzlich nur noch einer da, genau an der Stelle, an der eben noch beide gestanden hatten. Dann wieder waren sie beide zurück, als wäre dazwischen nichts geschehen.

Kral war ein pragmatischer Mann.

Er dachte über vieles nicht länger nach, als es Nutzen brachte. Solange sie fuhren, solange das Schiff hielt und niemand ihm nachts mit aufgeschlitzter Kehle zwischen den Fässern lag, stellte er nicht zu viele Fragen. Fragen ändern selten die Strömung, und sie flicken kein Holz.

Nach der fünften Nacht passierten sie eine kleine Inselgruppe.

Kral stand zu diesem Zeitpunkt selbst am Heck, den Blick halb am Wasser, halb am Himmel, und brauchte einen langen Augenblick, bis die Umrisse in ihm etwas berührten, das mehr war als bloße Erinnerung. Niedrige Rücken im Meer. Ein paar zackigere Felsen. Dunkle, schiefe Linien aus Gestrüpp. Dann begriff er, dass dies wohl die Fint-Archipele sein mussten, oder wenigstens Inseln, die ihnen so sehr glichen, dass er sich erlaubte, an Bekanntheit zu glauben. Von da an wusste er ungefähr, wo sie sich befanden. Bildete er sich jedenfalls ein. Auf See ist auch Einbildung manchmal wertvoll, solange sie die Hand ruhig hält.

Von diesem Augenblick an dachte er wieder klarer an Zukunft.

Mit diesem Schiff zum Großen Markt, so weit der Fluss es zuließ, oder wenigstens bis zu einer Anlegestelle, von der aus man das Wrack noch mit einigem Pathos als seetüchtiges Fahrzeug verkaufen konnte. So viel dafür bekommen, wie irgend möglich. Dann sehen. Fuhrmann, dachte er mehr als einmal, sei wohl auch ganz lukrativ. Weniger Wasser. Weniger Tiefe. Vor allem weniger Monster von Schiffsgröße, die aus dem Meer steigen und Schiffe wie Nussschalen behandeln. Er hätte nichts dagegen gehabt, für ein paar Jahre nur noch Ochsen, Räder und schlammbespritzte Straßen zu sehen.

Er schätzte, dass sie noch drei Tage bis zur Mündung brauchten.

Wenn seine Annahme über die Inseln stimmte. Wenn die Strömungen sich nicht gegen ihn verschworen. Wenn die See nicht doch noch beschloss, ihm in den letzten Stunden zu zeigen, wie wenig ihre vorläufige Milde wert war. Wieder glitt sein Blick zu den beiden Fremden, die an Deck standen und aufs Meer hinaussahen, als warteten sie auf etwas, das nicht für andere Augen bestimmt war. Wieder war da für einen Herzschlag der Gesang, oder Kral bildete ihn sich ein. Dann sah er, wie einer der beiden ins Wasser sprang.

Bei voller Fahrt.

Ohne Zuruf. Ohne Hast. Einfach mit einer Bewegung, als wäre der Schritt über die Reling hinaus kein Bruch, sondern nur ein Übergang von einem Boden auf den nächsten.

Der Gesang verstummte.

Kral riss den Kopf herum. Hatte er sich das eingebildet. Er blickte zurück, doch in demselben Augenblick ächzte der provisorische Mast unter einer härteren Windböe, und der Instinkt des Kapitäns wischte jede andere Wahrnehmung für einen Moment zur Seite.

„Segel reffen“, bellte er.

Die Männer sprangen an die Leinen. Stoff schlug. Tau straffte sich. Das Schiff verlangsamte seine Fahrt, widerwillig, aber gehorchend. Kral beaufsichtigte die Bewegung mit scharfem Blick, den halben Körper schon wieder in das hineingezogen, was sich anfassen und befehlen ließ.

Als er wieder zurücksah, standen beide Fremden an Bord.

Still.

So, als sei nie einer ins Wasser gesprungen.

Kral schüttelte den Kopf. Vielleicht spielten seine Augen ihm auch Streiche. Vielleicht war Müdigkeit am Werk. Vielleicht war gar nichts davon gut, und er hatte nur nicht die richtige Sprache dafür. Also dachte er wieder an das Schiff. Er musste vorsichtig sein. Er wollte nicht nur heil ankommen. Er wollte noch ein wenig Startkapital aus dem Erlös gewinnen. Ein Mann ohne Schiff und ohne Geld ist ein Mann, der plötzlich auf Erfindungen angewiesen ist, und Erfindungen kosten Kraft.

Der Sternenhimmel kam ihm langsam bekannter vor.

Auch das half.

Zur selben Zeit, weit landeinwärts und dann wieder entlang des Flusses, war Kolnidranooora zunächst nicht sicher gewesen, was er tun sollte.

Als Roto auf dem Schiff gelandet war und das Segel im Strom davongefahren war, hatte er am Ufer gestanden, gewartet, gehofft, geflucht und wieder gehofft, bis die Dämmerung aus Hoffnung etwas Lächerliches machte. Dann hatte er begonnen, sich die Möglichkeiten zurechtzulegen. Über den Großen Markt. Direkt weiter. Die Küste hinab. Oder besser an die Mündung des Flusses, denn wenn Roto das Schiff irgendwo zum Halten bringen würde, dann dort draußen, wo der Strom nicht mehr so rissig durch das Land schoss, sondern sich zum Meer öffnete. Genau so, dachte Kolnidranooora, würde er es machen. Und da Brüderlichkeit selbst unter Magiern manchmal nur bedeutet, dass man dem anderen dieselbe Art von Improvisation zutraut wie sich selbst, beschloss er, an die Mündung zu reiten.

Es war einfacher, als er erwartet hatte.

Die Straße am Fluss war gut ausgebaut. Hier zogen sonst Pferde und Ochsen die Schiffe stromaufwärts, wenn es der Wasserstand und die Ladung zuließen. Es gab daher Wege, Herbergen, Rastplätze, kleine Dörfer, in denen man das Schlagen von Tauwerk auch an Land schon hören konnte. Kolnidranooora ritt zügig, ohne große Sorgen, das Wetter wurde besser, und mit jeder Nacht standen die Monde heller am Himmel, beinahe so hell, dass man meinte, es sei heller Tag, nur etwas dumpfer, wie durch feines Tuch gesehen. Er dachte, die kommenden Nächte würden unerquicklich sein zum Schlafen. Zu viel Licht, zu viel Erwartung in der Luft.

Dann hörte er in der Ferne bereits das Meer.

Und da, wirklich da, lag an einem Hafen an der Mündung ein Schiff, das so wartend wirkte, so bereit zum Ablegen, dass Kolnidranooora keine weitere Prüfung mehr brauchte. Das musste Roto sein. Wer sonst. Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt hinunter zum Kai, sprang noch im Schwung fast aus dem Sattel, warf die Zügel einem verdutzten Jungen zu, der gerade Netze ausbreitete, und lief die Planke hinauf auf das Schiff.

Es dauerte noch ein wenig, bis Kral die Mündung erreichte.

Als sie vor ihm aufging, begriff er sofort, wo das eigentliche Problem lag. Es war Frühling. Früher Frühling. Die Schneeschmelze hatte eingesetzt. Der Fluss, den er hatte hinauffahren wollen, führte zu viel Wasser, zu viel Kraft, zu viel Treibgut. In diesem Zustand würde er in den nächsten Wochen kein Schiff dort hinaufbringen. Nicht dieses Schiff. Nicht mit diesem Heck. Nicht mit diesem provisorischen Mast. Es war unerquicklich, ja. Aber zugleich war ihm in diesem Augenblick eigentlich alles gleichgültig, solange sie nur unbeschadet durch dieses gottverdammte Meer gekommen waren und nicht versenkt worden waren, warum auch immer. Also beschloss er, hier an der Mündung zu warten, bis der Fluss wieder schiffbar wurde. Er ließ anlegen und das Schiff vertäuen.

In genau diesem Moment betrat ein fremdländischer Mann das Deck.

Er bewegte sich eigenartig. Zu gerade. Zu sicher. Zu sehr wie jemand, der erwartet, dass Raum sich ihm fügt. Kral tippte sofort auf einen Magier.

„Sagt mir“, verlangte der Fremde ohne jede Einleitung, „wo befindet sich Meister Roto.“

Die Mannschaft blickte sich verständnislos an und dann zum Kapitän.

„Wer“, fragte Kral. „Ich kenne keinen Roto.“

Kolnidranooora begriff augenblicklich, dass dies das falsche Schiff sein musste, und wie es geübte Männer in unangenehmen Lagen tun, änderte er die Taktik ohne erkennbare Pause.

Er richtete sich zu voller Größe auf.

„Ich bin Meister Kolnidranooora aus Ashambrat“, sagte er herrisch. „Und ich verlange, nach Gontar gebracht zu werden.“

Es war einer dieser Sätze, die in einer Ratskammer oder unter Schülern vielleicht Wirkung getan hätten, auf einem improvisiert geflickten Schiff voller erschöpfter Seeleute aber eher nach einer Einladung klangen, jemanden zum Teufel zu jagen. Kral wollte genau das gerade tun. Er hatte den Mund schon geöffnet, einen Fluch auf der Zunge, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnahm.

Der männliche der beiden Fremden war da.

Nicht von vorn. Nicht angekündigt. Er hatte sich lautlos von hinten an den Magier herangeschoben, so schnell, so fließend, dass die Bewegung eher an einen Sprung aus Wasser erinnerte als an einen Schritt auf Planken. Es war eine einzige Geste. Kein Zögern. Kein Ringen. Die Klinge fuhr von hinten quer durch Kolnidranoooras Hals, tief, sauber, unumkehrbar.

Der Magier riss die Augen auf.

Blut lief ihm sofort über die Brust, dunkel und reichlich, in einer Menge, die jedes Wort lächerlich macht. Er wollte noch etwas sagen, brachte nur ein gurgelndes Geräusch hervor und klappte dann, noch halb im Versuch, die Wunde mit beiden Händen zu fassen, tot auf dem Deck zusammen.

Niemand bewegte sich.

Kral stand da wie erstarrt. Die Mannschaft ebenso. Selbst die Männer, die schon Tod gesehen hatten, und das waren fast alle, blickten in dieser ersten Sekunde nur stumm auf die Leiche und auf den Fremden, der sie verursacht hatte, weil die Geschwindigkeit und Kälte des Vorgangs jeder gewohnten Reaktion den Takt genommen hatten.

Der Fremde trat noch auf den Toten.

Mit einer Verachtung, die so beiläufig wirkte, als gelte sie nicht einmal dem Mann, sondern eher dem Umstand, dass er überhaupt im Weg gelegen hatte. Dann spuckte er auf ihn. Der weibliche Fremde war bereits neben ihm, und ehe auch nur einer der Seeleute den Entschluss zu einem Laut, einer Frage oder einer Waffe fand, sprangen beide über Bord ins Meer.

Einfach so.

Als sei Wasser nicht Hindernis, sondern Heimkehr.

XVII

Die Überfahrt zu den Inseln der Winde verlief zunächst so ereignislos, dass selbst die Wachsamsten an Bord irgendwann begannen, dieser Ruhe zu misstrauen.

Der Fluß hatte sie hinausgetragen, die See hatte sie aufgenommen, und jenseits des ersten Umstellens von Brackwasser auf Salz, jenseits der kleinen Gewöhnung daran, dass die Welt unter dem Kiel nun anders atmete als zwischen den Ufern, geschah erst einmal nichts. Kein Sturm. Kein Schatten unter dem Schiff. Kein Gesang, der lang genug blieb, um ihn sicher zu nennen. Die Tage glitten ineinander, wurden von Wachen, Mahlzeiten, Gesprächen und den kleinen Verrichtungen an Bord zusammengehalten, und gerade diese stille Ordnung hatte etwas Beunruhigendes, als wäre sie nur die glatte Oberfläche eines Wassers, unter dem etwas Größeres sich entschlossen hatte, vorläufig still zu bleiben.

Anadar zog sich immer weiter zurück.

Nicht sichtbar in einer einzigen großen Geste, sondern Schritt für Schritt, Stunde für Stunde, bis Shara irgendwann nicht mehr sagen konnte, ob er überhaupt noch schlief oder nur in Zustände sank, die dem Schlaf ähnlich genug waren, um den Körper stillzuhalten, während der Geist sich anderswo aufhielt. Sie beobachtete ihn aufmerksam und stellte doch fest, dass keine unmittelbare Gefahr bestand. Sie konnte ihn jederzeit zurückrufen. Das war das Tröstliche und das Beunruhigende zugleich. Es bedeutete, dass er noch immer erreichbar war. Es bedeutete aber auch, dass er sich tatsächlich so weit entfernte, dass man ihn holen musste. Er war ganz einfach ins Studieren vertieft, sagte sie sich. So wie früher. Nur dass der Gegenstand seines Studiums diesmal im Schwert wohnte und eine Stimme hatte, die Blut verlangte.

Beschwörungen, so erklärte Anadar es ihr, könne er auf dem Schiff nicht ausführen. Dafür sei ein bewegtes Objekt eine zu große Unwägbarkeit. Kreise, Linien, Symmetrien, Ausrichtungen, all das brauche mehr Verlässlichkeit, als eine schwankende Kabine oder ein schlingerndes Deck gewähren konnten. Somit blieb es wohl bei der Theorie, und dafür war Shara dankbar. Sie war ohnehin nicht sicher, wie viel Blut noch in dem Meister weilte, dessen Hand sie oder Isidre nun immer wieder behandeln mussten. Die Schnitte schlossen sich nie ganz, weil neue hinzukamen, und das allein hätte schon genügt, sie unruhig zu machen, selbst wenn sie nicht gespürt hätte, wie sehr Naaarstr an ihm zog. Isidre stellte nicht allzu viele Fragen, was Shara sehr angenehm war. Die rothaarige Erdmagierin wich ihr bisweilen kaum von der Seite, und Shara empfand diese weibliche Gesellschaft als überraschend wohltuend. Sie hatte selten Frauen um sich gehabt. Immer nur diese Magier der Feurigen Feste, diese Mischung aus Stolz, Ehrgeiz, Schärfe und ständiger Vergleicherei, das konnte anstrengend sein. Bei Isidre war nichts davon. Nur die morgendliche Übelkeit blieb unerquicklich zuverlässig. Jeden Morgen musste Shara, noch ehe sie überhaupt richtig bei Bewusstsein war und noch vor dem ersten Bissen, zur Reling und sich übergeben. Sie hoffte inständig, dass dies aufhören würde, sobald sie wieder an Land war.

Meister Roto wollte bereits am ersten Tag nach seiner Ankunft alle überzeugen, zuerst nach Gontar zu fahren und Meister Fontal aufzusuchen.

Er trug diese Idee vor mit jener Ruhe, die nur Menschen beherrschen, die ihre Überzeugung für Vernunft halten und darum annehmen, jeder andere müsse sie nach angemessener Darlegung ebenfalls für vernünftig halten. Doch seine Worte stießen auf taube Ohren. Nicht einmal Grot, der sonst jeden Anlass ergriff, um sich auf die Seite einer Maßregelung oder Untersuchung zu schlagen, zeigte sich sonderlich begeistert. Er zuckte nur die Schultern und versprach, dies später zu tun. Zuerst, sagte er mit jenem Tonfall, in dem sich Selbstverständlichkeit und Herablassung fast ununterscheidbar mischten, müssten sie vor der Dreikrone auf den Inseln ankommen. Es sei jetzt schon schwierig genug, bei diesen Gezeiten das richtige Fenster zu treffen, um dort sicher anzulegen. Danach könne man immer noch überlegen, wen man zu welchem Zweck nach Gontar schicke. Roto schien sich damit abzufinden, oder tat zumindest so, als sei es ein bewußtes Nachgeben und keine Niederlage. Er wollte ohnehin gleich nach der Ankunft mit Meisterin Sinadie sprechen. Und ganz sicher, so sagte er voller Überzeugung, würde Kolnidranooora, den er zurückgelassen hatte, unverzüglich über den Großen Markt nach Gontar reiten. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Während Roto mit Grot an seiner Seite Sinadie umstimmen würde, könnte Kolnidranooora Fontal gewinnen, und wenn beides gelang, dann würde Hokn'f sehen, dass sein ausgesandter Meister sehr wohl Initiative bewiesen habe. Roto dachte diese Sätze so oft und so fest, dass sie auf seinem Gesicht beinahe zu lesen waren.

Morgut genoss die Überfahrt mit den beiden älteren Meistern nicht wirklich.

Beide waren in seiner Wahrnehmung sehr von sich eingenommen und in genau der Weise limitiert, die sich für Tiefe hält, weil sie nie gezwungen wurde, der eigenen Grenze ins Gesicht zu sehen. Sie diskutierten viel über Politik der Schulen, über Verfahren, Zuständigkeiten, Traditionen und die Frage, wie man Anadar beizukommen habe. Nicht aus wirklicher Antipathie, so schloss Morgut nach einiger Zeit, sondern weil Anadar ihnen einfach überlegen war, mit jeder Faser seines Seins, mit jeder Bewegung, jeder Selbstverständlichkeit, jeder Tiefe, aus der er handelte, und genau das machte den Männchen in ihnen Angst. Die beiden Meister wussten ansonsten nicht viel über die Welt jenseits ihrer eigenen Schulen und ihrer aufpolierten Selbstbilder. Lieber hätte Morgut Zeit mit Miene und Sindra verbracht, doch die beiden hielten sich ihrerseits fern von Roto und Grot und also meist auch von ihm. Was ihm nicht einmal ungelegen kam. Er mochte die Zuneigung der beiden und die Rivalität zwischen ihnen. Sie hatten ihn zu einer Art Pokal erkoren, den die Siegerin bekommen würde. Das wusste Morgut sehr genau, wollte es ihnen aber nicht so leicht machen. Er konnte sich selbst nicht wirklich entscheiden. Er genoss die Aufmerksamkeit. Wenigstens gab es Neuigkeiten von seiner Schwester Gudi. Sie hatte nun endlich eine eigene Parzelle in Ashambrat bekommen und war offenbar auf dem Weg, sich zu entwickeln. Es wurde Zeit. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab, in ihre gemeinsame Kindheit, zu staubigen Höfen, kleinen Spielen und dem Blick seiner kleinen Schwester, die ihn bewunderte, wie nur jüngere Geschwister ältere Brüder bewundern können, ehe die Welt groß genug wird, um diese Ordnung zu stören. Währenddessen hatten sich die beiden alten Meister wieder in einem Thema verbissen, das sich darum drehte, wie man Anadar politisch oder rechtlich überführen könne. Morgut lächelte, nickte an den richtigen Stellen und war innerlich ganz woanders.

Son und Indra hielten abwechselnd oder gemeinsam Wache an Bord.

Hin und wieder kam Grot und löste die beiden ab, doch sie mieden die Nähe des überheblichen Magiers wann immer es ging, und da er wiederum lieber Zeit mit Roto verbrachte, waren diese Überschneidungen selten. Roto und Grot bestärkten einander in ihrem Sein, wie Männer es eben tun, wenn jeder im anderen den richtigen Spiegel für die eigene Bedeutung findet. Während ihrer Wachen konnten Son und Indra keine Geräusche ausmachen, keine Melodie, keinen jener Töne, die sie fürchten gelernt hatten, und darüber waren sie aufrichtig froh. Sie wollten diesem Monster nicht auf hoher See begegnen. Nicht bei Nacht. Nicht an Bord eines Schiffes voller Menschen, die zwar mutig oder machtvoll sein mochten, aber nicht wussten, was es heißt, wenn etwas aus der Tiefe aufsteigt, das auf Gesang und nicht auf Zauber reagiert. Die anderen der Gruppe blieben ihnen in unterschiedlicher Weise fremd. Anadar war für beide unheimlich. Nicht unsympathisch, keineswegs. Sondern einfach ein sehr mächtiger, furchteinflößender Mensch mit einer Aura, die Felsen einreißen konnte. Seine Präsenz, seine Bewegungen, diese unglaubliche Machtfülle und doch alles in solcher Kontrolle. Beide waren sich einig, dass eine Inquisition sich auf eine Inquisition einstellen müsste, sollte je jemand ernsthaft beschließen, diesen Mann zu verhören. Er würde alles einfach niederwalzen, ohne mit der Wimper zu zucken. Und so mächtig er auf sie wirkte, so abwesend wirkte er doch auch. Als arbeite er an etwas ganz anderem. Als sei er nur teilweise wirklich an Bord. Shara dagegen bewunderten beide. Für sie war sie die aufrechte, kluge, wachsame Frau, die ihn hielt, ohne ihm je den Raum zu nehmen. Sie hätten gern mehr Zeit in ihrer Nähe verbracht, doch Shara war fast immer entweder in der Kajüte bei Anadar oder mit dieser herzensguten Isidre zusammen. Blieben noch Miene und Sindra, mit denen sie eine Kajüte teilten und sich langsam anfreundeten, trotz des spürbaren Wettstreits, der zwischen den beiden jungen Frauen lag wie etwas, das an jedem Gesprächsrand mitatmete. Es hatte etwas von Schwestern. Nur mit mehr Eitelkeit.

Die Tage zu den Inseln verstrichen, und zwei Tage vor der Dreikrone legten sie nachts an.

Das Wasser stand hoch. Viel zu hoch, fand sogar der Kapitän, der sie brachte, und die Dunkelheit war auf eine Weise hell, die nur vorkommt, wenn Monde groß am Himmel stehen und jede Welle silbern aufreißt. Die Gruppe wurde zusammen auf eine Insel verwiesen. Das Schiff selbst durfte im Hafen bleiben, mitsamt der Mannschaft an Bord, weigerten diese sich doch, ohne Schutz noch einmal auszulaufen. Die Insel, die man ihnen zuwies, hatte einen Turm, in dem alle untergebracht wurden, mit Ausnahme von Grot, der Roto sogleich zu sich in seinen eigenen Turm einlud und fast ebenso schnell mit ihm verschwand. Sie wollten sofort zu Meisterin Sinadie, was Anadar und Shara zwar wussten, doch gaben beide zunächst Erschöpfung vor und baten darum, sich zuerst ausruhen zu dürfen. Ein Wunsch, den man erschöpften Gästen nicht abschlagen konnte. Son und Indra blieben bei der Gruppe. Sie hatten noch keine eigene Insel oder keinen eigenen Turm verdient, was im Kontext der Wasserschule weniger eine Demütigung als eine nüchterne Feststellung war. Die Insel, die der Gruppe zugewiesen wurde, lag in nächster Nähe zu Meister Xoiuns Insel mit dem abgebrannten Turm. Schon vom Ufer aus konnte man die schwarzen, abgebrochenen Stümpfe gegen den hellen Nachthimmel stehen sehen, als ragten dort verkohlte Finger in eine Welt, die sich weigerte, das Geschehene ganz zu vergessen.

Kaum hatten sie ihr Gepäck in den Turm gebracht, wandte Anadar sich an Son und Indra.

Ohne Umwege.

Ohne den Versuch, seinen Wunsch als Bitte zu verkleiden.

„Könnt ihr uns heute Nacht noch auf die Insel bringen.“

Es war mehr Befehl als Frage.

Morgut und Shara begleiteten die beiden Wassermagierinnen, während Miene, Sindra und Isidre zurückblieben. Sie waren wirklich müde, wirklich erschöpft, und bei aller Neugier war auch ihnen klar, dass nicht jeder jeder nächtlichen Unternehmung beiwohnen musste, nur weil Anadar es wollte. Son und Indra brachten die drei zu einem kleinen Boot, das von selbst zu fahren schien. Es brauchte keinen Ruderer. Kein sichtbares Segel. Es glitt schlicht über das Wasser, als kenne es den Weg schon besser als jeder Mensch an Bord. Das allein hätte Morgut an einem anderen Abend entzückt, aber heute war er zu wach, zu gespannt. Sie setzten über und bestiegen den Weg zum Turm, dessen oberes Ende fehlte und an dessen Stelle nur schwarze Stümpfe in den hell beleuchteten Nachthimmel ragten. Sie betraten den Turm durch die untere Tür. Son und Indra führten sie in den ersten Stock, wo die Pergamente aufbewahrt wurden. Dieses Stockwerk schien noch unberührt. Die eigentliche Zerstörung begann erst ein Stockwerk darüber.

Überall lagen Rollen, Blätter, Mappen. Auf manchen standen Notenfolgen, auf anderen erklärende Sätze, wieder auf anderen nur Zeichen, die mehr nach Magie als nach Musik aussahen. In einer Ecke stand ein Tasteninstrument, eine Art Klavier, und daneben mehrere Flöten unterschiedlicher Länge und Bauart. Es wirkte weniger wie eine Gelehrtenstube und mehr wie der Arbeitsraum eines Menschen, der Klang nicht als Schmuck, sondern als Werkzeug verstanden hatte.

Während Son und Indra zu erklären begannen, schaute Morgut sich sofort alles genauer an.

Die Melodien schienen wie Zauber zu sein. Leider waren viele davon nicht vollständig. Manche Pergamente waren verbrannt, andere nur in Bruchstücken erhalten, wieder andere voller Randnotizen, als habe jemand mitten im Versuch aufgehört. Ein paar Rollen waren in gewöhnlicher Schrift beschrieben, mit Anmerkungen und Erklärungen. Schutz und Abwehr, sagte Son, und zeigte auf eine der intakten Rollen. Dies sei beinahe die einzige Melodie, die sie vollständig retten konnten, diejenige, die das Monster fernhalte oder wenigstens zurückdränge. Morgut begann sofort, sich einzelne Melodiefetzen abzuspielen. Er setzte sich an das Instrument, testete vorsichtig die Tasten, lauschte, griff dann wieder zu Pergament und Tasten, wie ein junger Mann, der plötzlich an genau der Stelle gebraucht wird, an der seine unordentliche Neugier schon immer heimlich hinwollte.

Anadar sah sich um.

Musik war nicht seine Stärke. Er hatte sich nie damit beschäftigt. Er erkannte, dass dies ein Gefäß war, eine andere Art, Magie zu kanalisieren, dass in Intervallen, Wiederholungen, Dissonanzen und Auflösungen offenbar etwas lag, das weit über bloße Kunst hinausging. Aber mehr erschloss sich ihm zunächst nicht. Er blickte durch den Raum, nach oben, auf die geborstenen Balken, versuchte zu erfassen, was hier passiert war. Und in diesem Augenblick sprach Naaarstr zu ihm. Die Stimme kam sofort, kalt und scharf, nicht wie sonst im Ton eines Lehrers oder Versuchers, sondern mit einer seltsamen Härte, die er noch nie an ihr gehört hatte.

Diese Melodien, sagte der Dämon. Sie sind. Ich mag sie nicht. Sie schmerzen.

Anadar hielt inne.

Was.

Sie sind nicht natürlich. Sie sind fremd. Alt. Ich mag es nicht.

Es war einer jener Momente, in denen sich Anadar fast hätte amüsiert fühlen können, wäre die Reaktion des Dämons nicht so offenkundig echt gewesen.

Es gibt Stimmen, dachte er zurück, die dasselbe über dich behaupten würden.

Naaarstr schwieg kurz.

Dann kam die Antwort leiser.

Es gibt hier mehr, als es den Anschein hat. Ich spüre etwas. Etwas tief Böses. Hier wurde ein Verbrechen begangen. Sehr viel Schmerz. Sehr böse.

Du spürst es.

Die Mauern sind voll von Leid. Über allem hängt etwas.

Ich spüre nichts, erwiderte Anadar. Ich nehme nichts wahr.

In diesem Moment spielte Morgut am Instrument eine der Melodien an. Es waren nur wenige Töne, suchend, prüfend, und dennoch fuhr Naaarstr in sich zusammen, so deutlich, dass selbst Anadar unwillkürlich die Finger fester um das Schwert schloss.

Dieser Ton, sagte der Dämon. Er tut mir weh.

Anadar war einen Herzschlag lang versucht, Morgut zu bitten, dieselbe Folge noch einmal zu spielen. Nicht aus Bosheit, sondern aus jener kalten Neugier heraus, mit der er immer auf Reaktionen blickte, wenn sie ihm etwas über ein unbekanntes System verrieten. Doch was dann aus Naaarstr kam, hatte nichts mehr von bloßem Widerwillen.

Das ist fremd, Anadar. Das ist unnatürlich. Hier wurde mit etwas experimentiert, das weit über Grenzen hinausgeht. Unvorstellbares geschah hier. Grausames. Unglaublich Böses. Mit der Absicht zu verstümmeln und zu foltern. Es widert mich an. Der Raum. Der Ort. Die Musik. Anadar, können wir gehen, bitte.

Das letzte Wort war fast ein Flehen.

Anadar wunderte sich darüber so sehr, dass er sofort den Kopf hob und Morgut bat, mit einer kleinen Geste aufzuhören.

Shara, die ihn seit dem ersten Schritt in diesen Turm aufmerksam beobachtete, sah sofort, dass er wieder ein Gespräch führte.

So besser, fragte Anadar nach innen.

Ja, kam es zurück, angespannt, als sei schon das Verstummen der Töne eine Erleichterung. Wenn auch der Eindruck nicht verschwindet. Wenigstens ist diese Musik nicht mehr hier. Anadar, hier herrschte das Böse. In diesem Turm gibt es noch viel mehr, als du siehst. Du musst es entdecken. Es ist so unglaublich schrecklich.

Der Dämon im Schwert jammerte beinahe.

Und gerade das war vielleicht das Verstörendste an diesem Ort.

Plötzlich ging die Tür auf.

Meisterin Sinadie stand im Türrahmen, und in ihren Augen lag jener verärgerte Blick einer Frau, die einen Verdacht hegte, ihm nachging und nun nicht einmal unzufrieden damit war, Recht behalten zu haben.

„Dachte ich mir“, sagte sie. „Dass du zuerst an die Aufgabe denkst, bevor du Höflichkeiten auch nur in Betracht ziehst. Du warst schon immer einer dieser Menschen, die auf die Achtung eines Protokolls keinen besonderen Wert legen.“

Sie fixierte Anadar.

Er sah sie an und reagierte mit einem knappen Knicks des Oberkörpers und einer Verbeugung, halb spöttisch, halb charmant, und weil er, wenn er wollte, durchaus charmant sein konnte, wirkte der Akt fast ernst.

Er lächelte sie an.

„Ich dachte, deswegen habt ihr uns geholt. Nicht des Gespräches wegen.“

Sinadie lächelte zurück, trat auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen.

Anadar nahm sie.

Im selben Augenblick fragte er, direkt, ohne Einleitung, ohne irgendeine Form von vorsichtiger Umkreisung:

„Was ist hier passiert. Was verbergt ihr hier vor uns.“

XVIII

Am Anfang war es mühsam.

Xian war selbst müde, verletzt und bis in die Knochen erschöpft, und dennoch blieb ihr keine Zeit, sich dieser Erschöpfung hinzugeben, denn in der Hütte im Wald lagen zwei Schwerverletzte, von denen jeder auf seine Weise mehr Aufmerksamkeit verlangte, als ein einzelner Mensch vernünftigerweise hätte aufbringen können. Nigk brauchte beinahe alles. Seine Brust war von den Pranken des alten Bären aufgerissen worden, und obwohl Xiodri ihn in letzter Minute stabilisiert hatte, obwohl Kräuter, Salben, Tränke und Worte, deren Sinn Xian nicht verstand, sein Leben festgehalten hatten, war jede Stunde an seinem Bett eine Stunde, in der alles wieder hätte kippen können. Xiodri selbst war ebenfalls schwer verletzt. Nicht so tödlich wie Nigk, nein, ihre Wunden waren anders, weniger offen, tiefer vielleicht, mehr von Bissen und gequetschtem Fleisch als von einem einzigen verheerenden Schlag gezeichnet, aber schwer genug, dass sie nach der ersten, fieberhaften Versorgung Nigks kaum noch die Kraft besaß, sich auf den Beinen zu halten. Sie kümmerte sich um ihn, bis ihr Körper den Dienst verweigerte, schlurfte dann in ihr eigenes Bett, zog Decken über sich und verkroch sich darin wie ein Tier, das instinktiv weiß, dass die erste Form des Überlebens manchmal nichts anderes ist als regloses Ausharren.

Also blieb alles andere an Xian hängen.

Und sie tat, was getan werden musste, zunächst fast ohne nachzudenken, aus einem Zustand heraus, in dem Müdigkeit und Pflicht ineinanderfallen und ein Mensch nur noch von der einen zur nächsten Aufgabe geht, weil zwischen ihnen kein Raum für Zweifel bleibt. Sie kochte Wasser ab, immer wieder, stellte die schweren Töpfe an die Feuerstelle, wartete, bis es rollend kochte, und sterilisierte Verbände, Lappen, Tücher und Messer so gut es eben ging mit kochendem Wasser und mit einer Sorgfalt, die ihr selbst beinahe lächerlich erschien, weil sie nicht wusste, ob es überhaupt genügte. Sie rührte Salben an nach Rezepten der seltsamen Frau, die nicht alt aussah und doch uralt wirkte, und die vor allem nicht hier in den Norden passte, was für Xian vielleicht das Seltsamste an allem war. Sie sammelte Holz, schleppte es herbei, immer mehr, weil diese Hütte im Wald nun das neue Lager war und Wärme darin nicht nur Behaglichkeit, sondern Leben bedeutete. Sie trug Vorräte von Hütte zu Hütte, richtete einen Platz für die Pferde her, baute sich selbst ein provisorisches Lager und schlief oft nur kurz und hart, zwischen Wasserkrug, Verbandsschüssel und halb erstarrter Asche.

Den Bären fand sie zwei Tage später im Wald.

Er war verblutet, nicht weit von einer der Fichten entfernt, an denen der Kampf sich noch in tiefen Kratzspuren und zerfetztem Rindenholz zeigte. Er lag auf der Seite, riesig selbst im Tod, und Xian blieb zuerst nur einen Augenblick vor ihm stehen und blickte auf das schwere Fell, auf die dunklen Krusten, auf das Maul, das ihnen beinahe alles genommen hätte. Dann nickte sie ihm zu, als sei auch das eine Form von Schlussstrich, und machte sich an die Arbeit. Sie zerlegte ihn mit jener nüchternen Konsequenz, die Not einem Menschen verleihen kann. Das Fell, das Fett, das Fleisch, die Knochen, alles, was sich noch nutzen ließ, wurde mitgenommen. Aus den Knochen kochte sie Suppe. Lange, langsam, mit Kräutern aus Xiodris Vorräten und mit dem stillen Gedanken, dass darin eine seltsame Gerechtigkeit liegen mochte. Was du an Kraft genommen hast, gibst du nun wieder.

Die Tage vergingen.

Und mit den Tagen änderte sich das Licht. Es wurde früher hell. Die Abende hielten etwas länger aus. Nicht viel zunächst, aber doch genug, dass Xian irgendwann nicht mehr in vollkommener Dunkelheit Holz sammeln musste. Auch Nigk hatte nun Phasen, in denen er wach blieb. Zuerst nur kurz, aus Fieber und Schmerz heraus, kaum ansprechbar, dann länger, klarer, mit diesem dünnen, verkniffenen Lächeln, das Männer aufsetzen, wenn sie so tun wollen, als wäre alles weit weniger schlimm, als der Körper längst weiß. Er würde gewaltige Narben auf der Brust behalten. Daran bestand kein Zweifel. Sie schlossen sich langsam, wurden dunkler, trockener, zogen die Haut zusammen, und oft genug verzog er das Gesicht, wenn Xian oder Xiodri die Verbände wechselten, doch er lebte, und irgendwann war allein das schon ein Gedanke, auf dem sich aufbauen ließ.

Xiodris Wunden heilten ebenfalls, auffallend schnell.

Die Frau hatte Salben, Kräuter und Wissen, die all das beschleunigten, auf eine Weise, die Xian nur noch selten überraschte, obwohl sie jedes Mal aufs Neue sah, dass hier Dinge wirkten, die mit gewöhnlicher Heilkunde nicht mehr viel zu tun hatten. Es dauerte trotzdem Wochen, bis Nigk das Bett wieder verlassen konnte. Wochen, in denen Xian den ganzen Haushalt führen musste, und sie machte es, zu ihrer eigenen Verwunderung, nicht einmal ungern. Es hielt sie beschäftigt. Solange Wasser gekocht, Holz geschlagen, Fleisch geräuchert, Pferde versorgt oder Verbände gewaschen werden mussten, blieb weniger Raum für die Bilder jener Nacht, für den Bären, für das Blut, für die Angst, Nigk noch immer unter den Händen zu verlieren.

Die Gespräche mit Xiodri blieben unerquicklich unpersönlich.

Nicht unfreundlich, nein, aber sachlich, fast geschäftsmäßig, als ziehe die Frau selbst in der Wärme einer gemeinsam bewohnten Hütte noch eine unsichtbare Grenze zwischen sich und jedem anderen Wesen, das nicht sie selbst war. Sie sprach über Kräuter, über das Wetter, über die Heilung, über Nahrung, über Feuerholz. Nie über sich. Nie aus sich heraus. Xian bemühte sich anfangs, das Gespräch auf die Flüchtlinge zu lenken, auf die Leute, die aus dem Norden fortgegangen waren, auf das große Verstummen der Dörfer. Es erntete meist nur ein Schulterzucken.

Die Menschen sind gegangen ohne ersichtlichen Grund. Sie haben alles stehen und liegen lassen und sind weg.

Mehr war von Xiodri kaum zu bekommen.

Warum sie selbst davon nicht betroffen war, beantwortete sie nicht. Warum sie geblieben war, während andere ganze Häuserreihen verließen, ebenso wenig. Ob sie keine Freunde gehabt habe, die nun fort seien. Nein. Ob sie niemanden vermisse. Nein. Sie komme gut alleine klar. Warum sie sich in den Kampf eingemischt habe, diese Frage ließ sie ganz unbeantwortet, als hätte Xian gar nicht gesprochen.

Nigk war darin geschickter, wie immer.

Seine Fragen waren nie direkt. Er stellte nicht die scharfe Spitze voran, sondern legte das Gespräch weich an, umschmeichelte sein Gegenüber, brachte es zum Erzählen, ließ es mit einem Lächeln auf Themen gleiten, von denen es selbst gar nicht merkte, dass sie gewählt waren. Auch hier tat er das. Selbst wenn Xian weg war, um etwas zu holen, oder draußen Holz spaltete, verstand er es, Xiodri in Gespräche zu verwickeln, die harmlos begannen und langsam näher an den Kern heranführten. Doch auch er hatte wenig Erfolg. Die Frau blieb verschlossen. Oder sie wusste tatsächlich nicht mehr. Oder es kümmerte sie schlicht nicht. Das war vielleicht das Verstörendste an ihr, dass sie nicht nur Geheimnisse zu haben schien, sondern dass diese Geheimnisse für sie selbst offenbar weniger Bedeutung hatten als für alle anderen.

Mit der Zeit merkten sie, dass es wieder wärmer wurde.

Schnee schmolz. Auf Seen öffneten sich dunkle Flächen. Bäche wurden frei vom Eis und begannen wieder zu reden. Dächer tropften. Pfade, die wochenlang ungehbar gewesen waren, traten langsam wieder hervor. Alles in allem wurde es bald Zeit zum Aufbrechen, und natürlich war es Nigk, der als Erster ungeduldig wurde. Mit jedem Tag, an dem er stärker gehen konnte, wuchs in ihm der Wunsch, weiter nach Norden zu ziehen. Es taute nun selbst tagsüber. Es schneite kaum noch. Die Luft hatte bereits diesen trügerischen Geruch nach Aufbruch.

Xiodri warnte sie.

Das Wetter könne hier schnell wieder kippen, sagte sie, als sei sie mit jeder Laune des Nordens persönlich bekannt, und vielleicht war sie das. Doch sie beschlossen dennoch, weiter nach Norden zu ziehen. Es gab weitere Dörfer, vermuteten sie, mehr Höfe, mehr Orte, an denen man unterkommen könnte. Xiodri bestätigte das.

Dann baten Xian und Nigk die Hexe mitzukommen.

Zunächst halb im Ernst, halb im Scherz. Sie würde sich auskennen. Sie könne den Weg weisen. Und wenn es ihr zu dumm werde, könne sie sich ja wieder in eine Eule verwandeln und einfach zurückfliegen. Sie lachten, und zu ihrer Überraschung, wohl auch zu ihrer eigenen, erklärte sich Xiodri bereit. Vielleicht hatte sie die Einsamkeit tatsächlich satt. Vielleicht war etwas in ihr in Bewegung geraten, das länger stillgelegen hatte. Vielleicht wollte sie sehen, ob da draußen mehr übrig war als verlassene Häuser und Schnee.

So kam es, dass sie zehn Tage vor der Trikrone aufbrachen.

Nigk und Xian ritten, Xiodri flog ihnen voraus, mal als Eule, mal später auch in anderer Gestalt, hielt hier und da an, wartete auf einem Ast oder einem Pfosten, deutete mit einer Bewegung den Weg und brachte sie auf diese Weise sicher voran. Abends konnten sie oft in verlassenen Höfen, Häusern oder Dörfern unterkommen. Die Welt schien leer, aber nicht tot. Türen standen offen. Kamine waren kalt, aber nicht eingestürzt. Zäune hingen schief, doch nicht umgeworfen. Es war, als habe jemand an vielen Orten gerade erst beschlossen zu gehen und sei nie zurückgekehrt.

Am siebten Tag ging es schief.

Xiodri flog über einen bewaldeten Abschnitt, bereits in der beginnenden Dämmerung, und sie war nicht so aufmerksam, wie sie hätte sein müssen. Vielleicht lag es daran, dass sie müde war. Vielleicht daran, dass sie sich in den letzten Tagen zu sehr daran gewöhnt hatte, den Himmel über sich und die Stille unter sich als etwas zu betrachten, das ihr gehöre. Es fehlte nur noch ein kleines Stück bis zum nächsten Dorf, ein paar Kilometer, nicht mehr, und solche letzten Strecken sind die gefährlichsten, weil in ihnen die Wachsamkeit weich wird.

Der erste schwarze Pfeil kam beinahe lautlos.

Nur in allerletzter Sekunde sah sie die Bewegung und riss die Flügel herum. Der Pfeil strich an ihr vorbei, so nah, dass sie den Luftzug spürte. Dann ein zweiter. Ein dritter. Plötzlich war Bewegung um sie herum, im Geäst, zwischen den Stämmen, dunkle Gestalten, die nicht recht aus dem Wald selbst zu kommen schienen und doch da waren. Hände griffen nach ihr, Netze vielleicht, oder bloß Schatten im falschen Winkel. Sie flatterte wild, gewann Höhe, verlor sie wieder, stieg noch einmal steiler, und es war wahrscheinlich nur jener siebte Sinn, der allen Gestaltwandlern irgendwann aus dem Nichts zu wachsen scheint, der sie rettete.

Im Flug verwandelte sie sich.

Nicht zurück in ihre menschliche Form, dafür war keine Zeit, sondern in einen Raben. Kleiner, schneller, dunkler. Besser geeignet, in der Dämmerung nicht sofort als Ziel zu leuchten. Warum hatte sie es nicht kommen sehen. Warum keine Warnung, kein Gefühl, kein Vorzeichen. All das schoss ihr durch den Kopf, während sie so schnell sie konnte zurückflog. Sie wusste, dass man ihr folgte. Sie fühlte es, ohne sich umzudrehen.

Dann sah sie Nigk und Xian.

In einiger Entfernung auf dem Weg, noch nichts ahnend, die Pferde im letzten Licht grau und schwarz zwischen den Bäumen. Xiodri verwandelte sich noch im Flug zurück und rollte vor den beiden im Schnee ab, hart, unschön, beinahe schon mehr Fall als Landung.

„Ihr müsst hier verschwinden. Wendet sofort.“

Sie scheuchte die beiden auf, doch da war es schon zu spät.

Die Verfolger waren ihr dicht gefolgt. Wieder zischte ein schwarzer Pfeil vorbei und schlug hinter ihnen in einen Baum. Nigk und Xian sprangen von den Pferden, rollten sich ab, zogen ihre Waffen, aber der Augenblick der Überraschung war verloren, und mit ihm fast alles andere.

Sie waren umstellt.

Schwarze Schatten umkreisten sie, dünne, elegante Gestalten im Dunkel, mit Klingen in den Händen, schnell, still, unheimlich. Dabei waren es keine Nebelwesen, keine reinen Schatten. Im nächsten Atemzug sah Xian, dass sie Körper hatten, echte Körper, schwarz wie nachtblindes Holz, glatt, muskulös, kraftvoll, und darin nur die Augen anders, ebenfalls tiefdunkel und doch von einer anderen Art Glanz, als läge dort etwas Lebendigeres als bloße Finsternis.

Sie griffen an.

Stahl schlug auf Stahl. Nigk und Xian standen Rücken an Rücken, so gut es eben ging, und wehrten sich erbittert. Xians Schwert arbeitete schnell, präzise, Nigk trotz seiner noch nicht ganz verheilten Brust mit jener zähen Bosheit, die ihn in Kämpfen manchmal größer machte, als er war. Die fremden Angreifer drängten von allen Seiten, wichen zurück, kamen wieder, schnell, elegant, gefährlich wie Wesen, die nicht nur kämpfen konnten, sondern es gewohnt waren, andere im Dunkeln zu zerlegen.

Xiodri wollte sich wieder verwandeln und davonfliegen.

Da war es schon zu spät.

Ein Netz fiel über sie, von der Seite, schwer genug, um Flügel, Arme, Schultern zugleich zu nehmen. Dann ein dumpfer Schlag gegen den Kopf oder Nacken, und sie glitt ab in die Dunkelheit, noch ehe sie begriff, wer sie getroffen hatte.

Nigk und Xian hielten länger stand, als es vernünftig war.

Aber gegen diese Übermacht waren sie bald verloren. Es war keine rohe Masse, die sie niederkämpfte, sondern eine Art vollkommene, sparsame Gewalt. Man entwaffnete sie langsam, fast methodisch, schlug ihnen die Waffen aus den Händen, öffnete eine Deckung, nutzte einen Winkel, trat hinein, drehte Klingen beiseite. Einer der schwarzen Angreifer blutete, dann noch einer, und Xian sah im Aufblitzen eines Hiebs, dass ihr Blut rot in den Schnee fiel, genau wie ihres. Das machte sie nicht weniger unheimlich. Vielleicht schlimmer.

Am Ende lagen sie gefesselt im Schnee.

Nigk keuchend, Xian mit brennenden Armen, beide halb aufgerichtet, unfähig, sofort noch einmal hochzukommen. Um sie herum sprachen die Fremden in einer tiefen, gurgelnden Sprache, in der etwas brummte und vibrierte, als würde sie weiter unten im Körper gebildet als menschliche Stimmen. Dann wurden sie hochgerissen. Hände griffen nach ihnen. Ihnen wurden die Augen verbunden, vermutlich legte man sie über Pferde oder schleifte sie zu ihnen, ganz sicher konnten sie das nicht mehr sagen. Das Letzte, woran Xian sich erinnerte, ehe ein weiterer Schlag sie in die Bewusstlosigkeit schickte, war das Gefühl von Schnee im Gesicht und das dumpfe Wissen, dass sie in etwas geraten waren, das älter und organisierter war, als jede verlassene Hütte und jeder geflohene Dorfrest hatte ahnen lassen.

 

Epilog

Manador konnte zunächst kaum glauben, was er da las.

Die Schriftrollen waren geborgen worden, als hätte jemand sie absichtlich nicht nur versteckt, sondern der Zeit selbst entzogen. Nicht achtlos verstaut, nicht in Panik in eine Kammer geworfen, sondern geordnet, versiegelt, geschützt, in Lagen gebettet, die darauf schließen ließen, dass diejenigen, die dies einst taten, sehr genau gewusst hatten, was sie der Zukunft vorenthielten. Schon das allein hatte ihn erschüttert. Noch mehr aber erschütterte ihn der Inhalt.

Ein Teil der Rollen war auf den ersten Blick vertraut. Bekannte Zauber. Formen, die er benennen konnte. Feuerrufe, Reinigungen, Bannungen, Schutzkreise, Rituale, deren Nachfahren in der Feurigen Feste bis heute gelehrt wurden. Doch selbst dort, wo ihm die Grundstruktur bekannt war, war vieles anders. Manche Formeln wirkten roher, unmittelbarer, als seien sie aus einer Zeit, in der Magie noch weniger gezähmt und darum womöglich auch weniger verlässlich gewesen war. Andere dagegen erschienen ihm fast gefährlicher in ihrer Schlichtheit, so als habe man damals mit Kräften gearbeitet, die noch nicht durch Jahrhunderte der Prüfung, Vorsicht und Korrektur geglättet worden waren. Wieder andere Rollen beschrieben Varianten, die den heutigen Zaubern ähnelten wie ein älterer, härterer Bruder, nicht so fein entwickelt, nicht so elegant gefasst, aber gerade deshalb womöglich unmittelbarer in der Wirkung.

Dann gab es jene Pergamente, die ihn wirklich verstummen ließen.

Zauber, die nicht von Feuer handelten.

Nicht von Hitze, Glut oder Flamme, nicht von Verbrennung, Reinigung oder jener stolzen, offenen Gewalt, auf die die Feurige Feste immer ihr Selbstbild gegründet hatte, sondern von Licht. Nicht bloß im metaphorischen Sinn, nicht als Umschreibung von Erkenntnis oder Sichtbarkeit, sondern als eigene, klar umrissene Disziplin. Licht, gelenkt, gebrochen, verstärkt, gebündelt, verhüllt, offenbarend und vernichtend. Manche Formeln lasen sich wie entfernte Verwandte von Feuermagie, als hätten beide Künste einst dichter beieinandergelegen, bevor sie sich trennten. Andere waren ihm vollkommen fremd, und gerade das machte ihn unruhig. Denn fremde Magie ist nicht nur unbekannt, sie ist immer auch eine stille Anklage gegen das, was man selbst für vollständig gehalten hat.

Doch noch viel interessanter, noch viel verstörender als die Zauber waren die anderen Pergamente.

Diejenigen, die keine Anweisungen enthielten, sondern Geschichte.

Manador saß stundenlang über diesen Schriften und merkte, wie sein Gesicht härter wurde, je tiefer er in sie eindrang. Es waren Abschriften von Protokollen, Berichte von Sitzungen, Streitfälle, Verzeichnisse von Beschlüssen, Gutachten, Eingaben, Zeugenaussagen, ja sogar Aufzeichnungen von Inquisitionen. Zunächst hielt er manches davon für Fälschung oder Übertreibung, für die späte Rachsucht einer unterlegenen Fraktion, die sich in den Schutz der Archive gerettet hatte und dort nun die Vergangenheit vergiftete. Doch je mehr Rollen er öffnete, je mehr Hände, Stile, Datierungen und Siegel sich gegenseitig bestätigten, desto schwerer fiel es ihm, an bloßen Betrug zu glauben.

Es hatte einmal mehr Schulen gegeben.

Nicht nur eine oder zwei vergessene Nebenströmungen, keine unbedeutenden Abspaltungen, die an den Rändern des Kodex ein paar Jahrzehnte lang geduldet und dann wieder aufgesogen worden waren. Nein. Nach diesen Dokumenten waren es einst neun Schulen gewesen. Neun anerkannte, benannte, lehrende Schulen. Und darunter, oder vielmehr mitten unter ihnen, die Schule des Lichtes, die sich ebenfalls in der Feurigen Feste befunden hatte.

Dieser Gedanke allein war schon genug, um Manador mehr als einmal die Rolle sinken zu lassen und ins Leere zu starren.

Die Schule des Lichtes. In der Feurigen Feste.

Nicht anderswo. Nicht jenseits eines Gebirges, nicht in einer verlorenen Stadt, nicht im Schatten irgendeines verbannten Ordens, sondern hier, an genau dem Ort, den er sein Leben lang als Zentrum und Ursprung der Feuermagie verstanden hatte.

Und diese Schule war, so sagten es die Dokumente ohne jeden Zweifel, einer Inquisition unterworfen worden.

Nicht von fremden Feinden. Nicht von einer Koalition neidischer Außenseiter. Vor allem von den Feuermagiern selbst.

Er las die Protokolle dieser Sitzungen mit wachsendem Unbehagen. Zuerst die Vorwürfe, in der Sprache ihrer Zeit noch umständlicher und doch in ihrem Kern unerquicklich vertraut. Die Lichtmagier seien anmaßend geworden. Sie strebten nach einer Reinheit der Magie, die sie über alle anderen stellte. Sie vermischten Erkenntnis mit Herrschaft. Sie trügen eine Disziplin in sich, die der des Feuers zu nahe sei, um friedlich neben ihr bestehen zu können. Es gab Berichte über Streit in den Hallen, über konkurrierende Lehransprüche, über Fragen, wem bestimmte Bereiche der Feste zustünden, welche Rituale in welchen Räumen ausgeführt werden dürften, welche Schüler welchen Eid leisten sollten. Und dann, allmählich, wurden aus Streitfällen Anklagen.

Die vernünftigeren, so hieß es in einem der schneidendsten Texte, hätten sich auf die Seite der Feuermagier geschlagen.

Manador las den Satz mehrmals.

Die vernünftigeren.

Welch abscheuliche Siegerformulierung, dachte er. Welch kaltes, selbstgerechtes Wort für Menschen, die schlicht früh genug begriffen hatten, woher der Wind bald wehen würde. Wer sich fügte, wurde vernünftig genannt. Wer widersprach, uneinsichtig. Wer blieb, war einsichtsvoll. Wer sich wehrte, gefährlich.

Die Lichtmagier, die sich beugten, wurden eingegliedert, überprüft, umgeschult oder in niedere Funktionen versetzt. Die anderen, die Uneinsichtigen, wie die Protokolle sie nannten, wurden verbannt oder vernichtet. Das Wort vernichtet stand nicht in jedem Dokument offen da. Es versteckte sich bisweilen hinter Formulierungen wie endgültige Befriedung, dauerhafte Lösung, notwendige Entfernung aus dem Bestand oder Schutz der verbleibenden Ordnung. Doch Manador war alt genug und klug genug, um zu lesen, was dort wirklich stand. Gewalt war angewandt worden. Nicht als Ausrutscher in einem überhitzten Konflikt, sondern planvoll, beschlossen, gerechtfertigt.

Sie hatten nicht nur eine Schule besiegt.

Sie hatten sie ausgelöscht.

Und mehr noch, sie hatten ihre Erinnerung gebannt.

Denn was man dort in den unteren Gängen entdeckt hatte, war nicht ein paar Kisten voller Zufallsfunde, nicht das späte Notarchiv eines aufgelösten Zirkels, sondern die Reste einer ganzen Bibliothek. Die Bibliothek einer nicht mehr existierenden Schule. Gebanntes Wissen, verschlossen vor der Zukunft und nun wiederentdeckt, ob durch Zufall oder weil die Zeit selbst an alten Siegeln zerrt, konnte Manador noch nicht sagen.

Er las weiter und fand noch Schlimmeres.

Denn die Schule des Lichtes war nicht die einzige, die verschwunden war.

Es hatte noch zwei weitere Schulen gegeben.

Illusion.

Und Nekromantie.

Eine in Zoordak, die andere in Tandor.

Manador saß mit dem Pergament in der Hand und spürte, wie etwas Kaltes in ihm aufstieg, nicht Angst im eigentlichen Sinn, sondern jene Form von Unruhe, die entsteht, wenn ein ganzes Weltbild nicht durch einen einzelnen Schlag zerstört, sondern Stück für Stück unterhöhlt wird, bis es plötzlich hohl klingt, wenn man dagegen klopft. Zoordak. Tandor. Orte, die standen, die blühten, die lehrten, die ihre eigenen Geschichten erzählten, und unter all dem lagen offenbar Schichten, von denen kaum jemand mehr sprach oder überhaupt wusste. Schulen, die nicht einfach eingegangen waren, sondern vergessen gemacht, aus dem Gedächtnis gedrängt, aus dem Kodex geschrieben, aus den Hallen getilgt. Manador fragte sich, wie oft er in seinem Leben bereits an Stellen vorbeigegangen war, an denen die Mauer etwas anderes wusste als er.

Er wünschte, er würde das alles besser verstehen.

Nicht die einzelnen Sätze. Die verstand er. Auch nicht die offen liegenden Linien von Macht, Angst und Siegerrecht. Die waren unerquicklich leicht zu erkennen. Was er nicht verstand, war das Ganze. Wie groß dieser Vorgang gewesen sein musste. Wie tief er in das Selbstverständnis aller heutigen Schulen reichte. Wie viele Lehren, Rituale, Beschränkungen, ja selbst Feindschaften vielleicht nur noch Nachhall uralter Entscheidungen waren, deren eigentlicher Anlass längst vergessen lag. Und am unerquicklichsten war vielleicht die Frage, ob dies wirklich Vergangenheit war oder nur eine alte Form dessen, was Magier stets tun, sobald sie sich Ordnung nennen und Macht sichern wollen.

Manador legte eine der Rollen langsam beiseite und strich sich mit beiden Händen über das Gesicht.

Dann griff er nach der nächsten

Ende Buch III

 
 
 

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