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Anadar III/II

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 4. Apr.
  • 46 Min. Lesezeit

VI

In Ashambrat begann der Tag wie so viele Tage in der Wüste begannen, mit einer Kühle, die in den Steinen noch aus der Nacht bewahrt lag, mit einem fahlen ersten Licht auf Mauern und Türmen, mit Höfen, die für wenige Atemzüge so still waren, als gehöre die Stadt noch den Schatten und nicht schon wieder den Menschen, und doch war an diesem Morgen sehr früh zu spüren, dass etwas in Bewegung war, nicht draußen vor den Toren, nicht im Sand oder zwischen den Karawanen, sondern in den Räumen der Windschule selbst, wo Meister und ältere Schüler bereits unterwegs waren, Diener Wasser trugen, Schalen auf niedrige Tische stellten und aus den oberen Fenstern jener runden Beratungsräume noch vor Sonnenaufgang dünne Fahnen von Kräuterrauch stiegen.

Hokn'f war wütend.

Er saß bereits, als die anderen eintraten, aufrecht, schmal, die Hände auf die Lehnen seines Stuhls gelegt, und obwohl er sich in jener kontrollierten Form hielt, auf die er selbst stolz war, ging von ihm eine Gereiztheit aus, die jeder im Raum spürte, lange bevor das erste Wort gesprochen wurde. Roto nahm wie immer den Platz etwas rechts von ihm ein, stiller, schwerer im Körperbau, mit jener ausdauernden Ruhe, die man bei Männern findet, die ihre Meinung nicht schnell äußern, aber dafür ungern ändern. Kolnidranooora setzte sich links, faltete die langen Finger ineinander und wirkte nach außen hin beinahe heiter, doch Gnok, der später und langsamer eintrat, sah sofort, dass hinter dieser glatten Stirn und dem höflichen, fast schläfrigen Blick bereits gerechnet wurde.

Außer ihnen waren noch weitere Meister der Windschule anwesend, zwei Frauen aus den südlichen Gärten, ein alter Sternkundiger mit einem Gesicht wie aus getrocknetem Leder, ein Mann aus den oberen Karawanenhallen, der mehr nach Staub und Kamelgeschirr roch als nach Lehre, und eben Gnok, der unter ihnen die Eigenschaft besaß, nämlich nicht mehr jung genug zu sein, um sich vom Zorn anderer beeindrucken zu lassen.

Noch ehe alle richtig saßen, sprach Hokn'f.

„Neutral“, sagte er, und allein dieses Wort klang in seinem Mund wie ein Vorwurf an die Sprache selbst. „Neutral. Die Wasserschule enthält sich in einer Frage, die nach allem, was wir gesehen und gehört haben, keine Enthaltung zulassen dürfte, und niemand dort scheint zu begreifen, was für ein Signal das setzt.“

„Sie werden Gründe haben“, sagte Gnok ruhig, noch bevor ein anderer einfallen konnte, und nahm mit jener gemächlichen Sorgfalt Platz, als sei schon die Art, wie ein alter Mann sich setzt, eine Form von Widerspruch gegen unnötige Beschleunigung.

Hokn'f wandte den Kopf nur wenig, aber in dieser kleinen Bewegung lag bereits genug Verärgerung, dass jeder Jüngere geschwiegen hätte.

„Gründe“, sagte er. „Natürlich. Man hat immer Gründe, wenn einem der Mut fehlt, eine Seite zu wählen.“

„Oder wenn man mehr Informationen hat, als du ihnen zugestehst“, erwiderte Gnok.

„Niemand in diesem Raum“, sagte Hokn'f nun schärfer, „muss sich von der Wasserschule vorführen lassen, Gnok. Erst treten sie neutral auf, dann erwarten sie, dass alle anderen diese Feigheit für Klugheit halten.“

„Oder für Vorsicht“, sagte der alte Sternkundige trocken.

„Vorsicht ist nur das würdige Wort für Verzögerung, wenn man nicht handeln will.“

Gnok hob die Schale mit dem heißen Aufguss an, roch daran, trank einen kleinen Schluck und sagte dann, als spreche er eher mit der Luft als mit dem Meister der Windschule: „Und Zorn ist oft nur das schnelle Wort für Kränkung.“

Das saß.

Roto warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Kolnidranooora senkte den Kopf so, dass niemand hätte sagen können, ob er ein Lächeln verbarg oder nur in seine Gedanken sank. Hokn'f hingegen ließ die Bemerkung einen Augenblick stehen, nicht weil sie ihn überzeugt hätte, sondern weil er wusste, dass jede zu hastige Reaktion auf Gnok ihn kleiner wirken ließ als den alten Mann, und das war etwas, das er fast noch weniger ertrug als politische Neutralität.

„Es geht nicht um Kränkung“, sagte er schließlich, ruhiger, was bei ihm fast gefährlicher wirkte als Lautstärke. „Es geht um Ordnung. Wenn die Wasserschule beginnt, sich aus gemeinsamen Entscheidungen herauszuziehen, während zugleich im Westen Schiffe verschwinden und an den Küsten Gerüchte von Ungeheuern laufen, wenn Tandor seinen eigenen Meister nicht findet und die Feurige Feste einen Mann deckt, der sechs Schulen durchlaufen hat, dann haben wir kein Recht mehr auf Bequemlichkeit. Dann müssen Seiten gewählt werden.“

„Oder erst einmal Tatsachen“, sagte Gnok.

Niemand antwortete sofort. Es war schwer, mit Gnok zu streiten, gerade weil er es nie als Streit behandelte. Er warf keine scharfen Worte, er hob nie die Stimme, er sprach mit der Geduld von jemandem, der lange genug gelebt hat, um zu wissen, wie oft stolze Männer am Ende denselben Fehler begehen und ihn dann auch noch Charakter nennen.

Die Diskussion verlagerte sich für eine Weile auf die Flüchtlingsfrage. Aus dem Norden, sagte der Meister der Karawanenhallen, drängten nach wie vor Menschen nach Süden, nicht in Massen, die eine Stadt wie Ashambrat sofort hätten überfluten können, aber in stetiger, wachsender Zahl, Familien, einzelne Reiter, kleinere Gruppen, ausgedünnte Trossen, die den Winter in ihren Mänteln und in ihren Gesichtern mittrugen. Ganz bis in den tiefsten Süden waren sie nicht gekommen, dazu war der Weg zu lang, zu hart, zu teuer, und die Wüste selbst blieb für viele noch immer abschreckender als jede schlechte Nachricht aus der Heimat. Aber man sah die Bewegung. Sie lief wie ein Druck durch die größeren Orte, schob Vorräte auseinander, verteuerte Dinge, die schon vorher nicht billig gewesen waren, und spannte die ohnehin nie ganz ruhigen Beziehungen zwischen den Städten.

Dazu kamen nun die Nachrichten vom Westmeer. Händler berichteten, dass Transporte vermehrt über Land liefen, dass Küstenhäfen zu zögern begannen, dass manche Strecken zur See als unzuverlässig galten, nicht offiziell gesperrt, aber eher gemieden. Man musste gar nicht jedes Gerücht glauben, um zu erkennen, dass das Folgen haben würde.

„Und bald ist Dreikrone“, sagte der Sternkundige und strich mit einem knochigen Finger über die Kante des Tisches, als ziehe er dort Linien, die nur er sehen konnte. „Ihr könnt die Wasserstände an den Küsten nicht von den politischen Dingen trennen, auch wenn ihr es gern würdet. Wenn Tro, Usda und Vru gemeinsam voll stehen, hebt sich das Meer. Das tut es immer. Und diesmal wird Jonsus am Gestirn stehen. Es wird eine andere Nacht.“

„Ihr klingt, als glaubtet Ihr an Omen“, sagte Hokn'f.

„Ich glaube an wiederkehrende Verhältnisse“, erwiderte der Alte. „Andere nennen das dann Omen, wenn sie zu bequem sind, den Himmel zu studieren.“

Wieder dieses kurze Schweigen, in dem mehrere gleichzeitig überlegten, ob sie darauf eingehen oder lieber so tun sollten, als sei nichts gesagt worden.

Am Ende war es Kolnidranooora, der die Diskussion auf das zurückführte, worum es Hokn'f eigentlich ging.

„Wir müssen die Wasserschule wieder auf unsere Seite ziehen“, sagte er, weich, fast beiläufig, und gerade deshalb hörten alle zu. „Nicht indem wir ihnen vorwerfen, neutral gewesen zu sein. Das würde nur Trotz erzeugen. Sondern indem wir ihnen helfen, sich daran zu erinnern, dass Neutralität in manchen Lagen nichts anderes ist als die angenehmere Form eines Fehlers.“

„Mit anderen Worten“, sagte Roto, „wir schicken jemanden.“

„Jemanden“, murmelte Hokn'f, „oder mehrere.“

Sie sprachen zunächst von Gontar. Von Fontal. Von der Lebensschule und ihren Netzwerken, die oft mehr hörten, als sie offen zugaben, und mehr in Bewegung setzen konnten, als sie je als Einfluss bezeichnet hätten. Wenn die Wasserschule wieder in eine gemeinsame Haltung gebracht werden sollte, dann mochte es klug sein, erst Fontal einzubinden, ihn an den Vorgang zu ketten, bevor er sich selbst wieder als unabhängigen Vermittler gerierte. Und wenn man danach gemeinsam zu den Inseln der Winde reiste, dann ließ sich nicht nur mehr Druck aufbauen, sondern auch verhindern, dass die Wasserschule die Sache auf irgendeine stille Weise unter sich ausmachte.

„Und danach Tandor“, sagte Hokn'f. „Wenn Slonda fehlt, dann ist Tranda angreifbarer. Er wird es nicht mögen, wenn man das so nennt, aber er ist es. Ein Mann, dem ein Meister verschwindet, ist empfänglicher für Ordnung, als er im Zustand ungestörter Selbstsicherheit je wäre.“

„Oder er ist beleidigt und geht aus Prinzip in die Gegenrichtung“, sagte Gnok.

„Dann ist er ein Narr.“

„Das war nie ein Argument gegen Handlung“, murmelte Gnok.

Hokn'f hörte es und ignorierte es diesmal.

„Dieser Anadar“, sagte er, und allein die Art, wie er den Namen aussprach, machte klar, dass er darin weit mehr als nur eine Person meinte, „muss an die Hände gelegt werden. Nicht unbedingt mit Gewalt, wenn es anders geht. Aber er darf nicht weiter durch die Welt ziehen wie ein Mann, der keinerlei Maß mehr kennt und dann erwarten, dass die übrige Ordnung stillsteht und ihn bewundert.“

„Bewunderung ist im Moment eher Sache der Feurigen Feste“, sagte der Meister aus den Karawanenhallen trocken.

„Eben“, sagte Hokn'f scharf. „Und genau daraus werden später immer größere Probleme.“

Es war an diesem Punkt, dass Roto und Kolnidranooora, beinahe ohne sich anzusehen, begannen, Hokn'f von dem Gedanken abzubringen, selbst zu gehen. Der Meister der Windschule hatte sich noch nicht offen angeboten, aber jeder im Raum wusste, dass er darüber nachdachte, und gerade weil er es noch nicht laut gesagt hatte, war es nötig, ihn jetzt davon abzubringen, bevor Stolz sich in Entschluss verwandelte.

„Ihr könnt nicht selbst reiten“, sagte Roto, schlicht genug, dass es nicht nach Intrige klang. „Nicht jetzt.“

Hokn'f hob sofort den Kopf.

„Und warum genau nicht.“

„Weil ihr hier zu wichtig seid“, sagte Kolnidranooora, noch ehe Roto hätte weiterreden müssen. „Die Flüchtlingsfrage bleibt. Die Dreikrone kommt. Die südlichen Karawanen müssen neu geordnet werden, wenn sich der Seehandel weiter verlagert. Und wenn ihr jetzt selbst reist, gebt ihr all dem den Anstrich einer persönlichen Jagd. Das hilft uns nicht.“

„Vielleicht hilft es uns doch“, sagte Hokn'f.

„Nein“, sagte Roto.

Das klang so ruhig, dass es fast wie ein Stein wirkte, der in einen schnellen Strom fällt.

Kolnidranooora neigte den Kopf. „Lasst uns gehen. Wir beide. Wir holen Fontal ab, sprechen mit ihm in Gontar, reisen gemeinsam zu den Inseln der Winde und sehen, wie weit sich die Wasserschule noch an gemeinsame Interessen erinnern kann. Und wenn nötig, gehen wir danach weiter nach Tandor.“

Hokn'f schwieg lange. Er mochte es nicht, sich bremsen zu lassen, und er mochte es noch weniger, wenn der Rat vernünftig war. Gnok beobachtete ihn über den Rand seiner Schale hinweg und sagte schließlich, nicht ohne Milde:

„Ein Meister beweist seine Bedeutung nicht immer dadurch, dass er selbst reitet. Manchmal dadurch, dass er weiß, wen er schicken muss.“

Das gefiel Hokn'f nicht, weil es von Gnok kam. Aber es gefiel ihm, dass der Satz wenigstens eine Form von Größe in Aussicht stellte, die nicht am Sattel hing.

Also nickte er schließlich.

„Gut. Ihr beide reitet.“

Roto neigte nur den Kopf. Kolnidranooora lächelte so schwach, dass es fast als Lichtfehler hätte gelten können.

„Vor Dreikrone“, sagte Hokn'f. „Ich will, dass ihr vor der Dreikrone in Gontar seid. Wenn ihr ein Schiff findet, das euch einen Teil des Weges nimmt, nutzt es. Wenn nicht, reitet. Aber ich will keine Ausreden hören, wenn Tro, Usda und Vru voll am Himmel stehen.“

„Ihr hört Ausreden nur, wenn jemand sie euch bringen will“, sagte Roto.

„Dann bringt mir Ergebnisse.“

Die Versammlung löste sich langsam, in kleinen Gruppen, in nachklingenden Gesprächsfetzen, in dem stillen Rascheln von Gewändern, Tassen und Sandalen über Stein, und als Roto und Kolnidranooora später die Stadt verließen, ritten sie nicht im Triumph, sondern mit jener konzentrierten Eile, die Männer befällt, die wissen, dass nun aus Beratung Weg geworden ist. Ashambrat lag warm und hell hinter ihnen, die Türme bleich im Licht des ansteigenden Vormittags, und vor ihnen lag erst die Straße, dann vielleicht die Küste, vielleicht ein Hafen, vielleicht ein Schiff, wenn sie eines fanden, das sie mitnahm. Beide dachten bereits in Entfernungen. In Tagen. In Windrichtungen. In der Frage, ob das Meer sich noch rechtzeitig würde benutzen lassen, bevor die Dreikrone es wieder zu sehr an sich zog.

Weit außerhalb der Stadt, dort, wo die Dünen wieder höher und leerer wurden und der Blick über Sand und Licht hinwegglitt, standen zur selben Stunde auf einer fernen Kuppe mehrere Reiter der Sondra.

Sie saßen auf ihren Tieren wie aus dem Morgen herausgeschnitten, vollverschleiert, bewaffnet, reglos und doch von einer Wachheit durchdrungen, die selbst auf diese Entfernung sichtbar war. Hinter ihnen stieg die Sonne gerade über den flacheren Linien der Wüste empor, und ihr Licht traf Stoff, Leder und Metall nicht gleichmäßig, sondern so, dass alles für einen Augenblick schärfer wirkte als die Welt darunter. Sie unterhielten sich in jener singenden Sprache, die Gudi schon gehört hatte, weich in der Oberfläche, voller Vokale und leiser Bögen, und wer sie nicht verstand, hätte vielleicht geglaubt, sie sprächen von etwas Leichtem. In Wahrheit war keine ihrer Stimmen leicht.

„Diese Ernte ist entscheidend“, sagte die Anführerin schließlich, und schon an ihrer Haltung war zu erkennen, dass kein Widerspruch leichtfertig vorgebracht würde. „Die Vorbereitungen sind getroffen. Alles ist bereit. Nur die Dreikrone fehlt.“

Ein Jüngerer zu ihrer Rechten nickte. „Die Mondtropfen reichen nicht mehr lange.“

„Sie hätten beim letzten Mal kaum bis jetzt gereicht, wenn wir strenger verteilt hätten“, erwiderte eine andere Stimme. „Die letzte Ernte war zu mager. Wir haben uns durch zehn Jahre geschleppt. Noch einmal können wir uns das nicht leisten.“

Sie sprachen von Mondtropfen nicht wie von Ware, sondern wie von etwas, das tiefer in ihre Existenz griff, und tatsächlich lag darin das Gewicht ihrer Sorge. Die uralten Gärten unter der Stadt bargen den Ort, an dem sie geerntet werden konnten, tief unten, geschützt, versiegelt, nur in jener seltenen Nacht wirklich ergiebig, in der die drei Monde gemeinsam standen. Alles war dafür vorbereitet. Die Wege. Die Werkzeuge. Die Schalen. Die Rückzugsorte. Die Wachposten. Nur die Himmelskonstellation fehlte noch. Und wenn die Ernte auch diesmal misslang oder gestört wurde, würde das nicht bloß unerquicklich, sondern fatal sein.

„Wir sollten nicht so oft in die Stadt reiten“, sagte einer der Männer mit einem scharfen, fast ärgerlichen Unterton. „Jedes Mal erhöht das die Chance, gesehen zu werden.“

„Gesehen wurden wir“, sagte eine Frau auf der anderen Seite trocken. „Das Mädchen hat uns verfolgt. Vielleicht nicht alles gesehen. Aber genug, um neugierig zu werden.“

„Sie kann den Mechanismus nicht bedienen.“

„Niemand außer uns kann das“, sagte ein anderer. „Nicht einmal zufällig. Er ist magisch versiegelt. Selbst wenn jemand die Steine drücken würde, fände er nur Stein.“

Die Anführerin schwieg einen Moment, und gerade dieses Schweigen machte die anderen ruhiger. Als sie schließlich sprach, tat sie es ohne Schärfe, aber mit einer Endgültigkeit, die der Wüste selbst angemessen schien.

„Zu wichtig“, sagte sie. „Selbst die geringste Chance, dass die Ernte gestört wird, ist eine fatale Chance. Wenn wir versagen, werden wir es nicht mit schlechtem Ertrag allein bezahlen, sondern mit Jahren.“

„Dann töten wir sie“, sagte der Jüngere.

Es kam so einfach, so trocken, als handle es sich um eine handwerkliche Entscheidung.

„Das wäre sauber“, meinte ein anderer.

„Und auffällig“, erwiderte die Frau links von der Anführerin. „Zu auffällig. Ein totes Mädchen in der Stadt. Dann fragt man. Dann sucht man. Dann sieht man genauer hin. Wollt ihr das.“

„Dann bewachen wir sie ständig.“

„Mit wem“, fragte dieselbe Stimme. „Und wie lange. Wochenlang. Sichtbar. Direkt vor den Gärten. Das ist keine Lösung, das ist nur eine langsamere Form derselben Dummheit.“

Die Diskussion drehte sich im Kreis. Töten. Beobachten. Abschrecken. Versetzen. Locken. Jede Möglichkeit hatte ihr eigenes Risiko, und je länger sie sprachen, desto deutlicher wurde, dass keines von ihnen bereit war, für den Fall des Scheiterns die Verantwortung zu tragen.

Schließlich hob die Anführerin die Hand.

Sofort verstummten sie.

„Zwei von euch kommen mit in die Stadt“, sagte sie. „Nicht zum Reden. Zum Sehen. Zum Prüfen, wie viel dieses Mädchen wirklich weiß und ob sie allein ist in ihrer Neugier. Der Rest geht zurück auf die Wachposten. Keine Lücken. Keine Nachlässigkeit. Kein zweites letztes Mal.“

Sie nannte zwei Namen. Die Betroffenen nickten nur.

„Und wenn sie mehr weiß, als sie dürfte“, fragte der Jüngere, der zuvor am schnellsten ans Töten gedacht hatte.

Die Anführerin sah hinab auf die ferne Stadt, deren Türme im frühen Licht fast weich wirkten, und ihre Stimme war plötzlich so leise, dass selbst die anderen sich ein wenig vorlehnten.

„Dann entscheiden wir neu. Aber nicht aus Ungeduld. Nicht aus Angst. Und nicht, solange die Ernte noch vor uns liegt.“

Sie zog die Zügel an. Unter ihr schnaubte das Tier, schlank, ausdauernd, kaum größer als die Reiterin benötigte, und in der Ferne über den uralten Gärten lag die Stadt bereits wieder da, ahnungslos schön und mit einem Geheimnis unter sich, das wichtiger war als jedes, das ihre Bewohner sich selbst erzählten.

VII

Der Ritt zum Großen Markt zog sich hin, doch je tiefer sie in die Region kamen, desto mehr verlor der Weg wenigstens einen Teil seiner winterlichen Feindseligkeit. Die Kälte wich nicht ganz, aber sie wurde stumpfer, weniger bissig, der Wind verlor jene schneidende Schärfe, die selbst unter einem guten Mantel bis auf die Knochen dringt, und obwohl der Boden unter den Hufen noch immer schwer, dunkel und voller Wasser war, hörte der Regen allmählich auf. Zurück blieb jenes zähe, allgegenwärtige Matschgrau, das Straßen verbreitert und zugleich unpassierbar macht, Wagenräder bis zur Nabe einsinken lässt und selbst einem guten Pferd die Laune verdirbt, aber nach den letzten Tagen empfanden sie es beinahe als Verbesserung.

Sie konnten nun wieder öfter in Gasthäusern unterkommen. Nicht in allen, denn die Wege waren noch immer voller Menschen, Händler, Wagenführer, kleine Gruppen von Familien, Männer mit Packtieren, Frauen mit Kindern, einzelne Reiter, die allein schon durch ihr Schweigen verrieten, dass sie nicht aus Lust am Reisen unterwegs waren. Doch die Flüchtlingsströme hatten sich besser verteilt, verliefen breiter, weniger stoßweise, und so fand sich fast jeden zweiten Abend doch ein Dach, unter dem man sitzen, essen und den Dampf nasser Kleidung aus dem Raum steigen sehen konnte, statt sich unter irgendeinem schiefen Unterstand in die Dunkelheit zu ducken.

Isidre erwies sich unterwegs als wunderbare Reisegefährtin.

Anadar hatte zunächst nicht viel darüber nachgedacht, als sie sich ihnen anschloss, eher aus Notwendigkeit als aus Freude, doch schon nach den ersten beiden Tagen begriff er, wie angenehm eine Gegenwart sein konnte, die weder nach Aufmerksamkeit griff noch sich hinter höflichem Schweigen verkroch. Isidre war klug, ohne daraus eine Pose zu machen, eloquent, ohne die Dinge unnötig zu verkomplizieren, und sie hatte jene stille Freundlichkeit, die sich nicht in süßlicher Wärme erschöpft, sondern im rechten Augenblick genau das Richtige tut. Sie kümmerte sich viel um die Pferde, bemerkte als Erste, wenn ein Huf wärmer war als der andere, wenn ein Riemen scheuerte, wenn ein Tier mehr trinken musste oder eines der Packpferde zu schwer geladen war. Auch die kleineren Blessuren der Gruppe nahm sie fast nebenbei wahr. Ein aufgescheuertes Handgelenk, eine entzündete Fingerkuppe, eine wunde Stelle am Knie, all das entging ihr nicht, und sie behandelte es mit einer Ruhe, die niemanden klein wirken ließ. Vor allem mit Shara verstand sie sich gut. Die beiden ritten oft eine Weile nebeneinander, sprachen leise, lachten einmal sogar so unverstellt, dass Morgut sich halb im Sattel umdrehte, nur um sicherzugehen, dass er dieses Geräusch wirklich gehört hatte.

Anadar selbst unterhielt sich viel mit Son und Indra.

Nicht offen, nicht ständig in der Gruppe, schon gar nicht in Grots Gegenwart, aber oft genug, dass er sich Stück für Stück ein schärferes Bild von dem machen konnte, was sie im Westen erwartete. Anadar fragte Son und Indra immer wieder nach denselben Dingen, änderte die Reihenfolge, den Ton oder den Zeitpunkt, als glaube er, Wahrheit sei ein Tier, das man nur müde genug machen müsse, bis es sich fangen lasse. Bald merkte er, dass die beiden Wassermagierinnen nicht alles sagten. Nicht sofort, nicht durch einen einzelnen Satz, sondern allmählich, durch kleine Verschiebungen, durch Pausen, durch das, was Son und Indra einander manchmal nicht einmal ansahen, wenn ein Thema zu nah an etwas herankam, das sie nicht sagen wollten. Dann ritten sie wieder näher auf Grot auf, der sich immer wieder störend einmischte und die beiden von Anadars bohrenden Fragen erlöste. Anadar hatte mit Naaarstr im Hinterkopf zu tun, mit eigenen Fragen und mit dem Reiten. Zwar besaß er die Möglichkeit, Gedanken nicht direkt zu lesen, wohl aber ihre Richtung zu ahnen und auf ihre Stimmigkeit zu prüfen, doch wurde ihm schließlich klar, dass selbst ihm hier Grenzen gesetzt waren. Son und Indra schirmten sich gut ab. Nicht vollständig, aber genug, um deutlich zu machen, dass ihre Zurückhaltung nicht aus Versehen entstand, und er konnte sich nicht auf Gespräch, Ritt, Naaarstr und Gedankenlesen gleichzeitig konzentrieren. Deshalb begann er einen Plan zu entwickeln und teilte ihn Miene, Sindra und Morgut mit, deren Hilfe er brauchte.

Morgut, nahm sich Grot vor. Er heuchelte ihm mit einer solchen Frechheit Bewunderung vor, dass es schon wieder fast Kunst war. Er ritt einmal neben ihn, stellte Fragen nach der Wasserschule, nach Strömungen, nach Inseln, nach Bannungen, nach allem, was einen Mann wie Grot glauben ließ, hier säße endlich jemand vor ihm, der den rechten Wert von Wissen und Rang noch zu schätzen wisse. Grot reagierte darauf zunächst mit Misstrauen, dann mit jener aufrechten, kalten Bereitschaft, sich erklären zu lassen, die Menschen manchmal entwickeln, wenn ihre Eitelkeit gerade an der richtigen Stelle gestreichelt wird. So gewann Morgut ihm Zeit ab. Genug Zeit, dass Anadar, Miene und Sindra mit Son und Indra etwas zurückfallen konnten, bis Grot und Morgut außerhalb der direkten Hörweite waren.

Dort hielten sie schließlich an.

Nicht lange, nur an einem windstilleren Rand zwischen Weg und kahlem Gehölz, wo die Pferde dampften und der Schlamm unter den Hufen leise sog. Son und Indra wechselten einen Blick, der so müde war, als hätten sie diese Stelle des Weges die ganze Zeit kommen sehen.

„Wir wissen, was ihr da macht“, sagte Son schließlich und seufzte. „Oder versucht. Ihr wollt die Wahrheit, und ihr merkt, dass wir nicht die ganze Wahrheit sagen.“

Miene antwortete nicht sofort, aber Anadar sah an ihrem Gesicht, dass Son die Wahrheit sagte.

Indra fuhr fort, diesmal direkter. „Wir wollten nicht, dass dies zu einem Fall für eine Inquisition wird. Nicht weil wir Verbrechen schützen wollen, sondern weil wir selbst nicht wissen, was dort wirklich geschah. Einer von uns hat vielleicht etwas getan, das den Kodex verletzt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es nur Dummheit, die zu nah an verbotene Dinge herankam. Das allein reicht schon, um alles zu verderben.“

Anadar fragte ruhig: „Wer.“

Son schob die nassen Haare zurück, die sich unter ihrer Kapuze gelöst hatten. „Meister Xoiun. Er lebte zurückgezogen auf einer kleinen Insel, weit genug von den größeren Ankerplätzen entfernt, dass man ihn leicht in Ruhe ließ. Er war immer schon seltsam gewesen, und mit den Jahren wurde er noch sonderbarer. Er nahm zwei Schüler auf, Zwillinge, Tring und Tiang. Niemand wusste recht, warum ausgerechnet diese beiden. Er unterrichtete sie selbst, fast ganz abgeschieden.“

„Und worin experimentierte er“, fragte Anadar.

„Mit Meeresbewohnern“, sagte Indra. „Vor allem mit denen aus der Tiefe. Nicht die üblichen Dinge, keine Fischerkunde, keine Küstenmagie. Tiefer. Fremder. Dinge, die man nicht lebend an die Oberfläche holt, wenn man bei Verstand ist.“

Sie erzählten nun mehr, und während sie sprachen, überprüften Miene und Sindra sie auf ihre Weise, nicht mit Worten, sondern mit jener stillen, inneren Aufmerksamkeit, die an ihren Gesichtern nur als leichte Veränderung der Wachheit zu erkennen war. Son und Indra logen nicht.

Xoiuns Insel habe sich allmählich verändert, sagten sie. Zuerst nur in Kleinigkeiten. Falsch riechende Nebel am Morgen, ein merkwürdiges Leuchten im Wasser, dunkle Massen unter der Oberfläche, die für Atemzüge auftauchten und wieder verschwanden, als gehöre dort etwas nicht hin. Dann seien nächtliche Gesänge gehört worden, nicht von Menschen an Land, sondern von weiter draußen, wo niemand hätte singen sollen. Einige hätten berichtet, sie hätten um den Turm herum Dinge gesehen, die im Mondlicht aussahen wie halbe Körper, zu groß für Fische, zu weich für Holz, zu lebendig für Treibgut. Eines Nachts habe man aus der Ferne Licht aus dem Turm schlagen sehen, grünlich, dann wieder blau, und darüber seien Vögel kreisend verendet ins Wasser gefallen.

„Man wollte der Sache nachgehen“, sagte Son. „Nicht sofort mit Gewalt. Erst mit Fragen. Dann mit mehr Fragen. Xoiun wich aus. Er wurde gereizt. Wir hatten den Eindruck, dass er nicht nur etwas verbarg, sondern kaum noch merkte, wie sehr er es verbarg.“

„Und dann“, sagte Indra und schluckte einmal, als müsse selbst sie den Rest erst wieder richtig in Worte bringen, „ging alles schnell. Man wollte ihn besuchen, es gab einen Streit. Dann einen Angriff. Wir verteidigten uns. Der Turm brannte. Nicht lichterloh von Anfang an, aber schnell. Und plötzlich war dieses Wesen da.“

„Xoiun selbst“, fragte Anadar.

„Das wissen wir nicht“, sagte Son. „Entweder war es Xoiun. Oder er hat es aus der Tiefe geholt. Oder er hat ihm den Weg geebnet. Mehr können wir nicht sagen.“

„Und die Zwillinge.“

Darauf antwortete Indra sofort. „Sie sangen. Das ist das Merkwürdigste. Alles brannte, Menschen schrien, der Turm brach teilweise schon, und diese beiden standen da und sangen. Kein Lied, das wir kannten, nichts aus den Schulen, nichts aus der Liturgie, nichts aus alten Küstenweisen. Etwas anderes. Und das Monster reagierte. Es wich zurück. Es beruhigte sich, wenn man das so nennen kann. Dann verschwanden Tring und Tiang. Einfach fort. Keine Spur mehr von ihnen. Keine Leichen. Keine Fluchtboote. Nichts.“

„Nur die Aufzeichnungen“, sagte Son.

„Welche Aufzeichnungen.“

„Über die Lieder“, sagte Indra. „Bruchstücke, Notationen, Zeichenfolgen, Hinweise, nichts Vollständiges. Aber genug, dass wir begriffen: Der Gesang ist das Einzige, was hilft. Er tötet das Wesen nicht. Er bannt es nicht endgültig. Aber er kann es zurückdrängen oder beruhigen. Das ist die Geschichte, die wir kennen. Mehr nicht.“

Miene atmete langsam aus. „Sie lügen nicht.“

Sindra nickte. „Und sie halten nichts zurück, was sie selbst wissen.“

Das brachte ihnen keine Lösung, aber immerhin eine festere Form der Ungewissheit. Sie ritten danach langsamer weiter und diskutierten strategisch. Ob eine Überfahrt möglich wäre, ohne sich dem Wesen blind auszuliefern. Ob man zuerst die Aufzeichnungen studieren müsse. Ob man Xoiun als das Monster denken solle oder als dessen Türöffner. Wie man ein Wesen besiegen wolle, das gegen normale Zauber so gut wie immun zu sein schien.

„Dann müssen wir mit dem anfangen, was wirkt“, sagte Anadar schließlich. „Nicht mit dem, was wir gern hätten. Die Aufzeichnungen. Die Lieder. Wenn Morgut sie liest, dann wird er schneller verstehen als der Rest von uns.“

Morgut, der wieder zu ihnen aufgeschlossen hatte und gerade noch so tat, als interessiere ihn Grot weiterhin brennend, drehte den Kopf. „Ich habe das gehört.“

„Ja“, sagte Anadar.

„Und du hältst mich also für einen Gelehrten.“

„Nein. Nur für einen Mann mit einem unerwarteten Händchen für Dinge, die andere übersehen.“

Morgut verzog den Mund. „Das ist eine Form von Lob?“

Am Abend saßen sie wieder in einem Gasthaus, diesmal in Einzelzimmern, weil die Straße genug Reisende trug, dass selbst mittelmäßige Herbergen sich plötzlich wichtig vorkamen. Anadar hatte spät noch gegessen, wenig gesprochen und sich dann in sein Zimmer zurückgezogen. Es war klein, mit einem Bett, einem Hocker, einem Wasserkrug und einer einzigen Lampe, deren Licht die Wände gelb und unzuverlässig machte. Draußen hörte man Stimmen im Hof, das Schlagen einer Tür, Hufgeräusche, einmal Morguts Lachen, dumpfer als sonst durch Holz und Stein.

Anadar setzte sich vor das Bett in den Schneidersitz.

Das Schwert legte er quer auf seine Knie.

Er saß eine Weile reglos da, nur atmend, bis der Lärm draußen an den Rand seiner Wahrnehmung sank. Dann nahm er das Messer, zog die Klinge über die eigene Handfläche und schnitt tief genug, dass das Blut sofort kam. Dunkel im Lampenlicht, warm auf der Haut. Er hielt die Hand über das Schwert und ließ die Tropfen auf den Stahl fallen.

Die Klinge trank.

Nicht sichtbar für einen Fremden, vielleicht, aber für ihn spürbar, als nehme etwas die Gabe nicht nur an, sondern richte sich darunter auf.

Gut, sagte die Stimme.

Sie war sofort klarer als tagsüber, tiefer, wacher, fast zufrieden.

Dann lass uns beginnen.

VIII

Der Aufbau des Schiffes ging voran.

Nicht schnell, nicht auf eine Weise, die Hoffnung leicht gemacht hätte, aber stetig genug, dass selbst die Männer, die in den ersten Tagen noch bei jeder neuen Arbeit den Kopf geschüttelt hatten, irgendwann aufhörten, vor jeder Aufgabe zuerst zu erklären, warum sie unmöglich sei. Das war für Kral oft das erste Zeichen wirklichen Fortschritts. Nicht wenn die Hände geschickter wurden, nicht wenn ein Rumpf wieder Form annahm, sondern wenn Männer aufhörten, ihre eigene Müdigkeit mit Urteil zu verwechseln.

Sie arbeiteten von Sonnenaufgang bis in das schiefe Licht des Nachmittags hinein, manchmal länger, wenn etwas im Werden war, das man nicht halb fertig liegen lassen wollte. Das Wrack lag noch immer schräg am Strand, in einem Zustand zwischen Schiff und Holz, zwischen Hoffnung und Erinnerung, aber es war inzwischen wieder deutlicher zu erkennen, was es einmal gewesen war und vielleicht bald wieder sein könnte. Die große Wunde am Heck, jener abgebrochene, aufgerissene Teil, der dem Schiff im ersten Anblick jede Zukunft geraubt zu haben schien, war das schlimmste Problem geblieben. Dort musste nicht nur geflickt, dort musste neu gedacht, neu gefasst, neu gestützt werden. Die Zimmerleute und erfahrenen Seeleute zogen Planken aus weniger beschädigten Teilen, ersetzten Geborstenes, verstärkten Balken, spannten mit Seilen und Hebeln eine Form zurück an ihren Platz, die das Meer fast zerrissen hätte.

Als sie den Stamm fanden, aus dem sich ein brauchbarer Mast machen ließ, war das beinahe ein Feiertag, auch wenn niemand das Wort in den Mund nahm.

Er stand weiter im Inselinneren, nicht tief im dunkelsten Dschungel, aber weit genug, dass der Weg dorthin Arbeit kostete. Hoch, gerade, älter als die meisten anderen Bäume in diesem Bereich, mit einem Wuchs, der den Zimmerleuten sofort den Ton veränderte, in dem sie über Holz sprachen. Ein Mann, der sonst an allem etwas auszusetzen fand, strich über die Rinde und sagte nur, dass man aus diesem Stamm einen Mast machen könne, wenn die Welt ein wenig Gnade übrig habe. Also wurde gefällt. Langsam, mit Keilen, Äxten, Hebeln, mit Flüchen und nassen Rücken. Schon das Fällen war eine Arbeit, bei der jeder Fehler den Stamm spalten oder das Fällen in die falsche Richtung treiben konnte, und danach musste er entastet, grob geglättet und mit Seilen, Rollen und reiner Muskelkraft in Richtung Strand gezogen werden. Es dauerte. Alles dauerte. Aber am Abend des dritten Tages lag der Stamm dort, wo Kral ihn sehen konnte, und zum ersten Mal seit langem hatte er das Gefühl, nicht nur eine Ruine zu verwalten, sondern wieder auf etwas zuzugehen.

Die Insel selbst erwies sich mit den Wochen als weniger karg, als sie ihnen anfangs erschienen war.

Zuerst waren es nur Früchte, Muscheln, Fische, später entdeckten sie die Hühner.

Es waren keine wilden Vögel in dem Sinn, wie Möwen oder Strandläufer wild sind, sondern richtige Hühner, zänkisch, wachsam, halb verwildert vielleicht, aber deutlich aus einem Ursprung stammend, der näher an menschlicher Hand lag als an der bloßen Laune der Natur. Sie liefen in einer Senke hinter dem zweiten Süßwasserlauf herum, scharrten unter Farnen, flogen erschrocken auf niedrige Äste und taten genau das, was hungrige Männer augenblicklich an ihnen sahen.

Fleisch.

Als die ersten drei eingefangen waren und einer der Matrosen schon laut ausrechnete, wie man sie am besten rupfen, spießen und über dem Feuer drehen könne, griff Kral ein. Nicht mit einem langen Vortrag, nicht mit irgendeiner bittenden Vernunft, sondern mit jener knappen Schärfe, die bei ihm bedeutete, dass jetzt nicht diskutiert wurde.

„Niemand tötet eines dieser Tiere.“

Es hätte kaum gereicht, ob er es weicher gesagt hätte. Schon der erste empörte Blick zeigte ihm, dass er genau an der richtigen Stelle in eine neue Form von Unruhe schnitt. Einer der Männer, ein grober Kerl mit schnell wechselndem Mut, hob die Hände und fragte offen, ob Kral inzwischen auch den Hühnern mehr Mitgefühl entgegenbrächte als seiner Mannschaft. Ein anderer murmelte etwas von Wahnsinn. Ein dritter sah zu den Vögeln hinüber, als könne er es kaum fassen, dass man zwischen Verhungern und Braten ernsthaft zauderte.

Kral ließ sie reden, bis die Stimmung begann, sich an genau jenen Punkt zu schieben, an dem ein Mann entweder nachgibt oder die Sache ganz an sich zieht.

Dann erklärte er es ihnen.

Nicht freundlich, aber so klar, dass selbst die Dümmsten wenigstens begriffen, worin der Unterschied zwischen Hunger und Planung lag.

„Wir brauchen Eier“, sagte er. „Und wir brauchen auf See etwas, das lebt, frisst und notfalls noch zwei Tage später geschlachtet werden kann. Wenn ihr heute alles esst, weil euch der Geruch von gebratenem Fleisch angenehmer ist als Denken, dann fresse ich euch morgen die Ohren ab, wenn ihr mich wegen Proviant anjammert.“

Das brachte ihnen kein Verstehen, aber genug Ordnung, dass der unmittelbare Widerspruch brach. Einer der Männer wollte immer noch aufbegehren, doch Kral trat so dicht an ihn heran, dass alle begriffen, wie wenig Raum zwischen einer schlechten Bemerkung und einem gebrochenen Kiefer lag. Danach wurde nicht mehr offen diskutiert. Die Hühner blieben am Leben, wurden in einem grob gezimmerten Gehege gehalten, und schon wenige Tage später musste selbst der erste Nörgler einsehen, dass Eier am Morgen ein Argument sein konnten, gegen das sich nicht allzu lange anreden ließ.

Später fanden sie Schweine.

Oder vielmehr: Sie fanden zuerst Spuren, aufgewühlten Boden, gebrochene Stellen im Unterholz, einen Geruch, der nicht von feuchter Erde oder Blättern kam, und dann sahen sie eines der Tiere kurz zwischen Farn und dunklem Stammwerk verschwinden, grau, kräftig, erstaunlich schnell. Das ließ die Stimmung der Mannschaft schlagartig steigen. Schweine bedeuteten nicht nur Fleisch, sondern Überfluss, selbst wenn er nur kurz währte. Es dauerte allerdings, bis aus der Vorstellung ein Fang wurde, denn die Tiere kannten das Gelände besser als die Menschen und waren klug genug, nicht dorthin zu laufen, wo man sie brauchte.

Also bauten sie Fallgruben.

Nicht tief genug, um ein Tier zu töten, aber tief und schmal genug, um ihm den Lauf zu nehmen und es festzusetzen, wenn der Boden darüber gut genug getarnt war. Kral achtete selbst darauf, wo diese Gruben lagen. Er wollte kein Schwein verlieren, weil ein eigener Mann sich in der Dämmerung das Bein brach, und so ging er die Wege mehrmals mit den Erbauern ab, ließ sich zeigen, wo markiert worden war, wo man nachts besser nicht trat, und prägte sich alles mit der kalten Sorgfalt ein, die er bei Dingen aufbrachte, deren Fehler sich nicht mehr mit ein paar Flüchen beheben ließen.

Der erste Fang war klein, wild und von einer Wut erfüllt, die einige der Männer so belustigte, dass sie mehr lachten als arbeiteten. Das zweite Tier war größer und brachte zwei Männer fast zu Fall, bevor sie es richtig gebunden hatten. Doch als sie schließlich eines schlachteten, sauber genug, mit scharfen Messern und einer fast feierlichen Aufmerksamkeit, war der Abend tatsächlich ein Fest.

Das Fleisch briet über offenem Feuer, Fett tropfte zischend in die Glut, der Geruch zog durch das Lager wie eine Erinnerung daran, dass selbst auf einer Insel, auf die man als Gestrandeter gespült wird, der Unterschied zwischen Elend und Zufriedenheit manchmal nur in der Frage liegt, ob man für eine Nacht satt wird. Es wurde gegessen, geschmatzt, gelacht, sogar gesungen, und Kral saß etwas abseits, mit einem Stück Fleisch in der Hand und dem dumpfen Gefühl, dass all dies nicht ganz zufällig sei.

Denn er glaubte längst, dass man ihnen half.

Nicht offen. Nicht mit Gaben am Strand oder mit Männern, die erklärten, man wolle sie unterstützen. So plump waren die Inselbewohner nicht. Aber irgendwo in ihm hatte sich die Vermutung festgesetzt, dass Hühner und Schweine nicht nur deshalb auf dieser Insel herumliefen, weil die Welt mit Schiffbrüchigen manchmal überraschend großzügig ist. Vielleicht hatten ihre Gastgeber diese Tiere vor längerer Zeit ausgesetzt. Vielleicht waren es Reste älterer Siedlungen. Vielleicht eine stillschweigende Form von Versorgung für Notfälle, die nie offiziell benannt werden sollte. Kral wusste es nicht. Doch je länger er darüber nachdachte, desto mehr hielt er es für möglich, dass diese Insel eben gerade deshalb die eine war, die man ihnen ohne weiteres überlassen hatte.

Auch über das Tabu der anderen Inseln dachte er nach.

Anfangs hatte ihn das geärgert, nicht weil er glaubte, dort Schätze oder Rettung zu finden, sondern weil jeder Befehl von außen einen Mann seines Schlages automatisch gegen den Strich bürstete. Doch je länger sie dort waren, desto mehr verstand er es. Ein fremdes Schiff strandet. Fremde Männer kommen an Land. Männer, hungrig, unruhig, ihrer Ordnung beraubt. Wer die eigenen Inseln, die eigenen Frauen, Kinder, Vorräte und Heiligtümer schützen will, schließt zuerst Risiken aus. Krankheiten. Gewalt. Vergewaltigungen. Die langsame Zersetzung einer Ordnung durch Männer, die nichts zu verlieren haben. Kral hätte nicht anders gehandelt, wenn die Verhältnisse vertauscht gewesen wären. Vielleicht nicht sanfter.

Immer wenn in der Mannschaft einer diesen Gedanken aussprach, dass die anderen Inseln womöglich fruchtbarer, reicher oder leichter seien, ließ Kral härter arbeiten. Nicht aus bloßer Grausamkeit, sondern weil er wusste, dass Männer, die von verbotenen Dingen träumen, am besten mit Aufgaben zu kurieren sind, die ihnen die Arme schwer und den Abend kurz machen. Wer zu müde ist, sägt keine Tabus an.

Mit den Wochen wurde absehbar, dass das Schiff tatsächlich bald wieder ablegen könnte.

Die Lecks waren geflickt, oder vielmehr der ganze beschädigte hintere Teil so neu gefasst, dass Kral ihn mit halb zusammengebissener Anerkennung betrachtete. Die Masten waren ersetzt. Die Segel waren geflickt, nicht schön, aber brauchbar. Das Takelwerk hing wieder in einer Form, die Wind würde tragen können, ohne sich beim ersten stärkeren Zug gleich in Fetzen aufzulösen. Das größte Problem war nun nicht mehr Holz, sondern Proviant.

Sie hatten kein Salz.

Und ohne Salz blieb vieles kurzlebig. Früchte faulten. Fleisch verdarb. Selbst sorgfältig geräucherter Fisch hielt nicht, was er auf einer längeren Überfahrt halten müsste. Kral rechnete und rechnete doch wieder nur ungefähr, denn zu viele Größen blieben unsicher. Wie lange bis zum Festland. Ob Wind und Strömung ihnen gnädig wären. Ob das Monster sie erneut angreifen würde. Ob das Schiff die erste harte Welle draußen aushielte. Schließlich kam er zu keinem sicheren Ergebnis, nur zu einem Entschluss: so lange würde die Rückfahrt schon nicht dauern, dass sie daran scheitern mussten, wenn sie klug luden.

Also ließ er Früchte ernten. Nicht wahllos, sondern mit Auswahl. Feste. Weniger druckempfindliche. Dinge, die einige Tage lagen, ohne sofort in sich zusammenzufallen. Mehrere Schweine wurden lebend gefangen und in groben, aber soliden Verschlägen untergebracht. Wenn sie an Bord blieben, hatten sie Fleisch auf Beinen und mussten nicht vorab alles haltbar machen, was sich nicht haltbar machen ließ. Wasser wurde in alles gefüllt, was dicht genug war, und die Fischer arbeiteten nun doppelt, weil jeder Korb voll schimmernder Leiber zugleich Abendessen und Hoffnung bedeutete.

Kral machte sich immer wieder Gedanken darüber, was geschehen würde, wenn sie erneut angegriffen würden.

Nur kam er zu keiner Lösung, die den Namen verdient hätte. Feuer auf dem Wasser hatte einmal geholfen, aber nur kurz. Lockboote waren verschwunden. Geschwindigkeit konnten sie mit dem geflickten Schiff hoffen, nicht garantieren. Gesang hatten sie keinen. Schutzzauber ebenso wenig. Also blieb ihm am Ende nichts anderes, als auf das zu setzen, worauf Männer seiner Art am Ende oft setzen, wenn Erfahrung ausgereizt und Planung erschöpft ist: darauf, dass man schnell genug ist, dass die erste Strecke gelingt, dass man das Festland erreicht und dann so rasch wie möglich vom Schiff herunterkommt. Das wenige, was sich retten ließ, würde verkauft werden. Danach, dachte er sich, würde ihm schon etwas einfallen. Bisher war ihm immer etwas eingefallen. Man kann ein ganzes Leben lang von diesem Satz leben, solange keiner fragt, wie oft er knapp vor dem Untergang gedacht werden musste.

Die Dreikrone rückte näher.

Kral beobachtete den Himmel nicht mit der frommen Aufmerksamkeit der Priester und nicht mit der Geduld eines Sternkundigen, aber er war lang genug auf See gewesen, um zu wissen, wann Monde Bedeutung bekommen. Schon zehn Tage vor der eigentlichen Konstellation wirkten die Gezeiten anders. Ebbe zog das Wasser tiefer zurück, als es ihm lieb sein konnte, Flut schob sich höher über Strand und Riffe, und der Unterschied zwischen beiden wurde von Tag zu Tag spürbarer. Kral hielt das für ein gutes Omen. Oder für ein sehr schlechtes. Auf See, dachte er, ist beides oft nur eine Frage des Augenblicks, in dem man zu urteilen beginnt.

Er selbst ging mehrmals noch in den Dschungel und auch weiter an den Strand entlang, als es für einen Kapitän vielleicht nötig gewesen wäre. Nicht aus Abenteuerlust. Eher aus Unruhe. Er wollte die Insel noch einmal mit eigenen Augen sehen, bevor sie aufbrachen, wollte wissen, was er zurückließ und was er vielleicht übersah. Dabei stießen sie auf etwas, das ihn tatsächlich staunen ließ.

Verborgen im Dschungel, teilweise an einem See gelegen, von kleinen Wasserfällen gespeist und so überwuchert, dass man es aus wenigen Schritten Entfernung für bloßes Waldgewirr hätte halten können, lag etwas, das einmal Stadt oder zumindest Siedlung gewesen sein musste. Keine lebendige. Keine in jüngerer Zeit genutzte. Die Steine waren alt, die Wege von Wurzeln gesprengt, Mauern halb eingesunken, Höhlen offen, aber leer, und überall standen oder lagen Statuen, von Farnen umgriffen, von Moos überzogen, vom Wasser dunkel gezeichnet. Manches war nur noch Torso, manches fast vollständig erhalten, und gerade dort zeigte sich eine Kunstfertigkeit, die Kral nicht erwartet hätte. Filigrane Arbeiten, feine Gesichter, verschlungene Muster, Hände und Gewänder aus Stein mit einer Geduld ausgeführt, die fast beleidigend war, wenn man daneben an die hastigen Kerben seiner eigenen Leute in Bootsplanken dachte.

Er sah kaum Wert darin, diesen Ort durchsuchen zu lassen.

Nicht weil er nichts darin sah, sondern weil zu vieles dagegen sprach. Es wirkte verlassen, und zwar schon lange. Kein Rauch. Keine frischen Spuren. Keine Anzeichen, dass dort Vorräte oder Metall zu finden gewesen wären, das ihre Lage wirklich verbessert hätte. Dafür viele Nischen, Höhlen und Schatten, in denen ein unvorsichtiger Mann leicht verschwand, sich verletzte oder etwas aufscheuchte, das die Insel besser kannte als er. Also beließ er es bei dem Staunen und bei dem Gedanken, dass selbst verlassene Orte Würde haben können, ohne Nutzen zu bringen.

Dass sie die ganze Zeit beobachtet wurden, daran zweifelte er nicht.

Es war kein Wissen im strengen Sinn, eher ein Gefühl, das über die Wochen härter geworden war. Manchmal glaubte er Augen zwischen Blättern zu sehen, einmal eine Bewegung zu schnell für ein Tier, einmal den Eindruck, dass nach einem Schritt durch Gestrüpp dort etwas länger still blieb, als es still sein sollte. Doch er maß dem keine Angst bei. Er war sich im Klaren darüber, dass er genauso gehandelt hätte, wäre es seine Insel gewesen. Man beobachtet Fremde. Man zählt sie. Man sieht, wer von ihnen Streit sucht, wer arbeiten kann und wer eines Nachts vielleicht auf dumme Ideen kommt.

Es gab keinen weiteren Kontakt zu den Einheimischen.

Bis kurz bevor sie aufbrechen wollten.

Es war am Vormittag, nicht lange nach Sonnenaufgang, als ein einzelnes schmales Boot anlegte, fast lautlos, so anders gebaut als Krals Beiboote, dass manche der Männer es anstarrten, als sei allein die Form schon Magie. Darin standen die zwei schlanken Gestalten, die Kral bereits von jenem Besuch auf der größeren Insel kannte. Leder an Hüften und Schultern, lange Gliedmaßen, jene seltsame Art von Bewegung, die gleichzeitig weich und präzise war, und dieser merkwürdige Singsang in der Stimme, den seine Mannschaft nun zum ersten Mal hörte.

Die Wirkung war sofort da.

Einige machten Zeichen gegen das Böse. Einer murmelte ein altes Gebet, das wahrscheinlich weder gegen Inselwesen noch gegen Seeungeheuer viel ausrichten konnte, aber aus Gewohnheit gesprochen wurde. Ein anderer trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück, als die beiden aus dem Boot stiegen. Sie trugen keine offene Feindseligkeit zur Schau, und doch war für die Männer sofort klar, dass dies keine Menschen waren, mit denen man sich betrunken an ein Feuer setzte und dieselbe Sprache suchte.

Die beiden baten in ihrem singenden, ungewohnten Ton darum, mitkommen zu dürfen.

Nicht lange, nicht für immer, sondern für die Überfahrt, wie Kral nach einigem Hin und Her verstand. Er zierte sich. Nicht nur, weil er ihnen nicht traute, sondern weil er sofort sah, was seine Mannschaft in deren Anwesenheit sehen würde. Fremdes. Unglück. Zeichen. Etwas, das man besser auf der Insel zurücklässt, wenn man heil vom Strand kommen will.

Dann sprachen sie das eine Argument aus, das er brauchte.

Sie sagten, sie könnten einen gewissen Schutz gegen das Monster bieten.

Kral glaubte ihnen nicht. Nicht ganz. Vielleicht nicht einmal halb. Aber er brauchte diesen Satz mehr, als er Wahrheit brauchte. Seine Mannschaft wehrte sich natürlich zuerst. Sie murrte, widersprach, zeigte wieder Zeichen gegen das Böse, und einer fragte offen, ob er nun auch noch Dämonen an Bord nehme, nachdem das Schiff doch eben erst wieder dicht sei.

Da wurde Kral scharf.

Er sagte ihnen, dass sie ohne diese beiden längst verreckt wären, auch wenn keiner von ihnen mutig genug war, es offen so auszusprechen. Dass ihnen die Insel gegeben worden war, dass Tiere dort liefen, dass man sie hatte arbeiten lassen, ohne ihnen nachts die Kehlen durchzuschneiden. Und schließlich sagte er, was bei solchen Männern am besten wirkt, wenn Vernunft allein nicht reicht: Was soll schon mit denen beiden passieren. Wenn ihr so viel Angst habt, dann haltet eure Messer scharf und eure Augen offen. Aber ich nehme jede Chance mit, die uns das verdammte Ding da draußen vielleicht vom Hals hält.

Das überzeugte sie nicht. Aber es brachte sie zum Schweigen.

Also legten sie ab, zehn Tage vor der Dreikrone.

Schon jetzt waren die Gezeiten gewaltig. Das Wasser lief bei Flut höher, drückte kräftiger, hob und zog zugleich stärker, und selbst Ebbe legte Dinge frei, die Kral in diesen Gewässern noch nicht gesehen hatte, Riffkanten, Zähne aus Stein, dunkle Rücken unter der Oberfläche. Als das Schiff vom Strand kam und sich endgültig auf tieferes Wasser legte, war Kral trotz allem froh, auf See zu sein. Das Schiff hielt. Die geflickten Planken arbeiteten, aber sie hielten. Der Mast stand. Die Segel zogen. Das Wasser nahm den Rumpf an wie etwas, das noch nicht tot war.

Kral stand am Steuer, sah zurück auf die kleiner werdende Insel und hoffte nur eines: vor der Dreikrone wieder an Land zu sein.

IX

Die Tage am Großen Markt füllten sich rasch, wie Tage es an solchen Orten immer tun, wo Menschen aus allen Richtungen zusammenlaufen, wo Straßen zu Flüssen aus Stimmen werden und selbst jene, die nur für kurze Zeit bleiben wollen, bald merken, dass Märkte ihre eigene Art haben, Stunden zu verschlucken und sie am Abend doch seltsam ungenutzt zurückzugeben. Als sie die Stadt schließlich erreichten, war das Wetter bereits deutlich milder geworden. Die Kälte hatte ihren Biss verloren, der Regen ließ nach, und obwohl der Boden noch immer tief und schmutzig war und jeder Weg durch braunen Schlamm führte, der sich an Stiefel, Hufe und Wagenräder heftete, wirkte die Welt nach den letzten Wochen beinahe zugänglicher. Es war nicht schön, aber es war bewohnbar.

Sie beschlossen, einige Tage zu bleiben.

Nicht aus Bequemlichkeit, jedenfalls nicht nur, sondern weil sie Informationen brauchten, Kräfte sammeln mussten, trockene Räume, halbwegs vernünftiges Essen und den Abstand, den nur eine größere Ansammlung von Menschen bieten kann, wenn man auf dem Weg von einem Ziel zum nächsten zu sehr in den eigenen Gedanken festzusitzen droht. Der Große Markt bot all das, und noch etwas mehr, das ihnen nicht allen gleichermaßen gefiel: Ablenkung. Überall waren Geschichten zu kaufen, halbe Wahrheiten, Angst, Gerüchte, Übertreibungen, und wer lange genug zuhörte, bekam aus zehn Mündern zwölf Versionen desselben Vorfalls.

Grot ging darin auf eine unerquicklich vorhersehbare Weise auf, selbst wenn Anadar das Wort nicht mehr gern für ihn verbrauchte. Er lief durch Höfe und Herbergen wie ein Mann, der überall verdächtige Absicht und überall unzureichende Auskunft witterte, stellte Fragen, die weniger nach Antworten verlangten als nach Unterwerfung, und schaffte es, selbst dort, wo jemand gewillt war, freundlich zu helfen, binnen weniger Augenblicke jene eigentümliche Gereiztheit zu erzeugen, die nur Menschen hinterlassen, die jedes Gespräch wie eine Anklage führen. Er war damit nicht allein auf Ablehnung. Eigentlich schien die ganze Gruppe ihn mit jedem Tag schlechter zu ertragen. Selbst Son und Indra, die ihm aus Loyalität oder Gewohnheit folgten, wirkten inzwischen nicht mehr wie Begleiterinnen, sondern eher wie Frauen, die gelernt hatten, den Abstand zwischen Gehorsam und offenem Widerspruch so schmal wie möglich zu halten.

Morgut verstand es meisterhaft, Grot von der Gruppe fernzuhalten.

Er ließ sich mit ihm auf scheinbar harmlose Gespräche ein, fragte nach Strömungen, Inselrouten, alten Küstenlinien, nach der Wasserschule, nach Bannungen und nach den Dingen, die Grot nur zu gern erklärte, solange jemand so tat, als sei gerade er die größte sachliche Autorität, die man in diesem Punkt zu befragen hoffen dürfe. Und während Morgut ihm diese kleine Bühne bot, bewegten sich die anderen freier. Shara sprach mit Isidre, Miene und Sindra hörten sich um, Son und Indra holten Nachrichten aus den Hafenvierteln und von den wenigen Leuten ein, die noch aus den westlichen Küstenregionen kamen, und Anadar begann, seine freie Zeit mehr und mehr in eine andere Richtung zu wenden.

Er zog sich zurück.

Nicht völlig, nicht so auffällig, dass es gleich beim ersten Abend zur offenen Sorge geworden wäre, aber doch in jener stillen Konsequenz, mit der ein Mann Gewohnheiten verschiebt, wenn etwas in ihm stärker wird als das, was draußen wartet. Zunächst blieb es bei der Nacht. Er nahm das Schwert mit in sein Zimmer, setzte sich vor das Bett, legte die Klinge quer auf seine Knie und sprach mit Naaarstr. Dann dehnte es sich aus. Auch tagsüber, wenn die anderen sich auf dem Markt verteilten, verschwand er manchmal früher, blieb länger fort, setzte sich in stillere Innenhöfe oder in halbleere Kammern über den Stallungen, wo ihn niemand suchte, und widmete sich dem Dämon mit einer Konzentration, die ihn selbst überraschte.

Es war ein vorsichtiger Austausch.

Niemand gab dem anderen wirklich etwas, das Macht bedeutet hätte. Anadar weigerte sich, die Rituale auszuführen, die Naaarstr ihm beschrieb. Noch. Er ließ sich Zeichen erklären, Sprachformen, Kreise, die richtige Führung einer Linie, das Verhältnis von Name und Form, das Setzen eines Rufes, die Theorie des Bindens und Bannens, jene kalten, trockenen Grundlagen, ohne die jede Beschwörung nur Torheit wäre. Im Gegenzug bekam Naaarstr Blut. Nicht viel, nie so viel, dass Anadar selbst vor sich hätte zugeben müssen, bereits etwas Gewohnheitsmäßiges daraus gemacht zu haben, und doch genug, dass das Schwert wacher wurde, klarer in der Stimme, aufmerksamer, weniger wie ein gefesseltes Tier und mehr wie ein Lehrer, der sich langsam in seine eigene Rolle hineinentsinnt.

„Was weißt du über die alten Zeiten“, fragte Naaarstr ihn eines Abends, als Anadar wieder vor dem Bett saß, die Tür verschlossen, die Lampe tief heruntergedreht und die Klinge mit einem dünnen Blutfilm überzogen, der im Licht kaum sichtbar, für das Schwert aber unverkennbar war.

„Dass sie chaotisch waren“, antwortete Anadar, ohne die Augen zu heben. „Dass Grenzen unklar waren und die Welt durchlässiger.“

Naaarstr lachte leise.

„Das ist das, was sie euch glauben machen wollen. Chaotisch. Als hätte Ordnung je dasselbe bedeutet wie Gerechtigkeit. Diese Zeiten waren großartig. Frei. Unkontrolliert. Jeder lebte im Gleichgewicht mit dem anderen. Dämonen und ihre Beschwörer, Engel, Teufel, Drachen, Elfen und Zauberer. Alles war in Einklang.“

Während die Stimme sprach, kamen Bilder.

Nicht auf die Weise einer Erzählung, sondern als ein Einbrechen von etwas Fremdem in Anadars eigenes Denken. Schatten. Weite. Eine Dunkelheit, die nicht bloß Lichtmangel war, sondern Stoff, fast ein Element. Große, horntragende Gestalten, schwer, von Hunger und Gewalt gezeichnet, jagten kleinere, zerrten sie auseinander, fraßen sie mit jener stumpfen Gier, die nichts Feierliches kennt. Kein Himmel. Kein Ausgang. Keine Hoffnung. Nur Tiefe über Tiefe und dort etwas, das aufstieg, um wieder verschlungen zu werden.

Anadar zog unwillkürlich die Stirn zusammen.

„Wenn das Einklang ist“, sagte er leise, „dann ist die Hölle ein seltsamer Ort für Harmonie.“

Naaarstr schwieg einen Moment.

„Eine Hölle ist wie die andere“, sagte er dann. „Und du siehst nur Bruchstücke. Erinnerungen haben selten ein Interesse daran, gerecht zu sein.“

„Was geschah dann.“

„Das Gleichgewicht wurde gestört. Fesseln wurden angelegt. Macht wurde verschoben. Tore wurden geschlossen. Und die, die davon profitierten, schrieben später die Wörter dazu.“

Anadar ließ sich darauf nicht sofort ein.

„Erzähl mir von der Hölle, aus der du stammst.“

„Warum.“

„Weil du mir Bilder zeigst und dabei so tust, als seien sie Antworten.“

Diesmal lachte Naaarstr offen, dunkel und amüsiert.

„Gut. Eine Hölle ist wie die andere. Dunkel. Tief. Voll von Dingen, die wachsen wollen und nichts haben, woran sie wachsen können. Nachdem die Beschwörer verschwanden, blieb das Tor zur Welt verschlossen. Und wir warteten. Im Dunkeln. Eine Hölle voller Dämonen, die nach Blut verlangen, und es gab keins. Kein angenehmer Ort. Kein Ort, an dem etwas besser wird. Nur Hunger, der älter wird.“

„Und die Beziehung zu einem Beschwörer.“

„Ein Abkommen“, sagte Naaarstr. „Er lässt uns ans Licht. Er gibt uns das Blut, das wir brauchen, um zu wachsen, um Macht in unserer Dimension zu gewinnen. Aber er fesselt uns. Wir hassen es und brauchen es. Wir hassen den Beschwörer, und er legt uns Aufgaben auf. Wenn wir sie gut erfüllen, bekommen wir Blut, und Blut lässt uns wachsen.“

Anadar dachte an Frantor. An das Buch. An all die halb verstandenen Linien, die hinter ihnen lagen und immer noch darauf warteten, von ihm zusammengesetzt zu werden.

„Du zeigst mir, wie man beschwört“, sagte er. „Du zeigst mir, wie man fesselt und wie man bannt, aber nur mindere Geister, Dinge ohne wirkliche Macht.“

„Und du machst dasselbe“, erwiderte Naaarstr beinahe mild. „Du zeigst mir, wie man Trugbilder aus Feuer erschafft. Wie man reinigt. Wie man Kräfte lenkt, ohne sie freizusetzen. Du gibst mir Theorie und nennst es Großzügigkeit, während du dir deine eigentliche Kunst vorenthältst. Wir sind uns ähnlicher, als du magst.“

Anadar schwieg.

Dann fragte er, beinahe beiläufig, und doch mit jener Spannung in der Stimme, die er selbst hörte: „Wie banne ich dich.“

Naaarstr lachte.

Böse, langsam, fast zärtlich in seiner Bosheit.

„Das wird kompliziert. Und noch möchte ich nicht zurück.“

Solche Gespräche dauerten lange. Länger, als Anadar später geglaubt hätte. Sie breiteten sich aus, fraßen sich durch den Abend, durch die Nacht, ließen ihn am nächsten Morgen später, stumpfer und zugleich innerlich viel zu wach aufstehen, und irgendwann begann er den Faden zwischen dieser Dunkelheit und der Wirklichkeit um sich herum weniger sicher zu halten, als ihm bewusst war. Die anderen beschafften Informationen auf dem Markt, fragten bei Schiffern, Wagenleuten, Küstenhändlern, Herbergswirten, bei Männern, die schworen, Schiffe untergehen gesehen zu haben, und bei Frauen, die überzeugt waren, das Monster selbst habe in ihrer Kindheit schon einmal existiert und sei damals nur anders genannt worden. Anadar bekam davon weniger mit, als er sollte.

Vielleicht war es am dritten Abend.

Vielleicht erst am vierten.

Er verlor das Gefühl für die genaue Folge, und vielleicht lag genau darin schon die Gefahr.

Eines Nachts, oder eines Zustands, der wie Nacht war, fand er sich an einem Abgrund wieder.

Unter ihm war Dunkelheit. Hinter ihm war Dunkelheit. Über ihm ebenfalls. Er stand auf einer Klippe, und weit unter sich sah er ein schwarzes Meer gegen Felsen schlagen. Er hörte das Rauschen, schwer und hohl, wie das Atmen einer Welt ohne Morgen. Kein Stern, kein Mond, kein Horizont. Nur der Absturz und darunter das dunkle Wasser.

Dann kam die Stimme.

Nicht laut. Eher im Rauschen. Im Flüstern der Gischt. In den Zwischenräumen der Finsternis.

„Du hast die Wahl.“

Er drehte sich um.

Niemand.

„Wie ist die Entscheidung.“

Wieder blickte er über den Rand. Das Meer war weiter unten, als es sein durfte. Der Wind, wenn es einer war, roch nicht nach Salz, sondern nach kaltem Stein und altem Blut. Er sah keine Gestalt, keine Quelle der Stimme, und doch war sie da, immer wieder, als würde sie nicht von außen kommen, sondern aus dem Raum selbst, aus der Dunkelheit, aus dem, was hinter allen Dingen lag.

„Wie entscheidest du dich.“

Er trat.

Nicht nach hinten.

Nicht ins Sichere.

Hinaus.

Doch statt zu fallen, stand er plötzlich über dem Meer. Nicht auf einer Brücke. Nicht auf Glas. Auf nichts, und doch trug ihn etwas. Unter ihm schlugen die dunklen Wellen weiter gegen den Fels. Vor ihm war nur Schwärze.

„Wie ist deine Wahl.“

Etwas in ihm wollte antworten. Etwas anderes wollte schweigen. Und während dieser innere Riss sich öffnete, wurde die Stimme näher, nicht mehr im Meer, nicht mehr im Wind, sondern direkt hinter seinen Gedanken, weich und drängend zugleich.

„Anadar.“

Er öffnete die Augen.

Shara saß ihm gegenüber.

Sie lächelte ihn an, aber es war nicht das unbeschwerte Lächeln der letzten Reittage, sondern eines, in dem Sorge lag, Konzentration, Wachsamkeit und trotzdem etwas Warmes, das selbst in diesem Moment nicht wich. Erst langsam begriff er, dass er noch immer in seinem Zimmer war, noch immer im Schneidersitz vor dem Bett saß, das Schwert auf den Knien, die rechte Hand auf der Klinge, die linke halb geöffnet auf dem Holzfußboden, als hätte er dort eben noch etwas festhalten wollen, das sich seinem Griff entzog.

Ihr Blick war tief in seinem.

Und ihre Stimme kam nicht zuerst über ihre Lippen, sondern in seinem Kopf.

„Ich habe Angst, dich zu verlieren.“

Sie lächelte noch immer, als wolle sie der Härte des Satzes wenigstens diese Sanftheit entgegenstellen.

Anadar blinzelte. Für einen Moment war er sich nicht sicher, ob dies nun Wirklichkeit war oder nur die nächste, bessere Schicht des Traums.

„Ich bin noch da“, sagte er.

Seine Stimme klang rau. Fremd.

Shara neigte den Kopf leicht. „Was erzählt dir dein neuer Freund, dass du dich von uns fernhältst.“

Er wollte antworten, merkte aber beim ersten Wort, wie unzuverlässig die Dinge in seinem Kopf noch standen.

„Ich… es ist kompliziert. Es…“

Sie beobachtete ihn lange, und während sie das tat, war sie bereits in seinem Geist. Nicht gewaltsam, nicht fordernd, nicht als Einbruch, sondern wie ein Licht, das in einen dunklen Raum fällt und dadurch nichts zerstört, aber plötzlich sichtbar macht, wie voll er mit Schatten ist. Anadar spürte, wie sie suchte, wie sie den Faden nahm, an dem er hing, und behutsam, sehr behutsam prüfte, wie weit er schon aus der Wirklichkeit hinausgezogen worden war.

„Du gleitest immer mehr ab“, sagte sie leise. „Du bindest dich an dieses Ding in deinem Schwert. Es nimmt Beschlag von dir.“

Die Worte trafen ihn schärfer, weil ein Teil von ihm sie sofort ablehnen wollte. Ein anderer Teil wusste, dass sie recht hatte.

Naaarstr regte sich.

Nicht als klare Stimme diesmal, eher als Widerstand, als Dunkelheit, die sich tiefer in die Winkel seines Denkens zurückziehen wollte und dabei doch nicht ganz verschwinden konnte.

Shara ließ nicht nach.

Sie drängte nicht frontal gegen den Dämon, als wolle sie ihn bannen. Dafür war es nicht der richtige Moment, und vielleicht auch nicht die richtige Art. Stattdessen flutete sie seinen Geist mit anderem. Mit Wirklichkeit. Mit Bildern, die fest waren und nicht gierig. Mit den Gesichtern der anderen. Mit dem kommenden Tag. Mit dem Geruch nasser Pferde und dem Klang des Marktes draußen. Mit den Aufgaben, die vor ihnen lagen. Mit dem Seeungeheuer. Mit Son und Indra. Mit Grots lächerlicher Verkrampfung. Mit Morguts Lachen. Mit all dem, was Anadar gehörte, ehe das Schwert begonnen hatte, ihm eine zweite Welt in den Kopf zu stellen.

Es war, als würde etwas in ihm zurückgeschoben, nicht hart, aber bestimmt. Die Dunkelheit verlor nicht plötzlich ihre Macht, doch sie wurde kleiner, enger, wieder dorthin gedrängt, wo sie hingehörte, in die tieferen Ecken, in die Zwischenräume, in jene Bereiche, aus denen sie ihn nicht mehr einfach unbemerkt hinausziehen konnte.

Anadar schüttelte sich. Einmal. Dann noch einmal stärker, wie ein Mann, der Wasser aus dem Kragen schüttelt und dabei erst merkt, wie kalt er geworden ist.

„Du hast recht“, sagte er schließlich und fuhr sich mit der blutverschmierten Hand über das Gesicht. „Er zieht mich zu sich.“

Shara lächelte, und diesmal war es weicher.

Sie hob die Hand, strich mit dem Daumen über seine Wange, dann über seine Stirn, als müsse sie sich selbst davon überzeugen, dass er wieder ganz da war, und küsste ihn leicht auf die Stirn.

„Ich spüre es“, sagte sie. „Keine Angst. Ich bin da. Ich passe auf dich auf. Ich hole dich zurück.“

In diesem Augenblick war sie nicht nur Shara, nicht nur Gefährtin, Schülerin, Magierin, sondern genau das, was sein Geist brauchte, um nicht weiter zu kippen. Ein Anker. Etwas, das nicht in den Abgrund zurückfragt, nicht nach der Wahl flüstert, sondern da ist, schlicht und warm und unerschütterlich.

Er merkte erst jetzt, wie sehr die Zeit sich verschoben hatte.

„Wie lange“, fragte er.

Shara sah ihn ernst an. „Einige Tage. Nicht ganz fort. Aber nicht wirklich hier. Du hast gegessen, wenn man es dir brachte. Du hast geantwortet, wenn man dich direkt ansprach. Aber du warst nicht ganz da. Ich glaube, ich bin rechtzeitig gekommen.“

Das traf ihn tiefer als Naaarstrs ganze Bosheit.

„Warum hast du nicht früher…“

„Weil ich erst sicher sein wollte. Weil ich nicht gegen etwas in dir stoßen wollte, solange ich nicht wusste, ob du selbst noch dagegen stehst.“

Er nickte langsam.

Dann brachte sie ihn auf den neuesten Stand.

„Wir brechen morgen auf“, sagte sie. „Wir haben eine Passage gefunden. Einen Kapitän, der es als Chance sieht, heil durchzukommen, wenn wir an Bord sind. Eigentlich traut sich keiner mehr hinaus auf das Meer, aber der, den wir gefunden haben, sitzt lieber nicht hier fest. Er glaubt, besser beschützt als mit uns wird er nicht mehr werden.“

Anadar versuchte, alles zu fassen, und merkte dabei, wie mühsam es war, Gedanken wieder wie Werkzeuge zu benutzen statt wie lose Fäden.

„Informationen.“

„Wenig. Und nichts, dem man ganz trauen kann. Keiner ist wirklich mehr auf See. Es sollen verschiedene Schiffe gesunken sein, keine Überlebenden, niemand, der es mit eigenen Augen durchgehend gesehen hat. Viel Geschichte darin. Aber die Berichte, die immer wiederkehren, sprechen von Blitzen und Gesang, von Tentakeln und Lichtern. Nichts wirklich Nützliches. Nur genug, um zu wissen, dass dort draußen etwas ist, das größer ist als eine einzelne Übertreibung.“

Sie strich ihm noch einmal über das Haar, fast unbewusst, während sie weitersprach.

„Die Flüchtlingslage hat sich entspannt. Es kommen keine neuen Menschen mehr aus dem Norden. Die, die da sind, haben sich verteilt. Es gibt noch Spannungen, aber sie sind beherrschbar. Und nach wie vor keine Hinweise auf die Ursache dieser Abneigung, dieses Drängens, dieser Flucht. Hat dir dein Freund etwas darüber verraten.“

Anadar schloss für einen Moment die Augen und sah noch einmal die Klippe, das Meer, die Stimme. Dann schüttelte er langsam den Kopf.

„Nein. Oder nichts, dem ich trauen würde.“

Shara nickte, als habe sie nichts anderes erwartet.

„In sieben Tagen ist Dreikrone.“

Der Satz blieb im Raum.

Draußen schlug eine Tür. Im Hof lachte irgendwo wieder jemand, diesmal kürzer, härter. Das Licht der Lampe warf Sharas Schatten an die Wand, weich und beweglich, und für den ersten Augenblick seit mehreren Tagen, vielleicht zum ersten Mal, seit er begonnen hatte, sich so tief auf Naaarstr einzulassen, fühlte Anadar, wie die Wirklichkeit wieder Form gewann.

Nicht leicht.

Nicht sicher.

Aber genug.

Shara blieb bei ihm, bis er das Schwert endlich von den Knien nahm und zur Seite legte.

X

Gudi hatte sich einen Rhythmus geschaffen, und wie fast alle Rhythmen, die aus echter Unruhe geboren werden, wirkte auch dieser nach außen hin vernünftig, beinah harmlos. Jeden Morgen ging sie zu einem der Brunnen nahe dem Südtor, nicht weil dies der kürzeste Weg gewesen wäre und auch nicht, weil das Wasser dort besser oder kühler gewesen wäre als an anderen Stellen der Stadt, sondern weil sie von dort aus die Reiter sehen konnte, sollte wieder einmal einer dieser Züge der Sondra durch das Tor kommen. Dann trug sie das Wasser zurück, Eimer um Eimer, an den Stallungen vorbei, in denen jene anmutigen Tiere zuletzt gestanden hatten, als wären sie bloß gewöhnliche Gastpferde und nicht Teil eines Rätsels, das sich seit Wochen in ihrem Kopf festgebissen hatte. Danach kümmerte sie sich um ihren Garten, um die Beete, die Setzlinge, die Kräuter, die kleinen Zeichen von Wachstum, die jeden Tag nach ihr verlangten, und doch war nichts an dieser Routine wirklich ruhig, denn unter allem lag immer die gleiche gespannte Erwartung, die Hoffnung, dass endlich wieder etwas geschehen möge, ein Blick, ein Hufschlag, ein Flimmern von Stoff an der Toröffnung, irgendetwas, das ihr zeigte, dass sie sich das alles nicht eingebildet hatte.

Wochenlang geschah nichts.

Kein Sondra-Zug, kein verschleierter Reiter, kein Zeichen, dass unter den uralten Gärten mehr verborgen lag als bloßer Stein und ihre eigene Neigung, überall Geheimnisse zu wittern, wo andere nur Mauerwerk sahen. Sie begann schon zu fürchten, dass der ganze Vorfall sich in ihrem Kopf über die Wochen hinweg ausgedehnt hatte wie ein Schatten in der Abendsonne, größer geworden war, geheimnisvoller, bedeutender, als er im Augenblick selbst gewesen sein mochte. Vielleicht hatte sie zwei Fremde gesehen, vielleicht einen Mechanismus, vielleicht ein Verschwinden, und aus allem anderen war erst später die Geschichte geworden. Vielleicht. Es war ein unerquicklich vernünftiger Gedanke, und gerade deshalb mochte sie ihn nicht.

Dann, eines Morgens, war der Trupp wieder da.

Er kam so unvermittelt durch das Tor geritten, dass Gudi im ersten Moment den Eimer fast aus der Hand verlor. Dieselbe anmutige, beinahe lautlose Art zu reiten. Dieselben schlanken, großen Gestalten. Dieselben Stoffe, die in Bewegung kaum flatterten, sondern mehr glitten. Dieselben Tiere, stolz und leichtfüßig, als gehörten selbst ihre Hufe nicht recht in diese Stadt. Gudi war vorbereitet. Sie stellte den Eimer ab, ohne darauf zu achten, ob Wasser über den Rand schwappte, und zog sich in ihre Beobachtungsposition zurück, diesmal nicht an denselben Ort wie früher, sondern an einen anderen Winkel, von dem aus sie den Weg besser sehen konnte, schräger, höher, mit mehr Schatten zwischen sich und dem Gartenpfad.

Sie wartete.

Den ganzen ersten Tag.

Niemand kam.

Nicht in den alten Gartenteil, nicht zu ihrer Parzelle, nicht an die Stelle, an der es beim letzten Mal geklickt hatte. Am Abend vergewisserte sie sich noch einmal, dass die Tiere der Sondra tatsächlich in den Stallungen standen, dass sie also noch in der Stadt sein mussten, und kehrte dann unwillig in ihre Kammer zurück, ohne zu schlafen, ohne sich selbst eingestehen zu wollen, wie nervös sie war.

Am zweiten Tag wartete sie wieder.

Nichts.

Das war schlimmer als offene Enttäuschung, weil die Stadt um sie herum gleichzeitig weiterlief, gleichgültig, geschäftig, mit Unterricht, Wasser, Arbeit und kleinen Pflichten, die alle nichts davon wussten, dass Gudi innerlich bei jeder Stunde ärgerlicher wurde. Ihre Verpflichtungen ließen sich nicht ewig verschieben. Ihre Pflanzen wollten Wasser. Der Garten wollte Pflege. Und Gnok hatte mehrfach betonen lassen, dass er sie sehen wolle. Nicht irgendwann, sondern bald.

Am dritten Abend riss sie sich schließlich los.

Sie war halb wütend auf sich selbst, halb auf die Sondra und fast am meisten auf die Möglichkeit, dass sie vielleicht die ganze Zeit für ein Nichts Wache hielt, während anderswo jemand darauf wartete, dass sie endlich erschien. Also stieg sie die gewundenen Wege zu Gnoks oberster Kammer hinauf, rasch, ungeduldig, mehr springend als gehend auf den letzten Stufen, und als sie vor der verschlossenen Tür stand, wollte sie schon ansetzen zu klopfen, da hörte sie Stimmen.

Nicht laut.

Nicht deutlich.

Aber da war eine zweite Stimme.

Sie blieb stehen und legte unwillkürlich die Hand an das Holz.

„…alter Freund…“

Dann nur Gesprächsfetzen, undeutlich, als träfen sie von weiter hinten im Raum durch Vorhänge oder Bücherreihen gedämpft an die Tür. Einmal glaubte sie das Wort „Ernte“ zu hören, dann wieder nur den Ton zweier Menschen, die sich in einer Weise unterhielten, die nicht nach gewöhnlichem Unterricht klang. Gudi klopfte. Nicht besonders höflich. Eher mit der Art von Bestimmtheit, mit der jemand klopft, der innerlich schon wieder halb bei etwas anderem ist.

Es dauerte einen Moment.

Dann öffnete sich die Tür.

Gnok stand vor ihr.

Allein.

Zumindest war niemand sonst im Raum zu sehen.

Er wirkte abwesend, und das auf eine Weise, die Gudi sofort verwirrte, weil es nicht bloß Zerstreutheit war. Sein Blick hing noch immer ein wenig am Himmel, als hätte er etwas mitgenommen, das dort draußen geblieben war, und als er sie begrüßte, klang seine Stimme langsamer als sonst, als müsste sie erst durch einen Gedanken hindurch, ehe sie Worte wurde.

Gudi trat ein und blickte sich um.

„Ihr wart nicht allein“, sagte sie.

Gnok sah sie an, dann wieder an ihr vorbei zum Fenster, hinter dem die Dämmerung bereits in die ersten klaren Farben der Nacht überging.

„Mach die Augen auf“, murmelte er beinahe sanft. „Niemand da.“

Es war kein Spott in seinem Ton, und vielleicht irritierte sie das mehr als alles andere.

Er deutete in die Nacht hinaus.

„Siehst du es nicht. Diese Dreikrone wird außergewöhnlich. Jonsus ist zu sehen. Genau darüber. Ein Zeichen.“

Er redete weiter, und Gudi verstand in den ersten Augenblicken kaum, dass er von denselben Himmelskörpern sprach, die er ihr schon früher erklärt hatte, nur diesmal mit einer Auflösung, die ihm ungewohnt war. Er ging zu seinem Modell des Sternensystems, jenem kunstvollen Gestell aus Ringen, Kugeln und fein gearbeiteten Armen, an dem er manchmal Stunden verbringen konnte, und zeigte erst auf die drei Monde, dann auf jenen einen Planeten, der auf seiner Bahn innen und nah an der Welt vorbeizog. Er erklärte, wie Kräfte sich verschieben, wenn ein solcher Körper näher kommt, wie Gleichgewichte anders greifen, wie seltene Konstellationen nicht nur die Gezeiten an den Küsten, sondern manchmal auch Dinge berühren, die viel tiefer liegen als bloßes Wasser.

Gudi hörte zu, aber nur halb.

Sie stand da, nickte, stellte hier und da eine Frage, mehr um nicht unhöflich zu wirken als aus echter Sammlung, und merkte doch, dass Gnok nicht wirklich mit ihr sprach, sondern durch sie hindurch in einen Gedanken hinein, der älter und größer war als dieser Abend. Sie war eher Zeugin eines Gesprächs, das er schon begonnen hatte, bevor sie geklopft hatte, und nun mit ihr als zufälliger Zuhörerin fortsetzte. Das verwirrte sie. Es machte sie auch ungeduldig. Ihre Zeit drängte. Die Sondra waren irgendwo in der Stadt, vielleicht in den Gärten, vielleicht gerade jetzt, und Gnok sprach von Himmelskräften, von Jonsus, von einer Verschiebung, die man nicht mit bloßem Auge sehe und die dennoch alles verändern könne.

Als sie schließlich ging, sprach er noch.

Sie murmelte einen Abschied, bekam eine abwesende Antwort und eilte bereits die Treppen wieder hinunter, während oben seine Stimme weiterlief, als habe sie ihn nicht wirklich unterbrochen, sondern nur einen Moment lang in seinem Denken berührt.

„Sinnlos“, dachte sie beim Hinuntergehen. „Das war völlig sinnlos.“

Und doch blieb etwas von seinem Ton in ihr hängen, etwas von der Art, wie er „Ernte“ gesagt haben mochte oder wie dieses Wort überhaupt durch die Tür an ihr Ohr gekommen war. Sie schob es zur Seite, als sie wieder den Weg zu den Gärten einschlug. Jetzt war keine Zeit für Himmelskunde. Nicht, wenn unten vielleicht endlich wieder etwas geschah.

Sie schlich zurück an ihren Beobachtungsplatz.

Die Nacht war inzwischen voll hereingebrochen, aber nicht dunkel im eigentlichen Sinn. Über der Stadt standen die Monde, noch nicht ganz in der Dreikrone vereint, aber bereits so hell, dass Mauern, Wege und Bäume einen scharfen, fast unnatürlich klaren Rand bekamen. Gudi zog den Mantel enger und wartete.

Mitte in der Nacht wurde sie von Geräuschen geweckt.

Nicht laut genug, um jeden aufzuscheuchen. Aber anders als das gewöhnliche Atmen einer Stadt, anders als Nachtwind oder ein Tier im Gebüsch. Ein Schaben von Stoff. Ein leiser Huftritt. Dann Stimmen.

Da waren sie.

Endlich.

Sie spähte aus ihrem Versteck und sah die Gestalten der Sondra im bleichen Mondlicht. Sie bewegten sich mit derselben Sicherheit wie beim ersten Mal, aber nun war Gudi näher, viel näher, und konnte sehen, wie einer von ihnen die Hand an die Mauer legte, dann auf bestimmte Steine drückte, nicht wahllos, sondern in einer Reihenfolge, die ihm so selbstverständlich war wie anderen Menschen das Öffnen einer gewöhnlichen Tür. Dazu murmelte er etwas in der singenden Sprache, weich und doch voller Präzision, fast wie ein Schlüssel aus Lauten. Dann kam das Klicken.

Diesmal deutlicher.

Trocken. Metallisch. Endgültig.

Eine kleine Tür öffnete sich in der Mauer.

Gudi dachte nicht nach.

Später würde sie sich dafür verfluchen, und während es geschah, verfluchte sie sich bereits, aber gerade das änderte nichts. Sie sprang aus ihrem Versteck, ehe Vorsicht sich in ihr sammeln konnte, schoss auf die Öffnung zu und stürzte beinahe mehr, als dass sie ging, die ersten Stufen in der Mauer hinab. Ihr Fuß rutschte, sie schlug mit der Schulter gegen Stein, fluchte stumm, weil sie in diesem Augenblick sicher war, jeder im Garten müsse sie gehört haben.

Doch nichts geschah.

Kein Schrei. Kein Griff. Keine Waffe an ihrem Hals.

Nur hinter ihr fiel die Tür zu.

Das Geräusch war dumpf, endgültig, viel schwerer als das Klicken zuvor, und plötzlich saß sie da, halb auf den Stufen, halb gegen die Wand gelehnt, in völliger Dunkelheit und mit dem jähen, kalten Wissen, dass der Rückweg nach oben versperrt war.

Es wurde kühler.

Nicht jene trockene Nachtkühle der Stadt, sondern eine andere, steinerne, aus Tiefe kommende Kälte. Gudi blieb einen Augenblick reglos sitzen und hörte. Nichts. Kein Schritt. Kein Murmeln. Kein Atem außer ihrem eigenen, der viel zu laut klang.

Also stand sie auf.

Wenn der Weg zurück geschlossen war, blieb nur noch hinunter.

Sie tastete sich an der Wand entlang und ging vorsichtig weiter. Stufe für Stufe. Die Treppen waren gleichmäßig, sauber gehauen, nicht zufällig alt, sondern alt mit Absicht. Ein Schritt nach dem anderen. Immer weiter hinab. Dann um eine Ecke. Wieder hinunter. Noch eine Ecke. Noch mehr Stufen. Sie sah nichts, nur Dunkelheit, aber sie merkte, wie sich der Raum änderte, wie das Drücken des Steins sich weitete, wie die Luft nicht mehr so eng wirkte. Irgendwann, nach einer Zeit, die sie nicht mehr schätzen konnte, sah sie unten ein blaues Leuchten.

Schwach zuerst.

Dann stärker.

Es lag nicht flach auf dem Boden, sondern schien den Raum selbst zu erfüllen, als komme es aus Wasser oder Glas oder von etwas, das zwischen beidem nicht ganz unterscheiden wollte. Gudi blieb wieder stehen, blinzelte, ging langsamer weiter und bog dann um die letzte Ecke.

Niemand war dort.

Zumindest auf den ersten Blick.

Vor ihr lag eine Halle.

Eine riesige, blau erleuchtete Halle, so groß, dass sie in der ersten Sekunde nicht begriff, wie etwas derartiges unter den uralten Gärten verborgen liegen konnte, ohne dass die ganze Stadt es im Schlaf spürte. Der Raum war höher als manche Tempelhallen, und über ihm spannte sich kein gewöhnliches Gewölbe, sondern etwas, das den Sternenhimmel selbst in sich trug. Nicht gemalt, nicht angedeutet, sondern als sähe man durch Stein hindurch in die Nacht, in Monde und Sterne, deren Licht bläulich gebrochen herabsank wie kaltes Wasser.

In der Mitte des Saales lag ein klarer See.

Nicht groß wie ein richtiger See unter freiem Himmel, aber groß genug, dass er still und vollkommen wirkte, als gehöre er nicht in einen Raum, sondern an einen Ort ohne Mauern. Über ihm war eine Apparatur installiert, riesig, filigran, aus Ringen, Armen, Schalen, Streben, Haken und eingefassten Glas- oder Kristallflächen, alles miteinander verbunden in einer Weise, die zugleich wie Mechanik, Ritual und Sternkarte aussah. Einige Teile glommen. Andere standen still und wartend. Und das blaue Licht des Saales schien aus dieser Verbindung von Wasser und Vorrichtung erst richtig geboren zu werden.

Gudi vergaß jede Vorsicht.

Sie trat in den Raum, ging auf die Mitte zu, langsam erst, dann schneller, den Kopf angehoben, die Augen weit, ganz in jenem Zustand, in dem Staunen jeden anderen Gedanken hinausdrängt. Sie hatte noch nie etwas derartiges gesehen. Alles in ihr zog zu dieser Mitte, zu dem Wasser, zu den Ringen, zu dem Gefühl, dass hier etwas uralt und zugleich lebendig auf die Dreikrone wartete.

„Du hast recht, alter Freund“, sagte eine Stimme hinter ihr. „Sie ist neugieriger als eine Katze.“

Gudi fuhr herum.

Hinter ihr kamen drei Sondra auf sie zu, bewaffnet, verschleiert, mit jener ruhigen Gefährlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass keiner ihrer Schritte zufällig gesetzt wurde.

Und in ihrer Mitte stand Gnok.

Er lächelte und sie sank bewusstlos zu Boden.

 
 
 

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