Anadar III/II
- R.

- 23. März
- 58 Min. Lesezeit

XIII
Der Kuss dauerte einen Augenblick, und doch lag in diesem Augenblick etwas, das sich nicht messen ließ, weder in Atemzügen noch in Herzschlägen, eher wie ein leises Auseinanderziehen von Zeit selbst, als hätte jemand die Welt kurz angehalten und zwischen zwei Bewegungen einen Raum geöffnet, der zuvor nicht da gewesen war.
Als Shara die Augen wieder öffnete, war die Halle verschwunden.
Nicht langsam, nicht wie ein Übergang, sondern vollständig, als hätte sie nie existiert, und an ihrer Stelle lag nun ein Raum, der sich jeder gewohnten Beschreibung entzog, weil er keine klare Begrenzung hatte und doch abgeschlossen wirkte, weil er weder oben noch unten kannte und dennoch trug, weil seine Wände weiß waren, aber nicht wie Stein oder Kalk, sondern von einem Licht durchdrungen, das nicht von außen kam, sondern im Raum selbst entstand, gleichmäßig, ruhig, ohne Quelle und ohne Schatten, sodass selbst Sharas eigener Körper nicht mehr jene scharfe Abgrenzung hatte, die ihn in der Welt der Dinge sonst festhielt.
Sie stand, und doch war da kaum Gewicht unter ihren Füßen, nur ein Wissen darum, dass sie nicht fiel, und die Luft war still, so vollkommen still, dass selbst der Gedanke an Bewegung darin fremd wirkte, als hätte dieser Ort beschlossen, alles Unruhige draußen zu lassen.
Vor ihr stand die Mutter. Golden. Goldene Haare, goldenes Gewand und ein Goldenes Strahlen. Kein Schmuck oder Glanz, sondern als wäre das, was sie war, näher an Licht als an Fleisch, ihr Haar ein ruhiges Fließen, das nicht vom Wind bewegt wurde, sondern aus sich selbst heraus lebte, ihr Gewand nicht getragen, sondern vorhanden, als gehöre es zu ihr wie eine zweite, ruhigere Form ihres Seins.
Sie wirkte jünger als zuvor und zugleich älter, nicht im Widerspruch, sondern in einer Art Gleichzeitigkeit, die Shara irritierte, weil sie keinen Begriff dafür hatte. Ihr Blick ruhte auf ihr, in diesem Blick lag etwas, das Shara nicht einordnen konnte, weil es nicht prüfte, nicht abwog, nicht erwartete, sondern einfach sah, vollständig, ruhig und mit einer Zufriedenheit, die tiefer ging, als bloße Anerkennung es je könnte.
„Wo sind wir“, fragte Shara, und selbst ihre Stimme schien hier nicht durch Luft getragen zu werden, sondern entstand direkt im Raum, leiser, dichter, als würde sie weniger gesagt als gesetzt.
„Gerade noch waren wir in der Halle.“
Die Mutter lächelte, kaum sichtbar, mehr eine Bewegung im Blick als im Gesicht.
„Wir sind in einem Raum, in dem nichts Bedeutung hat, meine Tochter. Außer du und ich.“
Die Worte traf sie. Nicht scharf, nicht wie ein Schlag, sondern wie etwas, das an eine Stelle fällt, die lange leer gewesen ist und nun plötzlich gefüllt wird, warm, schwer, richtig, ohne dass man erklären könnte, warum.
Tochter.
Es war kein Titel.
Kein Ausdruck von Nähe, der leichtfertig gebraucht wird. Es war gemeint.
Und Shara spürte, wie etwas in ihr darauf antwortete, noch bevor sie verstand, was genau in ihr angesprochen worden war.
Sie sagte nichts.
Und die Mutter begann.
Zunächst war es ein Gespräch, oder zumindest das, was in diesem Raum einem Gespräch am nächsten kam, ein Austausch, der ohne Eile geschah und doch ohne Lücken, in dem Fragen nicht gestellt, sondern geöffnet wurden, sodass Shara sich selbst darin wiederfand, ihre Entscheidungen, ihre Wege, ihre Zweifel, ihre Haltung gegenüber Anadar, ihre Zurückhaltung, ihre Stärke, all das trat klarer hervor, nicht wie unter einem grellen Licht, sondern wie unter einer ruhigen Oberfläche, die nichts verzerrte.
Die Mutter führte sie nicht. Sie ließ sie sehen. Sie ließ sie erkennen. Und gerade darin lag Führung. Dann veränderte sich etwas. Nicht abrupt, sondern wie ein Übergang, den man erst bemerkt, wenn man bereits in ihm steht.
Die Mutter hob die Hand, und zwischen ihnen entstand ein Zeichen.
Es war nicht gezeichnet worden.
Es war nicht gesprochen worden.
Es war einfach da, Linien, die sich ineinander verschoben, ohne sich zu berühren, Kreise, die nicht geschlossen waren und dennoch vollständig wirkten, Strukturen, die sich gleichzeitig ordneten und auflösten, als wären sie nicht statisch, sondern Ausdruck eines Gedankens, der sich selbst trug.
Shara sah darauf. Und verstand. Nicht schrittweise. Nicht tastend. Sondern unmittelbar. Als hätte jemand eine Tür geöffnet, die nie verschlossen gewesen war, die sie nur nie gesehen hatte.
„So schreibt man einen Zauber“, sagte die Mutter ruhig.
„Nicht auf Papier. Nicht in der Luft. Im Geist.“
Die Ausbildung begann.
Und sie war nichts, was Shara aus der Feuerschule oder den anderen Akademien kannte.
Es gab keine Übung im herkömmlichen Sinn, kein Wiederholen, kein Scheitern, kein langsames Annähern, sondern ein direktes Setzen von Wissen, das nicht erarbeitet, sondern angenommen werden musste, als würde man sich an etwas erinnern, das man nie bewusst gelernt hatte.
Zeit verlor dabei ihre Bedeutung.
Shara wurde nicht müde, nicht hungrig, nicht unruhig, und ihr Körper trat in den Hintergrund, wurde zu etwas, das vorhanden war, aber keine Forderung stellte, sodass sich alles auf den Geist konzentrierte, auf Wahrnehmung, Struktur, Einfluss.
Sie lernte, den Geist zu lesen.
Nicht Worte.
Nicht Erinnerungen in Bildern.
Sondern Zustände.
Die feinen Spannungen, die durch einen Menschen laufen, kaum sichtbar und doch bestimmend, die Unterschiede zwischen oberflächlicher Unruhe und tiefer Angst, zwischen kontrollierter Wut und jener Form, die sich selbst nicht mehr kennt, die ruhigen Bereiche darunter, die bleiben, auch wenn alles andere sich bewegt.
Die Mutter zeigte ihr, wie man sich nähert, ohne zu stören, wie man einen Geist berührt, ohne ihn zu verletzen, wie man liest, ohne Spuren zu hinterlassen, wie man sich durch eine Struktur bewegt, die nicht aus Linien besteht, sondern aus Empfindung.
Dann ging es weiter.
Sie lernte, zu beruhigen.
Nicht durch Unterdrücken, nicht durch Brechen, sondern durch Umlenken, durch ein Verstehen der Bewegung selbst, durch kleine Eingriffe an den richtigen Stellen, die ausreichten, um aus einem Sturm eine Strömung zu machen, aus Chaos eine Form.
Und schließlich kam das, was sie innehalten ließ.
Einfluss.
Die Möglichkeit, nicht nur zu lesen und zu ordnen, sondern zu verändern.
Ein Gedanke, leicht verschoben.
Ein Impuls, verstärkt oder abgeschwächt.
Eine Entscheidung, die sich anfühlt wie die eigene, obwohl sie es nicht ganz ist.
Shara zögerte.
Nur einen Moment.
Doch die Mutter sah es.
„Es ist ein Werkzeug“, sagte sie.
Ruhig.
Ohne Rechtfertigung.
Ohne Erklärung.
Shara nickte.
Und ging weiter.
Der Gedanke an Zeit kehrte einmal zurück, leise, fast vorsichtig, und wollte sich formen, wollte gefragt werden, wollte wissen, wie lange sie hier schon war, wie lange dieser Zustand anhielt, in dem nichts verlangte und alles möglich schien. Doch noch bevor sie ihn aussprechen konnte, war die Antwort da.
„Denke nicht darüber nach“, sagte die Mutter.
„Es macht es schwieriger, diesen Raum aufrechtzuerhalten.“
Shara sah sich um, und obwohl sich nichts verändert hatte, verstand sie plötzlich, dass dieser Ort kein gegebener war, sondern gehalten wurde, stabilisiert durch etwas, das sie noch nicht begreifen konnte.
„Dies ist kein Ort wie die anderen“, fuhr die Mutter fort.
„Du wirst es lernen.“
Ein kurzer Moment.
„Aber nicht jetzt.“
Also ließ Shara den Gedanken los. Und ging weiter. Die Verbindung zwischen ihnen wuchs dabei auf eine Weise, die sich nicht wie ein Aufbau anfühlte, sondern wie ein Wiedererkennen, als hätten sie sich nicht gefunden, sondern erinnert, und Shara spürte, wie Vertrauen nicht entstand, sondern einfach da war, getragen von etwas, das tiefer lag als Worte.
Am Ende stand die Mutter wieder vor ihr.
Ruhig.
Unverändert.
„Ich gebe dir alles, was du brauchst, um das Kommende zu meistern“, sagte sie.
Ein kaum wahrnehmbares Innehalten.
„Vielleicht.“
Dann, klar und ohne jeden Zweifel:
„Du bist nun eine Absolventin der Geistesschule.“
Und der Raum war fort. Nicht durch ein Geräusch. Nicht durch Bewegung. Sondern einfach nicht mehr da. Die Halle kehrte zurück, mit all ihren Geräuschen, ihrer Wärme, ihren Stimmen, als hätte nichts gefehlt, als hätte kein Moment gefehlt, und doch war Shara nicht mehr dieselbe, die dort gestanden hatte.
Sie sah Anadar.
Und diesmal sah sie ihn wirklich.
Nicht nur als Körper.
Nicht nur als Magier.
Sondern in seiner Tiefe, in den Spannungen, die durch ihn liefen, in dem Fremden, das an ihm arbeitete, in dem Widerstand, den er hielt, und in der Müdigkeit, die tiefer ging als Erschöpfung.
Und sie wusste.
Als die Halle zurückkehrte, war sie nicht einfach wieder da, sondern lag über der Erinnerung an den anderen Raum wie eine zweite Wirklichkeit, und für einen kurzen Moment überlagerten sich beide, als würde Shara gleichzeitig in beidem stehen, im Geräusch und in der Stille, im Körper und im Geist, bis sich die Schichten langsam voneinander lösten und nur noch die Gegenwart blieb, warm, lebendig, erfüllt von Stimmen, Bewegung und dem leisen Nachhall eines Kusses, der mehr gewesen war als nur eine Geste.
Die Mutter wandte sich Anadar zu, und während sie sprach, nahm Shara nicht nur die Worte wahr, sondern die Bewegung dahinter, die Klarheit, mit der sie ihn sah, das feine Gleichgewicht zwischen Strenge und Fürsorge, und sie verstand, noch bevor etwas ausgesprochen wurde, dass dies kein einfaches Gespräch war, sondern ein Eingriff, präzise und notwendig, wie ein Schnitt an der richtigen Stelle, um etwas zu retten, das sonst verloren gegangen wäre.
Als Anadar das Schwert ablegte und die Kiste sich schloss, war es für Shara, als würde ein Druck aus dem Raum weichen, nicht sichtbar, nicht messbar, aber spürbar in der Art, wie sich sein Geist veränderte, wie die Spannung in ihm nachließ, wie etwas, das zuvor wie ein fremder Schatten an ihm gehangen hatte, plötzlich keine Nahrung mehr fand.
Und doch blieb genug zurück.
Genug, um ihn zu erschöpfen.
Genug, um ihn zu Fall zu bringen.
Shara sah ihn sinken, sah die Schwere, die ihn ergriff, sah, wie er nicht mehr hielt, nicht mehr konnte, und obwohl andere ihn auffingen, war es für sie ein Moment von stiller Klarheit, weil sie nun verstand, was es ihn gekostet hatte, aufrecht zu bleiben, so lange, so konsequent, gegen etwas, das nicht nur außen, sondern innen wirkte.
Später stand sie vor seiner Tür.
Der Gang war ruhig, gedämpftes Licht fiel aus Nischen in den Wänden, weiches Gold auf hellem Stein, und irgendwo in der Ferne klang bereits Musik an, leise noch, als würde die Stadt selbst Atem holen für das, was kommen sollte.
Shara blieb einen Moment stehen. Sie lauschte. Nicht nur mit den Ohren.
Der Raum hinter der Tür war für sie kein abgeschlossener Ort mehr, sondern eine Struktur, die sie spüren konnte, ein Gefüge aus Müdigkeit, aus Restspannung, aus einem Geist, der noch nicht zur Ruhe gekommen war, obwohl der Körper bereits nachgegeben hatte.
Als die Mutter den Raum verließ, ohne sie anzusehen, ohne etwas zu sagen, wusste Shara, dass sie nun gehen sollte. Und sie trat ein.
Das Zimmer war schlicht, doch in seiner Schlichtheit sorgfältig, als wäre jeder Gegenstand dort nicht zufällig, sondern bewusst gewählt, Holz, das glatt geschliffen war, ein Bett, das nicht prunkvoll, aber bequem wirkte, eine kleine Feuerstelle, deren Wärme den Raum hielt, ohne ihn zu überhitzen, und ein Fenster, durch das das letzte Licht des Tages fiel, gedämpft, fast milchig, als würde es bereits durch die kommende Nacht gefiltert.
Anadar lag halb aufgerichtet, noch wach, noch gefangen in dem, was in ihm nachklang.
Er sah sie. Und für einen Moment lag in seinem Blick etwas, das zwischen Erkennen und neuem Sehen schwankte, als würde er spüren, dass sich etwas verändert hatte, ohne es benennen zu können. Shara setzte sich. Nicht hastig, nicht zögernd, sondern in einer Ruhe, die sie selbst erst seit kurzem besaß, und in diesem einfachen Akt lag bereits etwas, das den Raum veränderte, eine Präsenz, die nicht laut war, aber bestimmend.
„Ich muss es jemandem sagen“, begann er, und seine Stimme war rau, nicht vom Kampf allein, sondern von dem, was danach geblieben war, von Bildern, die sich nicht einfach abstreifen ließen.
Shara nickte.
Und ließ ihn sprechen.
Sie unterbrach ihn nicht.
Nicht einmal, als seine Worte stockten, als er nach Begriffen suchte, die nicht ausreichten, als er versuchte, etwas zu beschreiben, das sich jeder sauberen Form entzog.
Er sprach von dem Kampf, von dem Moment, in dem die Grenze zwischen ihm und dem, was in ihm war, zu verschwimmen begann, von dem Drängen, das nicht wie Wut kam, sondern wie etwas Selbstverständliches, als wäre Blut nicht nur Mittel, sondern Ziel, als wäre es richtig, als wäre es notwendig.
Er sprach von Naaarstr.
Von Frantor.
Von den Bildern, die ihm gezeigt worden waren, von der Grausamkeit, die nicht nötig gewesen wäre und gerade deshalb so schwer wog, von der Art, wie das Wesen in ihm sprach, ruhig, fast vernünftig, und genau darin so gefährlich, weil es sich nicht als Gegner präsentierte, sondern als Möglichkeit.
Während er sprach, hörte Shara mehr als Worte.
Sie sah die Strukturen dahinter, die Spannungen, die sich noch immer hielten, die kleinen Reste von Druck, die nicht verschwunden waren, nur weil das Schwert nun in der Kiste lag.
Und sie griff nicht sofort ein.
Sie ließ ihn alles aussprechen.
Erst als seine Stimme leiser wurde, als der Fluss stockte, als die Bilder ihn selbst wieder zu überrollen drohten, bewegte sie sich.
Langsam.
Sie legte ihre Hand an seinen Nacken, nicht fest, nicht fordernd, sondern als Kontakt, als Verbindung, und zog ihn leicht zu sich, sodass er sich nicht mehr gegen sich selbst halten musste.
„Es ist vorbei“, sagte sie leise.
Nicht als Behauptung. Als Angebot. Er atmete scharf ein. Und sie spürte, wie sich in ihm etwas sträubte, wie ein Rest des Kampfes sich noch einmal aufbäumen wollte, nicht aus Stärke, sondern aus Gewohnheit. Sie ließ es zu. Und begann dann, ihn zu ordnen. Nicht sichtbar. Nicht spürbar für ihn als Eingriff.
Sie nahm die Unruhe auf, ließ sie durch sich hindurchfließen, glättete die scharfen Kanten, nahm Druck von den Stellen, an denen er sich festgesetzt hatte, lenkte Gedanken weg von den Bildern, die sich immer wieder aufdrängten, ohne sie zu löschen, nur so weit, dass sie ihre Schärfe verloren. Es war kein Kampf. Es war Arbeit. Fein. Präzise. Und sie merkte, wie leicht es ihr fiel. Wie selbstverständlich.
Wie sehr sie sich dabei nicht verlor, sondern im Gegenteil klarer wurde. Anadar wurde ruhiger. Sein Atem gleichmäßiger. Die Spannung wich aus seinem Körper, zuerst zögernd, dann deutlicher, bis er sich schließlich einfach gegen sie sinken ließ, nicht aus Schwäche, sondern aus Vertrauen.
Er wurde schwer.
Und dann still.
Als er einschlief, blieb sie sitzen.
Bewegte sich nicht.
Hielt ihn noch einen Moment, als müsste sie sicherstellen, dass die Ruhe bleibt, dass nichts zurückkehrt, dass das, was sie getan hatte, Bestand hat.
Erst dann ließ sie ihn langsam zurückgleiten.
Und blieb.
In den folgenden Tagen bewegte sie sich durch Zoordak mit einer neuen Wahrnehmung, die sie nicht ablegen konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte, sie sah Menschen nun nicht mehr nur als Körper und Stimmen, sondern als Gefüge aus Bewegung und Ruhe, aus offenen und verschlossenen Bereichen, aus Dingen, die gesagt wurden, und solchen, die darunter lagen.
Sie nutzte es nicht grob. Nicht bewusst, zumindest nicht im Sinne eines Eingriffs. Es war eher ein Tasten. Ein Verstehen. Morgut, offen, lebendig, voller Vorfreude, kaum verschlossen. Miene und Sindra, ruhiger, strukturierter, mit klaren Grenzen, die sie hielten.
Und Anadar, der sich langsam sammelte, der wieder zu sich fand, dessen Geist sich ordnete, auch ohne ihr Zutun, aber nicht ohne das, was sie ihm gegeben hatte.
Mittwinter rückte näher. Und mit ihm eine Veränderung in der Stadt. Zunächst kaum merklich, dann deutlicher. Die Tage wurden ruhiger. Nicht leer. Vorbereitet.
Ein Fasten, das nicht nur den Körper betraf, sondern auch den Geist, als würde Zoordak selbst einen Schritt zurücktreten, um Raum zu schaffen.
Dann kamen die Vorbereitungen. Kräuter wurden getragen, Bündel aus getrockneten Pflanzen, deren Duft sich langsam in den Gängen sammelte, süß, herb, warm, fremd und vertraut zugleich.
Wein wurde geöffnet. Nicht für das Fest allein, sondern als Teil dessen, was kommen sollte. Und dann, am Abend des Mittwintertages, kippte die Stimmung. Nicht plötzlich. Sondern wie ein Gefäß, das sich langsam füllt, bis der Moment kommt, in dem es überläuft.
Die Bäder öffneten sich.
Dampf stieg auf.
Warmes Wasser, das in steinernen Becken lag, von Licht durchzogen, das sich in der Oberfläche brach, Körper, die sich darin bewegten, Stimmen, die lauter wurden, Lachen, Nähe, Berührung.
Und in all dem lag etwas, das mehr war als ein Fest. Ein Rausch. Nicht nur durch Kräuter und Wein. Sondern durch das, was zwischen Menschen geschieht, wenn Grenzen weicher werden. Morgut war längst darin aufgegangen. Mit einer Freude, die so selbstverständlich war, dass sie fast ansteckend wirkte.
Shara stand am Rand. Nicht abseits. Nicht fremd. Aber bewusst. Neben ihr die Mutter. Und Anadar. Und zwischen ihnen war etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ. Ein Band.
Und offen für das, was nun kommen würde. Der Dampf lag schwer über den Bädern.
Nicht erstickend, nicht dicht genug, um die Sicht zu nehmen, sondern weich, durchzogen von Licht, das sich in den aufsteigenden Schwaden brach und den Raum in ein fließendes Gold tauchte, das sich ständig veränderte, je nachdem, wie sich Menschen bewegten, wie Wasser sich kräuselte, wie Stimmen anschwollen und wieder verebbten.
Die Becken waren aus hellem Stein, glatt geschliffen, von warmem Wasser gefüllt, das nicht still lag, sondern lebte, als würde es von unten genährt, durchzogen von feinen Strömungen, die man nicht sah, aber spürte, wenn man sich hineinbegab. Um sie herum lagen Stufen, Nischen, halb abgeschirmte Bereiche, in denen Licht gedämpfter wurde und Geräusche weicher, sodass sich offene Räume und intime Zonen ineinander verschoben, ohne klare Grenze.
Körper waren überall.
Nicht zur Schau gestellt.
Nicht verborgen.
Einfach da.
Haut, die im Licht glänzte, Wasser, das an Schultern herablief, Hände, die sich fanden, lösten, wiederfanden, Stimmen, die lachten, flüsterten, sich überlagerten, ohne je laut zu werden, als würde selbst die Ausgelassenheit hier eine Form kennen, die nicht ins Grobe fiel.
Es war kein Fest, das ausbrach. Es war eines, das sich öffnete.
Shara stand zunächst am Rand, wo der Stein noch kühl war und der Dampf sich erst sammelte, und ließ den Raum auf sich wirken, nicht mit den Augen allein, sondern mit allem, was sie nun wahrnehmen konnte, den Bewegungen zwischen den Menschen, den Spannungen, den stillen Einladungen, den unausgesprochenen Übereinkünften, die sich überall ergaben, ohne dass jemand sie festlegte.
Neben ihr stand die Mutter.
Und Anadar.
Sie sprachen nicht.
Es war nicht nötig.
Die Verbindung zwischen ihnen war längst da, spürbar, nicht wie etwas, das zwischen drei Menschen verläuft, sondern wie ein gemeinsamer Raum, in dem sie sich bewegten, ohne sich zu verlieren. Shara spürte die Stimmung. Nicht nur die allgemeine, die durch Kräuter und Wein angehoben war, die den Körper leichter machte und den Geist offener, sondern auch die feineren Schichten darunter, die Bereitschaft, Nähe zuzulassen, die Spannung, die nicht aus Ungeduld entstand, sondern aus Erwartung. Und sie spürte sich selbst darin.
Anders als zuvor.
Nicht mehr distanziert.
Nicht mehr nur beobachtend.
Sondern Teil davon.
Die Mutter trat als Erste vor.
Langsam, ohne Geste, ohne Ankündigung, und doch folgte der Raum dieser Bewegung, nicht sichtbar, aber spürbar, als würde sich um sie herum etwas ordnen, als würde ihre bloße Präsenz bereits eine Form geben.
Sie legte das Gewand ab.
Nicht hastig.
Nicht als Handlung.
Eher wie ein Übergang.
Das Gold blieb in ihr, nicht am Stoff.
Shara folgte.
Zögernd nur im ersten Moment, nicht aus Unsicherheit, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass sie eine Schwelle überschritt, die sie bis vor kurzem nicht einmal gesehen hätte, und doch war da kein Widerstand mehr, kein inneres Zurückweichen, sondern eher ein langsames Einlassen, ein Anerkennen dessen, was sich ohnehin bereits in ihr bewegt hatte.
Anadar war der Letzte.
Nicht, weil er zögerte.
Sondern weil er bewusst blieb.
Sein Blick war ruhig, kontrolliert, doch Shara sah, was darunter lag, die Spannung, die er hielt, die Entscheidung, sich nicht zu verlieren, auch hier nicht, und genau darin lag eine Form von Intensität, die sie nun deutlicher wahrnahm als je zuvor.
Sie gingen ins Wasser.
Die Wärme umschloss sie sofort, nahm den letzten Rest von Kälte, löste die Spannung aus den Muskeln, ließ den Atem tiefer werden, ruhiger, gleichmäßiger, und für einen Moment war nichts als dieses Gefühl, getragen zu sein, gehalten, ohne Gewicht.
Sie standen nah beieinander.
Nicht eng.
Noch nicht.
Die Mutter sah sie an.
Und es war kein Blick, der forderte.
Es war ein Einladen.
Shara spürte, wie sich die Verbindung zwischen ihnen verdichtete, nicht durch Worte, sondern durch Nähe, durch das Wissen, dass keiner von ihnen allein war, dass das, was geschah, nicht zufällig war, sondern gewollt, bewusst, getragen von Vertrauen.
Sie trat näher.
Zu Anadar.
Nicht hastig.
Langsam genug, dass jeder Schritt eine Entscheidung war.
Ihre Hand berührte ihn zuerst, leicht, am Arm, kaum mehr als ein Streifen der Haut, und doch war darin bereits alles enthalten, was folgte, ein Kontakt, der nicht prüfte, sondern annahm, der nicht fragte, sondern wusste.
Er reagierte.
Nicht sofort sichtbar.
Aber sie spürte es.
Die Art, wie sich seine Aufmerksamkeit verschob, wie der kontrollierte Teil in ihm einen Moment nachgab, ohne zu verschwinden.
Die Mutter trat hinter sie.
Ihre Hände legten sich an Sharas Schultern, warm, ruhig, und für einen Moment war Shara der Mittelpunkt dieses Dreiecks, gehalten zwischen ihnen, verbunden, ohne dass eine Richtung vorgegeben war.
Es war kein hastiges Zusammenfinden.
Kein plötzlicher Rausch.
Es war ein langsames Ineinander.
Bewegungen, die sich fanden, ohne sich aufzudrängen, Nähe, die wuchs, weil sie Raum hatte, Berührungen, die nicht nahmen, sondern aufnahmen.
Shara ließ sich hinein sinken.
Nicht in das Wasser.
In das, was zwischen ihnen entstand.
Sie spürte Anadar näher, seine Hand an ihrer Seite, fest genug, um zu halten, ruhig genug, um nicht zu fordern, und gleichzeitig die Mutter, die sie führte, nicht mit Druck, sondern mit einer Sicherheit, die ihr erlaubte, loszulassen.
Es war kein Moment, in dem sie sich verlor.
Es war einer, in dem sie sich fand.
Und sie wusste, dass sie nun nicht mehr außen stand.
Nicht neben ihnen.
Sondern mit ihnen.
Das Band, das zwischen der Mutter und Anadar bestanden hatte, nahm sie auf, nicht als Fremde, nicht als Zusatz, sondern als Teil, als hätte es sie immer schon vorgesehen.
Die Zeit löste sich erneut.
Nicht wie zuvor.
Nicht vollständig.
Aber genug, dass sie keine Rolle mehr spielte.
Was blieb, war Nähe.
Wärme.
Atem.
Und das langsame, tiefe Ineinander von Körper und Geist, das sich nicht trennen ließ, weil es nie nur das eine gewesen war.
XIV
Slonda war wieder unten.
Tiefer als die meisten jemals gingen, tiefer als die Räume, in denen Wissen geordnet wurde, tiefer als die Hallen, in denen man Dinge nachschlug, um Antworten zu finden, die bereits gestellt worden waren. Dort unten begann ein Bereich, den selbst viele Magier mieden, nicht aus Angst, sondern aus einer stillen Einsicht heraus, dass nicht alles, was geschrieben wurde, dazu gedacht war, verstanden zu werden.
Die Abteilung hatte keinen klaren Namen.
Manche nannten sie die Sammlung der Prophezeiungen, andere sprachen von den unverständlichen Schriften, wieder andere schlicht von den unteren Rollen. Slonda selbst hatte längst aufgehört, ihr einen Titel zu geben, weil jeder Name bereits eine Einordnung war, und genau daran scheiterten diese Texte immer wieder.
Sie ließen sich nicht einordnen.
Die Luft war trocken und kühl, getragen von einem Geruch aus altem Pergament, Staub und einem Hauch von Feuchtigkeit, der sich über die Jahre in die unteren Mauern gefressen hatte. Manche Regale waren verzogen, einige Rollen zerfallen, andere nur noch Fragmente, deren Ränder ausgefranst waren wie die Gedanken, die sie einst festhalten sollten.
Slonda saß auf einem niedrigen Schemel, ein Bündel Rollen neben sich, ein anderes bereits geöffnet auf seinem Schoß, und las.
Oder versuchte es.
Er hatte sich lange genug mit solchen Dingen beschäftigt, um zu wissen, dass die meisten sogenannten Prophezeiungen nichts weiter waren als schlecht verstandene Zustände, festgehalten von Menschen, die glaubten, Bedeutung zu sehen, wo lediglich Überforderung war.
Er war einmal bei den Orakeln gewesen.
Weit im Osten, Wochen auf See, dorthin, wo die Schwefelquellen aus dem Boden drangen und die Luft so schwer war, dass selbst klare Gedanken darin zu zerfließen schienen. Man hatte ihn gerufen, weil die Oberste Seherin im Sterben lag, und man hatte gehofft, dass ein Magier der Erdschule vielleicht retten konnte, was dort an Leben noch übrig war.
Er hatte sie gerettet.
Mit Mühe, mit Geduld, mit klarem Verstand.
Die Frau hatte sich vergiftet, nicht absichtlich, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Gewohnheit. Zu viele Dämpfe, zu viele Kräuter, zu viel von allem, was sie in Trance versetzte und das sie für Zugang hielt, für Tiefe, für Wahrheit.
Sie hatte geredet.
Unaufhörlich.
Von Wolkenreitern, die Feuer regnen ließen. Von Würmern, die aus der Erde brachen und Städte verschlangen. Von dunklen Herrschern im Norden, tief unter der Erde, die warteten und wuchsen und alles verzehrten, was sich ihnen näherte. Von Kreaturen, die nur in Geschichten existierten und doch so beschrieben wurden, als hätte man sie berührt.
Unsinn.
Reiner Unsinn.
Als sie wieder klar wurde, wusste sie selbst nicht mehr, was sie gesagt hatte, und dennoch waren Schreiber dagewesen, hatten jedes Wort festgehalten, hatten daraus Rollen gemacht, die später in Bibliotheken landeten, wo Gelehrte sie studierten, Könige sie befragten und Kriege mit ihnen begründeten.
Slonda hatte damals verstanden, dass die Welt nicht an Mangel an Wissen litt, sondern an der Bereitschaft, Unklarheit als Bedeutung zu verkaufen.
Und nun saß er hier.
Und las.
Und versuchte, nicht denselben Fehler zu machen.
Die Texte vor ihm waren älter.
Deutlich älter.
Kein Datum, keine klare Herkunft, keine erkennbare Ordnung. Manche Passagen wirkten, als wären sie von verschiedenen Händen geschrieben, andere so gleichmäßig, dass man sie für Abschriften halten musste, doch auch das ließ sich nicht sicher sagen, weil zu viel verloren gegangen war.
Und immer wieder tauchte dasselbe Motiv auf.
Der Schicksalslose.
Slonda verzog leicht den Mund, während er die Worte überflog.
Ein Begriff ohne Definition.
Ein Zentrum ohne Kontext.
Ein Anker, an dem alles befestigt wurde, ohne dass je klar wurde, was er tatsächlich bedeutete.
Er las weiter.
Der Schicksalslose traf seine Wahl und das Universum zerbarst.
Ein anderes Fragment, kaum zwei Seiten später:
Der schicksalslose Mächtige traf seine Wahl und das Universum erblühte.
Slonda lehnte sich zurück.
„Natürlich“, murmelte er leise.
„Warum nicht beides.“
Es war immer dasselbe Muster.
Aussagen, die sich widersprachen und gerade deshalb später als richtig ausgelegt werden konnten, egal, was geschah. Wenn alles möglich ist, ist nichts falsch, und genau darin lag die bequeme Stärke solcher Texte.
Er griff nach einer weiteren Rolle.
Das Pergament war brüchig, die Tinte an manchen Stellen verlaufen, als hätte Wasser darüber gestanden oder als hätten kleine Tiere daran genagt, doch der Kern war noch lesbar.
Das Kind des Schicksalslosen wurde gar mächtiger als die mächtigsten Zauberer es je zu träumen wagten, und nach der Wahl änderte das Kind das Schicksal.
Ein anderes Fragment:
Die Mutter starb bei der Geburt des Kindes des Schicksalslosen und ward darauf verloren, der Schicksalslose traf in großer Trauer die Wahl und die Wahl war die…
Der Satz brach ab.
Das Pergament dort war zerstört.
Slonda starrte einen Moment darauf, als könnte sich der fehlende Teil von selbst ergänzen.
Tat er nicht.
Er legte die Rolle zur Seite und griff nach einer anderen, mehr aus Gewohnheit als aus Erwartung, und auch dort fand er nichts als Variationen desselben Themas, verschoben, verzerrt, manchmal poetischer, manchmal roh, aber immer ohne festen Bezugspunkt.
Zeitlich ließ sich nichts einordnen.
Vor dem Kodex vielleicht.
Oder danach.
Oder irgendwo dazwischen.
Der Kodex selbst wurde erwähnt, sporadisch, meist in einem Ton, der weniger respektvoll als warnend war.
Und die Zeit wird kommen, da ein Rat alles in ein Korsett zwängt und alles vernichtet, was frei und wild ist, die Pflanzen stutzt und in ein Buch gießt, auf dass Äonen nichts mehr gedeie und jeder Trieb geschnitten wird, doch das Wilde, das Freie wird sich wieder von seinem Einband befreien, und erneut wird eine Zeit der Ungewissheit beginnen.
Slonda schnaubte leise.
„Poesie“, sagte er trocken.
„Schlechte.“
Und doch legte er das Fragment nicht weg.
Er begann, Verzeichnisse anzulegen, ordnete, so gut es ging, versuchte, Muster zu erkennen, wiederkehrende Begriffe, Strukturen, Zusammenhänge, doch je länger er sich damit beschäftigte, desto deutlicher wurde ihm, dass er nicht ordnete, sondern kämpfte.
Gegen das Material.
Gegen die Unschärfe.
Gegen die eigene Erwartung, dass irgendwo darin ein Sinn liegen müsse.
Am Ende jedes Tages blieb das gleiche Gefühl.
Nicht Fortschritt.
Sondern ein Abbruch.
Er gab auf.
Oder genauer, er musste aufhören, weil alles Weitere nur Wiederholung gewesen wäre.
Er verließ die unteren Räume spät, wenn die Bibliothek bereits still geworden war, ging durch die langen Gänge zurück in seine Kammer, die einfach war, funktional, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Ecke, in der ein zweites, ganz anderes Problem lag.
Sein anderes Rätsel.
Er setzte sich oft davor, ohne es zu berühren, betrachtete es, als könne allein das Sehen etwas verändern, doch meist blieb es still, verschlossen, unzugänglich.
In dieser Nacht war es anders.
Er legte sich hin.
Unruhig.
Der Schlaf kam nicht sofort.
Und als er kam, brachte er den Traum.
Wieder die Bibliothek.
Wieder doppelt.
Überlagert.
Zwei Räume, die gleichzeitig existierten, zwei Anordnungen, die nicht übereinstimmten, zwei Versionen derselben Regale, derselben Rollen, derselben Wege.
Er wachte auf.
Sofort.
Sitzend.
Der Atem flach.
Und diesmal blieb es nicht nur ein Gefühl.
Diesmal war da Klarheit.
Er stand auf, ging direkt zu dem Stapel in der Ecke, zog zwei Rollen hervor, die sich von den anderen unterschieden, nicht durch ihren Inhalt, sondern durch ihren Zustand, als wären sie neuer, glatter, weniger von Zeit angegriffen.
Er legte sie auf den Tisch.
Zündete eine Kerze an.
Und begann.
Er schrieb ab.
Zeile für Zeile.
Zuerst die eine.
Dann die andere.
Eine Transkription.
Eine Art Schlüssel.
Seine Hand bewegte sich schnell, sicher, als hätte er nicht nur verstanden, sondern gewusst, was er tat, als würde etwas in ihm die Struktur bereits kennen.
Dann nahm er das dritte Schriftstück.
Das, das zuvor keinen Sinn ergeben hatte.
Und begann erneut zu schreiben.
Langsam.
Konzentriert.
Und während die Worte sich formten, während sie aus der unverständlichen Struktur in eine lesbare übergingen, spürte er, wie sich etwas in ihm zusammenzog.
Er konnte es lesen.
Endlich.
Und was dort stand, ließ ihn innehalten.
Ein Weg.
Durch die Zeit.
Kein Gleichnis.
Keine Metapher.
Eine Beschreibung.
Klar genug, um nachvollziehbar zu sein, präzise genug, um nicht als bloße Fantasie abgetan werden zu können.
Ein einmaliger Übergang.
Kein Zurück.
Ein Eingriff.
Er las weiter.
Die Bedingungen.
Der Ort.
Die Art des Wirkens.
Sein Atem wurde flacher.
„Das ist…“, begann er leise.
Und brach ab.
Weil es kein Wort gab, das ausreichte.
Seine Hand lag noch auf dem Pergament, als es klopfte.
Kurz.
Fest.
Und ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete sich die Tür.
Grot trat ein.
Seine Präsenz füllte den Raum sofort, nicht laut, nicht aufdringlich, sondern durch die schiere Selbstverständlichkeit, mit der er eintrat, als gehöre ihm jeder Ort, den er betrat.
„Darf ich“, fragte er im Gehen.
Und noch bevor die Worte verklungen waren, folgte der zweite Satz.
Kälter.
Direkter.
Ein Vorwurf.
„Wo ist euer verdammter Bruder.“
XV
Kral segelte nach Süden, und je weiter sie kamen, desto mehr verlor das Meer jene vertraute Ordnung, die es nahe der bekannten Routen noch hatte, wo andere Schiffe kreuzten, wo Rauch am Horizont lag, wo man wusste, dass man nicht allein war, selbst wenn man niemanden sah. Hier unten wurde die See weiter, leerer, stiller, und diese Stille war keine beruhigende, sondern eine, die sich ausdehnte, die sich zwischen die Männer legte, die Gespräche kürzer werden ließ und Blicke länger.
Die Tage vergingen in einer Gleichmäßigkeit, die nur auf den ersten Blick ruhig wirkte.
Morgens das gleiche Licht, flach über dem Wasser, das die Wellenkämme wie dünne Klingen glänzen ließ, mittags die Hitze, die sich auf Deck sammelte und Holz und Tauwerk warm werden ließ, abends das langsame Absinken der Sonne, das den Himmel in Farben tauchte, die zu schön waren für das, was sie begleiteten, und nachts die Dunkelheit, die alles verschluckte, bis auf das, was nicht dorthin gehörte.
Die Mannschaft arbeitete. Nicht schlecht. Nicht herausragend. Aber ausreichend.
Kral beobachtete sie weiterhin, achtete auf die kleinen Dinge, auf das Zusammenspiel, auf die Art, wie Befehle weitergegeben wurden, wie schnell jemand reagierte, wenn etwas nicht stimmte, und er griff ein, wenn nötig, nicht laut, nicht demonstrativ, sondern gezielt, so dass sich keine Unsicherheit festsetzen konnte.
Sie liefen weiterhin Häfen an, nahmen Proviant auf, ließen sich bezahlen, ließen sich fürchten, und die Geschichten vom Monster auf See wurden mit jeder Meile dichter, als würden sie sich an sie heften wie Salz an Haut, und Kral begann zu merken, dass er nicht nur durch diese Gerüchte verdiente, sondern dass sie auch etwas anderes taten, sie veränderten die Männer, ließen sie wachsamer werden, aber auch nervöser, als würde das Unsichtbare langsam Form annehmen.
Auf See fanden sie mehr. Nicht nur vereinzelte Stücke. Sondern Spuren.
Ein halber Rumpf, der sich wie ein gebrochener Rücken durch das Wasser zog, Planken, die nicht einfach auseinandergebrochen waren, sondern nach außen gedrückt, als hätte etwas von innen heraus versucht, sich zu befreien, Kisten, deren Deckel gesplittert waren, Fässer, die noch geschlossen waren und beim Öffnen den Geruch von Wein freigaben, der sich mit dem Salz mischte.
Sie fischten alles heraus. Mit Gier. Und doch bleib eine Lehrstelle. Sie fanden keine Menschen, keine Lebenden, keine Schiffbrüchigen, keine Leichen. Das Meer schien nur Material zurückzugeben. Aber keine Menschen.
Der Gesang wurde stärker. Nicht lauter. Aber deutlicher.
Es war nicht mehr möglich, ihn zu ignorieren, und selbst die Männer, die zuvor geschwiegen hatten, begannen, sich anzusehen, wenn er kam, begannen, sich zu vergewissern, dass sie ihn nicht allein hörten, dass es kein Spiel ihres eigenen Geistes war.
Hohe Stimmen, fast wie ein Singen ohne Sprache. Tiefe Stimmen darunter, langsamer, getragen. Und manchmal, ganz selten, lag dazwischen etwas, das nicht passte, ein Bruch, ein Ton, der nicht zu den anderen gehörte, als würde jemand oder etwas dazwischen sprechen wollen.
Der Stoß von unten ließ das Schiff erzittern, doch es blieb nicht bei einem Schlag, sondern folgte sofort ein zweiter, dann ein dritter, nicht gleichzeitig, sondern versetzt, als würde etwas unter ihnen kreisen, sie prüfen, den Rumpf entlangstreifen, an verschiedenen Stellen ansetzen.
Kral war unten, bevor die Männer verstanden, was geschah. Das war kein Riff, er kannte die Gewässer hier. Das Wasser drang ein. Nicht in einem Strom. In mehreren. Kleine Lecks zuerst, dann größere, als hätten sich die ersten Risse unter dem Druck erweitert.
„Schneller“, sagte er nur, und die Männer arbeiteten, schmolzen Pech, drückten es in die Risse, hielten es mit Stoff, mit Holz, mit allem, was sich eignete, während andere das Wasser hinausschöpften, Eimer für Eimer, in einem Rhythmus, der bald nichts anderes mehr kannte.
Als Kral wieder an Deck trat, sah er es in der Ferne unter Wasser bewegen. Das Ungeheuer kam wieder näher. Und es war größer, als er es im ersten Moment erfasst hatte.
Der Körper zog sich durch das Wasser, lang, geschmeidig, doch nicht gleichmäßig, sondern mit Ausbuchtungen, mit Ansätzen von Gliedmaßen, mit etwas, das sich bewegte, ohne dass man sagen konnte, wohin, und als es sich drehte, brach etwas aus der Oberfläche, das wie ein Horn wirkte, gebogen, dunkel, nass glänzend, bevor es wieder verschwand.
Es kam nicht direkt.
Es kam von unten.
Und jedes Mal, wenn es ansetzte, tat es das anders, als würde es lernen, als würde es sich anpassen. Kral ließ das Schiff auf Geschwindigkeit bringen, ließ Öl hinter ihnen ins Wasser gießen und entzünden, sodass ein brennender Streifen entstand, der sich wie eine Wand aus Feuer über die Oberfläche zog, und für eine Weile hielt das Wesen Abstand, doch es wich nicht zurück, es verschwand nicht, es blieb.
Die Nacht kam. Und mit ihr begann die eigentliche Jagd.
Sie segelten im Dunkeln, ohne Licht, geführt nur von Gefühl, von Erfahrung, von dem, was Kral glaubte, noch zu wissen, und unter ihnen bewegte sich das Wesen weiter, unsichtbar, aber spürbar, in der Art, wie das Wasser sich verhielt, wie kleine Wellen gegen den Rumpf schlugen, die keinen Wind hatten. Immer wieder kam es, immer wieder fand es sie.
Ein Stoß.
Ein Riss.
Ein Schrei.
Dann Stille.
Die Männer arbeiteten ohne Pause, dichteten, schöpften, sicherten, während die Müdigkeit sich in ihre Bewegungen fraß, während Hände langsamer wurden und Gedanken kürzer. Am zweiten Tag war das Schiff bereits verändert. Es lag tiefer. Das Holz war durchzogen von Flickstellen, von dunklem Pech, von provisorischen Verstärkungen, die hielten, aber nicht für immer, und jeder wusste es, auch wenn es keiner sagte. Sie sahen Land.
Mehrmals.
Und jedes Mal, wenn sie sich näherten, wenn Hoffnung aufkam, kam das Wesen zurück, drängte sie ab, zwang sie hinaus, ließ keinen Zweifel daran, dass es nicht zuließ, dass sie entkamen. Also drehte Kral nach Osten. Ins offene Meer.
Und genau dort kam der Sturm. Er traf sie hart. Der Wind Griff in die Segel, das Schiff wurde seitlich gedrückt, Wasser schlug über Deck, Männer verloren den Halt, rutschten, standen wieder auf, arbeiteten weiter, während der Himmel sich schloss und jede Orientierung verschwand.
In diesem Chaos war das Wesen nicht zu sehen. Sie verbrachten drei Tage in dem Strum, sie machten weg. Die Nacht danach war die längste. Ohne Sterne. Ohne Richtung. Nur Wasser und Gesang. Immer wieder der Gesang.
Mal fern.
Mal nah.
Und irgendwann wusste keiner mehr, ob er wirklich da war oder nur in ihren Köpfen. Am Morgen sahen sie Inseln. Kral kannte sie nicht. Und genau in diesem Moment kam der Angriff.
Das Schiff wurde von der Seite getroffen, drehte sich, der Kiel schlug auf Grund, erst leicht, dann mit voller Wucht, Holz splitterte, ein Riss zog sich durch den Rumpf, länger als alle zuvor, und diesmal wusste jeder an Bord, dass es nicht mehr zu halten war. Menschen wurden über Bord geschleudert.
„Alles runter“, rief Kral, und seine Stimme ging unter im Lärm, im Knacken, im Schreien, doch die Männer bewegten sich bereits, griffen, was sie greifen konnten, sprangen, zogen andere mit sich, während Wasser jetzt nicht mehr eindrang, sondern hereinbrach.
Ein Mann rutschte aus, wurde gegen die Reling geschleudert, verschwand im Wasser, tauchte noch einmal auf, griff nach einem Seil, das jemand ihm zuwarf, wurde herangezogen, halb bewusstlos, hustend, lebend.
Ein anderer blieb unter Deck. Zu lange. Als sie ihn fanden, stand das Wasser ihm bereits bis über den Kopf, er war in einer Kabine ertrunken.
Das Schiff brach.
Kral war einer der Letzten, der sprang.
Das Wasser war kalt. Schwer. Und voller Trümmer. Holz schlug gegen ihn, etwas streifte sein Bein, er tauchte unter, kam wieder hoch, griff nach einem Stück Planke, zog sich daran entlang, bis er festen Grund unter den Füßen spürte. Hinter ihm wurde das Schiff zerfetzt. Das Wesen kam noch einmal. Zerschlug, was noch stand.
Zog Reste hinaus.
Und dann kam der Gesang.
Laut.
Klar.
Und das Wesen reagierte.
Es hielt inne.
Bewegte sich unruhig.
Als würde es widersprechen.
Als würde es gezwungen.
Dann wandte es sich ab.
Und verschwand.
Zurück blieb der Strand. Und die Männer. Und plötzlich war er nicht mehr nur der, der sie geführt hatte. Sondern der, den man zur Rechenschaft zog.
XVI
Mittwinter dauerte nicht nur eine Nacht, und vielleicht war genau das das Gefährlichste daran, denn was anfangs wie ein Fest wirkte, wie eine Ausnahme, wie ein kontrolliertes Öffnen von Grenzen, breitete sich in Wahrheit über Tage aus, sieben an der Zahl, wenn man die Zeit des Fastens mitzählte, sieben Tage, in denen die Schule sich selbst verwandelte und mit ihr alle, die sich in ihren Mauern aufhielten. Es begann mit Verzicht, mit dem langsamen Zurücktreten des Alltäglichen, mit weniger Speise, weniger Schlaf, weniger Sprache, mit Räumen, in denen Duftkräuter verbrannt wurden und Wein nur in kleinen Mengen gereicht, gerade genug, um den Körper empfänglicher zu machen und den Geist aus seinen gewohnten Fugen zu lösen. Dann aber, als der letzte Tag kam, als wieder gegessen wurde und die Stille, die zuvor wie gespannte Saiten über den Hallen gelegen hatte, sich endlich lösen durfte, ging alles in etwas anderes über, in einen Rausch der Sinne, der nicht bloß aus Körpern, Wärme und Wein bestand, sondern aus jener besonderen Tiefe, die nur die Geistesschule hervorzubringen schien, weil es hier nie allein um Lust ging, sondern ebenso um Offenheit, um das Abstreifen von Schutz, um das kurzzeitige Aussetzen dessen, was man sonst sein musste, um zu überleben.
Für Anadar wurde diese Zeit zu etwas, das er sich weder erhofft noch zugetraut hatte. Er heilte. Nicht plötzlich, nicht wie durch ein Wunder, sondern auf jene langsame, tiefe Weise, auf die Wunden heilen, die nicht nur im Fleisch liegen. Die Erschöpfung verließ ihn nach und nach, seine Gedanken wurden wieder klarer, die innere Spannung, die sich seit Wochen, vielleicht seit Monaten in ihm festgesetzt hatte, verlor an Schärfe, und auch körperlich fand er in eine Kraft zurück, die er fast vergessen hatte, weil er so lange nur noch von einem nächsten Ziel zum anderen weitergegangen war, ohne wirklich zu bemerken, was der Weg ihn kostete. Er genoss diese Tage mehr, als er es offen zugegeben hätte, gerade weil er wusste, dass sie nicht bleiben würden. Immer wieder dachte er an den Norden, an Slonda, an das, was ihn dort erwartete, an die Notwendigkeit, endlich weiterzureisen und Antworten zu suchen, und jedes Mal, wenn diese Gedanken sich festzusetzen drohten, wenn sie Gestalt annahmen und ihn aus der gegenwärtigen Wärme zurück in Pflicht und Unruhe ziehen wollten, war die Mutter da, nicht immer sichtbar, nicht immer mit Worten, aber mit jener sicheren, ruhigen Macht, die seinen Geist an eine andere Stelle lenkte, als würde sie sehr genau wissen, dass er noch nicht zurück in die Welt durfte, dass er noch ein wenig länger in diesem Zwischenraum gehalten werden musste, damit das, was zerbrochen war, nicht nur notdürftig geflickt, sondern wirklich geschlossen werden konnte.
Und Shara war nun ebenfalls anders. Anadar verstand nicht alles von dem, was zwischen ihr und der Mutter geschehen war, nicht den Weg, nicht die Methode, nicht die Tiefe dessen, was dort übertragen worden sein mochte, aber er verstand genug, um zu wissen, dass es ein Geschenk gewesen war, nicht nur an sie, sondern an sie alle, und dass Shara nun mit einer Ruhe, einer Klarheit und einer stillen Schärfe durch Zoordak ging, die er zuvor an ihr nicht gekannt hatte. Sie war nicht weniger sie selbst geworden, das nicht, aber in ihr war etwas hinzugetreten, das sie nicht härter machte, sondern tiefer, als hätte sie plötzlich Zugang zu einer Schicht gewonnen, in der andere noch tasteten, und oft beobachtete er sie, wie sie sich im Gespräch bewegte, wie sie schwieg, wie sie ihn ansah oder die anderen, und er begriff dann mit einer Mischung aus Staunen und vorsichtiger Dankbarkeit, dass sie nun Dinge wahrnahm, die vor kurzem selbst ihm verborgen geblieben wären. Was die Mutter ihr gegeben hatte, war Macht, gewiss, aber nicht jene rohe, auffällige Form von Macht, die man sofort erkennt und fürchtet, sondern etwas Gefährlicheres und zugleich Feineres, ein Wissen um Strukturen, um Gedanken, um das Unausgesprochene, und vielleicht war genau deshalb das Band zwischen ihnen allen in diesen Tagen so selbstverständlich geworden, als hätten sie es nicht erst geknüpft, sondern nur endlich bemerkt.
Morgut, Miene und Sindra wurden in dieser Zeit beinahe untrennbar. Die letzten Wochen hatten sie bereits eng zusammengeschweißt, doch nun schien aus Gemeinschaft allmählich so etwas wie eine kleine eigene Einheit zu werden, die ohne große Worte funktionierte, in der jede die Bewegungen der anderen vorauszuahnen schien, und Anadar wie Shara beobachteten das mit einer stillen Belustigung, vor allem deshalb, weil beiden nicht entging, dass Miene und Sindra auf sehr unterschiedliche Weise ein Auge auf Morgut geworfen hatten, jede bemüht, es nicht zu deutlich werden zu lassen, und doch beide so sichtbar in ihren kleinen Aufmerksamkeiten, ihren Blicken und ihrer jeweiligen Art, sich nützlich zu machen, dass das Ganze fast schon rührend wirkte. Morgut seinerseits schien davon nur zur Hälfte etwas zu begreifen, war freundlich, offen und von jener beneidenswerten Arglosigkeit, die Menschen manchmal gerade dann besitzen, wenn die Welt um sie herum längst begonnen hat, sich zu verkomplizieren, und so schwiegen alle über das, was zwischen ihnen während Mittwinter vielleicht geschehen oder nicht geschehen war, ebenso wie über das, was zwischen der Mutter, Shara und Anadar im Schutz dieser Tage gelegen hatte. Was während der Mittwinterfeier geschah, blieb dort, gebunden an diese Räume, an diese Schule, an diese Zeit. Es wurde nicht benannt, nicht erklärt, nicht in die kühle Sprache des Alltags gezogen, und vielleicht lag gerade darin eine Form von Würde.
Dann ging das Fest zu Ende, und mit ihm kehrte die Wirklichkeit zurück, erst zögernd, dann deutlich, wie eine Kälte, die man zunächst nur an den Händen spürt und die bald wieder im ganzen Körper ist. Drei Tage blieben bis zur Konklave, und aus der weichen Zeit des Rausches wurde wieder Planung. Sie saßen in einer kleinen Kammer beisammen, über Karten gebeugt, Pergamente, Notizen und alte Straßenverläufe vor sich ausgebreitet, während draußen Zoordak bereits damit beschäftigt war, sich von Mittwinter zu lösen und wieder jene geordnete Schönheit anzunehmen, die so oft darüber hinwegtäuschte, wie viel Macht und Wille in ihren Mauern lag. Anadar hatte sich fest vorgenommen, von der Geistesschule aus durch das Portal zu gehen und dann weiterzuziehen, nicht länger zu warten, nicht länger aufzuschieben. Der direkte Weg nach Norden, jener, den Nigk und Xian genommen hatten, war mit hoher Wahrscheinlichkeit für Monate unpassierbar, verschüttet, vereist oder durch die winterlichen Verhältnisse schlicht zu gefährlich, also blieb vorerst nur der Umweg, zunächst nach Tandor, zu Slonda, der vielleicht mehr in Erfahrung gebracht hatte, als man zuletzt wissen konnte, und von dort womöglich weiter über Flund nach Sontor, eine Strecke, die zwar nicht unmöglich, aber unerquicklich genug war, um sie nur zu nehmen, wenn sie wirklich notwendig wurde.
Über den Großen Markt und die guten Straßen zu reisen, lehnte Anadar innerlich von vornherein ab. Zu offen. Zu sichtbar. Zu leicht vorauszuberechnen. Er hätte es am liebsten ohnehin vorgezogen, allein zu reiten, schneller, ungebundener, mit weniger Verantwortung für andere und mit jener bitteren Bequemlichkeit, die darin liegt, nur sich selbst in Gefahr zu bringen. Aber er sprach es nicht einmal aus, weil er längst wusste, wie Shara darauf reagieren würde, und weil er ebenso wusste, dass ihr Widerspruch nicht nur heftig, sondern vollkommen berechtigt wäre. In dieser Hinsicht war es einfacher, den Gedanken gar nicht erst in Worte zu fassen, sondern ihn dort zu lassen, wo er hingehörte, bei jenen Möglichkeiten, die einem gerade deshalb vernünftig vorkommen, weil man hofft, niemand werde einem ihre Dummheit auslegen müssen.
Sie hatten also einen groben Plan, nicht mehr, aber doch genug, um den nächsten Schritt nicht ganz blind zu tun. Dann ließ die Mutter Anadar noch einmal zu sich rufen.
Er ging zu ihr allein, durch jene hellen, ruhigen Gänge, in denen selbst Schritte gedämpft klangen, als wollten die Mauern verhindern, dass etwas Grobes ihren Frieden störte, und als er ihre Räumlichkeiten betrat, fand er sie zunächst genau so vor, wie er sie erwartet hätte, die junge blonde Schönheit, goldenes Haar, goldenes Licht, auf ihrem Diwan in dem runden, hellen Raum, dessen Kuppel sich wie ein eigener Himmel über ihr spannte. Sie saß in jener gelassenen Haltung, die bei ihr nie dekorativ wirkte, sondern immer wie Ausdruck einer Selbstverständlichkeit, und doch veränderte sich in dem Augenblick, in dem er sie ansah, alles.
Der helle Kuppelraum war fort.
Nicht ausgelöscht, nicht fortgerissen, sondern ersetzt, und an seiner Stelle befanden sie sich in einer viereckigen Kammer aus grauem Stein, nüchterner, enger, älter, mit einem Kamin, in dem Feuer brannte, mit Fenstern hoch oben in der Wand, durch die kaltes Tageslicht herein fiel und den Blick auf einen dunklen Wald freigab. Vor ihm saß nun nicht mehr die zeitlose Gestalt, die Zoordak kannte, sondern eine unendlich alte Frau, dünn, beinahe bis auf das Wesentliche reduziert, das Gesicht von Falten gezeichnet, die Haut wie Papier über den Knochen, das weiße Gewand schlicht, fast arm, und doch sah man in diesen Zügen die Mutter sofort wieder, nicht als Gegensatz, sondern als Wahrheit, die sich unter der Schönheit verborgen hatte. Sie lächelte ihn an, und in diesem Lächeln lag nichts Schwaches, nichts Gebrochenes. Es war nur alt.
Sie deutete auf einen Stuhl.
Anadar setzte sich.
Sie seufzte leise, goss Tee ein und stellte die Tasse vor ihn, mit einer Langsamkeit, die nicht mühsam, sondern bewusst wirkte. Dann schwiegen sie lange. Das Feuer knackte. Draußen bewegten sich Äste im Wind. Und Anadar merkte, dass dies keine Täuschung, keine Einwirkung, kein Lehrbild war, jedenfalls nicht in der einfachen Weise, wie er es benennen könnte. Es fühlte sich real an, und doch wagte er nicht, diesem Eindruck vollständig zu trauen.
Als sie schließlich sprach, hatte sie noch immer die Stimme der Mutter.
„Was ich dir nun offenbare und erzähle, wird ein Geheimnis zwischen uns bleiben“, sagte sie, und allein die Nüchternheit, mit der sie das aussprach, ließ das Gewicht der Worte sofort spürbar werden. „Du wirst dieses Wissen brauchen.“
Sie seufzte erneut, als läge in dem Kommenden eine Müdigkeit, die nicht von diesem Tag kam, und Anadar nickte nur, unfähig, etwas zu erwidern, weil er spürte, dass jede vorschnelle Frage zu klein wäre.
„Viele Dinge sind in Bewegung geraten“, sagte sie dann. „Was verborgen war, kommt wieder hervor. Vor unendlich langer Zeit, lange bevor manche Sterne am Himmel geboren wurden, lange Zeit davor, mein Sohn, war die Welt anders.“
Anadar lauschte.
„Ich weiß nicht, wie sie war“, fuhr sie fort. „Nicht wirklich. Auch ich nicht. Doch ich weiß, dass sie anders war, und ich weiß, dass es ein Ereignis gab, das alles änderte. Danach herrschte die Konklave, und sie band oder vernichtete alles, was sich nicht unterordnen wollte. Inquisition um Inquisition, manchmal gerechtfertigt, manchmal nicht, aber immer brutal, immer auf der Jagd nach dem, was wir heute freie Magie nennen. Diese Grenzen sind fließend, wie du weißt. Immer ging es darum, Streben nach Macht und Herrschaft zu unterbinden, und doch ist die Konklave selbst nichts anderes als eine Institution der Macht. Das ist die Absurdität, an der sie bis heute leidet.“
Anadar hob den Blick. „Du sagst also, das Gleichgewicht, das die Konklave vorgibt zu sein, gerät ins Wanken.“
„Ja“, sagte sie ruhig. „Ich deute die Zeichen so. Aber es ist nicht nur das, was vor der Konklave war, das nun wieder hervortritt. Es ist auch das, was nach ihr geschah. Wir waren nicht immer nur sechs Schulen. Es waren mehr. Manche lösten sich auf. Manche gingen in anderen auf. Andere wurden ausgelöscht.“
„Wie viele Disziplinen gab es?“
Ein müdes Lächeln glitt über ihr altes Gesicht. „Das kann ich dir nicht zufriedenstellend beantworten. Ich bin alt, Anadar, aber nicht so alt. Die letzte große Inquisition habe ich nicht selbst erlebt, und als ich dieses Amt übernahm, war ich zu jung, um Zugang zu jenem Wissen zu erhalten, das selbst hier verborgen blieb. Es ist eines der Dinge, die du oder dein Bruder erfahren müsst. Das Wissen ist auf dieser Welt, daran zweifle ich nicht, aber es ist gut versteckt, gut verborgen, damit es nicht so leicht gefunden wird. Und das hat einen Grund. Es ist gefährlich.“
Anadar dachte einen Moment nach. „Die Konklave. Der Kodex. Davor wurde es verborgen.“
„Und vor dir“, sagte sie, „und vor mir. Höre mir gut zu. Wir sind, was wir sind, aber nicht unsere Fähigkeiten sind es, die uns definieren. Es sind unsere Taten. Eine Waffe bleibt ein Gegenstand. Eine Axt kann Holz bringen, sie kann verteidigen, sie kann töten. Was sie ist, entscheidet nicht das Eisen, sondern die Hand, die sie führt, und die Entscheidung, mit der sie geführt wird.“
„Ich beginne zu verstehen“, sagte Anadar langsam.
„Und doch“, erwiderte sie, „können sich Meinungen ändern, Haltungen kippen, Menschen sich selbst verraten. Eine Axt bleibt eine Axt, aber der Träger kann anders werden, und genau davor fürchten sie sich. Vor dir fürchten sie sich. Nicht weil du jetzt schon das getan hättest, was sie dir unterstellen könnten, sondern weil du es könntest. Weil deine Art, deine Macht und der Weg, auf dem du dich bewegst, an eine Grenze führen, von der sie nicht wissen dürfen, dass du sie überhaupt erreicht hast. Niemals. Verstehst du mich? Du bist eines der Dinge, die das Gleichgewicht verschieben werden.“
Anadar schwieg kurz, dann sagte er ehrlich: „Noch war ich mir dessen nicht bewusst.“
„Es gibt mehr“, sagte sie und neigte leicht den Kopf, als lausche sie in etwas hinein, das hinter seinen Worten lag. „Bücher tauchen nicht zufällig auf und gelangen nicht zufällig in die Hände unbegabter Magier. Menschen fliehen nicht vor einer bloßen Laune des Wetters. Dämonen erscheinen nicht einfach, weil es so sein soll. Anadar, wir werden dich brauchen, um ein Gleichgewicht zu halten oder wiederzufinden. Bis dahin aber werden sie dich jagen, wenn nicht die Konklave selbst, dann Einzelne, die glauben, besser zu verstehen als die anderen. Sie verstehen nicht, was sie sehen, und gerade das macht sie gefährlich.“
Anadar lächelte, ein schmales, beinahe müdes Lächeln. „Dann sollen sie.“
Sie erwiderte es nicht. „Ich glaube nicht, dass der Norden das Hauptproblem ist. Ich denke, er ist nur ein Symptom, eines von mehreren, ein Zeichen der Zeit, so wie der Dämon in deinem Schwert eines ist. Wenn du Antworten willst, fang damit an.“
Er runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz.“
„Er ist ein Wesen“, sagte sie, „von dem du etwas lernen kannst, das es auf dieser Welt kaum mehr gibt, weil man es ausgemerzt hat, beinahe vollständig. Er ist uralt, listig und er will etwas.“
„Blut.“
Zum ersten Mal lächelte sie offen, fast müde. „Nein. Oder nicht in erster Linie. Ja, es dürstet ihn, und ja, er wird diesen Durst gegen dich verwenden, aber das ist nicht sein eigentliches Ziel. Ich denke, er will Freiheit. Und Wissen. Pass auf, was du tust. Es beobachtet dich. Es lernt von dir. Es spioniert dich aus. Und du kannst von ihm lernen, wenn du klug genug bist, den schmalen Grat zu erkennen, auf dem du dich dabei bewegen musst. Schließlich ist es womöglich der Dämon selbst, der dir sagen kann, wie du ihn bannen kannst. Das oder das Buch, das Fantor besaß. Weißt du, wo es ist?“
Anadar schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe nicht danach gefragt. Ich werde es herausfinden müssen. Kann es meine Gedanken lesen? Es beeinflusst mich.“
„Nicht alles“, sagte sie. „Du kannst dich abschirmen. Und du wirst Hilfe dabei haben. Shara wird dich stützen und abschirmen, wenn es nötig wird. Morgut, Miene und Sindra sollen dich ebenfalls begleiten. Sie können Shara schützen. Oder dich. Du hast einen inneren Kampf vor dir, und ich fürchte, er wird härter, als der äußere je war.“
Anadar schauderte unwillkürlich, denn das Wort allein reichte, um die Erinnerung an den Blutdurst in ihm wieder wachzurufen, an dieses hässliche, zerrende Verlangen, das nicht aus ihm kam und sich doch anfühlte, als wäre es schon immer da gewesen. „Gibt es etwas, das es mildern kann?“, fragte er leise. „Es ist der Dämon, der es mir aufdrückt. Manchmal kann ich widerstehen.“
„Er spricht die Urinstinkte an“, antwortete sie. „Hunger. Sucht. Das rohe Verlangen nach Erleichterung. Er sitzt in deinem Unterbewusstsein und wird genau dort ansetzen, wo du am verletzlichsten bist. Es wird eine harte Übung für dich sein, dich davon zu lösen. Er wird den Blutdurst gegen dich wenden, er wird deine Moral gegen dich verwenden, deinen Stolz, deine Schuld, alles, was du für Stärke hältst. Wenn du ihm nachgibst, wird es für ihn immer leichter, an Blut zu kommen, und für dich immer leichter, den Druck nicht mehr zu spüren. Und genau darin liegt die Gefahr.“
Sie sah ihn lange an, sehr lange, und in diesem Blick lag nun nichts Mütterliches mehr, sondern eine unerbittliche Klarheit, die fast grausam war, weil sie jede Tröstung verweigerte.
„Wenn du ihm nachgibst“, sagte sie schließlich, ganz ruhig, „hast du immer die Wahl gehabt. Versteh das. Immer.“
Anadar erwiderte ihren Blick. Er wollte etwas sagen, doch sie hob die Hand, und ihre Stimme wurde leiser.
„Was ist schon ein Menschenleben“, fragte sie, und obwohl die Worte sanft gesprochen waren, trafen sie ihn wie ein kalter Schnitt. „Du hast die Macht der Wahl.“
XVII
Slonda fühlte sich gestört.
Nicht auf jene kleine, alltägliche Weise, auf die man sich von einem zu lauten Schritt im Gang, einem falsch zurückgestellten Buch oder einem Schüler, der zum dritten Mal dieselbe Frage stellt, gestört fühlt, sondern gründlicher, bis in die Struktur seiner Tage hinein, denn seit Grot mit seinen beiden Begleiterinnen in Tandor aufgetaucht war, schien es, als habe jemand beschlossen, die wenigen ruhigen Linien, auf denen Slondas Leben gewöhnlich verlief, absichtlich zu verwischen und überall grobe Fingerabdrücke zu hinterlassen.
Eigentlich waren es nicht einmal die beiden Frauen, die ihn reizten. Son und Indra hielten sich fast die ganze Zeit im Hintergrund, aufmerksam, schweigsam, wach wie Tiere, die gelernt hatten, ihren Einsatz nicht zu vergeuden. Sie standen oder saßen stets in Grots Nähe, sagten wenig, bewegten sich kaum unnötig und wirkten dennoch nie untätig. Es war Grot selbst, der alles verdarb. Diese schwerfällige, herrische Art, mit der er in Räume trat, als gehöre ihm bereits, was er noch gar nicht betreten hatte. Diese unangenehme Direktheit, die nichts von Rücksicht kannte, nichts von höflicher Umschreibung, nichts von jener feinen Form des Fragens, die im akademischen Umfeld wenigstens so lange aufrechterhalten wird, bis klar ist, dass sie sinnlos bleibt. Grot schien jeden Satz als eine Art Stoß zu begreifen und jede Unterhaltung als etwas, das man nicht führt, sondern gewinnt.
Schon an seinem ersten Tag hatte er Tranda und Isidre in einer Weise angegangen, die Slonda sofort gegen ihn einnahm. Tranda hatte noch versucht, ihn mit jenem geduldigen, milden Ton zu behandeln, den Ältere sich gegenüber groben Besuchern zulegen, weil sie wissen, dass offene Empörung nur noch mehr Lärm nach sich zieht. Isidre dagegen hatte ihre Verachtung nicht einmal besonders gut verborgen. Beides hatte nichts genützt. Grot hatte sie im Gang abgefangen, zwischen Regalen voller Chroniken und Verzeichnisse, hatte sie kaum gegrüßt und war sofort zur Sache gekommen.
„Ich glaube eurem Meister Slonda nicht“, hatte er gesagt, in diesem Ton, der aus einer einfachen Aussage eine Beleidigung machte. „Und ich habe keine Zeit für euer Herumgeschleiche. Wo ist sein verdammter Bruder.“
Tranda hatte geblinzelt, als müsse er erst überprüfen, ob sie die Formulierung richtig verstanden hatte.
„Ihr sprecht von Anadar, nicht wahr?“, hatte er mit bemerkenswerter Ruhe erwidert. „Wenn Meister Slonda wüsste, wo sein Bruder sich im Augenblick befindet, dann wäre das eine Information, die er kaum vor Euch verbergen müsste, schon gar nicht so kurz vor der Konklave. Meister Anadar versteckt sich sicherlich nicht vor einem wie euch, das braucht er nicht, nicht wahr?“ Die Spitze saß.
„Er weiß es“, hatte Grot zurückgeschnitten. „Er will es nur nicht sagen.“
Isidre hatte daraufhin die Arme verschränkt und ihn mit einer Kühle gemustert, die fast schon schön gewesen wäre, wenn der Gegenstand ihres Blickes nicht ausgerechnet Grot gewesen wäre.
„Dann unterstellt Ihr also Lüge, Absicht und Verschwörung in einem einzigen Atemzug“, hatte sie gesagt. „Das spart immerhin Zeit.“
Grot hatte nicht einmal gelächelt.
„Ja“, hatte er schlicht geantwortet.
Es war diese Art, die Slonda nicht ertrug. Nicht nur die Unhöflichkeit, obwohl sie unangenehm genug war, sondern die grundlegende Weigerung, die Welt als etwas Komplexes zu betrachten. Für Grot schien immer alles entweder Hindernis oder Werkzeug zu sein, und sobald er jemandem begegnete, den er nicht augenblicklich als nützlich erkannte, behandelte er ihn wie einen Stein im Weg.
Slonda hätte ihn gern ignoriert, doch gerade das wurde zunehmend schwieriger. Es waren nur noch wenige Tage bis zur Konklave, und während die Oberen bereits jene nervöse Vorbereitung ausstrahlten, die einer solchen Zusammenkunft immer vorausging, ein verstärktes Kommen und Gehen, mehr Boten, mehr Pakete, mehr Stimmen in den Gängen, hatte Slonda selbst ganz andere Sorgen. Er fühlte sich beinahe betrogen, als hätte die Zeit sich ausgerechnet jetzt entschieden, ihm nicht nur knapper zu werden, sondern auch noch mit einem Grot darin.
Denn er wollte arbeiten.
Nein, mehr noch, er musste arbeiten.
Das Pergament, das er entziffert hatte, ließ ihm keine Ruhe. Seit jener Nacht, in der die Zeichen sich ihm endlich geöffnet hatten und aus bloßer Unverständlichkeit plötzlich Anleitung geworden war, trug er diese fiebrige Gewissheit in sich, dass dort unten, in den Gängen der unteren Bibliothek, etwas möglich war, das jede herkömmliche Vorstellung von Weg, Ort und Zeit in Frage stellte. Er musste Besorgungen machen, Fackeln präparieren, einen Spiegel auftreiben, eine Vorrichtung bauen, die auf den ersten Blick wie eine sonderbare Mischung aus Werkbank, Gestell und Falle wirkte, und das alles möglichst so, dass niemand begriff, woran er arbeitete. Es stand alles in dem Pergament, nicht nur das Ritual selbst, sondern sogar die seltsamen, fast pedantischen Hinweise auf Material und Ausführung, als hätte der Schreiber geahnt, dass nicht die große Magie das Schwierige sein würde, sondern die lächerlich konkrete Vorbereitung.
Und nun lief ihm Grot überall hinterher.
Nicht offen wie ein Verfolger, der den Auftrag hat, jemanden festzusetzen, sondern schlimmer, als ein Mann, der beschlossen hat, jemanden nicht mehr aus den Augen zu lassen und der kein Problem darin sieht, daraus eine offene Zumutung zu machen. Wenn Slonda in einen Seitenraum ging, tauchte Grot früher oder später am Eingang auf. Wenn er die unteren Gänge nahm, fand er beim Zurückkehren mindestens eine der beiden Frauen an einer Treppe oder einem Torbogen. Wenn er sich in den Katalogräumen aufhielt, stand Grot irgendwann da, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sah sich mit jenem verächtlichen Desinteresse um, das zugleich deutlich machte, dass er alles wahrnahm.
Es wurde ein Katz und Maus Spiel, nur dass Slonda sich keineswegs sicher war, ob er in dieser Metapher die Maus oder die klügere Katze war.
Zunächst versuchte er, Grot regelrecht beim Dekan Tranda zu parken. Er führte ihn mit ausgesuchter Höflichkeit durch drei Gänge, zwei Treppenhäuser und einen kleinen Innenhof, erklärte ihm nebenbei mit demonstrativer Ausführlichkeit Dinge, die kein normaler Mensch je hätte wissen wollen, etwa warum die unteren Verzeichnisse nicht nach Autoren, sondern nach Materialalter geordnet waren und weshalb ein bestimmter Schrank aus Zedernholz gegen Feuchtigkeit wirksamer sei als jede billige Konservierungsformel, und übergab ihn schließlich dem Dekan mit einem Ton, der kaum zu verbergen suchte, wie sehr er hoffte, dass dieser Besuch nun woanders haften bleiben möge.
„Meister Grot hat so viele Fragen“, hatte Slonda milde gesagt. „Und Ihr könnt sie sicherlich weit besser beantworten als ich.“
Dann war er verschwunden.
Unmittelbar.
Nicht hastig, denn Hast hätte Verdacht erzeugt, aber rasch genug, um den gewonnenen Augenblick zu nutzen, und begann sogleich, den verwirrten, leicht zerstreuten Gelehrten zu spielen, als wäre nichts natürlicher, als dass er nun ausgerechnet Drinda suchte, einen jener undankbaren jungen Schüler, die man entweder drei Mal am Tag sah oder tagelang gar nicht, ohne dass sich daraus sofort eine Katastrophe ergeben musste.
Er fragte jeden.
Im Ernstfall glaubwürdig, in Wahrheit vor allem aus taktischen Gründen.
„Habt Ihr Drinda gesehen“, fragte er eine Schreiberin, die gerade Tintenfässer sortierte.
„Drinda? Nein, Meister.“
„Sicher? Groß genug, um im Weg zu stehen, und mit genau jener Art Gesicht, bei der man unwillkürlich an unvollendete Hausarbeiten denkt.“
Sie hatte verlegen gelächelt und den Kopf geschüttelt.
Er fragte einen Novizen im Treppenhaus, zwei Archivgehilfen, sogar Isidre, die ihn mit hochgezogener Braue ansah und sofort begriff, dass hier etwas gespielt wurde.
„Drinda? Nein. Aber wenn Ihr ihn sucht, dann sucht Ihr ihn aus einem Grund.“
„Aus mehreren“, sagte Slonda trocken. „Unter anderem, weil er gerade sehr gelegen käme.“
Er fragte sogar Grot selbst, als sie sich unvermittelt vor einem Regal mit Kartenmaterial begegneten.
„Habt Ihr zufällig Drinda gesehen?“, fragte Slonda brüsk, fast vorwurfsvoll. „Der Junge ist so unzuverlässig, dass ich beinahe versucht bin, ihn für nützlicher zu halten, wenn er fehlt, als wenn er da ist.“
Grot sah ihn an, als wäre dies die undankbarste Form von Ablenkung, die ihm je begegnet war.
„Nein“, sagte er. „Und ich suche auch nicht euren Schüler. Ich suche euren Bruder.“
„Dann sucht Ihr wenigstens zielstrebiger als ich“, erwiderte Slonda. „Das tröstet mich.“
Doch bei allem Schauspiel wunderte ihn tatsächlich, dass Drinda nicht auffindbar war. Es passte nicht ganz zu dem Jungen, sich ausgerechnet jetzt, kurz vor der Konklave, völlig unsichtbar zu machen. Slonda vermerkte die Tatsache irgendwo am Rand seines Denkens, ohne ihr im Augenblick den Platz einzuräumen, den sie vielleicht verdient hätte, und nutzte sie lieber weiter als dekorative Verwirrung in seinem kleinen Theaterstück.
Währenddessen begann er, alte Gänge zu benutzen, die von außen wie Geheimtüren wirkten, in Wahrheit aber nichts Romantisches an sich hatten, sondern einst bloß praktische Verbindungswege gewesen waren, schmale Korridore hinter den Regalen, verborgene Läufe in den Mauern, Wartungsgänge für Lampen und Luftzüge, steinerne Treppen, die früher dazu gedient hatten, Bücherkarren an Engstellen vorbei zu bewegen oder Wasser aus den unteren Räumen abzuleiten. Die meisten in der Bibliothek kannten sie nicht mehr oder hielten sie für zugemauert, und gerade deshalb waren sie nützlich. Slonda huschte durch sie nicht wie ein Verschwörer, sondern wie ein Mann, der seit Jahren mit einem Gebäude zusammenlebt und allmählich seine schlechten Angewohnheiten kennt.
Einmal sprach er Grot direkt an.
Nicht in Zorn, eher in erschöpfter Offenheit, die vielleicht sogar gefährlicher wirkte.
„Es stört mich“, sagte er, als sie sich im untersten Vorraum begegneten, wo der Stein selbst im Sommer feucht blieb. „Ich sage das nun einmal klar, weil Eure Schule offenkundig mit Andeutungen nichts anfangen kann. Es stört mich, dass Ihr mir auf Schritt und Tritt folgt. Es stört mich, dass Ihr meine Arbeit behindert, meine Zeit stehlt und in Räumen steht, zu denen Ihr keinen inneren Bezug habt. Kurz gesagt, Ihr seid unerquicklich.“
Grot blinzelte nicht einmal.
„Gut“, sagte er. „Dann versteht Ihr wenigstens, wie ich mich fühle, solange Ihr mich belügt.“
Slonda sah ihn einen langen Moment an.
„Ich belüge Euch nicht“, sagte er schließlich. „Ich informiere Euch nur nicht in der Reihenfolge, die Euch angenehm wäre.“
Das beeindruckte Grot nicht im Geringsten.
Also änderte Slonda die Taktik. Er stellte fest, dass Grot zwar ausdauernd war, aber nicht geduldig. Zwischen beidem lag ein Unterschied, den viele nicht begriffen. Ausdauer bedeutete, etwas lange tun zu können. Geduld bedeutete, Langeweile zu ertragen, ohne dabei den Sinn aus dem Blick zu verlieren. Grot besaß das Erste, aber kaum das Zweite. Also setzte Slonda sich an Orte, die für vernünftige Menschen unangenehm waren. In einen zugigen Nebenraum der Katakomben, wo ständig feine Tropfen von der Decke fielen und der Stein die Kälte so gut hielt, dass einem nach einer Stunde die Finger steif wurden. Dort breitete er alte Schriften aus, zog einen Hocker heran, ließ sich nieder und las.
Oder tat zumindest so.
Grot kam tatsächlich mit hinunter, blieb im Eingang stehen, verschränkte die Arme, sah eine Weile zu und wartete offenbar darauf, dass Slonda irgendwann die Geduld verlieren würde.
Tat er nicht.
Er blätterte. Schrieb Randnotizen. Verglich zwei Textfragmente, die er längst kannte. Rieb sich einmal die Stirn, als hätte ihn eine besonders formulierte Stelle beleidigt. Dann las er weiter.
Nach einer gefühlten Ewigkeit zog Grot ab.
Genau das hatte Slonda erwartet.
Sobald die Schritte verklungen waren, begann er an seinen Vorbereitungen zu arbeiten. Noch waren es zwei Tage bis zur Konklave, und mit jeder Stunde wuchs seine fieberhafte Aufregung. Er hatte inzwischen fast alles zusammen. Den Spiegel, den er in einer kaum genutzten Magazinliste unter „polierte Rückseiten, Lehrzwecke, beschädigt“ gefunden und gegen die stille Missbilligung eines Quartiermeisters ausgelöst hatte. Die Halterung, die er selbst gebaut hatte, eine seltsame Konstruktion aus Holz, Draht, zwei Spannarmen und einem kleinen Hammer, der durch eine simple, aber wirkungsvolle Federmechanik ausgelöst werden konnte. Das Seekraut, das wirklich schwer zu beschaffen gewesen war, weil es um diese Jahreszeit kaum zu finden war und er schon geglaubt hatte, daran zu scheitern, bis er in der Apotheke auf eine kleine, unansehnliche Lieferung gestoßen war, deren Herkunft nicht einmal die Apothekerin genau erklären konnte. Vielleicht vom Süden, vielleicht über Umwege, vielleicht einfach Glück. Slonda fragte nicht weiter. Er nahm es als Zeichen, und wenn es keines war, dann immerhin als brauchbaren Zufall.
Schließlich war alles unten installiert. In jenem Gang, der ihm seit Nächten im Traum erschien, immer derselbe, immer mit derselben sonderbaren Perspektive, als wäre der Ort nicht einfach ein Teil der Bibliothek, sondern ein Punkt, an dem etwas in der Welt dünner wurde. Dort stellte er den Spiegel auf, richtete die Vorrichtung davor aus, prüfte die Winkel, maß Abstände nach, strich mit Kreide Markierungen in den Stein und wischte sie wieder weg, weil sie nicht exakt genug waren, und als er endlich fertig war, war er so angespannt, dass ihm die Hände leicht zitterten.
Jetzt musste er nur noch Grot loswerden.
Also begann das Spiel von vorn. Wieder setzte er sich in einen möglichst dunklen, nassen, zugigen Bereich der Katakomben, wieder schlug er Schriften auf, wieder ließ er sich in die unerquicklichste Art von Gelehrsamkeit sinken, die ein Mensch glaubhaft darbieten konnte. Grot folgte ihm tatsächlich hinab, blieb diesmal aber keine Viertelstunde. Vielleicht fünf Minuten. Vielleicht weniger. Dann drehte er sich ab, als hätte selbst sein Misstrauen Grenzen, und stieg nach oben.
Slonda wartete noch einen Atemzug länger, dann noch zwei, lauschte, bis die Schritte wirklich weg waren, und stand auf.
Er ging den Gang entlang, schnell nun, aber nicht laufend, denn in der Bibliothek zu laufen war selbst in solchen Momenten eine Art Frevel, den er sich nicht gestatten konnte. Der Raum, wenn man ihn so nennen wollte, lag still vor ihm, schmal, aus altem Stein, an den Seiten mit Mauern, die schon vor Jahrhunderten einmal geflickt worden waren. Er entzündete die präparierten Fackeln. Das Seekraut tat, was das Pergament versprochen hatte. Die Flammen brannten nicht gelb, sondern blau, hell und scharf, und warfen ein kaltes Licht an die Wände, das die gemalten Runen unnatürlich deutlich hervorhob. Slonda stellte den Spiegel in die Mitte, justierte die Vorrichtung noch ein letztes Mal davor, zog die kleine Feder auf, vergewisserte sich, dass der Hammer tatsächlich mit genügend Kraft losschnellen würde, sobald der Auslöser fiel, und begann dann, die Zeichen endgültig zu setzen, auf den Boden, an die Wand, auf die Rückseite des Spiegels, jede Linie so präzise, wie seine Hand sie führen konnte.
Dann sammelte er sich.
Es war nicht die Art Ritual, die mit großen Gesten begann. Eher mit Sammlung, mit der Konzentration auf die Struktur, auf die Abfolge, auf das innere Maß. Er sprach die ersten Worte leise, fast ohne Stimme, mehr in den Raum als in die Luft, und zunächst geschah nichts, dann nur das leichteste Zittern im Spiegelglas, als läge dahinter eine Bewegung, die von dort nicht kommen konnte. Das Wabern setzte ein, erst schwach, dann stärker, bis die Fläche sich nicht mehr wie Glas verhielt, sondern wie etwas Flüssiges, das eine Form nur noch vortäuschte. Das Getöse wuchs mit ihm, ein tiefes, drängendes Geräusch, als würde irgendwo hinter den Mauern etwas geöffnet, das lange geschlossen gewesen war. Die blauen Fackeln brannten heller, beinahe weiß an den Spitzen, und die Runen an Wand und Boden schienen für einen Moment nicht bloß aufgemalt, sondern in den Stein hineingeschrieben.
Der Spiegel öffnete sich.
Slonda trat durch.
Nicht zögernd.
Nicht heldenhaft.
Eher mit jener nüchternen Entschlossenheit, die ein Gelehrter manchmal entwickelt, wenn er endlich an den Punkt gelangt, an dem Theorie nur noch durch Tat geprüft werden kann.
Im selben Augenblick löste die Vorrichtung aus. Der kleine Hammer schnellte vor, traf das Glas, und das Glas, das in diesem Moment schon keines mehr war, zerbarst mit einem hellen, scharfen Klang, der durch den Gang fuhr und dann sofort verschluckt wurde.
Als Grot wenige Augenblicke später wieder in den Keller kam, war er zunächst nur gereizt. Er hatte oben nicht gefunden was er suchte, nicht an den Tischen, nicht in den Vorhallen, nicht in den Seitenräumen, und die Vorstellung, dass dieser ausweichende Erdmagier ihn schon wieder an der Nase herumgeführt hatte, machte seine Schritte schneller und seinen Blick härter. Er hoffte, dass er immer noch an seinem Platz war. Er kam in den unteren Bereich, sah den verwaisten Schreibplatz, die offen liegenden Notizen, aber keinen Slonda.
„Verdammt!“
Nichts.
Niemand.
„Dieser Magier“, murmelte er mit wachsender Wut. „Er hat mich reingelegt.“
Er ging weiter in den Gang hinein, ohne zunächst zu begreifen, was er sah. Warum lag hier überall Müll. Reste von Fackeln. Kreidestaub. Ein umgestürztes Stück Holz. Ein paar Drähte. Er stieß mit dem Stiefel etwas zur Seite, hörte ein trockenes Schaben und trat einen Schritt weiter, über Scherben hinweg, die im blauen Restlicht stumpf glitzerten.
Er blieb kurz stehen.
Sah sich um.
Nichts und niemand war hier.
Nur die unerquicklich deutliche Gewissheit, dass Slonda eben noch da gewesen sein musste und nun nicht mehr da war.
Grot fluchte leise, drehte sich um und ging wieder nach oben, den verdammten Bruder suchen, oh wie er ihn hasste, beide.
XVIII
Am Tag der Konklave war selbst in Zoordak etwas von jener feinen Unruhe zu spüren, die sich nicht laut äußert und gerade deshalb stärker wirkt als offener Lärm. Die Hallen der Geistesschule lagen wie immer hell und geordnet da, das Wasser in den schmalen Becken war klar, die Dienerinnen bewegten sich mit derselben ruhigen Sicherheit wie an den Tagen zuvor, und doch war in all dem ein kaum wahrnehmbares Mehr an Aufmerksamkeit, eine besondere Genauigkeit in Blicken, Schritten und Gesten, als hätte die Schule beschlossen, für diesen einen Abend nicht einfach nur Gastgeberin zu sein, sondern selbst ein Bewusstsein davon auszubilden, dass sich unter ihrer Kuppel etwas entscheiden könnte, dessen Folgen weit über diese Mauern hinausreichen würden.
Für Anadar verging der Tag schneller, als ihm lieb war. Vielleicht lag es daran, dass er noch immer nicht recht aus der Wärme der vergangenen Tage herausgetreten war, aus jener eigentümlichen Zwischenzeit nach Mittwinter, in der alles zugleich leichter und tiefer geworden war. Vielleicht auch daran, dass seine Gedanken immer wieder in dieselbe Richtung wanderten und dort hängenblieben, wo sie nichts fanden. Slonda? Eine Intuition packte ihn. Er fehlt. Das war zunächst nicht mehr als eine Abweichung, dann ein Gedanke, dann eine kleine Störung in der Ordnung seines inneren Bildes, doch je näher der Abend kam, desto mehr gewann diese Störung an Gewicht. Er wagte nicht, die Sache groß zu machen. Noch nicht. Noch wollte er sich selbst einreden, dass sein Bruder durchaus irgendwo in Tandors unteren Hallen über einer Rolle hocken konnte, versunken wie so oft, unhöflich gegen Zeit und Anlass, aber in Sicherheit. Nur war es schwer, sich das mit wirklicher Überzeugung zu sagen. Irgendetwas war passiert mit seinem Bruder.
Als der Abend schließlich kam und die Glocke zur Konklave rief, füllte sich der große Saal mit jener Schwere, die förmlichen Zusammenkünften eigen ist, wenn alle Anwesenden sehr genau wissen, dass Form in Wahrheit nur das Kleid der Macht ist. Der Raum selbst war hoch und rund, von Lampen in goldenen Wandnischen erhellt, deren Licht auf hellem Stein lag und den langen Tisch in der Mitte wie eine Insel aus Holz und Ordnung wirken ließ. Über allem spannte sich die Kuppel mit den feinen Malereien der sechs Schulen, Wasser, Feuer, Wind, Geist, Erde und Leben, nicht gleich groß, aber doch in einem Kreis angeordnet, der die alte Behauptung ausdrückte, alle seien einander notwendig und keine dürfe sich über die andere erheben. Dass allein schon diese Anordnung jedes Mal aufs Neue Anlass zu stillen und weniger stillen Eitelkeiten bot, war eine der vielen kleinen Ironien, die eine Konklave überhaupt erst erträglich machten.
Die Mutter betrat den Saal zuerst, begleitet von Sina, deren Gesicht so glatt und ruhig war, als könne selbst Nervosität sich darin nicht dauerhaft halten. Kurz danach kam Oni mit Anadar im Schlepptau, was ihn innerlich in einer Weise belustigte, die er sich nicht anmerken ließ, denn niemand, der Oni nicht gut kannte, hätte je auf den Gedanken kommen können, dass sie irgendjemanden irgendwohin schleppte. In Wahrheit war es eher ihre Art, durch einen Raum zu gehen, die alles und jeden an ihre eigene Bewegung band. Anadar löste sich an der richtigen Stelle von ihnen und ging zu seinem Platz, mit jener beherrschten Ruhe, die ihm in den letzten Tagen wieder zugewachsen war, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Disziplin.
Dann trat Manador ein, und mit ihm Loon und Vaslat.
Schon in dem Augenblick, als die drei die Schwelle überschritten, war klar, dass der Abend nicht ohne Reibung beginnen würde. Vaslat hätte dort nicht sein sollen, jedenfalls nicht nach jener stillen Übereinkunft, nach der jede Schule in ihrer üblichen Besetzung erschien und alles darüber hinaus sofort nach Geltungssucht roch. Anadar sah den jungen Feuermagier nur kurz an und wusste bereits, was folgen würde. Vaslat wirkte geschniegelt, geschniegelt auf jene sorgfältige Weise, die sich selbst für Würde hält, und trug in seinem Gesicht einen Ausdruck treuer Entschlossenheit, der so geschniegelt war wie seine Kleidung. Noch ehe er seinen Platz erreicht hatte, saß der Unmut bereits im Raum.
Hokn'f betrat den Saal beinahe gleichzeitig mit Roto und Kolnidranooora, und auf seinem Gesicht stand alles, was seine Zunge wenige Atemzüge später aussprechen würde. Fontal folgte mit Sil und Onina, langsamer, glatter, höflicher in der Haltung, aber keineswegs weniger entschlossen.
„Ist dies heute eine Konklave“, fragte Hokn'f laut, noch bevor alle saßen, „oder der feierliche Einzug einer Schule, die beschlossen hat, sich über die anderen zu erheben.“
Manador hob nur eine Augenbraue.
„Wenn Ihr deutlicher sprecht, Hokn'f, erspart Ihr uns vielleicht den Umweg über die Pose.“
„Gern“, gab der Windmeister zurück. „Schickt die Feurige Feste nun vier statt drei, weil sie ihre Zahl für Gesetz hält, oder soll Meister Anadar hier bereits als oberster Konklavenmeister eingeführt werden, damit wir den Rest des Abends wenigstens wissen, unter wessen Schatten wir sitzen.“
Fontal legte die Fingerspitzen aneinander und sagte mit jener glatten Ruhe, die ihm manchmal gefährlicher stand als offene Wut: „Es wäre nur hilfreich, die Dinge zu benennen. Eine Schule, die vier Stimmen in den Saal trägt, während andere sich an Form und Maß halten, setzt damit ein Zeichen. Nicht jedes Zeichen ist klug.“
Tranda, der bereits saß, versuchte in seiner alten weisen Art zu schlichten, wie jemand, der schon zu viele Abende mit zu viel Stolz an zu einem Tisch verbracht hat, um sich vom ersten Funken beeindrucken zu lassen.
„Vielleicht“, sagte er mild, „hat das Ganze eine einfachere Erklärung, als ihr ihm gebt. Vielleicht steht Vaslat hier nicht als zusätzliche Stimme, sondern als Begleiter, und wir könnten uns die Empörung wenigstens so lange sparen, bis wir wissen, worüber wir uns empören.“
„Oh, wie beruhigend“, sagte Hokn'f scharf. „Dann geht es also nur um die Geste.“
„Was bei der Feuerschule“, murmelte Fontal, „nicht eben weniger unerquicklich ist.“
Trandas Versuch, den Ton zu senken, scheiterte an der Tatsache, dass er es mit Männern zu tun hatte, die heute nicht schlichten, sondern angreifen wollten. Manador schwieg, aber in seinem Schweigen lag bereits genug Verachtung, um die Sache weiter anzuheizen. Loon betrachtete die Szene mit schmalem Blick, als rechne sie innerlich bereits durch, wie unerquicklich weit dieser Abend noch ausarten konnte. Vaslat hingegen schien einen Moment lang tatsächlich zu glauben, dass er die ganze Sache durch bloßes Dasein ausgleichen könnte, bis er begriff, dass sein Dasein gerade das Problem war.
Dann stand er auf.
Es geschah schnell genug, dass mehrere gleichzeitig den Kopf hoben. Er stützte beide Hände auf die Tischplatte, beugte sich vor und schlug mit der Faust auf das Holz, nicht so hart, dass etwas zerbrach, aber hart genug, dass der Schlag einmal durch den Saal ging und für einen Augenblick wirkliche Ruhe entstand.
„Meister Anadar“, zischte er, und seine Stimme bebte nicht vor Angst, sondern vor einer Treue, die im falschen Moment leicht in Fanatismus kippt, „steht über dieser Kleinkrämerei. Er strebt nicht nach Macht. Er braucht eure Plätze nicht, eure kleinen Siege nicht und eure Stimmen erst recht nicht. Wenn ein Ungleichgewicht entsteht, dann nicht durch ihn, sondern durch den Gedanken, dass ihr ihn mit euren Maßstäben messen könntet. Ich verlasse den Saal jetzt, damit euer Gleichgewicht wieder stimmt. Aber hört das wenigstens einmal deutlich. Wir sind Meister Anadar treu ergeben.“ Er verbeugte sich vor ihm. Anadar wusste nicht ob dies nun die Situation besser machte.
Damit richtete er sich wieder auf, sah niemanden an, drehte sich um und ging hinaus.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und für ein paar Atemzüge blieb es still.
„Berührend“, sagte Fontal schließlich.
„Kindisch“, sagte Hokn'f.
„Mh“, murmelte Manador.
Anadar lächelte nur flüchtig und senkte den Blick, weil ihm die ganze Szene ebenso unerfreulich wie unangenehm erschien. Er hätte Vaslat am liebsten noch im Gehen zurückgerufen und ihn wegen peinlicher Aufrichtigkeit gerügt, doch dafür war es zu spät, und im Grunde war der Schaden bereits geringer, als er ohne Vaslats Abgang geworden wäre. Drei Stimmen statt vier waren immerhin leichter zu ertragen.
Dann begann die Konklave mit all ihren üblichen Formen.
Es wurden die Lichter gesenkt und wieder gehoben. Es wurden die Namen der Schulen in der festgelegten Reihenfolge gesprochen. Vor jede Delegation wurde mit der ihr entsprechenden Schale, Wasser für die Wasserschule, glühende Kohle für die Feuerschule, ein feiner, mit Sand gefüllter Krug für die Erdschule, duftende Kräuter für die Lebensschule, ein Ring aus leichten Silberblättchen, die selbst auf Atem reagierten, für die Windschule, und schließlich eine dunkle, spiegelnde Schale für die Geistesschule, in deren Oberfläche nichts zu sehen war außer dem, was man nicht sehen wollte. Jeder legte die Hand über das Zeichen seiner Schule, jeder sprach die alten Sätze, manche mit Überzeugung, manche aus Übung, manche so, als hielten sie die Worte für überholt und gerade deshalb für nötig.
Anadar ging den Formalismus mit, ohne ihn zu verachten, aber auch ohne ihm jenen inneren Ernst zuzugestehen, den manche darin sahen. Er wunderte sich vielmehr über anderes. Der Platz neben Tranda blieb leer. Slondas Stuhl stand da, leer in seiner Schlichtheit, unangetastet, und gerade weil niemand etwas dazu sagte, wurde das Fehlen spürbarer. Ebenso wunderte ihn, dass Grot die Halle an der Seite der Erdschule betreten hatte, bevor er sich auf seinen eigenen Platz bei der Wasserschule gesetzt hatte, als trüge er Slondas Abwesenheit schon halb mit sich herum und wolle zugleich deutlich machen, dass ihm diese Nähe weder zustand noch missfiel. Anadar konnte den Mann nicht leiden. Schon immer nicht. Zu geschniegelt in seiner Grobheit, zu unangenehm direkt, zu sehr darauf bedacht, jede Regung von Welt in Befehl und Widerstand zu sortieren. Aber er schwieg. Er fragte nicht nach seinem Bruder. Noch nicht. Fragen hätten dem Umstand eine Größe gegeben, die sich vielleicht als unnötig erwiesen hätte. Oder eben als zu notwendig.
Erst als das letzte Ritualwort gesprochen, die letzte Hand zurückgezogen und der letzte Becher an den Rand des Tisches gestellt war, begann die eigentliche Konklave.
Wie zu erwarten waren es Hokn'f und Fontal, die den ersten Stoß setzten.
„Dann kommen wir zur Sache“, sagte Hokn'f und lehnte sich vor. „Die Ereignisse der letzten Zeit, die Berichte aus dem Norden, die Vorfälle, die mit der Feurigen Feste und insbesondere mit Meister Anadar zusammenhängen, verlangen nach einer Untersuchung. Ich beantrage eine offizielle Überprüfung der Geschehnisse und eine formelle Befragung Meister Anadars.“
„Ich schließe mich an“, sagte Fontal. „Nicht aus Feindseligkeit. Aus Notwendigkeit. Wir haben Berichte über Dämonisches, über ungeklärte Bannungen, über eine Klinge, die offenkundig nicht bloß Stahl ist, und wir haben einen Magier, der sechs Schulen durchschritten hat. Sechs. Bereits das ist ein Sachverhalt, der in jeder ernsthaften Konklave Fragen auslösen muss.“
Manador lachte kurz und ohne Heiterkeit.
„Fragen auslösen“, sagte er. „Wirklich schöne Formulierung. Man könnte beinahe glauben, Ihr würdet Euch für Wissenschaft interessieren und nicht bloß für Verdächtigung.“
„Verdacht entsteht nicht ohne Anlass“, sagte Hokn'f. „Sechs Schulen sind kein Anlass mehr, sondern ein Tatbestand. Dass wir so etwas überhaupt dulden, ist bereits erstaunlich.“
Die Mutter hob leicht den Kopf. Ihre Stimme war ruhig, doch gerade darin lag ihre Schneide.
„Dulden“, sagte sie. „Welch seltsames Wort in diesem Zusammenhang. Als wäre Erkenntnis ein Vergehen, das nur deshalb nicht geahndet wird, weil man den Täter noch nicht geordnet genug greifen kann.“
Fontal erwiderte ihren Blick mit glatter Höflichkeit. „Es geht nicht um Erkenntnis, Mutter. Es geht um Macht. Ihr wisst das ebenso gut wie wir.“
„Dann sprecht wenigstens ehrlich“, sagte Manador.
Tranda legte beide Hände auf den Tisch, als wolle er die Bewegungen der anderen damit schon im Ansatz verlangsamen.
„Es gab Präzedenzfälle“, sagte er. „Wenige, aber es gab sie. Magier, die sechs Zirkel erreichten oder fast erreichten. Nicht viele. Nicht ohne Streit. Aber die Welt ist daran nicht unmittelbar zerbrochen.“
„Und sie ist daran nicht unmittelbar erblüht“, gab Hokn'f zurück.
„Das hat auch niemand behauptet“, sagte Tranda mit einem Seufzen. „Ich sage nur, dass Ausnahme kein Beweis ist. Eine Befragung allerdings schadet nicht zwangsläufig. Fragen sind zunächst nur Fragen.“
Anadar lächelte leise.
Das bemerkte Fontal sofort.
„Ihr scheint Euch zu amüsieren, Meister Anadar.“
„Nicht über euch“, sagte Anadar ruhig. „Über die Zeit. Wir sitzen hier und tun, als wäre es eine große Tat, nach etwas zu fragen, das entweder längst offen vor euch liegt oder sich durch eure Fragen ohnehin nicht greifen lässt.“
„Dann habt Ihr also nichts gegen eine Befragung“, sagte Hokn'f rasch.
„Ich habe etwas gegen Zeitverschwendung“, erwiderte Anadar.
Das brachte ihm auf einer Seite ein Aufleuchten von Unmut und auf der anderen eine kaum merkliche Belustigung ein. Die Mutter senkte die Lider für einen Moment, als wolle sie ihm sagen, dass genau solche Sätze Öl seien und nicht Wasser. Manador sah aus, als hätte er ihn innerlich dafür gleichzeitig verflucht und gelobt.
Fontal sprach wieder, nun kühler.
„Es ist bequem, über Zeitverschwendung zu sprechen, wenn man selbst zum Gegenstand der Frage geworden ist. Ihr habt sechs Schulen durchlaufen. Ihr tragt eine Verantwortung. Um Euch herum häufen sich Vorfälle, deren Muster niemand von uns ignorieren kann. Wenn Ihr nicht nach Macht strebt, Meister Anadar, dann werdet Ihr uns doch erklären können, worin Ihr stattdessen aufgegangen seid.“
Anadar hob den Blick.
„Im Überleben“, sagte er.
Das war schlicht genug, dass selbst Hokn'f einen Moment lang nichts darauf fand.
Dann begann die Diskussion um Beispiele, um alte Namen, um halb erinnerte Fälle, in denen andere Magier an ähnliche Grenzen geraten waren. Tranda brachte ein paar hervor, sachlich, vorsichtig, als wolle er deutlich machen, dass Wissen hier nicht Parteinahme sein müsse. Fontal verwies auf einen Fall, bei dem ein Sechszirkliger später in die Isolierung gezwungen worden war. Manador zerlegte den Vergleich indem er sagte, dass erst als dieser senil wurde zum Problem wurde. Hokn'f sprach von institutionellem Risiko. Die Mutter sprach von Furcht als schlechter Ratgeberin. Die Wasserschule, Dekanin Sinadie oder Grot sagte lange nichts, was Anadar fast mehr irritierte als eine Wortmeldung, denn bei Männern dieser Art ist Schweigen selten Ausdruck von Demut.
Schließlich wurde eine Abstimmung verlangt.
„Dann stimmen wir ab“, sagte Hokn'f. „Über das weitere Vorgehen. Über eine offizielle Untersuchung und eine Befragung Meister Anadars.“
„Bevor abgestimmt wird“, sagte die Mutter ruhig, „wird Stellung genommen.“
Das war Form. Und Form war, wenn sie es wollte, immer noch Macht.
Sie wurde zuerst befragt. Sie sprach nicht lang. Sie sprach klar. Dass sie die Forderung für voreilig halte. Dass in Zeiten wirklicher Bewegung kein Rat gut beraten sei, seine Energie auf jene zu richten, die noch an seiner Seite stünden. Dass Anadar kein Mann sei, der nach Ämtern greife, und dass sie eher die Angst vor seiner Möglichkeit für das Problem halte als seine Wirklichkeit.
Manador sprach nach ihr und tat es in seiner Art, schärfer, direkter, mit weniger Geduld.
„Wenn irgendjemand von euch glaubt, Anadar säße hier und lechze nach euren Stühlen, dann überschätzt ihr euch in einem Maß, das fast bewundernswert wäre. Ich bin gegen diese Abstimmung, gegen dieses Begehren und gegen die unerquicklich billige Hoffnung, man könne mit einem Verhör etwas bändigen, das man nicht einmal benennen kann.“
Dann kam Tranda.
Er sah auf den leeren Platz neben sich, nur kurz, aber Anadar bemerkte es.
„Die Erdschule“, sagte Tranda langsam, „enthält sich.“
Hokn'f schlug die Handfläche auf den Tisch. „Was soll das heißen, sie enthält sich.“
„Es heißt“, sagte Tranda mit einer Geduld, die fast beleidigend wirkte, „dass sie sich enthält. Meister Slonda fehlt. Das ist kein kleiner Umstand. Wir stimmen in dieser Sache nicht ohne ihn. Neutralität ist in diesem Moment der ehrlichste Ausdruck dessen, was wir vertreten können.“
Triumph hallte bereits durch den Raum.
Alle Blicke gingen zu Sinadie.
Die saß in ihrer Steifheit und wirkte beinahe genervt, als müsse sie nun etwas aussprechen, das ihr selbst missfiel.
„Die Wasserschule“, sagte sie schließlich, „enthält sich ebenfalls.“
Es war, als hätte jemand eine erwartete Linie einfach aus dem Bild gerissen.
Hokn'f sah ihn fassungslos an. Fontal verzog den Mund, nicht ganz zu einer Grimasse, aber doch nahe daran. Auf der einen Seite des Tisches lag für einen Moment Unglaube, auf der anderen bloß jene nüchterne Erkenntnis, dass Dinge anders liefen, als man sie im Kopf schon geordnet hatte.
Hokn'f hob bereits triumphierend die Faust, wohl mehr aus Gewohnheit als aus Mathematik, da sagte Manador mit beißender Ruhe:
„Dann steht es wohl zwei zu zwei.“
Der Windmeister ließ die Hand sinken.
„Patt“, sagte Fontal leise, als müsse er das Wort erst schmecken, um sich von seiner Wirklichkeit überzeugen zu können.
„So unerquicklich schlicht kann Arithmetik sein“, murmelte Manador.
Damit war die Sache fürs Erste beendet.
Es wurde noch gesprochen, natürlich, denn eine Konklave, die einfach mit einem Patt auseinandergeht, wäre ihrer eigenen Eitelkeit nicht würdig, aber der Kern war entschieden. Es gab keine Untersuchung, keine offizielle Befragung, keinen Triumph, höchstens Ärger auf mehreren Seiten gleichzeitig. Anadar blieb bis zuletzt still, antwortete nur, wenn Form es verlangte, und ging schließlich so, wie er gekommen war, ohne Hast, ohne Geste, innerlich jedoch längst bei etwas anderem. Der kommende Morgen hatte schon Gestalt angenommen. Die Abreise ebenso. Und über allem stand dieselbe Frage, die er nicht gestellt hatte und die trotzdem nicht verschwand.
Wo war sein Bruder. Tandor und Idra konnten es ihm nicht sagen, er wurde seit gestern vermisst. Sie glauben nicht, dass Grot etwas damit zu tuen hat, er wirkte genauso überrascht und erzürnt wie sie.
Am nächsten Morgen war er wieder bei der Mutter.
Shara war bei ihm. Die Mutter selbst war die junge Frau, die er kannte, golden, klar, schön in jener stillen Weise, die bei ihr nie zum Schmuck wurde, sondern immer wie ein Zustand wirkte. Das Licht im Raum war weich, es fiel durch hohe Fenster und legte sich über den runden Kuppelsaal, über die hellen Kissen, den niedrigen Tisch, die dünnen Schalen mit Tee und Kräutern. Es war ein friedlicher Raum, und gerade deshalb kam ihm das, was zwischen ihnen lag, umso härter vor.
Sie sprachen lange.
Nicht sofort über Slonda. Erst über die Nacht, über die Abstimmung, über Grot, über jene unerquicklich kleine Schar von Männern, die Anadar Fragen stellen wollten, um sich an dem Gefühl zu wärmen, dass noch immer jemand über ihn richten könne. Erst nach und nach führte die Mutter das Gespräch dorthin, wo es seit Beginn hingehörte.
„Irgendetwas ist mit eurem Bruder“, sagte sie schließlich, und es war nicht die Formulierung, die Anadar erschreckte, sondern ihre Schlichtheit. „Ich kann ihn nicht finden. Nicht auf jene Weise, auf die ich Menschen sonst finde. Es ist seltsam.“
Anadar saß lange still, ehe er antwortete.
„Mir geht es ähnlich, ich fühle eine leere. Es wird ihm gut gehen“, sagte er schließlich, und schon im Sprechen hörte er, wie sehr Wunsch und Überzeugung noch um denselben Platz kämpften. „Er kann auf sich aufpassen. Ich hoffe es zumindest. Es wäre ganz seine Art, in der Bibliothek etwas zu finden, das niemand finden sollte. Oder dass etwas ihn findet.“
Die Mutter sah ihn an, und in ihrem Blick lag keine Beruhigung.
„Genau das ist es, was mich beunruhigt.“
Shara hatte bis dahin geschwiegen. Nun lehnte sie sich leicht vor, und ihre Stimme war ruhig, klar, ganz die ihre.
„Dann reiten wir los.“
Es war kein dramatischer Satz, nicht einmal ein besonders lauter. Gerade deshalb wirkte er wie eine Entscheidung und nicht wie ein Ausruf. Anadar sah sie an, und für einen Augenblick glitt zwischen ihnen alles, was in den letzten Tagen gewachsen war, offen und selbstverständlich durch den Raum. Sie würde mitkommen. Darüber musste nicht verhandelt werden. Miene, Morgut und Sindra ohnehin.
Anadar hob schließlich die Tasse, stellte sie wieder ab und sagte leise:
„Ich danke euch für die Zeit, Mutter.“
Ein kaum merkliches Lächeln legte sich auf ihr Gesicht.
„Mein Lieber“, sagte sie, „ich wünschte, ihr müsstet nicht schon so schnell abreisen. Aber ihr habt recht. Die Zeit drängt. Und manches wartet nicht darauf, dass wir uns vorbereitet genug fühlen.“
Shara trat zu ihr, beugte sich hinab und küsste sie noch einmal. Es war ein anderer Kuss als der erste, weniger Schwelle als Bestätigung, weniger Weihe als Bindung, und doch lag darin genug Zärtlichkeit, dass Anadar den Blick für einen Moment abwandte, nicht aus Scham, sondern weil er spürte, dass manche Dinge zu wahr werden, wenn man sie zu direkt ansieht.
Draußen warteten Morgut, Miene und Sindra bereits bei den Pferden.
Der Morgen war kühl. In den Höfen lag jener klare Atem von Frühlicht, der jeden Schritt ein wenig schärfer wirken lässt. Die Tiere waren gesattelt, Proviant verzurrt, Decken festgebunden, und Morgut sah aus, als hätte er sich diese Stunde herbeigesehnt, weil Stillstand ihn stets schneller ermüdete als Bewegung. Miene kontrollierte zum dritten Mal die Riemen. Sindra sprach leise mit einem der Pferde, als wäre Überzeugungsarbeit bei Tieren ehrlicher als bei Menschen.
Bevor Anadar die Kiste erreichte, in der das Schwert lag, hielt er noch einmal inne. Er wandte sich nicht mehr ganz zur Mutter um. Es war kein gesprochener Abschied. Eher ein Ausstrecken von Gedanken, vorsichtig, tastend, und doch mit genug Deutlichkeit, dass er wusste, sie würde ihn hören.
Ihr erzählt mir nicht alles, sandte er.
Die Antwort kam sofort, sanft und klar.
Alles zu seiner Zeit. Nicht jedes Wissen ist für jeden geeignet.
Er hätte beinahe gelächelt, wenn ihn dieser Satz nicht zugleich gereizt hätte.
Das ist keine Antwort.
Es ist die einzige, die ihr jetzt bekommt.
Er atmete aus, wandte sich zur Kiste und legte die Hand an den Deckel.
Der Moment, in dem er das Schwert wieder an sich nahm, war wie das Wiederanlegen einer Last, die man für wenige Tage fast vergessen hatte. Kaum schloss sich seine Hand um den Griff, war die Ruhe im Inneren nicht fort, aber durchstoßen, und aus der Tiefe, roh, gierig, kaum mehr Sprache als Verlangen, hob sich die Stimme.
BLLLLLLUUUUUUTTTTTT
Anadar schloss für einen Augenblick die Augen.
Beherrsch dich.
Es war kein gesprochener Befehl. Kein Satz für die anderen. Eher ein Schnitt nach innen, eine Erinnerung an Grenze, Wille und Form. Als er die Lider wieder hob, stand die Reise bereits vor ihm, offen, kalt, notwendig, und irgendwo im Norden, oder in etwas, das noch nördlicher war als nur eine Himmelsrichtung, wartete sein Bruder oder das, was von seinem Weg geblieben war.
Anadar befestigte das Schwert an der Seite, zog die Handschuhe fester und trat zu den Pferden.
„Wir reiten“, sagte er.
Und diesmal widersprach niemand.
ENDE BUCH II



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