Anadar III/I
- R.

- 30. März
- 61 Min. Lesezeit

Prolog
Frantor liebte Sontor nicht.
Er liebte die Stadt nicht in ihrer Fülle, nicht in ihrer Geschäftigkeit, nicht in jenem trägen, selbstzufriedenen Glanz, mit dem sie sich über ihre Plätze, Märkte und Höfe legte, wenn die Sonne über den roten Dächern stand und das Volk glaubte, es lebe im Mittelpunkt einer geordneten Welt. Er liebte sie nur in dem einen, schmutzigen Sinn, in dem ein Mann eine Kiste liebt, in der er Dinge aufbewahren kann, die ihm gehören. Sontor war für ihn ein Behälter, mehr nicht, ein großer, lärmerfüllter, unerquicklich lebendiger Behälter voller Menschen, die sich für bedeutsam hielten und doch nichts weiter waren als Material, bewegliches Inventar, Stimmen und Glieder und Organe, Bündel aus Angst, Eitelkeit und Gier, die man in die passende Richtung schieben musste, um aus ihnen Nutzen zu ziehen.
Er verachtete das Volk offen in seinem Inneren und verborgen in seinem Gesicht, denn dort war er klug genug, nur das zu zeigen, was ihm diente. Vor dem König spielte er den höfischen Schleimer mit einer Geschmeidigkeit, die vielen für echte Loyalität galt. Frantor wusste, wann man den Blick senkt, wann man andächtig schweigt, wann man an der richtigen Stelle den passenden Einwand erhebt, der wie Klugheit aussieht, in Wahrheit aber nur Schmeichelei in gelehrter Form ist. Er wusste, wie man einen Herrscher in dem Glauben belässt, er werde ernst genommen, während man ihn in Wahrheit nur vermisst, sobald seine Unterschrift fehlt. Wenn er vor dem Thron stand, höflich, geschniegelt, geschniegelt sogar in seiner Demut, mit gesenkter Stimme und respektvoller Haltung, dann verachtete er den Mann auf dem Sitz nicht weniger als den Stallknecht im Hof. Vielleicht sogar mehr. Ein König, der sich von Höflichkeit regieren lässt, war aus Frantors Sicht nur ein besonders kostbar verpackter Narr.
Seine eigentlichen Interessen lagen anderswo. Er trug alte Bücher zusammen, Stück für Stück, mit einer Geduld, die fast asketisch wirkte, wäre sie nicht von einer solchen Gier getragen gewesen. In den schmalen, dunklen Läden der Stadt, dort, wo Händler zwischen ehrlichen Waren und gestohlenen Kostbarkeiten keinen großen moralischen Unterschied sahen, hatte er sich Männer gehalten, die für ihn Ausschau hielten. Einer davon, ein trockener, nervöser Buchhändler mit zu schmalen Händen und einer Stimme, die immer klang, als bitte sie um Vergebung, wusste inzwischen genau, welche Nachrichten Frantor auch mitten in der Nacht aus dem Turm locken konnten. Alte Schriften, verbotene Abschriften, zerfallene Kodizes aus aufgelösten Klöstern, Reiseberichte, die eher an Fieberträume erinnerten, Lehrtexte aus Schulen, die längst nicht mehr existierten oder doch so taten, als hätten sie nie existiert, all das floss, wenn es wertvoll genug erschien, über diesen Mann in Frantors Hände.
Sein Turm lag im Schloss selbst, hoch genug, um über einen Teil der Stadt zu blicken, und zugleich alt genug, dass seine tieferen Geschosse aus einer Bauzeit stammten, in der Mauern noch dicker und Gänge noch enger gewesen waren. Unten, hinter einer Tür, die hinter Regalen lag und nur für jene sichtbar wurde, die sie sehen sollten, befand sich ein Verlies, das kaum jemand kannte. Der Raum war nicht groß, aber tief. Stein an Stein, Feuchtigkeit in den Fugen, eiserne Haken in der Wand, ein Tisch, den man mit Willen einen Arbeitstisch nennen konnte, und ein Gestell, an dem sich unterschiedlichste Vorrichtungen befestigen ließen. Frantor hatte diesen Ort zuerst nur als Rückzugsraum genutzt, als stillen Bereich für Studien, die das Licht der oberen Gemächer nicht brauchten. Dann hatte er begonnen, dort zu experimentieren.
Anfangs waren es Tierkadaver gewesen. Hunde, Ziegen, Vögel, einmal ein Wolf, der halb verfault an einer Landstraße gefunden und auf sein Geheiß hin angeschleppt worden war. Frantor versuchte sich an der Nekromantie, die in den unteren und missachteten Randgebieten der Erdschule verankert war, nicht als offizieller Lehrgegenstand, gewiss nicht, sondern als Wissen, das man nur in Andeutungen fand, in Warnungen, in halben Formeln, in jenen Stellen der Lehre, an denen vernünftige Magier stehenblieben, weil sie begriffen, dass man nicht alles, was man aus dem Stein und der Tiefe lesen kann, auch an die Oberfläche holen sollte. Frantor hatte von Anfang an kein Talent für Zurückhaltung. Er besaß Fleiß, ja, eine kalte Form von Intelligenz, auch das, und eine fast abstoßende Beharrlichkeit, doch das, was große Magier von bloß hungrigen trennte, fehlte ihm. Er verstand Macht nicht als Ordnung, nicht als Verantwortung, nicht einmal als Erkenntnis. Er verstand sie als Herrschaft. Alles, was sich seinem Willen nicht fügte, empfand er als Kränkung.
Die Tierkadaver genügten ihm bald nicht mehr. Sie waren stumm, begrenzt, unfähig, jene Regungen zu zeigen, die ihn zunehmend faszinierten. Also ging er weiter. Leichen. Menschenleichen, beschafft über Umwege, über Männer, die nachts Dinge taten, über die tagsüber nicht gesprochen wurde. Manchmal stammten sie aus Armengräbern, manchmal aus den Gassen, manchmal aus Häusern, in denen niemand genau nachzählte, wer verschwunden war und wer nur fort. Es war ihm egal woher sie stammten. Frantor schnitt, öffnete, verband, sprach Formeln, versuchte, Restbewegung hervorzurufen, Kälte zu wärmen, Zuckungen zu erzeugen, mit fremdem Willen dort noch eine Antwort zu erzwingen, wo nur Materie war. Erfolglos meistens, unglaublich erfolglos, denn die Nekromantie gehorchte ihm nicht, oder nur in den Andeutungen, ein Krampfen, ein Starren, ein unwillkürliches Zittern von totem Fleisch, das eher Ekel erzeugte als Triumph.
Dann begann er mit lebenden Tieren.
Und schließlich mit Menschen.
Es wäre tröstlich gewesen, hätte sich dieser Schritt als Bruch vollzogen, als innere Schwelle, an der er hätte innehalten müssen, doch Frantor überschritt sie beinahe beiläufig, und gerade darin lag seine Widerwärtigkeit. Er war nicht der Typus des tobenden Wahnsinnigen, der sich im Blutrausch vergisst. Er blieb geordnet. Er plante. Er dokumentierte. Er beobachtete Schmerz mit der Aufmerksamkeit, mit der andere das Verhalten von Insekten unter Glas studieren. Er erfreute sich nicht an Blut an sich, sondern an Unterwerfung, an der langsamen Gewissheit, dass ein anderer Mensch immer kleiner wird, je länger man seinen Körper und seine Hoffnung in der Hand hält. Wenn jemand schrie, hörte Frantor nicht einfach Lärm. Er hörte Wirkung.
So vergingen Jahre im Schatten dieser doppelten Existenz, oben der geschniegelt höfische Magier, geschniegelt in Seide und Contenance, unten der Mann im Verlies, der die Grenzen der Magie nicht aus Forscherdrang, sondern aus Verkommenheit auslotete. In Sontor selbst begann niemand wirklich etwas zu ahnen. Gewiss, Frantor galt nicht als warmherzig, nicht als freundlich, und man mied ihn, wenn man konnte, doch Magier dürfen kühl sein, und Kälte hat in Höfen oft einen Ruf von Tiefe. Dass in seinem Turm Dinge geschahen, die nichts mehr mit Studium zu tun hatten, blieb verborgen, weil er es verbarg und weil die Welt erstaunlich oft bereit ist, das Offensichtliche nicht zu sehen, solange es von einem Mann mit Stellung ausgeht.
Eines Abends erhielt er Nachricht von seinem Buchhändler.
Nicht schriftlich in der Form, in der Männer seines Standes mit Händlern korrespondieren, sondern kurz, hastig und fast kindisch überbracht, auf einem kleinen Stück Pergament, das kaum mehr enthielt als die Bitte, er möge noch heute kommen. Es sei jemand da. Ein Gast. Einer mit etwas, das Frantor interessieren werde.
Frantor kam nach Einbruch der Dunkelheit.
Der Laden lag still zwischen zwei bereits geschlossenen Werkstätten, die Fensterläden halb gezogen, das Innere nur von zwei ölarmen Lampen erleuchtet, und schon beim Eintreten spürte er, dass der Raum anders war als sonst. Schwerer. Nicht weil etwas Großes darin stand, sondern weil eine Präsenz den Platz anders füllte, als Menschen es tun. Der Buchhändler verbeugte sich zu tief und zu schnell, ein Zeichen dafür, dass ihm die Situation entglitt, und wich dann beinahe hastig zurück.
Der Gast saß bereits.
Er war groß, kahlköpfig, schwarz gekleidet, nicht in Trauerfarbe, sondern in jenem satten, glatten Schwarz, das Reichtum nie verleugnet, durchzogen von goldenen Ornamenten an Saum und Kragen. Um die Stirn trug er ein breites Band aus dunklem Metall oder Leder, Frantor konnte es im ersten Moment nicht genau sagen, und als der Mann lächelte, sah man Zähne, die ein wenig zu spitz waren, um noch ganz in die Ordnung eines normalen Gesichts zu passen. Seine Züge wirkten fremdländisch, scharf und ruhig, und er sprach die Sprache des Reiches nicht schlecht, aber mit einer Melodie darin, die nichts von hier hatte.
Vor ihm auf dem Tisch lag ein Buch.
Groß. Schwer. In schwarzes Leder gebunden, auf das Gold aufgetragen war, nicht als billiger Zierrat, sondern in fließenden Linien und Zeichen, die nicht ganz ornamental wirkten, eher wie etwas, das sich als Schmuck tarnt, um seine eigentliche Funktion zu verbergen. Ein Schloss hielt den Deckel geschlossen, darüber lag ein Siegel.
„Ihr seid Frantor“, sagte der Mann.
Es war keine Frage.
„Und Ihr seid“, antwortete Frantor, während sein Blick längst am Buch hing, „der Anlass, wegen dessen ich meinen Abend unterbreche.“
Das Lächeln des Fremden vertiefte sich kaum merklich.
„Maraber“, sagte er. „Das genügt.“
Er legte die Hand nicht auf das Schloss, sondern führte sie in geringem Abstand darüber hinweg, vielleicht eine Spanne, vielleicht etwas weniger, und Frantor sah, wie das Metall reagierte. Das Siegel löste sich. Das Schloss sprang auf. Kein Geräusch von Gewalt, nur ein leises Nachgeben, als habe das Buch auf genau diese Bewegung gewartet.
Maraber schlug es auf.
Die Seiten glänzten golden.
Nicht vergoldet, nicht bloß im Lampenlicht schimmernd, sondern tief, satt, als läge das Gold nicht auf dem Pergament, sondern in ihm. Und darauf standen Zeichen, Riten, Kreise, Formeln, Sauberkeiten von Macht, die Frantor selbst in seiner Gier sofort als etwas erkannte, das weit außerhalb dessen lag, was gewöhnliche Bibliotheken, selbst gute, einem Magier je zugänglich machten.
Er trat näher, unwillkürlich, und Maraber sah ihm dabei zu wie ein Mann, der längst weiß, dass er gewonnen hat.
„Was wollt Ihr dafür.“
Maraber lehnte sich zurück.
„Gold“, sagte er ruhig. „Edelsteine. Und Blut.“
Frantor hob den Blick.
„Gold und Edelsteine sind leicht“, sagte er. „aber Blut?“
„Nicht für das Buch“, erwiderte Maraber. „Für das Öffnen. Für das Verstehen. Für euch.“
Der Buchhändler machte im Hintergrund ein Geräusch, als sei ihm beim Atmen etwas misslungen. Frantor beachtete ihn nicht.
„Erklärt euch.“
„Ich kann euch nicht lehren, das Buch zu öffnen, wenn wir nicht gebunden sind. Das Werk erkennt nicht jeden. Es gehorcht nicht jedem. Es lässt sich nicht wie ein Schrank mit einem Schlüssel entriegeln.“ Maraber legte den Kopf leicht schief. „Ihr wollt das Buch, Meister Frantor. Das verlangt eine Gegenleistung.“
Frantor dachte keinen Herzschlag zu lange darüber nach. Gold und Edelsteine beschaffte er noch in derselben Nacht. Er bediente sich ohne jede innere Regung aus der Schatzkammer Sontors, nicht alles, nicht genug, um sofort Aufsehen zu erregen, aber doch so viel, dass jeder ehrliche Mensch gezögert hätte. Frantor tat es nicht. Was war Gold. Was waren Steine. Materie, die träge in Kisten lag, bis ein Mann mit Verstand sie in Bedeutung verwandelte. Wer hätte ihn daran hindern sollen. Ein König. Ein Verwalter. Ein Moralbegriff. Lächerlich.
Als er zurückkam, lagen die Edelsteine auf dem Tisch wie gefrorenes Licht. Maraber würdigte sie nur eines flüchtigen Blickes, dann nahm er ein Messer hervor. Es war schmal, von eigentümlicher Schönheit, zu fein für ein Werkzeug, zu nüchtern für ein Prunkstück, und Frantor sah sofort, dass es alt war. Maraber trat an ihn heran.
„Die Hand“, sagte er.
Frantor hielt sie hin.
Die Klinge schnitt tief genug, dass das Blut sofort kam. Warm. Dunkel. Maraber nahm die blutende Hand und führte sie über das geöffnete Buch. Tropfen fielen auf die goldenen Seiten.
Sie wurden aufgesogen.
Nicht verliefen. Nicht trockneten. Aufgesogen, als tränke das Material selbst.
Frantor spürte es.
Ein leises Ziehen erst, dann das deutliche Bewusstsein, dass der Moment über bloßes Ritual hinausging.
Maraber reichte ihm das Messer.
„Mit diesem“, sagte er, „werdet Ihr wirken. Mit keinem anderen. Die Riten müssen mit dieser Klinge begonnen und genährt werden.“
Frantor umfasste den Griff mit seiner blutenden Hand.
Und erschrak, nicht äußerlich, aber tief innen, denn auch hier war es sofort da, dieses Gefühl, dass etwas sein Blut nahm, nicht metaphorisch, nicht als Vorstellung, sondern tatsächlich, trinkend, prüfend, als erkenne die Klinge ihn an und merke ihn sich im selben Zug.
Maraber nickte, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet.
„Das Ritual ist nun abgeschlossen.“
„Und das Buch gehört mir.“
„Für jetzt“, sagte Maraber.
Frantor mochte den Ton nicht, in dem das gesprochen wurde, doch seine Gier war bereits größer als jedes Unbehagen. Er stellte keine weitere Frage. Maraber verabschiedete sich mit einer Höflichkeit, die fast spöttisch wirkte, und verließ den Laden, schwarz und lautlos wie etwas, das nie ganz in diese Stadt gehört hatte.
Frantor studierte das Buch über Wochen hinweg.
Er aß weniger. Schlief unregelmäßig. Vernachlässigte alles, was ihn nicht unmittelbar voranbrachte, und begann mit kleinen Zaubern, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von klein sprechen konnte. Schutzkreise, Zeichen der Abschirmung, Rufe nach winzigen Geistern, die kaum mehr als Schatten mit Hunger waren, Illusionen von Fratzen, verzerrte Dämonenköpfe, die aus Ecken zu grinsen schienen, Bannungen, die bei korrekter Durchführung unerquicklich zuverlässig funktionierten. Alles verlangte Blut. Alles. Manche Riten brauchten darüber hinaus Zutaten, die unerquicklich lästig zu beschaffen waren, Asche aus bestimmten Öfen, Wurzeln, Tieraugen, Hautstreifen, Salz aus schwarzen Gruben, doch Blut war die einzige Konstante.
Anfangs ritzte Frantor sich selbst.
Nicht gern, aber pragmatisch.
Bald ermüdete es ihn.
Nicht aus Schmerz. Aus Bequemlichkeit.
Also ließ er jemanden entführen. Einen kleinen Jungen aus einem Waisenhaus, unauffällig genug, um zu fehlen, unerquicklich sichtbar genug, um zu gehorchen, wenn man ihm die richtige Mischung aus Angst und falschem Versprechen gab. Frantor hielt ihn unten im Verlies, band ihn mal an, mal los, je nachdem, was der jeweilige Ritus verlangte, und ließ ihn bluten, wann immer das Buch es forderte. Der Junge weinte oft zuerst, später wimmerte er meist nur noch, und Frantor ergötzte sich daran, nicht einmal immer offen, oft nur mit jenem stillen Vergnügen, das ein Mann empfindet, der merkt, wie völlig ein anderer in seiner Hand liegt.
Mit den Monaten wuchs seine Faszination an einer Stelle des Buches fest.
Die eigentliche Beschwörung.
Nicht die kleinen Geister, nicht die erbärmlichen Wesen, die kamen und gingen wie Hunde, die einen Knochen wittern. Etwas Größeres. Etwas Gefährlicheres. Der Abschnitt war mit Warnungen versehen, mit Vorsichtsmaßnahmen, mit Bannkreisen, Nachsicherungen, metallenen Begrenzungen, Spiegelstellungen, Blutmengen, die schon im Lesen unerquicklich absurd wirkten. Frantor las diese Seiten immer wieder. Tagelang. Dann legte er sie weg. Dann kehrte er zurück. Immer wieder blieb sein Blick an derselben Formel hängen, am Aufbau des Pentagramms, an den Hinweisen auf Bindung und Kontrolle. Er wagte es zunächst nicht. Nicht aus Gewissen. Aus Furcht, zu scheitern.
Als er den Entschluss schließlich fasste, tat er es mit einer Gründlichkeit, auf die er später fast stolz war.
Er zeichnete das Pentagramm selbst auf den Steinboden, langsam, exakt, jede Linie mehrfach geprüft. Über die Mitte ließ er einen Käfig aus Stahl setzen, schwer genug, um Gewicht zu tragen und Gewalt zunächst auszuhalten. Darüber hing er den Jungen nackt an Ketten auf, direkt über dem Käfig, so dass das Blut, wenn es kam, durch das Gitter hindurch auf den Boden und in das Zentrum des Zeichens fallen würde. Der Junge verstand genug, um zu ahnen, dass diesmal etwas anders war. Er wehrte sich. Das war unerfreulich. Frantor schlug ihn nicht sofort, sprach stattdessen mit jener glatten Sanftheit, die er sich für solche Momente zurechtgelegt hatte.
„Nur noch dieses eine Mal“, sagte er, während er die Ketten schloss. „Danach lasse ich dich frei. Hörst du. Das letzte Mal.“
Der Junge schluchzte, rang nach Luft, versuchte stillzuhalten, weil Hoffnung noch immer stärker war als Vernunft.
„Wirklich“, flüsterte er. „Ihr lasst mich dann wirklich gehen.“
„Ja“, sagte Frantor.
Und meinte damit exakt nichts.
Er begann das Ritual. Die Worte kamen zuerst stockend, dann sicherer, je mehr er spürte, dass das Buch nicht log. Die Luft wurde schwerer, das Licht im Verlies sonderbar flach, als würden selbst die Flammen der Lampen sich nicht mehr gern bewegen. Der Junge flehte, erst leise, dann lauter, weil Frantor ihm bei lebendigem Leib weitere Schnitte setzte, gezielt, nüchtern, nicht aus Hast, sondern damit der Fluss anhielt. Der Schmerz nahm ihm die Stimme nur stellenweise. Dazwischen fragte er immer wieder dasselbe, wie Kinder es tun, wenn sie Wahrheit noch für etwas halten, das im letzten Augenblick eintritt.
„Ihr lasst mich frei. Bitte. Ihr habt es gesagt. Bitte.“
„Ja“, sagte Frantor noch einmal, und schnitt ihm dann die Adern auf.
Das Blut fiel.
Der Junge krampfte, rang, starb langsam genug, dass das Ritual vollendet werden konnte, und als Frantor die letzte Formel sprach, saß im Käfig ein kleines schwarzes Wesen, schmal, mit übergroßer Fratze, glänzenden Augen und einer Zunge, die bereits gierig die Tropfen vom Gitter leckte.
Es sah zu ihm auf.
„Ihr habt nach mir gerufen, Meister.“
Der erste Versuch.
Der Junge starb am folgenden Tag. Frantor ließ die Leiche entsorgen und ein weiteres Kind bringen, diesmal ein Mädchen. Danach noch eines. Dann noch eines. Mit wachsender Übung veränderte sich seine Arbeit. Er wurde besser in den Bannungen, sicherer in der Führung, kälter in der Handhabung. Der Dämon wuchs mit jeder Beschwörung ein wenig, gewann Form, Gewicht, Bosheit. Frantor lernte, ihm Befehle zu geben. Er lernte, wie weit er gehen konnte, bevor das Wesen sich gegen ihn wandte. Er lernte auch, dass Bannung einfach war, solange die Regeln eingehalten wurden. Dämonen hassten ihre Beschwörer. Das wurde ihm bald klar. Sie wollten nicht dominiert werden. Sie wollten nicht gerufen und zurückgedrängt, geformt und befohlen, versiegelt und wieder geöffnet werden. In ihren Blicken lag jedes Mal derselbe Hass. Und Frantor genoss gerade das.
Gerüchte begannen im Königreich umzugehen.
Kinder verschwanden aus dem Waisenhaus. Zuerst vereinzelt, dann so oft, dass man es nicht mehr mit Fieber, Laufburschen oder bedauerlichen Zufällen erklären konnte. Einige fragten. Kaum jemand bohrte nach. Solange Geld floss, solange es an den richtigen Stellen floss, fanden sich immer wieder Hände, die wegsahen, immer wieder Mägen, die hungriger waren als das Gewissen, und so kam Nachschub. Frantor wurde grausamer, nicht schlagartig, sondern Schritt für Schritt, als arbeite die Nähe zum Dämonischen etwas aus ihm heraus, das schon immer in ihm gelegen hatte. Er machte seine Opfer gefügiger, brüchiger, williger in ihrer Hoffnung, indem er genau maß, wann ein Versprechen, wann Schmerz, wann ein Rest von Brot oder ein Streicheln über das Haar die bessere Wirkung hatte. Er wollte kein Tier im Käfig. Er wollte einen Untertanen im Käfig und schließlich einen Dämon darunter, der dasselbe wurde.
Denn sein Ziel war nie bloß Beschwörung gewesen.
Er wollte Dauer.
Er wollte den Dämon nicht immer wieder rufen müssen.
Er wollte ihn besitzen.
Eines Tages passte er nicht auf.
Vielleicht war er müde. Vielleicht überheblich. Vielleicht war es nur der unerquicklich banale Umstand, dass der menschliche Körper Grenzen hat und Kinder, die man über Wochen ausbluten lässt, anfällig dafür sind, vorzeitig zu sterben. Das Opfer dieses Abends, ein Mädchen, war zu schwach. Frantor bemerkte es, aber zu spät oder mit zu wenig Sorgfalt. Er eröffnete die Adern, begann den Ritus, und noch ehe die letzte Formel gesprochen war, sackte das Kind in den Ketten zusammen. Der letzte Tropfen fiel.
Das Wesen, das im Käfig erschien, war nicht mehr klein.
Es saß dort und füllte die Enge auf eine Weise, die zuvor nicht möglich gewesen wäre, größer, dichter, mit einem Blick, in dem Intelligenz lag, wirkliche Intelligenz, kalt, wach und zutiefst boshaft. Es grinste Frantor an. Langsam. Genussvoll.
„Du hast einen Fehler gemacht“, sagte es.
Frantor hob schon die Hand zum Bann.
Das Wesen neigte den Kopf, fast neugierig.
„Der Mensch ist gestorben“, fuhr es fort, „und ich habe den letzten Tropfen. Ich bin frei.“
Frantor sprach die Bannformel.
Nichts geschah.
Er sprach sie erneut, schärfer, lauter, mit all dem Zorn eines Mannes, der plötzlich bemerkt, dass Ordnung sich weigert, ihm zu gehorchen.
Noch immer nichts.
Der Dämon erhob sich im Käfig nicht einmal hastig. Er nahm sich Zeit. Gerade darin lag die wahre Bosheit. Er stürzte sich nicht wie ein Tier auf Frantor, sondern betrachtete ihn, ging einmal langsam die Gitter entlang, als prüfe er seine neue Freiheit im Takt seiner Schritte, und in seinen Augen lag ein fast schon belustigtes Verständnis für das, was in dem Magier gerade zerbrach.
„Nein“, sagte Frantor, und zum ersten Mal seit Jahren war das Wort in seinem Mund nicht Befehl, sondern Bitte.
Der Dämon lachte.
Nicht laut.
Nicht schrill.
Tief und alt, als hätte dieses Lachen sehr lange auf diesen einen Augenblick gewartet.
Er tötete Frantor nicht sofort. Das wäre zu gnädig gewesen und zu kurz. Stattdessen begann er, ihn Stück für Stück zu entkleiden, nicht nur seines Schutzes, sondern seines Inneren, seines Stolzes, seiner Sicherheit, seiner Gewissheit, Herr des Raumes zu sein. Er verletzte ihn. Nicht tödlich zuerst. Er ließ ihn bluten. Er sprach mit ihm. Fragte. Wiederholte. Lernte seine Stimme, seine Gesten, seine Eitelkeiten, seine Gewohnheiten. Und je mehr Frantor begriff, dass er in dem Wesen vor sich nicht mehr nur eine Beschwörung, sondern einen Feind mit Geduld freigesetzt hatte, desto klarer wurde ihm, dass der Tod, den er so oft an andere verteilt hatte, nun selbst langsam auf ihn zukroch.
Als der Dämon schließlich seine Rolle annahm, war Frantor noch nicht ganz fort.
Gerade das machte es vollkommen.
Er wurde nicht in einem Hieb ausgelöscht. Er wurde ersetzt. Langsam. Von innen her ausgehöhlt, während draußen im Schloss weiter die Höflichkeit regierte, weiter der König mit wohlgesetzten Worten umgarnt wurde, weiter Bücher angeschleppt, Befehle gegeben, Dienste empfangen wurden.
Und niemand in Sontor begriff, dass der Mann, der bald wieder geschniegelt durch die Gänge ging, nicht mehr derselbe war wie zuvor.
Nur das Verlies unten im Turm wusste es.
Und schwieg.
Formularbeginn
IFormularende
Die Tage in der Wüste wurden wieder länger und heißer, und mit der Länge der Tage schien auch die Stadt selbst sich zu verändern, nicht in ihrem Wesen, denn sie war alt genug, um sich nicht mehr im Kern zu wandeln, sondern in ihrer Bewegung, in dem Rhythmus ihrer Gassen, in der Art, wie Licht über ihre Mauern lief und wie sich der Atem der Menschen zwischen Morgenkühle und Mittagsglut spannte. Gudi begann diese Veränderungen zu bemerken, ohne dass sie sie hätte benennen können, und vielleicht war genau das der Moment, in dem ein Ort aufhört, bloß fremd zu sein. Man kennt ihn nicht erst dann, wenn man alle Straßen auswendig gehen kann oder jede Tür einer Familie zuordnen könnte, sondern dann, wenn man spürt, dass die Stadt an manchen Tagen schneller erwacht als an anderen, dass ein bestimmter Marktbrunnen in der zweiten Monatshälfte voller ist als in der ersten, dass die Bäcker ihr Brot anders würzen, wenn Vru abnimmt, und dass selbst die Tiere in den Innenhöfen die aufziehende Hitze früher bemerken als die Menschen.
Gudi lebte inzwischen tief in dieser Ordnung, und ihre Tage teilten sich beinahe wie von selbst in zwei Hälften, die beide Arbeit waren und ihr gerade deshalb gefielen. Die eine gehörte ihrem Garten, jenem schmalen Stück Erde im ältesten Abschnitt der Stadt, das sie mit einer Wachsamkeit hütete, als wäre es nicht bloß eine Parzelle, sondern ein Versprechen, das sie persönlich abgegeben hatte. Jeden Morgen, noch ehe die Hitze die Steine des Hofes ganz durchdrang, war sie dort, kniete im Staub, prüfte Erde zwischen den Fingern, hob welke Blätter an, löste kleine Steine aus den Rinnen, in denen das Wasser später laufen sollte, trug Eimer, schleppte Wasser, fluchte manchmal leise über ein störrisches Wurzelwerk und sprach im nächsten Atemzug mit einer Pflanze, als müsse sie sich für das Fluchen entschuldigen. Noch konnte sie kein Wasser mit Magie dorthin leiten, nicht sauber jedenfalls, nicht so, wie es die älteren Schülerinnen oder Meister taten, deren Gesten klein waren und deren Wirkung vollkommen, und genau das trieb sie an. Jedes Mal, wenn sie die schweren Gefäße trug und das Wasser gegen ihre Beine schwappte, dachte sie daran, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sie den Eimer nur noch aus Gewohnheit und nicht mehr aus Notwendigkeit in der Hand hielte. Bis dahin aber lernte sie auf die altmodische Weise, mit schmerzenden Armen, schmutzigen Knien und dem langsamen, durchaus demütigenden Wissen, dass nichts wächst, nur weil man es gern hätte.
Die andere Hälfte ihrer Tage gehörte dem Studium. Nicht immer in der Form von Unterricht, wie man ihn sich in anderen Schulen vorstellen mochte, mit Reihen, Tafeln und klar benennbaren Lektionen, sondern oft im Gehen, im Zuhören, im Beobachten, im stillen Nachvollziehen dessen, was ältere Hände taten und ältere Augen schon vor dem Blick verstanden. Unter denen, die sie lehrten, war Gnok ihr der liebste. Er war alt, nicht gebrechlich, aber weich geworden in der Haltung, so wie manche Männer es im Alter werden, wenn sie ihre Härte nicht mehr für Würde halten. Sein Rücken war leicht gekrümmt, seine Finger breit und erdig, seine Haut von Sonne und Jahren gegerbt, und wenn er sprach, dann mit jener unangestrengten Geduld, die nur Menschen besitzen, die nichts mehr beweisen müssen. Gnok konnte dieselbe Frage fünfmal hören, ohne unfreundlich zu werden, und wenn Gudi mit zu viel Neugier, zu vielen Einfällen oder zu hastigem Widerspruch vor ihm stand, sah er sie oft nur von der Seite an, schob mit dem Daumen etwas Erde von einem Blatt und sagte in aller Ruhe: „Wenn du so schnell sein willst wie dein Kopf, wirst du nie sehen, was langsam wächst.“
Er war gutmütig, aber nicht töricht, und gerade deshalb nahm Gudi ihn ernster als manche der strengeren Meister. Von ihm lernte sie nicht nur, wie man eine Wurzel setzt, ohne sie zu brechen, wie tief der Boden gelockert werden muss, damit Wasser ihn nicht bloß oben benetzt, sondern bis dorthin dringt, wo eine Pflanze wirklich trinkt, und warum manche Kräuter lieber sterben, als an der falschen Mauer großgezogen zu werden. Von Gnok lernte sie auch Geschichten, und diese Geschichten waren oft so mit Wissen verwoben, dass sie erst später begriff, wie viel darin lag.
Manchmal setzte er sich am späten Nachmittag mit ihr auf den Rand eines der alten Wasserbecken, wenn die Schatten länger wurden und selbst die aufgeregteren Stimmen der Stadt ein wenig träger klangen, und begann ganz ohne Übergang von früher zu sprechen, von jenen alten Zeiten, die bei ihm nie wie totes Vergangenes klangen, sondern eher wie etwas, das sich nur knapp außerhalb der Reichweite des heutigen Lebens befand.
„Viele Geschichten“, sagte er einmal, während er mit zwei Fingern ein welk gewordenes Blatt drehte, „sind nicht bloß in Büchern geschrieben. Bücher vergehen, werden gestohlen, verbrannt, gefressen, vergessen oder absichtlich falsch abgeschrieben. Aber die wirklich alten Geschichten, die, an denen viele Hände über viele Zeitalter mitgetragen haben, die stehen oft noch dort, wo man sie nicht so leicht korrigieren kann.“
Gudi hatte ihn von der Seite angesehen. „Wo.“
Er hob den Blick.
„Im Himmel.“
Sie lächelte sofort. „Jetzt erzählt Ihr mir wieder ein Märchen.“
„Natürlich“, sagte Gnok. „Was glaubst du denn, worin die Wahrheit sich am liebsten versteckt. In Rechnungen. In Verordnungen. Oder in Märchen, die so oft erzählt wurden, dass niemand mehr wagt, sie zu wörtlich zu nehmen.“
Er zeigte ihr die Sternbilder, nicht alle auf einmal, nie in der Absicht, sie mit Wissen zu beeindrucken, sondern so, wie man ein Kind durch einen Garten führt und dabei nicht jede Pflanze benennt, sondern nur die, auf die der Blick gerade fällt. An manchen Abenden nahm er sie auf eine der oberen Terrassen mit, wo die heiße Luft des Tages noch über den Steinen stand und die Nacht trotzdem schon deutlich genug war, dass die ersten Sterne nicht vorsichtig, sondern scharf hervortraten.
„Dort“, sagte er und wies mit dem schmalen Holzstab, den er mehr aus Angewohnheit als aus Notwendigkeit trug, „siehst du den Schwimmer.“
Gudi kniff die Augen zusammen. Erst sah sie nur Punkte, unverbunden, lose im Schwarz. Dann, als Gnok die Linien beschrieb, wie sie sich denken müsse, den Arm, den Rücken, die langgezogene Bewegung durch ein Meer, das es hier nicht gab, sprang das Bild plötzlich hervor.
„Warum schwimmt er.“
„Weil jede Kultur eine andere Antwort darauf hat“, sagte Gnok. „In einer Geschichte schwimmt er durch das Urmeer, das die Welt von der Zeit vor der Welt trennt. In einer anderen ist er ein König, der sich weigerte zu sterben und darum so lange weiterzog, bis die Götter ihn an den Himmel nagelten, damit er endlich Ruhe gibt. Die Fischer an den Küsten lesen aus seinem Stand die Winde. Die Priester lesen daraus Prüfungen. Liebende lesen darin, dass alles, was einen Anfang hat, auch eine Überquerung kennt. Und die Alten, die nichts mehr beweisen müssen, sehen einfach einen Mann, der schon sehr lange schwimmt.“
An einem anderen Abend zeigte er ihr den Baum.
Der Baum war kein schönes Sternbild. Nicht ausgewogen, nicht symmetrisch, eher krumm und ausgreifend, wie ein wirklich alter Baum eben, der nicht nach der Logik junger Gärtner wächst. Gnok erzählte ihr, dass manche behaupteten, der Baum sei aus einem ersten Kampf hervorgegangen, als die Welt noch weich gewesen sei und Wesen aus größerem Stoff als Menschen einander an ihren Wurzeln gepackt hätten. Andere sagten, er sei das Bild eines einzigen Kriegers, der so lang stehenblieb, bis er hart wurde und Wurzeln trieb.
„Und welche Geschichte stimmt“, fragte Gudi.
Gnok lachte leise. „Alle, solange man weiß, was man mit ihnen anfängt.“
Dann lehrte er sie weiter, nicht nur in Geschichten, sondern auch in der Art, wie Himmel und Zeit zusammenhingen. Er erklärte ihr, warum der Tag der Sonne gehörte, das Jahr ebenfalls, aber die Nächte viel weniger eindeutig waren, weil sie den Monden und ihren Launen gehorchten. Tro zeigte sich groß und verlässlich, und viele Menschen zählten ihre Monate nach ihm, einfach weil er so deutlich und so regelmäßig war, dass selbst Bauern, die keine Zahlen liebten, ihm folgen konnten. Usda war kleiner und flinker, oft nur eine schmale Sichel, manchmal fast übersehen, wenn man nicht wusste, wann man suchen musste. Vru dagegen stieg groß und schwer auf, sein Licht weicher als das von Tro und doch ausgreifender, und wo er hoch am Himmel stand, schienen Mauern und Menschengesichter für eine Nacht die gleiche gedämpfte, silbrige Würde anzunehmen.
„Die Leute sagen oft, sie zählen nach Tagen und Jahren“, sagte Gnok, während sie einmal auf dem Dach einer niedrigen Speicherhalle saßen und die Nacht warm genug war, dass niemand sofort wieder hinab wollte, „aber in Wahrheit leben sie viel tiefer in den Monden, als sie es zugeben. Nicht jede Nacht ist eine Nacht. Eine Tro-Nacht ist etwas anderes als eine Vru-Nacht. Eine Nacht ohne Mond ist etwas anderes als eine Dreimondnacht. Und wenn Jonsus sichtbar ist, dann gehört selbst die Finsternis nicht mehr ganz sich selbst.“
Jonsus war Gudis liebster Teil all dieser Erzählungen. Sie hatte ihn oft gesehen, ohne anfangs zu verstehen, was sie sah, diesen hellen, fremden Stern, der nicht wie die anderen still und unbewegt in seinen Bereichen stand, sondern über Jahre hinweg auf eine Weise wanderte, die selbst sie bemerkte. Mal war er über lange Zeit in der Nacht sichtbar, deutlich, fast zu hell für einen gewöhnlichen Stern, dann wieder verschwand er für Jahre so völlig, dass man nur in alten Aufzeichnungen und in den Gedächtnissen der Alten von ihm sprach.
Gnok erklärte ihr die nüchterne Version zuerst, wie um ihr die Freude am Märchen danach erst recht zu lassen. Dass Jonsus fern sei, weiter als alles, was die Menschen mit bloßem Willen je erreichen würden. Dass er nicht wirklich um ihre Welt kreise wie die Monde, sondern an einem viel größeren Tanz beteiligt sei, den nur die geduldigsten Sternkundigen vollständig zu beschreiben wagten. Dass seine lange Sichtbarkeit und sein Verschwinden mit Bahnen zu tun hätten, mit Abständen, Winkeln und Zeiten, die nicht nach Monaten, sondern nach Jahrzehnten und Zeitaltern gemessen werden müssten.
Gudi hörte zu und nickte, weil sie ehrfürchtig genug war, echte Erklärungen zu mögen, aber als Gnok danach die andere Geschichte erzählte, lehnte sie sich vor und vergaß, noch den Atem zu zügeln.
„Manche sagen“, sagte er, „Jonsus sei nie ein Stern gewesen. Manche sagen, er sei eine Zauberin gewesen, eine, die nicht damit zufrieden war, die Welt nur von unten zu sehen, eine, die so mächtig wurde, dass sie hinauswollte, hinaus aus dem Wind, aus dem Staub, aus den Jahren und Straßen, hinaus in das Schwarze zwischen den Dingen. Sie habe das Universum sehen wollen, nicht in Geschichten, nicht in Spiegeln, sondern mit eigenen Augen. Und als sie sich schließlich in einen Stern verwandelte, um alles sehen zu können, sei etwas Größeres gekommen, etwas, das selbst eine solche Wandlung nicht duldete, und habe sie gebunden, verdammt, für immer an die Erde, nicht nah genug, um zurückzukehren, nicht frei genug, um wirklich fortzugehen.“
„Das ist schöner“, sagte Gudi sofort.
„Natürlich ist es schöner.“
„Und trauriger.“
„Die guten Geschichten sind meist beides.“
Von dort aus führte Gnok sie weiter in eine Welt, die sie zwar nicht völlig begriff, aber immer mehr liebte. Er zeigte ihr, wie die Sternkundigen von zwölf Planeten sprachen, von vier, die näher an der Sonne liefen, und von anderen, die weiter außen ihre langen Kreise zogen, langsam, kühl, fast würdevoll in ihrer Trägheit. Er sprach von einem Schwesterplaneten, der auf einer fast gleichen Bahn zog, nicht direkt gegenüber, wie Kinder es sich gern vorstellten, sondern leicht verschoben, auf eine Weise, die so langsam sei, dass keine einzelne Generation seinen Weg wirklich verstehe, sondern nur die langen Reihen von Beobachtern, die über Jahrhunderte hinweg dieselben Markierungen in Stein und Pergament setzten.
„Es gibt Dinge am Himmel“, sagte Gnok, „die nicht für ein Menschenleben gemacht sind. Nur für Geduld.“
„Und warum lernt man so etwas, wenn man es nie ganz erleben kann.“
„Weil es dich daran erinnert, dass du nicht der Maßstab für alles bist.“
Gudi sog all das auf, so gierig, dass Gnok einmal lachte und ihr sagte, sie höre zu, als wolle sie den Himmel noch vor Sonnenaufgang auswendig gelernt haben. Doch die Geschichten zogen sie nicht nur nach oben, sie drängten sie auch wieder zurück in die Stadt und in das, was unter ihr lag. Denn irgendwann fragte sie ihn nach den Völkern der Wüste, und er schob die Sternkarten beiseite, als sei auch dies nur ein anderer Himmel, nur näher am Boden verankert.
„Da sind mehr Völker in der Wüste begraben“, sagte er, „als du dir jetzt vorstellen kannst. Manche reiten auf Kamelen, manche auf Dromedaren, manche auf Pferden, und jedes Volk hält es natürlich für den einzig vernünftigen Weg, mit Sand und Hitze umzugehen. Es gibt jene, die sich mit ihren Tieren so langsam durch die Dünen bewegen, dass man meinen könnte, sie gehörten selbst zu den Veränderungen der Landschaft. Es gibt andere, die so leicht und schnell über offenen Stein und harte Ebenen ziehen, dass man sie für eine Erscheinung hält, wenn man sie das erste Mal sieht. Und dann gibt es die Sondra.“
Schon bei dem Namen hob Gudi den Kopf.
„Wisst Ihr, woher sie kommen.“
Gnok lächelte mit einem Ausdruck, der weniger Geheimnis versprach, als dass er die Frage mochte.
„Niemand weiß es genau. Manche sagen, sie kommen weit aus dem Süden, aus Gegenden, in denen der Sand dunkel ist und der Himmel tiefer. Andere behaupten, sie hätten versteckte Oasen, ganze Städte unter Tuch und Stein, die nur jenen sichtbar werden, die eingeladen sind. Wieder andere sagen, die Sondra gehörten gar nicht ganz in diese Welt, sondern kämen von ihren Rändern her, aus Bereichen, wo Land und Geschichte dünner werden.“
Daraufhin erzählte Gudi ihm endlich, was sie selbst gesehen hatte, wie sie die Reiter verfolgt hatte, wie sie sie beobachtet hatte, den ganzen Tag über, bis tief in die Nacht, wie sie dann im alten Teil des Gartens standen, an der Ecke ihrer Parzelle, wie sie in dieser fremden, melodischen Sprache gesprochen hatten, und wie dann dieses Klicken gekommen war und sie im nächsten Augenblick fort gewesen waren, als hätte der Boden sie geschluckt.
Gnok wunderte sich nicht.
Das war fast noch aufreizender, als wenn er sie ausgelacht hätte.
„Ich würde mich eher wundern, wenn in dieser Stadt einmal etwas ganz einfach wäre“, sagte er. „Die Stadt ist uralt, Gudi. Älter, als ihre Oberflächen zugeben. Vor allem die Gärten. Diese Gärten waren einmal Zentrum, nicht Schmuck. Dort unten gibt es alte Steine, alte Gänge, alte Gedanken. Niemand weiß wirklich, was sich unter ihnen verbirgt, nicht einmal jene, die behaupten, schon sehr viel zu wissen.“
Das genügte, um Gudis Neugier wieder zu entfachen, und von da an begann sie nicht nur ihre Pflanzen zu pflegen, sondern zugleich ihre Parzelle zu durchsuchen. Zuerst unauffällig, weil sie nicht wie ein Kind wirken wollte, das an Märchen glauben möchte. Dann gründlicher. Sie fuhr mit den Fingern Fugen entlang, klopfte Stein für Stein ab, achtete auf Unterschiede im Klang, auf kleine Erhebungen, Abrieb, Spuren, die vielleicht kein Zufall waren. Manchmal kniete sie im Staub und vergaß dabei fast, warum sie ursprünglich hergekommen war, und ein zweimal erwischte Gnok sie dabei, wie sie mehr die Mauer betrachtete als ihre Kräuter.
„Wenn du dieselbe Aufmerksamkeit deinen Wurzeln schenken würdest wie deinen Geheimtüren“, sagte er einmal trocken, „hätte dein Beet vielleicht schon beschlossen, dir zu danken.“
Sie errötete, lachte aber trotzdem.
Immer hielt sie nun nach den Sondra Ausschau. Nicht täglich, nicht fanatisch, eher mit jener scharfen Aufmerksamkeit, die man entwickelt, wenn einen etwas einmal bis ins Innerste erwischt hat. Und tatsächlich kamen eines Tages wieder zwei von ihnen in die Stadt, nicht als ganze Gruppe diesmal, sondern nur zu zweit, beide hoch gewachsen, schmal, verschleiert, mit der gleichen anmutigen Ruhe in jeder Bewegung, als sei selbst ihr Innehalten von langer Übung getragen. Gudi sah sie, sobald sie durch den westlichen Bogen ritten, und für einen Moment wollte sie ihnen wieder nachlaufen, wie beim ersten Mal, wollte das alte Spiel wieder aufnehmen, Schritt für Schritt, Mauerschatten zu Mauerschatten, Blick zu Blick.
Dann blieb sie stehen.
Diesmal nicht.
Diesmal würde sie klüger sein.
Also ging sie nicht hinter ihnen her, sondern zurück zu ihrer Parzelle, duckte sich zwischen die Pflanzen, suchte sich einen Winkel, aus dem sie den angrenzenden Weg sehen konnte, ohne selbst sofort sichtbar zu sein, und wartete. Die Stunden dehnten sich. Der Nachmittag sank langsam ab, das Licht wanderte über die Mauern, wurde erst honigfarben, dann flacher, dann schließlich zu jenem warmen Restlicht, das an Wüstenabenden alles für eine kurze Weile sanfter erscheinen lässt, als es ist. Gudi rührte sich kaum, nur manchmal verlagerte sie das Gewicht oder strich einer trockenen Halmpflanze ganz automatisch mit dem Fingerrücken entlang. Dann kam der Abend. Schatten sammelten sich in den alten Winkeln des Gartens. Und endlich traten die beiden Sondra auf den Weg.
Sie standen an genau der Stelle, die Gudi in den letzten Tagen immer wieder untersucht hatte, an der Ecke ihrer Parzelle, wo alter Stein auf eine noch ältere Mauerkante traf. Sie sprachen kaum. Einer kniete sich nieder. Der andere blieb stehen, wach, den Kopf leicht erhoben, als horche er in etwas hinein, das über bloße Geräusche hinausging. Dann begann eine Bewegung, so klein, dass Gudi sie beinahe übersehen hätte, eine Hand an den Stein, zwei Finger in einer Fuge, eine Drehung vielleicht, oder ein Druck, jedenfalls etwas, das nicht wie Magie wirkte und doch mehr war als Mechanik. Der Kniende sprach ein paar Worte in der fremden Sprache.
Es klickte.
Trocken. Metallisch. Kurz.
Und die beiden waren weg.
Nicht im Nebel, nicht unter Licht, nicht in irgendeinem schönen Wunder. Sie waren schlicht fort, abgesunken, verschwunden, als hätte die Erde sie auf einen Schlag genommen.
Gudi sprang auf und war im selben Atemzug an der Stelle. Sie fuhr mit beiden Händen den Stein entlang, drückte gegen Mauer und Boden, tastete jede Ritze ab, versuchte den Winkel ihrer Erinnerung wiederzufinden. Hier hatte die Hand gelegen. Nein, etwas weiter rechts. Oder tiefer. Sie trat mit dem Fuß gegen eine Kante, horchte, drückte mit der Ferse nach, kniete sich hin und suchte mit den Fingern nach einem verborgenen Hebel.
Nichts.
Sie versuchte es wieder.
Und wieder.
Sie drückte, schob, rieb Staub aus Fugen, suchte nach jenem einen Unterschied, der aus Stein plötzlich einen Mechanismus machen könnte. Aber was immer die beiden getan hatten, sie hatte nicht alles gesehen. Nicht den entscheidenden Griff, nicht die genaue Reihenfolge, nicht das Wort, das vielleicht dazugehört hatte.
Also blieb sie.
Die ganze Nacht.
Sie zog sich ein wenig zurück, damit man sie nicht sofort sah, und wartete. Vielleicht würden die beiden zurückkommen. Vielleicht würden sie denselben Weg wieder nehmen. Vielleicht reichte es, diesmal besser hinzusehen. Die Nacht zog sich. Tro ging auf. Später stand auch Vru eine Weile hoch genug, dass die Mauern des Gartens in seinem Licht nicht mehr verlassen, sondern fast ehrwürdig wirkten. Es raschelte hier und da. Ein Nachtvogel setzte sich einmal auf die Mauer und verschwand wieder. Aber die beiden Sondra kamen nicht.
Als der Morgen graute, war Gudi übermüdet, ärgerlich und von einer Frustration erfüllt, die fast körperlich schmerzte. Sie hatte etwas gesehen und doch nichts gewonnen. Das Geheimnis lag nicht tiefer verborgen, weil es so groß war, sondern weil ihr Blick im entscheidenden Augenblick nicht genau genug gewesen war.
Dann dachte sie an die Reittiere.
Wenn die Sondra noch in der Stadt waren, mussten auch ihre Pferde irgendwo sein.
Also lief sie zum Stallhof, noch ehe sie richtig gegessen oder ihre Hände gewaschen hatte, den Staub der Nacht immer noch an den Knien und den Ärger noch heiß in sich. Dort fragte sie nach den beiden Reitern, möglichst beiläufig, und erfuhr zu ihrer wachsenden Verärgerung, dass sie längst fort waren. Schon vor Stunden. In der Nacht noch oder sehr früh am Morgen, je nachdem, welchen Knecht man fragte, jedenfalls weit früher, als sie gehofft hatte.
Gudi stand im Stallhof, roch Heu, Leder und warmes Tier, und hätte am liebsten gegen einen Balken getreten.
Sie war so nah gewesen.
Und verstand doch noch immer nichts.
II
Die Meuterei war rasch unterbunden.
Vielleicht lag es daran, dass Hunger, Erschöpfung und nackte Angst selbst aufgebrachten Männern nicht dieselbe Standfestigkeit lassen wie Zorn auf trockenem Land, vielleicht aber auch einfach daran, dass Krals Mannschaft seine Mannschaft war und im tiefsten Kern noch immer wusste, wessen Stimme auf See und selbst nun, da sie gestrandet waren, mehr galt als das laute Aufbegehren einiger weniger. Als die ersten Beschimpfungen fielen und einer der Aufsässigen einen Schritt zu weit nach vorn machte, war es nicht einmal Kral selbst, der zuerst zog, sondern einer seiner alten Leute, ein breitschultriger Steuermann, der in den letzten Jahren mehr als einmal bewiesen hatte, dass Loyalität nicht weich macht, sondern schnell. Danach ging alles so rasch, dass hinterher niemand mehr ganz sicher sagen konnte, wer den ersten Schlag geführt hatte, nur dass Stahl blinkte, Sand aufgewühlt wurde, jemand schrie, jemand fiel und nach wenigen Augenblicken zwei der Aufmüpfigen im nassen, dunkler werdenden Strand lagen, während das Meer sich hinter ihnen noch immer an den Resten des Schiffes brach.
Das genügte.
Der Mut der anderen, die eben noch geglaubt hatten, die Sache könne sich in Worten, in Drohungen und vielleicht in einer Handvoll geworfener Hölzer entscheiden, zerfiel in sich zusammen, kaum dass sie begriffen, dass Kral entschlossen war, auf dieser Insel denselben Preis für Ungehorsam zu verlangen wie auf Deck. Es wurde still, unerquicklich still, und in diese Stille hinein sagte Kral nur, dass jeder, der weiterreden wolle, dies jetzt tun könne, klar und laut, damit nicht später behauptet werde, man habe ihm den Mund verboten. Niemand sprach. Das gefiel ihm. Nicht aus Grausamkeit, obwohl auch davon etwas in ihm lag, sondern weil ein Mann in seiner Lage keine halb offene Ordnung gebrauchen konnte. Entweder gehorchten sie, oder sie würden sterben, und Kral war nicht bereit, beide Möglichkeiten gleichzeitig zu dulden.
Er brachte sie noch in derselben Stunde vom Strand fort.
Der Ort war ihm zu offen, zu nah am Wasser, zu nah an dem Gedanken, dass das Wesen zurückkehren könnte, und obwohl die Nacht bereits fiel und viele Männer am liebsten dort geblieben wären, wo sie aus dem Meer gekrochen waren, trieb er sie weiter, über feuchte Felsen, durch einen schmalen Streifen aus zähem Buschwerk, bis sie auf eine leichte Erhebung am Rand des Waldes stießen, hoch genug, um von dort unten den Strand noch zu sehen, tief genug im Schatten, um selbst nicht sofort sichtbar zu sein. Dort verbrachten sie die Nacht, schlecht, frierend, auf nassem Boden und zwischen Wurzeln, mit zu wenig Decken, zu viel Salz auf der Haut und jener gereizten Wachsamkeit, die aus Männern schlechte Gesprächspartner und noch schlechtere Träumer macht. Einige schliefen fast sofort ein, erschlagen von den letzten Tagen. Andere lagen wach und starrten in die Dunkelheit des Waldes, wo es raschelte, zirpte und hin und wieder so klang, als bewege sich etwas Größeres durch das Unterholz. Kral selbst schlief kaum. Er saß lange mit dem Rücken gegen einen Stamm, das Schwert quer über den Knien, und lauschte mehr dem Meer als dem Land.
Am nächsten Morgen teilte er die Mannschaft auf.
Die erfahrenen Männer, jene, die mit Holz, Schiffsrümpfen, Takelage, Nägeln und Pech etwas anzufangen wussten, schickte er zurück zu den Überresten des Schiffes, damit sie sich ansahen, was noch zu retten war und ob das Wrack in seinem Zustand mehr Wert als Material oder als Schiff hatte. Die weniger erfahrenen, die Jungen, die Halbmatrosen, die Männer, die eher aus Armut als aus echtem Seemannshandwerk auf seinem Deck gelandet waren, sollten die Insel erkunden, Wasser suchen, Früchte, Tiere, Wege, Gefahren, alles, was darüber entschied, ob diese Insel ein vorübergehendes Lager oder ein langsamer Tod werden würde.
Die erste Überraschung war, wie viel vom Schiff tatsächlich noch da war.
Der Rumpf hatte schlimm gelitten, das stand außer Frage. Eine Seite war weit aufgerissen, mehrere Planken geborsten, der Kiel hatte einen Schlag bekommen, der selbst Kral beim Anblick die Zähne zusammenpressen ließ, und doch war das Ganze nicht jene vollkommene Zerstörung, die er in der Nacht erwartet hatte. Teile des Schiffs waren auf eine flache Sandbank gedrückt worden, andere lagen verkeilt zwischen Felsen, so dass sie nicht ganz hinausgezogen und zerschlagen worden waren. Werkzeuge fanden sich, Kisten ebenfalls, Nägel in erstaunlicher Menge, Taue, Hämmer, ein Teil der Reserveplanken, sogar Fässer, die trotz allem dicht geblieben waren. Einer seiner Zimmerleute, ein dürrer Mann mit Augen wie Bohrer und Händen, die Holz besser verstanden als viele Menschen Worte, kroch unter den schief liegenden Rumpf, tastete die Bruchstellen ab, klopfte hier, drückte dort, trat zurück und erklärte schließlich in jenem unerquicklich nüchternen Ton, der echte Fachkenntnis oft begleitet, dass der Zustand schlimm, aber nicht unrettbar sei. Mit Zeit. Mit Holz. Mit Arbeit. Mit viel Arbeit. Eventuell, sagte er, vielleicht sogar mit mehreren Monaten, könne man das Schiff wieder zu Wasser bringen.
Kral entschied sofort, dass dies nun ihr Ziel sein müsse.
Sie sicherten, was zu sichern war, zogen brauchbare Stücke höher an den Strand, deckten Werkzeuge ab, richteten eine Art Arbeitsbereich ein und begannen noch am selben Tag mit ersten Maßnahmen, nicht weil sie glaubten, das Schiff dadurch schnell wieder flott zu bekommen, sondern weil Stillstand unter solchen Umständen Gift ist. Ein Schiff wird nicht allein durch Hoffnung dichter.
Die andere Truppe kam gegen Nachmittag zurück und brachte bessere Nachrichten, als Kral erwartet hatte. Im Inneren der Insel gab es Frischwasser. Nicht direkt hinter dem Strand, nicht in einem bequemen Bachlauf, sondern weiter drinnen, wo der Wald dichter wurde und das Gelände sich hob. Dort wurde die Insel rasch bergiger, vulkanisch im Gestein, dunkel, schroff, stellenweise von altem erkaltetem Flussgestein durchzogen, das aussah, als habe einmal etwas Glühendes und Gewalttätiges dort entlanggefressen. Man hörte Vögel, viele, nicht alle angenehm, dazu das Rascheln und Kreischen unbekannter Tiere, und zwischen dichtem Grün fanden sich Früchte, manche süß, manche unerquicklich bitter, bis einer der Männer auf eine Art wilde Feige stieß, die sich nach vorsichtiger Probe als essbar erwies.
Kral schickte am nächsten Tag zwei weitere Gruppen aus, diesmal am Strand entlang, die eine in die eine Richtung, die andere in die andere, mit dem klaren Auftrag, Küste, Fels und Wasserlinie so weit zu erkunden, wie es in zwei Tagen möglich war. Beide Gruppen kehrten zurück, beinahe gleichzeitig, erschöpft, sonnenverbrannt und mit jener Befriedigung in den Gesichtern, die Männer empfinden, wenn eine Vermutung sich bestätigt, auf die man lieber nicht gesetzt hätte. Die Insel ließ sich innerhalb von zwei Tagen umrunden. Sie war also weder winzig noch groß genug, um Hoffnungen auf verborgene Täler oder unerreichbare Siedlungen zu nähren. In einiger Entfernung, sagten die Männer, seien weitere Inseln zu sehen, dazu Riffe, helle Linien im Wasser, die im richtigen Licht wie schmutzige Zähne aus dem Meer ragten.
Damit stand fest, was Kral ohnehin vermutet hatte. Sie waren weit weg. Sehr weit. Der Sturm musste sie weit nach Osten getrieben haben, weiter, als ihm lieb sein konnte, und sein Gefühl für Richtung half ihm nur noch bedingt, weil das Meer selbst ihn während der letzten Tage so gründlich umhergeworfen hatte, dass alles, was ihm sonst zuverlässig Maß gab, Sterne, Küstenläufe, Windmuster, in ein unerquicklich loses Gedächtnis zerfallen war.
So begannen die Tage auf der Insel.
Sie fällten Bäume, zuerst zögerlich, dann systematischer, als sich zeigte, welche Stämme brauchbar waren und welche nur schnell und weich zu faulen begannen. Sie errichteten bessere Unterstände. Feuer konnten sie inzwischen sicher entfachen, und bald gab es einen festen Bereich am Rand des Strandes, wo gekocht, getrocknet, ausgebessert und geflucht wurde. Eine Gruppe begann zu fischen, anfangs erfolglos, dann mit zunehmender Sicherheit, weil das Wasser an bestimmten Stellen voll kleiner, silbriger Tiere stand, die sich mit Geduld und den richtigen Speerspitzen gut holen ließen. Andere sammelten Muscheln, knackten sie auf, lernten, welche man roh essen konnte und welche einem nur den Magen verdarben. Das Leben wurde mühsam, aber geordnet, und gerade diese Ordnung half. Männer ertragen Elend besser, wenn es Stunden, Aufgaben und abendliche Erschöpfung kennt.
Kral war sich dennoch nie ganz sicher, ob das Meer sie wirklich gehen ließ.
Manchmal stand er abends allein am Rand der Gezeitenlinie und sah hinaus auf die dunkler werdende Fläche, wo die Sonne in rotem Gold versank und die Inseln in der Ferne zu bloßen Schatten wurden, und immer meinte er, dort draußen mehr Bewegung zu erkennen, als dort sein konnte. Das Wesen selbst sahen sie nicht wieder, nicht in diesen ersten Tagen, und doch blieb das Gefühl, beobachtet zu werden, so hartnäckig, dass selbst die Männer nur selten mit dem Rücken zum Wasser arbeiteten.
Dann, als sie sich bereits ein wenig eingerichtet hatten und sich jener unerquicklich trügerische Zustand eingestellt hatte, in dem selbst ein mühsames Leben beginnt, sich wie ein vorläufiges Zuhause anzufühlen, tauchten die Boote auf.
Sie kamen am Vormittag, erst nur als dunkle Punkte auf dem Wasser, dann deutlicher, schmal, schnell, mit Segeln, die nicht wie die europäischen oder südlichen Rechtecke wirkten, an die Kral gewohnt war, sondern leichter, schräger, fast als seien sie aus Wind und Geschick gleichermaßen gebaut. Drei Boote waren es, mit einer beachtlichen Zahl von Menschen an Bord, insgesamt wohl dreißig, und je näher sie kamen, desto deutlicher wurde, dass diese Leute nicht zufällig hierhergetrieben worden waren. Sie ruderten gut. Zu gut für bloße Fischer. Und sie waren bewaffnet, mit Bögen, Speeren, Messern, manche auch mit Keulen oder kurzen Klingen, und ihre Körper trugen Tätowierungen, nicht zufällig gesetzt, sondern kunstvoll, dicht, als lägen Geschichten und Rang direkt in der Haut. Sie waren kleiner als Kral viele Männer seines eigenen Volkes kannte, aber kräftiger gebaut, dunkelhäutig, breit in Schultern und Rücken, mit jener Art von Beweglichkeit, die eher aus sicherem Gleichgewicht als aus bloßer Muskelmasse kommt.
Sie landeten nicht direkt bei den Schiffbrüchigen, sondern in einiger Entfernung, zogen ihre Boote auf Kies und Sand und verteilten sich sofort mit einer Vorsicht, die nichts von Furcht hatte. Fünf von ihnen näherten sich. Die übrigen blieben zurück, weit genug, um nicht aufdringlich zu wirken, nah genug, um in Augenblicken eingreifen zu können. Kral bemerkte sofort, dass die Zahl bewusst gewählt war. Fünf auf dem Weg zu ihm, der Rest so verteilt, dass im Ernstfall gleich viele bewaffnete Männer hinter ihnen standen wie Seefahrer an Land. Keine Drohung mit Gebrüll. Eine Rechnung.
Sie kamen direkt auf ihn zu.
Nicht auf den größten Mann. Nicht auf den mit dem schönsten Schwert. Auf ihn.
Einer aus der Fünfergruppe trat vor, sprach in einer Sprache, die Kral nicht verstand, aber die in ihrem Klang weich und offen wirkte, viele Vokale, klare Rhythmik, nicht hastig, eher singend, und allein daran spürte man, dass dieser Mann durchaus wusste, mit wem er sprach.
Kral verstand nichts.
Das schien den Fremden nicht zu überraschen. Er lächelte sogar, ein kurzes, erstaunlich freundliches Lächeln, und begann sofort, mit Gesten zu arbeiten. Er zeigte auf Kral, legte die Hand an die Brust, machte eine einladende Bewegung, deutete aufs Meer, dann wieder auf Kral, als wolle er sagen, dass man ihn sprechen wolle, irgendwo anders, bei jemandem, der wichtiger sei als er selbst.
Kral zögerte.
Dann folgten weitere Gesten, diesmal drei ausgestreckte Finger, dann wieder der Zeigefinger auf Kral, dann eine weit offene Handbewegung, die er so deutete, dass er drei Männer mitnehmen dürfe. Er sah zu seinen Leuten, wählte zwei der zuverlässigsten aus und ließ die übrigen mit klaren Anweisungen zurück.
Sie fuhren los.
Nicht zurück direkt auf die nächstliegende Insel, sondern zunächst am Strand entlang bis zu einem Punkt, von dem aus die benachbarte Insel näher lag, dann hinaus aufs offene Wasser, wo die Männer die Segel setzten und zugleich ruderten, schnell, sehr schnell, in einer eingespielten Bewegung, die Kral widerwillig beeindruckte. Es war keine rohe Kraft, die diese Boote trug, sondern perfekte Abstimmung. So gelangten sie von Insel zu Insel, erst die nächste, dann eine weitere, dann noch eine, jedes Mal zwischen Riffen hindurch, durch schmale Kanäle, über Wasser, das mal türkis und flach war, mal plötzlich dunkel und tief wurde, und je weiter sie kamen, desto deutlicher wurde, dass dies kein zufälliger Inselhaufen war, sondern ein Gebiet, das von Menschen gekannt, gelesen und beherrscht wurde.
Schließlich erreichten sie eine größere Insel.
Am Strand war der Sand heller, dahinter begann fast sofort dichter Bewuchs, und von dort führte ein Weg hinein, kein bloßer Trampelpfad, sondern ein alter, bewusst gesetzter Anstieg aus Stein, dessen Stufen unregelmäßig, aber nicht zufällig wirkten. Überall standen geschnitzte Holzfiguren, manche hoch, manche niedrig, in kräftigen Farben bemalt, Rot, Schwarz, Weiß, Blau, Figuren mit herausgestreckten Zungen, aufgerissenen Augen, Spiralen, Mustern, Ahnen oder Geistern, Kral wusste es nicht, aber er verstand, dass dies kein Ort war, an dem man achtlos ging.
Sie wurden hinauf begleitet.
Nicht wie Gefangene, eher wie Besucher, denen man die Richtung nicht selbst überlassen wollte.
Oben erreichten sie eine steinerne Plattform, breit und sauber gehalten, auf der ein großes offenes Haus stand, eindrucksvoll in seinem Bau, das Holz reich verziert, die Front mit Schnitzereien überzogen, in vielen Farben bemalt, so dass es selbst im Halbschatten des Nachmittags leuchtete. Drinnen brannte ein Feuer, und an diesem Feuer saß ein älterer Mann, gerade, ruhig, mit jener Autorität, die nicht aus Haltung allein kommt, sondern aus dem Wissen aller anderen, dass man ihr gehorcht.
Er deutete ihnen, sich zu setzen.
Schalen wurden gereicht, darin ein Getränk, leicht bitter, warm, nicht unangenehm, und zunächst sagte lange niemand etwas. Das war Kral nicht unlieb. Schweigen unter Fremden ist oft ehrlicher als zu schnelles Reden.
Dann begann der Alte zu sprechen.
Zu Krals Erleichterung tat er es in einer gebrochenen, aber verständlichen Sprache, als habe er einst mit Seeleuten oder Händlern zu tun gehabt und genug davon behalten, um jetzt klar zu machen, was nötig war.
„Ihr seid willkommen“, sagte er langsam, „auf eurer Insel zu bleiben. Euer Schiff zu reparieren. Mit Holz, Stein, Wasser, Fisch und allem, was diese eine Insel euch gibt.“
Er machte eine kleine Pause, sah Kral direkt an und fuhr dann fort.
„Alles andere ist tabu. Andere Inseln nicht betreten. Nicht landen. Nicht nehmen. Wenn ihr es doch tut, werden wir euch jagen.“
Es wurde nicht laut gesagt. Gerade deshalb klang es nicht nach Drohung, sondern nach Gesetz.
„Wir beobachten euch“, sagte er weiter. „Tag und Nacht. Bleibt auf eurer Insel. Lebt von dem, was ihr dort findet. Dann bleibt ihr unbehelligt.“
Kral nickte, langsam genug, um Zustimmung zu zeigen und trotzdem nicht unterwürfig zu wirken. Natürlich versuchte er zu verhandeln. Er sprach vom Schiff, von Männern, von Nägeln, von Werkzeugen, von der Möglichkeit, Handel zu treiben, von Gegengaben, von Hilfe, die man sich in solchen Situationen gegenseitig leisten könne. Der Alte hörte ihm höflich zu. Er schüttelte ebenso höflich den Kopf. Bei jeder Bitte blieb das Nein das gleiche, nur die Form darum wechselte.
„Eure Insel“, sagte er einmal, „ist genug.“
„Genug“, sagte Kral, „ist ein Wort, das Männer leicht sagen, wenn sie nicht mit meinen Problemen schlafen müssen.“
Der Alte lächelte kaum sichtbar.
„Ihr habt noch eure Männer. Eure Werkzeuge. Eure Insel. Andere hatten weniger.“
Es war unerquicklich schwer, darauf zu antworten, ohne kleinlich zu wirken.
Gerade als Kral neu ansetzen wollte, kam von der Seite eine Stimme hinzu, so unvermittelt, dass er im ersten Moment nicht wusste, woher sie kam. Sie hatte einen seltsamen Singsang, weich und doch irgendwie kühl, und die Sprache war diesmal die gleiche wie die des Alten, aber klarer, fließender, mit einer Melodie, die selbst in der einfachen Frage etwas Eigenartiges hatte.
„Wisst ihr, was dieses Monster ist, das euch verfolgt hat.“
Kral wandte den Kopf.
Erst jetzt bemerkte er die beiden Gestalten.
Sie waren groß. Sehr groß sogar, größer als alle Einheimischen hier, und zugleich auf eine Weise schmal und muskulös, die nicht an Hunger, sondern an eine andere Bauart des Körpers denken ließ. Die Gliedmaßen waren ungewöhnlich lang, nicht missgestaltet, aber so, dass der erste Blick sie schwer ordnete. Kral hatte den unangenehmen Eindruck, sie übersehen zu haben, obwohl sie die ganze Zeit im Raum gewesen sein mussten. Vielleicht lag es an der Haut, die in Schattierungen spielte, die sich dem Hintergrund anzupassen schienen, nicht vollkommen, aber genug, um Konturen weich zu machen. Vielleicht lag es daran, dass sie sich fast gar nicht bewegt hatten.
Sie unterschieden sich völlig von den Inselbewohnern.
Beide trugen Leder, grob und doch sorgfältig angepasst, dazu einfache Lendenschurze. Die Frau, wenn es eine war, trug darüber ein Brustband und eine Kappe oder enge Kopfhaut aus Leder, unter der Haar hervorlugte, weißblau oder nur im Licht so wirkend, und manchmal, meinte Kral, wechselte die Farbe leicht, als läge sie nicht ganz fest. Der andere war ähnlich gekleidet, ebenfalls schlank, mit scharfen Zügen und Augen, deren Farbe er nicht recht bestimmen konnte, weil sie zu lange im Schatten gestanden hatten.
Kral antwortete wahrheitsgemäß.
Er beschrieb, was er gesehen hatte, so gut es ging, den langen Leib, die Bewegungen, die Tentakel oder Gliedmaßen, das Horn, die Angriffe, das Gefühl, dass das Wesen sie bewusst von Land fernhielt, und auch den Gesang, der immer wieder über dem Meer gelegen hatte, als käme er von Stimmen, die kein sichtbarer Mund trug.
Die beiden hörten aufmerksam zu.
Keiner von ihnen unterbrach ihn.
Als er geendet hatte, sahen sie einander kurz an, und in diesem Blick lag etwas, das Kral nicht deuten konnte, weder Furcht noch Überraschung, eher Bestätigung.
„Mehr nicht“, fragte die singende Stimme noch einmal. „Nichts anderes. Nichts Bekanntes. Kein Name. Kein Zeichen.“
Kral schüttelte den Kopf.
„Nichts“, sagte er. „Wenn ich mehr wüsste, säße ich vermutlich nicht hier und hätte mein Schiff noch.“
Die beiden schienen sich damit zufriedenzugeben, jedenfalls fürs Erste.
Aber Kral spürte, dass seine Antwort etwas in Bewegung gesetzt hatte, und dass die Inseln, auf denen er gestrandet war, weit weniger zufällig und weit weniger unschuldig waren, als er es noch am Morgen geglaubt hatte.
IIIFormularende
Sie ritten aus Zoordak, und kaum hatten sie die schützenden Höhen der Stadt hinter sich gelassen, setzte jener feine, unerquicklich kalte Nieselregen ein, der nicht wirklich als Regen gelten wollte und doch alles durchdrang, der sich in den Haaren sammelte, an Wimpern hing, Leder dunkel machte und in unregelmäßigen Abständen in dünnen, nervösen Schnee überging, als könne selbst das Wetter sich nicht entscheiden, ob es noch Herbst sein wolle oder schon Winter. Über den Steinen der Straße lag bald ein glitschiger Film aus Wasser und halb zerfallenem Eis, und die Landschaft, die sich vor ihnen öffnete, trug jene farblose, aufgelöste Trübe des späten Jahres, in der Wege, Felder, Hecken und fernere Hügel ineinanderzulaufen scheinen, bis alles nur noch nach Kälte, Tau und nassem Holz aussieht. Keiner von ihnen sprach viel. Dafür war es zu ungemütlich, und vielleicht auch, weil jeder mit einem anderen Gewicht ritt. Morgut zog den Mantel enger und fluchte gelegentlich leise auf Wetter, Sattelgurt oder nasse Handschuhe, Miene und Sindra ritten still, beide in ihre eigenen Gedanken eingeschlagen, und Shara hielt sich, soweit der Weg es zuließ, immer in Anadars Nähe, nahm ihm kleine Dinge aus der Hand, bevor er darum bitten musste, rückte ihm schweigend einen Riemen zurecht, reichte Wasser, wenn er nicht daran dachte, und tat all das mit einer Selbstverständlichkeit, in der weder Dienerschaft noch demonstrative Fürsorge lag, sondern das klare Wissen darum, was in ihm vorging.
Naaarstr schien beleidigt zu sein.
Das war vielleicht das falsche Wort für ein Wesen seiner Art, und doch traf es den Ton erstaunlich genau. Seit Anadar das Schwert wieder an sich genommen hatte, meldete sich die Stimme nur selten, und wenn, dann fast ausschließlich mit jenem dunklen, gedehnten Blut, das weniger wie ein Befehl als wie ein schmollender Hinweis klang, als wolle der Dämon deutlich machen, dass er zwar noch da sei, aber im Augenblick nicht den Eindruck habe, mit einem besonders dankbaren Träger verbunden zu sein. Gerade das nahm Anadar einen Teil des Schreckens. Vielleicht war es töricht, vielleicht nur Erschöpfung, aber der Dämon hatte ein wenig von seiner völligen Übermacht verloren, seit Anadar ihm nicht nur widerstand, sondern mit ihm zu sprechen begonnen hatte. Was furchtbar ist, bleibt nicht immer gleich furchtbar, wenn es eine Stimme, einen Takt, einen Charakter bekommt. Es wird dadurch nicht kleiner. Nur greifbarer.
Am ersten Tag war Anadars Gedankenwelt allerdings noch zu sehr mit der Konklave beschäftigt, als dass er sich ganz auf das Schwert hätte konzentrieren können. Immer wieder kehrte er zu denselben Punkten zurück, in Schleifen, die unendlich monoton durch seinen Kopf liefen. Wo war Slonda. Warum war Grot über das Tandor-Portal in die Konklave gekommen. Hatte er etwas damit zu tun, dass sein Bruder nicht anwesend gewesen war. Hatte Grot etwas gewusst, das niemand aussprach. Hatte die Wasserschule ihre Hände weiter ausgestreckt, als sie zugegeben hatte. Und überhaupt, diese ganze lästige kleinliche Forderung nach Untersuchung, Befragung, Inquisition, diese selbstgefällige Lust daran, einen Mann zu binden, nur weil man spürte, dass er größer werden könnte als der Maßstab, den man ihm anlegen wollte. Anadar biss mehrfach die Zähne zusammen, wenn er daran dachte. Es gab mehr auf der Welt als diese lächerlichen Possen. Mehr als Hokn'fs verletzte Eitelkeit. Mehr als Fontals geschniegelt höfische Arglist. Mehr als das würdige Gesicht einer Institution, die in Wahrheit oft nur Angst mit schöner Form verschalt.
Aus dem Nichts meldete sich Naaarstr.
Was ist eine Inquisition.
Anadar hob leicht den Kopf, als hätte ihn jemand von der Seite angesprochen, und Shara sah sofort zu ihm, sagte aber nichts. Er hielt den Blick auf die Straße gerichtet.
Eine Untersuchung, antwortete er innerlich. Ob etwas außerhalb des Kodex geschah. Zumeist steht das Ergebnis schon fest, bevor die erste Frage gestellt wird.
Naaarstr schwieg einen Moment, und als er wieder sprach, lag in der Stimme echtes Interesse, nicht nur Spiel.
Was geschieht dann.
Der Beschuldigte wird zumeist ruhiggestellt. Ein Turm. Bewachung. Abseits. Verbannung. Manchmal auch der Tod.
Nur einzelne Individuen.
Anadar wollte schon ja sagen, wollte die Antwort abkürzen, so wie man lästige Fragen abkürzt, wenn man merkt, dass sie in eine Richtung führen, die man noch nicht will, und doch hielt ihn etwas zurück. Vielleicht war es nur die Erinnerung an einen Satz, den er irgendwann gelesen hatte, vielleicht ein alter Unterricht, vielleicht nur die Mutter mit ihrer hellen klaren Stimme in seinem Hinterkopf, jedenfalls merkte er, dass die Antwort nicht so schlicht war, wie sie zuerst geklungen hatte. Inquisitionen richten sich selten nur gegen Einzelne. Sie richten sich gegen Muster, gegen Abweichung, gegen Möglichkeiten. Gegen ganze Gruppen. Gegen Gedanken, wenn man sie nicht anders fassen kann. Er gab die Antwort nicht.
Stattdessen wechselte er das Thema.
Was geschah, nachdem du Frantor getötet hattest.
Naaarstr lachte leise, mehr ein trockenes Schaben im Bewusstsein als ein Laut.
Ich ließ ihn zurück. Sterbend.
Du hast ihn nicht getötet.
Das sollte er mittlerweile sein. Er sah nicht gut aus, als ich ihn das letzte Mal sah. Es wurde hektisch, als alle aufbrachen und plötzlich gingen.
Die Flucht.
Ja. Von einem Tag auf den anderen. Alle gingen mehr oder weniger los, von jetzt auf gleich, packten vielleicht noch kurz etwas zusammen und waren auf dem Weg, als wäre das das Natürlichste der Welt. Ich fand das interessant.
Du sagtest, Barbaren hätten euch vertrieben.
Ich habe gelogen, sagte Naaarstr mit einer fast kindlichen Genugtuung. Ja, klar, es gab wohl immer wieder Ärger mit ihnen, Grenzscharmützel, kleine Überfälle. Etwas anderes trieb sie.
Und ihr seid mit.
Ich war neugierig. Und alleine zurückzubleiben schien mir nicht richtig. Also ging ich mit. Jedoch war es nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte, und nach zwei, drei blutleeren Leichen wurden zu viele Fragen gestellt. Also ging ich weiter. Zur Feste.
Was war deine Absicht.
Darauf gab Naaarstr keine klare Antwort. Er entzog sich ihr nicht völlig, aber er glitt um sie herum wie Wasser um einen Stein, und Anadar merkte bald, dass manche Fragen bei diesem Wesen kein Schweigen erhielten, sondern etwas Ärgerlicheres, ein Ausweichen, das sich als Offenheit verkleidete.
Absicht ist ein menschliches Wort, sagte der Dämon irgendwann. Ihr tut immer so, als läge am Anfang eurer Wege ein sauberer Wille. Meistens liegt da Hunger. Oder Neugier. Oder das Verlangen, nicht dort zu bleiben, wo man ist. Nenn es, wie du willst.
Also lenkte Anadar um. Nicht ganz offen, weil er dem Dämon nicht zu früh zeigen wollte, worauf er hinauswollte, aber doch entschieden genug, um aus den Randdetails ein Bild zu gewinnen.
Als du Sontor verlassen hast, fragte er Tage später, während sie durch aufgeweichte Tau-Landschaften ritten, zwischen angeschwollenen Bächen, grauen Weiden und Feldern, deren braunes Stoppelland unter einer dünnen, schmutzigen Schneeschicht lag, was hast du mitgenommen.
Naaarstr antwortete nicht sofort.
Nicht viel. Was nützt einem ein ganzer Turm, wenn alle rennen.
Aber du bist nicht leer gegangen.
Niemand geht leer, wenn er einmal gelernt hat, wie viel in einer Tasche, einem Sattel, unter einem Mantel Platz hat.
Anadar hakte nicht sofort nach. Er ließ die Frage liegen, als interessiere sie ihn weniger, als sie es tat, und arbeitete sich in den folgenden Stunden und am nächsten Tag weiter heran, mal über Dinge, die Naaarstr in der Feste benutzt hatte, mal über Riten, mal über Gegenstände, die ein Beschwörer nie zurückließe, wenn er noch Verstand besäße, und am Ende blieb für ihn ein Eindruck, kein Beweis, aber ein hinreichend scharfes Gefühl: Das Buch war höchstwahrscheinlich noch in Sontor. Naaarstr hätte es sonst anders behandelt. Wichtiger. Vorsichtiger. Gieriger.
Der Dämon wiederum merkte sehr wohl, wohin Anadars Neugier zielte, und vielleicht gefiel ihm gerade das.
Ich könnte dich unterrichten, sagte er eines Abends, als sie ihr Lager in einem halb verlassenen Schafunterstand aufgeschlagen hatten und der Regen auf das morsche Dach trommelte, während draußen der Boden bereits wieder in nassen Schnee überging. Nicht in allem. Nicht sofort. Aber in den ersten Dingen. In Beschwörung. In Bindung. In dem, was ihr heute nur noch in halben Warnungen kennt.
Und was verlangst du dafür.
Blut. Wissen.
Das ist mehr als eins.
Es ist nie nur eins.
Anadar ritt am nächsten Morgen lange schweigend weiter, ehe er antwortete.
Du verlangst, was du immer verlangst.
Nein, sagte Naaarstr fast sanft. Ich verlange nicht Töten. Das ist euer armseliger Irrtum. Ich brauche Blut. Nicht zwingend Tod. Ihr Menschen verwechselt das gern, weil euch eure Moral nur interessiert, solange sie in bequemen Abständen bluten darf.
Anadar spürte, wie sich bei diesen Worten etwas in ihm sträubte und zugleich etwas anderes lauschte. Genau das machte die Gespräche mit dem Dämon so anstegned. Nicht, dass Naaarstr offen böse war. Das wäre einfacher gewesen. Sondern dass manches von dem, was er sagte, nicht sofort als Lüge abgetan werden konnte, weil es seine Haken gerade dort setzte, wo Begriff und Gewissen nicht sauber ineinandergriffen.
Und was willst du dafür lehren.
Wie man ruft, ohne sofort zu verlieren. Wie man bindet, ohne zu zerreißen. Wie man einen Kreis setzt, der hält. Wie man erkennt, wann etwas lügt. Wie man Blut als Tor versteht und nicht nur als Opfer. Wie man alte Namen spricht, ohne dass sie gleich an einem kleben bleiben.
Und Wissen, wiederholte Anadar. Welches Wissen.
Deines, was du nicht nur anhäufst, sondern verstehst. Du nimmst aus der Welt. Ich will Anteil.
Das Gespräch blieb dunkel. Es zog sich nicht wie ein einzelner Austausch durch einen Abend, sondern durch Tage, durch Wegstrecken, durch graue Flussauen, durch Dörfer, die sie umgingen, und über Brücken, die älter aussahen als die Wege, auf denen man zu ihnen kam. Mehr als einmal schwieg Naaarstr plötzlich lange. Mehr als einmal drängte er nur wieder jenes Blut in Anadars Bewusstsein, dumpf, unerbittlich, wie ein pochender Zahn, und doch war die Angst, die ihn noch vor kurzem begleitet hatte, nicht mehr dieselbe. Anadar lernte etwas, ohne es bereits nutzen zu wollen. Und vielleicht war genau das die erste Gefahr.
Die Landschaft verengte sich, wurde unübersichtlicher, zerrissener von Wasserläufen, die aus den Anhöhen herabkamen und angeschwollen, braun und laut durch das Land schossen. Eines Tages, es war später Vormittag, und der Regen war gerade wieder in feine, schräg treibende Nadeln übergegangen, kamen sie an eine schmale Brücke, alt, aus dunklem Stein, unter der ein tosender Bach lief, weiß an den Kanten, schmutzig in der Tiefe, voll vom Schmelzwasser und Regen der letzten Tage. Auf der anderen Seite standen drei Reiter.
Anadar sah sie zuerst nur als gedämpfte Gestalten im Dunst, helle Umrisse gegen grauen Tag, dann trat eine von ihnen etwas vor, stieg ab, und im selben Moment wusste er, wer es war.
Grot.
Natürlich Grot.
Er spürte, wie sich in ihm augenblicklich alles verhärtete, noch ehe der Mann überhaupt den Mund aufmachte. Grot war in Weiß gekleidet wie eine schlechte Gewohnheit, und selbst im Regen gelang es ihm, auf eine Weise geschniegelt auszusehen, die Anadar innerlich beleidigte. Son und Indra hielten sich wie immer etwas hinter ihm, doch auch sie stiegen ab und traten nun mit auf die Brücke zu.
Anadar hob die Hand und bedeutete den anderen, langsam zu werden. Dann ritt er selbst vor, bis beide Gruppen sich in der Mitte der Brücke beinahe berührten und nur noch das Geländer, der Regen und das tosende Wasser unter ihnen Raum zwischen den Worten ließen.
„Ich dachte“, sagte Anadar trocken, „ihr wolltet auf uns in Tandor warten.“
Grot starrte ihn an, als wäre schon dieser erste Satz eine Zumutung.
„Damit ihr fliehen könnt“, sagte er scharf, „während wir uns mit euren hinterlassenen Rätseln beschäftigen. Wo ist euer Bruder. Hat er euch gewarnt, dass ich euch suche.“
Anadar blinzelte einmal. Dann sagte er mit einer Ruhe, die zur Hälfte echt und zur Hälfte Entscheidung war: „Mein Bruder. Ich dachte, er wäre bei euch.“
Etwas in Grots Gesicht zuckte.
„Hört auf, mich hinters Licht zu führen.“
„Dann hört auf, so zu tun, als hätte jeder in dieser Welt Lust, seine Zeit damit zu verbringen.“
Shara saß schon jetzt dichter an Anadar als zuvor, Morgut hielt sich etwas schräg hinter ihm, Miene und Sindra still, beide wach. Son und Indra standen unbewegt, Grot jedoch trat einen Schritt weiter vor, und in diesem Schritt lag so viel aufgestaute Gereiztheit, dass Anadar sofort wusste, der Mann hatte zu lange nichts erreicht und hielt ihn nun für den richtigen Ort, diesen Umstand abzuladen.
„Slonda ist verschwunden“, sagte Grot. „Seit Tagen. Wir haben Grund zu der Annahme, dass er mit euch in Verbindung stand, dass er euch informiert hat oder selbst Informationen über euch verborgen hielt. Ich bin nicht hier, um noch länger eure schön gesetzten Ausflüchte anzuhören.“
„Dann seid ihr dumm hier“, sagte Anadar.
Grot sog Luft ein, wie Männer es tun, die noch entscheiden, ob sie sprechen oder handeln wollen, und als er wieder ausatmete, war die Entscheidung gefallen.
„Ich werde euch notfalls hier festsetzen und verhören.“
Anadar lachte.
Nicht laut, nicht spöttisch im groben Sinn, eher wie jemand, der etwas so unerquicklich töricht findet, dass es ihm fast Erleichterung verschafft, weil nun wenigstens offen gesagt ist, was zuvor schon im Raum stand.
„Wirklich“, sagte er leise.
Grot hob die Hände.
Die Luft veränderte sich sofort. Der Regen um sie herum stockte nicht, aber er gehorchte nicht länger nur der Schwerkraft. Aus Wasser wurden Nadeln, feine, gläserne Spitzen, die in der Luft hängenblieben, sich sammelten und schräg um die Reisegruppe legten wie ein kalter, zitternder Kranz. Son und Indra bewegten sich nicht. Vielleicht hatten sie diesen Moment kommen sehen. Vielleicht fürchteten sie ihn.
Naaarstr meldete sich augenblicklich.
Blut.
Anadar war für einen Herzschlag versucht, auf eine Weise, die ihn erschreckte, gerade weil sie so schnell kam. Das Schwert, Grot, die enge Brücke, der Bach darunter, ein falscher Schritt und alles ließe sich in einer rohen, geradlinigen Gewalt lösen. Er spürte das Drängen, hörte das dumpfe, gierige Wispern im Stahl an seiner Seite und wusste im selben Moment, dass der nächste Augenblick ihn auf eine Weise definieren würde, die weiter reichte als dieser nasse Tag.
Er konzentrierte sich.
Kurz.
Hart.
Und ließ statt des Schwertes etwas anderes kommen.
Sein linker Arm fuhr nach vorn, und mit der Bewegung entfaltete sich aus seiner Hand eine Feuerpeitsche, leuchtend, heiß, geordnet, kein wildes Aufschlagen, sondern ein reiner, scharf geführter Strang aus Flamme, dessen Hitze die Regennadeln um ihn augenblicklich verdampfen ließ. Wasser zischte, Dampf schoss auf, für einen Moment war die Brücke halb in weißen Schwaden verborgen, und Anadar trat hindurch, Schritt für Schritt auf Grot zu, das Feuer in der Hand und den Blick so fest auf den Wassermagier gerichtet, dass selbst Morgut unwillkürlich die Zügel kürzer fasste.
Das Schwert an seiner Seite sagte mit einer fast erfreuten Neugier:
Ach. So machst du das.
Grot wich nicht sofort zurück, aber er wurde bleicher. Nicht aus Angst allein, eher aus dem jähen Begreifen, dass der Mann vor ihm keineswegs nur einen scharfzüngigen, unerquicklich überlegenen Konklaventeilnehmer spielte, sondern in diesem Moment auch bereit sein könnte, ihn auf dieser Brücke wirklich zu brechen.
„Geht zurück“, sagte Anadar, ohne den Blick von Grot zu nehmen, und meinte damit seine eigenen Leute.
Shara bewegte sich nicht.
„Shara.“
Er sprach es diesmal leiser.
Sie verstand. Einen Augenblick später lenkte sie ihr Pferd etwas zurück, nicht weit, nur gerade so, dass er Raum hatte. Morgut folgte murrend, Miene und Sindra ebenfalls.
Grot hob bereits die rechte Hand höher, wohl um den nächsten Zauber zu setzen, als plötzlich Son und Indra an ihm vorbeigingen.
Nicht hastig.
Nicht kämpfend.
Sie traten schlicht an ihm vorbei, geradewegs auf Anadar zu, blieben wenige Schritte vor ihm stehen, sanken gleichzeitig auf ein Knie und schlugen die Kapuzen zurück.
Der Regen lief ihnen übers Haar, über die Stirn, über die Wangen, und beide senkten den Blick.
„Meister Anadar“, sagte Son zuerst, und ihre Stimme war klar genug, dass selbst der Bach darunter sie nicht ganz verschluckte. „Bitte verzeiht.“
Indra hob den Kopf nur wenig.
„Wir brauchen eure Hilfe.“
Die Feuerpeitsche knackte leise in Anadars Hand. Hinter ihm hielt selbst Morgut den Atem an. Vor ihm stand Grot, bleich vor Zorn, Demütigung und etwas anderem, das fast wie Hilflosigkeit aussah.
Und mitten auf der schmalen Brücke, zwischen winterlichem Regen, Dampf und dem Lärm des Wassers, begriff Anadar, dass die eigentliche Geschichte gerade erst begonnen hatte.
IV
Die Feurige Feste atmete wieder.
Noch nicht frei, noch nicht in jener vollen, stolzen Sicherheit, die sie einst ausgezeichnet hatte, aber doch genug, dass ein Fremder, der von fern auf die Anlage blickte, nicht mehr nur Zerstörung und Brandnarben gesehen hätte, sondern Arbeit, Willen und jene eigentümliche Form von Ordnung, die nicht aus Ruhe entsteht, sondern aus Disziplin. Überall wurde getragen, gehoben, gehämmert, gestützt, geschichtet, gefegt, vermessen und wieder eingerissen, wenn etwas sich als unbrauchbar erwies. Mauern, die noch vor wenigen Wochen schwarz und aufgerissen dagelegen hatten, standen wieder bis auf Schulterhöhe. Dächer waren provisorisch gedeckt. Hallen, die man zunächst nur gesichert hatte, dienten nun schon wieder dem Unterricht, wenn auch mit Planen statt Türen und mit Rauch, der durch Öffnungen abzog, die nie dafür gedacht gewesen waren.
Manador ging täglich durch die Feste, meist früh, wenn der Himmel noch hell war, aber die eigentliche Wärme des Tages noch nicht begonnen hatte, und sah nach allem, nicht weil es ohne ihn nicht gegangen wäre, sondern weil er es sehen wollte. Es genügte ihm nicht, Berichte zu hören. Er wollte den Klang der Hämmer selbst hören, wollte sehen, ob die Jungen beim Tragen wirklich mit dem Rücken arbeiteten oder wieder aus den Armen zogen wie Stallburschen, wollte wissen, ob die Steine ordentlich gesetzt, die Hölzer gut abgelagert, die Feuer richtig geführt wurden. Eine Schule wie diese baut man nicht mit Anweisungen allein wieder auf. Man baut sie mit Anwesenheit auf. Das hatte er immer geglaubt, und der gegenwärtige Zustand gab ihm recht.
Die Aufräumarbeiten gingen gut voran. Zu gut vielleicht, wenn man einem misstrauischen Gemüt folgen wollte, denn manches lief so glatt, dass es fast wirkte, als hätten alle nur auf einen Anlass gewartet, sich noch entschiedener und ordentlicher zu verhalten als zuvor. Doch Manador war kein misstrauischer Mann um des Misstrauens willen. Er genoss es. Er genoss den Anblick der jungen Magier, die Steine schleppten, bevor sie zum Unterricht liefen. Er genoss es, dass niemand sich drücken wollte, dass selbst jene, die sonst eher durch kluge Ausreden als durch Eifer auffielen, plötzlich mit verrußten Händen und aufgescheuerten Handflächen dastanden und mehr taten, als man ihnen abverlangt hätte. Er genoss die Ordnung, die dadurch entstand, jene stolze, straffe, fast militärische Ordnung, die in der Feurigen Feste immer dann am klarsten hervortrat, wenn man sie bedroht oder verletzt hatte.
Natürlich wusste er, woher ein Teil davon kam.
Anadar.
Man sprach seinen Namen nicht andauernd aus, nicht offen, jedenfalls nicht in den oberen Rängen und nicht in den Unterrichtshallen, wo Form und Disziplin noch immer etwas galten, aber sein Abwesender Wille lag trotzdem über der Schule wie ein zweites Dach. Die Jungen, die ihn nur aus Erzählungen kannten, redeten von ihm inzwischen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und törichter Glut, die Manador manchmal amüsierte und manchmal beinahe an Fanatismus erinnerte. Die Älteren, die mit ihm gelernt, gestritten oder geritten waren, wurden nicht geschwätziger, aber stiller, konzentrierter, als hätten sie beschlossen, dass jede schlampige Haltung in seiner Abwesenheit schon fast eine persönliche Beleidigung wäre. Selbst beim Training sah man es. Haltungen wurden sauberer gehalten. Formen sorgfältiger geführt. Niemand schlurfte mehr in die Übungshalle. Niemand dachte, ein halbherziger Schlag sei gut genug, wenn man nur hinterher klug dazu rede.
Manador bemerkte diese Veränderung mit einem stillen, schwer einzugestehenden Stolz.
Er selbst war von Anadar beeindruckt, schon lange, wenn auch nie auf die Art jener Jüngeren, die aus Bewunderung sofort Reinheit und Größe machten. Manador war nicht blind. Er wusste um Anadars Härten, seinen Stolz, seine Neigung, alles selbst tragen zu wollen, bis es beinahe zu spät ist. Er wusste auch, dass Macht einen Mann nicht nur erhöht, sondern verengt, wenn er nicht aufpasst, und dass Anadar inzwischen an Stellen angekommen war, an denen andere längst entweder zerbrochen oder verdorben wären. Aber vielleicht lag die tiefere Anerkennung gerade darin. Manador hatte nie an der rohen Stärke allein gehangen. Stärke beeindruckt jeden zweiten Narren. Ihn beeindruckte, dass Anadar trotz allem noch immer von einer Art innerem Maß gehalten wurde, auch wenn dieses Maß immer wieder unter Druck geriet. Und es gefiel ihm, dass die Schule das spürte.
Nur manchmal, wenn er sah, mit welcher Inbrunst ein paar der Jüngeren bereits von ihm sprachen, mit welcher Art von glänzendem Blick sie seine Entscheidungen, seine Kämpfe, sogar seine Fehler zu Legenden erklärten, dachte Manador, dass man aufpassen musste. Schulen kippen nicht plötzlich in Fanatismus. Sie gleiten hinein, dankbar, stolz und überzeugt, das Richtige zu tun. Die Feurige Feste war schon immer empfänglicher dafür gewesen als andere Orte. Feuer liebt Form, aber es liebt auch Hingabe, und aus Hingabe wird rascher Glaube, als kluge Menschen es gern zugeben.
Dennoch ließ er den Eifer gewähren.
Er sah keinen Grund, ihn zu dämpfen, solange er in Arbeit übersetzt wurde. Und das tat er. Überall. Im unteren Hof, wo eingerissene Mauerkronen neu gefasst wurden. In den Werkstätten, wo Nägel gezogen, Eisen neu geschmiedet und beschädigte Halterungen ersetzt wurden. In den Schlafsälen, wo selbst jene Schüler, die sonst glaubten, Ordnung sei etwas für andere, ihre Strohlager säuberten, Decken ausschüttelten, Truhen schleppten und sich plötzlich dafür interessierten, ob ein Fensterzug die nächtliche Kälte verstärkte oder nicht. Die Feste bekam ihre Form zurück, und mit jeder gewonnenen Wand, jedem neu gedeckten Dach, jedem zurückeroberten Raum gewann auch die Stimmung an Festigkeit.
Der Unterricht hatte ebenfalls wieder begonnen, wenn auch in einer raueren, unmittelbaren Weise als früher. Es wurde nicht immer in den dafür vorgesehenen Räumen gelehrt. Manchmal standen sie auf Schuttflächen und übten dort Haltung, Atmung und Konzentration, während hinter ihnen noch jemand Balken trug. Manchmal ließ man einfache Formen des Feuerziehens an offenen Baugruben wiederholen, nur damit alle sahen, wie leicht eine ungenaue Bewegung bei Wind und trockenem Holz zur Dummheit werden konnte. Manador hielt das für nützlich. Schulen, die nur in intakten Hallen funktionieren, verdienen ihre Mauern nicht.
An einem späten Vormittag, als der Himmel über der Feste blendend klar war und die Luft nach Staub, Kalk und warmem Stein roch, wurde er zu einem der eingefallenen Türme gerufen. Es war keiner der großen, sichtbaren Türme der äußeren Linie, sondern ein älterer Bau im inneren Bereich, eher schmal, früher wohl mehr Archiv- oder Beobachtungsturm als wirklicher Wehrbau, und beim Angriff hatte es ihn übel erwischt. Das obere Drittel war eingestürzt, die inneren Treppenlagen gebrochen, und man hatte sich bisher darauf beschränkt, die Reste zu sichern, damit niemand dort aus Neugier zu Tode kam.
Nun aber hatte man beim Räumen tiefer unten etwas entdeckt.
Manador ging selbst hin.
Der Weg in den Keller war eng und staubig, weil der halbe Zugang unter eingestürztem Mauerwerk freigelegt hatte werden müssen. Zwei ältere Schüler hielten Fackeln, ein dritter stand mit Hakenstange und Atemtuch im Gang, als könne jederzeit noch etwas nachrutschen. Unten wurde die Luft sofort kühler, feuchter, stiller. Der Turm hatte eine untere Kammer, von der kaum noch jemand gewusst hatte, ein langgezogener, tonnengewölbter Raum mit niedrigen Wandnischen und halb vermauerten Ablagen, und dort lagen sie.
Schriftstücke.
Viele.
Nicht lose, nicht verstreut wie gewöhnliche, in Panik gerettete Rollen, sondern geordnet, in Bündeln, in Kapseln, in flachen Kästen, die selbst jetzt noch einen Rest von System erkennen ließen. Manche waren mit Leder umwickelt, andere in dünne Metallhüllen geschoben, wieder andere mit Bändern verschlossen, auf denen Siegel saßen, alt, aber ungebrochen. Staub lag darüber, Kalk ebenfalls, und einige der äußeren Behältnisse hatten Feuchtigkeit gezogen, doch der Großteil wirkte unberührt genug, dass selbst auf den ersten Blick klar war, wie ungewöhnlich dieser Fund war.
Manador kniete sich zu einem der Kästen hinab und strich mit dem Daumen über das Siegel.
Er kannte die Praxis.
Sie war nicht selten, jedenfalls nicht unter ernstzunehmenden Magiern. Alles, was nicht bloß Lehrmaterial, sondern Versuch, Übergangsform, gefährliche Neuerung oder unvollständig verstandener Zauber war, wurde versiegelt. Nicht weil man Geheimniskrämerei so liebte, wie Außenstehende oft behaupteten, sondern weil Zauber nicht nur gelesen, sondern ausgelöst werden können, und weil die Art von Unfall oft dort beginnt, wo ein dummer oder übereifriger Schüler glaubt, ein halb verstandenes Ritual sei im Kern nur eine schwerere Version von Unterricht. Insofern war der Brauch selbst nicht bemerkenswert.
Bemerkenswert war die Menge.
„Wie viel davon“, fragte er leise, „habt ihr gefunden.“
Der Schüler mit der Fackel schluckte sichtbar.
„Bis jetzt nur diese Kammer, Meister. Dahinter scheint noch mehr zu sein, aber der Durchgang ist teilweise verschüttet. Wir wollten nichts bewegen, bevor Ihr es gesehen habt.“
Manador nickte. Das war richtig. Die Bündel lagen zu dicht, zu bewusst gesetzt, zu wenig wie bloßer Lagerrest. Eher wie etwas, das man absichtlich tief und still gelegt hatte, damit es nicht vergessen, aber auch nicht beiläufig gefunden würde.
Er nahm eines der Pakete auf und wog es in der Hand. Schwerer als Pergament allein, vielleicht mit eingelegten Metallplatten oder Schutzlagen. Das Siegel selbst zeigte kein persönliches Zeichen, sondern nur eine alte Form, die eher für interne Verwahrung als für Besitz stand.
„Hat jemand versucht, etwas zu öffnen.“
Drei Köpfe schüttelten sich gleichzeitig.
„Nein, Meister.“
„Gut.“
Er trat noch weiter in die Kammer, ließ die Fackel höher halten und sah die Reihen ab. Die Nischen waren voller, als ihm lieb war. Man konnte hier ganze Jahrzehnte experimenteller Arbeit vermuten oder das, was nach mehreren Generationen davon übrig geblieben war. Ein Teil von ihm wollte augenblicklich alles stehen und liegen lassen, sich einen Tisch holen, die ältesten Siegel prüfen, die Handschriften vergleichen, die Herkunftslinien rekonstruieren, in den Katalogen nachsehen, wer diesen Turm zuletzt genutzt hatte und wann das Wissen darüber verlorengegangen war. Gerade weil er die Feurige Feste kannte, wusste er, dass man hier entweder auf einen Schatz oder auf ein Bündel alter Dummheiten gestoßen war, und beides konnte in den richtigen Händen außerordentlich aufschlussreich sein.
Aber er dachte nur kurz daran.
Dann stand er wieder auf.
„Es wird verschlossen“, sagte er. „Sofort. Niemand geht ohne meine ausdrückliche Erlaubnis hier herunter. Die Tür wird oben und unten gesichert. Zwei Wachen im Wechsel. Keine neugierigen Finger. Keine halben Vermutungen. Keine zufälligen Heldentaten.“
„Ja, Meister.“
„Und niemand spricht darüber, als hätten wir hier ein Wunder entdeckt. Wir haben alte, versiegelte Schriftstücke entdeckt. Das ist alles. Die Feste steht noch halb offen zum Himmel, und ich werde mich nicht damit beschäftigen, ob irgendein Sechzehnjähriger glaubt, mit verbotenen Zeichen den Wiederaufbau beschleunigen zu können.“
Das brachte ein paar nervöse, kurze Lacher, gerade genug, um die Spannung aus den Schultern der Jungen zu nehmen.
Manador blieb noch einen Moment stehen, sah ein letztes Mal in die Kammer und spürte, wie diese Entdeckung sich im Hintergrund seines Denkens festsetzte, nicht dringend genug, um sofort alles andere zu verdrängen, aber mit jener Hartnäckigkeit, die gute Funde an sich haben. Da lag etwas Altes. Etwas Bedeutendes womöglich. Vielleicht bloß gefährlich, vielleicht bloß unerfreulich in seiner Nutzlosigkeit, aber gewiss nicht belanglos. Und gerade deshalb musste es warten.
Momentan hatten sie Besseres zu tun.
Als er wieder ans Licht trat, blendete ihn die Helligkeit des Hofes für einen Augenblick. Überall arbeitete die Feste weiter. Ein Trupp junger Magier trug frisch behauene Steine. Zwei Meister stritten über den Winkel einer neu gesetzten Treppenlinie. Aus der Schmiede kam das harte, saubere Klingen von Metall. Irgendwo rief ein Ausbilder einen Namen und bekam ein viel zu spätes „Ja, Meister“ zurück. Ordnung. Arbeit. Wiederaufbau. Das gegenwärtige Leben der Schule.
Manador atmete tief durch.
Dann ging er weiter. Er wollte sehen, wie weit sie bei der südlichen Mauer waren, ob die neue Dachlinie des Osttrakts hielt und ob die Jüngsten beim Training schon wieder anfingen, aus Begeisterung Schlampigkeit zu machen. Hinter ihm wurden die Kellertüren geschlossen.
Unten warteten die Siegel.
Oben lebte die Feste.
V
Der Ritt nach Tandor war lang und kalt und nass, und vielleicht war genau das ein Trost, denn wenn das Wetter schlecht genug ist, wenn Regen und kalter Wind den Menschen fest in die eigenen Mäntel treiben, wenn Wege zu grauen Bändern werden und selbst der Blick nach links und rechts wenig anderes findet als aufgeweichte Felder, bräunliche Hänge, angeschwollene Wasserläufe und jene trübe Ferne, in der alle Konturen ineinanderlaufen, dann schweigen selbst Menschen, die sonst alles kommentieren müssten, ein wenig häufiger, und manches, das in klarer Luft sofort zum Streit geworden wäre, sinkt zunächst einmal in die Nässe und bleibt dort.
Grot ritt am Anfang der Gruppe, als stünde ihm der Platz naturgemäß zu, geschniegelt sogar im Regen, geschniegelt in jener unerquicklich aufrechten Art, die Anadar schon immer missfallen hatte, weil sie weniger nach Würde als nach ständiger Selbstbesichtigung aussah. Son und Indra hielten sich anfangs dicht bei ihm, lösten sich aber im Verlauf des ersten Tages immer wieder aus dieser starren Ordnung, ritten einmal zurück, dann wieder vor und berichteten, was auf den Inseln der Winde bekannt war, was man vermutete und was man lieber nicht laut aussprach, solange man es nicht sicher wusste. Ein Seeungeheuer trieb im Westmeer sein Unwesen, und zwar nicht bloß als Gerücht, nicht bloß als Schreckgeschichte, mit der Händler ihre Preise anhoben und Küstenorte ihre Kinder früher nach Hause riefen, sondern als greifbarer Störfaktor, als Gefahr, die Schiffe rammte, Küsten befiel und den Verkehr zur See bereits so stark beeinträchtigte, dass erste Warenzüge nun über Wagen und Karren umgelenkt wurden, langsam, teuer und unangenehm für alle Beteiligten.
Anadar und Shara ritten hinten an der Gruppe, dicht genug bei den anderen, um nicht abgehängt zu werden, weit genug, um Grot den vorderen Platz zu überlassen wie einem Hund, der nur dann ruhig bleibt, wenn man ihm die Illusion lässt, er führe das Rudel. Morgut wechselte manchmal nach hinten, murmelte ein paar Sätze, bekam von Anadar oder Shara eine knappe Antwort und zog dann wieder vor, meist dann, wenn Grot etwas zu laut mit dem Sattel knarrte oder den Regen verächtlich aus dem Gesicht strich, als habe er persönlich beschlossen, das Wetter beleidigend zu finden. Miene und Sindra hielten sich dazwischen, nicht ganz bei den Wassermagierinnen, nicht ganz bei Shara, und wenn man sie aus einiger Entfernung betrachtet hätte, hätte die Gruppe gewirkt wie acht Reiter, die denselben Weg nehmen und doch in drei oder vier unterschiedlichen Wirklichkeiten unterwegs sind.
Die Landschaft verengte sich in den Tagen darauf, wurde nasser, kleinteiliger, voll brauner, angeschwollener Wasserläufe, die sich durch das Land fraßen, als wollten sie die Wege selbst zurückholen. Als sie schließlich an eine Brücke kamen und Grot dort bereits auf sie wartete, war in Anadar schon genügend Gereiztheit aufgestaut, dass er keinen großen Aufwand mehr brauchte, um ihn nicht zu mögen. Was auf der Brücke geschah, die Drohungen, der Regen, der sich in Eisnadeln verwandelte, die Feuerpeitsche, Son und Indra auf den Knien, hatte sie für den Rest der Reise verändert. Die Fronten waren danach zwar klarer, aber keineswegs freundlicher. Grot ritt weiter voraus, nun noch steifer als zuvor, geschniegelt in seiner Demütigung, geschniegelt im Schweigen, und selbst Morgut unterließ für einen halben Tag jeden spöttischen Kommentar, aus einer Mischung aus Neugier und dem aufrichtigen Wunsch heraus, zu sehen, wie lange ein Mann wie Grot still bleiben konnte, wenn zwei seiner eigenen Begleiterinnen ihn vor aller Augen übergangen hatten.
Son und Indra hatten die Geschichte versucht zu erzählen, soweit sie sie kannten. Der Kapmf gegen ein Abtrünnigen Magier, die Explosion des Turmes. Die Inseln der Winde seien seit Wochen von einem Wesen heimgesucht worden, das aus der See kam, Schiffe zerschlug, Landgänge wagte und sich weder bannen noch verletzen lasse, sondern nur durch ein bestimmtes Geräusch oder eine Kombination aus Tönen immer wieder für eine Weile vertrieben werde. Es greife inzwischen nicht nur Handelsschiffe an, sondern störe auch die Versorgung und zwinge immer mehr Waren auf den Landweg. Dass dies ihre Pläne durcheinanderbrachte, lag offen genug zutage. Anadar hatte nach Tandor gewollt, um Slonda zu finden oder wenigstens seine Spur, und danach über Flund nach Sontor weiterzuziehen, um Antworten auf die alte Flucht zu suchen oder neue Fragen zu finden. Nun lag zwischen ihnen und diesem Vorhaben plötzlich ein neues Ungeheuer, eine neue Route, eine neue Verzögerung, eine Ablenkung, die groß genug war, dass sie nicht mehr nur eine Ablenkung genannt werden konnte.
Shara und Anadar diskutierten darüber lange, fast ausschließlich während des Ritts und in jenen stillen Abschnitten des Abends, wenn ein Feuer brannte, aber niemand mehr Lust auf große Worte hatte. Sollten sie zuerst Slonda suchen, koste es, was es wolle. Sollten sie sich danach trennen. Sollte ein Teil nach Westen reiten, während die anderen nach Norden aufbrechen. Jedes Modell hatte seinen eigenen Fehler, und jeder Fehler roch im Moment stärker nach Verlust als nach Klugheit.
Vielleicht sollten wir uns aufteilen, sagte Shara einmal leise, als sie bei schwachem Feuer unter einer Steinmauer saßen, den Regen knapp außerhalb des Überhangs hören konnten und Morgut mit Son über Seekarten stritt, die keiner von beiden dabei hatte.
Anadar sah lange in die Glut, ehe er den Kopf schüttelte.
Nein. Oder nicht jetzt. Slonda zuerst. Wenn er lebt, wird er eher Hinweise geben als jede Spekulation. Und wenn wir uns trennen, bevor wir irgendetwas wissen, verdoppeln wir vielleicht nur die Dummheit.
Naaarstr meldete sich bei diesen Gesprächen hin und wieder mit sachlichen Anmerkungen.
Ein weiterer Dämon, fragte Anadar einmal, als das Gespräch wieder auf das Seeungeheuer kam. Kannst du dir vorstellen, dass jemand versehentlich noch etwas beschworen hat.
Ausschließen möchte ich es nicht, antwortete Naaarstr. Aber es klingt mir nicht vertraut. Wasser ist nicht gerade das Element, in dem meinesgleichen sich zuerst zu Hause fühlen. Feuer eher. Tiefe. Hitze. Opferstätten. Nicht Gischt. Nicht Salz. Nicht nasses Holz. Aber ausschließen, nein, das will ich nicht. Ihr Menschen seid äußerst erfinderisch darin, Dinge auszulösen, die nicht zu euch passen.
Als sie schließlich im Regen nach Tandor einritten, waren alle müde, nass, gereizt und auf jene stille Weise erschöpft, die aus zu vielen grauen Tagen entsteht. Die Stadt nahm sie auf, wie sie vieles aufnahm, ruhig, schwer, mit jener alten, steinernen Gelassenheit, die Tandor eigen war, und schon am Tor wurden sie von Tranda und Isidre begrüßt. Trandas Gesicht zeigte sofort, noch ehe er die ersten Höflichkeiten hinter sich gebracht hatte, dass die Nachricht keine gute sein würde.
Slonda war nicht aufgetaucht.
Noch immer nicht.
Er hatte keine Botschaft hinterlassen, keine offizielle Nachricht, keinen Hinweis, dass er Tandor verlassen wollte. Tranda sagte es ohne jede Ausschmückung, doch gerade die Nüchternheit machte die Sache schwerer. Isidre stand daneben, die roten Haare unter einer dunklen Kapuze halb verborgen, und in ihrer Miene lag jener seltene Zustand, in dem selbst kluge Menschen zugleich verärgert und wirklich beunruhigt wirken.
Was folgt, verlief hin und her. Grot wollte sofort Schuldige, wollte Verbindungen, wollte hören, dass Slonda sie getäuscht hatte oder Anadar ihm irgendetwas verschwiegen hatte. Tranda wurde schärfer, als Anadar ihn je erlebt hatte, und wies ihn darauf hin, dass seine Anwesenheit bislang noch keine einzige nützliche Antwort hervorgebracht habe. Isidre begann mit Miene und Sindra zu sprechen, um die Tage zu rekonstruieren, Son und Indra wurden von ihr und später auch von Shara befragt, was das Monster, die Inseln und die Veränderungen im Westmeer anging. Morgut hielt es kaum eine Stunde im oberen Bereich aus, ehe er Anadar in die Bibliothek folgte.
Sie durchsuchten Slondas Zimmer und die Bereiche, in denen er zuletzt gearbeitet hatte. Anadar saß über Aufzeichnungen seines Bruders, über vielen Schriftrollen, Blättern, Randnotizen, halb lesbaren Verzeichnissen, Kreideabdrücken, kleinen Skizzen von Regalen, Zeichen, deren Sinn sich ihm nicht erschloss, und Seiten, auf denen Slondas Handschrift so schnell geworden war, dass man eher eine Spur von Denken als wirkliche Schrift vor sich hatte. Manche Rollen waren leer. Manche nur mit wenigen Worten beschriftet. Manche wirkten benutzt, abgegriffen an den Rändern, als seien sie in den letzten Tagen immer wieder geöffnet worden. Einiges konnte er lesen, aber kaum etwas half. Es war alles verwirrt, verstreut, eher wie das Material eines Mannes, der drei Gedanken gleichzeitig verfolgte und keinen von ihnen ordentlich abschloss.
Zwischendurch drangen nun auch nach Tandor die Nachrichten vom Westmeer. Händler, Wagenführer, Boten. Der Verkehr zur See stockte, sagten sie, manche Strecken lägen beinahe still, Küstendörfer seien nervös, manche Transporte würden inzwischen in langen Karawanen über Land gezogen. Die Wassermagierinnen drängten. Man sah es Son und Indra an, je länger sie blieben. Nicht, weil sie Tandor nicht respektierten, sondern weil jede Stunde hier für ihre Schule und ihre Inseln möglicherweise eine zu viel war.
Grot blieb Grot.
Er störte überall und verdächtigte jeden, ihn hinters Licht führen zu wollen, und bald hatte Anadar den absurden Eindruck, dass der Mann am liebsten selbst die Mauern verhört hätte, wenn er glaubte, ihnen damit eine Aussage abzuringen.
Zwischen den Regalen, in den Katakomben der Bibliothek, wo Morgut ihn schließlich begleitete, sprach Anadar noch einmal mit Naaarstr über die Möglichkeit, ob das, was in Tandor geschehen war, ob dieses Verschwinden, diese merkwürdige Leere, irgendwie mit ähnlichen Kräften zu tun haben könnte wie jene, die er bereits kannte und der Angriff der hier aud sie sattgefunden hat, in den Katakomben.
Damit habe ich nichts zu tun, sagte der Dämon. Ich war nie hier. Und ein Angriff dieser Art, wenn überhaupt ein Angriff vorliegt, gehört nicht zu dem, was ich tue. Hör auf, hinter allem einen kausalen Zusammenhang zu vermuten, nur weil es deinem Geist gefällt, Unordnung in ein Muster zu pressen. Vielleicht solltest du anfangen, die Dinge als voneinander gelöst zu betrachten, statt sie zwanghaft zu verklammern.
Das ärgerte Anadar, gerade weil Naaarstr damit womöglich recht hatte.
Irgendwann, in einer der langen, stillen Stunden zwischen Suche, Befragung und ratloser Ruhelosigkeit, erwähnte Tranda beiläufig, dass in wenigen Wochen wieder die Dreikrone bevorstehe, jene seltene Nacht, in der alle drei Monde voll stünden. Es komme nur etwa alle zehn Jahre vor, sagte er, und an den Küsten stehe dann das Wasser merklich höher. Diesmal aber sei es besonders, weil auch Jonsus am Himmel zu sehen sein werde. Eine solche Konstellation, die Dreikrone unter Jonsus, sei seit sehr langer Zeit nicht mehr beobachtet worden.
Morgut grinste sofort und erklärte, das klinge nach genau der Art von Himmel, bei dem vernünftige Menschen am besten zu Hause blieben und unvernünftige Magier losritten, um sich mit dem Schicksal zu überwerfen und Seemonster jagten. Selbst Tranda musste darüber kurz lächeln.
Der eigentliche Hinweis kam später.
Anadar erinnerte sich plötzlich, dass Slonda und er sich früher oft Nachrichten über Spiegel geschickt hatten, dann, wenn Briefe zu langsam oder zu leicht abzufangen gewesen wären. Also ging er noch einmal in Slondas Gemach, suchte den Spiegel, fand ihn schließlich zwischen zwei unauffälligen Kästen, beinahe achtlos abgestellt, und hielt ihn lange in der Hand, ehe er sich setzte und die Konzentration sammelte, die solche Dinge brauchen. Zunächst war da nur sein eigenes Spiegelbild, müde, schmaler im Gesicht als noch vor Monaten, mit jenem Schatten unter den Augen, der nicht nur vom Wetter kam. Dann aber veränderte sich die Fläche, nicht sichtbar für jeden, sondern in jener leichten Weise, in der man erkennt, dass etwas in einem Gegenstand auf Antwort wartet.
Und dort stand die Botschaft.
Suche mich dort, wo die Bibliothek beginnt.
Anadar starrte lange darauf.
Es war genau die Art Nachricht, die Slonda für völlig hinreichend gehalten hätte, alldieweil er selbst sehr genau wusste, was er meinte und der Rest der Welt seiner Ansicht nach ruhig etwas mehr arbeiten durfte.
Wo beginnt die Bibliothek.
Im Erdgeschoss. Im Keller. Beim ersten Katalog. Beim ältesten Regal. Bei der ersten Rolle. Bei der Idee von Bibliothek. Es war unerfreundlich Slonda.
Anadar lief tagelang alles ab. Mit Morgut zusammen, einmal mit Shara, einmal allein. Sie gingen Eingänge ab, Vorhallen, Katakomben, Lagergänge, erste Räume, die ältesten Register, die unteren Archive, den ersten dokumentierten Bestand, den ersten physischen Raum, der nachweislich einmal Bibliothek gewesen war. Nichts. Oder jedenfalls nichts, das sich als sichere Fortsetzung dieser Botschaft lesen ließ.
Am Ende musste er sich eingestehen, dass es keinen Sinn mehr machte, sich an diesem einen Satz festzubeißen, bis alles andere stillstand.
Also berieten sie sich zu zehnt.
Ob Norden. Ob Westen. Ob Trennung. Aber Trennung machte wenig Sinn. Nicht jetzt, nicht ohne Slonda, nicht mit dem Monster, nicht mit Grot, nicht mit so vielen halben Informationen in der Hand und doppelt so vielen Lücken. So blieb für den Moment zuerst der Westen als Option. Wenn sie das Wesen finden oder wenigstens verstehen konnten, würde dort vielleicht nicht nur eine Aufgabe enden, sondern zugleich ein Weg aufgehen, der sie später wieder in den Norden führte.
Und so ritten sie zu neunt im Regen in Richtung Großer Markt, da auch Isidre sich ihnen nun anschloss.
Der Weg war nass und mittlerweile schlammig, der Himmel grau, und irgendwann, als sie schon eine Weile in jenem dumpfen Schweigen ritten, das nasse Reiter einander auferlegen, sah Anadar zu Grot hinüber und sagte mit ernster Miene:
„Erstaunlich, dass ein Wassermagier eures Ranges es nicht einmal vermag, den Regen abzustellen.“
Für einen Herzschlag war niemand sicher, ob er das wirklich gesagt hatte.
Dann lachte Morgut als Erster.
Miene prustete so unvornehm, dass sie sich fast verschluckte. Sindra wandte den Kopf ab, um ihr Lächeln zu verbergen, und selbst Son senkte kurz den Blick, als sei auch ihr der Satz zu gut gewesen, um ihn völlig ungewürdigt zu lassen. Nur Grot blieb trocken.
„Wenn ich die Welt nach meinem Willen ordnen könnte“, sagte er ohne sich umzudrehen, „würde ich an anderer Stelle beginnen.“
„Das glaube ich sofort“, murmelte Anadar.
Und für ein paar Schritte war selbst der Regen weniger unangenehm.
ENDE Teil I



Kommentare