Anadar II/II
- R.

- 22. März
- 62 Min. Lesezeit

VII
Shara kannte Anadar, seit sie denken konnte, und dieses Wissen war kein loses Erinnern, sondern etwas, das sich durch ihr Leben zog wie ein fester Faden, der nie ganz sichtbar war und doch alles zusammenhielt. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, nicht weil dieser Tag besonders laut gewesen wäre, sondern gerade weil er es nicht war. Die Schule war damals ein Ort gewesen, der nach Ordnung roch, nach Regeln, nach einer Welt, in der jeder seinen Platz kannte, solange er wusste, wo er stand. Und sie hatte damals keinen Platz gehabt.
Es war nicht offen ausgesprochen worden. Niemand hatte ihr direkt gesagt, dass sie nicht dazugehört. Aber sie hatte es gespürt, in den Blicken, in den Gesprächen, die verstummten, wenn sie näher kam, in der Art, wie Entscheidungen getroffen wurden, ohne dass ihr Name je fiel. Eine Frau in der Ausbildung war kein Verbot, aber auch kein Gedanke, den man ernsthaft weiterverfolgte. Es war einfacher, so zu tun, als gäbe es diesen Fall gar nicht.
Und dann war Anadar gewesen.
Er hatte nicht lange argumentiert, nicht versucht, jemanden zu überzeugen, nicht einmal laut widersprochen. Er hatte einfach gesprochen, und was er sagte, hatte Gewicht gehabt. Nicht, weil er laut war, sondern weil er es sich leisten konnte, nicht laut zu sein. Er war damals bereits Meister von vier Schulen, und diese Stellung war nicht nur ein Titel, sondern eine Tatsache, die jeder im Raum kannte. Als er sagte, dass sie aufgenommen wird, war das kein Vorschlag. Es war eine Entscheidung.
Er übernahm ihre Ausbildung selbst.
Für Shara war das in diesem Moment nicht nur eine Chance gewesen, sondern ein Versprechen, das sie sich selbst gab: dass sie ihn niemals enttäuschen würde. Sie wollte nicht einfach bestehen, nicht einfach mithalten. Sie wollte ihm zeigen, dass seine Entscheidung richtig gewesen war. Und aus diesem Wunsch wurde etwas, das sie trug, auch dann noch, wenn alles andere schwer wurde.
Die Ausbildung war härter, als sie es sich je vorgestellt hatte. Zauber waren keine Worte, die man sprach, sondern Zustände, die man durchstehen musste. Sie verlangten Kraft, Konzentration, Kontrolle, und oft auch Schmerz. Nicht immer körperlich, aber immer spürbar. Es gab Momente, in denen sie glaubte, dass ihr Körper sich gegen sie selbst stellte, dass ihre Muskeln nicht gehorchten, dass ihr Geist wegrutschen wollte, genau dann, wenn er still bleiben musste.
Die anderen Schüler machten es nicht leichter. Viele von ihnen waren stärker, robuster, und vor allem sicherer in dem, was sie taten. Sie hatten nie hinterfragen müssen, ob sie hier hingehören. Und sie ließen sie das spüren. Nicht immer offen, oft nur beiläufig, mit Bemerkungen, mit Blicken, mit diesem leisen Spott, der mehr trifft als offener Hohn.
Abends war sie oft allein.
Sie saß in den Schlafräumen oder draußen an den Mauern, die Hände noch zitternd von den Übungen, der Kopf schwer von dem Versuch, alles zusammenzuhalten, und in diesen Momenten kam der Gedanke, aufzuhören, immer wieder zurück. Einfach nicht mehr am nächsten Tag erscheinen. Einfach verschwinden, bevor jemand es offiziell ausspricht.
Und jedes Mal, wenn dieser Gedanke zu groß wurde, war Anadar da.
Nicht immer körperlich, nicht immer im Raum, aber in einer Weise, die sie nicht erklären konnte. Manchmal stand er plötzlich neben ihr, als hätte er gewusst, wann sie ihn braucht. Manchmal sagte er nur einen Satz, der so unscheinbar war, dass er an jemand anderem abgeprallt wäre, aber bei ihr genau dort traf, wo er musste. Er machte keine großen Versprechungen, kein falsches Mutmachen. Er sprach mit einer Klarheit, die ihr das Gefühl gab, dass er sie sieht, nicht als Problem, sondern als Möglichkeit.
So wurde er ihr Mentor.
Und irgendwann wurde er mehr als das.
Sie vertraute ihm, ohne darüber nachzudenken. Nicht, weil sie naiv war, sondern weil sie in all der Zeit keinen Moment erlebt hatte, in dem er sie in die falsche Richtung geführt hätte. Dieses Vertrauen war nicht leichtfertig entstanden. Es war erarbeitet worden, durch jede Stunde, durch jede Korrektur, durch jedes Schweigen, das mehr sagte als Worte.
Sie wurde besser.
Nicht plötzlich, nicht durch einen Durchbruch, sondern durch ein stetiges Verschieben von Grenzen. Sie überholte ihre eigene Stufe, dann die davor. Sie wurde besser, sie wurde besser als alle anderen in der Schule, außer Ihm, er überragte alle. Sie wuchs zur Frau heran, und mit ihr wuchs auch ihre Stellung. Sie arbeitete sich durch die beiden andere Schulen, schneller als es vorgesehen war, nicht aus Übermut, sondern aus einem einzigen Ziel heraus: zurückzukehren. Zur Feste. Zu ihm. Als sie schließlich zur Meisterin ernannt wurde und Anadar selbst ihr diese Auszeichnung übergab, war es kein Moment des Triumphes im klassischen Sinne. Es war etwas Ruhigeres. Etwas Tieferes. Ein Ankommen.
Doch mit dieser Stellung kam ein neuer Kampf.
Ihre erste eigene Klasse bestand nicht nur aus Schülern, sondern aus Männern, die sie nicht ernst nahmen. Halbstarke, die ihre Grenzen testen wollten, die glaubten, dass Autorität etwas ist, das man an Körpergröße oder Lautstärke misst. Shara musste sich behaupten, nicht mit Gewalt, sondern mit Konsequenz. Mit Kontrolle. Mit der Fähigkeit, nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, egal, was man ihr entgegenwarf. Und sie setzte sich durch. Langsam, aber unumkehrbar.
Der Respekt kam nicht auf einmal, aber er blieb, als er einmal da war. Selbst unter den Meistern, die sie anfangs nur geduldet hatten, änderte sich etwas. Nicht alle mochten es zugeben, aber sie akzeptierten sie. Dann kam die Zeit ohne Anadar.
Als er zur Lebensschule ging, verschob sich das Gleichgewicht erneut. Dinge, die vorher selbstverständlich gewesen waren, wurden plötzlich wieder verhandelbar. Kleine Privilegien verschwanden. Entscheidungen wurden über ihren Kopf hinweg getroffen. Es war kein offener Angriff, sondern ein langsames Zurückdrängen. Und wieder musste sie kämpfen. Diesmal nicht gegen Schüler, sondern gegen Strukturen. Gegen das, was man nicht benennt, weil es zu tief sitzt. Und wieder setzte sie sich durch. Nicht, weil sie stärker war, sondern weil sie nicht aufgab.
Als Anadar aus der Geistesschule zurückkehrte, war die Erleichterung da, bevor sie sie benennen konnte. Doch gleichzeitig bemerkte sie die Veränderung, schon bei Ihrem Duell, dass sie verloren hatte bevor es begonnen hatte. Er war nicht mehr derselbe Mann. Nicht schwächer. Im Gegenteil. Er war gewachsen, präsenter. In einer Weise, die schwer zu greifen war. Seine Präsenz war dichter geworden, als hätte sich etwas in ihm verdichtet, das vorher nur angedeutet war. Er wirkte weniger berechenbar, nicht im Sinne von Gefahr, sondern im Sinne von Tiefe und Unergründlichkeit.
Und dann kam der Kampf. Die Bannung des Dämons. Und in diesem Moment wusste Shara, dass etwas geschehen war, das über das hinausging, was alle glaubten gesehen zu haben. Sie spürte es nicht als Beobachtung, sondern als Gewissheit. In ihm war ein Kampf geführt worden, den niemand außer ihm führen konnte. Seitdem beobachtete sie ihn. Die Anspannung. Die Unruhe. Das Gehetzte. Und dieses Verlangen, das sich in seine Bewegungen schlich, als wäre es ein zweiter Wille.
Und dann kam dieses Gemetzel.
Dieser Moment, in dem er nicht mehr innehielt, nicht mehr abwog, nicht mehr entschied, sondern nur noch handelte. Der Schrei nach Blut, der nicht nur ein Wort war, sondern ein Zustand. Das Nicht-Aufhören, selbst als keine Gefahr mehr bestand. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Shara Angst.
Nicht nur um ihn. Vor ihm.
Als er sich umdrehte, das Schwert schwarz glänzend, ohne einen Tropfen Blut auf der Klinge, und dieses Grinsen in seinem Gesicht lag, das nicht mehr nur menschlich war, wusste sie nicht, ob er sie noch sieht. Ob er noch unterscheiden kann. Und sie wusste, dass sie ihn nicht aufhalten könnte. Nicht mehr. Er war zu mächtig geworden. Und er begann, es zu begreifen.
Seitdem ritten sie schweigend.
Die Tage wurden kürzer, die Kälte schärfer. Mittwinterwende lag in der Luft, als würde die Welt selbst den Atem anhalten. Sie ritten schnell, zu schnell, getrieben von einem Ziel, das mehr Gefühl als Plan war: Zoordak. Die Mutter. Sicherheit?
Anadar ritt vorne. Nicht aus Gewohnheit, sondern aus Distanz und Sicherheit, sie behielten ihn im Auge. Er sprach kaum. Und wenn, dann kurz, knapp, als wäre jedes Wort etwas, das er sich aus einem anderen Raum holen muss. Miene und Siendra hielten Abstand, beobachteten ihn, prüften ihn auf eine Weise, die nicht auffällig war, aber präzise. Shara wusste, dass sie suchten. Und sie wusste auch, dass sie nichts finden würden, solange er es nicht zulässt. Morgut hielt sich oft zwischen ihnen und Anadar. Wie ein Schild. Als wüsste er, dass, wenn etwas passiert, er der Erste sein muss, der es auffängt.
Shara suchte das Gespräch nicht. Sie wusste nicht, wie sie ihn erreichen sollte. Nach vielen Tagen erreichten sie Zoordak. Und die Stadt war anders, außergewöhnlich in der bereits zugeschneiten Landschaft. Nicht nur größer oder reicher, sondern anders in ihrer Natur. Sie lag unter einer goldglänzenden Kuppel, die das Licht sammelte und zurückwarf, als hätte sie beschlossen, dass Dunkelheit hier keinen festen Platz hat. Türme ragten daraus hervor, schlank und ruhig, als würden sie nicht nur in den Himmel zeigen, sondern ihn ordnen. Die Straßen waren warm. Thermale Hitze zog sich durch den Boden, unsichtbar, aber spürbar, als würde die Stadt selbst von innen leben. Im Hintergrund erhoben sich inaktive Vulkane, ruhig, aber präsent, und ein Fluss aus warmem, stellenweise dampfendem Wasser zog sich durch die Straßen, als hätte man hier beschlossen, dass selbst die Elemente gezähmt werden können.
Am Rand der Stadt lag der Tempel der Mutter. Ein runder glänzender Bau. Und dahinter ein Wald, der nicht hierher gehörte. Tropisch. Dicht. Fremd. Als hätte jemand ein Stück einer anderen Welt hier verankert. Sie hielten an. Und wurden hineingebeten.
Im Innenhof wurden Miene und Siendra sofort empfangen. Umarmungen, Nähe, Erleichterung. Die anderen Töchter nahmen sie auf, als wären sie nie fort gewesen. Morgut wurde ebenfalls begrüßt, vertraut, warm. Nur um Anadar machte jeder einen Bogen.
Nicht offensichtlich, aber eindeutig. Er strahlte eine Präsenz aus die sagte, bleib weg. Diese Aura lag um ihn. Und er schien sie nicht einmal wahrzunehmen. Sie wurden in den inneren Tempel geführt, in einen kleinen, runden Raum, in goldenes Licht getaucht.
In der Mitte saß die Mutter.
Schlank. Still. Von einer Schönheit, die nicht erklärt werden musste. Als Shara sie sah, fiel etwas von ihr ab. Miene und Siendra traten vor. Die Mutter erhob sich, küsste sie, hielt ihre Hände, und beide wirkten, als hätten sie endlich wieder Halt gefunden. Dann begrüßte sie Morgut.
Und schließlich trat sie auf Shara zu. Beugte sich vor. Küsste sie sanft. Und hauchte:
„Meine Tochter.“
VIII
Slonda war unruhig geworden. Die Bibliothek, die ihm so lange ein Ort der Klarheit gewesen war, begann sich zu verändern, oder vielleicht war es auch nur er selbst, der sich veränderte und die gleichen Räume nicht mehr auf die gleiche Weise wahrnahm. Die Katakomben, in denen er zuvor fast jede wache Stunde verbracht hatte, wirkten enger als früher, feuchter, schwerer, als würde der Stein selbst etwas zurückhalten, das nicht an die Oberfläche gehört. Der Geruch von altem Pergament und nassem Gestein, der ihn einst beruhigt hatte, lag ihm nun auf der Zunge wie etwas Bitteres, das man nicht ausspucken kann.
Er ging weiterhin hinunter.
Nicht mehr aus Hunger nach Wissen, sondern aus Disziplin. Weil er wusste, dass jemand diese Arbeit tun musste. Rolle um Rolle, Pergament um Pergament nahm er sich vor, entfaltete sie vorsichtig, entzifferte die brüchigen Zeichen, verglich, ordnete, legte zur Seite, nur um am Ende des Tages festzustellen, dass kaum etwas davon zusammenpasste. Es war Wissen ohne Kontext, Fragmente ohne Zeit, Gedanken ohne Ursprung. Und doch war da dieses eine Schriftstück.
Es lag nicht in den Regalen. Es gehörte nicht zu den anderen. Es lag bei ihm, auf seinem Tisch, abends, wenn die Arbeit getan war und der Tag sich zurückzog. Dann saß er da, die Lampe niedrig gestellt, das Licht ruhig, und starrte auf dieses Pergament, als könne reines Sehen irgendwann zu Verstehen werden. Es entzog sich ihm. Einzelne Worte erkannte er. Bruchstücke von Bedeutung, die sofort wieder zerfielen, sobald er versuchte, sie zu verbinden. Der Rest war fremd. Nicht nur alt, sondern anders. Als wäre die Schrift nicht dafür gemacht, gelesen zu werden, sondern erinnert zu werden.
Es wurde zu einem Puzzle, das ihn nicht losließ.
Er begann, Theorien zu entwickeln. Zuerst einfache. Dass die Buchstaben übereinandergelegt sind, dass man sie schichten muss, um den Sinn zu erkennen. Er zeichnete die Zeichen nach, transparent übereinander, drehte sie, verschob sie, bis ihm die Augen schmerzten. Nichts. Dann versuchte er es in seinem Spiegel. Er hob das Pergament davor, eine Kerze dahinter, stellte die Kerze davor und hielt es dagegen. Für einen Moment glaubte er, etwas zu erkennen, eine Struktur, eine Ordnung, die vorher nicht da war, und in diesem Moment war er überzeugt, dass er kurz davor ist, den Schlüssel gefunden zu haben. Er setzte sich, breitete alles aus, übertrug, prüfte.
Und scheiterte. Immer wieder.
Einmal drehte er das Pergament vollständig um, las es von unten nach oben, Wort für Wort, als würde die Richtung selbst Teil des Zaubers sein. Ein anderes Mal zerlegte er die Schrift in einzelne Zeichen und versuchte, sie neu zu ordnen, als wären es keine Worte, sondern eine Konstruktion.
Er träumte davon. Nicht wie von einem Text, sondern wie von einer Tür. Ein Tor, das sich nicht öffnen ließ, egal wie oft er dagegen drückte. Und in seinen Träumen wusste er, dass dahinter etwas liegt, das wichtig ist, nicht für die Welt, sondern für ihn. Manchmal schreckte er aus diesen Träumen hoch, überzeugt, dass er es verstanden hat. Er sprang auf, lief barfuß durch die Gänge der Bibliothek, die Steine kalt unter seinen Füßen, und suchte nach Bestätigung, nach einem Hinweis, nach irgendetwas, das den Gedanken festhält. Und jedes Mal blieb am Ende nur Enttäuschung.
Nebenbei lief das Leben weiter.
Er nahm an Gesprächen teil, weil man es von ihm erwartete. Mit dem König, mit den Verwaltern, mit denjenigen, die sich um die Flüchtlinge kümmerten, die nun in immer größerer Zahl nach Tandor kamen. Es waren Gespräche voller Zahlen, voller Organisation, voller Fragen nach Nahrung, Unterkunft, Arbeit. Immer mehr Menschen, die versorgt werden mussten, ohne dass klar war, wie lange sie bleiben. Slonda hörte zu, antwortete, schlug Lösungen vor. Doch ein Teil von ihm war nicht dort. Ein Teil von ihm saß immer noch über diesem Pergament.
In einem dieser Gespräche, als es wieder um Verteilung und Kapazitäten ging, kam ihm plötzlich der Gedanke an Drinda. Ganz unvermittelt. Er sah den Jungen vor sich, wie er am Pult sitzt, unscheinbar, konzentriert, und fragte sich, wann er ihn zuletzt gesehen hatte. Er wollte es ansprechen. Doch genau in diesem Moment wurde eine neue Frage gestellt, jemand erwartete eine Antwort, und der Gedanke glitt ihm aus den Händen, als wäre er nie da gewesen.
Später, beim Aufstehen, fiel es ihm wieder ein. Und wieder verschwand es. Als würde etwas in ihm verhindern, dass er diese Frage zu Ende denkt. Ein anderes Gespräch führte er mit Tranda und Isidre. Der Raum war wärmer als die Katakomben, trocken, geordnet, und für einen Moment fühlte sich alles wieder normal an. Tranda sprach davon, dass Nachrichten aus den anderen Schulen eingetroffen waren. Wind, Wasser und Leben hatten geschrieben, ungewöhnlich direkt, ungewöhnlich interessiert.
Sie fragten nach Anadar. Nicht allgemein. Gezielt. Sie wollten wissen, wo er sich aufhält, was geschehen ist, wie genau die Ereignisse einzuordnen sind. Tranda sprach ruhig darüber, beinahe beiläufig, als wäre es nur eine Formalität, doch Slonda hörte den Unterton. Etwas bewegte sich.
„Die nächste Konklave wird es wohl aufgreifen“, sagte Tranda. „Etwas in Bezug auf den Kodex. Ich weiß noch nicht genau, in welche Richtung es geht.“
Isidre hörte ihm nur halb zu. Ihr Blick lag auf Slonda. „Und du“, sagte sie schließlich, „verbringst deine Tage weiter in den Katakomben.“ Es war keine Frage.
Slonda zuckte leicht mit den Schultern. „Jemand muss dort unten Ordnung schaffen.“ Ein kleines Lächeln ging durch den Raum.
„Dann bist du wohl genau der Richtige dafür“, erwiderte Isidre.
„Du könntest helfen“, schlug Slonda vor, trocken. „Meine Augen sind nicht mehr die besten.“
Isidre lachte leise. „Ich bleibe lieber bei Dingen, die sich nicht dagegen wehren, geheilt zu werden.“
Es war ein leichter Moment. Beinahe belanglos.
Und doch fragte Slonda plötzlich, ohne es geplant zu haben: „Habt ihr Drinda in letzter Zeit gesehen.“
Beide schüttelten den Kopf. „Nein“, sagte Tranda. „Aber das ist nicht ungewöhnlich. Vielleicht ist er in einer Meditationsphase. Es ist bald Mittwinterwende.“
Slonda nickte. Es klang plausibel. Und doch blieb ein Rest.
Die Konklave selbst wurde unruhiger, als sie schließlich zusammentrafen. Zunächst war die Stimmung beinahe erleichtert gewesen. Der Dämon war vernichtet worden, erstochen von Anadar. Eine Bedrohung war beseitigt worden, und für einen Moment wirkte es, als hätte die Welt sich stabilisiert, dieses Stück an ungezügelter Magie gebannt. Doch diese Ruhe hielt nicht.
Die Vertreter der Windschule, der Wasserschule und der Lebensschule brachten den Antrag ein, die Ereignisse zu untersuchen. Nicht allgemein, sondern gezielt auf Anadar bezogen. Seine Macht, sein Handeln, seine Stellung. Sechs Zirkel. Machtstreben. Kodex.
Es waren Worte, die man nicht leichtfertig nebeneinander stellte. Sie wollten ein Tribunal. Eine Befragung. Eventuell eine Inquisition. Feuer, Geist und Erde stellten sich dagegen. Vor allem Manador und die Feurige Feste waren erzürnt, empört, beinahe wütend.
Slonda sagte wenig und, wenn, nicht laut, nicht emotional, sondern klar. Es gab keinen Anlass, sagte er. Keine Grundlage, sein Bruder strebte nicht nach Macht. Tranda und Isidre schlossen sich seiner Meinung an, jedoch merkten sie an, dass, wenn es nichts zu verbergen gab, zumindest eine Befragung nicht schaden würde. Aber natürlich beugten sie sich dem Wunsch Slondas.
Und dann sprach die Mutter. Wie immer ruhig. Wie immer ohne klare Position. Und doch war es eine Position. Ein Satz, der für die einen Zustimmung war und für die anderen Aufschub. Eine Entscheidung, die keine war, und gerade deshalb wirkte.
Die Abstimmung endete drei zu drei.
Die Untersuchung wurde nicht beschlossen. Vorläufig. Doch der Unmut blieb. Vor allem unter den Feuermagiern, die es nicht hinnehmen wollten, dass einer der ihren, Meister Anadar, überhaupt in Frage gestellt wurde. Vor allem Anadar, er war erhaben über allem.
Während all das geschah, kehrten Slondas Gedanken immer wieder zu seinem Pergament zurück. Wochen vergingen. Er kam nicht voran. Schließlich stand er eines Tages auf, ließ alles liegen und ging zurück zur Schreibstube. Er fragte nach Drinda.
Niemand hatte ihn gesehen. Nicht gestern. Nicht vorgestern. Nicht in letzter Zeit. Es war, als wäre er einfach verschwunden.
Zurück in seiner Kammer setzte Slonda sich erneut an den Tisch. Die Pergamente lagen vor ihm, geordnet und doch chaotisch, und das eine Stück lag wieder in seiner Hand, schwerer als es sein sollte.
Es klopfte. Leise. Dann noch einmal.
„Herein“, sagte Slonda. Die Tür öffnete sich.
Unscheinbar wie immer. Ein wenig blass vielleicht, ein wenig unsicher.
„Ihr habt mich suchen lassen“, fragte er.
Slonda sah ihn an, einen Moment zu lange.
„Ja“, sagte er schließlich. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Drinda druckste herum, suchte nach Worten, stolperte über sie.
Er sei eingeschlafen, erklärte er schließlich. Statt die Abschriften zu beenden. Er sei müde gewesen, habe sich geschämt, und als er zurückkam, sei alles weg gewesen. Er konnte es sich nicht erklären. Es täte ihm leid.
Slonda sah ihn an. Dann lachte er leise. Nicht spöttisch. Eher erleichtert.
Er erklärte es ihm, ruhig, einfach, dass er alles an sich genommen hatte. Drinda entspannte sich sichtbar. Er wirkte erleichtert, fast zu sehr, und als er sich zum Gehen wandte, sagte er beiläufig, fast nebenbei:
„Ich dachte schon, ich hätte die Rolle mit dem Zauber, der durch die Zeit geht, verloren.“
Slonda nickte. Beiläufig. Er dachte sich nichts dabei.
Drinda wich beim Gehen kaum von der Tür zurück, als hätte er Angst, den Raum noch einmal betreten zu müssen, wenn er sich zu lange darin aufhält. Seine Hand lag einen Moment zu lange am Holz, als müsse er sich vergewissern, dass die Welt draußen noch dieselbe ist wie zuvor, und erst dann schloss er leise hinter sich. Seine Schritte verklangen im Gang, erst klar, dann gedämpft, dann gar nicht mehr zu hören, und mit ihnen verschwand auch die unmittelbare Präsenz dieses Gesprächs, das sich im Moment selbst noch harmlos angefühlt hatte.
Slonda blieb sitzen.
Die Lampe warf ein ruhiges Licht über den Tisch, über die Pergamente, über die Unordnung, die keine echte war, sondern nur das sichtbare Ergebnis eines Denkens, das zu viele Wege gleichzeitig verfolgt hatte. Seine Hand lag noch immer auf dem Rand des einen Schriftstücks, fast zufällig, als hätte sie es nur berührt, ohne sich bewusst dafür zu entscheiden. Und für einen Moment geschah nichts.
Er nahm die Feder in die Hand, ohne wirklich zu wissen, warum. Gewohnheit vielleicht. Oder der Versuch, den Faden wieder aufzunehmen, dort, wo er ihn hatte liegen lassen, bevor Drinda eingetreten war. Die Spitze berührte das Pergament, zog eine Linie, die keinen Sinn ergab, ein Zeichen ohne Bedeutung, und genau in diesem Moment merkte er, dass sein Geist nicht mehr bei der Bewegung war.
Etwas hatte sich verschoben.
Nicht laut. Nicht plötzlich. Sondern wie ein Gedanke, der sich verzögert bemerkbar macht, weil er sich zuerst einen Platz suchen muss, an dem er bleiben kann.
Er legte die Feder langsam wieder ab.
Der Raum war still, doch es war keine leere Stille. Es war die Art von Stille, die entsteht, wenn etwas gesagt wurde, das noch nicht verarbeitet ist, wenn die Worte selbst bereits verklungen sind, ihre Bedeutung aber erst beginnt, sich zu entfalten. Slonda saß da und ließ den Blick über die Pergamente wandern, ohne sie wirklich zu sehen, als würde er in ihnen nach etwas suchen, das er bereits gehört hat, ohne es verstanden zu haben.
Ein Zauber, der durch die Zeit geht.
Die Worte tauchten nicht sofort als Gedanke auf, sondern als Echo. Erst undeutlich, fast wie eine Erinnerung an ein Gespräch, das nicht wichtig genug war, um behalten zu werden. Dann klarer. Schärfer. Und schließlich so deutlich, dass sie sich nicht mehr übergehen ließen.
Slonda hob den Kopf.
Sein Blick blieb auf dem Pergament liegen, das vor ihm lag, dieses eine, widerspenstige Stück, das sich seit Tagen, vielleicht Wochen, jeder seiner Versuche entzogen hatte, als hätte es nicht die Absicht, verstanden zu werden, sondern nur die Geduld, darauf zu warten, dass jemand den richtigen Zugang findet. Er legte die Hand darauf, diesmal nicht zufällig, sondern bewusst, und spürte das Material unter seinen Fingern, die leichte Rauheit, die Unebenheiten, die nichts Besonderes waren und doch in diesem Moment mehr Gewicht zu haben schienen, als sie sollten.
Ein Zauber.
Durch die Zeit.
Er wiederholte die Worte nicht laut, aber sie waren da, vollständig, in einer Klarheit, die er zuvor nicht zugelassen hatte. Und mit ihnen kam nicht sofort Verständnis, sondern etwas anderes, etwas, das näher an Unruhe lag als an Erkenntnis. Denn wenn Drinda recht hatte, auch nur zufällig, auch nur in einem Halbsatz, den er selbst nicht ernst gemeint hatte, dann bedeutete das, dass dieses Pergament nicht nur ein Fragment war, nicht nur ein Stück alten Wissens, sondern etwas, das sich seiner gewohnten Ordnung entzog.
Zeit war kein Element, das man einfach beschrieb.
Zeit war etwas, das man hinnahm.
Und wenn es hier anders war, wenn es tatsächlich einen Zauber gab, der sich nicht innerhalb eines Moments bewegte, sondern entlang von etwas, das selbst nicht stillsteht, dann war das keine Frage der Übersetzung mehr, keine Frage von Schrift und Sprache. Dann war es eine Frage von Verständnis, das er vielleicht gar nicht besitzen konnte.
Slonda lehnte sich leicht zurück, ohne den Blick von dem Pergament zu lösen. In seinem Kopf begannen sich Gedanken zu ordnen, nicht schnell, nicht hektisch, sondern langsam, vorsichtig, als würde er vermeiden wollen, dass sie sich wieder verlieren. Er erinnerte sich an seine Versuche, die Schrift zu drehen, zu spiegeln, zu zerlegen, neu zusammenzusetzen. Er erinnerte sich an die Momente, in denen er geglaubt hatte, eine Struktur zu erkennen, nur um sie wieder zu verlieren, als hätte sie nie existiert.
Und plötzlich erschien ihm dieser Gedanke nicht mehr wie ein Scheitern.
Sondern wie ein Hinweis.
Der Gedanke war noch unfertig, kaum mehr als eine Richtung, und doch hatte er Gewicht. Er setzte sich nicht sofort fest, aber er verschwand auch nicht wieder, wie so viele andere zuvor. Slonda spürte, wie sich etwas in ihm spannte, nicht wie Panik, sondern wie Konzentration, die sich sammelt, bevor sie greift.
Sein Blick glitt erneut über die Zeichen.
Und zum ersten Mal hatte er nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt.
Sondern dass er etwas übersehen hat, das die ganze Zeit vor ihm lag.
Nicht, weil es verborgen war.
Sondern weil er es auf die falsche Weise gesucht hatte.
Er beugte sich leicht nach vorne, die Finger noch immer auf dem Pergament, als würde er es festhalten müssen, obwohl es sich nicht bewegt. In seinem Inneren formte sich kein klares Bild, keine Lösung, kein fertiger Gedanke. Aber da war etwas anderes. Er öffnete die Tür und suchte wieder nach Drinda, er solle ihm erklären, was er da sagte. Er schritt schnell den Gang hinunter und suchte ihn. Er fand ihn nicht, er fragte nach ihm. Drinda? Nein, niemand hatte ihn in letzter Zeit gesehen. Vielleicht sei er meditieren in der Mittwinterzeit.
IX
Die Stille des Nordens war keine echte Stille.
Wer lange genug in ihr lebte, lernte das. Man lernte, dass Schweigen hier aus Schichten bestand. Da war das dumpfe Gewicht des Schnees auf Dächern und Ästen. Da war das ferne Knacken gefrorener Stämme, wenn die Kälte in das Holz fährt und es von innen sprengt. Da war das leise Rieseln von Pulver von einem Ast, wenn ein Vogel landet oder wenn etwas Schwereres darunter entlangstreift. Und darunter, tiefer, fast wie ein zweiter Boden der Welt, lag das, worauf Xiodri hörte.
Hunger.
Er war nicht immer da. Nicht so klar. Nicht so nah. Aber in diesen Tagen hörte sie ihn wieder.
Sie saß als Eule auf einem schwarzen Ast, dicht am Stamm einer alten Kiefer, den Kopf gegen den Wind gedreht, das Gefieder eng angelegt, und blickte hinunter auf die Hütte am Rand des verlassenen Dorfes. Rauch stieg aus dem Schornstein. Nicht viel. Nur genug, um zu zeigen, dass dort Leben war, Wärme, Fett, Vorräte, Atem. Zwei Menschen.
Nigk trat vor die Tür, schob sie mit der Schulter auf und blieb einen Moment im Schnee stehen. Er trug Holz im Arm, mehr als ein einzelner Gang verlangte, weil Menschen in kalten Gegenden schnell lernen, unnötige Wege zu hassen. Sein Atem stand weiß vor ihm. Hinter ihm kam Xian, größer, aufrechter, mit einem Bündel getrockneter Felle, die sie ausgeschlagen hatte. Sie sagte etwas. Nigk antwortete. Selbst auf die Entfernung sah Xiodri an der Bewegung ihrer Münder, dass es keine Sorge war. Nur Alltag. Nur dieses merkwürdige, fast unverschämte Sich Einrichten in einer Gegend, in der andere nur durchzogen und verschwanden.
Sie hatten sich eingerichtet.
Das war das Seltsame.
Die meisten, die den Norden in diesem Zustand sahen, begriffen sehr schnell, dass er einen nicht will. Diese beiden hatten es begriffen und waren trotzdem geblieben. Sie hatten Holz nachgestapelt. Sie hatten die schlimmsten Spalten der Hütte mit Fell und Stoff gestopft. Sie hatten einen Schneepfad von Tür zu Schuppen festgetreten. Sie hatten Fallen kontrolliert, Fleisch gehängt, Wasser aus Eis geschmolzen, als wäre all das nicht Not, sondern Ordnung.
Sie wussten, dass sie eingeschneit waren. Xiodri sah es an der Ruhe ihrer Bewegungen. An der Art, wie Menschen sich verhalten, wenn sie aufhören, auf Morgen als Aufbruch zu warten. Noch ein Monat mindestens, vielleicht länger. Der Wald hatte sie genommen und würde sie so bald nicht zurückgeben.
Und trotzdem gingen sie hinaus.
Immer wieder.
Zum Jagen, zum Spurenlesen, zum Umsehen, aus Pflicht, aus Gewohnheit, vielleicht auch, weil ein Mensch nicht tagelang in einer Hütte sitzen kann, ohne dass ihm die Gedanken anfangen, an den Wänden zu nagen.
Xiodri hätte das gleichgültig sein können.
Sie hatte viele Winter gesehen. Sie hatte gelernt, den Tod nicht persönlich zu nehmen. Wer hier oben unvorsichtig war, starb. Wer zu laut war, starb. Wer glaubte, ein Dach und ein Feuer seien schon Sicherheit, starb oft besonders überrascht.
Und doch sah sie ihnen zu.
Nicht nur aus Neugier.
Da war etwas an ihnen, das gegen ihre Erfahrung stritt.
Sie rochen nicht nach Magiern, nicht wirklich. Nicht nach den Schulen. Nicht nach Tinte, geordnetem Wort, Ritualrauch und diesem sauberen, eisernen Maß, das an Magie hängt, wenn sie in Hallen gelehrt und überwacht wird. Diese beiden trugen Leder, Fell, Schweiß, Rauch, Tierfett, kaltes Metall. Menschen eben.
Und trotzdem war da diese andere Schicht.
An ihnen. Um sie. Vor allem um die Dinge, die sie bei sich trugen.
Der Sack des jungen Mannes war falsch. Still falsch. Tief falsch. Nicht böse, aber gemacht von einer Hand, die mehr konnte, als Hände können sollten. Die Bögen waren es auch. Sie ruhten unscheinbar, und doch fühlte Xiodri ihre Spannung, selbst wenn keine Sehne vibrierte. Dazu das Amulett, das die Frau unter der Kleidung trug. Es war klein, verborgen, aber wenn Xiodri in der Nacht die Sinne weiter öffnete, war da ein kalter Glanz darum, eine Verdichtung, als hätte jemand einen Gedanken in Metall gegossen und ihn haltbar gemacht.
So etwas fand man nicht.
So etwas bekam man nicht zufällig.
Jemand hatte diese Dinge hergestellt. Jemand mit sehr viel Macht. Nicht rohe Macht, wie ein Tier sie hat oder wie ein Sturm sie nimmt, sondern Macht mit Form, Richtung und Absicht.
Es beunruhigte sie.
Nicht weil sie glaubte, diese beiden seien ihre Feinde.
Sondern weil Macht, die in Gegenstände gelegt wird, immer eine Geschichte mitbringt. Und Geschichten dieser Art enden selten freundlich für Hexen.
Xiodri kannte die Worte, die die Schulen für Wesen wie sie hatten. Falsch. Ungebunden. Verboten. Sie kannte die alten Geschichten von Dörfern, in denen man Frauen an Pfähle gebunden hatte, weil Milch sauer wurde und Kinder Fieber bekamen. Sie kannte aber auch die anderen Geschichten, die schlimmeren, die wahreren, in denen Magier kamen, kühl und höflich, und Dinge mitnahmen, die nicht in ihre Ordnung passten.
Sie hatte lange genug gelebt, um zu wissen, dass ein Scheiterhaufen nicht immer aus Holz bestehen muss.
Manchmal reicht Blick und Urteil.
Manchmal reicht ein einziges Wort, gesprochen im richtigen Kreis.
Deshalb hätte sie gehen sollen. Oder gar nicht erst hinsehen. Die beiden ihrem Schicksal überlassen, wie sie es bei anderen getan hatte. Menschen sterben. Der Wald frisst, was in ihn hineingeht. Das ist nicht Grausamkeit. Das ist Geographie.
Aber dann war da der Bär.
Sie kannte ihn.
Nicht wie Menschen ein Tier kennen, indem sie ihm einen Namen geben und so tun, als wäre damit etwas verstanden. Sie kannte ihn, weil sie seine Spuren seit Jahren sah. Die alten Narben im Fell, als sie ihn einmal im Sommer am Fluss gesehen hatte. Das linke Ohr, das oben eingerissen war. Die Weise, wie er den Boden prüfte, nicht hektisch, sondern mit jener langsamen Entschlossenheit alter Tiere, die nicht mehr spielen müssen, weil sie das Spiel längst gewonnen oder überlebt haben.
Er war alt.
Und alt bedeutete nicht schwach. Nicht hier oben. Alt bedeutete, dass er gelernt hatte, was Hunger erlaubt.
In einem guten Jahr fraß er Fisch, Aas, Wurzeln, Beeren, einen jungen Hirsch, wenn er Glück oder Zorn hatte. In einem schlechten Jahr fraß er das, was sich fressen ließ. Und in einem Winter wie diesem, mit so viel Schnee, so wenig Bewegung und einem Wald, der nicht mehr im Gleichgewicht war, wurde aus Hunger etwas anderes.
Bosheit war vielleicht das falsche Wort.
Aber Menschen benutzen oft Bosheit, wenn sie meinen, dass etwas keine Grenze mehr kennt.
Der Bär war so.
Er hatte die Witterung aufgenommen.
Nicht nur die der Menschen, sondern auch die andere, die an ihnen hing. Metall, Leder, Blut, Rauch, Magie. Etwas daran machte ihn unruhig. Es zog ihn an und stieß ihn zugleich ab. Xiodri spürte es, wenn sie seine Spur kreuzte. Er umrundete das Dorf nicht wie ein vorsichtiges Tier. Er strich weiter außen durch den Wald, blieb stehen, richtete sich manchmal auf, prüfte die Luft und ging dann wieder weiter, als denke er noch.
Beim ersten Mal verscheuchte sie ihn in der Nacht.
Sie tat es nicht offen. Kein Licht, kein Wort, kein Zeichen, das die beiden in der Hütte hätte aufmerken lassen. Nur eine Verlagerung im Wald. Ein Laut aus der falschen Richtung. Das Knacken eines Astes, wo kein Ast hätte brechen dürfen. Eine Spur von fremdem Geruch, die sie legte wie andere eine Falle legen. Der Bär blieb stehen, schnaubte, wurde groß im Dunkel, und für einen Moment glaubte sie, er werde weiterkommen. Dann drehte er ab.
Beim zweiten Mal trat sie ihm als Eule voraus, flog so tief durch die Bäume, dass Schnee von den Ästen auf sein Gesicht fiel. Er schlug danach, brummte, richtete sich auf, suchte nach etwas, das er nicht verstand, und zog sich zurück.
Beim dritten Mal musste sie mehr tun. Sie nahm im Unterholz kurz eine andere Form, keine ganz, nur genug, um größer zu wirken, und ließ ein Knurren durch den Wald laufen, das nicht ihr eigenes war und doch aus ihr kam. Der Bär wich. Widerwillig. Nicht besiegt. Nur um einen weiteren Tag betrogen.
Jedes Mal, wenn sie ihn forttrieb, wurde er hungriger.
Und jedes Mal, wenn sie zurückkehrte und die Hütte noch stand, fragte sie sich, warum sie das tat.
Für sie?
Für diese zwei Fremden?
Für Menschen, die vielleicht, sobald sie genesen, zurück in den Süden gehen und den falschen Leuten erzählen, was sie gesehen haben?
Sie saß oft auf ihrem Ast und stritt in der Stille mit sich selbst.
Lass sie sterben, sagte der vorsichtige Teil in ihr. Nicht aus Härte. Aus Vernunft. Zwei Menschen sind zwei Zungen, zwei Erinnerungen, zwei Möglichkeiten, dass eines Tages Feuer durch den Wald läuft und jemand sagt, da sei eine Hexe gewesen.
Ein anderer Teil, älter vielleicht oder müder, sagte: Und dann?
Dann bist du wieder allein. So wie davor. So wie all die Winter. So wie nach all den Gesichtern, die nur aus der Ferne vorbeigingen.
Sie hasste diesen Teil.
Weil er recht hatte.
Einsamkeit macht nicht weich. Sie macht scharf. Aber ab einem gewissen Punkt schneidet sie nur noch nach innen.
Xiodri hatte sich an ihre Einsamkeit gewöhnt wie an eine Narbe. Man lebt damit. Man baut darum herum. Man nennt es Freiheit, weil das würdevoller klingt. Aber wenn sie die beiden dort unten beobachtete, wie sie am Abend dicht am Feuer saßen, wie Xian Fleisch mit ruhiger Hand in dünne Streifen schnitt und Nigk mit verkrampften Fingern einen Riemen flickte, wie sie kaum redeten und sich doch unablässig wahrnahmen, dann fühlte Xiodri etwas, das sie sich nur ungern eingestand.
Neid.
Nicht auf ihre Wärme. Nicht auf ihr Essen. Nicht einmal auf ihre Jugend.
Auf ihr Selbstverständliches.
Darauf, dass sie nicht allein waren und es nicht einmal bemerkten, weil es für sie so normal war wie Atmen.
Sie dagegen war seit Jahren ihr einziges Echo.
Das machte Entscheidungen nicht leichter.
Tage vergingen.
Die beiden jagten. Nicht erfolgreich jeden Tag, aber diszipliniert. Ein Kaninchen, ein Fuchs, einmal ein mageres Reh, das im Tiefschnee falsch abgebogen war. Sie wurden vorsichtiger, weil sie immer wieder den Bären hörten. Tief im Wald, manchmal näher, manchmal weiter weg. Ein Brummen, das durch Stämme geht. Ein Schaben an Rinde. Ein schwerer Tritt, der nicht eilt, weil er weiß, dass Eile für Jüngere ist.
„Er ist oft da“, sagte Nigk einmal an der Tür, das Gesicht gegen den Wind gewandt.
Xian nickte, ohne sich umzudrehen. „Ja.“
„Vielleicht nur auf der Suche nach Futter.“
„Vielleicht.“
Nigk blieb stehen. „Du klingst, als glaubst du das nicht.“
Xian legte den Bogen beiseite und sah zu ihm. Ihre Augen waren dunkel in dem schmalen Licht. „Ich glaube, dass Dinge, die einen beobachten, irgendwann aufhören, nur zu beobachten.“
Nigk verzog den Mund. „Das ist unerquicklich.“
„Das ist der Norden“, sagte sie.
Sie wussten, dass da Gefahr war.
Aber sie wussten nicht, wie nah sie schon an ihnen vorbeiging. Nicht, wie oft in den Nächten draußen zwischen Stamm und Schnee eine dritte Wache stand. Nicht, dass Augen über sie wachten, misstrauisch und widerwillig, und dass sie noch lebten, weil eine Hexe sich nicht entscheiden konnte.
Dann kam der Tag, an dem das nicht mehr reichte.
Der Morgen war bleiern. Kein Sturm, aber ein Himmel, der so tief hing, als wolle er auf den Wald sinken. Nigk und Xian gingen hinaus, weil sie Fleisch brauchten und weil das Wetter gerade gut genug war, dass man diese Art von Entscheidung trifft, die später wie Hybris aussieht. Sie folgten einer Spur nach Westen, tiefer zwischen die Bäume, wo der Schnee in Mulden bis über die Knie ging und an anderen Stellen vom Wind hart gepresst war.
Xiodri folgte aus der Höhe.
Nicht dicht. Nicht offen. Nur weit genug, um den Wald vor ihnen lesen zu können.
Und sie sah ihn zu spät.
Nicht weil er gut verborgen war. Ein Tier dieser Größe verbirgt sich nicht wie ein Fuchs. Es verschwindet durch Wucht. Durch Stille, die groß genug ist, dass man Lärm erwartet und deshalb das Ausbleiben von Lärm nicht versteht.
Er lag im Windschatten umgestürzter Stämme, halb unter Schnee, nur ein dunkler Rücken, wenn man wusste, wonach man sucht. Nigk ging zuerst vorbei. Xian zwei Schritte dahinter. Dann hob der Bär den Kopf.
Es gab keinen Warnlaut.
Keine Drohung, kein Scharren, kein theatrales Aufrichten wie in Geschichten, die Menschen am Feuer erzählen. Er kam einfach.
Mit einer Geschwindigkeit, die gegen seine Masse beleidigend wirkte.
Xian schrie Nigks Namen, schon im Drehen, schon mit dem Bogen in der Hand. Der erste Pfeil traf den Bären vorn in die Brust. Der zweite streifte die Schulter. Nigk riss ebenfalls den Bogen hoch, schoss zu tief, der Pfeil fuhr in den Schnee. Dann war der Bär da.
Sie sprangen auseinander. Nur deshalb starben sie nicht in den ersten Herzschlägen.
Der Bär fuhr zwischen ihnen hindurch, drehte auf dem hinteren Lauf, als sei der Schnee nur Wasser und er darin geboren. Nigk riss das Messer aus dem Gürtel, zu klein, zu menschlich für das, was vor ihm stand. Xian hatte das Schwert gezogen, und das metallische Geräusch war in dieser weißen Stille so scharf, als hätte jemand einen Riss in den Tag geschnitten.
„Zu den Bäumen“, rief sie.
Sie liefen nicht weg. Sie kämpften rückwärts, schossen, schrien, lenkten, suchten Raum. Ein weiterer Pfeil traf den Hals. Ein anderer blieb irgendwo im Fell stecken, als hätte das Tier ihn nur mitgenommen. Blut war da, aber zu wenig, zu dunkel, zu bedeutungslos. Der Bär schüttelte sich, brüllte jetzt, und der Laut war so tief, dass Schnee von Zweigen stob.
Nigk kletterte auf eine niedrige Kiefer, mehr aus Reflex als aus Hoffnung. Zwei Atemzüge später stand der Bär am Stamm, Pranken gegen das Holz, und begann hinaufzuwollen. Nicht ungeschickt. Nicht zornig blind. Mit der schrecklichen, praktischen Entschlossenheit eines Wesens, das nicht einsieht, warum Höhe Schutz sein soll.
Nigk sprang rechtzeitig herunter, landete falsch, knickte ein, kam wieder hoch. Xian trat dazwischen, das Schwert beidhändig geführt, und bekam den ersten wirklichen Treffer. Die Klinge fuhr seitlich in den Nackenansatz. Der Bär fuhr herum. Eine Pranke traf sie an der Schulter, nicht voll, eher im Streifen, und trotzdem wurde sie zur Seite geschleudert, als hätte der Wald sie selbst weggeschlagen.
Danach gab es keinen sauberen Plan mehr.
Nur Zeit, die in Anfälle zerfiel.
Sie liefen. Der Bär jagte. Sie drehten sich, schossen, stachen, wichen aus. Einmal lockte Nigk ihn durch eine enge Schneegasse zwischen Felsen, und Xian brachte ihm dort zwei Pfeile ins Gesicht. Einer ging ins Maul. Der Bär würgte, schnaubte Blut und Schaum, wurde nur noch rasender. Einmal entzündeten sie trockenes Harz und schleuderten brennende Äste nach ihm. Das Feuer fraß Fell, roch für einen entsetzlichen Moment nach Sieg, und dann kam das Tier trotzdem weiter, mit verbranntem Haar und brennendem Hass in den Augen.
Stunden vergingen.
Nicht in einem einzigen fortlaufenden Kampf, sondern in Wellen aus Flucht, Aufflammen, neuer Verfolgung. Immer wieder glaubten sie, Abstand gewonnen zu haben. Immer wieder hörten sie ihn wieder. Dieses Brechen von Unterholz, dieses Schnauben, dieses schwere, unnachgiebige Kommen. Es war kein Tier mehr, dem man entgeht. Es war ein Urteil, das einen Schritt für Schritt einholt.
Als sie die Jagdhütte erreichten, war es schon Nachmittag, graues Licht, das bald zu früher Dämmerung werden würde. Die Hütte war klein, roh, alt. Ein Unterstand, kein Zuhause. Sie warfen sich hinein, rammten den Balken vor die Tür, zerrten einen Tisch davor, dann noch eine Bank. Nigk sackte gegen die Wand, blass, Atem wie Messer. Xian stand kaum noch gerade. Ihre linke Schulter hing tiefer. Blut sickerte durch den Ärmel. Das Schwert zitterte in ihrer Hand, nicht aus Angst, sondern aus Erschöpfung.
Draußen schabte es.
Dann Stille.
Diese Stille war schlimmer.
Nigk hob den Blick. „Vielleicht...“
Die Tür bebte so hart, dass der Satz starb, bevor er fertig war.
Noch ein Schlag.
Holz splitterte, der Balken sprang halb aus der Halterung. Xian riss ein brennendes Scheit aus der Feuerstelle und hielt es vor sich. Nicht weil sie glaubte, dass es reicht, sondern weil Menschen kämpfen, solange etwas in der Hand noch wie ein Mittel aussieht.
Der dritte Aufprall brach die Tür auf.
Kälte schlug herein. Schnee. Holzstücke. Und dahinter der Bär, größer als die Öffnung, weil alles größer wirkt, wenn es durch etwas bricht, das Schutz hätte sein sollen.
Nigk versuchte hochzukommen und sackte wieder weg. Der Bär richtete sich auf die Hinterläufe, füllte den Raum, schwarzes Fell, Blut, Dampf, verbrannter Geruch, Pfeile noch in ihm wie Hohn. Xian stand zwischen ihm und ihrem Bruder, das Schwert quer, die Beine zu weit auseinander, weil sie müde war und sich zwingen musste, nicht zu fallen.
In diesem Moment sah Xiodri alles.
Sie saß draußen auf dem niedrigen Dachrand, als Eule, den Schnee an den Klauen, und wusste, dass jetzt entschieden wird.
Nicht theoretisch. Nicht später. Jetzt.
Wenn sie nichts tat, starben sie. Vielleicht beide. Vielleicht nur einer zuerst. Danach wäre es still. Sicher. Einfach.
Wenn sie eingriff, sah man sie.
Nicht als Schatten. Nicht als vages Wunder. Sondern als das, was sie war. Eine Hexe. Eine Wandlerin. Eine Frau des Waldes, die ohne Worte wirkt und damit in jeder geordneten Welt ein Problem ist.
Sie dachte an Feuer. An Männerblicke. An die kühle, entsetzliche Art, wie Magier urteilen können, wenn etwas nicht in ihren Kodex passt. Sie dachte daran, wie viele Jahre sie überlebt hatte, gerade weil sie sich nicht zeigte. Und sie dachte daran, wie sehr sie diese Jahre satt hatte.
Allein sein ist leichter, wenn man keine Wahl hat.
Wenn man eine hat, wird es unerträglich.
Drinnen hörte sie Xians Atem. Harsch, gebrochen, störrisch.
Sie hörte Nigks halb ersticktes Stöhnen vom Boden.
Sie sah den Bären, dieses alte hungrige Stück Winter, und wusste, dass sie ihn kennt, dass sie ihn wieder forttreiben könnte, vielleicht, irgendwann, wenn es Freiraum gäbe. Aber Freiraum gab es nicht mehr. Es gab nur diese Hütte, diese wenigen Herzschläge, diese Frau mit dem Schwert und diesen Mann am Boden.
Xiodri hasste die Welt in diesem Moment.
Weil sie ihr genau das abverlangte, was sie am meisten fürchtete.
Sich zu zeigen.
Sie stieß sich ab.
Als Eule flog sie durch die zerbrochene Tür. Lautlos, schnell, ein dunkler Schlag im rauchigen Halbdunkel. Für einen winzigen, absurden Moment blickte der Bär zu ihr auf, irritiert, als könne so etwas Kleines in diesem Raum keine Bedeutung haben.
Xiodri landete direkt vor ihm.
Und wandelte sich.
Es war kein schöner Vorgang. Keine glatte Magie, kein Tanz. Es war ein Reißen, ein Stoß durch Fleisch und Form, ein Aufbrechen von Klein zu Groß, von Knochen zu anderer Knochenordnung. Federn wurden Fell. Flügel wurden Masse. Die Luft im Raum drückte gegen die Wände. Wo eben noch eine Eule gestanden hatte, stand nun ein zweiter Bär, nicht ganz so groß wie der alte, aber schneller, jünger in der Wut und entschlossener in der Richtung.
Sie trafen aufeinander wie einstürzende Bäume.
Die Hütte ächzte. Der Tisch zersplitterte. Die Feuerstelle flog auseinander, Funken sprangen in den Schnee an der Tür. Xian wurde gegen die Wand gedrückt, fing sich mit letzter Kraft und zog Nigk ein Stück aus der unmittelbaren Linie. Dann war kein Platz mehr für Denken. Nur noch Fell, Blut, Krallen, Zähne, Knurren so dicht, dass man es im Brustkorb spürte.
Xiodri kämpfte nicht elegant.
Sie kämpfte, wie Wesen kämpfen, die wissen, dass Technik eine höfliche Form des Wortes Überleben ist. Sie ging tief an den Hals, wo der Bär schon verletzt war. Sie nahm Bisse in Kauf, um bessere Bisse zu setzen. Eine Pranke des alten Bären fuhr ihr über die Seite und riss Fell und Haut auf. Schmerz schoss weiß durch sie. Sie hielt fest. Er packte ihr Nackenfell, schüttelte sie, als wolle er sie in Stücke brechen. Sie fand mit den Hinterläufen Halt im Dielenrest und rammte sich wieder nach vorn.
Blut spritzte dunkel gegen die Wand.
Der alte Bär war stärker.
Xiodri war schneller und hatte mehr zu verlieren.
Das machte sie grausamer.
Sie biss ihm endlich tief in die Kehle, nicht tödlich, aber nah genug, dass sein Brüllen zu einem röchelnden, wütenden Gurgeln brach. Er riss sich los. Für einen Moment standen beide einander gegenüber, schwankend, dampfend, rot im Fell, die Köpfe tief. Dann tat er das Einzige, was die letzten Reste von Instinkt noch erlaubten.
Er wich.
Nicht aus Furcht. Aus Rechnung.
Er drehte ab, krachte durch den Türrahmen zurück in den Schnee und verschwand zwischen den dunklen Stämmen, blutend, schwer, aber lebendig. Noch ein Geräusch. Dann nichts.
Xiodri blieb einen Herzschlag länger in Bärengestalt stehen. Der Schmerz pochte jetzt mit jedem Atemzug. Es wäre klüger gewesen, so zu bleiben. Sicherer. Die Wunden eines Bären trug ein Bär besser. Das wusste sie.
Dann sah sie Nigk.
Er lag halb unter Xians Arm, und jetzt, da die Bewegung vorbei war, sah man das Ausmaß. Die Pranke hatte seinen Brustkorb erwischt. Nicht voll geöffnet, aber tief genug. Der Stoff war zerrissen, darunter Fleisch, Blut, eine Wunde, bei der der Körper schon beginnt, sich selbst aufzugeben.
Xiodri wandelte sich zurück.
Die Rückverwandlung war schlimmer. Zu schnell. Zu erzwungen. Sie fiel fast auf die Knie, fing sich an der zerborstenen Wand, keuchend, das Gesicht grau unter dem Blut. Ihre linke Seite brannte. Ein Biss an der Schulter stand offen. Ihr Atem ging stoßweise.
Xian starrte sie an.
Nicht wie jemand, der etwas nicht versteht. Eher wie jemand, der zu müde ist, um zu entscheiden, welches seiner vielen Unverständnisse zuerst drankommt.
„Kein Wort“, sagte Xiodri heiser. „Später. Wenn es ein Später gibt.“
Xian öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
Gut, dachte Xiodri benommen. Vernünftig. Die Frau war vernünftig.
„Er stirbt, wenn wir hier bleiben“, sagte Xiodri. „Leg ihn auf eine Bare. Es ist nicht weit. Ihr müsst mir folgen. Jetzt.“
Xian sah auf Nigk, dann auf die fremde Frau vor sich, blutverschmiert, zitternd, unmöglich. Dann nickte sie einmal.
Es war keine Zustimmung. Es war Kapitulation vor der Dringlichkeit.
Sie rissen Bretter aus dem Rest der Hütte, spannten Fell dazwischen, banden es mit Riemen, deren Knoten Xian mit tauben Fingern kaum noch zu fassen bekam. Nigk kam nur halb zu sich, als sie ihn anhoben. Ein Laut ging durch ihn, so flach, so fassungslos vor Schmerz, dass Xian kurz die Augen schließen musste. Dann hob sie weiter.
Sie war am Ende ihrer Kräfte.
Das sah man nun ganz.
Ihr Gesicht war farblos unter dem Schmutz. Blut klebte an ihrem Hals, teils ihr eigenes, teils fremdes. Der rechte Arm zitterte bei jeder Belastung. Die Schultern standen hart vor Erschöpfung. Sie bewegte sich nicht mehr wie eine Kämpferin, sondern wie jemand, der den Körper nur noch durch Willen von einem nächsten Schritt überzeugt.
Und doch wuchtete sie ihren Bruder auf die Bare.
Nicht sauber. Nicht leicht. Mit einem erstickten Laut, mit Zähnen aufeinander, mit einem letzten Aufbieten all dessen, was sie in Jahren gelernt hatte, weil Aufgeben in dieser Welt nur ein anderes Wort für Sterben ist.
Dann zog sie.
Xiodri ging voraus.
Der Wald war inzwischen fast dunkel. Schnee fiel wieder, fein zuerst, dann dichter. Die Spur war schmal, halb verborgen, eine jener Wege, die nur jemand findet, der nicht will, dass man sie findet. Xiodri stolperte einmal, fing sich. Blut rann warm an ihrer Seite herab und wurde sofort kalt. Hinter ihr hörte sie das Schleifen der Bare, das schwere Atmen Xians, manchmal das dumpfe Anstoßen von Holz gegen Wurzeln unter dem Schnee.
Mehr als einmal dachte sie, die Frau würde zusammenbrechen.
Mehr als einmal dachte Xian das vermutlich selbst.
Aber sie ging weiter.
Mit gesenktem Kopf, die Hände verkrampft um die Zugriemen, den ganzen Körper nach vorn gelegt. Jeder Schritt war Arbeit. Jeder Schritt sagte, dass Müdigkeit später drankommt. Dass Sorge stärker ist als Schmerz. Dass ein Bruder auf einer Bare mehr Gewicht haben kann als ein ganzer Winter.
Einmal blieb Nigk ganz still.
Xian blieb abrupt stehen.
„Nigk.“
Keine Antwort.
Ihre Stimme brach nicht. Sie wurde nur schärfer.
„Nigk.“
Xiodri war sofort bei ihnen, tastete mit kalten, blutigen Fingern an Hals und Atem. Schwach. Aber da.
„Weiter“, sagte sie. „Wenn du jetzt stehenbleibst, verlierst du ihn.“
Xian nickte wieder. Einmal. Stumm. Dann zog sie weiter.
Das Haus der Hexe lag tiefer im Wald, an einem Hang, den Schnee und Tannen beinahe vollständig verdeckten. Von außen sah es kleiner aus, als es war. Niedrige Wände, schweres Dach, Stein im Fundament, Holz darüber, Kräuterbüschel unter dem Vordach, jetzt gefroren und dunkel. Kein Rauch, weil Xiodri nie Rauch aufsteigen ließ, wenn sie es vermeiden konnte. Sicherheit lebt oft davon, unspektakulär zu sein.
Drinnen roch es nach Harz, altem Holz, Kräutern, Tier und etwas Bitterem, das von Tränken kam.
Xiodri warf die Tür auf. „Da hin.“
Xian zog die Bare zu einer breiten Bank am Feuerplatz. Dann brach zum ersten Mal der Zusammenhang ihrer Bewegungen kurz auseinander. Nicht weil sie wollte. Weil der Körper eine Schuld eintreibt, wenn man ihn zu lange ignoriert. Sie griff ins Leere, als sie Nigk umlagern wollte, fand den Halt wieder, atmete einmal scharf und half dann doch.
Xiodri arbeitete sofort.
Nicht elegant. Nicht ruhig. Schnell.
Sie schnitt den Stoff von Nigks Brust. Wusch Blut aus der Wunde mit etwas, das beißend roch. Legte die Hand auf Rippen, tastete, prüfte, fluchte leise. Nicht gebrochen genug, um sofort zu töten. Offen genug, um es später zu tun. Sie holte Schalen, dunkle Gläser, Bündel getrockneter Pflanzen. Zerrieb, mischte, gab Tropfen in Wasser, tropfte anderes direkt in die Wunde. Dann sprach sie.
Keine Magiersprache.
Keine geschriebenen Formeln.
Etwas Älteres. Rauheres. Wörter, die mehr mit Atem und Rhythmus zu tun hatten als mit Lehrbüchern. Xian verstand kein einziges. Aber sie spürte, wie sich der Raum veränderte. Nicht hell, nicht dramatisch. Nur dichter. Als würde die Hütte selbst zuhören.
„Heb seinen Kopf an“, sagte Xiodri.
Xian tat es.
„Nicht so. Vorsicht.“
Xian korrigierte den Griff.
Xiodri flößte Nigk bitteren Trank ein. Erst lief die Hälfte wieder heraus. Dann schluckte er. Wieder. Noch einmal. Seine Lider flatterten, ohne sich zu öffnen. Der Atem blieb flach, aber er blieb.
Xiodri presste eine Hand auf die Wunde und sprach weiter. Schweiß trat ihr auf die Stirn, obwohl sie fror. Ihre Lippen waren weiß. Blut tropfte von ihrer eigenen Seite auf den Boden. Xian sah es. Sah auch, wie die fremde Frau es ignorierte.
Minuten vergingen. Oder eine Stunde. In solcher Erschöpfung wird Zeit weich.
Irgendwann änderte sich Nigks Atmung.
Nicht gesund.
Aber weniger fern.
Weniger wie jemand, der schon loslässt.
Xiodri spürte es zuerst in den Fingerspitzen. Dieses minimale Nachgeben des Todes, wenn man ihn gerade noch verpasst. Sie atmete aus, zum ersten Mal wirklich, und in diesem Ausatmen lag fast alles, was sie noch an Kraft hatte.
„Er ist noch nicht sicher“, murmelte sie. „Aber er fällt mir nicht sofort weg.“
Xian hatte die ganze Zeit daneben gesessen, aufrecht aus Willen, nicht aus Energie. Ihre Augen waren gerötet, der Blick stumpf vor Müdigkeit und Sorge. Sie hatte nicht gefragt, wer diese Frau ist. Nicht, was sie ist. Nicht, warum sie da war. All diese Fragen standen in ihr, sichtbar wie Schatten hinter einem Tuch, aber sie drängten gerade nicht nach vorn. Es gab Wichtigeres.
Erst als Nigk stabil genug war, dass sein Atem einen Rhythmus bekam, der nicht mehr nach Abschied klang, merkte Xiodri, wie schwarz es an den Rändern ihres Sehens wurde.
Sie richtete sich auf.
Ein Fehler.
Der Raum schwankte. Schmerz, den sie beiseitegeschoben hatte, trat mit einem Mal geschlossen zurück ins Bewusstsein. Die Bisswunde an ihrer Schulter war tief. Die Seite aufgerissen. Einer der Schläge hatte vermutlich auch innen mehr beschädigt, als sie bislang spüren wollte.
Xian sah es in dem Moment, in dem Xiodri selbst es begriff.
„Setz dich“, sagte sie.
Xiodri lachte kurz, fast ungläubig. „Kommandierst du in jedem Haus.“
Dann sackte sie einfach weg.
Xian war zu müde, um sie ganz aufzufangen, aber nicht zu müde, um ihren Sturz zu bremsen. Mit letzter Kraft brachte sie die Fremde auf den Boden, zog sie ein Stück vom Feuer weg, drehte sie vorsichtig, damit die verletzte Seite frei lag. Dann saß sie da, zwei Verwundete, ein fremdes Haus, ein Winterwald draußen und in ihr nur noch diese dünne, hartnäckige Linie, die sagt: noch nicht schlafen.
Sie versorgte Xiodri so gut sie konnte.
Nicht mit Hexenwissen. Mit dem, was sie hatte. Wasser. Saubere Tücher. Druck auf die schlimmsten Stellen. Salbe, deren Geruch stark genug war, dass sie wohl nicht falsch sein konnte. Sie verband Schulter und Seite, fest genug, um Blut zu bremsen, vorsichtig genug, um die Bewusstlose nicht ganz in den Schmerz zurückzureißen. Dann schleppte sie Xiodri, Schritt für Schritt, zu einem Bett in der Ecke. Es kostete sie fast den Rest ihrer Kraft.
Als es geschafft war, stand sie einen Moment zwischen den beiden Lagern.
Nigk auf der Bank, blass, verbunden, atmend.
Xiodri im Bett, reglos, das Gesicht jetzt erstaunlich jung ohne die Härte der Wachheit.
Xian sah von einem zum anderen.
Es war zu viel für einen Tag. Zu viel für einen Menschen. Zu viel für eine Schwester, die nur jagen wollte und nun in einem verborgenen Haus im Wald stand, mit einem fast toten Bruder und einer ohnmächtigen Hexe, die ihr Leben gerettet hatte.
Sie setzte sich schließlich auf den Boden neben Nigk.
Nur für einen Augenblick, dachte sie.
Lehnte den Kopf gegen die Kante der Bank.
Hielt noch einmal kurz nach seinem Atem Ausschau, als müsse sie sich überzeugen, dass er noch da ist.
Dann schloss sie die Augen.
Und schlief ein, nahe bei ihrem Bruder, im Haus der Frau, von der sie nichts wusste, außer dass sie gekommen war, als alles verloren schien.
X
Der Ritt nach Zoordak verlief in einer eigentümlichen Ruhe, die keine war. Von außen mochte es so aussehen, als wäre Anadar stiller geworden. Vielleicht sogar gefasster. Seit dem Kampf war dieses offene Drängen schwächer. Die Klinge forderte nicht mehr in jedem Atemzug Blut. Das allein hätte ihm Erleichterung verschaffen müssen. Stattdessen war da nun etwas anderes, etwas Schwerer zu Fassendes. Die Stimme hatte sich verändert.
Sie war nicht mehr nur Hunger.
Sie war Person geworden.
Nicht ganz. Noch nicht so, wie ein Mensch eine Person ist. Aber genug, dass sie sich einen Namen gegeben hatte.
Naaarstr.
Anadar ritt vorne, wie immer, doch seine Aufmerksamkeit lag nur halb auf dem Weg. Die Zügel lagen in seiner Hand, das Pferd fand von selbst den Tritt auf dem kalten, harten Boden, und hinter ihm hörte er in Abständen das Knarren von Sätteln, das Schnauben der Tiere, das leise Murmeln von Shara oder Morgut, wenn sie etwas wechseln mussten. Er nahm es wahr, doch als Geräusch am Rand. Das Eigentliche spielte sich unter seinem Schädel ab, an jener Stelle, an der Müdigkeit und Denken irgendwann nicht mehr sauber zu trennen sind.
Woher kommst du.
Die Antwort kam nicht sofort. Naaarstr liebte Pausen. Er sprach nie, als müsse er etwas erklären. Er sprach, als wäre jede Auskunft eine Münze, die er zwischen zwei Finger nahm und nur dann fallen ließ, wenn ihm die Spannung gefiel.
Von dort, wo man uns vergaß, sagte er schließlich. Von dort, wo man uns einsperrte und dann glaubte, mit dem Zuschlagen einer Tür sei die Welt wieder geordnet.
Anadar presste die Zähne aufeinander. Das Schwert lag an seiner Seite wie eine zweite Wirbelsäule, zu nah, zu vertraut. Seit Tagen war die Stimme nicht verstummt, nur tiefer geworden. Sie wartete, statt zu brüllen. Das machte sie gefährlicher.
Du wurdest beschworen.
Ja.
Von Frantor.
Ein Lachen glitt durch ihn hindurch. Es klang nicht im Ohr, sondern im Brustkorb.
Dieser Narr, sagte Naaarstr. Dieser eitle, schmierige, kleine König seiner Kammern. Er wollte Worte sprechen, die längst niemand mehr aussprach. Er wollte Türen öffnen, deren Scharniere vor Äonen im Blut festgerostet sind. Und er tat es mit Händen, die zitterten, mit einem Verstand, der nicht reichte, und mit einer Vorsicht, die nicht einmal in einer Ratte leben würde.
Anadar ritt weiter, den Blick auf die Straße gerichtet. Kälte stand über dem Land. Das Licht war stumpf, schon winterlich, und in den Mulden lag Reif, der den Boden wie ein bleiches Fell überzog. Hinter ihm sagte jemand etwas, vielleicht Shara, vielleicht Miene, aber er hörte nicht hin. In seinem Kopf regte sich Unruhe.
Was hat er getan.
Ach, sagte Naaarstr, und in diesem Ach lag ein Genuss, der Anadar frösteln ließ. Was Menschen eben tun, wenn sie nach Macht greifen und keine Grenzen mehr haben. Er fand ein altes Buch. Nicht in einer Bibliothek, nicht in ehrwürdigen Hallen, wo man wenigstens versteht, was man berührt. Nein. Gekauft. Von einem Händler, der selbst nicht wusste, was er trug. Weit gereist, mit Kisten voll Messing, Gewürzen, Salz, gestohlenen Gebeten und Dingen, die aus besseren Gründen hätten versiegelt bleiben sollen. Frantor kaufte das Buch, weil er sich für klüger hielt als alle, die es vor ihm nicht angerührt hatten.
Bilder drängten sich vor Anadars inneres Auge. Nicht sauber. Nicht zusammenhängend. Nur Fetzen. Kerzenruß an einer niedrigen Decke. Metall auf Stein. Ein Tisch, den man nicht Tisch nennen wollte. Tücher, die zu oft gewaschen und nie sauber geworden waren. Schalen. Kreise. Dunkle Spuren in Rillen, als hätten Finger immer wieder versucht, etwas aus dem Holz zu kratzen, das nicht mehr herausging.
Anadar schluckte.
Hör auf damit.
Wenn du fragst, musst du sehen, sagte Naaarstr sanft.
Die Bilder rissen nicht ab. Hände, Frantors Hände, zu weich für das, was sie taten. Goldringe an den Fingern. Sorgfältig gepflegte Nägel. Und trotzdem Blut darunter. Nicht viel, niemals genug, wie es schien. Frantor hatte gelesen und nachgeahmt, hatte Worte gesprochen, die ihm nicht gehörten, Zeichen kopiert, deren Sinn er nicht verstand. Aber bloßes Blut hatte ihm nie gereicht. Nicht, weil es nötig gewesen wäre, sondern weil er von jener abstoßenden Sorte Mensch war, die Grausamkeit mit Tiefe verwechselt.
Naaarstr zeigte keine vollständige Szene. Er deutete an. Einen zu dunklen Keller. Ein Winseln hinter Holz. Eisen, das man erhitzt hatte. Eine Stimme, die bettelte. Nicht laut. Schon zu schwach. Frantor, geschniegelt selbst dort, mit einem Ausdruck gieriger Konzentration, als wäre das alles nur Arbeit, ein unerquicklich schmutziger Handgriff auf dem Weg zu größerem Wissen.
Anadar wurde schlecht.
Genug.
Der Dämon schwieg einen Moment. Als er wieder sprach, war in der Stimme etwas wie Abscheu.
Er war widerwärtig, sagte Naaarstr. Glaube nicht, dass ich Menschen grundsätzlich überschätze, Anadar. Ich kenne eure Art lange genug. Aber dieser da. Dieser Frantor. Es hätte mit Blut genügt. Immer genügt Blut. Warm, frisch, gegeben oder genommen. Mehr braucht es nicht. Doch er gefiel sich am Schrecken. An der Demütigung. Am langen Herauszögern. Er wollte nicht nur öffnen, er wollte herrschen, auch in der Qual. Selbst ich empfand Ekel.
Anadar atmete scharf durch die Nase aus. Er wollte die Bilder fortdrängen, doch manches bleibt, wenn es einmal in den Kopf gesetzt wurde. Seit dem Kampf war er stärker geworden, das wusste er. Auch geordneter. Aber gegen diese Art von innerem Zugriff musste er noch immer kämpfen wie gegen eine Klinge an der Kehle.
Und du? fragte er. Was hast du getan.
Gewartet.
Das Wort kam ohne Zierde.
Er war schlecht, sagte Naaarstr. Nicht geübt. Nicht diszipliniert. Er sprach Formeln falsch, vertauschte Bindungen, ließ Lücken in Kreisen, wo nie Lücken sein dürfen. Vor allem aber begriff er nicht, dass Anrufung keine Unterhaltung ist. Wer ruft, öffnet immer auch sich selbst. Ein Spalt erst. Ein Gedanke. Ein Traum. Ein Impuls, der sich einnistet. Frantor glaubte, er lenke das Gespräch. Dabei hatte ich längst begonnen, ihn von innen zu lesen.
Anadar sah nichts von der Straße mehr, obwohl seine Augen offen waren. Vor ihm lag nun Frantors Gesicht, müde, aber angestachelt, in Nächten über Pergamenten, über Notizen, über misslungenen Zeichen. Dann derselbe Mann, Wochen später, bereits verändert. Unmerklich nur. Ein Schatten in den Augenwinkeln. Ein Moment zu langes Schweigen. Ein Lächeln, das zu spät kam. Gier, die nicht mehr nur Ehrgeiz war, sondern etwas, das fraß.
Du hast ihn übernommen.
Schleichend, sagte Naaarstr. Erst Wünsche. Dann Vorschläge. Dann die Art, wie man einen Gedanken so oft wiederholt, dass man irgendwann nicht mehr weiß, von wem er zuerst kam. Er rief nach Wissen, also gab ich ihm Wissen. Kleine Dinge. Nützliche Dinge. Genug, dass er Vertrauen fasste. Genug, dass er mehr wollte.
Wieder kamen Bilder. Frantor, wie er tiefer ging. Räume, die niemand sehen durfte. Ein Kinderschuh in einer Ecke. Zu klein, um dort zu liegen. Ein metallener Geruch, alt und süßlich. Ein Becken. Kreide, die mit dunkler Flüssigkeit angerührt worden war. Ein Messer, nicht prunkvoll, eher sachlich, und gerade dadurch abscheulich. Worte wurden gesprochen, nicht laut, sondern mit jener falschen Intimität, die an Wahnsinn grenzt. Frantor glaubte, Kontrolle zu gewinnen. In Wahrheit baute er Treppe um Treppe für etwas, das durch ihn hindurchstieg.
Anadar zog die Zügel etwas härter an, als nötig war. Das Pferd warf den Kopf und schnaubte verärgert. Hinter ihm fragte Morgut etwas, doch Anadar hob nur kurz die Hand, ohne sich umzudrehen. Es ging schon. Noch.
Wie hast du dich befreit.
Naaarstr schien fast zu lächeln.
Indem ich ihn gewähren ließ. Gier macht Menschen offen wie Wunden. Er wollte den Zirkel verstehen, ohne den zweiten begriffen zu haben. Er wollte die alten Beschwörer überholen, ohne je eine Grenze wirklich studiert zu haben. Er wollte nicht nur rufen. Er wollte binden. Und als er es versuchte, hatte er bereits zu viel von mir in sich.
Die Rückblende kam diesmal schärfer. Frantor stand in einem Kreis aus schwarzen Linien. Die Luft war schwer. Mehrere Lampen brannten, aber das Licht wirkte krank, als käme es nicht mehr durch die Luft, sondern durch Schmutz hindurch. Frantor sprach. Zuerst selbstsicher, dann hastiger. Etwas antwortete nicht mit Worten, sondern mit Druck. Sein Mund stockte. Seine Finger verkrampften. Man sah den Moment, in dem er merkte, dass der Kreis nicht nur eine Grenze ist, sondern auch ein Spiegel. Dass jede Bindung zurückgreift auf den, der sie legt.
Dann blickte er auf.
Und was aus seinen Augen zurückblickte, war nicht mehr ganz er.
Er starb nicht sofort. Das war das Bittere. Er blieb noch eine Weile erhalten, genug, um den eigenen Verlust zu begreifen. Genug, um sich zu fürchten. Genug, um zu flehen. Dann wurde er stiller. Wurde weicher innen. Dünner. Bis am Ende mehr Erinnerung als Wille in ihm war.
Naaarstr ließ die Szene verklingen wie jemand, der einen Vorhang zufallen lässt.
Ich tötete ihn nicht in einem einzigen Hieb, sagte er. Ich ersetzte ihn. Das war einfacher. Und nützlicher. Und ich ließ ihn leiden, so wie er leiden ließ.
Anadar schwieg lange.
Schließlich fragte er: Und in Sontor.
Ich spielte ihn.
Du wusstest nicht, was dort geschah?
Die Antwort kam sofort. Diesmal ohne jedes Spiel.
Nein.
Anadar runzelte die Stirn. Er hatte angenommen, alles Dunkle hänge zusammen, als gäbe es irgendwo in der Finsternis eine Ordnung, eine gemeinsame Absicht. Naaarstr aber schnaubte verächtlich.
Glaub nicht, dass jeder Schatten denselben Herrn hat. Ich hatte mit eurer Vertreibung aus dem Norden nichts zu tun. Damals wollte ich keine Aufmerksamkeit. Ich musste erst lernen. Eure Welt. Eure Straßen. Eure Lügen. Eure Hierarchien. Frantors Erinnerungen reichten mir, um seine Rolle zu tragen. Mehr wollte ich vorerst nicht. Erst später ging ich in die Feurige Feste. Erst später wagte ich mehr.
Und der Norden?
Diesmal schwieg Naaarstr so lange, dass Anadar glaubte, keine Antwort mehr zu bekommen. Dann kam sie doch, leise, beinahe zufrieden.
Dinge, die sehr lange begraben waren, haben offenbar eingesehen, dass die Zeit des Schlafes endet. So wie ich. So wie manches andere. Äonen sind für die Welt nicht lang. Nur für euch.
Anadar spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Angst allein. Eher das Gefühl, an einer Schwelle zu stehen und zu wissen, dass dahinter kein einzelner Feind wartet, sondern ein Raum, der größer ist als alles, wofür man sich vorbereitet hat.
Sag mir, wie ich dich zurückschicken kann.
Naaarstr reagierte nicht sofort. Als er sprach, war seine Stimme beinahe mild.
Warum zurückschicken, wenn du lernen könntest.
Ich will keine Lehre von dir.
Jeder, der Macht trägt, sagt das am Anfang.
Ich meine es ernst.
Natürlich, sagte Naaarstr. Und gerade deshalb wärst du geeignet. Du widerstehst. Frantor tat das nie. Er verschlang nur. Du aber prüfst. Du wärest anders. Ich könnte dir zeigen, was hinter euren Zirkeln liegt. Einen neuen Zirkel, eine Legende erneut zum Leben erwecken. Ich kenne die Beschwörer, die unter der Inquisition fielen. Ich habe ihre Stadt gesehen. Ihre Hallen. Ihre Bindungen. Ihr Ende.
Anadar spürte, wie sein Herz härter schlug.
Blut, sagte Naaarstr dann. Fast beiläufig. Immer wieder Blut. Als hätte das Wort einen eigenen Rhythmus.
Du bist unangenehm in deiner Verlockung, dachte Anadar, und merkte erst im nächsten Moment, dass er das Wort gar nicht innerlich geformt hatte. Es war nur roher Widerstand gewesen.
Naaarstr fuhr fort, als habe er diesen Widerstand genossen.
Nicht viel. Nicht immer. Man muss nur wissen, wie man nimmt, ohne alles zu verlieren. Wie man öffnet, ohne zu reißen. Wie man aus einem Tropfen eine Spur, aus einer Spur ein Tor, aus einem Tor Wissen macht. Es gibt Arten, Opfer sauber zu führen. Ohne unnötige Qual. Ohne Geschrei. Frantor war pervers. Er verwechselte Lust mit Technik. Du müsstest nicht so sein.
Wieder Bilder. Nicht genaue Handgriffe, eher Anordnungen, Möglichkeiten, Kreise auf Stein, Schalen, deren Inhalt dunkel glänzte, Stimmen, die im richtigen Maß gesprochen wurden. Anadar riss sich davon los wie von einem Sog.
Nein.
Du weißt nicht einmal, wozu du nein sagst.
Doch, sagte Anadar innerlich und diesmal so hart, dass es ihn selbst erschreckte. Zu dir.
Naaarstr schwieg. Für mehrere Meilen.
Doch das Schweigen tat Anadar nicht gut. Es ließ Raum für den Rest. Für das Dröhnen des Blutes in den Schläfen, für den Nachhall der Bilder, für die dunkle Versuchung, dass Wissen immer am schönsten aussieht, wenn man sich selbst einredet, man wolle es nur aus Vorsicht kennenlernen.
Als Zoordak schließlich vor ihnen lag, war Anadar innerlich ausgezehrt. Die Stadt erhob sich unter ihrer goldschimmernden Kuppel wie etwas, das nicht ganz zur Welt gehörte, durchwärmt von verborgener Hitze, geordnet, ruhig, beinahe unverschämt heil in einer Zeit, in der anderswo Mauern brannten und Straßen voller Flüchtlinge waren. Er hatte diesen Anblick gekannt, einmal Heimat genannt, wenigstens für eine Weile. Jetzt erschien ihm Zoordak wie eine Erinnerung an einen Mann, der er gewesen war und vielleicht nie ganz begriffen hatte.
Sie ritten hinein. Wärme stieg von den Wegen auf. Dampf zog in feinen Fäden durch die Luft. Im Tempelhof war bereits Bewegung. Töchter der Mutter, leicht gekleidet trotz der Kälte draußen, schritten lautlos zwischen Säulen und Becken, trugen Schalen, Stoffe, Lampen. Alles war vorbereitet auf Mittwinter, und plötzlich erinnerte Anadar sich.
Mittwinter in Zoordak.
Die Nächte, die Lichter, die Musik, der Wein, das Lachen, die allzu durchlässigen Grenzen zwischen Feier und Ritual. Ihm wurde heiß, und es war unerquicklich, dass ausgerechnet jetzt eine alte, halb jugendliche Verlegenheit in ihm aufstieg.
Die Mutter wartete bereits.
Sie stand nicht erhöht, nicht thronend, und trotzdem war sofort klar, dass der Raum um sie herum ihr gehörte. Goldenes Haar, jene seltsame Jugend, die bei ihr nie kindlich wirkte, sondern zeitlos, und dieser Blick, in dem Trost und schneidende Klarheit gleichzeitig liegen konnten. Miene und Siendra traten zuerst vor. Die Mutter küsste sie, hielt ihre Gesichter einen Atemzug länger zwischen den Händen, als lese sie dort, was ihnen widerfahren war. Dann Morgut. Warm. Knapp. Dann Shara.
Anadar beobachtete es gegen seinen Willen genauer, als er wollte.
Als die Mutter Shara küsste, war da für einen winzigen Augenblick eine Verschiebung. So gering, dass man sie im nächsten Atemzug schon wieder dem Licht zuschreiben konnte. Und doch meinte Anadar zu sehen, wie Shara im Profil einen Hauch älter wurde. Nicht alt. Nicht sichtbar für jeden. Nur ein kaum merkliches Reifen. An den Mundwinkeln eine Andeutung von Linien, wo zuvor Glätte gewesen war. Nicht Verlust. Eher Verdichtung. Als habe das, was sie erlebt hatte, sich in einem einzigen Kuss für den Bruchteil eines Herzschlages gezeigt, bevor es wieder im Verborgenen verschwand.
Dann war es vorbei. Shara war einfach Shara. Nur der Eindruck blieb.
Die Mutter wandte sich Anadar zu.
Ihr Blick fiel nicht zuerst auf ihn, sondern auf das Schwert.
„Das scheußliche Ding“, sagte sie ruhig und deutete in die Mitte des Hofes.
Dort stand eine schlichte Kiste aus dunklem Holz, eisenbeschlagen, unscheinbar bis auf die Tatsache, dass alle im Hof sie mieden, ohne es auffällig zu machen. Keine Magiergeste war an ihr zu sehen, kein Leuchten, keine Runen, kein Prunk. Gerade deshalb wirkte sie vertrauenerweckend. Oder gefährlich.
In dem Moment regte sich das Schwert wieder.
Blut.
Es war nicht Naaarstrs Stimme. Die war in den letzten Tagen seltener geworden, tiefer vergraben, und doch nie ganz weg. Dies hier war nur das Singen der Klinge selbst, stumpfer, primitiver, fordernder. Tribut. Wärme. Schnitt. Es ging durch ihn wie ein alter Schmerz, sofort vertraut, sofort unerquicklich.
„In die Kiste“, sagte die Mutter.
Anadar zögerte nicht lange. Vielleicht, weil er keine Kraft mehr für Stolz hatte. Vielleicht, weil irgendetwas in ihm längst begriffen hatte, dass er Zoordak nicht mit diesem Ding an der Hüfte betreten konnte, als wäre es nur eine Waffe.
Er trat vor, löste die Klinge, und schon der Augenblick, in dem seine Hand den Griff vollständig umschloss, ließ den Druck in seinem Kopf anschwellen. Blut, sang es wieder, diesmal süßer, beinahe flehend. Er hob den Deckel. Die Kiste war innen mit einem matten Metall ausgeschlagen, dessen Oberfläche kein Licht zurückwarf. Keine Tiefe, nur stumpfe Absorption. Er legte das Schwert hinein.
Der Deckel fiel zu.
Ruhe.
Nicht langsam, nicht allmählich. Sie war sofort da. Wie wenn nach Wochen ein dröhnender Ton aufhört und man erst dann merkt, dass der eigene Körper die ganze Zeit dagegen angespannt war. Anadar stand still. Er hatte beinahe vergessen, wie Stille im Kopf sich anfühlt. Kein Drängen. Kein Wispern. Kein hungriger Nachhall. Nur sein eigener Atem.
Die Mutter trat näher, küsste ihn auf die Stirn und sagte leise: „Willkommen, Anadar.“
Er schloss für einen Moment die Augen.
„Ihr werdet dieses scheußliche Ding wieder mitnehmen müssen, wenn Ihr geht“, fuhr sie fort. „Aber solange Ihr hier seid, bleibt es dort. Es wird die Kiste nicht verlassen. Und Ihr werdet Mittwinter diesmal nicht verpassen.“
Das sagte sie mit einem Hauch von Belustigung, als hätte sie seine eben erst aufgestiegene Erinnerung längst gesehen.
Anadar wollte etwas erwidern. Vielleicht Dank. Vielleicht Widerspruch. Vielleicht die Frage, wie unangenehm es ist, dass sie einen immer so mühelos liest. Stattdessen wurde der Hof plötzlich zu hell. Oder zu fern. Seine Knie gaben nach, bevor er es als Scham hätte empfinden können.
Als er aufwachte, war es warm.
Nicht nur warm, sicher warm. Er kannte dieses Zimmer. Die Decke, das helle Holz, die schmale Nische mit dem runden Fenster, die Schale mit Wasser, der Duft nach Kräutern und sauberem Stoff. Hier hatte er einmal gelernt, geschlafen, gezweifelt, gehofft. Hier war er jünger gewesen und hielt sich bereits für erwachsen.
Die Mutter saß an seinem Bett, als wäre sie nie fort gewesen.
„Ihr habt Euch nicht verändert“, murmelte Anadar heiser.
„Doch“, lächelte sie.
Er musste gegen seinen Willen lächeln. Dann erinnerte er sich abrupt, setzte sich zu schnell auf und griff nach dem, was nicht mehr da war.
Seine Seite war leer.
„Das Schwert ist fort und sicher so lange ihr hier seid“, sagte die Mutter. „Und nein, Ihr bekommt es nicht zurück, nur weil Ihr so erschrocken schaut.“
Anadar ließ die Schultern sinken. „Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich ausgerechnet zu Mittwinter hier ankomme.“
Die Mutter lächelte. „Das erklärt Eure Gesichtsfarbe.“
Er errötete tatsächlich. Er hasste, dass sie recht hatte. Mittwinter in Zoordak war nicht irgendein Fest. Es war ein ausgelassenes, durchlässiges, gefährlich schönes Ereignis, bei dem in den Hallen der Geistesschule manches als Spiel begann und als Erkenntnis endete, und anderes als Erkenntnis begann und in Armen, Lachen und Wein mündete. Er erinnerte sich gut.
„Beruhigt Euch“, sagte die Mutter. „Ihr seid nicht mehr der Schüler von damals. Und meine Töchter sind auch nicht mehr die Mädchen, die Euch damals den Schlaf geraubt haben.“
Das half überhaupt nicht.
Sie wartete, bis die Röte in seinem Gesicht sich gelegt hatte. Dann wurde sie ernst.
„Erzählt mir von Naaarstr.“
Anadar tat es. Nicht schön. Nicht geordnet. Er berichtete vom Kampf, von der Bannung, von dem, was er im Ritt gehört hatte, von Frantor, von den Andeutungen über alte Beschwörer, von der Versuchung, die immer wieder in anderer Kleidung kam. Wissen gegen Blut. Macht gegen Nachgeben. Bilder, die ihm gezeigt wurden. Die Geschichten von uralten Inquisitionszeiten, von eingesperrten Dämonen, von Hunger in der Dunkelheit. Er sagte auch, dass Naaarstr ihm nichts über eine Rückkehr verriet, sondern immer nur mehr anbot.
Die Mutter nickte mehrmals, aber nicht überrascht. Eher bestätigend, als füge sich etwas in ein Bild, das sie schon länger prüfte.
„Ihr habt das einzig Richtige getan“, sagte sie schließlich. „Dieses Wesen in einen Gegenstand zu zwingen, war vermutlich die einzige Möglichkeit. Töten konntet Ihr es nicht. Nicht in dem Zustand, nicht unter diesen Umständen. Bannen musste man es, oder es hätte sich neu verankert.“
Anadar sah sie an. „Es war kein Lehrbuchzauber.“
„Gott sei Dank“, sagte die Mutter trocken.
Er schnaubte leise.
„Wirklich“, fuhr sie fort. „Lehrbücher sind nützlich, aber sie retten selten im entscheidenden Augenblick. Was Ihr da getan habt, war präzise, mutig und eigenständig. Ihr habt unter Druck etwas entwickelt, das funktioniert hat. Das ist selten. Und es sagt mehr über Eure Macht aus, als Euch vielleicht lieb ist.“
Anadar verzog den Mund. „Macht. Immer wieder dieses Wort.“
„Weil es zutrifft.“
Sie lehnte sich leicht vor. Ihr Blick war weich, aber unerquicklich klar.
„Ihr seid stärker geworden, Anadar. Nicht nur in der Menge dessen, was Ihr halten könnt. Sondern in der Art. Viele haben das bei der letzten Konklave bereits gespürt. Manche sprechen es inzwischen offen aus.“
„Was sprechen sie.“
„Dass Ihr nach Macht greifen könntet.“
Er lachte kurz. Ohne Freude. „Unsinn.“
„Vielleicht“, sagte die Mutter. „Aber Unsinn, der geglaubt wird, ist politisch nie harmlos. Die Schulen des Lebens, des Wassers und des Windes beobachten Euch. Manche wollen Euch binden. Nicht notwendigerweise mit Ketten. Mit Bündnissen. Mit Erwartungen. Mit Nähe. Mit Verpflichtungen, aus denen man nicht einfach wieder heraustritt.“
Anadar schüttelte den Kopf. „Das ist Gerede. Man kann mit ihnen reden. Es ist Quatsch.“
„Gewiss“, sagte die Mutter. „Quatsch, den man ausreden kann. Oder Quatsch, den man zu spät ernst nimmt. Ich rate Euch nur zur Vorsicht.“
Er wollte widersprechen, doch sie hob die Hand.
„Nicht jetzt. Nicht in Eurer Verfassung. Wir werden weiterreden. Es gibt Dinge, die Ihr wissen müsst, und andere, über die ich noch nachdenken will. Für den Augenblick solltet Ihr zu Kräften kommen. Euch steht ein Fest bevor.“
Sie erhob sich in derselben ruhigen Selbstverständlichkeit, mit der sie immer aufstand, als wäre sie nie irgendwohin gegangen, sondern der Raum nur kurz um sie herum neu angeordnet worden.
In der Tür blieb sie stehen.
„Und Anadar.“
„Ja.“
„Freut Euch wenigstens ein wenig. Zoordak ist beleidigt, wenn man Mittwinter nur mit Pflicht betritt.“
Dann war sie fort.
Kaum hatte sich die Tür geschlossen, öffnete sie sich wieder. Shara trat ein.
Nicht in Rüstung. Nicht in Reiseleder. Nicht in jener straffen Bereitschaft, in der er sie auf der Straße, im Kampf, im Hof der Feste, überall sonst fast immer sah. Sie trug ein Gewand, schlicht, weich fallend, dunkel an der Hüfte gegürtet, die Haare anders gebunden, und in diesem ersten Augenblick traf ihn etwas, das verspätet kam, vielleicht Jahre zu spät.
Sie war eine wunderschöne Frau.
Nicht, weil sie sich verändert hätte. Eher weil er zum ersten Mal nicht gezwungen war, sie als Waffe, Verbündete, Mitreiterin, Mitverantwortung zu sehen. Das Gewand nahm ihr nichts von ihrer Kraft. Es zeigte nur, dass diese Kraft einen Körper hatte, ein Gesicht, eine Ruhe, eine Schönheit, die nicht gemacht werden musste.
Shara bemerkte seinen Blick natürlich sofort. Ihre Mundwinkel zuckten kaum merklich.
„Ihr seht aus, als hätte man Euch gerade erst erklärt, wer ich bin.“
„Das wäre zutreffend formuliert“, sagte er.
„Dann seid Ihr wenigstens ehrlich krank.“
Sie setzte sich an sein Bett. Nicht zu nah. Nicht weit weg. Genau so, wie sie sich immer setzte, wenn sie etwas Ernstes hören wollte.
Einen Moment schwiegen beide.
Dann sagte Anadar: „Ich muss es jemandem sagen, bevor ich selbst nicht mehr weiß, was in mir gesprochen hat und was nicht.“
Shara nickte nur.
Und so erzählte er erneut. Diesmal anders. Weniger Bericht, mehr Bekenntnis. Vom Kampf und dem Rausch. Vom Verlangen nach Blut, das ihn erschreckt hatte, weil es nicht wie Wut kam, sondern wie eine zweite Natur. Von dem Gast in seinem Schwert. Von Naaarstr, von Frantor, von den Bildern, die er gesehen hatte, von der Art, wie der Dämon zugleich widerwärtig und fast vernünftig wirkte, wenn er sich von Frantors Perversionen abhob. Er sprach von der Versuchung, Wissen nur aus Vorsicht kennenlernen zu wollen. Von der Scham darüber, dass ein Teil von ihm begriff, wie verführerisch Macht klingt, wenn sie sich als Notwendigkeit tarnt.
Shara hörte zu, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen.
Nur einmal, als er vom Drängen der Klinge sprach und davon, wie leicht es im schlimmsten Augenblick gewesen wäre, einfach nicht mehr zu unterscheiden zwischen Feind, Ziel und bloßem Hindernis, legte sie still ihre Hand auf die Bettkante zwischen ihnen. Nicht auf seine. Nur nah genug, dass er die Geste sah.
„Ich hatte Angst vor Euch“, sagte sie irgendwann leise.
Anadar hob den Blick.
Sie hielt ihm stand.
„Nicht nur um Euch. Vor Euch. Das müsst Ihr wissen.“
Er nickte langsam. Es schmerzte. Weil es gerecht war.
„Ich weiß“, sagte er.
Draußen begann irgendwo im Tempelhof Musik. Erst fern, nur eine Flöte und etwas wie helle Glocken. Mittwinter setzte sich in Bewegung.
Im Zimmer aber saßen sie noch still beieinander, und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Anadar das Gefühl, dass Schweigen nicht gegen ihn arbeitet.
XI
Auch in der Wüste näherte sich Mittwinter, und obwohl dort nichts an Schnee erinnerte und selbst die Nächte nur selten wirklich frostig wurden, hatte diese Zeit ihre eigene Schwere. Gudi hatte inzwischen gelernt, dass die Festivitäten in der Wüstenstadt nicht einfach nur ein Fest waren. Sie waren ein Ereignis, das die Stadt veränderte. Schon Tage zuvor füllten sich die Straßen. Karawanen kamen aus dem Westen und Süden, von den Salzpfannen, aus den Felsstädten, aus den Oasenreichen und von noch weiter her. Händler ritten ein, begleitet von staubigen Lasttieren, hoch beladen mit Tüchern, Harzen, Gewürzen, getrockneten Früchten, Ölen, Metallen, Farben und seltsamen kleinen Kostbarkeiten, die meist nur deshalb wertvoll erschienen, weil sie aus weiter Ferne stammten. Die Tore standen tagsüber fast ununterbrochen offen, und sobald die Sonne sank, brannten an vielen Plätzen bereits Lampen, als wolle die Stadt sich selbst daran erinnern, dass die längsten Nächte des Jahres nicht nur Dunkelheit brachten, sondern auch Begegnung.
Gudi beobachtete all das mit einer Mischung aus Neugier und wachsender Vertrautheit. Die Stadt war ihr noch immer nicht ganz Heimat, aber sie war ihr längst weniger fremd als früher. Sie verlief sich kaum noch. Sie kannte die Stunden, in denen die Brunnen überfüllt waren, die Gassen, in denen man Schatten fand, und die Orte, an denen die Händler kurz vor Abend nachlässig wurden und man am meisten aufschnappen konnte. Vor allem aber war etwas anderes geschehen, etwas, das nur ihr selbst wirklich auffiel.
Sie beherrschte den Wirbel besser.
Anfangs war es nichts als ein ungestümer Reflex gewesen, ein unberechenbares Zerren von Sand, Staub und trockener Luft, das ihr gehorchte, wenn Angst oder Zorn es hervorriefen. Nun gelang es ihr immer öfter, ihn zu rufen, ohne dass etwas in ihr reißen musste. Noch nicht lang. Noch nicht mit jener Leichtigkeit, die sie sich heimlich wünschte. Aber doch so, dass sie ihn in den Fingerspitzen spürte, ehe er kam. Ein Kreisen am Rand der Hand. Ein leises Zittern der Luft. Wenn sie sich ganz sammelte, konnte sie den Sand auf engem Raum aufsteigen lassen, in einer schmalen Drehung, die mehr war als ein Spiel und weniger als eine Waffe. Manchmal hielt sie ihn ein paar Atemzüge lang. Manchmal sogar länger.
Es machte sie stolz, auch wenn sie das niemandem sagte.
Anderes lernte sie langsamer.
Sie hatte inzwischen ihre eigene kleine Parzelle im Garten erhalten, im ältesten Abschnitt der Stadt, dort, wo die Mauern dunkler waren und der Stein in den Morgenstunden eine Kühle hielt, die man anderswo vergeblich suchte. Es war kein großer Streifen Erde, nur ein schmaler Bereich zwischen einem alten Feigenbaum, einer brüchigen Mauer und zwei Beeten, in denen bereits Kräuter wuchsen, deren Namen Gudi immer wieder vergaß. Aber es war ihr Stück. Ihr Boden. Etwas, das man ihr nicht nur zum Kehren, Tragen oder Beobachten gegeben hatte, sondern zum Bewahren.
Sie nahm das ernst.
Mehr als ernst.
Jeden Morgen schleppte sie Wasser. Eimer um Eimer, oft noch vor dem ersten richtigen Lärm des Tages. Das Wasser war schwer, und die Wege mit den vollen Gefäßen wurden nicht leichter, nur weil man sie öfter ging. Natürlich wusste sie, dass man mit Magie Wasser zu den Pflanzen bringen konnte. Andere konnten es. Sie aber noch nicht. Noch nicht sauber, noch nicht verlässlich, noch nicht auf eine Weise, die Leben nährte statt es zu gefährden. Also blieb ihr nur die Kraft der Arme und der tägliche Gang mit den Eimern. Man hatte es ihr nicht verboten. Im Gegenteil. Gerade darin lag der Ansporn. Eines Tages wollte sie ihre Pflanzen nicht nur mit Mühe, sondern auch mit Können versorgen. Bis dahin aber galt, was für alles Lebendige galt: kein Wachstum ohne Geduld, kein Gedeihen ohne Arbeit, kein Zauber, der den Rhythmus von Wurzel, Wasser und Sonne einfach ersetzen konnte.
Also schleppte sie.
Und vielleicht war es genau das, was sie am Ende so wachsam machte. Sie wusste, wie viel Mühe in jedem grünen Halm lag. In jeder kleinen Pflanze, die sich durch die trockene Erde schob. Sie prüfte Blätter, wendete den Boden mit den Fingern, sammelte kleine Käfer ab, als wären sie Feinde einer Festung, und schützte ihr Beet gegen Staub, gegen gierige Hände, gegen Tiere und gegen all jene Zufälle, die in einer trockenen Welt rascher töten als in anderen Gegenden. Wenn jemand nur zu nah an ihren Pflanzen vorbeiging, hob sie schon den Kopf.
Der Garten lag stiller als die übrige Stadt. Nicht leer, nie ganz, aber stiller. Die ältesten Teile hatten etwas Abgesunkenes an sich, als wäre dort die Zeit nicht verschwunden, sondern in tiefere Schichten gesickert. Niedrige Mauern, halb überwachsen. Schmale Pfade zwischen Beeten und Bäumen. Wasserbecken aus verblichenem Stein. Winkel, in denen man den Lärm der Märkte nur noch wie ein fernes Summen hörte. Gudi mochte diesen Teil der Stadt besonders. Er war alt, ohne verlassen zu sein. Bedeutend, ohne sich wichtig zu machen.
An jenem Nachmittag war sie gerade dabei, an einer der jungen Pflanzen den Boden vorsichtig aufzubrechen, damit das Wasser besser einsickern konnte, als sie das Hufgeräusch hörte.
Nicht das gewöhnliche Durcheinander der Händler, nicht das schwerfällige Trotten von Karawanentieren.
Etwas anderes.
Rhythmischer. Klarer. Edler.
Sie richtete sich auf, strich sich Erde von den Fingern und trat aus dem schmalen Zugang ihres Gartenteils hinaus auf den Weg, der zum äußeren Bogen führte. Dort sah sie sie.
Eine kleine Gruppe von Reitern ritt in die Stadt ein.
Schon auf den ersten Blick war klar, dass sie nicht zu den üblichen Gästen gehörten. Ihre Pferde waren hoch, schlank und von jener trockenen, sehnigen Schönheit, die nicht geschniegelt wirkt, sondern selbstverständlich. Stolze Tiere, mit schmalen Köpfen, fein gesetzten Ohren und Bewegungen, die selbst im Schritt etwas Tänzerisches hatten. Ihre Hufe trafen den Stein nicht schwer, sondern präzise. Fast lautlos für so große Tiere.
Die Reiter selbst wirkten ebenso.
Sie waren groß gewachsen, fast alle, und auffallend schlank, ohne Schwäche. Es war die Art von Schlankheit, die aus Leben in Hitze, Wind und Weite entsteht, nicht aus Mangel. Sie saßen gerade im Sattel, aber nicht starr. Ihre Bewegungen waren ruhig, sparsam und vollkommen sicher. Wenn einer den Kopf wandte oder den Zügel nur leicht korrigierte, geschah es mit einer Anmut, die Gudi sofort fesselte. Viele ihrer Gesichter waren verschleiert, nur die Augen sichtbar, dunkel und wach unter dem Stoff. Wo ein Gesicht frei blieb, sah sie feine Züge, hohe Wangen, glatte Stirnen und jene eigentümliche Mischung aus Strenge und Schönheit, die manchen Menschen etwas beinahe Unnahbares gibt. Über der Stirn trugen sie breite Bänder, kunstvoll gearbeitet, nicht prunkvoll, aber deutlich von Bedeutung.
Bewaffnet waren sie alle.
Dolche an der Hüfte, gebogene Schwerter, Bögen, deren Holz selbst aus der Entfernung kostbar wirkte. Nichts daran war dekorativ. Es war die Bewaffnung von Menschen, die mit Waffen leben und nicht nur mit ihnen gesehen werden wollen.
Gudi wusste sofort, wer sie waren, oder zumindest glaubte sie es zu wissen.
Das Volk der Sondra.
Sie hatte von ihnen gehört, wie man von Dingen hört, die zwar zur Welt gehören, aber nur selten in den eigenen Blick geraten. Wüstennomaden, schwer zu fassen, stolz, zurückhaltend, an ihre eigenen Wege und Gesetze gebunden. Sie kamen kaum je in die Stadt. Wenn doch, dann zu bedeutenden Anlässen, zu offiziellen Festzeiten oder wegen Angelegenheiten, die selbst in der Wüste Gewicht hatten. Dass sie nun zur Mittwinterwende erschienen, schien selbst die Menschen um Gudi aufmerksamer zu machen. Man starrte ihnen nicht offen nach, aber man sah hin. Unauffällig, seitlich, aus Augenwinkeln und Spiegelungen.
Gudi hingegen starrte durchaus.
Nicht grob. Nicht absichtlich. Aber mit jener ehrlichen, fast kindlichen Bewunderung, die sie nicht verbergen konnte, wenn etwas ihre Vorstellungskraft traf. Diese Reiter schienen ihr, als seien sie nicht einfach aus der Wüste gekommen, sondern aus einer anderen Art von Erzählung. Etwas an ihnen war streng und schön und fern, als trügen sie den Wind ihrer Herkunft noch in den Kleidern.
Sie hätte zu ihrer Parzelle zurückkehren sollen.
Stattdessen folgte sie ihnen.
Erst nur ein Stück. Dann weiter.
Es war leicht genug, in der Menge unauffällig zu bleiben. Die Stadt war voller Menschen, voller Geräusche, voller Anlass, nicht auf ein einzelnes Mädchen zu achten, das zufällig denselben Weg nahm wie eine Gruppe seltener Gäste. Gudi hielt Abstand, wechselte die Seite, blieb einmal an einem Stand stehen, als interessiere sie sich für Datteln, dann wieder unter einem Torbogen, als wolle sie nur dem Weg der Reiter Platz machen. Doch ihre Aufmerksamkeit wich nicht von ihnen.
Sie sah, wie sie durch die äußeren Höfe ritten, wie man ihnen Raum gab, ohne dass sie ihn fordern mussten. Wie sie mit kaum merklichen Kopfbewegungen grüßten. Wie sie nie hastig wirkten, nicht einmal dort, wo die Straßen enger wurden und Kinder zwischen Menschenbeinen hindurchhuschten. Einmal stieg einer von ihnen ab, und schon diese einfache Bewegung hatte eine solche Geschmeidigkeit, dass Gudi unwillkürlich stehenblieb. Er setzte nicht einfach den Fuß auf den Boden. Er war plötzlich da, unten, so mühelos, als sei der Übergang zwischen Reiten und Gehen gar keiner.
Stunden vergingen.
Die Sonne sank. Die Stadt wurde lauter, festlicher, farbiger. Lampen wurden entzündet, Musik stieg über Plätze und Innenhöfe, der Duft von gebratenem Fleisch, Kräutern, Räucherwerk und heißem Öl lag in der Luft. Händler riefen, Kinder rannten, Priesterinnen und Diener trugen Schalen und Stoffe von einem Ort zum anderen. Doch Gudi blieb bei ihrer heimlichen Verfolgung.
Es war längst keine vernünftige Neugier mehr.
Es war Faszination.
Tief in die Nacht hinein behielt sie die Gruppe im Blick. Nie ganz nah, nie so, dass sie sich selbst verriet, aber mit dieser sturen Geduld, die sie entwickeln konnte, wenn sie etwas wirklich wissen wollte. Schließlich führten die Wege der Sondra sie an einen Ort, der Gudi aufhorchen ließ.
In den alten Teil des Gartens.
Nicht in die offenen, oft begangenen Abschnitte, sondern weiter hinein, dorthin, wo die Mauern niedriger und älter wurden, wo manche Wege im Dunkel endeten und andere nur denen bekannt waren, die seit langem hier lebten oder gute Gründe hatten, solche Winkel zu kennen. Gudi wurde vorsichtiger. Ihre Schritte wurden langsamer. Sie duckte sich hinter eine Mauer, huschte zu einem Feigenstamm, wartete, bis die Gruppe weiterging.
Dann war sie plötzlich nahe bei ihrer eigenen Parzelle.
Das ließ ihr Herz schneller schlagen.
Die Sondra waren abgestiegen. Jemand hielt die Pferde. Drei von ihnen traten tiefer zwischen die alten Mauern, genau dorthin, wo der Garten am verwinkeltesten war. Gudi schlich näher und blieb hinter einem dichten Strauch stehen, kaum zehn Schritte entfernt. Sie konnte sie hören, aber nicht alles sehen.
Sie sprachen miteinander.
Die Sprache war weich und melodisch, voll heller und dunkler Bögen, als würde sie mehr gesungen als gesprochen. Gudi verstand kein einziges Wort. Nicht einmal eine Wurzel kam ihr bekannt vor. Trotzdem lauschte sie mit angehaltenem Atem, als könne bloßes Hören irgendwann Bedeutung erzeugen. Die Stimmen waren ruhig. Keine Aufregung. Eher etwas Abgemessenes, fast Feierliches. Ein kurzer Austausch. Dann Schweigen. Dann wieder ein paar Sätze.
Gudi beugte sich ein wenig weiter vor.
In diesem Moment hörte sie das Geräusch.
Ein Klicken.
Klein. Metallisch. Trocken.
Nicht laut genug, dass es von den Mauern hätte widerhallen sollen, und doch war es da, klar und unpassend inmitten von Erde, Wurzeln und altem Stein.
Gudi blinzelte.
Die Stimmen waren verstummt.
Sie trat noch einen halben Schritt vor, ganz vorsichtig, das Herz jetzt hoch in der Kehle.
Niemand war mehr da.
Keine Reiter. Keine Pferde. Kein Stoff, der sich bewegte. Kein Schritt, kein Schatten. Nur Nacht, Mauer, die dunklen Pflanzen und der schmale Bereich vor ihr.
Und dort, fast unmittelbar an der Kante ihrer eigenen Parzelle, blieb Gudi stehen.
Sie sah auf den Boden, dann in die Dunkelheit vor sich, dann wieder auf den Boden, als müsse dort irgendeine Spur geblieben sein, die das Verschwinden erklärte.
Aber der Ort war leer.
So leer, als hätte es die Sondra nie gegeben und als hätte sie den ganzen Tag nur einer Fata Morgana nachgesehen.
XII
Auch Meister Grot hasste Mittwinter.
Nicht das Fest selbst. Feste waren ihm gleichgültig. Menschen versammelten sich, tranken, sangen, hielten ein paar Nächte lang das eigene Elend für Wärme und nannten es Tradition. Was Grot hasste, war die Begleiterscheinung. Die Straßen wurden voller. Die Herbergen lauter. Die Händler unverschämter. Und überall roch es nach Gewürz, Tier, nasser Wolle, Rauch und diesem unerquicklich aufgeregten Gemisch aus Erwartung und Unvernunft, das über Städten liegt, wenn sie glauben, sie stünden für wenige Tage im Mittelpunkt der Welt.
Der Große Markt stand wieder einmal im Mittelpunkt der Welt.
Karawanen schoben sich durch die Straßen wie eigene Landschaften. Kamele mit Messingglöckchen. Maultiere unter Ballen von Stoff und Salz. Wagenräder, die durch den Schlamm der Hauptwege mahlten. Händler aus dem Süden, Norden, Westen, aus Gebirgsreichen, Flussstädten, Küstenorten. Überall wurde gerufen, gefeilscht, gelacht, geflucht. Überall wurde Platz beansprucht, den eigentlich niemand hatte. Für Grot war es die Hölle einer zivilisierten Welt.
Er saß kerzengerade auf seinem Pferd und verachtete alles.
Vor allem aber verachtete er seinen Auftrag.
Rechts von ihm ritt Son, links Indra. Beide schweigsam, beide aufmerksam, beide in dunkle Reisekleidung gehüllt, wie es sich für Angehörige der Wasserschule gehörte, die auf dieser Reise lieber nicht als das erkannt werden wollten, was sie waren. Son wirkte wie immer schmal und kühl, mit jener Haltung, die schon im Sitzen nach Bereitschaft aussah. Indra saß tiefer im Sattel, stiller, aber nicht weniger gefährlich. Beide waren nicht einfach Begleiterinnen. Sie waren das Beste, was Soont im Augenblick entbehren konnte. Kriegerinnen, Magierinnen, Frauen, die wussten, wann man fragte und wann man einfach tat, was nötig war.
Grot schätzte das an ihnen.
Es war im Grunde das Einzige an dieser Reise, das ihm nicht unerquicklich war.
Denn alles andere war unerquicklich.
Die Suche war unerquicklich. Die Städte waren unerquicklich. Die Menschen sowieso. Aber am unerquicklichsten war die Tatsache, dass er ausgerechnet Anadar finden sollte.
Anadar.
Schon der Name war ein Ärgernis.
Grot hatte Feuermagier nie gemocht. Nicht einen einzigen. Sie waren ihm von Grund auf verdächtig. Zu schnell. Zu stolz auf Bewegung, Zerstörung und Wirkung. Zu sehr darauf bedacht, gesehen zu werden, selbst wenn sie glaubten, bescheiden aufzutreten. Feuer war die kindischste aller Mächte. Laut, hungrig, dramatisch. Ein Element für Menschen, die ihre eigene Größe fühlen wollten, indem sie etwas brennen sahen.
Wasser war anders.
Wasser war Maß. Geduld. Form. Kontrolle. Wasser drängte sich nicht auf. Wasser wartete, um an der richtigen Stelle alles zu unterhöhlen.
Feuermagier verstanden so etwas nicht.
Und Anadar am allerwenigsten.
Grot hatte ihn schon nicht leiden können, als er noch jünger gewesen war, ein bereits selbstsicherer Magier mit Blicken, die immer ein wenig so wirkten, als sehe er den Raum längst von oben. Damals schon hatte man ihm zu viel gestattet. Zu viel Nachsicht. Zu viel Förderung. Zu viel Staunen. Es hatte Grot stets empört, wie Menschen bei Macht nicht zuerst die Gefahr, sondern die Schönheit sahen.
Anadar war einer jener Fälle, in denen sich beides verband, auf unangenehme Weise.
Sechs Zirkel.
Allein dieser Gedanke reichte, um Grot innerlich zu verhärten.
Sechs Zirkel sollten keinem erlaubt sein. Es stand so nicht im Kodex, das war ihm bewusst. Der Kodex war unpräzise in manchen Fragen, gerade dort, wo er am schärfsten hätte sein sollen. Nirgends stand ausdrücklich, dass ein einzelner Magier nicht bis zu dieser Höhe wachsen dürfe. Aber manches musste nicht geschrieben sein, um richtig zu bleiben. Man sollte nicht alles tun, nur weil man es kann. Man sollte vor allem keine Macht anhäufen, deren bloße Existenz das Gleichgewicht aller anderen verschiebt.
Die Lebensschule hatte es Anadar schwer genug gemacht, den fünften Zirkel zu erreichen. Mit Recht, wie Grot fand. Wenn schon jemand so weit vorstoßen musste, dann zumindest unter Widerstand, unter Beobachtung, unter dem Gewicht von Prüfungen, die deutlich machten, dass der Weg nicht selbstverständlich ist.
Doch dann hatte die Mutter ihm den sechsten gelehrt.
Die Mutter von Zoordak. Diese seltsame, goldene, über allem schwebende Instanz, die sich nie an die Grenzen hielt, die für alle anderen galten, und gerade deshalb von zu vielen verehrt wurde.
Grot verstand es bis heute nicht.
Oder vielmehr: Er verstand es zu gut und verachtete es gerade deshalb. Zoordak liebte das Außergewöhnliche. Liebte Tiefe, Ausnahme, Grenzfälle, Ambivalenz. Dort hielt man Dinge für Erkenntnis, die andernorts noch als Risiko bezeichnet wurden. Und nun hatte man einen Feuermagier, ohnehin schon unerquicklich stark, mit einem sechsten Zirkel versehen. Als wäre die Welt nach solchen Männern verlangte.
Grot verlangte nicht nach solchen Männern.
Er hielt sie für ein strukturelles Problem.
Keiner sollte nach Macht streben. Darin war sich jede Schule öffentlich einig. Man sprach von Verantwortung, Dienst, Ordnung, Disziplin, Gleichgewicht. Doch in Wahrheit strebten beinahe alle Schulen in irgendeiner Weise nach Macht, nur stets unter anderen Namen. Die Feurige Feste tat es offen und nannte es Notwendigkeit. Zoordak tat es elegant und nannte es Erkenntnis. Leben tat es im Gewand von Fürsorge. Wind tat es aus Lust an Bewegung. Und Wasser, dachte Grot mit einem Rest von Selbstgerechtigkeit, war wenigstens ehrlich genug, die Gefahr daran zu sehen.
Vielleicht war es gerade deshalb immer unerfreulich, mit den anderen zusammenzuarbeiten.
Und nun sollte er Anadar nicht stellen.
Nicht verhören.
Nicht jagen.
Nicht überwachen, um endlich einmal sauber zu belegen, dass ein Mann dieser Art zu mächtig geworden ist.
Nein.
Er sollte ihn um Hilfe bitten.
Hilfe.
Das Wort war in Grots Kopf eine Beleidigung.
Eigentlich, so hatte man es noch vor wenigen Tagen in Soont besprochen, hätte er mit Son und Indra den Auftrag bekommen sollen, Anadar auf eigene Faust zu finden, festzusetzen und zurückzubringen, oder ihn wenigstens so weit unter Druck zu setzen, dass er redete. Die Informationen von der letzten Konklave hatten eine klare Richtung gewiesen. Dieser dumme Hexer hatte das Wesen also tatsächlich besiegt, oder wenigstens bezwungen, mit seinem Schwert durchstochen, es gebannt, getötet oder gebrochen oder was immer Anadar in seiner improvisierten Art getan hatte. Allein das war bereits eine interessante Nachricht gewesen. Es sagte zweierlei. Erstens, dass Anadar inzwischen noch gefährlicher war als zuvor. Zweitens, dass er vielleicht genau deshalb für gewisse Dinge zu gebrauchen sein könnte.
Grot hasste schon diese Logik.
Doch dann war die Lage auf See weiter eskaliert.
Und plötzlich veränderten sich Prioritäten.
Man hatte Grot und seine beiden Begleiterinnen einbestellt, nicht in einen großen Rat, sondern in jene kleinere Art von Gespräch, die meist schlimmer ist, weil dort Dinge entschieden werden, bevor sie offiziell beschlossen sind. Die Dekanin hatte ruhig gesprochen. Zu ruhig. Von Entwicklungen. Von Anpassung. Von Notwendigkeit. Von Pragmatismus. Alles vernünftige Worte, hinter denen sich verbarg, dass man einen Feuermagier brauchte.
Ein Wassermagier hatte versagt.
Einer ihrer eigenen.
Ein Abtrünniger. Ein Mann, der mit Dingen experimentiert hatte, mit denen man nicht experimentieren darf. Beschwörungen. Alte Formen. Verbotenes Wissen, oder wenigstens Wissen, das mit guten Gründen nie Teil des offenen Unterrichts geworden war. Genaueres wusste man nicht. Vielleicht weil zu wenig übrig geblieben war. Vielleicht weil die, die es wussten, lieber schwiegen. Vielleicht weil Scham auch in Schulen eine Form von Zensur erzeugt.
Man hatte nur Bruchstücke.
Ein Turm an der Küste. Abgeschirmt. Eigenmächtige Studien. Dann der Eingriff der Wasserschule. Eine Konfrontation. Ein Kampf. Der Abtrünnige hatte sich gewehrt. Nicht lange genug, um zu gewinnen, aber lang genug, um etwas fertigzustellen oder zu zerbrechen, das nie hätte berührt werden dürfen. Der Turm war explodiert. Seitdem gab es das Monster.
Gerüchte, sagten die Leute am Großen Markt.
Grot kannte die Wahrheit.
Es waren keine Gerüchte.
Es war real.
Etwas bewegte sich auf See, griff Schiffe an, zerschmetterte Rümpfe, riss Masten, verschlang oder versenkte, oft ohne Muster, oft ohne Anlass. Noch schlimmer war, dass es nicht im Wasser blieb. Mehrfach war es an die Insel der Winde gekommen, wie ein riesiger Wurm, schimmernd, unfassbar, falsch, sich über Sand und Fels windend, als gehörte Land ebenso sehr zu seinem Revier wie das Meer. Jedes Mal hatte man es vertreiben können. Nicht bannen. Nicht verletzen. Nicht töten. Nur vertreiben.
Durch ein Geräusch.
Ein bestimmtes, schrilles, aus Muschelhörnern, Metall und Wasserschlag erzeugtes magisches Signal, auf das das Wesen reagierte, als würde man ihm eine Erinnerung in den Leib treiben. Es wich dann zurück. Verschwand für Stunden, manchmal für einen Tag, selten länger. Dann kam es wieder.
Lästig, sagten manche Meister.
Lästig.
Grot fand diese Beschreibung armselig. Ein Ungeheuer, das Schiffe versenkt, Küsten angreift und seit Wochen die Inseln bindet, ist nicht lästig. Es ist eine Niederlage, die nur noch nicht offen als solche ausgesprochen wurde, das Eingeständnis fehlt.
Und so hatte sich der Auftrag gewandelt.
Nicht mehr: Findet Anadar, stellt ihn, verhört ihn.
Sondern: Findet Anadar, bittet ihn um Hilfe.
Wobei, das hatte man vorsichtig formuliert, Beobachtung dabei nicht schaden könne.
Natürlich nicht.
Grot beobachtete Anadar innerlich seit Jahren.
Am Großen Markt hatten sie gewartet.
Zwei Tage. Dann drei. Dann noch einen vierten halben, weil Gerüchte sich oft verspäten und Hoffnung unerquicklich zäh ist, wenn man sie nicht haben will. Sie hatten Herbergen geprüft, Stallungen, Händler befragt, Torwachen mit kleinen Anreizen gefügiger gemacht. Hatten gefragt nach einem Feuermagier mit harter Haltung, nach einer Frau an seiner Seite, nach Leuten aus der Feste, nach einer kleinen Gruppe, die Richtung Norden unterwegs sein könnte. Nichts.
Nur Gerüchte.
Vom Seemonster, natürlich. Immer wieder das. Geschichten wurden größer, je weiter sie ins Landesinnere kamen. Dort hatte das Wesen nun Zähne aus Silber, anderswo Augen wie Türme, andernorts eine Stimme, die Männer wahnsinnig machte. Menschen liebten Ausschmückung, weil die Wahrheit ihnen meist nicht grandios genug war.
Grot hörte all das mit wachsendem Zorn.
Er wollte keine Geschichten. Er wollte Anadar.
Und er wollte ihn nicht bitten müssen.
Am vierten Morgen stand er in der Kälte vor dem Stallhof, während die Pferde gesattelt wurden, und blickte nach Norden. Der Himmel war farblos, das Land davor weit und unerquicklich offen. Wenn Anadar tatsächlich nach Norden ritt, dann wahrscheinlich aus einem einzigen Grund. Slonda. Sein verwahrloster Bruder in Tandor. Oder zumindest auf dem Weg dorthin. Anadar war berechenbar in solchen Dingen. Männer, die sonst Stärke spielen, sind fast immer an den alten weichen Stellen am leichtesten zu finden.
Son trat neben ihn.
„Wir verschwenden hier Zeit“, sagte sie.
„Das weiß ich.“
„Dann reiten wir.“
Grot nickte.
Indra kam mit den Zügeln in der Hand. „Die Straße nach Tandor wird voller sein als die Nebenwege.“
„Dann nehmen wir nicht die Hauptstraße.“
„Wenn er über den Markt geritten ist, könnten wir ihn trotzdem verpasst haben.“
Grot sah sie an. „Ja.“
Es war unerfreulich, das auszusprechen. Nicht nur, weil es möglich war, sondern weil es bedeutete, dass die Suche nun tatsächlich zur Nadel im Heuhaufen wurde. Der Große Markt war wenigstens ein Ort gewesen, an dem alles irgendwann auftaucht. Nördlich davon verzweigten sich Wege, Karawanenrouten, Flussübergänge, kleine Höfe, Weiler, Jagdpfade, winterliche Umwege. Ein einzelner Reiter oder eine kleine Gruppe konnten leicht durchrutschen, wenn sie es darauf anlegten oder schlicht das Glück dazu hatten.
Und Anadar hatte oft Glück.
Oder das nächste, was bei solchen Männern an die Stelle von Glück tritt.
Grot stieg auf.
Er tat es mit der Miene eines Mannes, der einen persönlichen Affront besteigt. Das Pferd unter ihm war gut, stark, dunkel, verlässlich, und trotzdem hasste er den Sattel heute mehr als sonst. Er hasste die Reise. Er hasste den Auftrag. Er hasste die Notwendigkeit. Er hasste das Monster auf See. Er hasste den Abtrünnigen, dessen Dummheit all das ausgelöst hatte. Er hasste den Kodex dafür, dass er immer erst dann scharf gelesen wird, wenn etwas bereits schiefgelaufen ist. Und vor allem hasste er Anadar dafür, dass man nun ausgerechnet ihn brauchte. Und er hasste Anadar.
Sie ritten los.
Der Große Markt blieb hinter ihnen zurück wie ein schmutziger Gedanke, der noch lange an den Stiefeln haftet. Vor ihnen lag der Norden, breit und kühl, mit kahlen Bäumen, harten Wegen und dem Wissen, dass irgendwo dort ein Feuermagier ritt, den Grot seit Jahren nicht leiden konnte und dem er nun, wenn alles schief lief, mit Höflichkeit begegnen musste.
Er zog den Mantel enger um sich.
Wie er das alles hasste.
Wie er diesen Auftrag hasste.
Wie sehr er Anadar hasste.



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