Anadar Buch II Teil I
- R.

- 15. März
- 65 Min. Lesezeit

Prolog
Slonda fand das Buch nicht dort, wo Bücher gefunden werden wollen.
Es lag nicht in einem Regal, nicht in einer Reihe, nicht in einem Katalog, der behauptet, er wisse, was die Bibliothek besitzt. Es lag unten, unter den unteren Ebenen, in einem Gang, der nach nichts aussah und deshalb von fast allen übersehen wurde. Eine Tür, die nicht verschlossen war, aber so selten benutzt, dass ihre Angeln sich nicht mehr entschieden, ob sie quietschen sollen. Dahinter eine Nische, ein Kasten aus Stein, in dem Pergament und Leder den gleichen Geruch angenommen hatten. Staub, der nicht fällt, sondern liegt, als wäre er selbst ein Archiv.
Slonda hätte dort nicht gesucht, wenn er nicht seit Tagen ein Gefühl gehabt hätte, dass ihn die Bibliothek dorthin zog. Intuition. Er hatte dieses unruhig gefühlt, nicht leer, nicht alarmiert. Er wusste nicht, ob ihn das beruhigen sollte oder beunruhigen.
Das Buch war schmal, alt, abgegriffen in Leder gebunden und gerade deshalb wirkte es beinahe gefährlich. Kein Prunk, keine verzierte Kante, kein Siegel, das schreit, dass dies benutzt wurde. Nur ein Einband, dunkel und abgegriffen, wie ein Werkzeug, das in zu vielen Händen war. Auf der ersten Seite stand in sorgfältiger, alter Schrift ein Titel, der nicht als Titel klang, sondern als Drohung, die höflich formuliert wurde.
Der Kodex.
Slonda hatte Kodizes gelesen. Er hatte den Kodex gekannt, studiert, auswendig gelernt, zitiert und verwendet wenn Meister ihn als Ausrede nutzten, wenn sie nicht helfen wollen, und als Schild, wenn sie sich einmischten, aber nicht dafür belangt werden wollen. Er erwartete dieselbe Sprache, denselben Ton, dieselbe Ordnung. Doch schon nach den ersten Zeilen merkte er, dass dieses Buch nicht nur alt ist. Es war anders.
Nicht in kleinen Abweichungen, wie sie entstehen, wenn Schreiber schlampig sind. Anders in der Art, wie ein Messer anders ist, wenn man die Schneide neu geschliffen hat und behauptet, es sei dasselbe Messer. Slonda setzte sich an einen alten Tisch und legte das Buch darauf, die Fackel neben sich, und er schlug den Kodex auf.
Das Pergament war stellenweise gegilbt, nicht gleichmäßig, sondern fleckig, als hätte Feuchtigkeit nur an bestimmten Abenden in den Kasten gefunden. Manche Seiten waren am Rand dunkler, als hätten Hände sie oft berührt. Manche waren so blass, dass man die Schrift nur sehen konnte, wenn man die Lampe ein wenig schräg hielt. Und an mehreren Stellen fehlte Papier. Nicht ausgerissen mit Zorn, sondern entfernt, als hätte jemand entschieden, dass dies so sein sollte. Slonda strich mit dem Finger über eine Kante, an der Fasern offen lagen.
„Du siehst nicht zufällig so aus“, murmelte er. Dann begann er zu lesen aus dem Auszug des Kodex der gebundenen Künste, gefunden in der Tiefe der Großen Bibliothek, ohne Siegel, ohne Datum, ohne bestätigte Abschrift, und doch in Schrift, die älter wirkt als manches, was Tandor als alt bezeichnet.
Präampel:
So sei denn kund und offenbar gemacht allen, die Ohren haben zu hören und Augen zu lesen, dass die Kunst, welche der Mensch Magie nennet, in den Tagen der Ungebundenheit über alle Länder zerstreuet war wie Feuer im trockenen Gras. Dieweil fast ein jeglicher, der Atem trug, einen Funken davon in sich fand, erhob sich daraus nicht allein Heil und Wunder, sondern auch Hochmut, Herrschsucht und der Wunsch, das Maß der Welt zu beugen, als sei es Wachs in der Faust.
Daraus entsprang Krieg wider Krieg, Bund wider Bund, Meister wider Meister, und die Ordnung der Dinge ward so nahe an den Abgrund geführt, dass nicht allein Reiche und Städte, sondern die Gestalt des Seins selbst zu zerreißen drohete. Und wären nicht etliche Mächtige zusammengetreten, die in der Stunde der letzten Gefahr das Gleichgewicht über die eigene Eitelkeit stellten, so wäre das Licht der Welt verzehret, und alles, was ist, hätte nimmermehr sein können.
Darum ward gesetzt ein Bund, und aus dem Bund ward Ordnung, und aus der Ordnung ward die Bindung. Und die Bindung ist der Kodex. Nicht, dass die Kunst erlösche, sondern dass sie nicht wiederum nach dem Halse der Macht greife und das Menschliche verschlinge.
So sei kundgetan, nicht allein den Meistern und Adepten, sondern auch denen, die in künftigen Zeiten diese Zeilen finden und mit der Torheit des Späteren über das Ernsthafte des Früheren lächeln möchten, dass die Kunst, welche Magie genannt wird, ein Gut ist, das weder gut noch böse ist, alldieweil Gut und Böse nicht in der Kraft wohnen, sondern in dem, der sie führt; und dass die Zeit der Ungebundenheit, in der fast ein jeglicher Funken tragen konnte, nicht als golden zu preisen sei, sondern als gefährlich, denn je breiter ein Feuer streut, desto schneller frisst es Wald und Welt.
Nie wieder soll in einem Krieg, der die Ordnung der Dinge selbst zu zerreißen drohte… hier fehlte eine Stelle….alldieweil die Kunst, einmal entfesselt, nicht unterscheidet zwischen Mauer und Himmel, zwischen Leib und Gesetz, zwischen Gegenwart und dem, was nie hätte sein sollen.
Darum ward ein Bund gesetzt, nicht aus Sanftmut, sondern aus Not und Verzweiflung, und dieser Bund wählte, was immer Institutionen wählen, wenn sie Macht verhindern sollen: Macht! Und diese Macht sollte Einhalt gebieten und dieser Macht sollte Einhalt geboten werden.
Slonda hielt kurz inne. Der Satz war ergab für ihn zu wenig Sinn und das für den Kodex. Er fühlte sich an wie eine Hand, die zu weit in die Wahrheit greift. Er blätterte weiter.
Erster Teil:
- vom Maß, das der Kunst gegeben sei, und vom Verbot der Herrschaft -
Artikel I: So sei es keinem, der die Kunst übet, erlaubt, nach weltlicher Herrschaft zu greifen, sei es Krone, Rat, Heer, Gericht oder Handel, alldieweil eine Hand, die zugleich zaubert und befiehlt, bald nicht mehr weiß, welcher Griff der eigentliche ist; und wer die Kunst zum Zepter macht, der macht aus Menschen Knechte, und aus Welt ein Gerät…..
Ein Abschnitt fehlt.
…wird wieder ein solcher befunden, so sei er zu Stoppen und mit allen Mitteln aus dem Verkehr zu ziehen, sollte er nicht einsehen, dass sein Handeln wieder dieses Kodex ist, sein Siegel zu brechen, seine Schrift zu nehmen und, wo keine Besserung möglich ist, ihn zu bannen oder zu tilgen und die Spuren zu vernichten, auf dass nicht durch einen Einzelnen das ungebundenen Chaos wiederkehre.
Artikel II: Die Geschicke der gemeinen Menschen, ihrer Märkte, ihrer Häuser, ihrer Kriege und ihres Friedens, seien ohne Zauber zu lassen, auf dass sie aus eigenem Wollen wachsen und aus eigenem Fehler lernen, alldieweil Hilfe, die zu oft gegeben wird, nicht mehr Hilfe ist, sondern Gewohnheit, und Gewohnheit ist die leise Vorstufe der Kette der Abhängigkeit und der Macht. Doch sei in äußerster Not, da ohne Hilfe das Sterben maßlos würde oder ein Unheil sich über viele ergösse, eine Hand zu reichen erlaubt, sofern diese Hand nicht zu einer Kette werde.
Slonda nickte unwillkürlich. Das klang vertraut. Das war der Kodex, wie er ihn kannte, er lass weiter, dann kam eine Stelle, an der das Vertraute riss. Zwischen zwei Absätzen war Papier entfernt worden. Nicht ein Satz, nicht ein Wort, sondern ein ganzer Block. Die Kante war glatt, als hätte jemand sich die Zeit genommen, sauber zu schneiden, und nicht die Wut, zu reißen. Der nächste Absatz begann mitten im Satz.
…..obschon es geboten ist, die Belange der Menschen zu meiden, so sei doch gestattet, an die Häuser der Könige und Fürsten Gelehrte zu entsenden, nicht auf dass sie herrschen, sondern dass sie beobachten, heilen, beraten und die Kunst in Grenzen halten, auf dass weltliche Macht nicht nach ungebundener Macht griffe.…es fehlte wieder ein Teil….alldieweil es nicht genügt, dass ein Magier keine Krone trägt, wenn er doch im Schatten einer Krone sitzt und die Entscheidungen lenkt, die andere öffentlich aussprechen; denn Macht ist wie Wasser, sie findet den Weg, auch wenn man ihr den geraden Lauf verbietet.
Slonda starrte auf das Wort „öffentlich“, als könnte er es durch Ansehen dazu zwingen, den fehlenden Absatz zurückzugeben. „Was stand davor“, fragte er in die Stille. Die Bibliothek antwortete nicht, er blätterte weiter.
Zweiter Teil
- von der Bindung, der Schrift und der Erneuerung -
Und alldieweil die ungebundene Kunst wie ein Sturm ist, der nicht fragt, wen er trifft, so sei die Kunst an Wort und Zeichen zu binden, an Schrift und Ritual, auf dass sie Maß habe, Dauer, Form und Grenze; denn wo keine Grenze ist, ist kein Handwerk, sondern nur Gewalt.
Darum sei festgesetzt, dass Sprüche zu schreiben und zu verwahren seien, zu prüfen und zu erneuern, alldieweil Worte altern wie Menschen, und ein Wort, das alt ist, wird entweder schwach oder falsch, und beides ist gefährlich.
Alle Kunst sei an Zeichen und Worte zu binden, und wer ohne Zeichen wirket, der wirket ohne Maß. Darum seien Sprüche zu schreiben, zu verwahren, zu erneuern, alldieweil Worte altern und ihre Wirkung verlieren, wenn sie nicht gepflegt werden. Und kein Spruch sei ewig, wie kein Mensch ewig ist. Wer Ewigkeit sucht, suche Gott, nicht Macht. Es sei festgesetzt, dass Sprüche, deren Dauer vergangen ist, zu prüfen und zu erneuern seien, auf dass nicht aus einem schwachen Wort ein Unfall werde. Und wer einen Spruch erneuert, tue dies nicht in Hast, sondern in Maß, alldieweil ein neues Wort eine neue Schneide ist.
Und es sei verboten, Sprüche zu wirken, deren Schrift nicht geprüft ward, auch in äußerster Not, alldieweil Not kein Recht ist, sondern ein Brand, in dem man Dinge tut, die man später nicht verteidigen kann.
Es sei verboten, die wilde Kunst zu üben, die nicht an Wort und Zeichen, nicht an Schrift und Maß gebunden ist, alldieweil sie leichtlich zum Übermaß wird und den Geist verdirbt.
Und wer solche Kunst treibt, sei zu ermahnen, zu binden, und wo er nicht lässt, ihm die Möglichkeit zu entziehen, auf dass die alte Zeit nicht neu geboren werde.
Dann endete der Absatz wieder an einer entfernten Stelle. Das war umständlich, ja, aber es war präzise. Slonda mochte Präzision. Was er nicht mochte, war das, was als nächstes kam. Am Rand einer Seite, in anderer Tinte, in einer Hand, die nicht die Hand des Hauptschreibers war, stand ein kurzer Satz, fast wie eine Notiz, fast wie ein Fluch.
„Wer ohne Wort wirkt, wirkt verboten.“
Slonda fröstelte, obwohl der Keller nicht kälter geworden war. Er kannte solche Randnotizen. Sie waren selten. Sie waren gefährlich. Sie waren meist der Beweis, dass jemand beim Abschreiben etwas gesehen hat, das er nicht hätte sehen sollen. Slonda hörte die Stimme in seinem Kopf, die diese Teil des Kodex gern ignorierten. Hexen, Schamanen, kleine Dörfer, harmlose Riten. Unbedeutend. Und doch wusste Slonda, dass „unbedeutend“ oft nur ein Wort ist, das man benutzt, wenn man zu bequem ist, hinzusehen. Er blätterte weiter in den dritten Teil.
Dritter Teil
- von den Schulen, ihrer Nähe und dem gegenseitigen Auge -
Die Schulen seien gesetzt und geordnet, ein jede in ihrem Maße, auf dass die Kunst nicht zerstreuet sei wie zuvor, sondern gebündelt an wenigen Orten, damit Auge wider Auge wache. Es seien die Schulen nicht weit voneinander gesetzt, sondern in solcher Nähe, dass kein Pfad zu lang ist für einen Boten und kein Fehler zu weit, um unbemerkt zu wachsen; und es sei Austausch der Schüler geboten, alldieweil Dialekt wider Dialekt geprüft werde, denn die Kunst teilt sich in Sprachen wie ein Fluss in Arme, und wer nur seine eigenen Worte hört, hält sie bald für die einzigen.
Die Schulen seien …. Ein Wort Unleserlich durchgestrichen und die Zahl 9 darüber geschrieben ….neun ? Slonta dachte nach oder 6 verkehrtherum, der drehte das Buch … dann weitere Stellen gegilbt, die Schrift kaum lesbar, weitere Worte zur Unleserlichkeit durchgestrichen … gebündelt, auf dass die Macht nicht zerstreuet sei, sondern konzentriert, denn Zerstreuung gebiert Gelegenheit und Gelegenheit gebiert Krieg.
Slonda beugte sich näher an die Seite, hielt die Lampe so, dass das Licht flach über das Pergament strich. Ein paar Worte wurden erkennbar, aber nicht genug, um daraus eine Karte zu bauen.
Er las, was er lesen konnte, viele Abschnitte kannte er.
… Feurige Feste, abgelegen, auf dem Weg nach … (Abriss, die Zeile endet im Nichts)
Er fluchte leise. Weiter hinten:
… die Wasserschule auf den Inseln der Winde … (Abriss, ein ganzer Satz fehlt)
Und dann, in einem Abschnitt, der plötzlich anders klang, weniger wie Verwaltung, mehr wie Warnung:
… und das die Schule über die Bilder und Illusionen ein eigenes Haus bilde, alldieweil Illusion nicht allein das Auge betrügt, sondern das Urteil des Geistes, und wo Urteil wankt und der Geist unsicher wirkt, da wankt Gesetz….der folgende Absatz war herausgeschnitten, die Kante sauber, als hätte man genau diese Begründung nicht behalten wollen, Slonda blätterte langsamer. Er spürte, wie aus Lesen ein Sammeln wurde. Nicht von Wissen, sondern von Bruchstücken.
Eine weitere Stelle, tiefer im Abschnitt, war nur halb erhalten.
… Nekromantenschule … (die Tinte ist verschmiert, als hätte jemand versucht, das Wort zu verwischen, nicht zu löschen, sondern unlesbar zu machen) … und die Kunst, die das Tote anruft, sei … (Abriss) Slonda starrte auf das Wort Nekromanten, als würde es ihn anstarren, die Kunst mit den Toden zu sprechen, nur wenige konnten dies, es war sehr mühsam, er hatte sich daran versucht und erschauderte als er daran zurückdachte. Die Sprache, die Schrift, der Dialekt, war so ungewohnt „Das gibt es nicht“, murmelte er, und er meinte damit nicht die Möglichkeit, sondern das offizielle Wissen. Im heutigen Kodex standen solche Dinge nicht. Nicht einmal als Vergangenheit. Als wären sie nie Teil der Ordnung gewesen, nie Teil der Sprache, nie Teil der Welt. Slonda hielt die Seite gegen das Licht. Die Faserstruktur war sichtbar, und wo der Absatz fehlte, war der Rand heller, als hätte das Pergament dort nie altern dürfen. Es war ein Schnitt, nicht ein Unfall. Er las den Satz noch einmal, langsamer, so als könnte er das Ende herbeizwingen „… und doch“, flüsterte er. Und doch was. Dort stand die Konklave beschrieben, in altmodischer, übergenauer Sprache, und Slonda spürte, wie ihm dabei ein bitteres Lächeln kam, weil er die Konklave gesehen hatte, nicht nur gelesen.
Vierter Teil
- Von der Konklave, dem Stab und dem Turnus -
Es sei in regelmäßiger Frist eine Versammlung zu halten, darinnen drei aus einer jeden Schule sitzen, nicht mehr und nicht weniger, auf dass kein Chor zur Menge werde und keine Menge zum Heer, alldieweil Heere dazu neigen, zu entscheiden, bevor sie verstehen.
Der Vorsitz gehe im Turnus von Schule zu Schule, und die Übergabe des Stabes sei feierlich zu vollziehen, nicht um Eitelkeit zu füttern, sondern um Erinnerung zu schaffen, dass auch Vorsitz nur geliehene Last ist.
Es sei zweimal im Jahr, oder bei dringender Not öfter, eine Versammlung zu halten, genannt Konklave, darinnen Vorsitz und Stab in Ordnung wechseln, auf dass keiner den Stab behalte und glaube, er sei das Maß.
In dieser Versammlung seien Namen zu lesen, Rollen zu tauschen, Schrift zu geben, Tod und Erbfolge zu melden, und alles, was den Bund betrifft, sei in Ordnung zu setzen, alldieweil Unordnung der erste Riss ist.
Slonda hielt inne. Er kannte diesen Raum. Den weißen Marmor. Den runden Tisch. Die schwarzen Statuen. Und er wusste, wie leicht man in einem so reinen Raum vergessen kann, dass draußen Menschen frieren. Er blätterte noch einmal zurück zu den zerfetzten Stellen, als könnte sich das Pergament beim zweiten Lesen erbarmen. Es erbarmte sich nicht. Stattdessen fand er auf einer der letzten Seiten eine weitere Randnotiz, wieder in fremder Hand.
„Die Nähe ist nicht Kontrolle. Sie ist das Siegel.“
Slonda spürte, wie sich sein Rücken unwillkürlich straffte. Siegel? Er sah wieder die herausgeschnittenen Absätze. Die gegilbten Zeilen. Die Sätze, die mitten im Denken enden. Die Wörter, die verschmiert wurden, statt gestrichen. Es war kein vergessener Kodex. Es war ein bearbeiteter Kodex. Eine alte Version, bearbeitet. Er blätterte noch einmal zur Zahl zurück, zu dem Satz, der abbricht, und hielt den Finger genau auf die Stelle, an der der Absatz fehlt. Dann dachte er, ohne es laut zu sagen, weil die Bibliothek Wörter hört, selbst wenn sie nicht ausgesprochen werden: Wenn es einmal mehr gab, und wenn heute nur sechs genannt werden, dann ist die Frage nicht, ob die anderen verloren sind, sondern wann sie mit dem existieren aufhört. Die Frage ist, wer wollte, dass sie vergessen werden und warum, beziehungsweise was hatten sie gemacht.
Und während Slonda in der Tiefe saß und den neuen alten Kodex las, ohne zu wissen, dass draußen bereits etwas nach Blut schreit, spürte er zum ersten Mal seit langer Zeit, dass Wissen nicht nur Licht ist. Wissen ist auch eine Spur. Und Spuren ziehen Dinge an, die nicht gefunden werden wollen.
I
Ashambrat war eine Stadt, die nicht gebaut worden war, um schön zu sein, sondern um zu überleben, und gerade dadurch hatte sie eine Schönheit, die sich nicht anbiedert.
Sie lag wie ein heller Stein im Meer aus Sand, eingefasst von Mauern, die den Wind nicht aufhalten konnten, aber ihn zumindest zwingen, sich zu entscheiden, wo er hinein will. Von außen sah man zuerst die Kanten, die klaren Linien, die flachen Dächer, die niedrigen Kuppeln, die wie festgehaltene Atemzüge wirkten, und darüber die Türme der Windschule im Westen, schlank und wachsam, als hätten sie sich bewusst an die Seite gestellt, um die Stadt zu beobachten, nicht zu dominieren. Im Zentrum dagegen erhob sich der Palast, breiter, schwerer, umgeben von Gärten, die aus der Ferne wie ein Widerspruch aussahen. Grün in der Wüste. Schatten im Staub. Kühle, wo keine sein sollte.
Die Luft war schon am Morgen heiß, nicht brennend, aber hart, so wie Hitze hart wird, wenn sie nicht aufhört. Der Wüstenwind kam nicht wie ein Wind in anderen Ländern, nicht als etwas, das man ignorieren kann. Er kam wie eine Präsenz. Er schob Sand in jede Fuge, er legte sich auf die Lippen, er machte aus jedem Atemzug eine Erinnerung daran, dass diese Stadt dem Land nicht gehört, sondern ihm abgerungen ist.
Gudi war früh wach.
Nicht weil sie diszipliniert war. Sondern weil Ashambrat einen weckt, ob man will oder nicht. Die Stadt begann zu leben, lange bevor die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte. Händler riefen schon, während die Schatten noch lang waren. Tiere stampften in den Gassen. Wasser wurde getragen, als wäre es ein Schatz, der sich nicht anschauen lassen darf.
Gudi schob den Vorhang ihrer kleinen Kammer beiseite und sah hinunter auf den Basar, der sich wie ein Teppich aus Stimmen ausbreitete. Die Stände waren schon aufgebaut. Stoffe in Farben, die man im Sand nicht erwartet. Gewürze, die so scharf rochen, dass man sie schmecken konnte, bevor man sie sah. Körbe mit Trockenfrüchten, Tonkrüge, Metall, Leder, Glas, und dazwischen Menschen, deren Sprachen sich mischten wie Rauch. Einige sprachen schnell, als hätten sie Angst, dass ihnen Zeit gestohlen wird. Andere sprachen langsam, als hätten sie gelernt, dass in der Hitze jedes Wort doppelt kostet.
Der Basar hatte Brunnen.
Nicht viele, und keiner davon war groß, aber jeder war ein Mittelpunkt. Um die Brunnen herum standen Menschen, warteten, füllten Gefäße, tauschten Neuigkeiten, schoben sich, stritten, lachten. Wasser war hier nicht nur Flüssigkeit. Wasser war Ordnung. Wasser war Politik. Wasser war der Grund, warum man in dieser Stadt Regeln hat, die jeder kennt, auch wenn keiner sie mag.
Außerhalb der Mauern, dort wo der Sand wieder alle Formen verschluckt, campierten Nomaden. Man sah ihre Zelte wie dunkle Punkte am Rand des Horizonts, und manchmal, wenn der Wind richtig stand, trug er das ferne Geräusch von Trommeln oder von Tieren herüber. Sie kamen, handelten, verschwanden. Einige brachten Salz und Fleisch. Andere brachten Geschichten. Manche brachten beides, und genau diese waren gefährlich, weil Geschichten in Ashambrat wie Wind sind. Man kann sie nicht festhalten, aber sie ändern trotzdem alles.
Im Westen lag die Windschule.
Sie war nicht so prunkvoll wie ein Palast, aber sie wirkte älter, als wäre sie nicht gebaut, sondern aus der Luft herausgeschnitten worden. Hohe Türme, offene Höfe, Bögen, die den Wind nicht blocken, sondern ihn führen. Dort lernten die Schüler nicht nur, Worte zu sagen, sondern zu hören. Nicht nur, Zeichen zu malen, sondern zu begreifen, warum ein Haken das Ende eines Zaubers sein kann. Gudi ging nicht sofort dorthin. Sie ging zuerst zu ihrem Buch. Es lag auf dem Boden, weil ihr Tisch zu klein war und weil sie den Sand braucht, um die Zeichen zu üben. Die Tinte war mühsam, der Sand dagegen war überall. Sand war ihr Papier. Sand war auch ihr Feind, weil er die Linien verwischt, sobald der kleinste Fehler in der Konzentration den Wind in ihre Hand lässt.
Sie setzte sich hin, die Beine angewinkelt, das Pergament neben sich, und starrte auf die verschlungenen Schnörkel, die für andere wie ein Tanz aussahen und für sie wie ein Spott.
Der Derwisch.
Ein einfacher Windwirbel, sagten die Meister. Ein Anfängerzauber. Ein Spiel, sagten die anderen Kinder, die ihn schon konnten und die es liebten, ihn zu zeigen. Mausgroß, dann mannsgroß, wenn man wollte, und wenn man wirklich gut war, konnte man ihn wachsen lassen, bis er so hoch war wie ein Kamel und den Sand in einem Kreis nach oben zog, als wäre der Boden plötzlich leicht.
Gudi konnte nicht einmal ein Lüftchen.
Sie schaute auf das Pergament. Dann wieder auf das Buch. Dann wieder auf das Pergament. Ihre Stirn zog sich zusammen, als könnte sie durch Zusammenziehen die Zeichen in ihren Kopf pressen.
„Das ist nicht schwer“, murmelte sie trotzig, obwohl sie längst wusste, dass genau das eine Lüge ist.
Sie malte die Zeichen in den Sand.
Langsam. Sorgfältig. Ein Strich. Ein Bogen. Ein Haken.
Sie sprach die Worte.
Nicht laut, weil sie sich schämte, wenn jemand sie hört und dann wieder nichts passiert. Nur halb, wie ein Flüstern, das hofft, dass die Welt gnädig ist.
Dann blies sie auf den Sand.
Nichts.
Nicht einmal ein Staubkorn hob sich.
Gudi starrte auf ihre Hand, als hätte die Hand sie verraten. Sie ballte die Faust. Nicht weil sie etwas schlagen wollte, sondern weil sie nicht wusste, wohin mit dem Ärger.
„Warum“, zischte sie.
Sie riss das Pergament hoch, zerknüllte es mit beiden Händen, so fest, dass ihr die Finger weh taten, und warf es in die Ecke ihrer Kammer.
Es war kindisch.
Sie wusste es.
Das machte es schlimmer.
Sie setzte sich auf den Boden, die Arme um die Knie, und schmollte, als könnte Schmollen den Wind herbeizwingen. Ihre Unterlippe zitterte. Sie biss darauf, bis es weh tat. Der Schmerz half nicht. Er machte nur klarer, dass sie real ist und ihre Magie es nicht ist.
Draußen gingen die Händler weiter ihren Geschäften nach. Draußen wurde Wasser verkauft wie Gold. Draußen lachten Kinder, weil sie noch nicht wissen, dass Talent manchmal ungerecht verteilt ist.
Gudi starrte auf die Ecke, wo das Pergament lag.
Sie dachte an Morgut.
Morgut, ihr Bruder, der alles konnte, was sie nicht konnte. Der Magier, der in ihren Augen nicht einfach ein Schüler war, sondern ein Maßstab. Sie vergötterte ihn, und das war schön und schmerzhaft zugleich, weil man jemanden, den man vergöttert, nie auf Augenhöhe sieht. Morgut hatte mit ihr geübt, hatte ihr gezeigt, wie man atmet, wie man den Blick still macht, wie man nicht „will“, sondern „führt“. Er hatte ihr nie das Gefühl gegeben, dass sie dumm ist.
Das erledigten die anderen Geschwister.
Nicht böse. Nicht wirklich. Aber mit dieser beiläufigen Grausamkeit, die Kinder haben, wenn sie merken, dass sie in etwas besser sind und es ihnen Spaß macht, das zu zeigen.
„Gudi kann den Wind nicht“, hatten sie einmal gelacht, als sie es nicht hörte und es trotzdem hörte.
Sie presste die Stirn gegen die Knie.
Dann stand sie auf.
Zerknirscht, wütend, mit dem Gefühl, dass sie am liebsten die Wand anschreien würde, ging sie zur Ecke, hob das zerknüllte Pergament auf und entfaltete es. Es war jetzt voller Falten, als hätte es mehr Leben gehabt als sie.
Sie setzte sich wieder zum Buch.
Las die Zeilen noch einmal.
Verglich.
Wieder.
Und wieder.
Und dann sah sie es.
Hier hatte sie einen Haken vergessen.
Nur einen Haken.
Ein winziges Zeichen, ein winziger Griff, der das ganze Wort dreht, der den Zauber von „nichts“ zu „etwas“ macht.
Gudi starrte darauf, und in ihr wuchs nicht sofort Erleichterung, sondern Wut. Wut auf sich selbst. Wut auf ihre Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben. Wut auf die Tatsache, dass ihr Kopf immer zu schnell wegrutscht, dass die Zeichen sich vor ihr verstecken wie Tiere, die ihren Namen nicht mögen.
„Natürlich“, knurrte sie.
Sie prüfte das Pergament noch einmal.
Noch ein Fehler.
Und noch einer.
Die Wut in ihr wurde heißer als die Stadt.
Sie schlug mit der Faust in den Sand, dass kleine Körner hochsprangen und wieder fielen, als wären sie kurz frei gewesen und dann doch wieder gefangen.
„Ich kann das nicht“, stieß sie hervor.
Die Worte waren schlimm, weil sie wahr klangen.
Sie ballte beide Fäuste, rieb sich die Augen, als könnte sie die Tränen wegdrücken, bevor sie kommen. Sie kam sich lächerlich vor. Das machte sie noch wütender. Und dann passierte das, was bei Kindern passiert, wenn Wut und Scham sich in einem engen Körper treffen.
Sie heulte.
Nicht schön. Nicht leise. Nicht mit Würde.
Sie vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte, weil sie sich nicht anders helfen konnte. Ihre Schultern zuckten. Ihre Nase lief. Sie hasste es. Sie hasste sich dafür. Sie hasste die Zeichen, die so ruhig auf dem Pergament standen, als wären sie nicht der Grund, warum sie sich wie eine Versagerin fühlte.
Als die Tränen weniger wurden, saß sie da, rot im Gesicht, schnaufend, und starrte wieder auf das Pergament.
Und dann, stur wie der Wind selbst, der nie fragt, ob man ihn will, nahm sie den Finger und zeichnete den fehlenden Haken in den Sand.
Noch einmal.
Sorgfältiger.
Langsamer.
Sie sprach die Worte.
Sie blies.
Nichts.
Sie knurrte, wischte den Sand weg, zeichnete neu.
Sie sprach die Worte.
Sie blies.
Wieder nichts.
Die Sonne wanderte. Der Basar wurde lauter. Die Brunnen wurden umkämpfter. Draußen zogen Kamele vorbei, beladen mit Stoff und Metall. Aus den Palastgärten wehte ein Hauch kühler Luft, der wie eine Beleidigung wirkte, weil er zeigte, dass Kühle möglich ist, wenn man genug Macht hat, sie zu erzwingen.
Im Palast pflegten Schüler die Gärten.
Das war eine ihrer Aufgaben. Nicht glamourös. Nicht heroisch. Aber notwendig. Sie mussten Wasser heranschaffen, manchmal mühsam über die Brunnen, manchmal mittels Magie, wenn die Meister es erlaubten und wenn die Vorräte es zuließen. Sie teilten die Gärten in Sektionen. Jeder wusste, welche Palme, welcher Feigenbaum, welcher Schattenstreifen zu ihm gehört. Sie lernten, dass Magie nicht nur Windwirbel ist. Magie ist auch Pflege. Magie ist auch Verantwortung. Magie ist auch das Halten eines kleinen Stücks Grün gegen eine ganze Wüste.
Gudi sah diese Schüler manchmal, wenn sie mit Morgut in Richtung Schule ging.
Morgut neben ihr, groß in ihrer Wahrnehmung, ruhig, stark, mit diesem Blick, der nie hektisch wird. Er war freundlich zu ihr, auch wenn er streng war. Wenn er ihr etwas erklärte, tat er es, als wäre es selbstverständlich, dass sie es irgendwann kann. Diese Selbstverständlichkeit war sein größtes Geschenk.
Am Abend saß Gudi wieder in ihrer Kammer.
Sie hatte gegessen, weil man essen muss. Sie hatte Wasser getrunken, weil Durst in Ashambrat nicht verhandelt wird. Sie hatte den Tag überlebt, und Überleben war hier eine Leistung, auch ohne Zauber.
Sie nahm das Pergament.
Sie zeichnete die Zeichen noch einmal.
Sie sprach die Worte.
Sie blies auf den Sand.
Und diesmal hob sich etwas.
Nicht viel.
Kein Derwisch, kein Tanz, kein Wirbel, den man stolz zeigen könnte.
Nur ein Hauch.
Ein winziger, leiser Kreis, als hätte der Sand kurz überlegt, ob er sich bewegt, und dann doch gezuckt. Ein Flimmern. Ein kaum sichtbarer Dreh. Vielleicht nur eingebildet. Vielleicht der Wind von draußen. Vielleicht ein Irrtum.
Gudi erstarrte.
Sie hielt den Atem an, als könnte ihr Atem das kleine Ding erschrecken.
Sie sah auf den Sand.
Da war wieder Ruhe.
War es wirklich da gewesen.
Oder hatte sie es nur so sehr gewollt, dass ihr Kopf sich einen Sieg ausgedacht hat.
Sie wusste es nicht.
Aber ihr Herz schlug schneller, und das war ein Beweis, dass irgendetwas in ihr reagiert.
In dieser Nacht war der Himmel sternenklar.
Ashambrat hatte Nächte, die so schön sind, dass man fast vergisst, wie gnadenlos der Tag ist. Die Hitze sank, der Wind wurde sanfter, und über der Stadt stand ein Himmel, der nicht flackert wie in feuchten Ländern, sondern hart und tief ist, als könne man ihn anfassen.
Gudi ging in einen Turm.
Nicht einen der großen Türme der Schule, sondern einen kleineren, abseits, wo ein älterer Herr die Sterne beobachtete. Er war kein Meister, der im Hof Befehle brüllt. Er war einer von denen, die lieber nach oben sehen als nach innen.
Er begrüßte sie, als hätte er sie erwartet, und vielleicht hatte er das.
„Du bist spät“, sagte er.
„Ich bin langsam“, erwiderte Gudi trotzig.
Der alte Mann lachte leise. „Langsam ist manchmal klüger als schnell“, sagte er. Dann führte er sie an die Brüstung.
Er zeigte ihr Sternbilder.
Nicht nur Linien zwischen Punkten, sondern Geschichten. Er erklärte ihr, wie man sich daran orientiert, wie man aus dem Stand der Sterne die Richtung findet, wenn Sandstürme alle Wege löschen. Er sprach von alten Namen für dieselben Lichter, von Sprachen, die nicht mehr gesprochen werden, von Völkern, die die Sterne anders sehen, weil sie andere Dinge für wichtig halten.
Dann, als Gudi sich schon an diese ruhige Stimme gewöhnt hatte, begann er von Dingen zu erzählen, die nicht mehr im Unterricht stehen.
Von der Zeit vor der Zeit.
Von Tagen, in denen Magie ungezügelt war, frei, und die Welt dadurch zugleich größer und gefährlicher. Er zeigte ihr Bilder an der Wand des Turms, nicht gemalt, sondern in Stein eingelassen, und wenn er sprach, schienen die Bilder sich zu bewegen, als würden die Sterne selbst in die Wand fallen.
Er erzählte von Magiern, die auf Wolken lebten und über die Welt trieben, nicht als Reisende, sondern als Herren ihrer eigenen Höhe. Manche studierten, manche strebten nach Macht, manche nach Anerkennung, manche nach den Sternen, und keiner glaubte, dass es ein Ende geben könnte, solange er selbst noch atmet.
Er erzählte eine Liebesgeschichte.
Trke und Ofisa.
Zwei Magier, die einander fanden, nicht weil es nützlich war, sondern weil sie einander erkannten. Und Lonsch, der Neider, der die Liebe missgönnte und intrigierte, nicht weil er selbst geliebt werden wollte, sondern weil er nicht ertragen konnte, dass andere etwas haben, das er nicht kontrolliert.
Ein Kind wurde heimlich erwartet.
Ofisa starb bei der Geburt.
Der alte Mann sagte es nicht dramatisch. Er sagte es wie eine Tatsache, die man nicht schöner machen darf. Und er erzählte, wie Lonsch das Kind an sich nahm, und wie er es großzog, nicht aus Güte, sondern aus Hass.
Er erzählte Gudi, dass Kinder, die von Magiern geboren werden, ungleich mächtiger sein können als Magier selbst. Dass in ihnen etwas liegt, das nicht nur Talent ist, sondern eine andere Dichte der Welt. Dass solche Kinder beinahe gottgleich sein können, wenn niemand sie bindet.
Trke, der nichts von dem Kind wusste, erfuhr vom Tod Ofisas und wäre beinahe an der Verzweiflung zerbrochen. Der alte Mann beschrieb es so, dass Gudi unwillkürlich schluckte, weil sie Trke plötzlich vor sich sah, nicht als Legende, sondern als Mensch, der nicht mehr weiß, wohin mit sich.
Lonsch erzählte dem Kind, Trke habe die Mutter getötet.
Er sagte, er, Lonsch, habe den Knaben gerade noch gerettet.
Der Knabe wuchs im Hass auf.
Und als er groß war, jagte er Trke.
Er fand ihn.
Er hätte ihn beinahe getötet.
Und dann, so erzählte der alte Mann, mischte sich aus dem Jenseits etwas ein. Nicht weil Regeln es erlaubten, sondern weil Liebe groß genug war, Regeln zu ignorieren. Ofisa, mächtig selbst im Tod, trat zwischen die beiden und löste auf, was Lonsch vergiftet hatte.
Vater und Kind sahen einander.
Die Wahrheit stand da wie ein Stern, der nicht wegzudenken ist, wenn man ihn einmal gesehen hat.
Das Kind, das sehr mächtig war, löschte Lonsch aus. Nicht aus Wut, sondern aus Notwendigkeit. Und dann, weil es begriff, was es ist, entschloss es sich, die Welt zu verlassen und durch das Universum zu reisen, dorthin, wo Macht keinen Hof hat und niemand Kronen trägt.
Der alte Mann zeigte ihr die Sternbilder.
Trke.
Ofisa.
Das Kind.
Und Lonsch, der Neider, als dunkler Punkt am Rand, der dennoch dazugehört, weil auch Neid eine Konstellation ist, wenn man ihn lange genug betrachtet.
Gudi liebte diese Geschichten. Sie liebte, wie die Bilder an der Wand lebendig wurden, wie die Sterne plötzlich nicht mehr nur Lichter waren, sondern Erinnerung. Für sie waren es Märchen, und Märchen waren in der Wüste wie Wasser. Sie machten die Welt größer.
Als sie ging, lächelte der alte Mann ihr nach.
„Märchen“, sagte er, als würde er das Wort schmecken.
Dann lachte er leise und fügte hinzu, rätselhaft, fast beiläufig, als wäre es nur eine Bemerkung über das Wetter:
„Manche nennen es Märchen, Kind. Nur damit sie nicht lernen müssen, dass es Geschichte ist.“
Und Gudi ging hinunter in die Nacht von Ashambrat, die Sterne über sich, den Sand unter sich, und in ihrem Kopf drehte sich ein kleiner, kaum sichtbarer Wirbel.
Vielleicht eingebildet.
Vielleicht der Anfang.
II
Nigk und Xian gingen weiter nach Norden, weil es irgendwann leichter ist, vorwärts zu gehen, als sich einzugestehen, dass man nichts gefunden hat.
Hinter ihnen lagen Chreck und der Grondpass wie eine Grenze, die man in Gedanken überschritten hat, bevor die Füße es wirklich tun. Vor ihnen lag Land, das nicht mehr wie Land wirkte, sondern wie eine Stille, die sich eine Oberfläche gesucht hat. Der Schnee fiel nicht immer, aber er war nie wirklich weg. Er lag in Rinnen, er hing an Ästen, er blieb in Schatten stehen, als hätte er beschlossen, dass er hier zu Hause ist.
Am Anfang trafen sie noch auf Spuren. Ein Rad, das im Matsch erstarrt war. Ein Stück Stoff, das an einem Dorn hing. Ein vergessenes Bündel, das so sorgfältig gepackt war, dass es sich anfühlte wie ein Fehler, es zu öffnen. Doch je weiter sie gingen, desto weniger wurden die Spuren zu Zeichen, und desto mehr wurden sie zu Fragen.
Dann fanden sie das erste Dorf.
Es lag nicht zerstört, nicht verbrannt, nicht geplündert. Es lag einfach da, als hätte es kurz den Atem angehalten. Die Häuser waren dunkel, aber intakt. Die Zäune standen, nur ein paar Latten waren schief, wie nach einem gewöhnlichen Winter. Der Schnee lag auf den Dächern wie auf ruhenden Tieren. Kein Rauch stieg auf. Keine Stimme. Kein Hund. Nur der Wind, der durch die Gassen strich und dabei nicht einmal so tat, als würde er suchen.
Nigk hielt sein Pferd an, einen Moment lang, und Xian tat dasselbe, ohne dass sie es absprechen mussten. Sie sahen sich an. In ihrem Blick lag das, was sie seit Tagen nicht laut sagten. Das fühlt sich falsch an.
Sie stiegen ab. Ihre Schritte klangen auf dem gefrorenen Boden zu laut, als würde das Dorf nicht wollen, dass man es weckt. Xian zog die Brille hervor, die Anadar ihr gegeben hatte, setzte sie auf und betrachtete die dunklen Fenster. In dem Glas wurden die Schatten nicht freundlich. Sie wurden nur klarer.
„Keine Wache“, murmelte sie.
Nigk ging zum ersten Haus, nicht aus Neugier, sondern weil jemand entscheiden muss, ob man die Tür berührt. Er legte die Hand an den Griff.
Die Tür war geschlossen.
Er drückte. Sie gab nach, ohne Widerstand. Nicht weil sie aufgebrochen war, sondern weil niemand abgeschlossen hatte.
Innen war es nicht kalt wie draußen. Es war kalt wie ein Raum, der lange nicht mehr bewohnt wurde, aber noch nicht begriffen hat, dass er leer ist. Ein Tisch stand in der Mitte. Auf dem Tisch lag ein Messer. Daneben ein Holzbrett, halb geschnitten, als wäre jemand mitten im Tun aufgestanden und nie zurückgekehrt. In einer Ecke standen Gläser, sauber aufgereiht. Ein Stuhl war umgedreht, nicht gewaltsam, eher so, als hätte ihn jemand achtlos mit dem Knie gestoßen.
Xian berührte nichts. Sie ging langsam durch den Raum, ließ den Blick über die Gegenstände gleiten, als würde sie lesen, was die Menschen nicht aufgeschrieben haben.
„Sie sind gegangen“, sagte sie schließlich, leise, nicht als Feststellung, eher als ungläubige Beschreibung.
Nigk öffnete eine Truhe. Darin lagen getrocknete Beeren, eingewickelt in Stoff, Salzfleisch, ein kleines Bündel Kräuter. Vorräte. Haltbar gemachtes. Winterzeug. Dinge, die man nicht zurücklässt, wenn man fluchtartig geht.
„Das ist keine Flucht“, sagte Nigk.
Xian nickte, und in diesem Nicken lag etwas, das nur sie beide so teilen konnten. Diese Art von Vertrautheit, die nicht daran hängt, ob man dasselbe Blut hat, sondern daran, dass man dieselben Nächte überstanden hat. Sie war seine Schwester. Und sie kannte seine Stimme so gut, dass sie wusste, wann er sich zwingen muss, ruhig zu bleiben.
Sie gingen von Haus zu Haus. Immer dasselbe Bild, mit kleinen Variationen. Ein Topf am Herd, leer und sauber, als hätte jemand ihn am Morgen noch ausgewaschen. Eine Decke auf einem Bett, glattgezogen. In einem Haus war die Tür sogar sorgfältig verriegelt, von innen, als wäre das Abschließen eine Gewohnheit gewesen, die man selbst dann nicht vergisst, wenn man fortgeht.
„Tür zu“, murmelte Nigk, als er es das dritte Mal sah.
Xian schnaubte, kurz. „Als würden sie morgen wiederkommen.“
Sie fanden keine Kampfspuren. Keine zerschlagenen Möbel, keinen Blutgeruch, keinen Pfeil, kein Messer im Holz. Sie fanden auch keine gehetzten Spuren im Schnee, keine Abdrücke, die wild durcheinanderlaufen. Nur alte Tritte, weich geworden, überschneit. Als hätte die Zeit selbst beschlossen, alles zu glätten.
Sie nahmen, was sie brauchten, und nahmen es mit dem Gefühl, dass jedes Stück Brot, das sie aus einer Truhe holen, eine Frage mehr ist. Xian sprach ein kurzes Dankwort, mehr aus Respekt vor den Abwesenden als aus Glauben. Nigk tat so, als hätte er es nicht gehört.
Das Dorf wurde ihre erste Basis.
Nicht weil es sich gut anfühlte, sondern weil man irgendwo stehen bleiben muss, um nicht blind zu werden. Sie wählten ein Haus, dessen Dach intakt war und dessen Kamin noch zog. Sie machten Feuer mit Holz, das trocken genug war, und der Rauch stieg in den grauen Himmel, als wäre er das einzige Zeichen, dass hier noch Menschen atmen.
Von dort aus ritten sie aus, tagsüber, manchmal nur ein paar Stunden, manchmal länger. Sie suchten die Umgebung ab, folgten Wegen, die sich im Schnee nur noch erahnen ließen. Sie fanden weitere kleine Siedlungen, auch diese leer. In manchen standen die Tiere noch, nicht lebend, aber als Spuren. Ein Stall voller Heu, unberührt. Ein Wassereimer, umgekippt und gefroren, als hätte ihn jemand im Gehen mit dem Ellbogen gestoßen.
Sie jagten Hasen, wenn sie welche sahen. Die Bögen halfen, und doch war es nicht Magie, die sie ernährte, sondern Geduld. Xian konnte länger still sein als jeder andere, den Nigk kannte. Nigk konnte warten, ohne dass sein Körper zittert, weil er es gelernt hatte, als Warten ein Beruf war.
Wölfe sahen sie in der Ferne. Gelbe Augen im Weiß. Sie folgten nicht, aber sie waren da, als Erinnerung daran, dass Land ohne Menschen nicht automatisch harmlos ist.
Einmal hörten sie nachts einen Bären, weit weg, ein tiefes Brummen, als würde die Erde selbst antworten. Xian legte die Hand an Nigks Arm, nicht ängstlich, nur verbindend. Sie mussten nicht sprechen, um sich abzustimmen. Sie taten es trotzdem, flüsternd, weil Worte manchmal helfen, den Kopf zusammenzuhalten.
„Morgen gehen wir weiter nach Norden“, meinte Nigk, als sie am Feuer saßen.
Xian blickte in die Flammen. „Morgen sehen wir, ob morgen existiert“, erwiderte sie, und das war nicht Zynismus, sondern Erfahrung.
So vergingen Tage. Dann Wochen.
Sie zogen die Basis schrittweise nach Norden, nicht aus Drang, sondern weil das Muster gleich blieb. Leere Dörfer. Leere Wege. Leere Nächte. Immer kälter. Immer weniger Licht. Der Tag wurde zu einem grauen Streifen zwischen Dunkelheit und Dunkelheit. Manchmal sah die Sonne aus wie eine blasse Münze hinter Wolken, die nicht mehr wegziehen.
Die Pferde wurden langsamer, nicht aus Müdigkeit, sondern weil Schnee ein Gegner ist, der nicht kämpft, sondern einfach da ist. Je tiefer sie kamen, desto öfter versanken die Hufe, desto schwerer wurden die Schritte. Die Packpferde, so geduldig sie waren, schnaubten, als wollten sie sagen, dass selbst Geduld irgendwann ein Ende hat.
Sie fanden schließlich ein Dorf, das so nah am Wald lag, dass die Bäume es fast verschluckten. Dahinter begannen zugefrorene Seen, die wie flache Spiegel unter Schnee lagen. Selbst im Sommer, so erzählten alte Karten, tauten sie kaum. Nigk erinnerte sich an diesen Satz und spürte, wie er plötzlich Gewicht bekam. Sommer war hier nicht mehr ein Versprechen. Nur eine Theorie.
Sie bezogen eine Hütte am Rand des Dorfes, tiefer, massiver, als wären ihre Wände gebaut worden, um Stürme zu überleben. Holz lag gestapelt, sorgfältig, als hätte jemand es im Herbst vorbereitet. Felle hingen an einem Balken, dick, nach Tier und Rauch riechend. In einer Ecke standen Krüge, gefüllt mit getrockneten Bohnen, Mehl, Salz.
„Das ist absurd“, sagte Nigk, als er die Vorräte sah.
Xian zog einen Handschuh aus und fuhr mit den Fingern über den Rand eines Kruges. „Es ist ein Geschenk“, meinte sie.
„Von Menschen, die nicht mehr da sind.“
Xian sah ihn an. „Und trotzdem ist es da.“
Sie richteten sich ein, so gut man sich in einer Hütte einrichtet, die nicht die eigene ist. Sie legten den Schlafplatz nahe am Feuer. Sie hängten Felle über die schlimmsten Ritzen. Sie stellten ihre Waffen so, dass sie sie im Dunkeln finden können. Xian befestigte das Amulett unter ihrer Kleidung und prüfte es, als würde sie es beruhigen, nicht umgekehrt.
Draußen kamen Schneestürme.
Nicht jeden Tag, aber oft genug, dass man nie wirklich sicher sein konnte, ob man morgen reiten kann. Der Wind heulte, als hätte er eine Stimme und sei darüber verärgert, dass er keine Zuhörer bekommt. Schnee drückte gegen das Holz, als wolle er hinein. Manchmal blieb das Weiß tagelang hängen, und dann war die Welt so gleich, dass man den Horizont nicht mehr erkennt.
In solchen Tagen saßen Nigk und Xian am Feuer und sprachen leise, nicht weil sie sich fürchteten, sondern weil laute Stimmen in einer leeren Welt falsch klingen.
„Es gibt keinen Grund“, sagte Nigk irgendwann, und der Satz war müde.
Xian rieb sich die Hände. „Es gibt einen Grund“, erwiderte sie. „Wir finden ihn nur nicht.“
Nigk sah sie an. „Wir finden nichts. Keine Spuren. Keine Schreie. Keine Kampfstellen. Nichts.“
Xian hielt seinem Blick stand. „Gerade das ist eine Spur.“
Er wollte widersprechen und tat es nicht. Weil er wusste, dass sie recht haben könnte, und weil das schlimmer ist als Unrecht.
Sie überlegten, ob sie weitergehen.
Noch weiter nach Norden, hinein in Wald, Seen und Dunkelheit. Doch die Pferde würden es nicht schaffen. Sie versanken jetzt schon. Und jeder Kilometer mehr nach Norden war ein Kilometer, der sie weiter von jeder Rückkehr entfernt.
Sie überlegten, umzudrehen.
Doch auch das wurde schwerer. Nicht nur, weil Schnee Wege löscht, sondern weil der Winter ihnen den Rücken zugedreht hatte. Hinter ihnen lagen Wochen Weg, und jede Woche war ein Sturm, der entscheiden kann, dass man nicht mehr durchkommt.
Am Ende war es keine Entscheidung wie Ja oder Nein. Es war eine Entscheidung wie Überleben oder Stolz.
„Wir überwintern“, sagte Nigk eines Abends, und er sprach es aus, als würde er ein Urteil verkünden.
Xian schwieg lange, dann nickte sie. „Wir überwintern“, bestätigte sie, und in ihrem Ton lag das, was sie immer hatte, wenn sie etwas akzeptiert, das sie nicht mag. Klarheit.
Sie hatten Nahrung. Sie hatten Holz. Sie hatten Felle. Sie hatten ihre Ausrüstung. Sie hatten einander. Und sie hatten die Stille, die so groß war, dass sie manchmal wie ein Geräusch wurde.
Sie waren gefangen, und dennoch lebten sie.
Und irgendwo, nicht weit, aber auch nicht sichtbar, waren Augen, die das sahen.
Nicht menschliche Augen. Nicht die Augen von Flüchtlingen, die nach Süden gehen. Andere Augen. Misstrauisch, argwöhnisch, nicht entschlossen, ob diese zwei Fremden eine Gefahr sind oder nur ein weiterer Irrtum der Welt.
Xiodri beobachtete sie seit Tagen.
Manchmal von einem Ast aus, so still, dass selbst Schnee nicht merkte, dass er auf ihm liegt. Manchmal von höher oben, nicht mit Flügeln, nicht mit Magie, die sichtbar wäre, sondern mit Geduld. Sie kannte den Wald. Sie kannte die Wege, die keine Wege sind. Sie kannte das Geräusch, das ein Mensch macht, wenn er glaubt, er sei allein.
Diese beiden waren nicht allein.
Sie gehörten nicht zu den Gruppen, die durch den Schnee marschiert waren. Sie gehörten nicht zu dem langen Schweigen, das vor einem Jahr begonnen hatte. Damals waren die ersten gekommen. Erst wenige. Dann mehr. Menschen, die nicht viel sagten, weil Worte hier oben in der Kälte schnell zu Eis werden. Sie waren nach Süden gegangen, als würden sie einem Befehl folgen, den sie nicht hören wollen. Xiodri hatte ihnen nachgesehen, nicht aus Mitgefühl, sondern aus dem nüchternen Blick eines Wesens, das lange genug lebt, um zu wissen, dass Menschen sich oft selbst vertreiben.
Dann wurden es Ströme. Und mit den Strömen kam der Tod. Einige schafften es nicht. Sie froren, sie verhungerten, sie setzten sich hin und standen nicht wieder auf. Schweigend. Nicht dramatisch. Nicht heroisch. Einfach so, als hätte der Körper beschlossen, dass er nicht mehr weitergeht.
Xiodri hatte das gesehen und hatte sich dennoch nicht gerührt.
Sie lebte im Wald, einsam, seit Jahrzehnten oder länger. Was sind schon Jahre, wenn man gelernt hat, sie nicht zu zählen. Sie war eine Hexe, und das Wort war für Menschen immer einfacher gewesen als die Wirklichkeit. Menschen mieden sie. Menschen hassten sie. Menschen suchten sie, wenn sie Schmerzen hatten, und verfluchten sie, wenn die Schmerzen weg waren und sie wieder stolz sein konnten.
Damit konnte Xiodri umgehen.
Was gefährlicher war, waren nicht die Menschen.
Es waren die Magier.
Nicht alle, das wusste sie. Es gab welche, die sahen, dass Hexerei nicht automatisch ungezügelte Magie ist, dass auch ein anderer Pfad Regeln haben kann, nur eben andere. Doch es gab genug, die in Hexerei das sahen, was der Kodex nicht sehen will. Wildwuchs. Unordnung. Gefahr. Und wenn sich die Schulen eines Tages wieder an das alte Wort erinnern, Säuberung, dann ist es unerquicklich, erklären zu wollen, dass man kein Feuer ist, wenn man schon auf dem Holz steht.
Xiodri verstand sehr gut, wie schwer sich Dinge erklären lassen, wenn man brennt.
Deshalb war es besser, unsichtbar zu sein. Nicht durch Zauber, sondern durch Gewohnheit. Durch ein Leben, das so abseits liegt, dass es für die meisten nicht existiert.
Und sie hatte es sich gut eingerichtet.
Ein Arrangement mit ihren Nachbarn, bevor diese Nachbarn verschwanden. Sie heilte, wenn jemand kam, nicht aus Güte, sondern weil es nützlich war. Faule Zähne, gebrochene Knochen, Fieber, das nicht weichen wollte. Die Menschen brachten ihr Essen, Geschenke, manchmal nur Holz, manchmal Salz. Sie gingen schnell wieder. Sie sprachen wenig. Sie taten so, als wäre es keine Hexe, die ihnen hilft, sondern ein Zufall im Wald.
So war es lange gewesen.
Dann wurde alles anders.
Die Aversion war gekommen. Nicht wie ein Tier, nicht wie ein Feind, eher wie ein Gefühl, das sich in den Brustkorb setzt und sagt: Geh. Geh weg. Geh nach Süden. Geh, bevor du nicht mehr kannst.
Xiodri war nicht immun. Sie spürte es auch. Sie spürte dieses Ziehen, dieses unlogische Drängen, das nicht aus Angst kommt, sondern wie aus einer fremden Hand. Doch ihre Verbundenheit war größer. Zu ihrer Hütte. Zu ihren Bäumen. Zu ihren Tieren. Zu ihrem Wald. Und ja, zu ihrer Furcht vor dem Scheiterhaufen, der in südlichen Geschichten immer noch brennt.
Sie spürte die Aversion auch nicht immer. Sie kam in Wellen. Sie ging. Und seit einiger Zeit war sie verschwunden, als hätte etwas sich zurückgezogen. Vielleicht war das Fremde, das die Menschen vertrieben hatte, gerade nicht in der Nähe. Vielleicht hatte es satt. Vielleicht wartete es. Xiodri wusste es nicht. Sie wusste nur, dass die Stille seit Wochen anders war. Weniger drängend. Mehr lauernd.
Und dann waren diese beiden gekommen.
Fremde. Bewaffnet. Wach. Sie bewegten sich nicht wie Flüchtlinge. Sie gingen nicht stur nach Süden. Sie suchten. Sie blieben. Sie machten Feuer, als wäre Feuer hier oben eine Aussage.
Xiodri beobachtete sie und kam zu keiner klaren Meinung.
Sie waren nicht die Bedrohung, die die Menschen vertrieben hatte. Das spürte sie. Aber sie waren Magie nah, und Magie nah bedeutet für eine Hexe immer Gefahr, auch wenn diese Magie freundlich lächelt.
Sie sah Xian, wie sie nachts vor die Hütte trat, kurz, den Himmel prüfte, als wolle sie die Sterne befragen. Sie sah Nigk, wie er manchmal einfach nur dasaß und lauschte, als würde er versuchen zu hören, was nicht mehr da ist.
Xiodri fragte sich, warum sie hier sind.
Und sie fragte sich, was passiert, wenn das Fremde zurückkehrt und diese beiden noch da sind.
Sie blieb auf ihrem Ast, still, und hielt den Atem so lange an, dass selbst der Wind sie vergaß.
Neugierig verfolgte sie das Treiben der beiden, nicht schlüssig, was sie davon halten sollte.
Aber sicher in einem Punkt.
Wenn etwas in dieser Welt wieder beginnt, dann beginnt es selten dort, wo man hinsieht.
Und diese beiden sahen in die falsche Richtung.
III
Kral stand am Deck, als gehörte der Wind ihm.
Nicht, weil er ihn beherrschte. Sondern weil er gelernt hatte, ihm nicht zu widersprechen. Der Bug schnitt durch dunkles Wasser, das sich in der Nacht wie Öl anfühlte, und über ihnen zog der Himmel in schnellen, zerfetzten Bahnen vorbei. Die heutige Nacht war heftig gewesen. Der Wind hatte gedrückt, hart und ungeduldig, hatte das Schiff schräg gelegt und die Taue singen lassen, und genau deshalb hatten sie Strecke gemacht. Kral beobachtete, wie seine Mannschaft die Segel raffte, als wäre dieses Geräusch, dieses Schlagen von Stoff und das Knarren der Blöcke, das einzig Verlässliche, das es auf der Welt gibt.
Nun war es Zeit, einzulaufen.
Zeit, in diesen verfluchten Hafen, zu diesen vermaledeiten Magiern.
Sie waren von Gontar aus ausgelaufen, wie so oft. Gontar, die Stadt des Lebens, die am Meer lag und immer nach Kräutern, Salz und warmem Holz roch, eine Stadt, die selbst im Winter lebte, weil dort immer etwas heilte, wuchs oder verfaulte. Kral hatte Verbrauchsgüter geladen. Getrocknete Lebensmittel, Salz, Öl, Stoffballen, Holz, Tonkrüge, Nägel, Seile, Werkzeug. Dinge, die Inseln brauchen, weil Inseln sich nicht alles selbst geben können, so sehr sie auch so tun, als seien sie autark und rein.
Und jedes Mal, wenn er diese Fahrt machte, wunderte er sich über dieselbe Absurdität, als wäre sie zum ersten Mal.
Wassermagier auf den Inseln der Winde.
Das machte keinen Sinn. Wasser gehörte ans Meer, ja. Aber Windinseln, Wasserschule. Es klang wie ein Witz, den nur Magier lustig finden. Vielleicht war es ja genau das: eine dieser Entscheidungen, die man „Tradition“ nennt, damit niemand zugeben muss, dass sie einmal aus Trotz oder aus Angst getroffen wurde.
Neben der Fracht hatte er diesmal wieder Schüler an Bord genommen. Magierschüler. Junge Burschen und Mädchen, meist aus der Wüste, aus diesem verfluchten Ashambrat, wie jedes Jahr. Kinder, die in Sand aufgewachsen waren und deren Augen am ersten Tag auf See immer gleich groß wurden, als hätten sie geglaubt, die Welt höre hinter den Dünen auf.
Wie jedes Jahr sahen sie zum ersten Mal ein Meer.
Wie jedes Jahr wurde ihnen schlecht.
Wie jedes Jahr kotzten sie sich die Seele aus dem Leib.
Kral lachte, als er den ersten am Reling sah, bleich wie ein Fischbauch, klammernd, würgend, während das Schiff kaum mehr tat, als zu atmen. Er lachte nicht aus Grausamkeit. Eher aus dieser seewärtigen Schadenfreude, die sagt: Willkommen in einer Welt, die nicht nach dir fragt.
Was dieses Jahr anders war, war das Begleitpersonal.
Nicht nur junge Schüler. Nicht nur nervöse Adepten, die sich in Gruppen sammelten und flüsterten, als würden sie sich gegenseitig Mut zusammenlügen. Diesmal waren ältere Meister der Wasserschule mitgefahren. Zwei, vielleicht drei, das war Kral egal gewesen, solange sie zahlten oder ein Schreiben dabei hatten, das schwer genug war, um Diskussionen zu verhindern.
Merkwürdig war ihr Verhalten.
Einer von ihnen hielt sich fast immer an Deck auf.
Nicht wie jemand, der die See genießt. Eher wie jemand, der Wache hält. Der Blick nicht auf die Wellen gerichtet, sondern auf den Horizont, als müsse er etwas sehen, bevor es die anderen sehen. Kral hatte sich dabei ertappt, wie er manchmal selbst in diese Richtung schaute, ohne zu wissen, wonach er eigentlich sucht.
Jetzt lagen die Inseln vor ihnen.
Er sah sie zuerst als dunkle Bruchstücke im Grau, als hätten Götter sie aus dem Festland herausgebrochen und achtlos ins Meer geworfen. Felsbrocken, scharfkantig, mit weißen Gischtkränzen, die wie Zähne aussahen. Zwischen den Inseln das Wasser, tückisch, mit Strömungen, die sich an Felsen brechen und dann zurücklaufen, als hätten sie es sich anders überlegt.
Er musste es konnte nur eine Insel anlaufen.
Nur eine hatte einen Hafen, eine ordentliche Einfahrt, ein Becken, das tief genug war, und selbst das war ein Glück, das man nicht zu laut lobt. Die anderen Inseln waren gefährlich. Riffe unter Wasser, die man nur kennt, wenn man sie schon einmal gerammt hat oder wenn man die Karte eines Mannes hat, der sie gerammt hat und überlebt.
Sie passierten die ersten Inseln langsam, als würde das Schiff selbst respektvoll werden. Auf manchen standen Türme, auf anderen nur nackter Fels und ein paar krumme Büsche, die sich im Wind ducken. Hier und da sah man Mauern, Terrassen, Brücken aus Stein, die so schmal waren, dass Kral sich fragte, ob sie aus Trotz gebaut wurden.
Dann tauchte der Hafen auf.
Ein Einschnitt in die Felsen, geschützt durch zwei lange Arme aus Stein, die wie gewachsene Klauen ins Wasser ragten. Darüber erhob sich eine Zitadelle, hoch, kantig, als wäre sie nicht auf die Insel gesetzt, sondern aus ihr herausgestemmt worden. Lange Treppen führten hinauf, zu hoch, zu steil, zu viele Stufen, als wäre der Weg nach oben ein Test, nicht eine Bequemlichkeit.
Kral spuckte über die Reling, mehr aus Gewohnheit als aus Verachtung.
Sie fuhren ein, langsam, die Segel halb genommen, das Ruder schwer in der Hand seines Steuermanns. Möwen kreischten, als würden sie sich über jeden Ankömmling beschweren. Der Wind pfiff zwischen den Felsen so, dass er Töne machte, die wie Stimmen klangen, und das war das Schlimmste an diesen Inseln: Man konnte nie sicher sein, ob man nur Wind hört oder etwas, das den Wind benutzt.
Während sie an einer der Inseln vorbeizogen, sah Kral einen Turm, der merkwürdig aussah.
Oben war er verkohlt.
Nicht wie alter Ruß von Fackeln. Nicht wie normale Verwitterung. Es sah aus, als wäre dort oben etwas abgebrannt, als hätte Feuer sich in Stein gefressen und dann aufgehört, weil es nichts mehr zu fressen gab. Kral blinzelte, und für einen Moment fragte er sich, ob der Turm schon immer so ausgesehen hatte und ihm das nur zum ersten Mal auffiel.
Er sah den Meister an Deck.
Der stand immer noch dort, den Blick fest auf die Inseln gerichtet, als hätte er genau diesen Turm schon vorher im Kopf gehabt.
Kral schluckte den Gedanken herunter. Magiergeschichten. Magierkram. Nicht sein Geschäft. Sein Geschäft war das Schiff, der Wind, das Holz, das nicht brechen darf.
Sie legten an.
Die Leinen flogen. Hände griffen. Knoten zogen sich fest. Das Schiff schaukelte einmal, zweimal, dann lag es ruhig, so ruhig, wie ein Schiff hier liegen kann.
Und wie jedes Jahr, sobald die Schüler festen Boden unter den Füßen hatten, knieten sie.
Manche sofort. Manche erst nach zwei Schritten, als müsste ihr Körper sich erst erinnern, dass Land existiert. Sie knieten am Kai, die Hände auf den Steinen, murmelten Worte oder Gebete oder Formeln, Kral wusste es nicht und wollte es auch nicht wissen. Er wusste nur, dass sie sich dabei immer so aufführten, als hätten sie gerade den Tod überlebt, und er konnte ihnen nicht einmal wirklich widersprechen.
Die Mannschaft lud ab.
Schnell. Effizient. Ohne Liebe. Sie stapelten die Güter am Kai. Ballen, Kisten, Säcke. Irgendjemand würde sich darum kümmern, wenn sie weg waren. Irgendjemand in Roben, der so tut, als seien Nägel und Seile unter seiner Würde, bis er merkt, dass sein Turm ohne Nägel und Seile nur ein Haufen Steine ist.
Kral war bereits dabei, in Gedanken die Leine zu lösen.
Ablegen. Weg. Raus aus diesem Hafen, bevor die Inseln ihm wieder dieses Gefühl geben, dass etwas im Wind steht und zuhört.
Da kam eine Gruppe von dreien auf ihn zu.
Die erste Gestalt war klein und breit, gedrungen wie ein Fass, aber nicht dick, eher kompakt, als hätte sie ihre Masse bewusst so gewählt, dass sie nicht wegzublasen ist. Hinter ihr zwei sehr schlanke, große Figuren. Beide hatten die Kapuzen tief im Gesicht, so dass man nur Schatten sah und die Ahnung von Augen.
Der Kleine trat näher und begann zu sprechen.
„Kapitän“, sagte er, und seine Stimme war ruhig, als wüsste er, dass niemand in diesem Hafen laut werden muss, um gehört zu werden. „Mein Name ist Meister Grot.“
Kral hielt sein Gesicht neutral. In solchen Momenten zeigte man keine Unsicherheit. Man zeigte auch keine Abneigung. Beides roch für Magier wie Blut.
„Was wollt ihr“, fragte Kral und ließ es klingen, als wäre es eine reine Handelsfrage.
„Passage“, antwortete Grot. „Zurück ans Festland.“
„Nach Gontar“, meinte Kral, schon halb im Nein.
Grot schüttelte den Kopf. „Es ist uns gleich, wo ihr an Land geht. Ein Hafen genügt. Ein Markt genügt. Ein Fluss genügt.“
Ein Beutel wechselte den Besitzer.
Schwer. Voll. Gold.
Kral wog ihn in der Hand, als müsse er prüfen, ob er echt ist, und weil dieses Ritual ihm selbst hilft, nicht sofort zu lächeln. Leere Rückfahrten waren schlecht. Fahrten mit Gold waren gut. Fahrten mit Magiern waren unerquicklich. Aber Gold machte vieles erträglicher.
„Gut.“, knurrte Kral.
Grot nickte, als wäre das eine Form, die man respektiert, weil sie alt ist, nicht weil sie wichtig ist. Die beiden großen Gestalten hinter ihm sagten nichts.
Sie stachen wieder in See.
Der Hafen verschwand hinter ihnen, die Zitadelle wurde kleiner, die Treppen wurden zu einer Linie, und Kral fühlte, wie sein Nacken sich entspannte, obwohl er es nicht wollte. Es war absurd, dass eine Insel ihn so sehr nervös macht, aber er hatte gelernt, dass man Gefühle auf See nicht immer wegdenken kann. Man kann sie nur ignorieren, bis sie einen töten.
Die Passage verlief ereignislos.
Und trotzdem stand immer einer von ihnen an Deck.
Tag und Nacht.
Sie wechselten sich nicht einmal so sichtbar ab. Es war einfach immer jemand oben, als sei Schlaf nur etwas für Menschen, die nicht warten.
Kral fragte nicht.
Er traute sich nicht, und er war stolz genug, es sich als Professionalität zu verkaufen. Man fragt Magier nicht, warum sie wachen. Man fragt sie nicht, wovor sie Angst haben. Man stellt nur sicher, dass sie nicht im Weg stehen.
Sie erreichten den großen Fluss.
Der Wind ließ nach. Die See wurde zu Strömung. Kral ließ die Segel einholen und bereitete seine Mannschaft auf das kommende vor. Flussaufwärts war nicht mehr Seemannskunst. Es war Arbeit.
Beim Anlanden organisierte er Pferde.
Zugtiere, die das Schiff am Ufer entlang ziehen, Schritt für Schritt, Tag für Tag, während Männer mit Stangen und Rudern nur noch korrigieren, nicht antreiben. Eine Routine, so alt wie Handel selbst.
Als die Pferde bereitstanden, stiegen auch die Magier von Bord.
Sie verabschiedeten sich nicht richtig. Keine Verbeugung, kein Dank. Nur ein kurzes Nicken, und dann waren sie weg, rasch, als hätten sie Angst, dass jemand ihren Weg merkt, wenn sie ihn zu lange gehen.
Kral sah ihnen nach und schüttelte den Kopf.
Seltsame Leute.
Das Schiff wurde gezogen.
Zwei Tage bis zum Großen Markt. Der Fluss war träge, das Ufer war matschig, die Pferde arbeiteten, die Mannschaft half kaum mit Rudern. Flussfahrt war Geduld und Schmutz. Nicht heroisch. Nicht romantisch. Aber zuverlässig.
Als der Große Markt auftauchte, sah Kral schon von weitem, was er gehört hatte.
Er war größer geworden.
Nicht in Mauern. In Menschen.
Überall Zelte, Lager, Rauch. Flüchtlinge, so viele, dass der Markt nicht mehr nach Gewürzen roch, sondern nach nassem Stoff, nach Suppe, nach Angst. Stimmen in tausend Tonlagen, nicht das laute Feilschen eines normalen Marktes, sondern das gedrückte Reden von Leuten, die nicht wissen, ob sie morgen noch hier sind.
Kral legte an, sprach mit dem Hafenmeister, ließ seine Mannschaft entlassen. Nur die Rumpfmannschaft und wenige Offiziere blieben an Bord. Die anderen verschwanden so schnell, als könnte man Angst abschütteln, wenn man nur schnell genug läuft.
Kral machte sich auf in die nächste Taverne.
Nicht um zu trinken.
Um Fracht zu organisieren. Bedarf zu erfahren. Wege zu prüfen. Und weil Tavernen immer schneller reden als Behörden.
Er wurde mit Gerüchten gehäuft.
Schiffe sollen untergegangen sein auf See. Losgesegelt mit Auftrag, nie angekommen. Bruchstücke seien gefunden worden. Planken, die aussahen, als hätte etwas sie gebissen. Leichen, die an Stränden lagen, und niemand wusste, zu welchem Schiff sie gehörten.
„Ein Monster“, sagte ein Mann mit Salz in den Haaren, als wäre Salz ein Beweis. „Walgroß.“
„Größer“, widersprach ein anderer, der nach Branntwein roch. „Wie ein Turm. Es hebt das Schiff an und kippt es einfach.“
„Nein“, meinte ein Dritter, ganz ernst, „es zieht sie nach unten. Nicht mit Strudel. Mit Armen. Arme wie Seile. Und Augen, die im Wasser leuchten.“
Kral hörte zu und tat, als wäre er interessiert. In Wahrheit prüfte er währenddessen, wer hier bezahlt, wer noch arbeiten kann, wer nicht zu sehr zittert, wenn das Wort Meer fällt.
In einer Ecke erzählte jemand, ein Freund von einem Freund sei getroffen worden. Er habe es gerade so geschafft. Sei an Land gespült worden, halb tot, habe nur „Zähne“ gesagt, immer wieder „Zähne“, als wäre das alles, was die Welt ihm noch übrig gelassen hat.
Drei Tage später traf Kral denselben angeblich „Getroffenen“ in einer anderen Taverne.
Der Mann war lebendig. Der Mann war betrunken. Der Mann lachte.
„Du lebst ja“, sagte Kral trocken.
„Natürlich“, lallte der Mann. „Ich hab’s dem Monster ausgeredet.“
Kral lachte einmal, kurz. Das war das Problem mit Seemonstern. Sie waren nützlich. Sie machten Angst. Aber sie waren selten präzise.
Er tat es als Seemannsgarn ab.
Oder eher: Er tat so, als täte er es ab. Ein Kapitän, der an Seemonster glaubt, kriegt keine Crew. Ein Kapitän, der so tut, als glaube er nicht, kriegt wenigstens eine Chance.
Irgendwann hatte Kral, was er brauchte.
Fracht für Süden. Stoff, Werkzeuge, Salz, Öl. Und einen Haufen Passagiere, die sehr viel Geld zahlten, damit sie so weit wie möglich aus dem Norden wegkommen. Menschen, die nicht fragten, wie die See ist. Menschen, die nur fragten, wann man ablegt.
Dann kam das eigentliche Problem.
Crew.
Die Gerüchte hatten ihre Arbeit getan. Männer waren plötzlich krank, wenn das Wort „Inseln“ fiel. Andere hatten „Familie“, die sie nicht verlassen können, obwohl sie letzte Woche noch keine Familie erwähnt hatten. Wieder andere verlangten doppelte Bezahlung, weil sie plötzlich glaubten, dass ihr Leben mehr wert ist.
Kral fluchte, innerlich, dann lachte er nach außen.
„Ihr seid weich geworden“, sagte er in eine Runde von Halbstarken, die gern Seemann sein wollten, solange es keine Angst kostet.
Keiner lachte.
Also tat er, was Kapitäne tun, wenn sie keine Wahl haben.
Er heuerte Leute aus dem Norden an.
Männer, die sich die Passage nicht leisten konnten. Männer mit kalten Augen und zu dünnen Jacken. Männer, die bereit waren, alles zu tun, solange es sie wegbringt. Kral sah in ihren Blick und wusste: Mit ein paar Prügeln würde er schon brauchbare Seeleute aus ihnen machen. Nicht gute. Aber brauchbare. Und brauchbar ist auf See manchmal alles, was man braucht.
Er unterschrieb Namen, die er morgen wieder vergisst.
Er ließ die Passagiere auflisten.
Er ordnete seine Fracht.
Und während draußen der Große Markt vor Menschen überlief, dachte Kral, dass die Gerüchte über Seemonster Beiwerk sind.
Sollen sie reden.
Solange sie zahlen.
Und solange die See tut, was sie immer tut.
Denn Kral war Kapitän genug, um zu wissen, dass die schlimmsten Dinge nicht die sind, von denen alle erzählen.
Die schlimmsten Dinge sind die, über die niemand dieselbe Geschichte hat.
IV
Anadar saß auf der Kante seines Bettes, das Schwert quer über den Knien, als wäre es ein Tier, das man nicht einsperren darf, weil man nicht weiß, was es dann tut. Die Kammer war klein und funktional, wie fast alles in der Feurigen Feste, aber sie wirkte jetzt enger, als hätte der Rauch der vergangenen Nacht die Wände näher an ihn herangezogen.
Ein niedriger Kamin in der Ecke, notdürftig wieder befeuert, gab ein unruhiges, rötliches Licht. Die Flamme brannte nicht sauber. Sie roch noch nach Ruß und nach nassem Holz, das man zu früh aus dem Regen gezogen hatte. Über dem Kamin hing ein dunkler Fleck, frisch, als hätte die Decke den Angriff erst gestern begriffen. Die Steine im Boden waren stellenweise gesprungen. Ein Riss zog sich wie eine feine Narbe vom Türrahmen bis unter den Tisch. Der Tisch selbst war halb verkohlt, weil jemand ihn in der Eile zu nah ans Feuer gerückt hatte, um überhaupt Wärme im Raum zu haben. Auf ihm standen Tintenfass und Feder, daneben zwei Pergamentrollen, die Anadar nicht geöffnet hatte, und ein Becher Wasser, in dem der Rauchgeschmack hing, als hätte selbst Wasser hier keine Unschuld mehr.
Die Luft war kalt, trotz Feuer. Nicht Winterkalt. Erschöpfungskalt.
Und dann war da der Klang.
Nicht ein Geräusch im Raum. Eher ein Klang im Kopf. Das Schwert sang. Es hatte keine Stimme, die man hören könnte. Es war eine Präsenz, die sich wie ein Ton an die Innenseite seiner Schädeldecke legte. Mal laut, mal leise. Mal gierig, mal fragend. Mal wie ein Klopfen, mal wie ein Flüstern, das schon Befehl war, bevor es Worte fand.
Blut.
Anadar hatte die Nacht nicht geschlafen. Er hatte nur gelegen, manchmal mit offenen Augen, manchmal mit geschlossenen, und jedes Mal, wenn er glaubte, er könne wegdriften, zog ihn der Gesang zurück, als hätte etwas an ihm gezogen. Nicht hart. Beharrlich. Wie ein Hunger, der nicht aufhört, weil er keinen Magen hat.
Er starrte auf die Klinge. Im Kaminlicht wirkte sie nicht mehr wie Stahl. Sie wirkte wie etwas, das Licht schluckt und sich dabei etwas einprägt. Wärme ging von ihr aus, nicht als Hitze, sondern als Nähe. Und je länger er sie hielt, desto mehr fühlte es sich an, als hielte sie ihn.
Blut, flüsterte es wieder, und dieses Mal war es nicht einmal mehr eine Bitte.
Es klopfte.
Einmal. Dann nochmal, etwas fester. Nicht zögerlich. Nicht höflich. Shara klopfte nie, als würde sie um Erlaubnis bitten. Sie klopfte, als würde sie bestätigen, dass sie jetzt da ist.
Anadar sagte nichts.
Die Tür öffnete sich trotzdem, weil sie wusste, dass er wach ist. Shara trat ein, ohne Mantel, nur in der Reiseausrüstung, die sie seit Tagen kaum abgelegt hatte. Ihr Haar war zusammengebunden, streng, aber ein paar Strähnen hatten sich gelöst. Ihre Augen waren klar, zu klar für diese Stunde.
Sie blieb stehen, und ihr Blick fiel sofort auf das Schwert.
Ein winziger Moment, in dem ihre Pupillen enger wurden. Dann sah sie ihn an. Nicht das Schwert. Ihn.
„Sie wollen Rat halten“, sagte sie.
Anadar machte nur ein Geräusch, halb Atem, halb Zustimmung. „Mhhh.“
Shara ging nicht näher, als müsse sie erst prüfen, wie nah man ihm im Moment kommen darf. „Sie brauchen Führung.“
„Mhhh.“
Sie presste die Lippen kurz zusammen, und als sie wieder sprach, war es weniger sachlich. „Du siehst furchtbar aus. Hast du geschlafen.“
Anadar hob den Blick. Für einen Moment hing das Wort Blut schon an der Zunge, als wäre es die ehrlichste Antwort, die er geben könnte. Er spürte sogar, wie das Schwert in seiner Hand minimal schwerer wurde, als würde es sich auf das Wort freuen.
Er schluckte es hinunter.
„Ein bisschen“, log er und hörte selbst, wie schlecht die Lüge war.
Shara sagte nichts dazu. Sie trat einen Schritt näher, und ihre Stimme wurde leiser, aber nicht weicher. „Komm.“
Anadar richtete sich auf. Das Schwert sang, als würde es protestieren, und er musste sich konzentrieren, um die Finger vom Griff zu lösen. Es kostete ihn innerlich mehr Kraft als das Aufstehen. Er steckte die Klinge weg, langsam, so wie man ein Tier in einen Käfig schiebt und hofft, dass der Käfig hält.
Dann ging er mit Shara hinaus.
Der Gang war dunkler als sonst, weil viele Fackelhalter leer waren. Wo Licht hing, flackerte es. Wo Stein glatt sein sollte, war Stein gebrochen. Die Feste lebte, aber sie lebte wie jemand, der gerade erst begriffen hat, dass er verletzt ist.
Sie gingen zum Turm von Rotar. Nein, zum Turm des Dekans, korrigierte sich Anadar in Gedanken, und allein die Korrektur schmeckte bitter. Rotar war nicht mehr ein Mensch. Rotar war jetzt ein Loch in der Ordnung.
Der Turm stand noch, aber oben klaffte ein riesiges Loch in der Decke. Der Wind pfiff hindurch, und es klang, als würde der Turm selbst atmen, unregelmäßig, wie eine Lunge nach Rauch. Deshalb trafen sie sich nicht oben. Sie trafen sich in einer Kammer weiter unten, groß genug, irgendwo in der Mitte, wo die Mauern noch trugen.
Als sie eintraten, waren bereits alle da.
Meister, die sonst nicht gemeinsam in einem Raum standen, ohne dass Protokoll sie zwingt. Gesichter, die müde waren, und Augen, die zu wach waren. Der Geruch von Kräutersalben hing in ihren Mänteln, von Ruß in ihren Haaren, von Blut unter den Nägeln.
Manador stand am Ende des Tisches, nicht weil er es wollte, sondern weil sich Räume so organisieren, wenn sie jemanden brauchen, der vorne ist. Sein Mantel saß ordentlich, zu ordentlich, als würde er Ordnung anziehen, weil er sie innen gerade nicht spürt. Er war zum neuen Dekan gewählt worden, nachdem Anadar sich geweigert hatte, überhaupt als Option zu existieren. Manador trug die Rolle wie eine Rüstung, die noch nicht passt.
Und trotzdem war es Anadar, der Autorität im Raum hatte.
Nicht weil er es wollte. Weil alle es wussten. Weil sie gesehen hatten, wer im Hof stand, als die Feste brannte.
Morgut war da, stehend, die Arme verschränkt, so wie er es tat, wenn er gleichzeitig zuhören und alles im Blick behalten musste. Siendra und Miena waren bei ihm. Shara setzte sich nicht sofort, blieb erst neben Anadar, als wäre sie sein Anker. Miene und Siendra waren ebenfalls da, blasser als sonst, wacher als ihnen gut tat. Sie saßen nebeneinander, dicht, nicht aus Angst, sondern aus der neuen Gewohnheit, dass Nähe Sicherheit ist.
Die Diskussion lief bereits, als Anadar eintrat.
Wiederaufbau, natürlich. Wer wo beginnt. Welche Mauern zuerst. Welche Werkstätten. Welche Vorräte. Wer wohin delegiert. Es waren lange Sätze, viele Vorsichtswörter, viel Absichern. Eine Konversation, die so tat, als sei Struktur gleich Lösung.
Manador versuchte, zu führen, und man merkte, dass er es konnte, aber dass er sich dabei selbst beobachtete. Er fragte, statt zu entscheiden. Er wartete auf Zustimmung, statt sie zu setzen. Vor allem, wenn Anadars Blick kurz auf ihm lag, wurde er einen Hauch steifer.
Anadar schwieg lange.
Nicht aus Respekt. Aus Ermüdung. Und aus der wachsenden Ungeduld, die in ihm wie ein zweites Feuer brannte. Das Schwert sang leise in seinem Kopf, als würde es die Diskussion verhöhnen.
Blut, flüsterte es, und Anadar spürte, wie seine Hand kurz zuckte.
Dann wurde es ihm zu bunt.
Er stand auf, ohne großes Geräusch, aber der Raum wurde trotzdem leiser, als wäre sein Aufstehen ein Signal.
„Die Feste ist gebaut worden, um zerstört zu werden“, sagte Anadar. Seine Stimme war nicht laut. Sie war nur klar. „Diese Mauern haben schon mehr ausgehalten. Sie werden wieder stehen. Aber es gibt Wichtigeres, als sich darum zu streiten, was zuerst aufgebaut werden soll.“
Einige wollten einwenden. Keiner tat es sofort.
Anadar ließ den Blick kurz über die Gesichter laufen. „Was wir dort gemeinsam besiegt haben, kam nicht aus dem Nichts. Und wenn wir uns jetzt im Stein verlieren, während draußen die Ursache weiterarbeitet, dann bauen wir nur eine schönere Ruine.“
Manador öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er wirkte nicht beleidigt. Er wirkte erleichtert, dass jemand die Last kurz von ihm nahm.
Anadar fuhr fort, und das Wort Blut lag wie ein Schatten hinter jedem Satz. „Fantor ist aus Sontor hierhergekommen. Sontor ist jetzt eine verlassene Stadt. Flüchtlinge. Leere Dörfer. Vertreibungen. Das ist kein Zufall. Wenn wir irgendwo anfangen wollen zu suchen, dann dort.“
Er atmete einmal durch. „Ich will zu meinem Bruder. Nach Tandor. Ich will Ursachen. Ich will Zusammenhänge.“
Shara bewegte sich sofort. „Du gehst nicht allein.“
„Doch“, sagte Anadar, und er meinte es als Effizienz. Und als Flucht. „Allein bin ich schneller.“
Morgut schüttelte den Kopf. „Schneller ist nicht immer klüger.“
Manador hob die Hand, zu spät. Shara war schon im Angriff. „Du willst allein gehen, weil du seit der Schlacht nicht mehr du bist“, sagte sie, und man hörte, dass sie ihn gleichzeitig provozieren und retten wollte. „Du bist verschlossen. Du bist mürrisch. Du hörst uns kaum zu. Ich erkenne dich kaum wieder.“
Anadar sah sie mit zugekniffenen Augen an, und für einen Moment war da nichts als das Dröhnen in seinem Kopf.
Blut.
Er zwang sich, ruhig zu bleiben. „Jemand muss hier bleiben. Die zehn Töchter brauchen Unterricht. Sie brauchen Struktur. Sie brauchen Schutz.“
„Dann übernehme ich das“, sagte Manador, schneller als erwartet. Es klang, als hätte er sich an diesem Satz festgehalten, um endlich etwas tun zu können, das eindeutig ist. „Ich übernehme die Ausbildung der zehn. Die Feste braucht nicht nur Mauern. Sie braucht Antworten.“
Anadar wollte widersprechen, und er spürte, dass er beinahe durchgekommen wäre, wenn er nur härter gewesen wäre.
Dann veränderte sich die Luft.
Nicht dramatisch. Nicht sichtbar. Aber der Raum wurde einen Tick größer, als hätte jemand eine Tür geöffnet, die nicht aus Holz ist.
Die Mutter war da.
Nicht wie eine Erscheinung, nicht prunkvoll. Eher unscheinbar, fast zu still, als wäre Unsichtbarkeit eine Gewohnheit, die sie auch im Raum der Meister nicht ablegt. Mantel dunkel, Augen wach, als hätte sie die Diskussion längst gehört, bevor sie die Schwelle betreten hat.
„Anadar“, sagte sie, und ihr Ton war weder Bitte noch Befehl und war doch beides.
Alle wurden still. Auch die, die sonst nie still werden.
„Ich bitte dich dringend zu kommen“, fuhr sie fort, und das Wort dringend war bei ihr ein Alarm. „Und ich bitte dich, meine beiden Töchter mitzunehmen. Miene. Siendra und Shara.“
Miene senkte den Blick kurz. Siendra grinste nicht. Das war das Auffällige. Anadar wusste, dass es keine bitte war. Anadar wollte ansetzen, doch die Mutter sah ihn so an, dass er wusste, Diskussion ist hier nicht nur Widerstand, sondern Zeitverlust. „Gut.“
Und Zeit war im Moment eine Währung, die man nicht hatte.
Es wurde noch lange geredet. Argumente. Verantwortung. Pflichten. Risiken. Die Feste. Tandor. Zoordak. Der Norden. Worte wie Nägel, die man in etwas schlagen will, das noch wackelt.
Am Ende beugte sich Anadar der Mehrheit.
Widerwillig.
Shara und Morgut würden mitkommen, es war besser wenn sie den Jungen mitnahmen, es fühlte sich einfach richtig an. Miene und Siendra ebenfalls. Manador würde die Ausbildung der anderen acht übernehmen, und er sagte es so, als würde er sich selbst damit beweisen, dass er nicht nur ein Übergang ist.
Noch vor Morgengrauen ritten sie los.
Fünf Reiter. Kalte Luft, die nach nassem Stein roch. Herbst, deutlich spürbar, morgens hart. Die Pferde dampften, die Sättel knarrten, und der Himmel hatte dieses matte Grau, das sagt: Der Tag wird nicht freundlich.
Sie sprachen wenig.
Anadar ritt vorne, weil er es so wollte, und weil niemand ihn daran hindern wollte. Er ritt hart, zu hart, als würde Geschwindigkeit seine Gedanken überholen können. Unter dem Mantel, nahe am Körper, sang das Schwert. Nicht laut. Beharrlich.
Blut.
Morgut hielt sich neben ihm, etwas zurück, so dass er ihn beobachten konnte, ohne ihn zu bedrängen. Shara ritt auf der anderen Seite, und ihr Blick war mehr nach innen als nach außen gerichtet, als würde sie jeden Muskel von Anadar im Auge behalten.
Miene und Siendra hatten Mühe mitzuhalten. Nicht weil sie schwach waren, sondern weil die Strecke brutal war. Die Pferde wurden mit kleinen Zaubern im Lauf gehalten, und jeder Zauber hatte einen Preis. Man merkte es am Schnauben, an der Spannung in den Flanken, daran, dass selbst die Tiere irgendwann anfangen, gegen Magie zu protestieren.
Anadar wollte nicht über den Großen Markt. Zu viele Augen, zu viele Fragen, zu viele Ströme von Menschen. Er wählte Nebenstraßen. Direkter, härter, stiller.
Trotzdem begegneten sie Flüchtlingsgruppen. Kleine Lager in Mulden. Familien an Feuerstellen, die zu klein waren. Wagen, die im Schlamm standen, als hätten sie aufgegeben. Immer wieder Soldatentrupps, die die Gegend absuchten. Banditen, hieß es. Wegelagerer, die sich auf Flüchtlinge und kleine Gruppen stürzten.
Einer dieser Trupps hielt sie an, ein Sergeant mit verwittertem Gesicht und Augen, die schon zu viel gesehen hatten. Er musterte die fünf Reiter, die Bewaffnung, die Haltung, und entschied, dass man sie eher warnen als kontrollieren sollte.
„Zwischen hier und um Fronti“, sagte er, „liegen Räuber. Vor allem Flüchtlinge. Kleine Gruppen. Unbewaffnete. Reitet nur tags. Übernachtet in Gasthöfen. Nicht im Feld.“
Sie bedankten sich, kurz, korrekt. Ritterschlag der Realität.
Als sie weiter ritten, sagte Anadar später, ohne sich umzudrehen: „Dazu haben wir keine Zeit.“
Shara biss die Zähne zusammen. „Zeit ist nicht das einzige, was uns töten kann.“
„Gewöhnliche Räuber sind nicht unser Problem“, knurrte Anadar.
„Und Überheblichkeit ist deins“, schoss Shara zurück.
Morgut schaltete sich ein, ruhig, aber hart. „Wir erneuern die Schutzzauber. Alle. Und wir halten die Formation enger. Das kostet uns keine Zeit.“
Anadar sagte nichts. Er ließ es zu. Aber sein Kiefer war fest.
Die Stunden fraßen Strecke. Die Kälte kroch. Miene rutschte einmal im Sattel, fing sich, aber Anadar sah es nicht oder tat so. Siendra atmete schwerer, sagte nichts, und genau das zeigte, wie sehr sie kämpfen musste.
Shara hielt es irgendwann nicht mehr aus.
„Drossel das Tempo“, sagte sie.
Anadar antwortete nicht sofort. Das Wort Blut hallte in seinem Kopf, gierig, und er musste gegen diesen inneren Sog ankämpfen, um überhaupt noch bei ihr zu sein. „Nein“, sagte er schließlich. „Wir verlieren..“
„Wir verlieren sie“, unterbrach Shara und deutete mit dem Kinn nach hinten. „Und wir verlieren die Pferde. Und du verlierst dich selbst.“
Anadar sah sie an, schmaläugig. „Du redest, als wäre ich..“
„Anders“, sagte Shara. „Du bist anders. Seit der Schlacht. Ich erkenne dich kaum wieder.“
Morgut nickte nur einmal, als wäre dieses Nicken schwerer als jede Rede. „Ein bisschen Ruhe schadet keinem. Auch nicht dir.“
Anadar wollte widersprechen. Er wollte durchdrücken. Er wollte gewinnen gegen Zeit.
Dann spürte er, wie sein Pferd unter ihm minimal stolperte. Nur ein kleiner Fehltritt. Aber es war ein körperlicher Beweis, dass Magie nicht ewig als Peitsche taugt.
Er atmete aus.
„Fronti“, sagte er. „Eine Nacht länger. Aber dann reiten wir hart.“
Shara nickte, nicht zufrieden, aber erleichtert. „Gut.“
Sie erreichten Fronti am Abend.
Die Stadt lag am Westmeer, noch vor dem Gebirge, und wirkte wie ein Ort, der zu oft Durchgang gewesen war, um noch unberührt zu sein. Die Wachen waren nervös. Die Gasthöfe voll. Flüchtlinge in den Gassen. Soldaten, die zu müde aussahen, um noch streng zu wirken. Fronti roch nach nassem Holz, nach Suppe, nach Pferd. Nach dem Atem einer Region, die nicht mehr weiß, wie lange sie noch sicher ist.
Und während sie durch das Tor ritten, hörte Anadar in seinem Kopf, ganz leise, zufrieden wie ein Tier, das seine Beute nah wittert, wieder dieses eine Wort.
Blut.
V
Slonda war nicht mehr er selbst, seit jenem einen Angriff in der Bibliothek.Es war nicht so, dass er schwächer geworden wäre. Nicht im Körper, nicht in der Kunst. Es war etwas anderes. Etwas, das sich wie ein dünner Film über bestimmte Gedanken gelegt hatte. Sobald er versuchte, sich an einzelne Stellen zu erinnern, an Worte, an Zeilen, an Reihenfolgen, schob sich eine Blockade vor sein inneres Auge, so sauber und glatt, dass sie nicht wie Vergessen wirkte, sondern wie etwas Gemachtes.
Er merkte es zuerst an Kleinigkeiten.Er stand in einem Gang, wusste, dass er ihn hunderte Male gegangen war, und brauchte dennoch einen Herzschlag zu lange, um zu entscheiden, ob er links oder rechts abbiegt. Er las einen Satz, verstand ihn, nickte sogar, und wenn er zwei Seiten weiter war, musste er zurückblättern, als hätte jemand ihm den Zusammenhang aus den Händen genommen. Es war ein Unfrieden, der nicht laut war, aber stetig, und er machte ihn verschlossener, als er es selbst für möglich gehalten hätte. Slonda war immer unruhig gewesen, ein Mann, der in Gedanken rannte, während die Welt noch ging. Aber das hier war anders. Unruhe mit einem Rand von Misstrauen, sogar gegen sich selbst.
Die Katakomben wurden sein Ort.Nicht aus Romantik. Nicht aus Trotz. Weil unten das Wissen wohnte, das nicht mehr gebraucht werden sollte. Dort, wo die Bibliothek nicht glänzt, sondern atmet. Dort, wo die Luft feucht ist, wo Stein den Geruch von altem Wasser annimmt, wo Pergament und Leder irgendwann denselben Geschmack bekommen, diesen trockenen, bitteren Staubgeschmack, der sich auf die Zunge legt, wenn man zu lange liest.
Er fand Texte, die noch erhalten waren, doch selten ergaben sie Sinn. Nicht, weil sie schlecht geschrieben waren. Sondern weil ihnen der Zusammenhang fehlte.Früher, so schien es, schrieb man Zauber nicht in Bücher, jedenfalls nicht so, wie man sie heute versteht. Man schrieb nicht die Worte, nicht die Zeichen, nicht den genauen Griff. Man schrieb Wirkungen. Berichte. Warnungen. Geschichten, die so taten, als seien sie Lehren, aber eigentlich nur Spuren waren.
Er las von Wesen, die unter der Erde hausten, dunkle Gestalten, die nicht an Orte gebunden waren, sondern an Bedingungen. Er las von Drachen, die im Himmel wohnten, nicht als Tiere, sondern als etwas zwischen Sturm und Wille. Er las von Magiern, die über die Welt herrschten, und von Kriegen, die nicht nur Länder verschlangen, sondern beinahe die Gestalt der Welt selbst. Sogar das Universum, stand an einer Stelle, als hätte der Schreiber sich nicht getraut, das Wort auszuschreiben, und es trotzdem getan.
Alles war lose.Er konnte es nicht zeitlich einordnen. Manche Texte wirkten wie Märchen, zu rund, zu schön, zu eindeutig. Manche hatten einen Funken Wahrheit, der so kalt war, dass er nicht nach Fantasie roch. Manche verstand er schlicht nicht, weil sie in einer Sprache geschrieben waren, die sich nicht gern von der heutigen berühren ließ. Er entzifferte Zeile um Zeile mit Mühe, fluchte leise, wenn ein Wort sich ihm entzog, und merkte dabei, dass nicht nur die Sprache alt war. Auch sein eigenes Gedächtnis war nicht mehr verlässlich.
Manche Bücher waren verfallen, Pergament bröselig, Tinte verblasst. Andere waren vergilbt, fleckig, als hätte Feuchtigkeit nur bestimmte Sätze gewählt. Wieder andere waren zensiert. Nicht grob, nicht wütend, sondern sauber. Seiten entfernt. Absätze herausgeschnitten. Kanten glatt, als hätte jemand sich Zeit genommen, genau die Stelle zu tilgen, die später zu einer Frage werden könnte.
Und je tiefer Slonda in diese Schichten stieg, desto deutlicher wurde ihm, dass er erst die Spitze berührt hatte. Dass er nicht in einem Archiv las, sondern in einem Feld aus Bruchstücken, die jemand absichtlich so hinterlassen hatte.
Er kam langsam voran.Nicht nur wegen der Texte. Auch, weil er sich oft nicht daran erinnern konnte, was er gelesen hatte, sobald er aufstand. Es war, als würde der Keller selbst Dinge aus ihm herausziehen, sobald er sie aufgenommen hatte. Irgendwann begann er, Verzeichnisse anzulegen. Listen, Notizen, Karteikarten, soweit man in Tandor so etwas überhaupt kennt. Er versuchte, nach Zeit zu ordnen, nach Wichtigkeit, nach wiederkehrenden Motiven. Er schrieb wieder und wieder dieselben Namen auf, weil sie sich wiederholten, wie ein Lied, das man nicht versteht, das aber trotzdem im Kopf bleibt.
Zum ersten Mal, dachte er einmal, macht sich jemand diese Mühe, und der Gedanke war bitter und stolz zugleich.
Er grub sich tiefer und tiefer vor.Pergamente, die seit Jahrhunderten niemand angefasst hatte. Rollen, so fest gebunden, dass man sie erst mit Geduld aufbrechen musste. Hin und wieder entdeckte er tatsächlich einen niedergeschriebenen Zauberspruch. Von neuerer Zeit, ja, aber weit entfernt von der jetzigen. Worte, die sich anders anfühlten, als hätte die Sprache der Kunst damals andere Zähne gehabt.
Und zwischen all dem fand er Dinge, die nützlich waren.Nicht nur interessant. Nützlich.
Eine Rolle, die einen Zauber zur Heilung von Gelenken beschrieb, so präzise, dass Slonda unwillkürlich an Aldemars Knie denken musste und sich dann dafür verfluchte, weil sein Kopf schon wieder in die Welt abbog. Eine andere Rolle, ein Spruch zur Beschwörung von Hausgeistern, nicht für Macht, sondern für Ordnung. Eine Transkription, die beschrieb, wie man Schriftzeichen so überträgt, dass sie ihre Form nicht verlieren. Ein Spruch, der Blumen zum Blühen brachte, selbst in trockener Erde. Ein Pergament, das eine Übersetzungstechnik beschrieb. Und ein anderer, den er noch nicht verstand, weil die Zeichen darin so verschlungen waren, dass sie sich gegenseitig zu verschlucken schienen.
Er überflog sie kurz, prüfte, was brauchbar war, und legte alles, was gut erschien, beiseite. Einige davon bedurften einer Restaurierung, vergilbte Schrift, löchrige Pergamente. Andere wiederum nicht. Sie waren gut bis sehr gut erhalten, als wären sie aus der Zeit herausgenommen worden.
Er legte die Schriftstücke nicht in seine Tasche. Nicht sofort. Er legte die Rollen an die Treppe, als wäre die Treppe ein Versprechen, dass er sie mit nach oben nimmt, wenn er wieder hochsteigt.
Nach oben.Er blieb stehen und hörte plötzlich auf seinen Bauch.
Wie lange hatte er nichts mehr gegessen.
Der Gedanke traf ihn wie eine Fremdheit. Hunger als Erinnerung daran, dass er nicht nur Kopf ist. Er blinzelte, sah in die Tiefe der Gänge, in denen seine Lampe nur einen kleinen Kreis aus Licht zog, und zwang sich, umzudrehen. Raus aus den feuchten Kellern. Rauf in Luft, die nicht nach Stein schmeckt.
Er packte die Rollen zusammen, nahm sie mit, und als er oben ankam, wirkte die Halle der Bibliothek plötzlich laut, obwohl niemand schreit. Schritte auf Stein. Das Rascheln von Seiten. Das leise Murmeln eines Wachenden.
Am Pult saß Drinda.
Ein Bursche, nicht ganz Kind, nicht ganz Mann. Einer von denen, die man in Tandor für selbstverständlich hält, bis sie fehlen. Er saß dort wie immer, als wäre seine Aufgabe nicht wichtig, obwohl sie genau das ist, was verhindert, dass Wissen weggetragen wird, weil jemand zu faul zum Abschreiben ist, oder weil jemand glaubt, ein Buch sei ein Besitz.
Slonda zögerte kurz.Etwas hielt ihn zurück. Ein Instinkt, der sagte, dass man nicht alles aus der Tiefe ins Licht bringen sollte, ohne es vorher zu prüfen. Dann kam die zweite Stimme in ihm, die nüchtern und spöttisch war.
Sie sind geübt. Sie sind vorsichtig. Sie lösen nichts aus, weil sie es abschreiben.
Er legte die Rollen auf das Pult.„Ah Drinda“, begann Slonda und hielt den Ton so, als sei es eine Alltagssache, und nicht ein Schritt, der vielleicht später wichtig wird. „Hier. Ich habe etwas. Würdest du mir davon Kopien anfertigen. Sauber abschreiben. Es hat Zeit.“
Drinda hob den Blick, wollte etwas sagen, vielleicht fragen, vielleicht warnen, vielleicht nur nicken.
Slonda wartete nicht.
Er drehte sich bereits um und ging in Richtung Küche, als wäre Essen plötzlich dringlicher als Kontrolle. Er holte sich Brot, etwas Warmes, etwas, das nach Gewürzen und Fett schmeckte, und aß zu schnell, als wolle er die Zeit nachholen, die er unten verloren hatte.
Danach sank er in seine Kammer und schlief ein, müde wie jemand, der nicht nur gearbeitet hat, sondern sich gegen etwas gewehrt hat, das er nicht benennen kann.
Er träumte von der Bibliothek.Von den Kellern. Und doch war es nicht der Keller, den er kannte. Oder er war es, aber nicht so.
Er schritt durch Gänge, und wenn er in die eine Richtung ging, war er in dem feuchten, kalten Keller, den er kannte. Drehte er sich um, ging er durch einen Keller, der sehr ordentlich aussah. Alle Fackeln brannten, aber das Licht war blau. Die Bücher standen makellos in den Regalen. Alles sah frisch und neu aus. Die Einbände glänzten, als wären sie gerade erst gebunden worden. Und das Merkwürdigste war, dass er in diesem ordentlichen Keller keine Angst hatte. Es war, als wäre Ordnung dort nicht nur Ordnung, sondern ein Versprechen.
Dann drehte er sich wieder um.Und war wieder unten im Kalten, im Feuchten, im Alten, in dem Keller, der die Wahrheit nicht poliert.
Er wachte schlagartig auf.Nicht langsam. Nicht wie man aus Schlaf kommt. Eher wie man aus einem Warnsignal hochgerissen wird.
Ohne sich etwas anderes anzuziehen, ohne Schuhe, marschierte er zurück zur Bibliothek. Die Halle war dunkler, weil es Nacht sein musste oder frühes Morgenlicht. Slonda wusste es nicht, und der Kopf wollte es auch nicht wissen. Er ging direkt zum Pult.
Da saß ein anderer.
Ein Mann, älter, breiter, mit einem Blick, der nicht fragt, sondern abwehrt.
„Wo ist Drinda“, fragte Slonda, und die Ungeduld in seiner Stimme war zu offen.
Der Mann am Pult hob die Hand, als wolle er Slonda beruhigen, ohne ihm wirklich etwas zu geben. „Drinda ist im Schreibzimmer“, erklärte er. „Er macht das, worum ihr gebeten habt.“
Slonda ging.
Das Schreibzimmer war leer.
Kein Drinda. Kein Rascheln. Kein Kratzen von Feder auf Pergament. Nur Stille und der Geruch von Tinte, die zu lange offen stand. Auf einem der Pulte lag ein Stapel, die Pergamente zusammen, so wie Slonda sie abgegeben hatte. Daneben ein paar Abschriften, tatsächlich schon begonnen, sauber, ordentlich, als hätte jemand hier gearbeitet und dann einfach aufgehört.
Slonda trat näher.
Auf dem Pult lag noch ein Pergament, klein, mit kleiner Schrift, krakelig, für Slonda nicht lesbar. Er nahm es hoch, drehte es, hielt es schräg, hielt es andersherum. Er war sich nicht sicher, wie herum man es überhaupt lesen muss. So unbekannt war ihm die Schrift.
„Wo ist nur dieser vermaledeite Drinda“, murmelte er, und in dem Murmeln lag etwas, das nicht nur Ärger war.
Er packte alles zusammen.Die Originale. Die fertigen Abschriften. Und dieses kleine Pergament, das wie ein Stich in der Ordnung lag.
Er brachte es in seine Kammer.
Auf dem Weg beschlich ihn Zweifel. Er hätte sie nicht ohne Prüfung zum Abschreiben geben dürfen. Das kann gefährlich sein. Eine andere Stimme in ihm, die nüchterne, antwortete sofort, fast beruhigend.
Die Akolyten sind geübt. Sie sind vorsichtig. Sie lösen nichts aus, weil sie nur schreiben.
Slonda klammerte sich an diese Erklärung, weil sie einfach ist und weil er gerade keine weiteren Fragen tragen konnte.
In seiner Kammer legte er die Rollen zur Seite. Dann wischte er mit einer Bewegung, die zu grob war für ihn, die Pergamente vom Schreibtisch, als müsse er Platz schaffen, nicht nur auf Holz, sondern in seinem Kopf. Er legte die neu alten Rollen hin, ordnete sie nicht. Er konnte es nicht. Nicht jetzt.
„Wo ist nur der Junge hin“, fragte er in den Raum.
„Bestimmt schlafen“, antwortete die zweite Stimme in ihm, und Slonda hasste sie dafür, dass sie immer so klingt, als sei alles erklärbar.
Wieder fischte er das kleine Pergament heraus.
Er hielt es diesmal länger.
Er drehte es langsam, prüfte jede Ausrichtung. Nichts ergab Sinn. Die Zeichen waren keine Zeichen, die er kannte. Keine Handschrift, die zu Tandor gehört. Es war, als sähe er eine Sprache, die nicht für seine Augen geschrieben wurde.
Er legte es auf den Tisch, nahm es wieder hoch, hielt es näher an die Lampe.
Noch immer nichts.
Und plötzlich war da dieser Gedanke, so kalt, dass er sich nicht wie ein Gedanke anfühlte, sondern wie ein fremdes Gewicht.
Wenn Drinda wirklich im Schreibzimmer gewesen ist, warum war das Zimmer leer.Wenn jemand die Abschriften begonnen hat, warum hat er aufgehört.Und warum lag dieses Pergament hier, als wäre es nicht Teil des Stapels, sondern ein Zusatz, der sich hineingeschoben hat.
Slonda starrte darauf, bis seine Augen brannten.
Dann hielt er inne, ganz still, und merkte, dass sein Herz schneller schlägt, als es sollte, nur weil er ein Stück Schrift nicht lesen kann.
Er drehte das Pergament noch einmal.Und noch einmal.
Es ergab keinen Sinn, egal wie herum er es hielt.
VI
Fronti war eine Stadt an der Küste, mit Hafen, mit unbefestigten Straßen, mit dem Geruch von Fisch, der größer war als jede Bedeutung, die dieser Ort je gehabt hatte. Wenn der Wind vom Meer kam, roch es nach Netzen, nach altem Salz, nach Tang, nach Dingen, die man aus Wasser zieht und die man besser schnell verkauft, bevor sie anfangen, zu reden. Die Häuser standen dicht und krumm, gebaut aus Holz, das zu oft nass war, und aus Stein, der zu weich wirkte für große Geschichten. Fronti war ein Durchgang. Und Durchgänge haben immer zu viele Augen und zu wenig Schlaf.
Anadar hatte es aufgegeben, in einfachen Gasthäusern Unterschlupf zu suchen. Er kannte die Antwort, noch bevor er die Frage stellte. Belegt. Voll. Kein Bett, höchstens ein Boden, und selbst der würde mit jemandem geteilt werden, der nicht weiß, ob er morgen weiterläuft oder liegen bleibt. Also steuerte er gleich das beste Haus im Städtchen an, stieg ab und warf dem Stallburschen die Zügel zu, ohne zu fragen, ob der Junge überhaupt Platz hat.
„Zwei Nächte“, sagte Morgut, bevor Anadar überhaupt den Mund öffnen konnte, und sein Ton war der eines Mannes, der gelernt hat, dass man in solchen Städten nicht verhandelt, sondern kauft.
Anadar war gereizt. Mehr als gereizt. Das Murmeln in seinem Kopf, dieses unablässige Wort, das inzwischen nicht mehr wie ein Flüstern klang, sondern wie eine Hand, die gegen eine Tür hämmert, setzte ihm zu.
Blut.
Er konnte es manchmal unterdrücken, indem er sich geistig in einen anderen Raum flüchtete, in diese innere Kammer, die er als Kind gelernt hatte zu bauen, damit nichts ihn berührt. Aber sobald er das tat, wurde seine Umgebung stumpfer. Farben wurden weniger klar. Geräusche klangen weiter weg. Und das konnte er sich nicht leisten. Nicht jetzt, nicht auf Straßen, auf denen die falsche Sekunde reicht.
Er fühlte sich eingeengt. Seiner Freiheit beraubt. Dieses verfluchte Schwert und was immer darin hauste, war kein Gegenstand mehr, sondern ein zweites Gewicht am Körper.
Er hatte versucht, es allein zu lassen. Einmal nur. Er hatte die Klinge in der Kammer gelassen und war in den Flur getreten, nur um sich zu beweisen, dass er das kann. Es hatte ihm Schmerzen bereitet, als würde man ihm eine Rippe herausziehen, nicht im Fleisch, sondern in etwas Tieferem, dort, wo man sonst nicht berührt wird. Er war sofort zurückgegangen, wütend auf sich selbst und noch wütender darauf, dass er damit jetzt etwas hatte, das ihn besitzt, obwohl es an seiner Hüfte hängt.
Morgut handelte den Preis aus, als wäre er dafür geboren worden, Menschen zu zwingen, vernünftig zu werden. Am Ende hatten sie ein ganzes Geschoss für sich, eher eine Wohnung als ein Zimmer, in verschiedene Kabinen unterteilt, mit einer Stube, einem Kamin, der tatsächlich zog, und Fenstern, die nach Hafen rochen.
Sie machten sich frisch, soweit man sich frisch machen kann, wenn man nach Rauch, Schweiß und Straße schmeckt, und gingen hinunter zum Essen.
Unten saßen wenige Gäste. Keine fröhliche Menge. Eher Leute, die etwas verbergen wollen, und deshalb so tun, als hätten sie nichts zu sagen. Eine Gruppe erregte Anadars Interesse. Nicht wegen Lautstärke. Wegen einer Haltung.
Er kannte eine Person.
Er ging hinüber, und kaum war er nah genug, hob der Mann den Kopf, als hätte er Anadar nicht nur gesehen, sondern erkannt, bevor er die Schritte hörte.
„Meister Anadar“, sagte er, und in seiner Stimme lag dieser Respekt, den man nicht übt, sondern den man hat, wenn man einmal unter derselben Disziplin gestanden hat.
Anadar blieb stehen, schmaläugig, und ein Teil von ihm war erleichtert, dass es etwas Vertrautes gibt, das nicht nach Blut klingt.
„Tro´gra“, erwiderte er. „Was macht ihr hier.“
Tro´gra war von der Windschule, das wusste Anadar noch. Einer von denen, die Wind nicht nur rufen, sondern hören konnten. Dann war er zur Feuerschule gegangen, eine dieser seltenen Kombinationen, die einen entweder klüger machen oder gefährlich, und später hatte er auch Erde begonnen. Noch seltener. Noch widerspenstiger. Tro´gra war immer ein Mann gewesen, der Dinge lernen wollte, die nicht zusammenpassen, nur um zu beweisen, dass die Welt nicht so sauber ist wie ein Kodex.
„Ich könnte dieselbe Frage stellen“, entgegnete Tro´gra und gestattete sich ein kurzes, schiefes Lächeln. „Aber ich sehe, ihr reist nicht aus Neugier.“
Anadar setzte sich ihm gegenüber, und Shara blieb zunächst stehen, zu wach, um sich sofort zu setzen. Morgut nahm einen Stuhl, als gehöre er dorthin. Miene und Siendra hielten sich etwas zurück, die Augen offen, die Aufmerksamkeit wie ein gespanntes Tuch.
„Ich bin nicht mehr Schüler“, sagte Tro´gra, als würde er Anadars Blick lesen. „Ich bin am Hofe von Flund.“
„Flund“, wiederholte Anadar, und der Name war ihm bekannt, aber wie viele Namen kannte man, ohne sie je gesehen zu haben. „Das kleine Reich zwischen Sontor und Tandor.“
Tro´gra nickte. „Zwischen den Wegen. Zwischen dem, was jeder durchqueren will, und dem, was jeder meidet. Wir leben von Zöllen und von Minen. Gold und Silber. Nicht genug, um groß zu sein. Aber genug, um begehrt zu werden.“
„König Krant der Zweite“, ergänzte Morgut, trocken, als würde er eine Liste abhaken.
Tro´gra sah ihn kurz an und nickte erneut. „Der König hat mich geschickt. Beobachten. Beraten. Helfen. Das, was der Kodex erlaubt, solange man so tut, als würde man nicht lenken.“
Shara setzte sich jetzt doch. „Und warum seid ihr nicht mehr dort.“
Tro´gra zog die Schultern hoch. Ein kleines Zeichen, das mehr Müdigkeit als Gleichgültigkeit war.
„Zuerst kamen Barbaren“, sagte er. „Oder das, was die Leute Barbaren nennen, wenn sie ihren Namen nicht kennen wollen. Es gab Kriege. Richtige. Keine Gerüchte. Keine Schatten. Pfeile. Stahl. Blut. Wir haben sie zurückgeschlagen, so oft, bis es weniger um Sieg ging als um das Halten.“
Anadar spürte, wie das Wort Blut in seinem Kopf kurz heller wurde, als würde es zuhören. Er drückte es weg.
„Und dann“, fuhr Tro´gra fort, und seine Stimme wurde leiser, „dann kamen Flüchtlinge. Nicht wie Wellen, eher wie ein Strom, der nicht mehr aufhört. Sie wurden nicht überrannt wie Sontor. Es gab keinen Moment, in dem man sagen könnte, da ist es passiert. Es war…“ Er suchte nach dem Wort und fand es nicht gern. „Es war ein Gefühl. Kollektiv. Als hätte jemand eine Angst in alle Körper gelegt, nicht als Gedanke, sondern als Zwang. Wegmüssen.“
„Eine Aversion“, murmelte Siendra, und sie klang dabei nicht klug, sondern erinnernd, als würde ihr Magen noch wissen, was ihr Kopf verdrängt.
Tro´gra sah sie an. Seine Augen verengten sich kurz, als wolle er entscheiden, ob er gefragt wird oder ob er gerade etwas hört, das er nicht hören will.
„Nennt es, wie ihr wollt“, sagte er schließlich. „Die ganze Stadt hat gepackt und ist gegangen. Nicht fluchtartig. Nicht schreiend. Geordnet, wenn man das so nennen kann. Als hätte jeder denselben Befehl erhalten, nur ohne Stimme. Der König ist mitzugehen und ich mit ihm. Und jetzt sitze ich hier und frage mich, ob das überhaupt noch ein Plan ist oder nur Bewegung.“
„Und die Ursache“, fragte Anadar. Er zwang seine Stimme ruhig zu bleiben. „Was hat es ausgelöst.“
Tro´gra schüttelte den Kopf, langsam, fast beschämt. „Ich kann keine genaue Auskunft geben. Es war nur so, dass jeder weg wollte. Und je mehr gingen, desto mehr wollten gehen. Wie ein Wind, der sich selbst füttert.“
Anadar saß still, und in ihm legte sich ein Entschluss fest, nicht wie ein Gedanke, eher wie etwas, das schon immer da war und nur jetzt endlich einen Namen bekommt.
Er würde nach Norden gehen. Nicht später. Nicht irgendwann. Nach Zoordak, ja. Zu seinem Bruder, ja. Aber danach, oder vielleicht sogar davor, würde er in den Norden reiten, bis er nicht mehr kann. Er wollte es wissen. Er wollte es sehen. Er war zu lange mit Bruchstücken gefüttert worden.
Er merkte erst, wie still er geworden war, als Tro´gra ihn ansah.
„Ihr seid weit weg“, sagte Tro´gra.
Anadar blinzelte. „Ich bin müde“, antwortete er, und es war die Wahrheit, auch wenn sie nicht die ganze ist.
Tro´gra wollte noch etwas sagen, aber Anadar hörte ihm nur halb zu. Das Blutmurmel war für eine Weile leiser geworden, als hätte es sich zurückgelehnt, zufrieden damit, dass er nicht hinschaut. In dieser Lücke schlief er später ein, ruhig wie seit Tagen nicht mehr, weil sein Kopf sich an etwas festhielt, das nicht das Schwert war.
Am Morgen machten sie sich wieder auf. Die Pferde hatten in der Nacht Heilzauber bekommen, sorgfältig, sparsam, nicht genug, um sie neu zu machen, aber genug, um die Muskeln wieder zu erinnern, dass sie tragen können. Ihre Flanken glänzten, ihre Augen waren wacher. Der Stallbursche hatte sie gebürstet, und für einen Moment wirkte es, als sei Ordnung möglich.
Anadar schlug ein weniger grimmiges Tempo an. Nicht freundlich, nicht gemütlich. Nur weniger wie ein Mann, der vor sich selbst flieht. Er ritt schweigend voran, weil er wusste, dass jedes Wort ihm die Kontrolle über dieses andere Wort im Kopf kosten könnte.
Blut.
Es war nicht mehr nur ein Flüstern. Es war ein Verlangen, das sich in die Pausen schob. In die Momente zwischen Atemzug und Atemzug. Er drängte es zurück, mit Disziplin, mit Technik, mit dem stummen Hass auf die eigene Schwäche. Manchmal half es. Manchmal nicht.
Sie schlugen ihre Nachtlager an Waldrändern in Mulden auf, dort, wo man aus der Ferne nicht sofort gesehen wird. Wegen der Warnung hielten sie Wache, abwechselnd, und Anadar blieb meist wach, auch wenn er nicht dran war, weil Schlaf in seinem Kopf inzwischen etwas war, das sich nicht mehr sicher anfühlt.
Am Morgen des dritten Tages geschah es.
Siendra hatte die letzte Wache gehabt. Niemand sagte es laut, aber alle wussten, dass sie eingeschlafen war. Nicht aus Faulheit. Aus Erschöpfung. Aus dem menschlichen Fehler, den man sich nicht leisten kann, wenn die Welt voller Messer ist.
Sie wurden von Lärm geweckt.
Fußtritte. Zu viele. Zu nah.
Zeltwände wurden aufgerissen. Kalte Luft schnitt herein. Plötzlich standen bewaffnete Männer um sie herum, Bögen gespannt, Speere an Körper gehalten, Klingen nah genug, dass man den Atem der Banditen riecht. Ein Messer lag an Siendras Hals, und sie war wach, aber nicht schnell genug, um so zu tun, als wäre sie nicht überrascht.
Der Anführer trat vor. Ungewaschen. Grobschlächtig. Speckig schwarze Haare, die in Strähnen hingen. Ein Mann, der nicht glaubt, dass die Welt ihm etwas schuldet, sondern der sich nimmt, was er kann, weil er sonst nichts ist.
„So“, sagte er und grinste. „Geld. Pferde. Und die Mädchen.“
Lautes Lachen hinter ihm. Dieses schmutzige Lachen von Männern, die glauben, dass Angst sie groß macht.
Shara bewegte sich nicht. Morgut bewegte sich auch nicht. Miene hielt den Blick auf den Anführer, ruhig, zu ruhig, als würde sie schon zählen, wie viele Gedanken in dieser Gruppe zusammenbrechen können, wenn man den richtigen schneidet.
Anadar trat einen Schritt vor.
„Ihr habt euch die falsche Gruppe genommen“, sagte er, und seine Stimme war erschreckend ruhig.
„Ich gebe euch Zeit zu verschwinden“, fuhr Anadar fort. „Ich zähle bis drei.“
Das Lachen wurde lauter. Einer drückte das Messer fester gegen Siendras Hals, nur ein Hauch, genug, um zu zeigen, dass er kann.
„Eins“, sagte Anadar.
Niemand bewegte sich.
„Zwei.“
Ein Pfeil wurde aufgelegt. Nicht als Drohung. Als Entscheidung.
„Drei.“
Sie lachten.
Der Mann mit dem Messer zog es über Siendras Hals.
Nichts.
Kein Blut. Kein Schnitt. Das Metall glitt, als wäre Haut plötzlich Glas. Ein dünner Widerstand, kaum sichtbar, aber real. Siendra riss die Augen auf, nicht vor Schmerz, sondern vor Unglauben, und in ihrem Blick lag der Gedanke, dass sie für einen Moment nicht wusste, ob sie lebt oder schon tot sein sollte.
Ein Pfeil flog auf Anadar.
Er prallte ab.
Nicht dramatisch. Nicht mit Licht. Er prallte ab, als hätte der Pfeil einen Stein getroffen, und fiel in den Schnee, schief, lächerlich, als hätte er sich selbst geschämt.
Verwirrung.
Und in dieser Verwirrung war es bereits zu spät.
Anadar hatte sein Schwert in der Hand.
Nicht weil er gezogen hätte. Weil es schon da war. Als hätte die Klinge gewusst, dass dies ihr Moment ist. Shara und Morgut waren bereits in Bewegung, präzise, kalt, ihre Körper schneller als jede Diskussion. Shara riss einem Mann den Bogen aus der Hand, brach ihm den Arm, bevor er begriff, dass er angefasst wird. Morgut trat einem anderen die Knie weg, rammte ihm den Griff der Klinge gegen den Kehlkopf, hart genug, dass Luft zu einem Geräusch wurde, das nicht menschlich klingt.
Und dann sang das Schwert.
Nicht leise. Nicht im Hintergrund. Es sauste durch Anadars Kopf wie eine Sirene.
Blut.
Anadar schrie es heraus, als wäre das Wort nicht nur im Kopf, sondern in der Kehle.
„Blut.“
Der Klang war nicht Anadars Stimme. Oder er war es, nur so verzerrt, dass er sich selbst nicht wiedererkannte.
Er metzelte.
Es war kein Kampf. Es war ein Durchgang. Er bewegte sich wie ein Mann, der zu lange zurückgehalten hat, und nun nicht mehr entscheidet, sondern nur noch folgt. Das Schwert trank, und es trank schnell. Er schnitt durch Körper, durch Rüstung, durch Schreie. Ein Mann fiel, der nächste fiel, und als sie flohen, setzte Anadar ihnen nach, weil das Wort in seinem Kopf nicht nachließ, sondern lauter wurde, gieriger, jubelnder.
Blut.
Er hörte die anderen nicht mehr. Er sah sie nicht. Er sah nur Bewegung. Flucht. Ziele.
Er holte sie ein.
Einen nach dem anderen.
Bis der letzte Bandit stolperte, sich umdrehte, etwas sagen wollte, vielleicht betteln, vielleicht fluchen, und Anadar ihm das Schwert in den Leib trieb, als wäre das die einzige Sprache, die in diesem Moment noch gilt.
Der Mann fiel.
Und in dem Moment wurde es still in Anadars Kopf.
Nicht die Stille des Friedens. Die Stille der Sättigung.
Er stand da, keuchend, und grinste, und das Grinsen war nicht froh, es war leer.
„Blut“, murmelte er noch einmal, und es klang, als koste er das Wort, weil es jetzt keine Gegenwehr mehr hat.
Hinter ihm standen die vier anderen im Lager.
Leichenblass.
Shara hielt ihre Klinge, aber sie zielte nicht mehr auf den Feind. Sie zielte auf Anadar, ohne es zu wollen. Morgut stand wie eine Wand, die nicht weiß, ob sie schützen oder stoppen muss. Miene hatte die Hand halb gehoben, als würde sie einen Gedanken festhalten, der sonst wegläuft. Siendra tastete ihren Hals ab, dann starrte sie auf ihre Finger, als hätte sie erwartet, Blut zu sehen.
Anadar sah sie an, als würde er sie erst jetzt wieder erkennen.
Er steckte das Schwert in die Scheide.
Die Bewegung war ruhig. Zu ruhig. Und die Klinge verschwand, ohne dass ein Tropfen auf ihr zu sehen war, als hätte sie nie Blut berührt.
Die vier wichen einen Schritt zurück, instinktiv, nicht aus Feigheit, sondern aus dem Wissen, dass man etwas gesehen hat, das nicht mehr rückgängig zu machen ist.
Und dann sah Anadar es selbst.
Die Leichen.
Alle.
Blutleer.
Wie Sonda. Wie der Tote in Salbeen. Wie das, was sie seit Wochen verfolgt, nur dass es diesmal aus seiner Hand gekommen war.
Ein kalter Punkt in seinem Magen.
Nicht Übelkeit. Erkenntnis.
Sie packten ihre Ausrüstung, und niemand sagte etwas, weil Worte zu klein sind. Sie ritten weiter, aber nicht mehr als Gruppe. Vier im Abstand von einem, und Anadar vorne, wie eine Spitze, die die anderen nicht mehr berühren wollen.
Schweigen.
Dann, ohne dass einer der vier den Mund öffnete, kam eine fremde Stimme.
Nicht von außen. Nicht von hinten. Nicht aus dem Wald.
In seinem Kopf.
„Anadar.“
Er erstarrte im Sattel, so abrupt, dass sein Pferd schnaubte.
„Anadar, mein Bruder.“
Die Stimme war nah. Zu nah. Warm und kalt zugleich, wie ein Lächeln, das man nicht sehen kann.
Anadar schluckte.
„Wer“, fragte er, und seine eigene Stimme klang fremd, als hätte er sie gerade erst wiedergefunden.
Ein Kichern, dünn, zufrieden.
„Ich bin Naaarstr“, sagte die Stimme. „Danke, dass du meinen Hunger gestillt hast.“



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