Anadar
- Ralph

- 3. Jan.
- 76 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Jan.
Vorwort: Irgendwann hatte ich begonnen eine Geschichte für meine damalige Frau zu schreiben um es ihr zum Geburtstag zu schenken. Ich denke Sie wird es nie gelesen haben, da ich gerade immer noch nicht meine Utensilien hier bei mir habe, und ich mich aber künstlerisch betätigen wollte, habe ich nun weiter geschrieben, alles gute zum 40igsten nachträglich. So einfach ist es, viel Spass mit den ersten 13 (unlektorierten) Kapiteln.

1
Das Leben auf dem Dorf ging seinen Gang. Es war Sommer, mittags und heiß, wenig zu tun. Arl, der Müllersohn, lag unter dem Schatten eines Baumes, kaute einen Grashalm, und starrte in die verdorrende Landschaft. Arl wuchs in Salbeen auf, es führte nur eine Straße durch die schroffe Felsenlandschaft, in der das Dorf lag, von der feurigen Feste hin zum großen Markt, mit seinem regen Treiben. Aber selten kamen Reisende durch, ganz selten. „Wer will denn schon zu der verfluchten Feste und seinen seltsamen Bewohnern“ dachte Arl, der den Reitenden schon von weitem sah. Er wusste instinktiv, dass dieser Reisende nicht nach Salbeen wollte, sondern weiter. Eine seltsame Aura ging von dem Schwarzen Reiter auf seinem Pferd aus, etwas Unnahbares, unheimliches. „Egal“ dachte sich Arl, sprang auf und rannte in Richtung der Straße, um gerade dort einzutreffen als der Reiter wieder aus dem kleinen Dorf ritt. Außeratem stoppte Arl am Wegesrand und blickte auf, in das ausgemergelte Gesicht des Reisenden. Der Reiter verlangsamte seinen ritt nicht, wozu auch, das Pferd trabte vor sich hin. „Ihr wollt doch nicht zur Feurigen Feste?“ schnaufte Arl „Ich warne Euch, dort gibt es nix gutes.“ Das Pferd schnaubte ihn an, als ob er eine lästige Fliege von seinen Nüstern vertreiben wollte. „Wohin sollte ich sonst des Weges, junger Freund“ eine sanfte Stimme, die nicht so recht zum Gesicht und Statur des Reiters passen wollte, antwortete ihm. „Vielleicht habt ihr ja am großen Markt die falsche Abzweigung genommen und habt Euch verirrt“ spekulierte er. Ein leises Lächeln war die Antwort. „Sag Junge, was erzählt man sich über den Ort, dass du dich so fürchtest?“ „Nix bestimmter Herr“ war die Antwort. Mittlerweile lief Arl neben dem Pferd her, das angeschlagene Tempo war nicht hoch. „Nur sind die Leute, die da wohnen sind sehr unheimlich, sie bleiben lieber unter sich.“ „Sie werden Gründe haben, nicht?“ sagte der Reiter „Kennst du Sie näher?“ „Nein Sir, sie geben sich nicht mit uns ab. Wenn sie hier durchkommen, dann reden sie nicht mit uns. Sag was wollt ihr dort?“ „Ha“ lachte der Reiter auf „du bist neugierig! Aber gut, ich verrate es Dir.“ Der Reiter beugt sich herunter und kam nahe an Arls Ohr heran „Meine Familie besuchen.“ flüsterte er dem Jungen ins Ohr und richtete sich wieder auf seinem Pferd auf. Dieses trabte nun, wie auf ein unsichtbares Kommando, ein bisschen schneller. Nur unwesentlich, aber eindeutig zu schnell als dass Arl noch auf Dauer hätte mithalten können. Arl jedoch versuchte gar nicht zu folgen, er blieb wie erstarrt stehen. „Seine Familie?!“ Arl war noch nie an der Feurigen Feste, er hörte nur die Geschichten. Die seines Großvaters, der ihm von lautem Poltern und Blitzen in der Nacht erzählt und dass Jungen des nachts aus Salbeen verschwanden, die Tage später wieder gefunden wurden, verstört, verängstigt. Arl hatte noch nie mit jemand geredet der von dort kam. Die nächsten Nächte schlief Arl nicht sehr gut. Immer wieder blickte er aus seinem Fenster, vergewisserte sich, dass niemand hier bei ihm war.
Anadar war müde und auch ein bisschen gereizt. Tagelang ritt er nun mitten im Hochsommer in seiner metallbeschlagenen schwarzen Lederrüstung. Zwar machte sein Ross Tordar die meiste Arbeit, aber nur in der prallen Sonne zu sitzen war es sogar für einen mit seinen Fähigkeiten auf Dauer nicht angenehm. Hin und wieder half er sich mit einem kleinen Kältezauber, so kühlte er seinen Wasserschlauch oder hüllte sich in einen kühlenden Wind. Aber das war alles nur von kurzer Dauer. So war er froh bald an seinem Ziel zu sein. Zwei Jahre war er nicht mehr an der Feurigen Feste, seine Brüder fehlten Ihm. Anadar gelang in den letzten 2 Jahren das, was nur Wenigen vergönnt war und wonach nicht alle strebten. Nun schon gar nicht jeder versuchte. Er erreichte das 6te und letzte Siegel, meisterte die sechste und somit letzte magische Disziplin. Feuer ist seine elementare Fähigkeit, dann wie für Schüler der Feurigen Feste üblich, Erde sowie kurz im Anschluss Wind. Nur die wenigstens bringen noch die Disziplin auf weitere Schulen zu meistern. Wasser um die Elemente abzuschließen war die nächste für Anadar gewesen. Das Leben seine fünfte und mit Abstand seine am wenigsten geliebte, er brauchte insgesamt 4 Jahre dafür, beinahe so lange wie für die Elemantarschule, und war dabei eigentlich ständig versucht abzubrechen. Eine so intensive Zeit, dachte er zurück, da waren die 2 Jahre für Geist beinahe wie im Flug vergangen. „Feuer, Erde, Luft, Wasser, Leben ja und Geist. Alle 6 beherrsche ich nun. Sollte ich beherrschen?“ Magie ist wie jede Fähigkeit eine Übungssache, wiederholt man nicht ständig die Ausführung der Rituale & Sprüche kann man sie verlernen oder gar vergessen. Wird ein Zauber nicht richtig ausgeführt funktioniert er im besten Fall nicht, im schlimmeren Fall, funktioniert nicht so wie vorgesehen oder er wird gar unberechenbar. „Nuja zumeist funktioniert er nicht.“ Anadar lächelte. Er freute sich auf die Übungshalle. Endlich wieder die volle Macht entfesseln können. Selten war das irgendwo möglich, so ungeheuer konnte die Zerstörung sein. Den Zauber bis in die letzte Nuance mit Energie füllen und dann freilassen und die Urgewalt spüren. Das Machtgefühl und die Beherrschung dieser Macht. Es schauderte ihn vor Freude. Neue Ziele kann er sich nun stecken. 20 Jahre war er nun Student, unterbrochen von Phasen, in denen er lehrte. Magier erlernen für gewöhnlich 3 Disziplinen, zumeist die die den Elementarfähigkeiten am meisten entsprechen. Dann werden die Meisten entsandt. In die Königshäuser zu Hof oder zur Seite von wichtigen Persönlichkeiten, Kaufleuten, zum Schutz, zumindest zu denen die es sich leisten konnten oder an Generäle um Kriege zu führten. Manche blieben an den Schulen um zu lehren, andere bezogen Türme, abseits der Menschen, um alleine zu studieren. Unterschiedlich waren die Lebenswege, aber sehr oft, aufgrund der Fähigkeiten vorgegeben. Eins jedoch war den Magiern verboten, selbst nach der Macht zu greifen. Ein Kodex nach dem alle Magier lebten. Sollte einer oder eine Schule je wieder nach der Macht streben, würden die Anderen dies zu verhindern wissen. Natürlich war jede Schule bestrebt Einfluss auf die Geschicke auszuüben und eine gewisse Rolle in der Geschichte innezuhaben, jedoch eine direkte Übernahme der Macht würde zwangsläufig zu einem Magierkrieg führen. So gut sich auch mache Schulen verstanden. Die Grenzen sind klar in dem Kodex niedergelegt. „Der Kodex, Mhhh“ Anadar wurde nachdenklich „Neue Ziele.“ Nachdenklich setzte er seinen Weg fort.
Gegen Sonnenuntergang erreicht Anadar sein Ziel. Die Sonne versank links der Feurigen Feste rot im Meer. Die Feste selbst lag leicht erhöht in einem kleinen Tale, drei der mächtigen schwarzen wehrhaften Türme reichten bis über den Talrand herauf, damit schon von weitem ungemacht ausgemacht werden konnten. Hinter der Feste erstreckte sich eine Landzunge bis weit in den Horizont, links und rechts vom Meer umschlossen. Eine mächtige Schildmauer lief vor der erhöhten Burg durch das Tal. Vor dem abstieg ins Tal musste Anadar durch die Wächterburg. Hier hielten zumeist Studenten des 4ten Jahres wache. Die Tore waren wie gewöhnlich geöffnet und 2 Gepanzerte, bewaffnet mit Hellebarden, flankierten den Durchgang. „Eine Tortur, hier bei der Hitze in einer Rüstung zu stehen und in eine unbewegte Felsenlandschaft zu starren,“ erinnerte sich der Magier „eine Willensprüfung, um die Widerstandsfähigkeiten zu trainieren, darum gibt es diesen Dienst.“ Anadar kannte die Prozedur. Aus dem Schatten des Durchgangs erschien eine, in einer roten Robe gehüllte Gestalt. Die beiden Hellebarden verschränkten sich vor dem Tor. Tordar stoppte, auch er erinnerte sich. Leicht scharrten seine Hufe, damit wohl andeutend, dass er jederzeit bereit war sich Durchgang zu schaffen. „Wer begehrt Einlass ins Tal zur Feurigen Feste?“ „Anadar, Meister der 6 Zirkel & Sohn der Feurigen Fest.“ Anadar sah, wie sich die Augenpaare der beiden Anwärter in den Rüstungen direkt auf ihn richteten, ohne dass sich der Kopf drehte, sie kannten Ihn, natürlich. Im ersten Jahr waren sie seine Studenten, Entwicklung & Beherrschung des Feuers lehrte er sie. Sehr viel Schmerzen, Schweiß und Überwindung waren damit verbunden. Unverzichtbar. „Meister Anadar“ beinahe ehrfürchtig war der Ausspruch, „könnt ihr es beweisen?“ Anadar zog sich seine Kapuze, die ihn die Tage von der sengenden Sonne schützte, vom Kopf, lächelte und sprach den Erkennungszauber. Eine unverwechselbare Signatur, wie ein Fingerabdruck. Beide Hellebarden machten den Weg frei, auch der rotberobte Aspirant schob sich zur Seite. Anadar setzte Tordar noch nicht in Bewegung, der den Kopf neigte und ihn ungeduldig anschaute. „Bin wohl nicht der einzige dem es zu heiß ist“ dachte Anadar. „Sag Anwärter Sondas, was gibt es Neues zu berichten? Ich war lange nicht mehr zuhause und habe wenig Zeit gehabt Nachrichten zu tauschen.“ „Meister Anadar, wenig Neues seid ihr das letzte mal hier wart“ antwortete Sondas „da habt ihr vermutlich mehr Neuigkeiten in Eurem Gepäck Meister Anadar“ setzte der Aspirant ein bisschen keck hinterher. „Vielleicht eine Sache, wir haben einen Schüler des Lebens hier, seine 3te Disziplin, Morgut sein Name.“ „Das ist wirklich außergewöhnlich“ dachte Anadar, Studenten des Lebens machten sehr gerne einen Bogen um Feuer, oder anderen Elementarschulen. „Wirklich außergewöhnlich“ murmelte der Meister. „Seit einem Jahr“ beantwortet Sondas seine Frage, bevor Anadar sie stellen konnte. „Morgut sagtet ihr? Schlank beinahe hager, groß, markantes Gesicht?“ Sondas nickte. Anadar erinnerte sich an den Studenten, sie waren zur selben Zeit Studenten an der Schule des Lebens. „Ein richtig guter Zauberer“ dachte Anadar, dem selbst die Zauber des Lebens sehr schwer gefallen sind zu erlernen, er musste sich dafür richtig quälen. „Kein Talent dafür.“ Dachte er sich selbst. „Danke.“ Anadar nickte und gab Tordar einen kleinen Stoß in die Flanke. Beim Durchreiten sagte Sondas noch „Meister Frantor ist ebenfalls zurückgekehrt.“ Anadar war jedoch schon in Gedanken, zurück in Gontar, der Stadt in dem die Schule des Lebens steht, viele Erinnerungen. Die Mühen, um diese magische Sprache zu erlernen, die ganze Grammatik und dahinterstehende Logik, ganz verschieden von dem damalig bereits erlerntem. Die Rituale, er schüttelte sich, ihm wurde noch wärmer. Er tat sich damals sehr schwer. Für ihn war es, als ob er das Lesen neu erlernen musste, dieses Mal nur von rechts nach links, anstatt wie gewohnt von links nach rechts. Die Zeichen waren zumeist dieselben nur ihre Bedeutung war anders ausgelegt. Tief in der Vergangenheit versunken setzte der Reiter den Weg fort.
Die Sonne war bereits untergegangen als er endlich durch die fackelbeleuchtete Schildmauer ritt. Tordar kannte den Weg, Anadar auch, weswegen er wenig aufmerksam war. Als er endlich im Burghof angekommen war, war es bereits ein bisschen kühler. Anadar nickte einem Burschen zu „Kümmere dich um das Pferd, gib ihm ausreichend Wasser und Heu. Lass ihn die nächsten Tage nicht auf die Koppel sondern im halte ihm in Schatten.“ „Ja Meister“ der Bursche griff nach seinem Gepäckbeutel, aber Anadar war schneller. „Ich kümmere mich selbst darum Junge“ und schwang sich den Sack auf die Schulter „kümmere du dich um das Pferd“ Zum Abschied versetzte er Tordar noch einen Klapps „gut gemacht alter Junge, danke.“ Der Magier setzte seinen Weg über den Hof fort, in Richtung zu dem kleinen Wohnturm, in der seine Kammer lag. Innerlich überlegte er ob er dem Dekan seine Aufwartung erst morgen machen könnte, wusste aber, dass sein Kommen bereits gemeldet worden war und ein verspäteter besuch ihm wohl als Unhöflichkeit ausgelegt werden würde. Er lächelte, er musste sich ja nicht gleich beim ersten Tag seiner Rückkehr wieder unbeliebt machen. „Alte Männer hören sich gern reden“ dachte er und begab sich gedanklich in sein Schicksal.
In seiner spartanischen Kammer angekommen warf er seinen Reisesack auf das Bett und blickte sich um. Unverändert, so als wäre er erst gestern hier gewesen. Er zog das Fenster auf und blickte kurz in die fackelerleuchtete Nacht, dann entledigte er sich seines Schwertes auf dem Rücken und seiner metallbeschlagenen Lederrüstung und vor allem die Stiefel. Er nahm einen intensiven Geruch von Leder und Schweiß war und war sich bewusst, dass er sich noch frisch zu machen hat, bevor er wieder unter Leute trat. Das Ablegen der Rüstung war wie eine Erleichterung. Nach einiger Zeit nahm man das Gewicht der Ausrüstung, die man trug nicht mehr war, nur dann, wenn es wieder weg war, fühlte man sich Federleicht und Befreit. Er wusch sich mit kaltem Wasser und legte seine schwarze Robe an, die Kapuze gefüttert mit blauem Samt, das Zeichen der Lehrenden und gürtete sein Schwert, dieses mal um die Hüften. Unter normalen Umständen würde er auf das Tragen seines Schwertes innerhalb der Feurigen Feste verzichten, jedoch war sein Auftreten heute eher offizieller Natur. Die Rückmeldung und der Bericht an den Dekan und somit den offiziellen Ordensvorsteher Rotach. Magnifizenz Rotach war alt, und schon länger als sich Anadar zurückerinnern konnte im Amt. Ordensvorsteher war kein Amt auf Lebenszeit, gewöhnlicherweise wird der Dekan einen Junsusumlauf, alle 6 Jahre, neu gewählt, da aber niemand Lust auf diese lästigen Aufgaben hatte blieb der Vorstand immer bei Rotach, der für anderes wenig Ambitionen hegte. Eine win-win Situation für die ganze Schule und ihre Anhänger sozusagen. Anadar war fertig und verließ seine Kammer.
„Da seid ihr ja Meister Anadar.“ Eine Stimme die er lange nicht mehr gehört hatte, aber sehr vermisst hatte. Shara die einzige Ordensschwester allein unter Brüdern lehnte mit dem Rücken zur Wand gegenüber seiner Kammertür. Schwarzgekleidet, die dunklen Haare zu einem strengen Zopf geflochten, grün-graue madelförmige Auge starten ihn erwartungsvoll an. „Dekan Rotach wünscht eure Anwesenheit an seiner Tafel.“ Kurze Pause. „Auf das ihr ihm von der großen weiten Welt da draußen berichtet und natürlich den neusten Tratsch darüber wie schlecht die anderen Schulen doch tatsächlich organisiert sind.“ Ein unausgesprochenes Lachen schwang in Ihren Worten mit. „Mittlerweile tragt ihr das blaue Futter wie ich sehe, habt ihr euch das durch Leistung oder eure Frechheit erarbeitet?“ erwiderte Anadar. „Durch meine scharfe Zunge natürlich, der sich keiner erwehren kann und selbst die tapfersten Brüder in die Flucht schlägt“ antwortete sie „falls meine Fäuste nicht reichen“. Anadar grinste flüchtig. Shara hatte eine Schlagfertigkeit, für die sie berüchtigt war. Selbst als sie im ersten Jahr war, hielt sie sich selbst ihren Meistern gegenüber selten zurück. Verbal überlegen war sie ihnen allen und sie hielt selten mit ihrer Meinung zurück. Über die Jahre hatte sich eine Zuneigung zwischen den beiden entwickelt die weit über ein Mentor Zögling Verhältnis hinausging. Von Anfang an zeigte sie neben ihrer messerscharfen Zunge, Disziplin, Intelligenz, Talent und Willen. Sowohl im Magischen wie auch in den konventionellen Fertigkeiten. Eigenheiten die Anadar zutiefst respektierte. „Dann wollen wir den alten Mann nicht noch länger warten lassen“ Anadar setzte sich in Bewegung. „Glückwunsch zum 6ten Zirkel“ sagte sie, Anadar zählte gedanklich „1,2….“ „Dieses Mal hat es keine 4 Jahre gedauert, bis ihr den Zirkel gemeistert habt. Ich war schon in Sorge, dass ihr noch gebrechlicher zurückkommen würdet.“ Dauerte es keine 3 Sekunden, bis sie ihre Satz frech fortsetzte. „Danke für die guten Wünsche“ bedankte er sich fröhlich, er wusste, dass seine Zeit kommen würde, morgen in aller früh. Heute Abend würde er die Falle für Sie öffnen und sie würde nichts ahnend hineinrennen. Er lächelte voller Vorfreude. „Was amüsiert dich so?“ bemerkte sie seine Freude. „Die Aussicht auf einen Abend voll mit wundervoller Unterhaltung, endlose Geschichten, die ich schon hundertmal gehört habe. Alles was sich einer wünscht der tagelang durch die heiße Einöde geritten ist.“ Antwortete er zynisch.
Schnellen Schrittes marschierten sie die Treppen des Wohnturmes hinunter, überquerten den Hof. Der Geruch von Pferd drang an ihre Nasen. Dann die acht breiten Treppen hoch, den fackelerleuchteten Säulengang entlang Richtung der großen Halle, vorbei an all den Statuen von bereits verstorbenen Magiern, wieder hinunter, in den Vorhof der großen Halle, vorbei an der Bibliothek, dem Ratssaal und der Mensa und anstatt gerade aus zur Großen Versammlungshalle, rechts und wieder Treppen hoch Richtung Turm des Dekans. Wie üblich stand die kleine Tür des Turmes offen, eine Person sahs auf einem Stuhl auf dem kleinen Platz davor und hielt wache. „Sitzen?“ dachte sich Anadar und blickte Shara an, sie verstand ihn sofort und zuckte mit den Schultern. „Halt! Wer begehrt Einlass! Versuchte die Wache die beiden zu stoppen, während sie sich mühsam von ihrem Platz erhob. Anadar hielt nicht mal inne und lief ohne den Mann eines Blickes zu würdigen an der traurigen Gestalt vorbei, Shara folgte ihm. „Oh ihr seid es, erwartet werden ihr schon Meister, verspätet seid ihr!“ rief ihnen die nun aufrechtstehende Wache nach. Anadar nahm zwei Stufen auf einmal, bis er oben angekommen war. Shara folgte ihm auf dem Fuß die Wendeltreppe hinauf bis zum obersten Stockwerk. Oben klopfte er kurz an die Tür und schritt, ohne innezuhalten durch. Das Kreisrunde oberste Stockwerk war in verschiedene Bereiche unterteil. Die Tür öffnete sich in der Mitte des Raumes, vor ihm an der Tafel saßen 2 Personen. Anadar wusste, dass die hinter ihm liegende Bereiche für die Dienerschaft zum Zubereiten der Speisen diente. Eine Tür führte hinaus auf die den Turm umgebende Brüstung, an der man an lauen Sommernächten sehr gut den Nachthimmel im Blick haben konnte. Anadar kannte beide Personen. Dekan Rotsch sahs aufrecht am Kopf der Tafel, eine, bis auf seinen Bauch, hagere großgewachsene Gestalt. Seine grauen Haare waren kurzgeschoren, auf seinen Schultern ruhte die violett gefütterte Robe des Ordensvorstandes. Seine Hände ruhten auf der Tischplatte, an den Fingern waren tiefe Falten, die auf das wahre Alter des Mannes deuteten. „Magnifizenz“ Anadar nickte in die Richtung des angesprochenen „Meister Anadar, Magier des 6te Zirkel, welch eine besondere Ehre Euch an meiner Tafel begrüßen zu dürfen.“ Die linke Hand erhob sich langsam und die langen weißen Fingernägel deuteten auf seinen Gast „Frantor kennt Ihr natürlich, ihr seid ein Jahrgang gewesen, wie ich mich erinnere“ „Bruder“ sagte der angesprochene und erhob sich ein bisschen ungeschickt. Sein Bauch stieß an den Tisch und das Glas Rotwein davor schwappte über. Ungeschickt griff er danach „Hehe wie ungeschickt von mir.“ Er blickte wieder auf, seine Augen fixierten Anadar und ein Lächeln erhellte sein feistes Gesicht: „Wie schön Euch wieder zu sehen, lange ist es her.“ „Bruder.“ Anadar nickt Frantor zu „dich hab ich auch dünner in Erinnerung“ dachte sich Anadar. „Setzt Euch doch“ Rotasch deutete mit seinen knochigen Fingern auf freie Plätze an der Seite der länglichen Tafel. Die beiden setzten sich und ein Diener huscht hinter ihnen vorbei. „Nur Wasser bitte, Saltor, mit einem Minzblatt“ Anadar nickte dem alten Diener zu und grüßte ihn freundlich. Der kannte die Vorlieben des Magus und hatte schon einen Krug mit gekühltem Wasser garniert mit frischer Minze in der Hand. „Nun erzählt Meister Anadar, was gibt es zu berichten aus der Welt? Und von der Schule des Geistes? Dekan Sandas lenkt immer noch die Geschicke? Ich habe Sie schon lange nicht mehr gesprochen, selten nimmt Sie an dem Konklave teil. Oder wenn Sie sich sehen lässt, kann ich nie ungestört mit ihr sprechen.“ jammerte der alte Mann. Anadar wusste, dass Sandas an jeder Konklave teilnahm, dass sich die anderen Dekane dabei nicht unbedingt immer an Sie erinnerten war vielleicht auch Absicht. Dekan Sandas hielt die Schule des Geistes normalerweise gern aus Angelegenheiten heraus die sie nicht direkt betrafen oder verschleierte den Einfluss, den sie nahm. Die Möglichkeiten dazu hat Sie, die Interessen, die Sie verfolgten, waren nicht immer direkt nachvollziehbar. Magier des Geistes lebten selten in der wahrnehmbaren Realität. Sie nahmen die Dinge zumeist anders wahr, wie Anadar es mittlerweile wusste. Geistesschüler versuchten immer zukünftiges und vergangenes richtig zu deuten, dabei bedienten sie sich Orakeln und Wanderungen, aufgrund der Tatsache das zukünftiges zumeist(!) noch nicht passiert war und eine Vision der Zukunft nur eine Möglichkeit aufgezeigt, ergaben sich dadurch im Jetzt sehr komplexe Muster und Handlungen. „Nicht immer leicht nachvollziehbar ist das Handeln der Mutter.“ Sagte Anadar wahrheitsgemäß und nannte Dekan Sandas bei dem in Zoordak, in der die Schule stand, gebräuchlichen Namen für sie. „2 Jahre habe ich dort nun verbracht, so richtig nachvollziehen kann ich immer noch wenig was dort vor sich ging. Gern sitzen sie über ihren heißen Quellen und Atmen den Dampf ein, das verschleiert den Verstand und die Zeit wird vage.“ Die Wahrheit war, dass Anadar und die Mutter sehr viel Zeit miteinander verbracht hatten. Sie nahm sich seiner persönlich an und lehrte ihn viel, beide verstanden sich ausgezeichnet. Sandas lehrte ihn zum Beispiel, dass man Leute in dem was sie wissen bestärken sollte, sie das Gegenteil zu lehren war zu kraftraubend. „Hehe“ ein trockenes Lachen entrang sich der Kehle des alten Mannes „Für wahr, abstruses Gewäsch und schwache Zauber wirken sie dort. Nix was es mit der Kraft des Feuers aufnehmen könnte.“
„Für wahr,“ pflichtete ihm Frantor bei. „Nichts ist so kräftig wie Magie des Feuers!“
Anadar kannte Frantor gut, früher zumindest. Aber der heutige Eindruck gefiel ihm nicht sonderlich, irgendwas stimmte nicht mit seinem alten Freund. Anscheinend war viel passiert als sie sich das letzte mal sahen. „Wie ist es Euch ergangen mein Freund?“ fragte ihn Anadar direkt, auch um vom Thema abzulenken. „Was treibt Euch wieder hier her? Seit ihr nicht am Hofe von Sontor gewesen? Hoch im Norden? Ist es Euch zu kalt geworden.“
„Nun“ der angesprochene seufzte und nahm einen Schluck. „Nun, es entwickelte sich eher düster.“ Er lächelte verdrückt. “Es begann langsam, zuerst kamen nur wenige, dann immer mehr. Über die Jahre verdrängten Sie uns. Barbaren aus den tiefen Wäldern nördlicher, wenig zivilisiert, es gab viel Streit. Es wurden immer mehr, die Bewohner verließen Sontor nach und nach. Keiner leistete Widerstand, keiner konnte Widerstand leisten. Und die Barbaren übernahmen die Stadt. Am Ende waren es zu viele und sie überrannten Sontor, es war furchtbar. Es blieb nur die Flucht ins Exil. König Kranzor ist alt und hat keine Nachkommen, er hat sich mit dem Vermögen abgesetzt, in den Süden. Santor wurde vollständig von den Barbaren übernommen. Ich ging noch mit Kranzor nach Gustant an die Küste, dann entließ er mich. Ich verursacht nur noch kosten und er hatte nur noch eine kleine Schar Diener um sich. Daraufhin dachte ich mir, dass ich mich wieder in der Feurigen Feste melde und schaue wo man mich brauchen kann.“ Er seufzte wieder, lächelte dann und leerte das Glas in einem Zug. „Saltor, wärt ihr so gut?“ Er stellte das Glas ab und faltete die Hände über seinem enormen Bauch. Der Diener goss nach und ließ unauffällig die mit Rotwein gefüllte Karaffe gleich auf dem Tisch stehen. Anadar registrierte das leichte missbilligende Kopfschütteln des hageren Dieners. Das scheint mittlerweile Gewohnheit zu sein. „Nun“ begann Rotsch nach einer Weile „mir wurden mehrere solcher Begebenheiten mittlerweile zugetragen, eine große Völkerwanderung aus dem Norden scheint doch im Gange zu sein. Wie man hörte scheint dies mit einer sehr kalten Sommern zu tun haben. Die hohe Nordsee ist mittlerweile ganzjährig Eisbedeckt was wohl dazu führt, dass die Barbarenvölker der Polarregion sich Richtung Süden aufmachen. Nicht nur um zu plündern wie früher üblich, sondern wenn möglich, sich einzunisten und zu verdrängen. Nichts was uns allzu sehr besorgen sollte. Die Ordnung des Gefüges wird dadurch nicht gestört.“ beendete er seine Ausführung.
Der Abend plätscherte dahin, Gespräche über Politik, Erbfolgen und Kriegen. Über Schüler und Meister und ihre Fähigkeiten und Aufenthalte. Anadar wusste, dass die nächsten Monate sehr oft zu solchen Abenden geladen werden würde. Dekan Rotsch sah es als seine Verpflichtung die Meister und Schüler in wechselnden Zusammensetzungen abends zu sich zu rufen und mit ihnen zu dinieren. Anadar war dabei überproportional oft aufgefordert anwesend zu sein. Er stellte ja mittlerweile eine Rarität dar, wenn nicht sogar ein Unikat, zumindest eine Berühmtheit. Dies wird sich in Zukunft wenig ändern vor allem da er seine Lehrtätigkeiten wieder aufnehmen wird. Irgendwann viel das Gespräch auf den Schüler Morgut, beide Dekan Rotach und Shara waren voll des Lobes für den Schüler dessen Elementarschule die des Lebens und seine zweite die des Geistes war. Ungemein geschickt im Erlernen der Disziplin Feuer, beide waren sich einig, dass sie noch nie einen Studenten getroffen haben der sich die Rituale und Sprüche so außerordentlich gut einprägen konnte, auch im Vergleich mit Schülern des Feuers. Anadar dachte an die Zeit in Gontar zurück und welche Hilfe Morgut damals für ihn war, während ihrer gemeinsamen Zeit in Zoordak sahen sie sich kaum was auch in der Natur der Schule lag, gedanklich waren Sie dort immer verbunden aber selten alleine. Anadar wusste schon früh, dass Morgut äußerst talentiert ist. Der Abend plätscherte dahin und Anadar entschuldigte sich sobald es ihm irgendwie möglich war und schob die Strapazen der Reise vor. Shara verließ mit ihm die Tafel, Frantor machte nicht den Eindruck schon genug zu haben. Beide verließen schweigend den Turm.
2
Noch bevor die Sonne am Horizont aufging begab sich Anadar auf die Plattform oben auf den Höchsten Turm der Feurigen Feste. Der Turm war derjenige der von weitem sichtbar aus der Feste ragte und aus demselben schwarzen Gestein gebaut wie die ganze Feste. Sein Durchmesser der oberen unbedachten Plattform betrug mehrere Meter, nach unten hin wurde der Turm immer breiter, bis tief in die Kellergewölbe, welche selbst riesige Dimensionen aufwiesen. Innerhalb des Turms auf den einzelnen Stockwerken waren die verschiedenen Klassenzimmer. Unten in den Gewölben, gut gesichert und tief unter der Erde, die weiteren Übungsräume. Manchmal gerieten die mächtigen Zauber, nicht nur den Alkoven, außer Kontrolle. Da war es ganz gut hinter meterdicken Decken und tonnenschweren Steine geschützt zu sein wenn sich die ungezügelte Energie sich Raum verschafft. Im Freien konnten solche wilden Entladungen kilometerweite Zerstörungen bedeuten, die starken Mauern des Turms waren nicht nur reiner Schutz, auch waren arkane und nichtmagische Schutz-mechanismen vorhanden. Zuletzt 2 Wendeltreppen, eine im inneren Zentrum des Turms und eine an der Außenseite. Der innere Aufgang diente auch als Ableitung der Energien nach oben in den Himmel und war aus Sicherheit regelmäßig nicht zugänglich, die äußere Treppe diente normalerweise als Auf- und Abgang. Anadar sahs im Schneidersitz, das Gesicht der aufgehenden Sonne entgegen und sprach die notwendigen Zauber zum Auffrischen des arkanen Schutzes sowie diejenigen die er zur Vorbereitung braucht, vor dem kommenden Duell. Sein Schwert ruhte auf seinen beiden Knien, während er es mit Zaubern lud welche er eventuell heute verwenden wollte. Shara sahs neben ihm und machte es ihm gleich. Beide versunken in Meditation und Konzentration. Die ersten Sonnenstrahlen trafen Anadars Gesicht und wärmte es, er war bereits fertig, genoss aber noch die Ruhe und die Wärme. Er war vollständig im Gleichgewicht. Er hörte wie Shara aufstand, er ließ seine Augen noch geschlossen, er wusste, dass es sie reizte. Als er den Moment für geeignet hielt öffnete er die Augen und blickte fest in die grün-grauen Augen der über ihm stehende Frau. „Los“ flüsterte er. Sie sah ihn aufstehen und er lächelte sie an. Beide stiegen den äußeren Treppengang schweigend hinab. Beide wohl ihre Strategie durchgehend. Im Erdgeschoß angekommen sperrten sie den mittleren Aufgang, beide gingen davon aus, dass das Duell eher heftig wurde. Dann ging es weiter in das größte aller Gewölbe. Der Boden waren mit weißem Marmor gedeckt, die Wände bestand aus schwarzen Steinen, jede paar Steine war eine phosphoreszierende Platte eingelassen, die grünliches Licht von sich gab. Die Decke war gewölbt und ebenfalls schwarz, gestützt wurde das Gewölbe von insgesamt 6 Säulen, auf jeder Seite drei. An jeder Seite dieser Säulen brannte eine Fackel rußlos. Auch an der Decke waren phosphoreszierender Platten eingelassen. Insgesamt war es relativ düster. Aber Licht oder eine helle Beleuchtung war in diesem Gewölbe überflüssig. Beide waren für Dunkelheit gerüstet. Shara blieb am Eingang stehen, Anadar lief ohne innezuhalten oder zu stocken zur anderen Seite des Gewölbes. Beide schwiegen immer noch. Am Ende des Raumes angekommen drehte sich Anadar langsam um seine Achse, da fing es auch schon an. Eine grelle heiße Feuerwand lief auf ihn zu. Er konnte die brutale Hitze in seinem Gesicht spüren. Wäre er nicht durch eine Steinhaut geschützt gewesen er wäre auf der Stelle geschmolzen. Das war also der Beginn. Er war vorbereitet mit einer lässigen Handbewegung ließ er seinen Willen frei und die Feuerwelle teilte sich und umlief ihn beidseitig. Im letzten Moment sah er sie und nur ein reflexartiger Sprung auf den Boden rettete ihn vor den Baumlangen spitzen Eisspeeren die schnell auf ihn zuflogen. „Das hast du nicht kommen sehen?“ schallte es von der anderen Seite. Als die Eisgeschosse an der Wand hinter ihm mit lautem Getöse zerschellten. “Nein, das kam überraschend. Netter Trick!“ Er stand auf und wischte sich mit übertriebener Gestik den Dreck von der Kleidung. Beim letzten wisch entfuhren seinen beiden Händen Flammenpeitschen und fuhren blitzschnell auf Shara zu. Eine schlug Richtung ihres Halses welche sie mit einem Kraftfeld rasch abwehrte, die zweite jedoch fand ihr Ziel und umschlang ihre beiden Beine. Er zog, sie fiel. Er ließ die Peitsche los und stürmte auf sie zu, in der Mitte der Halle sprang er ab, unterstützt durch einen Windzauber stieg er nach oben und materialisierte seinerseits einen Eisdolch in seine Hand als er auf sie herabstürzte. Sie kämpfte noch mit ihren Fessel als er schon beinahe bei ihr aufkam. Mühsam sprang sie auf, immer noch nicht von der Fessel ganz gelöst. Er stach auf sie ein, traf aber ins Leere. Plötzlich standen mehrere Abbilder von Shara um ihn, er hatte das falsche erdolcht. „Das war sehr knapp“ sagten die Abbilder aus einer Kehle. Sie hatte sich nun vollständig von den Fesseln gelöst. „Das ist neu.“ Anadar wusste, er schwebte in höchster Gefahr und löste sich auf. An der Stelle an der er gerade noch stand fuhr ihr Schwert durch die Luft. „Das auch“ sagten die Abbilder erstaunt. Vorsichtig schlich er aus der Gefahrenmitte heraus, er war nicht wirklich unsichtbar, das hat sie bestimmt sofort überprüft. Vielmehr hat er sich nur dem Hintergrund angepasst, dies ging im Dunkeln und mit gleichmäßigem Hintergrund ganz gut. Sie vermutete dies wohl und setzte einen Kältezauber ein und entzog der Umgebung die Wärme. Dies funktionierte zu gut, sein Atem verriet ihn. „Raffinierte Lösung“ sagte er, einige Meter von ihr entfernt stehend. Sein Atem kondensierte in der kalten Luft und er löste sich vom Hintergrund. „Das ist ganz nett, du hast dich nicht unsichtbar gemacht.“ Unsichtbarkeitszauber funktionierten bei Zauberern nicht, da sie alle auf eine andere Sicht wechseln konnten, instinktiv ohne großen Aufwand. Für normale Menschen reichte die Unsichtbarkeit, hier nicht. Er lächelte „Abbilder erschaffen, woher hast du das? Das hat mich überrascht? Aber es war deine letzte Verteidigungslinie, oder?“ fragte er sie mit einem Lächeln. „Ich hatte dich schon beinahe besiegt, wäre ich ein bisschen schneller gewesen nicht?“ „Pah“ eine gelbe Welle aus purer Energie schlug ihm entgegen. Er zog sein rasch sein Schwert und durchschlug durch die Energie so dass die Welle links und rechts von ihm herumwaberte. Seine schwarze Klinge glühte dunkel und surrte als sie die Energie absorbierte. „Zeit aus der Defensive zu kommen.“ dachte er sich. Er stampfte auf und eine Schockwelle lief auf die Abbilder zu. Die Marmorplatten hoben und senken sich, dabei brachen einige unter dem Druck. Nur eines der Abbilder fiel, genau das braucht er, ein Feuerball zuckte aus seiner linken Hand in Richtung der Gefallenen und explodierte beim Einschlag hell. Jedoch war das weitere Ergebnis ein anderes als das was er erwartet hatte. Aus dem Einschlag bildete sich eine Windhose bestehend aus Feuer die sich schnell drehend auf ihn zubewegte, Blitze zuckten in ihrem inneren und je näher sie ihm kam desto schneller drehte sie sich und desto größer wurde sie. Anadar lief der Schweiß von der Stirn als er sich konzentrierte. Die Feuerhose schlug auf ihn ein er konnte die Zerstörungskraft spüren als sie an ihm riss und zerrte jedoch hielt sein Schutz stand. Der Angriff wobte und tobte an ihm, er musste stillhalten, seine ganze Konzentration galt dem standhalten. Nach unendlich langer Zeit ließ die Kraft des Angriffs nach, er schnauft und blickte sich um. Da sah er sie auch schon, sie stand in einiger Entfernung und konzentrierte sich auf eine schwarze Kugle vor sich. Sie blickte ihn an und lächelte Siegesgewiss als sie ihren finalen Zug freisetzte. Eine riesige schwarze Fratze raste auf ihn zu „Drachenfeuer“. Er war immer noch gefesselt von der Windhose. Er wusste was das bedeutete, der schwarze Energiedrache traf ihn hart, mit voller Wucht, er wurde zu Boden gedrückt, er hatte sich kaum von ihrer Windhose erholt. Er konnte ihr lautes Lachen hören. Sie kam näher, er kämpfte immer noch einen aussichtlosen Kampf mit dem Drachen. Sie stellte sich über ihn und senkte ihr Schwert in Richtung seinem Hals. „Gebt ihr auf Alter Mann, Meister der 6 Schule?“ fragte sie amüsiert. Anadar schwieg. „Nun gut“ sie holte aus und schlug zu.
Nur um zu fallen. Sie waren wieder oben auf dem Turm oder vielmehr hatten sie sich noch gar nicht hinunterbegeben, kaum eine Sekunde war vergangen als er neben ihr aufgestanden war. Anadar stand nun über ihr, sein Schwert direkt an ihrer Kehle, und lächelte sie an. Sie war beinahe komplett bewegungsunfähig, so sehr sie es auch versuchte. „Gebt ihr auf, Schülerin?“ Sie hatte ihr Schwert beim Fallen aus der Hand verloren. „Wie?“ „Das war hier nicht die Frage, junge Dame!“ „Ja“ zischte sie zerknirscht „lass mich frei!“. Anadar lachte, er war zutiefst amüsiert, in seinen Augen spiegelte sich sein pures Vergnügen wieder. „Drauf freue ich mich nun schon seit einem Jahr.“ lachte er und streckt ihr die Hand hin um ihr beim Aufstehen zu helfen, sie konnte sich wieder bewegen, ohne Einschränkungen, die Paralyse war verschwunden. „Wie….? Was ist da passiert?“ stotterte Sie. Er hatte sie getroffen, zutiefst verstört. „Das war nicht real? Aber es fühlte sich so an. Habt ihr die Zeit verändert? Es ist keine Sekunde vergangen.“ Diese Möglichkeit hatte er noch gar nicht in Betracht gezogen. „Mit der Zeit?“ murmelte er „ich kenne keinen der die Zeit manipulieren könnte. Wie würde man das anstellen wollen? Dazu müsste man, er versuchte es sich vorzustellen. Das geht nicht?“ schloss er, fasziniert von der Vorstellung. „Nun sag schon wie hast du das angestellt?“ fragte sie nochmal neugierig. Anadar lächelte „ich bin in deinen Geist eingedrungen“ Sie hörte seine Stimme, aber sah nicht seine Lippen bewegen. „So wie jetzt, dann habe ich dich machen lassen. Du hast dich in deiner gedanklichen Realität bewegt, deswegen musste ich wenig machen. Vor allem musste ich dich nicht von etwas überzeugen. Du dachtest das alles real war. Hätte ich dich zu mir geholt hätte das vermutlich nicht funktioniert, dazu bist du zu… mh klug.“ Nun wechselte er wieder zu seiner Stimme „Das sind so kleine Tricks die man lernt in der Schule des Geistes“ er zwinkerte. „Nehmt ihr in meinem Geist alles war? Kennt ihr alle meine Geheimnisse?“ Er lachte „ Nein so ist das nicht, eher nehme ich die Gedanken wahr die du gerade denkst. Nicht was du weißt oder erlebt hast. Es ist ein bisschen so als ob du mit mir sprechen würdest, nur denken wir visuell nicht in Worten, oder? Zumindest manchmal“ Es war schwierig das Ganze in Worte zu verfassen und ihr begreiflich zu machen. Auch weil jeder eine Herangehensweise ans denken hatte und beide nun wahrlich nicht dieselbe Person waren. „Aber sag mir“ fragte er „ woher hast du die Phantome her? Ich weiß nicht wo du das gelernt hast ? Bzw. von wem? Das ist ein Zauber der wird hier nicht geleert.“ „Morgut“ antwortete sie. „Schon wieder der Name.“ Anadar machte sich geistig eine Notiz den jungen Mann noch heute seine Aufwartung zu machen.
3
Die Zeit verstrich schnell, es waren schon einige Wochen seit seiner Rückkehr vergangen und schon war er wieder in den Routinen gefangen. Lehre und Ausbildung der Magier und Forschung, die eigene Weiterbildung. Unterbrochen von dreimal die Woche Abendessen bei Dekan Rotsch und natürlich den immer anwesenden Frantor. Mittlerweile hatte Anadar wieder einen eigenen Turm bezogen und Morgut zu sich geholt. Der junge Magus war außerordentlich talentiert was Zauber anging, auch die Feuerzauber. Vor allem konnte er so die Zauber des Lebens unter Anleitung wiederholen. Übung, Übung, Übung. Shara war immer da und wich ganz selten von seiner Seite, er vermutete, dass sie mittlerweile eine Kammer in seinem Turm bezogen hatte, er vergaß sie aber immer wieder sie zu fragen. Es störte ihn auch nicht, dass sie da war, im Gegenteil wenn er nicht wusste wo sie war, war er eher gereizt, wie auch schon Morgut spitz bemerkte. Die drei waren sehr oft im obersten Stockwerk über den Büchern und Schriften gebeugt und experimentierten. „Schaut Meister Anadar, hier“. Morgut zeigte ihm eine Passage in einem Lehrbuch des Lebens „schaut auf diese beide Passagen.“. Anadar schaute sich die Stellen an „Und dann hier, der Spruch für das Vergessen, diese Passage im Buch der Sandas. „Ja die Passagen sind beinahe identisch, ihr meint eine Kombination sei an dieser Stelle möglich?“ „Ja!“ sagte Morgut. Er hatte recht dachte sich Anadar, ihm waren die Zauber des Lebens nie leicht gefallen, für ihn war die Logik bzw die Grammatik dahinter immer sehr schwierig. Die verschiedenen arkanen Sprachen/Schulen hatte sicherlich denselben Ursprung, schließlich ist das verschriftlichen auch nur eine Form des Antiquierens, die Basis dahinter ist der magische Wille, das Wort ist nur die gelenkte Realisierung der Gedanken. „Was passiert wenn ich es mache?“ fragte er. „Wenn ihr die beiden Passagen für die Geistheilung sowie diese Passage des Vergessens kombiniert, könnte ihr euch exakt an das zurückerinnern was ihr hier“ Morgut deutete auf eine Textpassage „einfügt!“. „Was denkt ihr wie ich mir die meisten Texte so gut merken kann.“ „Wann seit ihr drauf gestoßen?“ Morgut lachte, „Schon vor längerem. Es dauerte dann noch bis ich es verstanden hatte, der Effekt ist ja invasiv und man muss den Zauber schon zur richtigen Zeit anwenden.“ Anadar setzte sich hin und begann die Passagen in der richtigen Reihenfolge herauszuschreiben. Shara lachte. „Hör auf!“ zischte er. Als er fertig war ging er zu einem weiterem Schriftstück, um dann wieder zurück um den Spruch auf seinem Pergament zu überprüfen. Er hob es hoch. „Ist das eine 5 oder ein S?“ fragte Shara. „das ist, Moment…..“ seine Handschrift. „Das ist eine 5, hier“ er deutete auf das Schriftstück „Hier das ist die Ecke, eindeutig zu erkennen. Hör auf mich zu verunsichern.“ Die beiden anderen kicherten, es bereitete ihnen Spaß den großen Magus, Meister der 6 Zirkel, zu foppen. Anadar brachte das Pergament zu einem anderem Schreibpult, bzw wischte er das Zeug das darauf lag ungefragt runter „Das war eures Shara? Tut mir leid.“ und legte das Pergament ab. Dann beugte er sich darüber und lächelte als er ihren lauten Protest wahrnahm. „Was macht ihr eigentlich hier? Habt ihr nicht einen eigenes Studierzimmer, an dem ihr eurer Geraffel ablegen könnt?“ Es klopfte an der Tür, Anadar war verwirrt „Ja? Herein“ Eine stark schnaufende Gestalt trat ein. „Meister Anadar“ „Ja?“ „Meister Anader, Herr?“ „Ja, Schüler Kandit, der bin ich, was ist Euer begehr?“ Der Angesprochene richtete sich zu voller kleiner Größe auf „Herr, wir ähm, wir warten auf Euch!“ empörte er sich „wir haben Unterricht.“ „Oh? Was für einen Tag haben wir heute?“ Anadar hatte die Zeit vergessen, das passierte ihm selten, eigentlich nie. Er wendete sich von dem Pergament ab, bedauernd und schritt ohne auf Kandit zu warten aus der Kammer, seinen Turm hinunter und hinüber zum Lehrturm und dort ins Klassenzimmer. Er fand seine Schüler in der 2ten Ebene, jeder an einem eigenem Pult sitzend. Einige in einem Schriftstück vertieft, andere sich mit den Nachbar unterhaltend. 12 an der Zahl, das 3 Jahr, er blickte auf die Uhr, er war nur ein paar Minuten zu spät. „Kandit war ein kleiner….. ach aus ihm wird bestimmt mal ein guter Erbsenzähler,“ dachte sich Anadar „Es wird an der Zeit die Jungen Herren zu fordern.
„Meine Herren“ sagte er und blickte in den Raum. Kandit kam nun auch in den Raum, er hatte ihn wohl die Stufen hoch abgehängt. „Der Junge sollte ein bisschen flotter sein! Macht er seine Leibesübungen gewissenhaft?“ fragte er sich. „Meine Herren“ begann er erneut „heute stelle ich Sie vor eine Herausforderung.“ Anadar begann den Zauber zu weben. „Die Herausforderung ist die Folgende, der Raum wird durch ein Kraftfeld verschlossen, sie darin eingeschlossen, das durchdringen erfordert Geschick und Durchhaltevermögen. Zusammenarbeit ist nicht verboten. Wer hinauskommt hat die restliche Zeit frei und darf sie für persönliche Angelegenheit verwenden“ Er bewegte sich rückwärts in Richtung Tür während er den Zauber beendete. „Ich wünsche viel Erfolg!“ Er ließ staunende Gesichter zurück und fragte sich wieviel von den Schülern wohl noch bei seiner Rückkehr am Abend da sein würden. Die Aufgabe war ohne Zweifel knifflig, gespannt war er auf die Lösungsansätze. Er hatte sich Ruhe verschafft. „Manchmal kann es so einfach sein.“ Er ging zurück in sein Studiergemach, fand die beiden noch vor, die ihn ein bisschen verwundert anschauten. Er zuckte mit den Schultern „Kraftfelddurchdringung mittels Selbststudium! Die Studenten verlassen sich immer viel zu sehr auf ihr auswendig gelerntes und vorgekautes. Nachplappern kann jeder, darin sind sie alle gut. Wird Zeit Sie ein bisschen zu fordern.“ Er widmete sich wieder seinem Pergament, er wollte das nun unbedingt ausprobieren. Er konzentrierte sich und begann den Spruch zu lernen. Die Worte formten den Kanal in dem die arkane Energie zu fließen hatte, unterstützt durch gewisse Gesten. Und es funktionierte, er prägte sich den Spruch ein. Viele Zauber sind zumeist so komplex, dass sie ohne schriftliche Vorlage kaum zu merken sind. Natürlich gab es StAnadardsprüche die jeder Schüler so oft wiederholte, dass er sie zu jeder Zeit anwenden konnte, jedoch nicht alle. Anadar wählte einen relativ komplexen Zauber des Lebens, welchen er nie ohne Vorlage verwenden würden könnte. Als er fertig war, rollte er das Pergament zusammen und tatsächlich, er war da, im Bewusstsein, vollständig, abrufbar und präsent wie der eigene Name. Er blickte Morgut in die Augen, dieser lächelte ihn an. „Das ist…., das ist….., wow! Kann ich dann noch variieren?“ fragte er den talentierten Schüler, beantwortete sich die Frage jedoch umgehend selber „ja kann ich.“ Kurze Pause „Unglaublich!“ Morgut lächelte „Ja, das ist unglaublich, nicht wahr?“ Anadar hatte sich schon umgedreht und schrieb sich den Erinnerungszauber erneut raus, diesmal fügte er den Erinnerungszauber selbst ein. Morgut lachte „Darauf bin ich erst nach einem Jahr gekommen.“ Anadar blickte ihn wieder an. „Wollt ihr mir sagen, dass ihr intelligent genug seid einen Erinnerungszauber aus zwei verschiedenen Schule zu konstruieren, welcher funktioniert und eine enorme Erleichterung darstellt, aber nicht daran denkt Euch diesen Spruch selber einzu-äh…..“ Er suchte das richtige Verb „…geistig einzugravieren?“ „Nun, ja“ begann Morgut „wie soll ich es sagen? Nun, mh nein“ antwortete er verlegen „Ich dachte nicht daran und war mir auch nicht ganz zu 100 % sicher ob es funktioniert. Es ist auch ein bisschen umständlich……“ „ nicht so umständlich, wie sich das ganze immer wieder herauszuschreiben, oder? Unterbrach ihn Anadar, lachend. Beide lachten nun. Shara hatte sich mittlerweile das erste Pergament gebeugt, ihre Stirn lag in tiefen Falten als sie sich darüber beugte. „Ich kann das nicht lesen, mir fehlt das Verständnis dazu.“ Gab sie unwillig zu. „Verständlich, Euch fehlt zumindest die Grundausbildung der Lebensschule, diese Sprache ist sehr kompliziert und weicht doch arg von den Elementarschulen ab.“ brummte Anadar „Geistlehre wäre natürlich auch von Vorteil, wobei die Phantome habt ihr auch gelernt, nicht wahr?“ Und erinnerte sich dabei an das Duell als Shara überraschend Duplikate von sich erstellt hatte. Sie zischte bejahend und war bereits in Gedanken im Manuskript versunken. Er kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie ehrgeizig genug war den Spruch zu beherrschen. Wenn sie nicht weiterkam würde sie Hilfe erbeten, vielleicht nicht von ihm, sondern zuerst von Morgut, oder einem anderen Absolventen der jeweiligen Schule. Wahrscheinlich würde sie erst die Schule meistern bevor sie in zu Rate zog, schloss er.
Am Abend, nachdem er sich viele komplexe Zauber, die ihm normalerweise nicht ohne gewissenhafte Vorbereitung gelangen, eingravierert hatte, machte er sich hinüber zurück zum Lehrturm. Seine Laune war äußerst vergnügt, das änderte sich auch nicht als er zum Klassenzimmer kam. Er blickte kurz hinein. Von den 13 Schülern waren noch 10 im Raum. Frustration und Müdigkeit bis hin zu Resignation war in ihren Gesichtern zu lesen. Er überlegte kurz ob er das Experiment bis zum morgen verlängern sollte, war sich aber sicher, dass von den Anwesenden wohl keiner mehr raus kam. Die 3 Studenten die aus dem Raum gekommen waren saßen im Flur davor. Beinahe bis an die Grenzen erschöpft in sich zusammengesunken. „Ihr habt morgen den Tag frei, ihr könnt euch von den Strapazen erholen, jedoch hätte ich gern am darauffolgenden Tag eine Zusammenfassung, wie es Euch gelungen ist das Kraftfeld zu überwinden, vorgetragen vor Eurer Klasse. Einen schönen Abend.“ Er schritt weiter in den Raum, dabei löste er das Kraftfeld auf. „Nun zu Ihnen. Wie ich es interpretiere, haben Sie sich nicht genug angestrengt, meine Herren. Sie dürften noch viel Energie haben, ich schlage vor, dass wir uns morgen früh bei Sonnenaufgang unten an der Landzunge treffen, für einen ganzen Tag körperliche Ertüchtigung. Er hörte empörtes Japsen, er musste nicht hinsehen um zu wissen von wem es kam. „Es wird Zeit, dass sie bereit sind mehr Disziplin aufzubringen. Einen schönen Abend auch Ihnen.“ Anadar schritt vergnügt und äußerst zufrieden von dannen. Er würde sich nun ein bisschen mehr Zeit für seine Studenten nehmen können und das wird ihnen nicht gefallen, aber sie werden es ihm irgendwann danken. Heute war ein guter Tag, er hatte sich einen Weg erarbeitet mit dem er viel Zeit sparen konnte.
4
Die Zeit verging, sogar aus seinen Studenten im 3 Jahr machte er mittlerweile brauchbare Magier. Sogar Kandit hatte abgenommen und an Leistung und Einsatz zugelegt. Anadar hatte sichtlich Spaß daran den Fortschritt zu beobachten, wohlwissend, dass er maßgeblich dafür verantwortlich war. Der Sommer war nun im vollen Gange und bald war die Magierkonklave, das wichtige Treffen der Schulen. Gelegenheit aller sechs Dekane um sich untereinander auszutauschen. Seit Wochen gab es bei den Abendessen im Turm des Dekans wenig anderes als dieses Thema zu Besprechen. Wie immer war Frantor anwesend und immer wieder einer der anderen Meister. Widerwillig musste Anadar zugestehen, dass er so einen Überblick über alle Dinge und Geschichten in der Fakultät bekam. Natürlich war seine Umgang mit den Schülern des dritten Jahres auch Thema. Am Anfang war es Empörung aber der laufende Fortschritt rung den anderen mittlerweile Anerkennung ab. An einem weiteren Abendessen, an dem nur Dekan Rotsch, Frantor und er selber teilnahm, wurde wieder die bevorstehende Konklave thematisiert. Frantor hielt einen seinen langatmigen und umständlichen Monologe, als er von Dekan Rotsch beinahe jäh unterbrochen wurde. „Meister Anadar, die anderen Schulen haben mir bereits die Liste der Elementarstudenten geschickt die Feuer erlernen möchten. Wie erwartet, sind es auch dieses Mal nicht sehr viele.“ Feuer war nicht sehr beliebt bei den anderen Magier bzw Schulen, da das erlernen nicht ohne körperlicher Anstrengung und Schmerzen von statten ging. „Eins ist jedoch neu, wir bekommen zehn Studenten von der Schule des Geistes. Das sind soviel wie die letzten 50ig Jahre zusammen. Habt ihr was damit zu tun? Beziehungsweise wisst ihr was darüber? Ihr wart der letzte von uns der in Zoordak wart.“ Die Zahl überraschte Anadar selber „Zehn? Das ist sehr viel, genauso viel wie von den Elementarschulen zusammen.“ Sagte er „Und vermutlich die gesamte Anzahl der momentanen Schüler des Geistes“ schloss er in seinem Geiste verwundert. „Nun“ begann Dekat Rotsch „Insgesamt bekommen wir 25 neue Studenten, gewöhnlich waren es die letzten Jahre zwischen acht und zwölf. Ich möchte Euch bitten Meister Anadar, da ihr die Schule Leben und Geist gemeistert habt und mit der Ausbildung vertraut seid, würdet ihr euch bereit erklären die Ausbildung der Studenten zu übernehmen?“ Es klang wie eine bitte, war es aber nicht. „Insgesamt sind es 13 Studenten.“ Frantor schwieg dazu und beobachtete Anadar, die Arme über seinen dicken Bauch gefaltet, ein süffisantes, billigendes Grinsen aufgesetzt. „Natürlich werde ich das sehr gerne übernehmen.“ Nach einer kurzen Pause setzte er nach“ Wie verhält es sich mit der Ausbildung der eigenen Schüler? Ich würde die gern fortsetzten, Dekan Rotsch.“ Er fühlte einen kleinen Stich und fühlte als ob ihm was weggenommen werden würde. „Natürlich, Meister Anadar, ihr Beitrag ist unschätzbar.“ Beruhigte ihn Rotsch, der Dekan lächelte verlegen „Ehrlicherweise hatte die Ausbildung mittlerweile ein bisschen an Qualität verloren und sie haben die Zügel wieder angezogen.“ Beendete er seinen Satz. „Ich würde dazu natürlich Hilfe willkommen heißen. Meister Shara und Schüler Morgut wenn ich wählen dürfte.“ Dekan Rotsch lächelte zustimmend während Saltor den Nachtisch brachte. Der Abend war nur warm, die willkommene Abkühlung nach einem weiteren sehr heißen Tag an der Feurigen Feste. Es wehte sogar eine leichte Brise vom Meer her. Das Dinner war beendet, Satlor räumte bereits den Tisch ab, das Gespräch hatte eine Pause genommen. Anadar trat hinaus auf den Balkon und blickte in die Nacht. Er spürte sofort ihre Anwesenheit, sie ließ sich noch einen Moment Zeit bevor sie sich Bemerkbar machte. Eine schimmernde Gestalt bewegte sich in sein peripheres Sichtfeld. „Mutter!“ Er freute sich ihre Gegenwart zu spüren, ein wohliges Gefühl überkam ihn und sofort fühlte er sich zurück in seine Zeit in Zoordak zurückversetzt. Natürlich wusste er, dass sie ihn Manipulierte. Das war die Eigenart und sie war so geschickt darin, dass sich keiner dagegen wehren konnte. Darin hatte sie lebenslange Erfahrung und tägliche Übung. Eine hell schimmernde Silhouette einer jungen schlanken Frau mit goldenem Haar schob sich neben ihm. Er wusste, dass die Frau nur in seinem Geist war und sonst niemand sie war nahm. „Anadar!“ Sie lächelte ihn an „ich vermisse Euch.“ Sein Herz sprang ihm beinahe aus der Brust er wollte dahinschmelzen, riss sich aber zusammen „Hört auf damit!“ Sagte er „das ist furchtbar, ihr wollt mir etwas bestimmtes sagen, oder? Und mir nicht den Kopf verdrehen wie einem verliebten Jüngling!“ Sie lachte glockenhell, seine Schmetterlinge im Bauch verschwanden und er konnte wieder klar denken. „Dagegen kann man sich nicht wehren Mutter, oder? Es ist so brutal wenn ihr in den Geist kommt und die Gefühle übernehmt.“ „Nicht wenn das Gegenüber so geschickt ist wie ihr, mein Freund. Mit ein bisschen mehr Übung und ich hätte keine Chance bei Euch.“ Versicherte Sie ihm „Ihr seid mittlerweile sehr gut darin Beeinflussung festzustellen.“ Sie stand ihm mittlerweile Gegenüber, da er an der Brüstung des Turmes stand würde das bedeuten, dass sie vor ihm schwebte. „Warum 10 Eurer Schüler bald auf dem Weg sind. Moment, es sind natürlich Schülerinnen.“ Er lachte als ihm das bewusst wurde, das würde für eine gewisse Aufregung sorgen. „Anadar, mein Freund, wir leben in interessanten Zeiten. Es ist besser vorbereitet zu sein.“
5
Der Spätsommer lag schwer über der Feurigen Feste, nicht mehr mit der erbarmungslosen Glut des Hochsommers, sondern mit jener trügerischen Wärme, die Müdigkeit mit sich brachte und die Sinne einlullte. Vom Meer her wehte ein schwacher Wind, gerade stark genug, um Salzgeruch über die Landzunge zu tragen und die Fahne am äußersten Ende der Halbinsel sichtbar flattern zu lassen, zu schwach jedoch, um wirkliche Abkühlung zu bringen.
Zwischen der Feste und der Landzunge lag das Aufmarschgebiet: eine breite, weitgehend ebene Fläche aus festgetretenem Stein und Erde, frei von Bewuchs und nahezu ohne Deckung. Von dort aus führte der Weg nicht in ein offenes, leicht zu überblickendes Gelände hinein, sondern in ein weites, unruhiges Mosaik aus Felsrücken, Senken, Buschwerk, Geröllfeldern und Waldstücken. Die Landzunge war leicht hügelig; sie brach Sichtlinien immer wieder ab, so dass man selten weiter als ein paar Dutzend Schritt sehen konnte. Wer hier marschierte, hatte das Gefühl, ständig um Ecken zu gehen, selbst dann, wenn er geradeaus lief.
Am Ende dieser Halbinsel, dort wo der Fels in schroffen Zacken ins Meer abfiel, lag der vorgelagerte Inselstein. Er war nur über eine schmale natürliche Steinbrücke erreichbar, die bei ruhiger See trocken blieb. Auf dem Inselstein stand die Halterung, und an ihr wehte die Fahne , dunkelrot, schwer, beinahe unbeweglich in der warmen Luft. Ein Ziel, das einfach wirkte, wenn man es aus der Ferne betrachtete. Und genau deshalb war es gut gewählt.
Anadar stand am Rand des Aufmarschgebietes, die Arme locker vor der Brust verschränkt. Neben ihm Shara, aufrecht, aufmerksam, den Blick bereits auf das Gelände gerichtet, als würde sie die Linien und Kanten der Landschaft wie Schriftzeichen lesen. Morgut hielt sich etwas abseits, still wie immer, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und betrachtete die versammelten Angreifer nicht so sehr mit Blicken, sondern mit einem Ausdruck, der eher an Zuhören erinnerte. Die Schüler der ersten, zweiten und vierten Ebene sammelten sich in geordneten Reihen. Manador, Meister vom 4ten Rang und Lehrer der 4 Ebene, klein, drahtig, von jener arroganten Energie erfüllt, die sich gern mit Disziplin verwechselt, trat als Erster vor. Meister Loon stand neben ihm, sympathischer, gelassener, das Lächeln kaum aus dem Gesicht zu bekommen ,ein Mann, der stets so wirkte, als könne er jederzeit aus einer Situation herausgehen, selbst wenn er mitten in ihr stand.
Bevor das Manöver begann, ging Anadar noch einmal an seiner eigenen Gruppe entlang. Nicht um zu kontrollieren, sondern um das Ritual zu würdigen. Denn was sie gleich tun würden, war kein echtes Gefecht, und doch war es mehr als ein Spiel. Einen Zauber der einem eine Art Steinhaut verlieh murmelte einer der Dritt-Ebene-Schüler vor sich hin, als Anadar an ihm vorbeiging, und das Wort klang nicht wie eine Beschwörung, sondern wie ein innerer Griff nach Halt. Anadar nickte. Er hat sich selbst, mit dem Schutzzauber belegt, nicht sichtbar, aber deutlich, wie eine zweite, feste Haut, die den Körper enger machte und ihn zugleich beruhigte. Eine Gewissheit, dass der Stein einen Schlag nimmt, den das Fleisch nicht nehmen sollte.
Shara zog ihre Klinge, ließ sie einen Moment lang in der Luft ruhen, und Anadar sah, wie sich der Geistzauber über die Waffe legte. Es war kein Leuchten, kein Effekt, der beeindrucken sollte. Eher eine Abwesenheit. Die Klinge wirkte plötzlich weniger real, als würde sie ein wenig aus der Welt herausrutschen. „Ich finde es immer wieder faszinierend“, sagte Shara, leise genug, dass nur er es hörte, „wie sehr diese Waffen nach Macht aussehen und wie harmlos sie in Wahrheit sind.“
„Harmlos“, wiederholte Anadar. Er blickte sie kurz an. „Sie sind nicht harmlos, es sind immer noch dieselben Waffen, nur in einer anderen Ebene“ Shara hob eine Augenbraue. „Und trotzdem wird man getroffen.“ „Genau darum geht es“, sagte Anadar. „Um das Getroffenwerden. Um das Ausscheiden.“
Er machte eine kurze Pause, während auf der Ebene die letzten Vorbereitungen liefen. „Und um das Verbot“, ergänzte Shara, als würde sie den Satz zu Ende denken. Anadar nickte. „Keine Zauber.“ Sie verzog den Mund, als wolle sie widersprechen, tat es aber nicht. „Du weißt warum“, sagte er ruhig. „Wenn sie zaubern dürften, würden sie zaubern. Immer. Aus Reflex. Aus Angst. Aus Stolz. Dann würde das hier zu einem Wettbewerb der Schulen werden – und nicht zu einem Manöver.“
„Und du willst, dass sie kämpfen wie Soldaten“, sagte Shara, „nicht wie Magier.“ „Ich will, dass sie führen lernen“, antwortete Anadar. „Führen kann man nicht, wenn man jede Unsicherheit mit Magie zudeckt.“ Morgut, der näher getreten war, sagte leise: „Magie ist oft die bequemste Abkürzung.“ Anadar sah ihn an und nickte zustimmend. „Und Abkürzungen bringen einen selten ans Ziel.“
Der Angriff begann kurz nach Sonnenaufgang.
Rund sechzig Angreifer setzten sich in Bewegung: Schüler der ersten, zweiten und vierten Ebene, angeführt von Manador und Loon. Die Ordnung war klar, die Rollen verteilt. Schüler der vierten Ebene führten und gaben Befehle; die niedrigeren Ebene folgten. Es wirkte sauber, effizient, kontrolliert. Die ersten Kontakte ließen nicht lange auf sich warten.
Kleine Scharmützel, scheinbar unkoordiniert. Einzelne Verteidiger tauchten aus dem Wald auf, griffen an, zogen sich zurück. Kurze Zusammenstöße, schnelle Klingen, kalte Züge durch Körper. Immer wieder dieses charakteristische Gefühl, wenn eine geistbelegte Klinge durch einen hindurchglitt: kein Schmerz, kein Schnitt, nur ein plötzlicher, unangenehmer Kälteschauer – und dann der Moment, in dem die Muskeln nicht mehr gehorchten, als hätte jemand die Drähte im Innern kurz gelöst. Wer getroffen wurde, fiel nicht blutig. Er erstarrte.Und schied aus wenn die Klinge zu tief traf.
Die ausgeschiedenen Schüler wurden von den übrigen umgangen, so wie es der Manöverkodex gebot. Es gab keinen Versuch, sie zu „retten“, keine Heldenaktionen. Das war schwerer, als es klang. Gerade die jüngeren Ebenen hatten oft den Instinkt, stehen zu bleiben, zu helfen, sich umzudrehen. Heute taten sie es kaum, und genau das gab ihnen jene trügerische Sicherheit, die Anadar beabsichtigt hatte. Denn die Scharmützel endeten stets zugunsten der Angreifer. Die Verteidiger wichen, gaben Raum frei, ließen sich zurückdrängen.
Manador nahm das zufrieden zur Kenntnis. Loon ebenfalls, wenn auch mit mehr Aufmerksamkeit. Der Vormarsch wurde schneller, entschlossener, weniger vorsichtig. Es war der Moment, in dem aus Bewegung Übermut wurde. Anadar beobachtete das Geschehen aus der Distanz. „Genau so“, murmelte er. „Lasst sie glauben, sie kontrollieren den Weg.“ Shara sagte nichts, aber ihr Blick verriet, dass sie den Punkt erkannte: Man konnte Menschen kaum schneller in eine Falle führen, als indem man ihnen vorher zeigte, dass sie gewinnen.
Sondas war überzeugt, dass sie das Schlimmste hinter sich hatten, als er den Übergang zur vorgelagerten Felseninsel erreichte. Die vorherigen Gefechte waren kurz gewesen, kontrollierbar. Die Verteidiger hatten nachgegeben, waren ausgewichen, hatten keinen geschlossenen Widerstand gezeigt. Für Sondas fügte sich das Bild: ein harter Kern, der nun brach. Er war schnell gewesen, wie es seine Ebene verlangte, und als Schüler der vierten Ebene war es seine Aufgabe, voranzugehen, nicht zu zögern.
Er sprang als einer der Ersten über die schmale Steinbrücke, riss die Fahne aus der Halterung und hielt sie einen Moment lang hoch. Der Wind griff den Stoff, ließ ihn flattern. Für einen Herzschlag fühlte es sich an wie Triumph, wie das Ende eines Weges, den man sich verdient hatte. Dann drehte er sich um.
Das Geräusch war kaum hörbar, ein leises Sirren, fast wie ein Luftzug durch Spalten im Gestein. Der Pfeil glitt durch seinen Hals, ohne Schmerz, ohne Widerstand, und hinterließ nur Kälte. Seine Schritte wurden unsicher, als hätte sich die Welt um ihn herum minimal verschoben. Neben ihm erstarrte der erste Mitschüler der vierten Ebene, dann der zweite, dann der dritte.
Die Pfeile kamen aus dem Wald, aus Felsvorsprüngen, aus Winkeln, die es vorher nicht gegeben hatte – oder die er nicht wahrgenommen hatte. Kein Hagel im wilden Sinn, kein Chaos. Es waren gezielte Schüsse. Jeder Treffer saß, und jeder Treffer ließ eine kurze Paralyse folgen, so dass aus Bewegung abrupt Stillstand wurde. Sondas wollte Befehle geben, reagieren, die anderen zusammenrufen. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er sah, wie weitere Schüler der vierten Ebene fielen, reglos, ausgeschieden, nicht verwundet, nicht zerstört, sondern einfach… aus dem Gefecht genommen.
Die Fahne glitt ihm aus den Fingern und fiel ins flache Wasser. In diesem Moment begriff er. Die Scharmützel zuvor waren keine Schwäche gewesen.Sie waren Tarnung. Dann sank auch er zu Boden, die Augen noch auf die Fahne gerichtet, die der Wind langsam wieder in Richtung des Felsens trieb, von dem sie genommen worden war.
Mit dem Ausschalten der vierten Ebene brach die Struktur der Angreifer zusammen. Anadar ließ nun den eigentlichen Plan greifen.
Gezielte Angriffe, immer wieder, aus wechselnden Richtungen. Kein Versuch, die Fahne dauerhaft zu erobern, kein großer Zusammenstoß, der heldenhaft ausgesehen hätte. Stattdessen systematisches Ausschalten einzelner Trupps, ständiger Druck auf den Fahnenträger, Unterbrechung jedes Rückzugs. Die geistbelegten Klingen glitten durch Körper, hinterließen Kälte, Paralyse, Ausscheiden – und das war schlimmer für die Moral der Angreifer als jeder Schmerz, wer getroffen war, war raus, und jeder sah es. Überzahl half nicht.Bewegung wurde Unsicherheit, Eigeninitiative fehlte. Das Manöver zog sich über einen halben Tag. Als die Sonne tiefer stand, wehte die Fahne wieder auf dem Felsen am Ende der Landzunge. Kaum ein paar hundert Meter hatte sie sich insgesamt bewegt. Die Angreifer waren nahezu vollständig aufgerieben. Die Verteidiger hatten nur minimale Verluste.
Anadar versammelte seine dreizehn Schüler im Schutz eines Felsrückens. Sie standen staubig da, müde, aber aufrecht, und in ihren Gesichtern lag etwas, das nicht Triumph war, sondern Klarheit.
Er ließ sie erst zur Ruhe kommen, dann sprach er, und seine Stimme war ruhig, beinahe warm.
„Ich danke euch“, sagte er. „Nicht für den Sieg.“ Er sah in die Runde. „Sondern dafür, dass ihr diszipliniert genug wart, den Plan umzusetzen. Ohne Eile. Ohne Eigenmächtigkeit. Ohne den Wunsch, jemandem etwas beweisen zu müssen.“ Einige senkten den Blick. Andere nickten knapp. Man spürte, dass dieses Lob ihnen mehr bedeutete als jede laute Anerkennung.
„Warum haben wir gewonnen?“ fragte Anadar schließlich. Stille.
Dann sagte einer: „Vorbereitung.“Ein anderer: „Weil wir das Gelände genutzt haben.“Ein dritter: „Weil wir zusammengehalten haben.“
Anadar nickte, langsam. „Und weil ein Plan“, sagte er ruhig, „der verstanden und getragen wird, jede Überzahl schlägt.“ Der Wind vom Meer strich über die Landzunge, und für einen Moment war nur dieses Geräusch zu hören, das tiefe, gleichmäßige Atmen der Brandung. Anadar sah noch einmal zur Fahne. Ein gutes Manöver, dachte er.Und eine Lektion, die bleiben würde.
6
Der Turm des Dekans lag an diesem Abend in jenem Zustand wohliger Trägheit, den nur ein langer, erfolgreicher Tag hervorbringen konnte. Die Hitze des Spätsommers hatte sich in den dicken Mauern gesammelt, und obwohl die Fenster zur Brüstung geöffnet waren, drang kaum mehr als ein lauer Luftzug herein. Fackeln warfen ruhige, gleichmäßige Schatten an die Wände, und trugen zur wärme bei, und auf dem schweren Tisch aus dunklem Holz standen Krüge mit Wasser, Wein und eine Schale mit Brot und Salz.
Rotar saß am Kopf der Tafel, tief in seinen Stuhl gesunken, die Hände auf dem Bauch gefaltet, ein zufriedener Ausdruck in seinem Gesicht. Frantor hatte es sich ihm zur Rechten bequem gemacht, den Weinkelch bereits zum zweiten Mal nachgefüllt. Manador und Loon saßen nebeneinander, Anadar ihnen gegenüber, Shara leicht zurückgelehnt an der Seite, die Arme locker verschränkt. Saltor bewegte sich leise im Hintergrund, stellte Krüge ab, nahm leere wieder an sich, wie ein Mann, der alles hört, aber nur selten etwas sagt. „Ein gelungenes Manöver“, begann Rotar schließlich, die Stimme warm und getragen. „Sehr gelungen. Ich habe lange keine Übung gesehen, die mit solcher… Klarheit durchgeführt wurde.“ Er blickte zu Anadar. „Ihr habt eure Schüler gut vorbereitet.“
Anadar neigte den Kopf leicht. „Sie haben gut gearbeitet.“ Manador schnaubte leise, doch nicht spöttisch, eher resigniert. „Gut gearbeitet ist milde ausgedrückt. Ihr habt uns vorgeführt, Anadar.“ Loon lächelte schief. „Und das mit erschreckend wenig Aufwand.“ Anadar hob beschwichtigend die Hand. „Der Aufwand lag nicht im Manöver selbst.“ Er nahm einen Schluck Wasser, ließ den Blick kurz über die Runde gleiten, als wolle er sicherstellen, dass er verstanden wurde. „Ich habe den gesamten Spätsommer genutzt“, fuhr er fort, ruhig, sachlich, „um meine Schüler im Bogen- und Armbrustschießen auszubilden. Täglich. Nicht als Nebenübung, sondern als festen Bestandteil ihrer Ausbildung.“ Shara erlaubte sich ein kleines Lächeln.
„In der Nacht vor dem Manöver“, fuhr Anadar fort, „haben wir gezielt Armbrüste im Gelände verteilt. Versteckt. Gesichert. Nicht um Schaden anzurichten – sondern um Kontrolle auszuüben.“ Rotar nickte langsam. „Ihr habt also nicht reagiert, sondern gelenkt.“
„Genau“, sagte Anadar. „Die Scharmützel auf dem Hinweg waren bewusst gesetzt. Ablenkung. Bestätigung. Sie sollten glauben, dass sie den Widerstand brechen.“ Manador verzog das Gesicht. „Und wir haben es geglaubt.“ „Weil ihr führen wolltet“, sagte Anadar ruhig. „Nicht lesen.“ Loon lachte leise. „Ein schöner Satz. Bitter, aber schön.“
Die Stimmung blieb gelöst. Niemand fühlte sich angegriffen. Es war die Art von Gespräch, die nur möglich war, wenn alle Beteiligten wussten, dass sie Teil desselben Gefüges waren, auch wenn sie sich darin stritten. Rotar lehnte sich zurück und seufzte zufrieden. „So soll Ausbildung aussehen. Kein Feuerwerk. Keine Eitelkeit. Vorbereitung schlägt Überzahl. Das sollten sich manche Häuser merken.“ Er winkte ab, als Frantor etwas erwidern wollte.
„Apropos merken“, fuhr der Dekan fort, „in wenigen Tagen ist die Große Konklave. Und wir werden mehr zu besprechen haben als nur Ausbildungsfragen.“ Die Atmosphäre veränderte sich kaum merklich.Nicht schlagartig. eher wie ein Schatten, der langsam länger wurde und erster.
„Aus dem Norden erreichen uns beunruhigende Berichte“, sagte Rotar und faltete die Hände wieder auf dem Bauch. „Der Sommer war ungewöhnlich kalt. In manchen Regionen hat es kaum getaut. Die nördlichen Gebiete scheinen… unbewohnbar zu werden.“ „Barbaren“, warf Frantor ein, laut und verächtlich. „Sie kommen, plündern, ziehen weiter.“ Rotar hob die Hand. „Diesmal ist es mehr als das.“ Er sah in die Runde. „Mehrere Städte im Norden wurden überrannt. Nicht nur geplündert, übernommen. Es kam zu Kämpfen, zu Fluchtbewegungen. Ganze Bevölkerungen scheinen sich in Bewegung gesetzt zu haben.“ Shara runzelte die Stirn. „Völkerwanderung.“ „So nennen es die Chronisten“, bestätigte Rotar. „Und sie sind nervös.“
Loon legte den Kopf schief. „Das ist kein lokales Problem.“
„Nein“, sagte Rotar. „Und genau deshalb wird es Thema der Konklave sein. Wir müssen verstehen, was dort geschieht – und entscheiden, ob wir eingreifen.“ Frantor winkte ab. „Ach, der Norden war schon immer rau. Sie regeln das unter sich.“ Anadar sagte zunächst nichts. Er hatte den Blick gesenkt, als würde er die Worte abwägen. „Wenn ganze Städte fallen“, sagte er schließlich ruhig, „ist es kein Randproblem mehr. Wurdet ihr nicht auch vertrieben Frantor?“ Rotar nickte.
„Nebenbei“, fuhr der Dekan fort, als wolle er das Gespräch wieder in ruhigere Bahnen lenken, „stehen die Schüleraustausche an. Wer wohin geht. Welche Schule wen aufnimmt.“ Er blickte Anadar an. „Euer Bruder, Slonda, Bruder der Erde… man sagt, er sei aufgestiegen.“ Ein Hauch von etwas Undefinierbarem ging über Anadars Gesicht. Kein Lächeln, kein Stirnrunzeln. „Freut ihr euch ihn wiederzusehen?“ fragte Rotar neugierig. Anadar zögerte einen Moment. „Ich bin… gespannt“, sagte er schließlich. „Slonda und ich sehen die Welt unterschiedlich.“ „Das ist milde ausgedrückt“, murmelte Shara. Ein leises Lachen ging durch die Runde.
Saltor hatte sich bereits wieder dem Tisch zugewandt, füllte Rotars Becher nach, stellte Frantor einen frischen Krug hin, ohne dessen Blick zu suchen. Das leise Klirren von Keramik auf Holz mischte sich mit dem gedämpften Stimmengewirr, das durch die offenen Fenster von draußen hereindrang.
„Verzeiht, Magnifizenz“, sagte Saltor dabei, den Blick gesenkt, die Bewegung routiniert, beinahe beiläufig. „Es gab noch eine Anfrage. Aus Salbeen.“ Anadar hatte gerade ein Stück Brot abgebrochen. Er hielt inne, das Brot noch zwischen den Fingern, ohne es zum Mund zu führen. „Salbeen?“ wiederholte Rotar langsam und griff nachseinem Besteck. Er kaute bedächtig sein Stück Fleisch, als müsse er den Namen erst einordnen. Saltor nickte. „Der Müller wurde tot aufgefunden. Heute Morgen. Man sagt, es habe… keine sichtbaren Verletzungen gegeben jedoch wäre er ohne einen Tropfen Blut gewesen“ Frantor schnaubte leise und führte seinen Becher an die Lippen. „Bauern“, sagte er nach einem tiefen Schluck. „Wenn jemand tot umfällt, ist es gleich ein Wunder oder ein Fluch.“
Er lachte, während er sich ein weiteres Stück Fleisch auf die Gabel schob. „Kein Blut. Als ob sie wüssten, wie viel Blut ein Mensch überhaupt im Leib hat.“ Rotar verzog den Mund, sagte aber nichts. Er schnitt weiter, kaute, nickte langsam, als höre er mehr auf den Rhythmus des Gesprächs als auf die Worte selbst. Anadar hatte das Brot nun doch zum Mund geführt, erst nach einem Moment sprach er.
„Kein Tropfen“, sagte er ruhig. Nicht als Frage.Nicht als Einwand. Eher wie jemand, der ein Wort prüft.
Saltor nickte erneut. „So lautet die Aussage. Der Dorfälteste bat darum, ob man… nun ja… zur Klärung beitragen könne.“ Er räusperte sich. „In sehr einfachen Worten.“
Frantor winkte ab, noch bevor Anadar antworten konnte. „Natürlich bittet er darum. Wenn ein Ochse lahmt, rufen sie den Schmied, wenn ein Mensch stirbt, den Magier. Beides mit demselben Verständnis.“ Shara hatte bislang geschwiegen. Sie nahm einen Schluck Wasser, stellte den Becher wieder ab und sah Anadar von der Seite an. Ihr Blick war ruhig, aber aufmerksam. „Salbeen liegt vor der Feste“, sagte sie schließlich. „Nicht gerade am Ende der Welt.“ „Eben“, erwiderte Frantor. „Noch ein Grund mehr, nicht jedem Aberglauben hinterherzulaufen.“ Anadar legte die Hände langsam auf den Tisch. Er hatte aufgegessen, ohne es bewusst wahrzunehmen.
„Wer hat angefragt?“ fragte er. „Der Dorfälteste selbst“, antwortete Saltor. „Er war… sehr bemüht. Und sehr beunruhigt.“ Frantor lachte erneut, diesmal kürzer. „Beunruhigte Bauern sind nichts Neues.“ Anadar sah ihn an. Nicht scharf, nicht offen widersprechend. Einfach nur lange genug, dass Frantors Lachen versiegte, ohne dass er genau sagen konnte, warum. „Salbeen ist klein“, sagte Anadar schließlich. „Und abgelegen genug, um übersehen zu werden. Aber nah genug, um nicht ignoriert zu werden.“
Rotar hatte inzwischen aufgegessen. Er lehnte sich zurück, legte die Hände auf den Bauch und schloss für einen Moment die Augen. Er öffnete die Augen wieder und sah in die Runde. „Es scheint, als würden sich Dinge bewegen, die lange stillgestanden haben.“ Niemand widersprach. Draußen wehte ein stärkerer Windstoß vom Meer herauf, ließ die Fackeln kurz flackern. Für einen Augenblick klirrte eines der offenen Fenster leicht im Rahmen. Anadar stand langsam auf. „Ich werde mir Salbeen ansehen“, sagte er ruhig. Rotar nickte. Frantor zuckte mit den Schultern. Shara erhob sich ebenfalls, ohne ein Wort zu sagen. Saltor trat zur Seite, als Anadar an ihm vorbeiging, und senkte respektvoll den Kopf.
Als Anadar den Turm verließ, war der Abend noch warm.Doch die Luft hatte sich verändert. Und irgendwo, zwischen Meer, Wald und Stein, wartete etwas darauf, bemerkt zu werden.
7
Die Sonne hatte sich gerade erst über die Zinnen der Feurigen Feste geschoben, und der Hof lag noch im kühlen Halbschatten, jener kurzen Atempause zwischen Nacht und Tag, in der selbst Stein zu ruhen schien. Die Luft war klar, beinahe mild, und versprach einen ruhigen Spätsommertag. Es würde warm werden, aber nicht drückend. Kein Tag für Eile.
Anadar war bereits im Stall, als Morgut und Shara eintraten. Das Lederzeug hing ordentlich an den Haken, die Sättel waren vorbereitet, die Riemen geprüft. Zwei Packpferde standen ruhig angebunden, beladen mit leeren Kisten, Säcken und zusammengerollten Decken – ein sichtbares Versprechen dafür, dass man offiziell zum Großen Markt unterwegs war. Etwas abseits warteten Zintra und Konsdor, beides Schüler der 3 Ebene, die von Anadar erwählt wurden sie zu bekleiden. Beide wurden mit den guten Neuigkeiten am Morgen, vor Sonnenaufgang aus ihren Betten geholt. Mehr Aufregung als Unmut war in ihnen zu bemerken.
Zintra war klein und hager, fast sehnig gebaut, mit einer langen, schmalen Nase und wachen braunen Augen, die selten etwas übersahen. Sein braunes Haar trug er kurz geschnitten, pragmatisch, und er bewegte sich mit jener stillen Selbstverständlichkeit, die Menschen eigen ist, die gelernt haben, nicht aufzufallen. Er sprach wenig, hörte viel und stellte Fragen meist erst dann, wenn er bereits eine Antwort vermutete. Konsdor war das genaue Gegenteil. Ein gutes Stück größer, breit gebaut, mit kräftigen Schultern und Armen, die mehr an Lastenträger als an Schüler erinnerten. Sein schwarzer Bart war dicht, sein Haar ebenso, und wenn er sprach, lispelte er leicht, ein Umstand, den andere gern unterschätzten, der ihm selbst jedoch längst gleichgültig geworden war.
Saltor trat hinzu, den Umhang locker über die Schultern gelegt. Als Burgvorsteher hatte er den Überblick über alles, was die Feste betraf und über vieles, was sie verließ. „Zum Großen Markt also“, sagte er laut genug, dass es auch die Stallknechte hörten. „Dann wird es Zeit, dass ihr euch eindeckt. Die Preise für Getreide steigen, sagt man.“ „Salz & Gewürze“, warf Shara ein, während sie die Handschuhe enger zog. „Und Stoff. Die Vorräte sind erbärmlich.“ „Werkzeug“, ergänzte Morgut trocken. „Immer zu wenig, habt ihr uns die Liste Saltor?“ Anadar verstaute die ausgehändigte Liste in der Satteltasche und richtete sich auf. „Und Bücher.“ Saltor lachte. „Wenn ihr mit Büchern zurückkommt, weiß ich wenigstens, dass ihr wirklich dort wart.“ Während die Worte fielen, beugten sich Saltor, Anadar, Shara und Morgut näher zusammen. Die Stimmen wurden leiser, beiläufiger, so wie man es tat, wenn man nicht wollte, dass jemand bewusst zuhörte. „Salbeen zuerst“, murmelte Shara. „Unauffällig“, ergänzte Morgut. Anadar nickte.
Die offizielle Geschichte stand, die inoffizielle ebenso.
Kurz darauf verließen sie den Hof. Fünf Reiter, zwei Packpferde, ein ruhiger Spätsommertag. Die Feurige Feste blieb hinter ihnen zurück, während der Weg sich sanft nach Süden zog, vorbei an Feldern, niedrigen Hügeln und vereinzelten Gehöften. Das gleichmäßige Geräusch der Hufe hatte etwas Beruhigendes, beinahe Meditatives.
Salbeen lag abseits der großen Straße, klein, gedrungen, von Feldern umgeben, die schon bald geerntet werden wollten. Als sie das Dorf erreichten, machten sie zunächst Rast. Anadar stieg ab, führte sein Pferd ein paar Schritte und blieb stehen. „Er läuft nicht ganz rund“, sagte er laut und beugte sich zum Huf. „Ich glaube, er hat sich einen Stein eingetreten.“ Morgut nickte, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Shara blieb ruhig, ließ den Blick über die Höfe und Häuser wandern. „Schickt die Schüler vor“, fuhr Anadar fort. „Mit den Packpferden. Wir treffen uns heute Abend im Gasthof an der großen Straße, auf halbem Weg zum Markt. Quartiert euch dort ein.“ Zintra nickte sofort, Konsdor ebenso. Keine Fragen, kein Zögern. Kurz darauf setzten sie sich wieder in Bewegung, die Packpferde hinter sich herführend. Anadar, Shara und Morgut wandten sich dem Dorf zu.
Der Dorfälteste empfing sie mit sichtlicher Erleichterung. Seine Worte kamen hastig, beinahe entschuldigend, als müsse er erklären, warum sie überhaupt gerufen worden waren. Der Müller Kohm sei morgens tot in seinem Bett gefunden worden. Verdreht, sagte er, seltsam verkrümmt. Kein Blut. Kein Laut in der Nacht. Zögerlich führte er sie zu dem kühlen, fensterlosen Keller, in dem der Leichnam lag. Zwei Männer hielten Wache vor der Tür, die Gesichter angespannt, die Augen gerötet von schlaflosen Nächten. Der Anblick war verstörend.
Der Körper des Müllers war unnatürlich verdreht, die Glieder in Winkeln, die kein Schlaf hervorbringen konnte. Die Haut war unverletzt, doch ausgemergelt, fast ledrig. Das Gesicht schmerzverzerrt. Schwarze Male zeichneten sich auf dem Körper ab, groß, unregelmäßig, wie Abdrücke. Zu groß für menschliche Hände, zu formlos für Tierkrallen. Ein Holzpflock ragte aus seiner Brust.
„Der… Schutz“, sagte der Dorfälteste hastig und machte ein Zeichen mit der Hand. Ein altes, nutzloses Zeichen, wie Anadar zynisch zu Shara bemerkte. „Man will nicht, dass… so etwas um sich greift.“ „Wer hat den Pflock eingeschlagen?“ fragte Morgut ruhig. „Wir“, antwortete der Alte leise und verlegen. „Man weiß ja nie.“
Die drei baten darum, den Leichnam allein zu untersuchen. Widerwillig zog sich der Dorfälteste zurück. Sie arbeiteten gründlich, beinahe wortlos. Kein Blut. Keine erkennbare natürliche Todesursache. Kein Verwesungsgeruch. Der Körper wirkte seltsam trocken, beinahe mumifiziert, als habe ihm etwas Essenzielles gefehlt. „Fingerabdrücke“, murmelte Shara, während sie die schwarzen Male betrachtete. „Aber… falsch.“ Anadar nickte langsam. „Zu groß. Und doch gezielt.“ Sie fanden keine Erklärung. Schließlich traten sie wieder hinaus.
Anadar sprach ruhig zu den Dorfbewohnern. Sagte, der Tod sei natürlich gewesen, selten, aber bekannt, ein Versagen des Körpers, bei dem das Blut gleichsam zu Staub vertrockne. Tod sei Tod. Von der Leiche gehe keine Gefahr aus. Man solle sie begraben oder verbrennen. Die Erleichterung war spürbar.
Als sie Salbeen verließen und wieder auf die Straße ritten, schwieg niemand lange. „Das war kein natürlicher Tod“, sagte Shara schließlich. „Nein“, bestätigte Morgut. Anadar nickte. „Etwas – oder jemand – hat ihn so getötet.“ Er sah nach vorne, wo der Weg sich verlor. „Wir sollten uns umhören ob dies öfters passiert ist in der Gegend. Eventuell nach Tandor. Die Bibliothek der Erdschule. Die Heiler.“ „Fünf scharfe Tagesritte vom Großen Markt“, sagte Morgut. „Ich schaffe es hin und zurück vor der Konklave“, meinte Anadar ruhig. „Zur Not nehme ich von dort aus teil.“ Shara sah ihn an. „Ich begleite dich.“ „Ich auch“, sagte Morgut.
Anadar schüttelte leicht den Kopf. „Einer von euch muss die Einkäufe erledigen und die Schüler zurück zur Feste begleiten.“ Er sah von einem zum anderen. „Entscheidet selbst.“ Morgut seufzte er wusste wie die Entscheidung ausfiel. Am Abend erreichten sie den vereinbarten Gasthof an der großen Straße. Zintra und Konsdor warteten bereits, die Pferde versorgt, Quartiere bezogen. Der Tag klang ruhig aus. Am nächsten Morgen würden sie weiterreiten. Zum Großen Markt. Und vielleicht darüber hinaus.
8
Der Große Markt lag in einem langen Tal, das sich wie eine gewaltige Schneise durch die Landschaft zog, als hätte eine vergessene Hand den Boden aufgerissen und dann beschlossen, diesen Riss mit Handel zu füllen. Von Süden her erreichte man ihn erhöht, über sanfte Hügel, und erst kurz vor dem Abstieg öffnete sich der Blick so weit, dass man das ganze Ausmaß begreifen konnte: eine breite Ebene aus Zelten, Koppeln, Rauchfahnen, Lasttieren und bewegter Farbe, eingerahmt von Hängen, die das Stimmengewirr wie in einem Kessel sammelten.
Vier große Straßen führten in dieses Tal, wie Adern in ein Herz.
Die südliche Straße, auf der Anadar und seine Gruppe kamen, verlief weiter nach Süden in Richtung Ashambrat, jener großen Stadt, in der die Windschule beheimatet war. Zwanzig Tagesritte, sagte man, wenn man gut vorankam, weniger, wenn man bereit war, die Pferde zu ruinieren. Anadar hatte Ashambrat nie gemocht, auch wenn er das selten aussprach; sie war ihm zu leicht, zu laut, zu sehr von sich selbst überzeugt.
Die Straße nach Norden führte in Richtung Sontor, fünfundzwanzig Tagesritte, ein harter Weg, der sich in den kühleren Monaten spürbar veränderte. Über diese Straße kamen in diesen Tagen mehr Menschen, als dem Markt lieb sein konnte.
Nach Osten wand sich die Straße nach Gontar, fünfzehn Tagesritte, dann näherte sie sich wieder dem Meer und folgte ihm ein Stück, bevor sie in die Stadt führte, die die Schule des Lebens beherbergte. Diese Straße wirkte auf den Karten oft harmlos, als sei sie nur ein Strich – in Wahrheit war sie eine Strecke aus Staub, Regen und Geduld, voller kleiner Siedlungen, die vom Markt lebten und zugleich von ihm ausgepresst wurden.
Und schließlich führte die nordwestliche Straße hinauf Richtung Tandor, zur Erdschule, und von dort weiter nach Zoordak. Tandor war die nähere Station, die man in Tagen zählen konnte; Zoordak lag zehn Tagesritte hinter Tandor, ein Name, der für viele Händler wie eine Grenze klang. Und doch war es genau diese Straße, die Anadar im Hinterkopf behielt, seit Salbeen.
Zusätzlich floss ein breiter Fluss vom Gebirge im Nordwesten herab, schnitt durch das Tal und zog nach Osten weiter Richtung Meer. Er war langsam genug, um Frachtkähne zu tragen, und breit genug, dass sich am Ufer eine eigene Welt gebildet hatte: Stege, Böschungen, Rollen, Seile, Stimmen, das ständige Knarren von Holz, wenn Lasten bewegt wurden.
Als sie am dritten Tag den letzten Hügelkamm überschritten, blieb Shara einen Moment im Sattel sitzen, als hätte ihr Körper vergessen, dass Bewegung auch absteigen bedeutet.
„Das ist… mehr als ich erwartet habe“, sagte sie.
„Das ist immer mehr“, antwortete Anadar ruhig. „Der Markt ist wie Feuer. Er frisst jede Vorstellung, die man von ihm hat.“
Morgut sagte nichts, aber seine Augen wanderten bereits wie ein Händlerblick über die Ebene, nicht neugierig im kindlichen Sinn, sondern suchend – nach Mustern, nach Herkunft, nach Zugehörigkeiten.
Konsdor pfiff leise zwischen den Zähnen, als sähe er eine Arena. Zintra wirkte, als würde er sich einen Lageplan in den Kopf zeichnen.
Unten im Tal lag im Zentrum ein Komplex aus steinernen Lagerhäusern, alt, breit, schwer. Um ihn herum zog sich eine Mauer, nicht hoch wie eine Festungsmauer, aber solide genug, um Ordnung vorzutäuschen: Tore, Wachen, ein paar Flaggen, die die wichtigsten Händlerhäuser markierten. Diese Lagerhäuser waren der Kern, das Gedächtnis, die Stetigkeit.
Daran schlossen sich neuere Lagerhäuser an, vereinzelt auf dem Feld verstreut, wie Pilze nach einem Regen. Manche aus Holz, manche halb aus Stein, provisorisch, schnell gebaut, mit Schildern, die mehr versprachen als sie halten konnten.
Und dazwischen: Zelte. Hunderte. Vielleicht tausende. Kleine, schief gespannte Tücher neben großen, gut geführten Zelten, die beinahe wie Häuser wirkten. Plätze mit Koppeln, Ställe aus schnell gezimmerten Balken, improvisierte Schmieden, in denen Funken sprühten. Rauch stieg auf, Geruch von gebratenem Fleisch, von Mist, von Flusswasser, von fremden Gewürzen.
Entlang des Flusses lagen Frachtkähne, die entladen wurden, beladen wurden, wieder abgelegt wurden. Männer und Frauen in Schweiß und Leinen rollten Fässer über Bohlen, zogen Säcke an Seilen hoch, schrien sich Anweisungen zu. Wagen ratterten über die Wege, und jedes Rad schien ein eigenes Geräusch zu haben: trockenes Holz, feuchter Schlamm, Stein, Metall.
„Wenn man hier etwas verlieren will“, murmelte Shara, „muss man es nur fallen lassen.“
Anadar lächelte. „Und wenn man etwas finden will, muss man wissen, wen man fragt.“
Sie erreichten den Markt am frühen Abend, als das Licht bereits schräger wurde und die Schatten der Zelte länger über den Boden krochen. Die Gruppe hielt kurz am Rand, bevor sie sich ins Treiben stürzte. Hier, am Übergang zwischen Straße und Markt, standen Gasthäuser wie Wachen: Gebäude aus Stein und Holz, einige alt, einige neu, alle hungrig nach Gästen. Anadar ließ absteigen. Man führte die Pferde in den Hof eines Gasthauses, das weder prunkvoll noch schäbig wirkte, und dessen Schild, ein schlicht gemalter Krug, offenbar mehr Vertrauen verdiente als manch kunstvolleres Zeichen.
Im oberen Zimmer, bei einer flackernden Kerze und dem Geräusch der Welt, das durch die dünnen Wände drang, trafen sie eine Entscheidung, die nicht diskutiert werden musste, weil sie jedem klar war. Keine Rüstung offen tragen. Keine großen Waffen sichtbar. Als sie später wieder nach unten traten, wirkten sie wie andere Menschen. Weiße Kutten, schlicht, ohne Zeichen. Darunter Stoffkleider, leicht und ungewohnt, und Shara blieb einen Moment stehen, zog an dem Stoff, als wolle sie überprüfen, ob er wirklich so wenig Schutz bot, wie er sich anfühlte.
„Das ist… lächerlich leicht“, murmelte sie, und in ihrer Stimme lag zugleich Abneigung und ein Hauch von Erleichterung. „Man vergisst fast, wie schwer man sonst ist.“ „Das ist der Sinn“, sagte Anadar. „Schwere macht wichtig. Leichtigkeit macht unsichtbar.“
Die Schwerter blieben in den Zimmern. Am Gürtel trug jeder nur einen Dolch und ein kleines Säckchen, das bei jeder Bewegung leise raschelte: Geld, Münzen, ein paar Stücke Silber, genug, um zu kaufen zu wenig um Aufmerksamkeit zu erregen.
Im Gasthaus empfing sie der Wirt mit jener routinierten Freundlichkeit, die nicht herzlich sein musste, um zuverlässig zu wirken. Er brachte Essen – Brot, Eintopf, ein Krug dünnen Biers – und blieb, als Anadar ihn bat. „Wir brauchen einen Überblick“, sagte Anadar. „Wo findet man was, ohne den ganzen Markt dreimal abzureiten?“ Der Wirt wischte sich die Hände an der Schürze ab und begann zu erzählen, als hätte er diese Frage schon hundertmal beantwortet. Er beschrieb nicht nur Orte, sondern Wege, Gerüche, Geräusche: wo die Schmiede arbeiteten, wo Stoffe gehandelt wurden, wo Gewürze lagen, wo man Salz bekam, wo Werkzeuge, wo Kisten, wo Tiere. Er erklärte, welche Lagerhäuser „ehrlich“ waren und welche „kreativ“, und welche Gassen man nachts besser mied. „Und passt auf eure Beutel auf“, fügte er hinzu und sah dabei Shara an, als wäre sie diejenige, die am ehesten vergaß, wie schnell eine Hand sein konnte. „Taschendiebe sind wie Fliege. Man merkt sie erst, wenn man sie tot schlägt.“ Shara lächelte dünn. „Ich schlage nicht gern.“ „Dann merkt es euch“, sagte der Wirt trocken „und es sind viele Neue aus dem Norden da.“ ergänzte er wie beileufig.
Am nächsten Morgen teilten sie sich auf. Zintra und Konsdor erhielten einen klaren Auftrag: Rücktransport. Nicht als Möglichkeit, sondern als Problem, das gelöst werden musste. Anadar ließ bewusst offen, wie sie es lösen sollten. Er wollte sehen, wer von ihnen Strukturen fand, wer Menschen fand, wer nur nach dem einfachsten Weg griff.
„Kommt mit einer Lösung zurück“, sagte er nur. „Nicht mit einer Ausrede.“
Zintra nickte, als hätte er genau auf so etwas gewartet. Konsdor grinste und lispelte: „Wi-wird gemacht.“ Morgut wollte Händler aus seiner Heimatregion suchen, sich umhören, Kontakte finden, Gerüchte einsammeln, ohne dass es nach Sammeln aussah. Er verschwand früh, als sei er nie Teil der Gruppe gewesen. Anadar und Shara schlenderten über den Markt. Sie gingen nicht zielstrebig, sondern suchten Orientierung, ließen sich treiben, weil man im Großen Markt nur dann wirklich etwas sah, wenn man nicht versuchte, alles zu sehen. Sie feilschten, ohne hastig zu wirken, und kauften ein paar Dinge, die auf ihrer Liste standen – Salz, Haltbargemachtes Essen, Stoff, kleine Werkzeuge, Glas, Bindfäden, Nägel, Dinge, die niemand aufschrieb und die doch jeden Tag fehlten.
Ein Händler wollte Shara einen Stoff als „Windseide“ verkaufen. Sie fasste ihn an, zog ihn zwischen zwei Fingern durch, sah den Mann an und sagte nur: „Das ist Baumwolle.“ Der Händler lächelte, als hätte er erwartet, ertappt zu werden, und senkte den Preis. Sie ließen Waren zum Gasthof liefern, Stück für Stück, und beobachteten dabei, wie schnell der Markt reagierte, wie Wagen auftauchten, wie Träger sich anboten, wie überall Menschen waren, die Arbeit suchten, Arbeit brauchten, Arbeit fast anflehten. Zwischen den Ständen hörten sie Gespräche, die sie nicht suchten und doch fanden.
Der Norden war überall Thema.
Flüchtlinge hatten sich am Rand des Marktes niedergelassen, in Zelten, die enger standen als es gesund war. Man sah abgemagerte Gesichter, erschöpfte Kinder, Männer, die zu stolz waren zu bitten, und Frauen, die genau deswegen bitten mussten. Händler und Einheimische murmelten, dass die Kriminalität gestiegen sei, dass Löhne gedrückt würden, dass Fremde „die Ordnung“ zerstörten. Es gab Unmut, der sich noch nicht in Gewalt verwandelt hatte, aber bereits nach ihr roch.
„Sie reden, als wären Menschen ein Wetter“, sagte Shara leise. „Menschen sind für viele nur dann Menschen“, antwortete Anadar ruhig, „wenn sie in der eigenen Stube stehen.“ Sie fragten beiläufig nach seltsamen Todesfällen, nach Geschichten über Blutlosigkeit, nach merkwürdigen Krankheiten oder Unfällen. Sie fragten nicht direkt, sondern so, wie man fragt, wenn man angeblich nur Unterhaltung sucht. Doch niemand hatte etwas gehört. Keine Erzählung passte. Kein Gerücht, das nach Salbeen klang. Der Tag verging schnell. Der Markt fraß Zeit. Man kam an fünf Dinge vorbei und hatte zehn neue gesehen, bevor man das erste bewusst erinnerte. Am Abend trafen sie sich wieder im Gasthof.
Im kleinen Lagerraum, den der Wirt ihnen gegen Geld freigeräumt hatte, stapelten sich bereits Kisten, Säcke, Bündel. Es roch nach Holz, nach Stoff, nach Salz, nach fremder Ware. Anadar sah die beiden Packpferde vor seinem inneren Auge und wusste, dass seine alte Skepsis berechtigt gewesen war. „Das reicht niemals“, sagte Shara trocken. „Ja“, antwortete Anadar mit einem knappen nicken, ohne Triumph, nur mit Feststellung.
Zintra und Konsdor kamen später, staubig, müde, aber mit einer Energie, die verriet, dass sie Erfolg hatten. „Wi-wir haben Leu-leute gefunden“, sagte Konsdor, und diesmal klang sein Lispeln beinahe wie ein Stolz. „Viele.“ Zintra ergänzte ruhig: „Arbeitssuchende. Fahrer. Händler. Einige bieten Transport an. Gegen einen Betrag, der schwankt, je nachdem, wie sehr man verzweifelt wirkt.“ „Und wir wirken nicht verzweifelt“, sagte Shara. „Nein“, bestätigte Zintra. „Deshalb hören sie zu.“ Sie berichteten, dass es Männer gab, die um Arbeit flehten, nicht metaphorisch, sondern tatsächlich. Dass es Händler gab, die bereit waren, Waren nach Süden zu bringen, wenn man zahlte. Und dass ein Fuhrwerk, ein richtiges Fuhrwerk, vielleicht sogar die bessere Lösung wäre – kaufen oder mieten, samt Pferden. Anadar hörte zu, ohne sofort zu entscheiden. Er ließ die Informationen wirken, betrachtete den Stapel im Lagerraum, die Liste im Kopf, die Strecken auf der Karte. Der Große Markt war ein Ort, an dem man alles bekommen konnte.Und an dem man für alles bezahlte – nicht nur mit Geld.
Später, als die Stimmen im Gasthaus leiser wurden und draußen noch immer Wagen rollten, saß Anadar am Tisch und dachte an den Norden, an Salbeen und an Tandor, und es war ihm, als würden all diese Linien – Straßen, Flüsse, Menschen – sich nicht nur kreuzen, sondern auf etwas zulaufen. Auf etwas, das noch keinen Namen hatte, er hatte eine Vorahnung, ein leichtes schaudern lief ihm über den Rücken.
Der nächste Tag begann grau. Nicht, weil der Himmel bedeckt gewesen wäre – im Gegenteil, die Sonne stand klar und hoch –, sondern weil der Markt eine andere Farbe angenommen hatte. Am Morgen wirkte er immer nüchterner, weniger laut, weniger verspielt. Die Händler bauten auf, die Wagen rollten wieder, doch das Stimmengewirr hatte eine Schärfe bekommen, als wären alle Worte ein wenig zu kurz geraten. Anadar stand im Hof des Gasthauses. „Ist Morgut zurück?“ fragte er, mehr beiläufig als erwartungsvoll. Shara, die am Brunnen stand und sich die Hände wusch, schüttelte den Kopf. „Noch nicht.“
Anadar nickte langsam. Dann sah er über den Rand des Marktes hinweg, dorthin, wo die Zelte enger standen, wo der Boden dunkler war. „Ich will mich umhören“, sagte er. „Bei den Flüchtlingen.“ Shara trocknete sich die Hände, zog ihre Handschuhe an. „Ich beschützte dich.“ Sagte sie Augenzwinkernd. Zintra und Konsdor traten hinzu, Listen in der Hand, bereits mitten im nächsten Auftrag. „Besorgt einfach die weiteren Waren“, sagte Anadar zu ihnen. „Decken. Töpfe. Seil. Alles, nicht zu billig bitte das verschwindet zu schnell.“ Zintra nickte und wandte sich bereits ab.
Der Rand des Marktes roch anders.
Nicht nach Gewürzen oder Mist, sondern nach nassem Holz, nach kaltem Rauch, nach Erde, die zu oft betreten worden war. Der Boden war weich, stellenweise schlammig, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte. Wasser sammelte sich in Mulden, in denen sich Asche abgesetzt hatte. Jeder Schritt schmatzte leise.
Die Zelte waren niedrig, schlecht gespannt, aus Stoffresten, Planen, alten Segeln. Viele bestanden aus zusammengenähten Flicken, einige aus groben Tierfellen. Dazwischen hingen Kleidungsstücke zum Trocknen, steif vor Schmutz, und überall lagen Dinge, die niemand wegwarf, weil man nicht wusste, ob man sie morgen brauchen würde.
Die Menschen wirkten ausgemergelt.
Gesichter eingefallen, Augen zu groß für die Schädel, Haare verfilzt, fettig oder einfach abgeschnitten. Kleidung, die einmal bunt gewesen sein mochte, hing nun schlaff an Körpern, die zu schnell Gewicht verloren hatten. Kinder saßen im Dreck, spielten mit Steinen, mit Holzsplittern, mit nichts. Ihre Hände waren schwarz vor Erde, ihre Knie verkrustet, ihre Blicke wachsam auf eine Art, die Kinderblicke nicht sein sollten. Als Anadar und Shara näherkamen, spürten sie es sofort:Misstrauen. Gespräche verstummten. Blicke wandten sich ab. Schultern drehten sich weg.
Anadar stellte Fragen. Ruhig. Unaufdringlich. Woher sie kämen. Wie lange sie schon hier seien. Was sie gehört hätten. Die Antworten waren kurz. Einsilbig. Oft nur Kopfschütteln. „Nichts gesehen.“ „Nichts gehört.“„Lasst uns.“
Man wich ihnen aus, glitt zur Seite, verschwand in Zelten. Niemand wollte mit ihnen reden. Niemand wollte auffallen.
Shara spürte es, ein kaum merkliches Ziehen an ihrem prallen Beutel am Gürtel. Zu leicht, um ein Erwachsener zu sein. Zu geschickt, um Zufall zu sein. Sie sah nicht nach unten. Nicht sofort. Dann war der Beutel weg. Ein Schatten löste sich, dann zwei. Kleine Gestalten rannten los, barfuß, schnell, zwischen Zelten hindurch. Kinder. Shara und Anadar sahen sich kurz an, kein Wort, kein Nicken, der Plan ging auf. Beide setzten sich in Bewegung, scheinbar unkoordiniert, scheinbar hastig, genauso, wie man es erwartete. Und genau deshalb waren sie bereits zu spät für den ersten Instinkt der Verfolger. Ein Mann trat ihnen entgegen. Groß. Breit. Die Haut schmutzig, das Haar grau und strähnig. In der Hand hielt er einen hölzernen Kampfstab, roh geschnitzt, schwer. Ohne ein Wort holte er aus und schlug nach Anadar. Der Schlag prallte ab. Nicht an einer sichtbaren Barriere – eher an der Tatsache, dass Anadar sich nicht einmal die Mühe machte auszuweichen. Der Stab traf ihn an der Schulter, rutschte ab, als hätte er Stein getroffen. Anadar griff zu. Er packte das Ende des Stabes, zog den Mann zu sich heran und schlug zu. Ein einziger Schlag, trocken, präzise. Der Mann sackte zusammen, ohne Laut, ohne Drama.
Shara war weitergerannt. Die Kinder kannten das Spiel. Sie trennten sich, verschwanden in verschiedene Richtungen, tauchten unter Planen hindurch, sprangen über Kisten. Shara verlangsamte ihren Schritt, wählte ihr Ziel, ließ die anderen laufen. Ein Hauch von Geist. Ein kaum merklicher Impuls. Die Welt faltete sich einen Augenblick und Shara stand plötzlich vor dem Jungen, den sie sich ausgesucht hatte. Er prallte beinahe gegen sie, versuchte auszuweichen, doch sie packte ihn am Kragen. Er wehrte sich wild. Schlug. Biss. Traf dabei nichts als Stoff und Luft. Anadar kam hinzu. Der Junge spuckte ihn an, trat nach ihm, schrie unverständliche Worte. Um sie herum begann sich ein Kreis zu schließen. Menschen traten näher. Zu nah. Gesichter hart. Augen voller Hunger, Angst, Wut. Shara hielt den Jungen fest.Anadar ließ den Beutel aus dessen Hand gleiten. Sie ließen ihn nicht los. Der Kreis wurde enger. Anadar hob langsam die Hand.
Ein Feuerball entstand zwischen seinen Fingern. Kein großer. Kein eleganter. Sondern ein roher, zischender Klumpen aus Hitze, der laut brannte, als würde er selbst atmen. Die Luft um ihn herum flimmerte. Der Geruch von verbranntem Staub mischte sich unter den Rauch. Anadar drehte sich langsam, damit alle ihn sahen. Der Kreis wich zurück. Dann teilte sich die Menge. Eine alte Frau trat hervor. Klein. Gebückt. In Felle gehüllt, die älter wirkten als der Markt selbst. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen, ihre Augen jedoch klar, scharf. „Ihr habt Fragen?“ zischte sie in gebrochener Sprache. „Dann folgt mir.“ Anadar und Shara sahen sich an. Beide lächelten. Es hatte funktioniert. Shara ließ den Jungen los und lies ihren prallen Beutel fallen.
Sie folgten der Frau in ein Zelt, das größer war als die anderen. Es bestand aus dicken Tierfellen, grob zusammengenäht. In der Mitte brannte ein kleines Feuer. Der Rauch fand nur langsam seinen Weg nach draußen. Der Geruch war schwer: Fell, Asche, altes Fett, Kräuter, etwas Bitteres. Die Frau murmelte vor sich hin, fluchte oder betete, es war nicht zu unterscheiden. Sie setzte sich auf den Boden und deutete ihnen, es ihr gleichzutun. Anadar begann eine Frage. Sie zischte ihn an. „Nicht reden. Sehen.“
Sie starrte ins Feuer, murmelte in einer fremden Sprache und warf etwas hinein. Es zischte, knackte, der Rauch wurde dunkler. Anadar wusste, dass es mehr gab als Magierschulen. Wissen, das nicht in Büchern stand. Magie, die mündlich weitergegeben wurde. An Schamanen. Hexen. Alte Männer und Frauen, die nie einen Turm betreten hatten und dennoch Dinge sahen, die andere nicht sahen. Das Feuer veränderte sich. Nicht wirklich. Und doch.
In den Schatten begannen sich Formen zu regen. Keine klaren Bilder. Mehr Eindrücke. Bewegungen. Kälte. Kleine Wesen krochen aus Löchern. Aus Spalten. Aus Eishöhlen. Sie sammelten sich. Jagten Fleisch. Tiere. Menschen. Alles, was lebte. Es gab keinen Schutz, außer der Flucht. Was klein begann, wurde größer. Dörfer leerten sich. Straßen wurden still. Völker wurden verdrängt. Tod. Kampf. Flucht. Der Gestank von Angst. Von kaltem Blut. Von etwas, das nicht verrottete, sondern aussaugte. Es war kein Bild. Es war ein Gefühl. „Wann hat es begonnen?“ fragte Anadar leise. „Letzte Mittwinterwende“, antwortete die Frau. Ein halbes Jahr. Das Feuer knackte. Und draußen rollte der Markt weiter, als wüsste er von nichts.
9
Der Rückweg vom Rand der Flüchtlingssiedlung führte sie nicht direkt zurück in das Zentrum des Marktes. Anadar schlug einen flacheren Bogen ein, vorbei an Lagerplätzen, die noch halb aufgebaut waren, an Feuerstellen, über denen nasse Holzstücke rauchten, ohne richtig zu brennen. Der Geruch hing schwer in der Luft, süßlich und bitter zugleich, und blieb an Kleidung und Haaren haften. Eine Zeit lang sagten sie nichts. Shara ging einen halben Schritt hinter ihm, nicht aus Unterordnung, sondern aus Gewohnheit, wenn sie dachte. Ihre Augen glitten über Menschen, Zelte, Kinder, die zu früh gelernt hatten, still zu sein. „Sie passen nicht zusammen“, sagte sie schließlich. Anadar wusste sofort, was sie meinte. „Nein.“ „Nicht nur Herkunft“, fuhr sie fort. „Auch Verhalten. Manche sind organisiert, andere vollkommen orientierungslos. Einige bewachen ihre Zelte wie Festungen, andere lassen alles offen liegen. Das ist keine Flucht aus einem Gebiet.“ Anadar nickte langsam. „Es ist eine Überlagerung.“ Sie blieben kurz stehen, um einen Wagen vorbeizulassen, dessen Räder tief im weichen Boden einsanken.
„Die Frau im Zelt“, sagte Shara dann, „sie wusste, dass wir Bilder sehen wollten.“ „Und sie wusste, dass wir ihnen nicht trauen dürfen“, ergänzte Anadar. Er blieb stehen, drehte sich leicht zu ihr. „Sie sagte noch etwas, nachdem wir aufgestanden waren. Sehr leise.“ Shara sah ihn an. „Dass Visionen selten lügen“, sagte Anadar, „aber fast nie die Wahrheit sagen. Sie zeigen nicht, was ist, sondern woran geglaubt wird. Und dass es gefährlich sei, beides zu verwechseln.“ Shara verzog nachdenklich den Mund. „Dann war das, was wir gesehen haben…“ „…vielleicht nicht der Ursprung“, sagte Anadar. „Sondern das Echo.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung, tiefer hinein in das Stimmengewirr des Marktes, wo Gerüche sich überlagerten und Geräusche wieder lauter wurden. „Wenn das stimmt“, sagte Shara leise, „dann jagen wir keine Wesen.“ „Dann jagen wir eine Vorstellung“, antwortete Anadar. „Oder etwas, das Vorstellungen erzeugt.“ Er wollte gerade weitergehen, als eine Stimme sie anhielt.
„Meister Anadar von der Feurigen Feste.“
Der Tonfall war ruhig. Sicher. Nicht laut, aber unüberhörbar. Beide blieben stehen. Vor ihnen stand eine Frau, die sich deutlich von der Menge abhob, ohne prunkvoll zu wirken. Groß, muskulös, mit einer Körperhaltung, die weder drohte noch wich. Ihre Haut hatte einen warmen, bronzenen Ton, ihr dunkles Haar war streng zurückgebunden. Hohe Wangenknochen, schmale mandelförmige Augen, ein Gesicht, das nichts erklärte und nichts verbarg.
„Und Shara“, fuhr sie fort. „Meisterin der feurigen Fest.“ Ehrfurcht klang dabei mit. Shara hob eine Augenbraue. „Dann kennen wir uns.“ „Noch nicht“, sagte die Frau. „Mein Name ist Xian.“ Sie machte keine Verbeugung. Sie bat nicht. Sie wartete. „Ihr möchtet, dass wir euch begleiten“, sagte Anadar. Xian nickte. „Ja.“ Sie führte sie nicht auf direktem Weg. Sie bog in schmalere Gassen ab, ließ belebte Wege hinter sich, bis sie vor einem Zelt standen, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkte – zu unscheinbar für seine Größe. Keine Zeichen. Keine Fahnen.
Im Inneren saßen mehrere Menschen an niedrigen Tischen. Pergamente lagen ausgebreitet, beschwert mit Steinen. Karten, Notizen, Zahlenkolonnen. Niemand blickte auf, als sie eintraten – außer einem jungen Mann, der sich erhob. Er war schlank, sauber gekleidet, mit einem wachen Gesicht und einer schmalen Brille, die er mit einer beiläufigen Bewegung zurechtrückte. „Nigk“, sagte er und verbeugte sich leicht. „Ich danke euch, dass ihr unserer Einladung gefolgt seid.“ Anadar trat ein, ließ den Blick kurz über die Karten gleiten und wusste. Er neigte sich zu Shara. „Geheimdienst seiner Majestät Flonas. König von Gronsar.“ Shara antwortete nicht sofort. „Das Königreich nördlich des Marktes.“
Der Große Markt war eine freie Stadt. Doch Freiheit bedeutete hier nicht Neutralität, sondern Überlagerung. Handel und Information flossen gemeinsam, und wo beides floss, saßen viele Augen. Nigk bot ihnen Plätze an. Kein Wein, kein Essen. Nur Wasser. „Wir versuchen seit Monaten“, begann Nigk ruhig, „Zugang zu den Flüchtlingsgruppen zu bekommen. Ohne Erfolg.“ Er sprach sachlich, fast nüchtern. „Sie wechseln Lager. Sie erkennen Fremde. Sie schließen sich ab. Selbst unsere Leute kommen nicht weit.“ „Wovor haben sie Angst?“ fragte Shara. Nigk lächelte dünn. „Wenn wir das wüssten, wären wir weiter.“ Er erklärte, dass niemand den Auslöser benenne. Kein Name. Kein Ort. Aber überall dieselben Worte: Kälte. Leere. Etwas, das kommt, ohne zu kommen. „Wie eine kollektive Erregung“, sagte Shara. „Oder wie ein Gerücht mit Füßen“, erwiderte Nigk. Er berichtete von Kundschaftern, die nach Norden entsandt worden waren. Einige kehrten nicht zurück. Andere nur bis zur letzten Stadt vor den Bergen. „Diese Stadt“, sagte Nigk und tippte auf die Karte, „wurde vor einem halben Jahr von Barbaren eingenommen. König Kranzor floh nach Gustant.“ Anadar nickte. „Und jetzt?“ „Die Barbaren sind weitergezogen“, sagte Nigk. „Auch dort wurde es zu kalt.“
Kälte. Oder etwas anderes. Es folgte ein langes Gespräch. Flüchtlingszahlen. Engpässe. Reibungen. Eine laufende Risikoanalyse, die ständig wuchs und doch keine Richtung fand. „Wir sind besorgt“, sagte Nigk schließlich. „Nicht wegen der Menschen. Sondern wegen der Ursache.“ Er sah Anadar direkt an. „Wir bitten euch, diese Sorgen in die Feurige Feste zu tragen. Und auf die Konklave.“ Anadar antwortete nicht sofort. Dann sagte er: „Ich werde nach Tandor gehen.“ Nigk wechselte einen kurzen Blick mit Xian. „Dann begleiten wir euch“, sagte er. „Xian und ich.“ Shara nickte, bevor Anadar antworten konnte.
„Eine letzte Frage“, sagte Anadar. „Habt ihr von Toten ohne Blut gehört?“ Nigk schüttelte den Kopf. „Nein, jedoch habe ich nicht danach suchen lassen, wenn es wichtig ist werde ich es weitergeben.“ Xian schwieg. Doch ihr Blick verharrte einen Moment zu lange im Leeren, als hätte sie etwas wiedererkannt.
Als sie später das Zelt verließen, wartete Morgut bereits im Gasthof. Er wirkte gelöst, beinahe heiter. Er redete viel, erzählte, dass er Leute seines Stammes getroffen habe – aus der fernen Wüste hinter Ashambrat. Dass er ihre Sprache gesprochen habe, gelacht habe. Er hatte keine neuen Informationen. Nur die Nachricht, dass sein Stamm am nächsten Morgen nach Süden aufbrechen würde – und bereit sei, die Waren zur Feurigen Feste mitzunehmen. Anadar und Shara sagten wenig. Sie ließen ihm diesen Moment. Sie sahen selten, dass Morgut so sorglos war. Am nächsten Morgen verabschiedeten sie sich. Eine kleine, bunte Karawane mit Kamelen nahm Morgut, Zintra und Konsdor auf. Staub erhob sich, Stimmen, Gelächter. Anadar und Shara jedoch ritten, wieder voll gerüstet unter weißen Umhängen, zurück zum Geheimdienstzelt wo Nigk und Xian bereits warteten. Gemeinsam wandten sie sich nach Nordwesten, Richtung Tandor. Und hinter ihnen blieb der Große Markt zurück, noch immer laut, noch immer lebendig, noch immer ahnungslos.
10
Sie ritten schnell.
Nicht hastig, nicht gehetzt, sondern mit jener entschlossenen Gleichmäßigkeit, die man wählt, wenn ein Ziel feststeht und man weiß, dass jeder unnötige Umweg später fehlen wird. Die Pferde waren gut, ausdauernd, an lange Strecken gewöhnt, und Anadar ließ ihnen nur selten Zügel, hielt das Tempo hoch, aber nicht grausam.
Gesprochen wurde wenig.
Der Wind nahm die Worte, und das rhythmische Schlagen der Hufe war ein besserer Begleiter als jedes Gespräch. Erst wenn sie anhielten, um die Pferde zu schonen, Wasser zu finden oder ein Lager aufzuschlagen, löste sich die Stille.
Der Weg nach Nordwesten führte sie fort vom weichen Land um den Großen Markt, hinein in eine Landschaft, die sich allmählich veränderte. Die Hügel wurden steiniger, die Wälder dichter, die Wege schmaler. Der Fluss, der den Markt speiste, begleitete sie eine Zeit lang, glitzerte zwischen Bäumen hindurch, teilte sich, vereinigte sich wieder, bis er schließlich in einem Seitental verschwand.
Am ersten Abend schlugen sie ihr Lager an einer flachen Anhöhe auf. Das Gras war kurz, der Boden fest. Ein kleiner Bach plätscherte unweit, klar und kalt.
Xian war es, die das Feuer machte. Nicht mit Magie, sondern mit geübten Händen, Zunder und Geduld. Shara beobachtete sie dabei. „Du hast das oft getan“, stellte sie fest. Xian lächelte schmal. „Feuer ist überall gleich.“
Sie saßen später im Kreis, aßen einfaches Brot, getrocknetes Fleisch. Die Pferde grasten ruhig. „Du kommst nicht aus Gronsar“, sagte Anadar schließlich. Es war keine Frage. Xian sah ins Feuer. „Nein.“
Sie schwieg einen Moment, dann begann sie zu sprechen, als erzähle sie etwas, das sie schon oft erzählt hatte und das dennoch nie leicht wurde.
„Ich komme weit aus dem Osten. Hinter dem großen Meer. Dort, wo das Land trocken ist und die Menschen einander besitzen.“ Shara hob den Blick. „Sklaverei“, sagte Xian ruhig. „Ich war ein Kind. Ich wurde verkauft.“
Niemand unterbrach sie.
„Es war Fürst Tson“, fuhr sie fort, „damals noch jung, noch nicht Herr über sein Haus. Er hatte einen Auftrag, die Sprachen fremder Länder zu lernen, ihre Gebräuche zu verstehen, ihre Wege auszuspionieren.“Sie sah kurz zu Nigk, dann wieder ins Feuer.„Er kaufte mich, um die Sprache zu lernen. Um jemanden an seiner Seite zu haben, der nicht fremd war.“
Sie hielt inne, als taste sie nach den richtigen Worten.
„Natürlich ließ mich mein Vater frei, sobald es möglich war. Nicht aus Mitleid, sondern aus Selbstverständlichkeit. Ich war nie Besitz. Nicht für ihn.“ Nigk nickte langsam. „Sie blieb.“ Xian lächelte kaum merklich. „Und wir wuchsen zusammen auf. Bruder und Schwester – nicht durch Blut, sondern durch Zeit.“
Nigk lächelte. „Und sie schlug mich bei jedem Übungskampf.“ „Nur am Anfang“, entgegnete Xian trocken. Das Feuer knackte. Der Wind trug den Geruch von Harz und feuchter Erde heran.
Anadar fragte: „Und jetzt dienst du dem König.“
„Ich diene Gronsar“, sagte Xian. „Flonas ist… ein guter König.“ Nigk nickte. „Er ist kein großer Redner. Kein Feldherr. Aber er hört zu. Mehr als viele.“
Sie sprachen vom Hof in Gronsar, von Dweli, der Hauptstadt, von breiten Hallen aus hellem Stein, von Gärten, die selbst im Winter Grün trugen. Von Königin Elmera, klug und zurückhaltend. Von den Kindern des Königs, die man selten sah, weil man sie schützen wollte – vor Intrigen, vor Erwartungen. „Der Hof ist ein Ort der Nähe“, sagte Nigk. „Und der Distanz zugleich.“ Anadar hörte zu, stellte wenige Fragen, merkte sich vieles.
Die folgenden Tage ähnelten einander und waren doch verschieden. Sie ritten durch Wälder, in denen das Licht nur gefiltert den Boden erreichte, durch offene Hochflächen, auf denen der Wind ungebremst ging. Sie überquerten alte Steinbrücken, rasteten an vergessenen Wegmarken, sahen kaum andere Reisende. Nachts saßen sie am Feuer, redeten mehr.
Shara erzählte von der Feurigen Feste, von der Ausbildung, vom Kodex. Xian hörte aufmerksam zu, stellte kluge Fragen. Nigk erzählte von seinem ersten Auftrag, bei dem er mehr Angst gehabt hatte, als er je zugegeben hatte. Es wurde gelacht. Leise. Ehrlich. Die Gruppe fand ihren Rhythmus. Am fünften Tag änderte sich die Landschaft erneut. Die Hügel wurden steiler, der Boden härter. In der Ferne zeichneten sich die ersten Ausläufer der Berge ab. „Tandor“, sagte Anadar leise. Die Erdschule wartete. Und keiner von ihnen glaubte mehr, dass diese Reise nur eine Antwort bringen würde und jeder war sich gewahr, dass sie danach mehr Fragen haben würden.
11
Slonda war schon wach, lange bevor die Glocken der unteren Höfe den Tag ausriefen. Nicht, weil er es geplant hätte. Er hatte einfach nicht mehr geschlafen.
Er saß auf der Kante seines Bettes, barfuß auf dem kalten Steinboden, und starrte auf eine Stelle zwischen zwei Bücherstapeln, als erwarte er dort eine Antwort. Sein Bett war ungemacht, die Decke halb heruntergerutscht, darunter ein aufgeschlagenes Buch, dessen Seiten an den Rändern wellig waren, weil irgendwann einmal eine Kerze zu nah gestanden hatte. „Nein, nein“, murmelte Slonda. „So war das nicht gemeint. Ganz und gar nicht.“ Er griff nach einem Brot, das auf einem Pergament lag, biss hinein, kaute gedankenverloren und legte es dann auf ein anderes Buch zurück, ohne sich darum zu kümmern, dass sich Fettflecken auf den Rand eines sehr alten Textes drückten.
Seine Kammer war ein Zustand, kein Raum.
Überall lagen Bücher. Große, kleine, gebundene, lose, gerollte Pergamente, Stapel, die sich gefährlich neigten, Seiten mit geknickten Ecken, aufgeschlagen an Stellen, die er „später“ noch einmal lesen wollte. Kerzen standen auf Buchrücken, Wachstropfen hatten sich in Marginalien verewigt. Nirgends war freie Fläche, außer vielleicht dort, wo Slonda gerade stand. Er erhob sich, griff nach seinem Stab, ein schlichter Holzstab, glatt vom Gebrauch, und begann zu gehen. Watschelnd, leicht nach vorne geneigt, mit kleinen Schritten, die nichts Eiliges hatten und doch immer irgendwo ankamen.
Er trug eine ausgefranste Robe, einst wohl von guter Qualität, jetzt dünn, an den Säumen ausgebleicht. Ein einfacher Strick diente ihm als Gürtel. Seine Halbglatze glänzte im Morgenlicht, das durch das schmale Fenster fiel, sein Bart war ungepflegt, aber sauber. „Schlecht geschlafen“, sagte er laut zu niemandem. „Ganz schlecht. Zu viele Stimmen. Oder zu wenige.“ Er öffnete die Tür, trat hinaus in den Gang der großen Schule, der Erdschule von Tandor, die weniger eine Schule war als eine einzige, gewaltige Bibliothek, gewachsen über Jahrhunderte. Gänge führten in Gänge, Regale in Hallen, Hallen in Lesesäle, und irgendwo dazwischen lebten Menschen. Slonda watschelte hindurch. Er grüßte nicht.Er wurde gegrüßt.
Schüler traten zur Seite, senkten den Kopf, manche lächelten. Ältere Magier nickten ihm respektvoll zu. Niemand sprach ihn ungefragt an, aber jeder wusste, dass er es konnte.
Denn Slonda war zerstreut, ja. Er begann Sätze und endete sie mit anderen, verlor den Faden und fand ihn an ganz anderer Stelle wieder. Er sprach mit sich selbst – oder mit Personen, die nicht anwesend waren. „Das haben wir doch schon besprochen“, sagte er in einen leeren Gang. „Nein, nein, nicht du, ich meine… ach, egal.“
Und dennoch: Er war der beste Heiler. Nicht nur in Tandor. Nicht nur in diesem kleinen Königreich. Auf dem ganzen Kontinent kannte man seinen Namen. Man schickte Verletzte, Kranke, Verfluchte, Hoffnunglose zu ihm und wenn Slonda sie nicht retten konnte, dann konnte es niemand. Er watschelte hinaus auf einen der inneren Höfe. Der Stein war kalt unter seinen Füßen, doch er schien es nicht zu spüren.
Tandor lag in einem weiten Becken zwischen Hügeln und Felsformationen, geschützt, alt, aus grauem Stein gebaut, der das Licht weich machte. Die Stadt war nicht groß, aber dicht. Häuser schmiegten sich aneinander, schmale Gassen führten zu kleinen Plätzen, auf denen Händler ihre Waren auslegten: getrocknete Kräuter, Wurzelwerk, Tonwaren, einfache Stoffe. Über allem lag ein Geruch aus Staub, Papier, Erde und Rauch.
Etwas abseits der Stadt, leicht erhöht, lag der Burghof. Kein prunkvoller Palast, sondern eine solide Anlage mit breiten Mauern, Innenhöfen und Gärten. Dort residierte König Aldemar von Tandor, Herr über dieses kleine, unscheinbare Reich, das mehr Wissen bewahrte als manche Großmacht Macht besaß.
Slonda hatte den König oft behandelt. Gicht. Schlaflosigkeit. Eine alte Wunde im Knie. Aldemar wusste, dass sein Reich ohne Tandor nichts war – und Tandor ohne Slonda sehr viel ärmer. „Schlecht geschlafen“, sagte Slonda zu einem Stalljungen, der gerade Heu trug. Der Junge nickte eifrig. „Das sieht man, Meister.“ „Nein, nein“, murmelte Slonda. „Das sieht man nicht. Man fühlt es. Hier.“ Er tippte sich gegen die Stirn. Dann gegen die Brust. Dann vergaß er, was er sagen wollte.
Er setzte seinen Weg fort, sprach mit einer Schülerin über eine Wurzel, die nur bei Frost geerntet werden durfte, unterbrach sich selbst, um einem Händler zu sagen, dass sein Stand zu nah am Brunnen stehe, und blieb schließlich mitten auf einem Platz stehen. Er drehte sich langsam im Kreis. „Heute“, sagte er laut, „wird etwas passieren.“ Passanten blieben stehen, sahen ihn an. Einige lächelten. Andere nickten, als sei das eine ganz normale Feststellung.
„Etwas Gutes“, fügte Slonda hinzu. „Oder zumindest etwas Wichtiges. Das ist oft dasselbe.“
Er wusste nicht, woher dieses Gefühl kam. Nur, dass es da war. Es hatte ihn geweckt, hatte ihn nicht mehr losgelassen. Er war nervös, erwartungsvoll, unruhig – und ließ es jeden wissen. „Ich mag solche Tage nicht“, sagte er zu seinem Stab. „Und ich mag sie sehr.“ Er setzte seinen Weg fort, tiefer hinein in die steinerne Stadt, zwischen Wissen und Leben, zwischen Vergangenheit und dem, was gleich kommen würde und irgendwo, auf den Wegen nach Tandor, war sein Bruder unterwegs.
12
Die Mauern von Tandor erhoben sich nicht drohend, sondern ruhig.
Grauer Stein, alt und gut gefügt, mit Wachtürmen, die mehr beobachteten als verteidigten. Die Straße führte sanft ansteigend auf das Stadttor zu, flankiert von niedrigen Mauern, hinter denen Gärten lagen – winterfest, gepflegt, praktisch. Kein Prunk, kein Versuch zu beeindrucken. Tandor war nicht gebaut worden, um zu herrschen, sondern um zu bleiben. Am Tor wurden sie angehalten. Nigk ritt einen Schritt vor, hob die Hand, noch bevor jemand ihn aufforderte. Sein Ton war höflich, aber eindeutig, seine Worte knapp. Er nannte seinen Namen, seinen Titel, den Zweck der Reise. Kein Laut wurde erhoben, kein Siegel vorgezeigt, es war nicht nötig. Der Name allein reichte.
„Offizielle Mission“, sagte er ruhig. „Zum Hof und zur Erdschule.“ Der Hauptmann musterte ihn, dann Xian, dann die beiden Magier unter den weißen Umhängen. Er nickte, trat zur Seite. Anadar hatte nichts gesagt. Und niemand hatte ihn gefragt. Sie ritten ein.
Die Stadt war belebt, aber nicht laut. Wagen rollten langsam über den Stein, Menschen gingen ihren Wegen nach, Händler riefen keine Preise, sondern warteten darauf, dass man fragte. Es roch nach Staub, nach Papier, nach Erde. Überall sah man Bücher – in Händen, unter Armen, auf Karren, in Kisten. Tandor lebte von Wissen, und man trug es offen. Die Erdschule lag nicht am höchsten Punkt der Stadt, sondern dort, wo mehrere Wege zusammenliefen. Ein weitläufiger Komplex aus Hallen, Höfen und angeschlossenen Gebäuden, der eher wuchs als geplant worden war. Mauern waren überbaut, Gänge verlängert, Treppen ergänzt. Eine Schule, die sich dem Denken angepasst hatte. Sie ritten durch den äußeren Hof, stiegen ab. Anadar hatte gerade den Fuß aus dem Steigbügel gesetzt, als eine Stimme ertönte.
„Du sitzt immer noch zu steif.“ Er hob den Kopf. Slonda kam ihnen entgegengewatschelt, barfuß, den Stab in der Hand, die Robe wie immer ausgefranst, der Bart ungeordnet. Er lächelte breit, als hätte er genau diesen Moment erwartet und vielleicht hatte er das auch.
„Und du“, fuhr Slonda fort, „hast immer noch diesen Blick, als würdest du alles gleichzeitig bedenken wollen und dich dann ärgern, dass es nicht klappt.“ Anadar blinzelte. Dann lächelte er. „Du riechst nach altem Papier und kaltem Stein“, sagte er. „Und du bist immer noch zu dünn angezogen.“ „Unsinn“, erwiderte Slonda. „Der Stein ist kalt, nicht ich.“
Sie standen sich einen Moment gegenüber, musterten einander – zwei Männer, gleich alt, gleich alt aussehend in den Zügen, und doch kaum unterschiedlicher. Der eine aufrecht, kontrolliert, die Präsenz eines Mannes, der Verantwortung trug. Der andere zerstreut, watschelnd, die Präsenz eines Mannes, der Wissen trug. Dann umarmten sie sich. Nicht lange. Nicht fest. Aber selbstverständlich.
„Du kommst selten ohne Grund“, sagte Slonda, als sie sich lösten. „Und du schläfst schlecht, wenn etwas in der Luft liegt“, erwiderte Anadar. Slonda grinste. „Das ist unfair. Das ist meine Stärke.“ Er wandte sich ab und blieb abrupt stehen, als sein Blick auf Shara fiel. Er musterte sie von oben bis unten, langsam, aufmerksam.
„Ah“, sagte er. „Also doch.“ Shara hob eine Augenbraue. „Doch was?“ „Du bist Frau“, erklärte Slonda zufrieden. Anadar seufzte. „Slonda.“ „Was denn?“ Slonda grinste. „Erklär mir nicht, dass du mit dieser Frau reist, weil ihr zufällig denselben Weg habt.“ Shara lächelte schmal. „Ich reise mit ihm, weil er selten zuhört, wenn er allein ist.“ Slonda lachte hell auf. „Oh, ich mag sie.“ Er sah wieder zu Anadar. „Du weißt, dass sie dich eines Tages überleben wird.“
„Sie ist nicht—“, begann Anadar. „Ja, ja“, winkte Slonda ab. „Noch nicht.“ Er beugte sich leicht zu Shara. „Wenn du möchtest, kannst du hierbleiben. Vierter Zirkel. Ruhig. Viel Lesen. Wenig Drama.“ Anadar sah sie an. „Möchtest du?“ Shara antwortete nicht sofort. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nicht heute.“ Slonda nickte anerkennend. „Klug.“
Nigk und Xian traten näher. „Wir müssen zum Hof“, sagte Nigk. „Man erwartet uns.“ Slonda musterte sie kurz. „Gronsar“, murmelte er. „Ihr tragt die Sorgen weit.“ Xian neigte knapp den Kopf. „Wir treffen uns später“, sagte Nigk zu Anadar. „Ja“, antwortete dieser. „Später.“ Sie sahen ihnen nach, wie sie Richtung Burg aufbrachen, dann wandte Slonda sich wieder um.
„Also“, sagte er und klopfte mit dem Stab auf den Steinboden. „Was bringt dich wirklich her?“ Sie gingen. Durch einen der inneren Höfe, vorbei an Brunnen, an Studenten, die in Gruppen diskutierten, an Stapeln von Büchern, die auf Lieferung warteten. In eine Halle, deren Wände vollständig aus Regalen bestanden. Anadar sprach. Von Flüchtlingsströmen, von Visionen, von blutleeren Leichen.
Slonda hörte zu. Unterbrach nicht. Fragte nur einmal nach. „Blutleer“, wiederholte er schließlich. „Ohne Verwesung?“ Anadar nickte. Slonda blieb stehen. Sah ins Leere. „Ich habe darüber gelesen“, sagte er langsam. „Einmal. Oder zweimal. Oder…“ Er runzelte die Stirn. „Nicht hier. Nicht in den gängigen Texten.“
Er lächelte plötzlich. „Das ist gut. Das bedeutet, wir suchen.“ Er wandte sich um. „Kommt. Ich weiß nicht, wo es steht. Aber ich weiß, wo ich suchen würde.“ Und irgendwo tief in der Bibliothek von Tandor begann sich etwas zu regen.
13
Slonda wusste nicht mehr, wo. Nur, dass es existierte.
Er stand in einem der unteren Lesesäle der Großen Bibliothek von Tandor, den Stab locker in der Hand, den Kopf leicht schiefgelegt, als lausche er einem Echo, das nur er hören konnte. Vor ihm erstreckten sich Regale aus dunklem Holz, dicht an dicht, beschriftet, nummeriert, geordnet – zumindest für jene, die Ordnung suchten. Slonda suchte nicht.
„Nein, nein“, murmelte er. „Nicht hier. Das war weiter unten. Oder höher. Oder… zeitlich.“ Er setzte sich in Bewegung.
Anadar und Shara folgten ihm, zuerst aufmerksam, dann zunehmend verwundert. Slonda rauschte durch die Gänge wie ein Windstoß mit Beinen, zog Bücher aus Regalen, schlug sie auf, las drei Zeilen, manchmal nur ein Wort, klappte sie wieder zu und stellte sie nicht zurück, sondern legte sie irgendwo ab – auf dem Boden, auf andere Bücher, auf Fensterbänke. Pergamente wurden entrollt, überflogen, wieder zusammengerollt, diesmal andersherum. Hinter ihnen tauchten junge Schüler auf. Zwei, dann drei, dann fünf. Ohne ein Wort begannen sie, Ordnung zu schaffen. Sie hoben Bücher auf, legten Pergamente zurück, sortierten mit einer Geschwindigkeit und Gelassenheit, die verriet: Das war Alltag.
Slonda bemerkte sie nicht. Er sprach mit sich selbst. Oder mit jemandem, der vor langer Zeit hier gestanden hatte. „Du hast das falsch notiert“, sagte er vorwurfsvoll in einen leeren Gang. „Nein, nein, nicht falsch – nur verkürzt. Das ist schlimmer.“ Sie gingen tiefer.
Die Luft wurde kühler, trockener. Der Geruch änderte sich – weniger Papier, mehr Stein, mehr Staub, etwas Metallisches. Die Geräusche wurden gedämpfter, als würde die Bibliothek selbst den Atem anhalten. Dann blieb Slonda abrupt stehen. Er hob den Kopf. „Ah.“
Anadar sah ihn an. „Was?“ „Das“, sagte Slonda. „Natürlich.“ Und dann rannte er los. Nicht hastig, nicht panisch – sondern mit einer plötzlichen Klarheit, die keinen Zweifel ließ. Er stürmte eine Treppe hinauf, dann noch eine, vorbei an Lesepulten, an staunenden Studenten, an offenen Fenstern, durch die kalte Luft hereinschnitt. „Ich habe es hier gelesen“, murmelte er. „Oder darüber. Oder darunter. Das war…“ Die Treppen wurden enger, steiler. Stein wich Stein, bis sie in einem Turm standen – hoch, schmal, spiralförmig. Der Glockenturm der Bibliothek, von dem aus man die Stadt überblicken konnte. Stockwerk um Stockwerk nach oben.
Slonda redete ununterbrochen. Bruchstücke. Gedanken. Erinnerungen. „Es war Winter. Oder Sommer. Nein, Winter. Ich hatte kalte Hände.“ Oben angekommen blieb er stehen. Vor ihnen öffnete sich der Blick.
Tandor lag ausgebreitet unter ihnen: graue Dächer, enge Gassen, Höfe, die Erdschule wie ein gewachsener Organismus. Dahinter die Hügel, Wälder, weiter draußen das offene Land, und in der Ferne die dunklen Linien der Berge. Der Himmel war klar, hart, blau. Slonda atmete tief ein. Dann drehte er sich um, ging zu einer unscheinbaren Nische, griff hinein und zog einen schweren Schlüsselbund hervor. „Ah“, sagte er zufrieden. „Ich wusste doch, dass ich ihn hier gelassen habe.“ Bevor Anadar etwas sagen konnte, war Slonda bereits wieder unterwegs. Hinunter. Stufe um Stufe.Schneller als zuvor. Sie jagten ihm hinterher, zurück durch die Hallen, vorbei an Regalen, durch Türen, die Anadar nicht bemerkt hatte, über Wendeltreppen, die enger wurden, kälter. Slonda schloss eine schwere Tür auf.Dann eine weitere. Er nahm eine Fackel von der Wand, entzündete sie mit einer beiläufigen Bewegung. Weiter hinab.
Das Licht veränderte sich. Die Wände begannen schwach zu schimmern – phosphoreszierende Adern im Stein, alte Markierungen, Runen, die nicht mehr gelesen wurden. Pergamente lagen in Nischen, auf Podesten, schwebten beinahe, als würden sie vom Stein selbst gehalten. Ein Geräusch hallte. Ein Kichern? Ein Schrei? Shara blieb einen Moment stehen. „Hast du das—“ „Ja“, sagte Anadar leise. „Weiter.“ Slonda sprach, während sie gingen.
„Hier bin ich zum ersten Mal herabgekommen“, erzählte er, als spräche er von einem Garten. „Alles andere war langweilig. Zu ordentlich. Zu sicher.“ Er lachte leise. „Ich habe Stunden hier verbracht. Tage. Ich verstand nichts. Aber es war… schön.“ Sie gingen tiefer. Dann blieb Slonda stehen. Er runzelte die Stirn. „Nein.“ Er drehte sich im Kreis. Ging zurück. Dann vor. Öffnete ein Buch, blätterte. Nichts. Ein weiteres. Wieder nichts. Dann hielt er inne.
Er hatte ein Buch geöffnet, dessen Seiten herausgerissen waren. Leere Stellen. Spuren von Gewalt. Slonda klappte es zu. Langsam. „Das ist neu“, murmelte er. Er ging ein Regal weiter. Zog ein schmales, unscheinbares Buch hervor. Er hielt es hoch. „Da.“
Triumph lag nicht in seiner Stimme – nur Erleichterung. Im Licht der Fackel schlug er es auf. Slonda hielt inne, noch bevor er das Buch ganz aufschlug. „Das hier“, sagte er und klopfte mit dem Finger gegen das Holz des Regals, „ist kein Archiv. Nicht wirklich.“ Er hob die Fackel ein wenig, sodass das matte Licht über die umliegenden Nischen glitt, über Pergamente, die nicht gebunden waren, über Rollen, deren Ränder ausgefranst und dunkel verfärbt waren. „Hier unten bewahren wir keine Lehren auf. Wir bewahren Reste.“ Anadar sah sich um. Die Luft schien dichter zu sein als weiter oben, schwerer, als hätte sie sich über Jahrhunderte gesetzt.
„Diese Schriften stammen aus der Zeit vor dem Kodex“, fuhr Slonda fort, als erzähle er von alten Bekannten. „Und einige sogar von davor. Vor dem Großen Krieg. Vor der Einigung der Schulen.“ Er ging ein paar Schritte weiter, strich mit der freien Hand über einen steinernen Sims. „Damals gab es keine klaren Trennungen. Keine sauberen Begriffe. Geist, Leben, Erde, Feuer – das waren keine Schulen, sondern Zustände.“ Shara fröstelte, ohne zu wissen warum.
„Man hat versucht, alles zu bewahren“, sagte Slonda leise. „Auch das, was man später nicht mehr verstehen wollte. Oder nicht mehr durfte.“ Er lachte kurz, trocken. „Diese Pergamente haben… Eigenheiten. Manche reagieren auf Nähe. Andere auf Gedanken. Wieder andere auf gar nichts – und das ist oft das Gefährlichste.“ „Kann man sie wirken?“ fragte Anadar. Slonda schüttelte den Kopf. „Nein. Niemand kann sie lesen. Nicht wirklich. Die Sprachen sind tot. Oder haben sich verändert. Und das ist gut so.“ Er sah die beiden an, ernst wie selten. „Was hier unten liegt, ist gebunden. Beruhigt. Eingeschlossen. Nicht, weil es harmlos ist, sondern weil niemand mehr weiß, wie man es benutzt.“ Er hielt das Buch nun höher. „Aber beschreiben“, sagte er. „Beschreiben konnten sie sehr gut.“ Die Schrift war fremd. Älter als alles, was Anadar kannte. Shara beugte sich vor, versuchte Muster zu erkennen – vergeblich.
Slonda deutete mit dem Finger auf eine Passage. „Hier“, sagte er leise. „Da steht es.“ In diesem Moment erlosch die Fackel. Das Licht verschwand.
Und etwas bewegte sich im Dunkeln. Das Licht erlosch nicht einfach. Es wurde genommen. Die Finsternis fiel nicht wie ein Vorhang, sie drängte sich hinein, presste sich in den Raum, als hätte sie schon lange gewartet und nur auf dieses eine Zeichen geachtet. Die phosphoreszierenden Adern im Stein verblassten, zuerst zögerlich, dann vollständig, und mit ihnen verschwand jede Orientierung. Shara würgte.
Nicht aus Angst allein, aus einem plötzlichen, überwältigenden Ekel, der ihr den Magen zusammenzog, als hätte etwas Unsichtbares seine kalten Finger in ihre Eingeweide gelegt. Ihr Gleichgewicht brach weg. Der Boden war noch da, aber er fühlte sich falsch an, schräg, fremd. Anadar wollte nach ihr greifen. Seine Hand erreichte sie nicht. Etwas hielt ihn. Kein Griff. Kein Druck.Ein Stillstand.
Es war, als hätte die Zeit selbst beschlossen, ihn an dieser Stelle festzunageln. Seine Glieder gehorchten nicht mehr. Ein dumpfer Schmerz kroch langsam, quälend langsam, durch seine Arme und Beine, nicht stechend, sondern ziehend, als würde man Nerven auseinanderziehen und wieder loslassen, immer wieder. Slonda stieß einen Laut aus, der irgendwo zwischen Lachen und Weinen lag. „Nein, nein“, murmelte er. „Das ist… das gehört nicht…“
Dann brach seine Stimme ab. Etwas berührte sie. Nicht von außen, von innen. Ein Druck baute sich in Anadars Schädel auf, als würde jemand versuchen, seine Gedanken auseinanderzufalten. Erinnerungen flackerten auf – ungebeten, ungeordnet: Hitze, Feuer, Stimmen aus längst vergangenen Tagen, Schuld, Zweifel. Alles gleichzeitig. Alles falsch sortiert. Shara sank auf die Knie.
Sie fühlte, wie sich etwas an ihren Geist klammerte, tastend, neugierig, und dort verweilte, wo sie am empfindlichsten war. Bilder drängten sich auf, nicht klar, nicht vollständig, Fragmente von Angst, von Hass, von etwas, das keine Freude kannte, nur Hunger nach Wahrnehmung. Sie schrie nicht. Sie konnte nicht.
Ihr Körper war da, aber er gehörte ihr nicht mehr. Slonda keuchte. Seine Hände krampften sich um den Stab. Tränen liefen über sein Gesicht, ohne dass er es merkte. „Zu alt“, stammelte er. „Zu… wach.“ Der Schmerz veränderte sich. Er wurde rhythmisch. Wie Schläge.Wie Peitschenhiebe, nicht auf Haut, sondern auf Gedanken. Jeder Impuls ließ Übelkeit aufsteigen, ließ Muskeln zucken, ließ das Gefühl entstehen, dass man gleich auseinanderbrechen würde, ohne dass etwas Sichtbares zerbrach. Zeit verlor jede Bedeutung. Es hätte Augenblicke sein können. Oder Stunden.
Anadar wusste nur eines: Das hier hörte nicht auf. Und genau das war der Moment, in dem etwas in ihm umschlug. Nicht Wut. Nicht Mut. Zornlose Klarheit. Er ließ los.
Nicht von dem Schmerz, sondern von dem Versuch, ihn abzuwehren. Er öffnete seinen Geist, nicht weit, nicht vollständig, sondern präzise, wie eine Klinge. Wo das Dunkel drängte, drängte er zurück. Kein Feuer. Kein Bild. Kein Name. Nur Willen. Der Angriff war kein Stoß. Er war ein Beharren.
Ein geistiges Stehenbleiben an einer Stelle, an der etwas ihn nicht haben wollte. Anadar hielt dagegen, zwang das Fremde, ihn wahrzunehmen, nicht als Beute, sondern als Widerstand. Das Dunkel reagierte. Ein letztes Aufbäumen, ein schneidender Schmerz, so intensiv, dass Anadar glaubte, sein Schädel würde bersten.
Dann… ließ es nach.
Nicht explosionsartig. Nicht besiegt. Es zog sich einfach zurück.
Wie etwas, das bekommen hatte, was es suchte – und nun weiterzog. Die Finsternis wich. Das phosphoreszierende Leuchten kehrte zurück, schwach, zitternd. Shara lag auf der Seite, keuchend, kalter Schweiß auf ihrer Stirn. Slonda saß zusammengesunken am Boden, den Stab fallen gelassen, die Augen weit offen.
Niemand sprach. Niemand konnte. Erst nach einer langen, zitternden Weile richtete Anadar sich mühsam auf. „Ich habe nicht gewonnen“, sagte er heiser. Shara sah ihn an. „Nein.“ Slonda schluckte. „Nein… das hat… genommen.“ Sie blickten auf das Buch.
Mit zitternden Händen schlug Slonda es erneut auf, blätterte hastig, verzweifelt. Die Seiten raschelten. Sein Atem ging stoßweise. „Hier“, murmelte er. „Hier war es. Ich weiß es.“ Er blätterte weiter. Die Stelle fehlte. Nicht beschädigt. Nicht verwischt. Herausgelöst. Sauber. Absichtlich. Slonda ließ das Buch sinken. „Es wollte nicht, dass wir lesen“, sagte er leise. „Es wollte, dass wir erinnern.“ Und tief unter der Großen Bibliothek von Tandor wusste jeder von ihnen:
Dies war kein Angriff gewesen. Es war eine Botschaft.




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