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Von Zealandia und zweiten Chancen

  • Autorenbild: R.
    R.
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Der Text ist eine Rohfassung, ich werde den sicherlich noch aktuallisieren, aber nicht heute



Da saß ich also im Flughafentaxi auf Samoa und ließ mich zum Flughafen fahren. Am Steuer saß ihr Mann, sie daneben. Er sprach kein Englisch, deswegen war sie dabei. Sie war gesprächig. Sehr gesprächig. Und ich war ihr „Bro“. Jeder zweite Satz begann so.

Natürlich kam irgendwann der Fragenkatalog.

Wie, du hast keine Frau? Warum suchst du dir keine? Hier? Die Frauen sind hier toll. Du gehst arbeiten und sie kochen und bügeln für dich. Du musst dich um nichts mehr kümmern.

Meine Einwände, dass ich Europäer bin und es gern etwas weniger traditionell habe, konterte sie damit, dass sie doch auch emanzipiert sei. Außerdem sei sie Matai, also Trägerin eines samoanischen Familientitels. Sie hatte vier Kinder. Die zwei älteren lebten in Neuseeland oder Australien. Der Neunzehnjährige hatte eine wunderschöne Freundin, die nun schwanger war, und sie war noch nicht bereit, Großmutter zu werden. Der Siebenundzwanzigjährige hatte immer noch keine Freundin, aber der wolle ja Priester werden.

Diese Ausrede kenne ich. Ich habe auch einen Verwandten, der nach Ansicht der Mutter „Priester“ werden soll. Ihr wisst schon. Homosexualität ist nicht überall auf der Welt gern gesehen. Aber ich kenne ihren Sohn nicht. Ich kenne nur meinen Verwandten. Priester, klar.

Samoa hat mich zum Nachdenken gebracht. Nein, nicht in die Richtung, dass ich nun unbedingt doch noch Kinder möchte. Es war etwas anderes. Vielleicht hatte es schon früher angefangen, auf einer anderen Insel. Mir fiel in den letzten Wochen immer wieder auf, wie wenig man eigentlich braucht, um glücklich zu sein. Besonders in so sensiblen Systemen wie den Inseln des Südpazifiks.

Natürlich habe ich nicht alle gesehen. Es gibt noch die Cook Islands, Bora Bora, Tahiti und viele andere. Aber irgendwann ist auch einmal Schluss und dieses fliegen über den Südpazifik in den Boings 737, es gibt angenehmere Flüge, wirklich. Ich habe gesehen, was ich sehen wollte. Und so viel grundsätzlich Neues kommt irgendwann nicht mehr hinzu. Was ich sah, war manchmal wie ein Augenöffner. Diese Reise war nicht nur eine Reise über Inseln. Sie war auch eine Reise nach innen. Ich habe viel nachgedacht. Unglaublich viel. Und das war gut so.

Nun bin ich am Sortieren.

Damit habe ich also auch den achten Kontinent bereist.

Moment. Den achten Kontinent?

Ja, den achten. Zealandia. Der Teil von Gondwana, der sich löste, absank und heute fast vollständig unter dem Südpazifik liegt. Etwa tausend Meter unter der Wasseroberfläche. Nur ein paar Berge ragen noch heraus. Neuseeland gehört dazu, Neukaledonien auch. Fiji vielleicht, darüber streiten sich die geologischen Geister. Vanuatu, Tonga und Samoa gehören definitiv nicht dazu. Sie sind Teil einer anderen Geschichte.

Und wie es so meine Art ist, vergleiche ich. Ich baue mir eine Reihenfolge. Was war das Beste? Was hat mich berührt? Was würde ich empfehlen? Was weniger?

Meine persönliche Südpazifik Rangliste sieht im Moment so aus:

  1. Neukaledonien

  2. Neuseeland Südinsel

  3. Samoa

  4. Neuseeland Nordinsel

  5. Tonga

  6. Vanuatu

  7. nichts

  8. Fiji

Neukaledonien sticht für mich heraus. Ich denke, wenn man meine Texte liest, merkt man schnell, dass ich mich in Nouméa verliebt habe. Diese Insel ist bezaubernd. Mit ihrer französischen Hauptstadt, ihrem Licht, ihrer Lagune, ihren Gegensätzen. Natürlich hat Neukaledonien Probleme. Natürlich unterscheidet es sich stark von den anderen Inseln. Natürlich gibt es dort ein Volk, das sich abgehängt fühlt. Und trotzdem fand ich es großartig.

So großartig, dass ich auf jeden Fall noch einmal dorthin möchte. Mit dem Fahrrad. Um den Rest der Insel zu erkunden, zu dem ich nicht kam. Ich habe sicherlich noch ein oder zwei gute Jahre, in denen ich so etwas machen kann.

Die Unterwasserwelt war für mich bisher die beste. Die Riffe waren noch voller Korallen. Nur der Transport dorthin war nicht immer zuverlässig. Die Katamarantour werde ich wohl immer im Kopf behalten. Die war Wahnsinn.

Ein Minuspunkt? Der Kaffee. Widerlich. Franzosen können viel. Kaffee kochen gehört für mich offenbar nicht dazu. Keine Ahnung, was sie da machen. Vielleicht bin ich da auch zu italienisch geworden.

Dann Nummer zwei: die Südinsel Neuseelands.

Queenstown. Ja, auch dort habe ich mein Herz verloren. Egal, wohin man schaut, es ist schön. Berge, Seen, Licht, Wind, Weite. Heute fiel endlich der große Zehennagel ab, den ich mir auf dem Greenstone Track wohl angelockert hatte. Eine kleine Erinnerung an diese Reise. Auch dorthin möchte ich unbedingt noch einmal, am besten auch mit dem Fahrrad. Ich glaube, da sind noch ein paar offene Stellen auf meiner inneren Karte.

Samoa hat mich auf eine andere Weise begeistert. Die Menschen dort. Ihr Stolz, ihre Liebe, ihr Zusammenhalt, ihr Naturbewusstsein. Das hat mich berührt. Wenn ich je Zeit und Gelegenheit habe, sicher, ich würde wiederkommen. Aber es ist nicht ganz dasselbe Muss wie Neukaledonien oder die Südinsel Neuseelands.

Die Nordinsel Neuseelands? Wellington war großartig. Wirklich großartig. Der Rest der Insel? Ja, gut, dass ich dort war. Aber mein Herz blieb eher im Süden.

Was diese Orte gemeinsam hatten: wenig Plastikmüll, gute Straßen, eine gewisse Rücksichtnahme im Verkehr. Samoa war beim Verkehr manchmal grenzwertig, aber auch dort hatte ich nie das Gefühl völliger Verwahrlosung.

Zwischen Vanuatu und Tonga sind es Nuancen. An beide werde ich gern zurückdenken. Vanuatu, die Fußballverrückten. Tonga, mit seinem wirklich hervorragenden Kaffee. Auf beiden Hauptinseln war mir zu viel Plastikmüll. Vielleicht ist das auf anderen Inseln anders. Ich war jeweils nur auf der Hauptinsel, und natürlich gibt es noch so viel mehr.

Und dann Fiji.

Ach ja, Fiji.

Vor dem Bula Vorhang ist es bestimmt schön. Viele Australier lieben es dort. Resorts, freundliche Begrüßungen, Palmen, Lächeln, Musik im Flugzeug, Plastikvermeidung, Bäume pflanzen, eine heile Südseewelt. Aber hinter diesem Vorhang wurde es für mich schwierig. Sobald ich mich ein Stück neben den touristischen Weg bewegte, sah ich Dinge, die nicht zu diesem Bild passten. Dreck, Müll, viel Inszenierung und immer wieder das Gefühl, dass man als Reisender vor allem als Geldquelle gesehen wird.

Vielleicht hatte ich Pech. Vielleicht war ich an den falschen Orten. Vielleicht sah ich zu viel hinter die Kulissen. Aber Fiji wurde für mich nicht zu dem Ort, an den ich gern zurückdenken werde.

Und nun bin ich zurück in Australien.

Zurück im Land des riesigen Platzes, der Supermärkte, des guten Kaffees und dieser merkwürdigen Mischung aus Lässigkeit und Härte. Ich bin gewillt, Australien noch eine zweite Chance zu geben. Es noch einmal anzuschauen, mit anderen Augen.

Und doch ist da etwas, das mich beschäftigt.

Ist diese Gesellschaft wirklich so offen, wie sie sich gern sieht? Oder ist sie rassistischer, als sie selbst wahrhaben möchte?

Ich bin gelandet, hatte einen Fahrer zum Hotel, und schon in den ersten Sätzen ging es um Fiji, um Inder, um Kriminalität, um Misstrauen. Es war nicht das erste Mal, dass ich solche Dinge hier hörte. Mal sind es Asiaten, die angeblich an hohen Immobilienpreisen schuld seien. Mal sind es Migranten, die angeblich ganze Stadtteile ruinieren. Dabei ist es oft viel einfacher und viel unbequemer: Es sind Investoren, Fehlanreize, Gier und eine Gesetzgebung, die Mieter erstaunlich wenig schützt.

Ich hatte selbst einen Einjahresmietvertrag. Am Ende des Jahres hieß es: Entweder du ziehst aus, oder du zahlst fünfzig Dollar pro Woche mehr. So einfach war das. Daran waren keine Ausländer schuld. Das war schlicht Gier.

Auch unterwegs hörte ich Sätze, die mir im Kopf blieben. Auf Vanuatu sagte eine ältere australische Touristin zu einem jungen Mann, der an der Blue Lagoon arbeitete, sinngemäß, sie habe ihn kaum sehen können, weil seine dunkle Haut mit dem Hintergrund verschmelze. Es war vermutlich nicht einmal böse gemeint. Genau das machte es so unangenehm. Diese Selbstverständlichkeit. Diese fehlende Scham.

In vielen Situationen vermeiden Australier jede Direktheit. Nur bei solchen Dingen nicht. Da wird plötzlich sehr offen gesprochen. Über andere. Über Menschen, die nicht dazugehören. Über Gruppen, die angeblich schuld sind.

Und gleichzeitig schaut man gern auf die USA herab. Man hält sich für entspannter, besser, vernünftiger. Ich bin mir da nicht so sicher.

Auch manche Formen des Humors irritieren mich. Ein Beispiel ist für mich YeahMad, eine australische Comedyshow, in der sich Menschen Witze erzählen und versuchen, nicht zu lachen. Sicher, Humor darf böse sein. Humor darf Grenzen berühren. Aber was mich daran befremdet, ist die Selbstverständlichkeit, mit der dort immer wieder über Ethnien, Behinderung, Judentum, den Zweiten Weltkrieg oder andere sensible Themen gelacht wird. Nicht jeder einzelne Witz ist gleich schlimm, und vielleicht verstehe ich auch nicht jede kulturelle Nuance. Aber die Häufung hat mich gestört. Es wirkte auf mich nicht wie kluge Satire, sondern oft wie billige Herabwürdigung. Und auffällig ist: Über andere kann man sehr hart lachen. Über sich selbst deutlich weniger.

Vielleicht bin ich zu streng. Vielleicht habe ich zu viele falsche Momente gesammelt. Vielleicht war ich müde, empfindlich, übersättigt von Eindrücken. Möglich. Und trotzdem bleiben diese Beobachtungen.

Auch dieser Schlachtruf, der überall erklingt: „Aussie, Aussie, Aussie, oi, oi, oi.“ Für viele ist das harmlos, ein Sportgesang, ein Nationalwitz, ein Moment der Gemeinschaft. Für mich klingt es inzwischen manchmal unangenehm. Zu laut. Zu selbstgewiss. Zu sehr nach "S&7g H$%l" dinge die wir vor 100 jahren gehört haben. Vielleicht bin ich da zu deutsch, vielleicht höre ich in solchem nationalen Grölen schneller historische Echos als andere, aber genau deshalb gehen bei mir die Warnlampen an, sobald ein Wir so laut wird.

Vielleicht ist das unfair. Vielleicht muss ich Australien noch einmal anders sehen. Genau deshalb gebe ich diesem Land jetzt eine zweite Chance.

Der Taxifahrer war schon wieder ein eindruck, in diesem Sinne.


 
 
 

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