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Samoa - Apia II

  • Autorenbild: R.
    R.
  • 20. Mai
  • 8 Min. Lesezeit

Bleib doch hier, such dir eine Frau, gründe eine Familie und bekomme Kinder, wenn es dir so gefällt. Du brauchst hier nicht viel zum Leben. Endlich hat es jemand gesagt, beziehungsweise wieder gesagt. Ich habe das nun schon das zweite oder dritte Mal hier auf einer der Inseln im Südpazifik gehört. Es klingt so einfach. Ist es vermutlich auch. Für jeden, nur nicht für mich.

Die letzten vier Tage auf Samoa habe ich viele Gespräche geführt. Das Wetter war nicht gut genug, um sehr viel zu machen. Es hat geregnet, viel und ausgiebig, immer wieder. Und so saß ich in der Hotellobby und habe gearbeitet oder in dem ein oder anderen Kaffee und habe, richtig, geredet. Immer und immer wieder. Die Leute sind kommunikativ und sie sind stolz. Sie lieben ihre Insel und sind stolz auf ihre Familie, das spürt man überall.

Wenn man ein Gespräch mit jemandem anfängt, der einen noch nicht kennt, sind die ersten Fragen immer: Hast du eine Frau, hast du Kinder? Nein? Es ist keine Enttäuschung, die sie äußern. Es ist eher eine Art Warum lebst du überhaupt. Was hat dein Leben für einen Sinn. Und dann erzählen sie. Sie fangen an mit ihren Kindern, mit Namen und Alter, mit ihren Brüdern und Schwestern, damit, der wieviel Älteste sie sind, und so geht das weiter. Nach kurzer Zeit weißt du, wer ihr Chief ist und aus welcher Community sie kommen. Das passiert im Kaffee, das passiert mit dem Taxifahrer oder wenn dich jemand irgendwo mitnimmt. So sind die Gespräche.

Und dann natürlich noch: Oh, du kommst aus Deutschland? Wir waren auch deutsch hier, ich habe einen deutschen Pass. Und dann zeigen sie ihn dir, und wie es gute deutsche Tradition ist, stehen nach dem Vornamen noch zwei weitere Namen im Pass. Iosefa Berthold Adolf.

Ein weiterer Pluspunkt: Hier sind deutlich mehr Neuseeländer als Australier unterwegs. Du hörst anderes Englisch, rücksichtsvollere, höflichere Menschen ohne lächerliche Tätowierungen. Eindeutig Neuseeländer. Schließlich war Samoa einmal neuseeländisches Gebiet. Angenehm.

Und die Damen bevorzugen stämmige Männer. Das merkte ich, als ich auf der Suche nach einem lavalava war, oder genauer nach einem ie faitaga, einem dieser sehr bequem aussehenden Wickelröcke, die Männer hier tragen, traditionell gern in Grau. Ich stand auf einem Markt, wo neben Fischköpfen und Bananen eben diese Röcke verkauft wurden, und wollte einen in Grau oder Schwarz. Sie sah mich an und meinte, in meiner Größe hätte sie nichts, sie schaue mal, was sie in XL habe. XL, das deprimierte mich schon ein bisschen. Ich zeigte auf die grauen, die vorne hingen, und sie lächelte und schüttelte den Kopf. Die sind nichts für dich, das ist mindestens XXXL oder größer, für Männer. Sie deutete an, was sie sich unter einem Mann vorstellte, deutlich umfangreicher als ich. Dann zeigte ich auf einen schwarzen daneben, kleiner, und sie fiel in Lachen aus. Das ist M, der ist für Kinder. Ich bestand trotzdem darauf, ihn wenigstens zu probieren. Eigentlich passte der ganz gut, fand ich. Setz dich hin, sagte sie. Ich tat wie geheißen und sah, was sie meinte. Dann schaut alles raus, wenn du so einen trägst, lachte sie.

Jetzt weiß ich auch, was unter den lavalava wohl getragen wird. Eher weniger. Der ganze Kühlungseffekt, den man durch den Rock sonst hätte, würde ja auch verpuffen. Und so ging ich mit einem braunen Polyester Lavalava in XL weg. Muss ich ihn halt färben, wenn ich mit der Farbe nicht klarkomme. Ich hätte auch in einen anderen Laden gehen können, aber die Lavalavas dort kosteten mehr als das Doppelte.

Wie erwähnt, es regnete die letzten Tage sehr oft, und so begrenzte ich meine Ausflüge auf Apia und Umgebung. Der erste führte mich ein bisschen in die nähere Umgebung zu einigen Wasserfällen, an denen man runterrutschen konnte oder in den Becken schwimmen. Eigentlich wollte ich die sechs Kilometer dorthin laufen. Eigentlich. Nur hielt alle zwei Meter ein Taxi an, fragte mich, wo ich hinwill, und nannte mir dann einen Preis. Beim vierten schlug ich zu und ließ mich fahren.

Standardfragenkatalog. Das mit der Scheidung. Also das ist schlimm für sie. Ich scherze dann immer: all the money for me. Dann ist die Reaktion meistens: Oha, ja, und auch kein Stress mehr. Oben auf dem Berg ließ er mich springen und ich wollte schon die Treppen runter, wurde aber sofort von einer sehr, sehr fülligen Frau, die in einem fale saß, einem dieser offenen Häuser mit ovalem Grundriss, im Schatten an einem Tisch, zu sich gepfiffen. Ich müsse erst meinen Eintritt zahlen. Sie deutete auf den Korb vor ihr. Sechs tālā wollte sie. Ich legte zehn tālā rein und ich glaube, sie sagte so etwas wie ja passt schon, du kannst runter. Ich fragte nicht mehr nach meinem Wechselgeld und schlich mich.

Halb zerbröselte Betontreppen mit verrosteten Rohren als Handlauf runter, an Hornissen und Wespen vorbei, stand ich plötzlich vor einer natürlichen Aqualandschaft aus Felsen, mit natürlichen Becken und Wasserfällen, die man auf eigene Gefahr sicherlich runterrutschen durfte. Das ist Spaß, auch wenn es wehtun kann. Du liegst da in so einem Becken und Schmetterlinge und Libellen surren um dich herum. Wirklich entspannend. Die Gedanken schweifen und irgendwann wird das einfach viel zu relaxed.

Der Rückweg, eigentlich wollte ich laufen, tja, weit kam ich nicht. Ein Taxi nach dem anderen hielt an und so ließ ich mich wieder fahren und mir den Standardfragenkatalog um die Ohren hauen. Wie, du bist geschieden? Ich überlegte mir, ob ich mir eine Phantasiefamilie zulegen sollte, entschied mich aber dagegen.

Abends saß ich dann wieder am Meer nahe dem Hotel und sah zu, wie die Sonne im Meer versank. Rudern ist hier ein Volkssport, scheint mir, und vom traditionellen Achter halten die nichts, das sind viel zu wenige. So ziehen dann Boote mit einer kompletten Olympiamannschaft an dir vorbei und neben dir sitzen noch fünfzig andere und beobachten das Schauspiel.

Der Samstag war dann schon leicht regnerisch, so dass ich entschied, in Apia zu bleiben und mich den Kaffees zu widmen. In meinem Stammkaffee stellten sie mir schon den Espresso hin, ohne dass ich etwas sagen musste. So lang war ich doch gar nicht hier. Und die liebliche junge Dame mit Blume im Haar, vom Volumen zweimal ich, gute zwei Köpfe größer als ich, fragte mich: Hast du Kinder? Mit einem Lächeln, das mehr versprach als ein potentieller Arbeitgeber auf Mitarbeitersuche. Körbe mit Obst.

Und dann der Sonntag. Auch hier ist Samoa sehr christlich geprägt. Die Insel ist beinahe geschlossen und der Regen tat sein Übriges. So saß ich in der Hotellobby oder machte zwischen den Regenschauern kurze Spaziergänge, nur nichts Aufwendiges. Es ist schließlich Sonntag. Und da das Wetter eher wechselhaft bleiben sollte, kürzte ich das Programm, das ich noch hatte, ab. Ich strich Schnorcheln, ich strich Beach und Wellen. Das hatte ich die letzten Wochen. Ich fokussierte mich auf Taxitouren.

Montag war das Wetter dann wenigstens ein bisschen näher an Sonnenschein und ich lief zu einem Taxistand. Es wurde ein bisschen gefeilscht und schon saß ich auf dem Weg nach oben auf einer wirklich guten Straße. Generell muss man Samoa loben, die Straßen sind gut gebaut und gut erhalten. Die Infrastruktur ist wirklich nicht schlecht, anders als bei den ehemals britischen Kolonien. Woran das wohl liegen mag. Egal.

Papapapaitai Falls hatte ich als Ziel ausgegeben und der gute Mann fuhr mich nach oben, mit dem Standardfragenkatalog und dem üblichen: Wie lang bist du noch da, brauchst du einen Fahrer? Und oben bei den Papapapaitai Falls hatte ich wohl Glück. Wir hatten genau die paar Minuten erwischt, in denen der Wasserfall unter den Wolken sichtbar war.

Eigentlich war ich am Überlegen, die Südseite der Insel zu machen, aber nachdem ich die Wolken hinter dem Sattel sah, war das sinnlos. Also quatschte ich mit dem Fahrer, ob er mich auf dem Rückweg noch ein Stückchen mitnehmen könne. Ich zog das Alternativprogramm. Wandern.

Und so stand ich dann auf einer einsamen Straße, die irgendwann zum Weg wurde und dann zur zugewachsenen Schlaglochpiste. Auf Google Maps war ein Wanderweg verzeichnet, vorbei am Mount Fiamoe hin zum Lake Lanotoʻo. Ich lief die Straße entlang, vorbei an wirklich schönen Häuschen und hübschen Gärten, Kühen, ein paar Hunden und Pferden. Und kam an einem ehemaligen Parkplatz an. 2003 war dieser Wanderweg wohl eröffnet worden, besagte das vergilbte Schild auf einem zugewachsenen Parkplatz.

Ich blickte mich um, gerade so konnte ich noch den Weg ins Dickicht erahnen, und folgte diesem zugewachsenen Trampelpfad. In Neuseeland ist es kein Problem, einem Pfad zu folgen, so ausgelaufen ist er. Hier stand ich manchmal fünf Minuten herum, nur um den Weg überhaupt zu erahnen. Ich lief durch hüfthohes Gras, natürlich hatte ich nur eine kurze Hose an, es gibt ja keine Zecken auf Samoa, und ich hatte mich mit diesem Insektenabwehrspray von oben bis unten eingesprüht. Und falls sich je jemand die Frage stellt, ob es Brennnesseln auf Samoa gibt, ja, die gibt es, zumindest brennende Nesselverwandte. Bald wusste ich, welchen Pflanzen ich ausweichen musste.

Und so lief ich fröhlich und nichtsahnend in den Regenwald, in den tropischen Regenwald, vorbei an einer eingefallenen Sitzbank. Wie gesagt, 2003 hatte man einen Wanderpfad zum Lake Lanotoʻo eingerichtet. Lake Lanotoʻo ist ein vulkanischer Kratersee im Hochland von Upolu und gilt als größter See Samoas, mit botanischer Vielfalt und außergewöhnlichen Vögeln. Ja, es wird erwähnt, dass man die Tour eher mit einem Guide machen sollte. Ich weiß, danke.

Und ich folgte diesem Weg, wenn ich ihn sah, und ich stieg auf und der Lehm klumpte an meinen Schuhen und die Holztreppen und Hilfseinrichtungen waren mittlerweile nicht mehr vorhanden oder zerfallen. Das hielt mich nicht ab, auch der einsetzende Regen nicht, der hin und wieder kam. Ich hatte ein Ziel und ich marschierte über Stock und Stein und Matsch und Wurzel. An der zweiten Picknickbank vorbei, moosüberwachsen, dann zur dritten. Ich kam zügig voran.

Da stand ich dann auch an der letzten Picknickbank. Vor mir beinahe der See, nur noch kurz runter in den Nebel, was ich schließlich auch machte. Nun lasst euch gesagt sein, hochlaufen im Matsch, das geht ganz gut. Runter ist eine andere Kraftverteilung. Der Gleitwiderstand ist anders. Sehr viel geringer. Es war eher ein Hinabfallen beziehungsweise Rutschen zum See.

Ich schlug unten auf und blickte auf das Wasser, auf die drei Meter, die ich vor Nebel sehen konnte. Auch von den Goldfischen, die im See sein sollen, habe ich leider nichts gesehen. Ich dachte an den Rückweg. Ich bin die letzten Meter runter zum Krater so sehr gerutscht und gefallen und die letzte Stunde zum See bin ich hochgelaufen. Mir schwante für den Rückweg Übles und es war schlimmer, als ich es befürchtet hatte.

Ich war von oben bis unten mit rotem Schlamm bedeckt. Ich fiel Böschungen hinunter, konnte mich gerade so noch an Pflanzen festhalten. Ich rutschte, ich fiel, ich kämpfte, ich hatte mehrere Lagen von Matsch an mir. Ich hatte Bambusstöcke und andere Wanderstäbe, die ich nutzte, bis sie entweder brachen, Bambus bricht, oder so sehr mit Schlamm bedeckt waren, dass sie keine Hilfe mehr darstellten. Meine Schuhe waren schwer und rot und voll mit Wasser und Lehm und mir lief die Suppe in Strömen runter, im wieder einsetzenden Regen.

Es war gefährlich und nicht nur einmal verfluchte ich alles, und nicht nur einmal empfand ich es als unglaublich geil. So spürt man, dass man lebt. Irgendwann, Stunden später, kam ich zitternd und entkräftet bei der ersten Parkbank an, mit einem Lächeln auf den Lippen und einer Schlammpackung am Körper. Ich wusste, dass meine Schuhe nach dem Marsch durch das Gras wieder besser aussehen würden, aber der Rest von mir? Und so stand ich an jeder Pfütze auf dem Weg und wusch mich notgedrungen. Der Matsch hatte sich in Schichten auf mir festgesetzt und ich wusch in verschiedenen Pfützen verschiedene Schichten von mir ab. Das Gute war, die Mückenstiche, die mich noch am Morgen geplagt hatten, waren nicht mehr zu spüren.

Und so legte ich mir eine Taktik zurecht. Zur Stadt waren es noch fünfzehn Kilometer und ich dachte nicht, dass ich das noch ganz laufen wollte. Ein Taxi wird schon anzuhalten sein, nur, so wie ich aussah, meine Kleidung war lehmrot, vor allem Rücken und Hintern. Ich hatte noch ein Handtuch dabei, das hätte ich um mich wickeln können, durchnässte Schuhe kann man ausziehen, und so machte ich mir Gedanken, wie ich mich wieder taxitauglich herrichten konnte.

Da bog aus dem Weg vor mir ein Pick-up und hielt an. Ein junger Mann saß drin, er schaute mich an, lächelte und deutete mir einzusteigen. Wo ich wohnen würde, wie viele Kinder ich hätte und was zur Hölle ich eigentlich hier machen würde. Er brachte mich ins Hotel ohne zu zögern. Ein wirklich angenehmes Gespräch. Geld wollte er nicht, also habe ich ihm eine dieser unglaublich fantastischen Limonaden ausgegeben, die es hier auf Samoa gibt. Taxi mit Namen. In diesem Sinne.


 
 
 

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