Exitstrategien & andere Kleinigkeiten
- Ralph

- 28. Dez. 2025
- 6 Min. Lesezeit

Und dann hat man über Weihnachten vier Tage frei und es schleichen sich so Gedanken ein. Eigentlich wollte ich mich mit dem Fahrrad auf den Brisbane Rail Trail begeben, 170 km durch die Pampa, den Busch, Gravel, von Ipswich nach Yarraman. Ich hatte mir Wasserbeutel gekauft, gepackt, mir das Wetter angeschaut – und entschieden, dass es in meinem momentanen Zustand eher an Selbstmord grenzt. Diese Luftfeuchtigkeit macht mir immer noch sehr zu schaffen. Ich bin permanent dehydriert, trinke viel zu wenig und wenn, dann oft das Falsche. Ich mache zu viel Sport im Freien, habe zu viel Stress (nicht im negativen Sinne), bin beschäftigt, zwölf Stunden täglich (das übliche Pensum). Der Cortisolspiegel ist hoch, und was das nach sich zieht, wissen wir. Falsche Ernährung, erhöhtes Gewicht.
Alles in allem habe ich mich dagegen entschieden, mir diese Tortur anzutun. Auch, weil gerade Crunchtime ist: Jahresende, und ich habe einfach Bock abzuliefern. Also habe ich die Tage zur Entspannung genutzt – oder zum Reflektieren, wie man es immer nennen mag.Wie zur Bestätigung habe ich am Donnerstag noch eine kleine Radtour gemacht und bin nach kurzem Antritt vor meinem Lieblingskaffee abgestiegen: Kreislauf. Kurz geschwankt, kurz gesetzt. Jeder andere hätte wohl eine Panikattacke bekommen. Für mich war es nur eine Bestätigung dessen, was ich ohnehin schon wusste: Ich muss etwas ändern. Nicht nur etwas, ich muss wieder einiges ändern und in die richtige Bahn lenken.
Management der eigenen Ressourcen. Dass mich die Luftfeuchtigkeit noch so derbe trifft? Man sitzt zumeist in klimatisierten Räumen. Bei uns im Büro ist es aufgrund einiger Besonderheiten besonders kalt. Zu Hause habe ich das Ding meist auch an. Und zwischendrin bewegt man sich bei einer relativen Luftfeuchtigkeit von mindestens 60 % und Temperaturen von 30 Grad. Nichts, was mich eigentlich schocken sollte, tut es aber doch. Werde ich halt alt. Also habe ich mir das Ganze aus wissenschaftlicher Perspektive angesehen und festgestellt: Ich mache viele Dinge wieder falsch. Vor allem meinen Wasserhaushalt, meine Ernährung und ja, mein Stressmanagement. Warum? Ich kam aus einem stabilen System und bin in eine neue Umwelt eingewandert. Diese Veränderung hat mich in alte Muster zurückfallen lassen. Zeit, wieder in die Routine zu kommen. Ernährungsplan und Trainingsplan habe ich über die Tage erstellt. Zurück zu erhöhtem Protein, zurück zu Haferflocken, zurück zu Beeren, zurück zu mehr Schlaf. Und was hier in Brisbane wichtig ist: nicht nur Wasser trinken, sondern den Salzgehalt anpassen, Elektrolyte erhöhen, vor allem bei Outdoor-Sport. Frühstück vor dem Sport (nicht nüchtern trainieren, hier besser). Trinken. Weniger Kaffee, viel weniger Kaffee. Viel mehr Wasser mit Elektrolyten.
Das wird am Anfang schwierig, da es keine Rückkehr zu alten Komponenten ist. Nein, es ist eine Adaption an die Begebenheiten. Wir werden sehen. Solange ich nicht wieder zum Rauchen und Alkoholtrinken zurückkehre, ist es noch nicht ganz zu spät. Und wie es so ist: Da ja gerade das neue Jahr vor der Tür steht, beginnen wir natürlich am 1. Januar damit. The road to hell is full of good intentions.
Nein, es stört mich ernsthaft, wie man in einem Jahr so abbauen kann. In sechs Monaten werde ich 50 Jahre alt. Also gut machbar, die überflüssigen 20 kg wieder loszuwerden. Ist ja auch nicht das erste Mal. Einfach diszipliniert auf dem Weg bleiben und sich nicht aus der Bahn bringen lassen. Sollte funktionieren, verdammt (wiederholt er mantraartig). Das war also der erste Teil der Selbstreflexion. Den habe ich in der Hand, das ist managebar. Was nicht in meiner Hand liegt – oder doch? Es macht sich langsam wieder eine gewisse Routine breit. Ich will nicht von Langeweile reden, aber mh … noch nicht. Ich arbeite nun seit zig Jahren im selben Feld, und es fängt an, eintönig zu werden. Ich meine, das wissenschaftliche Niveau hier in Australien ist, wie soll ich das sagen, nun ja, nicht meinen Standards entsprechend. Nicht einmal Australier stellen Australier ein, so schlecht ist das Studium hier. Es gibt Geld wie Heu, die besten Geräte liegen herum, das ist alles vorhanden. Aber die Ausbildung ist auf einem wirklich miserablen Level. Vielleicht sind meine Standards auch zu hoch? Schließlich habe ich in verschiedenen Feldern auf internationalem Topniveau gearbeitet und nicht nur mitgemacht, sondern gestaltet.
Gut, der Kontinentwechsel, das Down-under-Work-Environment, die Sprachbarriere – das alles war und ist eine Herausforderung. Mittlerweile wird das aber auch lame. Wenn du mich fragst, wie Australier sind, sage ich dir: wie die letzten Hinterwäldler. Klugscheißerisch, besserwisserisch, und sie kennen und können alles. Kannst du machen, wenn du auf einem Kontinent lebst mit 20 Millionen Einwohnern und noch nie über deine Grenze geschaut hast. In deinem Rahmen kennst du alles. Im Vergleich? Sie fahren japanische Autos auf der falschen Seite. Ich muss mich noch daran gewöhnen: Tone sticht Argument. Du kannst den allergrößten Müll erzählen – wenn du dabei schön lächelst, ist das total in Ordnung. Too easy. Adaption, das kann ich. Und ich? Immer noch alleine. Immer noch keine Freunde gefunden, immer noch keine Frau. Man schlug mir vor, ich solle doch eine Familie hier gründen, Kinder bekommen, mich binden. Jo, kann man machen. Hätte ich aber auch schon vor 34 Jahren tun können. Gelegenheit gab es manchmal. Habe ich nicht. Ich habe es vorgezogen, den langen, steinigen Weg zu nehmen. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der es hieß: Wenn du nicht rechtschreiben kannst, bist du dumm – nicht einseitig unbegabt. Kannst du das nicht, musst du in die Sonderschule. Beim Aufnahmetest (psychologische Prüfung) wurde Hochbegabung festgestellt, und bis heute denke ich, ich müsse mich dafür entschuldigen. Der Rest ist nahezu bekannt. Danke an mein Elternhaus, dass ich früh gelernt habe, dass du dich nur auf dich selbst verlassen kannst. Personelle Autarkie bis zum Äußersten. Leider analysiere ich oft zu lange, anstatt frühzeitig ins Handeln zu gehen. Das hat mich auf einen harten Weg geführt. Ich habe viele diesen Weg gehen sehen. Viele sind gescheitert, haben sich bequeme Ausfahrten genommen. Ich habe viele scheitern sehen, die besser gestartet sind als ich.
Und ich? Immer noch nicht stolz auf das Geleistete. Ich sehe immer noch, was ich nicht erreicht habe, statt zu sehen, was geschafft wurde. Keine Familie zu haben, hat mich ans Ende der Welt geführt. Vice President Radiopharmaceutical Development, Monatsgehalt, von dem ich früher ein ganzes Jahr gelebt habe. Jahresgehalt so hoch, dass meine Exfrau mittlerweile an sich zweifelt, weil sie und ihr neuer Macker zusammen nicht so viel verdienen.
Ich arbeite in der angewandten Krebsforschung, leite ein hochspezialisiertes fünfköpfiges Team. Wir ändern den Kurs der Krebstherapie. Wir heilen Menschen. Wir tun Gutes. Und ich? Immer noch nicht zufrieden. Ich bekomme langsam Beklemmungen, dass es mir wieder zu langweilig wird. Das ist doch nicht normal, oder? Und wieder denke ich zurück an mich als Kind: in der mongolischen Steppe reiten, entlang der Chinesischen Mauer wandern, Australien umrunden, durch Indien reisen, die sieben Weltwunder sehen. Und frage mich: Was hält mich eigentlich davon ab? Liegt doch alles auf dem Heimweg. Familie und Kinder hast du nicht. Geld? Was brauche ich schon als Nomade? Ist es dieses deutsche Denken, dass man für die Rente sparen muss? Haus, Auto, zwei Kinder? Kinder … da muss ich lachen. 18 Jahre Fußfesseln, aber sie geben dir ja so viel zurück. Na ja. Den ICE habe ich lange abfahren lassen. Und so sitze ich hier und bedenke die Exitstrategien. USA arbeiten? Schön. Ruhestand in Ligurien mit einem kleinen AirBnB? Bestimmt nett. Aber davon sehe ich die Welt auch nicht. Dann blicke ich wieder auf mein Fahrrad und bedaure schon wieder, damals nicht die Fähre nach Afrika genommen zu haben, als meine Exfrau mir ihre neuen Lebenspläne offenbarte. Feigling. Immer diese Sicherheitsgedanken.
Und heute? Mein Zeug aus Deutschland ist immer noch nicht angekommen, steht wohl noch im Hafen. Ich bin ein Jahr ohne ausgekommen. Ging ganz gut. Brauche ich wohl nicht. Mein Einjahresmietvertrag läuft bald aus. Oh, ich bin schon beinahe ein Jahr hier. Und es ist Sommer. Ernsthaft: Bei 35 Grad kommen bei mir keine Weihnachtsgedanken auf. Überall stehen Plastiktannenbäume mit Lichterketten, und ich denke: Die haben doch den Schuss nicht gehört. Das ist doch nicht Weihnachten, Freunde. Aber gut, das Fest feiert man mittlerweile überall auf der Welt. Hat schon lange nichts mehr mit Jesus zu tun, sondern mit einer rot-weißen, Flüssigzucker verkaufenden Kunstfigur. Wo war ich? Ach ja. Mietvertrag läuft aus. Plan ist, aus der viel zu großen Zwei-Zimmer-Wohnung in ein kleines Haus weiter draußen zu ziehen. Ich habe nicht mehr so viele Möbel, dass sich etwas Großes lohnen würde. Will ich auch nicht mehr. Ich will flexibel bleiben. Klein, billig reicht. Ein paar billige Gewichte in die Garage als Homestudio. Wieder Kunst machen. Das fehlt mir gerade, um glücklich zu sein? Und dann doch – wie vorgeschlagen – Freunde und Familie? Tatsächlich bin ich so gestrickt, dass ich niemanden mehr brauche, um mich zu validieren. Ich gefalle mir so, wie ich bin. Deswegen brauche ich wohl auch niemanden mehr. Kein Ausschlusskriterium, aber es muss etwas sein, bei dem ich mich nicht mehr verbiegen muss. Keinen Millimeter mehr. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen oder gefallen. Ich bin mir gut genug. Mein Lebensmodell ist ein anderes. Dafür brauche ich niemanden. Es darf nie so gefestigt werden, dass ich nicht in fünf Minuten alles verkaufen kann, mich aufs Rad schwinge oder den Kontinent wechsle. Und tatsächlich: Es fehlt nicht mehr viel. Ich schwinge mich bald auf und schaue mir die Welt an.
Wieder bin ich nur einen einzigen Satz davon entfernt, loszulassen. Und wieder frage ich mich, was mich abhält. Es ist noch nicht die richtige Zeit. Noch nicht. But life can change in an instant. Ich bin bereit dafür. Nun warte ich noch auf die passende Gelegenheit – oder darauf, den Mut aufzubringen, alles hinter mir zu lassen und mich neu auszurichten. Oder will ich einfach wieder davonlaufen und es als Sieg verkaufen?
In diesem Sinne.




Kommentare